100.000 Wörter und ein episches Finale in Sichtweite

Gestern Nacht habe ich in meinem Roman das Hunderttausendste Wort geschrieben! Ein guter Grund für mich, kurz inne zu halten und stolz zu sein auf die reiche Welt und Figuren, die ich seit dem 1. November 2017 erschaffen habe. Klar ist mir auch, dass eine Zahl nichts über Qualität aussagt, aber den miesepetrigen Zweifler schicke ich mal vor die Tür.

Von meiner Krise in der ersten Januarwoche habe ich mich erholt. Darüber zu schreiben hat mir sehr geholfen, ebenso wie die einfühlsamen Rückmeldungen von vielen von euch.

Seit dem 9. Januar schreibe ich nun weiter – aber ohne Fristendruck und mit mehr innerer Ruhe und Gelassenheit. Zwischendurch erledige ich anstehende Schreibaufgabe für mein Studium (das beruhigt mein Pflichtgefühl und macht im Übrigen auch Spaß) und mache auch mal Ruhetage. Ein Kapitel, das ich im November an einem Tag geschrieben hätte, dauert heutzutage eben drei Tage.

Das unbeschwerte voran Preschen aus dem November kann ich nicht wieder zurück holen. Aber auch das ist eine wichtige Erkenntnis für mich: Die Anfangsphase eines Romans ist eben ganz anders, als die Schlussphase. Ich schreibe langsamer und denke mehr über die Handlungs- und Figurenentwickung nach, weil ich das schon Entstandene schlüssig zusammen fügen möchte. Jetzt bewerte ich meine Bedächtigkeit nicht mehr als Manko, sondern akzeptiere sie als neue Phase. Damit fühle ich mich jetzt entspannter.

In der letzten Woche bin ich in das dramatische Finale des Jungen mit der Gitarre auf seiner Bauminsel in der Welt des Immerwährenden Klanges eingestiegen. Dort führen Regelzwang und Uniformität zur Rebellion des Individuums. Die Antagonistin des Jungen ist Altmeisterin Legis, deren Prinzipientreue gnadenlos ist. Die Eskalation findet zunächst in Wortgefechten statt und mündet dann in eine actionreiche Flucht des Jungen auf einem Schneevogel von seiner Insel (das werde ich in den nächsten Tagen schreiben).

Zwischen all dieser Dramatik brauchte ich (und die späteren Leser*innen sind vielleicht auch dankbar dafür) eine kleine Erholungspause und einen Kontrast. So bin ich vorgestern und gestern in die Menschenwelt zu Philipp (er ist gerade 18 geworden) zurück gekehrt. Sein Alltag ist zwar weniger spektakulär, dennoch muss er lebensentscheidende Weichen passieren. Vielleicht habe ich es mit den Referenzen zur Populärkultur und dem Zeitgeschehen von 1997 ein bisschen übertrieben. Aber zensieren will ich doch erst später.

Ich muss ganz schön schmunzeln, wie sich mein fieser Feuerteufel (der Philipp als Grundschüler noch war) über die Zeit gewandelt hat. Er ist mir beim Schreiben ans Herz gewachsen und hat seine Backform des Bösewichts gesprengt. Aber aus Saulus ist kein Paulus geworden. Ich hoffe, er bleibt ambivalent.

Die Ziellinie für den Jungen mit der Gitarre ist also für mich schon sichtbar. Allerdings ist meine Geschichte dann noch nicht vollständig erzählt, denn Elise verdient noch ihr eigenes Finale. Hier habe ich nach Silvester ein Handlungsloch (mit 3 Platzhalter-Kapiteln) zurück gelassen. Diese Fäden werde ich in meinem Schreib-Finish wieder aufgreifen. Elise muss eine unmoralische Abiturprüfung bestehen. Als Gegenspielerin werde ich die neidische Mitschülerin aus der Grundschule – Rita – (die ich eigentlich schon abgeschrieben hatte) wieder aus ihrem Wort-Vakuum erwecken und in den Zickenkrieg schicken.

Jetzt aber zur Leseprobe. Ich hoffe, ihr habt Spaß beim Lesen.

Kapitel 52: Philipp – Man in Black ohne Sonnenbrille

Philipp beugte sich über den dreibeinigen Küchentisch in der Ecke unter der Dachluke und schaufelte knisternde Cornflakes in seinen Mund. Scheiße, wie er das frühe Aufstehen hasste. Er hatte schon wieder verpennt. Torsten hatte ihm extra einen Spezialwecker mit Schlummer-Taste gegeben, die leider gleich neben der Aus-Taste lag – da konnte man schon mal daneben patschen. Das Ding war fast so nervig, wie früher sein quakender Donald-Duck-Wecker. Aber jetzt, wo seine Mutter nicht mehr in sein Zimmer trampelte und den Rollladen hoch riss, war es vorbei mit der Pünktlichkeit. Torsten musste meistens noch früher aus der Kiste, als er. Jetzt war er bestimmt schon auf Arbeit.

Philipp schob sich den letzten Löffel in den Mund und Milch rann sein stoppeliges Kinn hinunter. Er wischte es mit dem Küchenhandtuch ab und ließ seine Schüssel klappernd in die Metallspüle fallen, wo noch die Bratpfanne von gestern und in einer öligen Wasserlache stand. Los ins Bad zum Rasieren. Dort hing eine Wolke von Aftershave in der Luft. Torsten übertrieb es echt mit dem Zeug. Aber als Erfolgsverkäufer im Mediamarkt musste er auf ein gepflegtes Äußeres achten. Philipp stieß mit seiner Linken das winzige Liegendfenster auf und griff mit der Rechten nach seinem elektrischen Rasierer. Peng. Das Ding knallte ins Waschbecken. Da waren schon drei Risse drinnen. Die stammten aber nicht alle von Philipp.

Gut, dass Torsten als Azubi im Mediamarkt direkt an der Quelle zu jedem Elektronikgerät saß, was man sich nur wünschen konnte. Wenn der Rasierer wieder im Eimer war, besorgte Torsten ihm einen Neuen. Auf dem Boden im Wohnzimmer standen wie in einer Militärparade ganz viele Videorekorder. Torsten testete sie alle und machte sich Notizen dabei, als würde sein Leben davon abhängen. War vielleicht auch so. Keiner verkaufte so gut wie Torsten, weil er den Kunden jedes Gerät so gut erklären konnte. „Kompetenz und Charme – das sind die zwei Standbeine für einen Mega-Media-Markt-Verkäufer“, war der Wahlspruch vom Ausbilder von Torsten. Kompetenz hatte Torsten auf jeden Fall. Für den Charme war das Parfüm verantwortlich.

Zum Glück summte der Rasierer nach ein paar Mal Mucken los. Ein glatt rasiertes Gesicht war in Philipps Job ein Muss. Mit der Mittleren Reife hatte es nicht geklappt. Scheiß der Hund drauf! Am 2. September war er endlich 18 geworden und die Welt stand ihm offen. Volljährig sein heißt auch bessere Kohle, nicht mehr die Praktikanten-Verarsche. Den Nebenjob in der Mucki-Bude würde er aber nicht aufgeben. Da zeigte er zwei Mal die Woche den Neulingen die Geräte, dafür durfte er umsonst da trainieren. Aber sein echter Job war jetzt in der Shopping-Mall von Erlangen: Als Sicherheitsmann. Seit vier Wochen arbeitete er schon da. Sieben Mal war er bisher zu spät gekommen und hatte jedes Mal einen heftigen Anschiss vom Chef bekommen.

Er war Meister im Blitzzähneputzen. Noch ein prüfender Blick in den Spiegel: Mit seinen dunkelblonden, kurzgeschorenen Haaren sah er nach no-bullshit aus. Er hatte ganz dichte Haare und würde bestimmt nicht so schnell eine Glatze bekommen. Sein Haaransatz lief als runder Bogen über seine Stirn. Sein ganzes Gesicht war rund, seine blauen Augen auch. Seine Nase war ein bisschen fleischig, so wie seine Lippen – aber die Weiber standen drauf. Selbst seine Ohren waren klein und völlig rund. Nur mit seinem Bauch musste er aufpassen, der sollte nicht auch noch rund werden. Bei seinen 1,70 Metern musste er mit breitem Nacken und Muskelarmen für Respekt sorgen. Er hätte gerne ein bisschen furchteinflößender ausgesehen. Andererseits hatte sein rundes Engelsgesicht (O-Ton Mama) ihm schon manches Mal aus der Patsche geholfen.

Jetzt schnell die schwarze Hose (mit Bügelfalte!) und das weiße Hemd (von gestern mit Knitterfalten an den Armen) anziehen und den schwarzen Schlips anlegen – der hatte hinten im Halsband einen Klettverschluss. Saupraktisch. Im Flur streifte er seine schwarze Bomberjacke über, klemmte sich eine große Colaflasche unter den Arm und knallte die Wohnungstür hinter sich ins Schloss.

Philipp rannte die fünf Stockwerke auf schwarz gelackten Schuhen runter, seine Sohlen schmatzten auf dem klebrigen PVC-Belag. Die polnische Putzfrau wischte mit einem einzigen löchrigen Lappen das ganze Treppenhaus. Es stank mal wieder nach Zwiebeln und Fahrradreifen.  (…)

Er drängelte sich auf dem Bürgersteig an den Leuten vor dem Bushäuschen vorbei und rempelte versehentlich einen Kerl an, der es ihm mit einen Stoß von hinten auf die Schulter heimzahlte. Er dreht sich nicht um. Keine Zeit für so was. Philipp sah auf seine Armbanduhr. Schon 8:13 Uhr. Seine Schicht hatte um 8 Uhr angefangen. Als er durch die Drehtür ins Einkaufszentrum kam, blies ihm das stickige Gebläse entgegen und ihm brach der Schweiß am Rücken aus. Links die Treppe runter, ins Untergeschoss, dann noch eine Treppe tiefer in den Keller. Mit seiner Chipkarte, die an einer Rollschnur an seinem Hosenbund hing, öffnete er die Personaltür.

Im Kämmerlein mit den Spinden wechselte Philipp schnell von seiner Bomberjacke in die schwarze Anzugjacke, die zu seiner Hose passte. Das Namensschild auf seiner linken Brust lautete:

„Hr. Krieger – Sicherheit“. Mit feuchten Händen drehte er die Colaflasche auf und nahm einen großen Schluck. Die Uhr über der Tür zeigte 8:31 Uhr.

„Hey, Krieger, beweg deinen Hintern in mein Büro“, hallte die Stimme vom Chef über den Flur. Philipp war mit acht quietschenden Schritten dort.

„Tut mir echt leid, Herr Habermann“, sagte er hastig „ich hatte einen Notfall in der Familie…“

„Bullshit“, schnitt ihm der Glatzkopf das Wort ab. Der Chef saß wie immer in seinem schwarzen Drehsessel, die Ärmel vom weißen Oberhemds hochgekrempelt. Seine fleischigen Hände griffen fest um die Armstützen wie ein Steuermann, der das Ruder gegen die tosenden Wellen auf Kurs hält. Auf seinen feisten, haarlosen Unterarmen klebten zwei Nikotin-Aufkleber. Er hatte schon vor zwei Jahren mit dem Rauchen aufgehört, aber dem Nikotin war er treu geblieben. Seine glänzende Kopfplatte ging in eine flache Stirn über, die rotblonden Augenbrauen und Wimpern über den winzigen wasserblauen Äuglein waren durchsichtig. Eine lange Nase bog sich bis zu einer riesigen Reihen von spitzen Oberzähnen, über die er seinen schmalen Lippen niemals schloss. Er hatte einen gewaltigen Überbiss. Sein Unterkiefer und das Kinn gingen eine Stufe tiefer in seinen dicken Hals über. Im Profil sah er aus wie ein Haifisch. Jetzt wendete der Hai-Mann seinen Kopf und Philipp konnte die roten Wutflecken aus dessen Wangen sehen. Dieses Kellerzimmer mit zwei Lichtschächten und einer großen Wand voll mit winzigen Schwarz-Weiß-Monitoren war sein Ozean.

„Ein Zwergfisch wird zum Hai, wenn das Becken nur klein genug ist“, hatte Torsten seine weise Oma zitiert.

In dieser Machtzentrale flimmerten Tag und Nacht die Bilder von den Überwachungskameras von den drei Ebenen der Shopping-Mall und den fünf Ebenen vom Parkhaus. Big Brother! Zuerst war Philipp mega beeindruckt gewesen. Aber schon am ersten Tag hatte Philipp gemerkt, dass stundenlanges Rumhocken in der Dunkelkammer auf dem Plastikstuhl, der machte, dass seine Polyesterhose ihm an den Beinen klebte, nichts für ihn war. Viel lieber ging er auf Patrouille. Weil der Hai-Mann sich nicht gerne bewegte, schickte er die neuen Jungs auf den Rundgang.

„Die Zeit hängst du heute hinten dran. Und wenn du nochmal zu spät kommst, kannst du deine Sachen packen. Bist in der Probezeit“, schnarrte der Möchtegerndiktator.

„Franzen und Poloczek sind schon los. Du übernimmst ASAP das Untergeschoss.“

Philipp nickte, steckte sich das Funkgerät an die linke Hüfte in die Gürtelhalterung und machte, dass er wegkam.

Das Untergeschoss war nicht seine Lieblingsebene. Aber er würde im Laufe des Tages schon noch auf die höheren Etagen kommen. Philipp schlenderte jetzt die rechte Ladenzeile entlang. Im Kopierladen war keiner drinnen. Das flackernde Oberlicht hatte immer noch niemand repariert. Dann kam das Reisebüro. Die Bilder von Kreuzfahrtschiffen, Stränden und Berglandschaften machten ihn irgendwie immer kribbelig. Dann kam der Kiosk mit dem gelben Lottoschild vor der Tür. Jackpot: 6,3 Millionen DM. Damit könnte er sich eine eigene Insel in der Karibik kaufen. Aber er spielte kein Lotto. Daneben der Aufsteller mit der aktuellen Bildzeitung. Endlich mal was anderes in den Schlagzeilen, als Lady Di. Wie auf’s Stichwort tönte aus den Lautsprechern mit der Dauermusik der wochenlange Charthit: „Candle in the wind“ von Elton John.

Den ganzen Sommer über hatte seine Mutter von Lady Di und ihren Badeanzügen geredet und in den Klatschblättern alle Fotos der Prinzessin mit ihrem neuen Lover angeschaut. Als Lady Di dann in den Brückenpfeiler in Paris gecrashed war, heulte sie tagelang und guckte rund um die Uhr alle Sendungen über das tragische Leben und Sterben dieser fremden Frau. Als Philipp nach seinem Unfall im Krankenhaus lag, hatte sie keine Tränen vergossen. Zur Beerdigung der „Prinzessin der Herzen“ zog seine Mutter sich schwarz an und saß schniefend vor dem Fernseher. Total übertrieben. Und jetzt auch noch dieses Schnulzenlied von Elton John, das von allen Radiosendern seit Wochen hoch und runter gespielt wurde.

Philipp kam nun am „Pfennigland“ vorbei. Aus der offenen Ladentür zogen ihm die Gerüche von Plastikschwimmflossen und den heftigen Gewürzen aus dem „1001 Nacht“-Regal in die Nase.

Jetzt kam ein neuer Beat aus den Boxen. Philipps Stimmung hob sich sofort. Es was der Titelsong von „Men in Black“. Der Film war so cool! Im Sommer hatte er ihn 15 Mal im Cineplex angeguckt. Das ging auch, weil ein Kumpel von Torsten dort Kartenabreißer war und sie über den Hintereingang rein ließ. Er konnte alle coolen Sprüche aus dem Film auswendig.

Und was noch besser war: In seinem schwarzen Anzug, mit dem weißen Hemd und dem schwarzen Jackett war er jetzt selbst ein Man in Black. Viel abgefahrener, als die stiernackigen Türsteher von der Disco, die nur schwarze Bomberjacken mit weißer „Security“-Schrift am Rücken hatten. Philipp war ein echter Sicherheitsmann! Er holte seine schwarze Sonnenbrille aus der Jacketttasche und setzte sie sich ins Haar. Über den Augen durfte er sie nicht tragen. Wegen schlechter Sicht und Image und so. Da hatte er am zweiten Tag einen üblen Anschiss vom Hai-Habermann bekommen, der ihn auf einem der winzigen schwarz-weiß Monitore in der Zentrale so entdeckt hatte. Seine Hand glitt über das Funkgerät an seinem Gürtel. Wäre das doch bloß ein Blitzgerät wie in „MIB“. Das würde er dem Hai-Mann jedes Mal vor die Augen halten, wenn er zu spät kam. Dann würde die Erinnerung daran aus dem Gedächtnis des Chefs gelöscht werden. Philipp freute sich schon auf den Tag, an dem er seinen ersten Ladendieb schnappte.

„Zeig mir die Ware oder du verlierst noch einen Kopf!“, würde er dann wie ein richtiger „Man in Black“ sagen.

Philipp bog mit beschwingtem Gang in die Kurve vor dem Supermarkt-Eingang ein. An einem der Stehtische vor der Bäckerei standen Franzen und Poloczek mit hohen Kaffeebechern aus Pappe und schoben sich zuckerstaubende Krapfen zwischen ihre Kauleisten. Von wegen auf dem Rundgang! Sie winkten ihm zu und er ging hin.

„Alles fit im Schritt?“, begrüßte ihn Poloczek.

„Ja, und selbst?“, sagte Philipp.

„Der Habermann ist vorhin zum HB-Männchen mutiert, weil du wieder zu spät warst“, sagte Franzen mit Zuckerbart und schlürfte an seinem Kaffee. Das Funkgerät an Philipps Gürtel knackte und der Hai-Mann röhrte:

„Krieger, Franzen, Poloczek – ich sehe euch alle beim Kaffeeklatsch. Rundgang ASAP!“

„Keine Macht den Drögen“, sagte Poloczek und machte das Sächsisch vom Chef nach.

„Erscheinen Sie, sonst weinen Sie!“, sagte Philipp. Das Zitat aus „MIB“ war gut für jede Lebenslage.

„Das ist der letzte Anzug, den Sie jemals tragen werden“, konterte Franzen, der „MIB“ auch ein Dutzend Mal gesehen hatten. Sie grinsten sich verschwörerisch an.

Philipp setzte seinen Rundgang fort und patrouillierte mit breitbeinigem Schritt die linke Ladenzeile entlang Richtung Hauptportal. Bis auf zwei Rentnerinnen kreuzte niemand seinen Weg. Er kam am „Fressnapf“ vorbei. Diese Woche waren 5-Kilo-Säcke Katzenstreu und gelbe Kanarienvögel (ohne Käfig) im Sonderangebot. Der Mann vom Schlüsseldienst klebte einen neuen Absatz auf einen alten Schuh, im Reformhaus summte eine Getreidemühle.

Nach der Mittagspause durfte Philipp endlich auf Ebene 1 seinen Rundgang machen. Da war die Parfümerie. Schon auf 10 Schritte Entfernung zogen ihm die süßen Düfte in die Nase. Dann kam sie in sein Sichtfeld: Ramona. Sie stand hinter der Theke, ihre langen schwarzen Haare fielen in Wellen wie in der Werbung um ihr Gesicht und ihre Schultern. Ihr dunkelroter Mund stand immer ein wenig offen. Philipp schob die schwarze Sonnenbrille auf seinem Kopf zurecht und marschierte mit MIB-Lässigkeit in die Parfümerie.

„Alles in Ordnung bei euch Ladys“, fragte er. Die zweite Verkäuferin nickte nur beiläufig in seine Richtung, aber Ramona wandte sich ihm zu und trommelte mit ihren knallrot lackierten Fingernägeln auf die Glastheke und die vielen Silberreifen um ihr Handgelenk klimperten dabei.

„Heute sind wir noch nicht überfallen worden“, sagte Ramona mit rauchiger Stimme und zwinkerte ihm mit ihren langen schwarzen Wimpern zu. Silva hätte bestimmt auf ihre typische Art gesagt: „Das sind falsche Wimpern und die hat auch zu viel braunes Make-up im Gesicht.“ Aber bei so einem südländischen Typ mit vielen Kurven passte das alles bombig zusammen. Philipp vergaß seine Coolness und lächelte mit allen seinen Zähnen zurück.

„Wie war das Wochenende?“, wagte er sich vor.

„Ich war feiern. In München auf dem Oktoberfest“, sagte Ramona.

„Wow!“, sagte Philipp.

„Meine kleine Schwester will da nächstes Wochenende auch hin.“ Das war das erste, was ihm einfiel. Jetzt dachte sie bestimmt, er wäre ein braver Stubenhocker. Dabei ging er doch auch oft feiern. Und wie!

„Fährst du mit, um sie zu beschützen?“, fragte Ramona, zog ihre schwarzen Augenbrauenbögen in die Höhe und schob neckisch ihre runde Hüfte vor. Okay, die Großer-Bruder-Masche kam bei den Weibern wohl doch gut an.

„Klar“, behauptete er.

„Hat sie schon ein Dirndl“, fragte Ramona.

„Heute will sie hier eins kaufen“, sagte Philipp.

„Bestimmt im „H&M“. Da habe ich meins auch her“, sagte Ramona.  In einem Dirndl sah sie bestimmt mega geil aus.

„Äh, ja“. Philipp merkte, wie ihm der Schweiß auf der Oberlippe ausbrach.

„Ich muss dann wieder“, sagte er mit all der Wichtigkeit seiner Stellung, tippte mit seinem rechten Zeigefinger grüßend an seine Schläfe, so wie es coole Cops in den Filmen machten, und ging breitbeinig raus. Seine Knie fühlten sich wie Wackelpudding an. Das nächste Mal müsste er es irgendwie schaffen, sich mit ihr zu verabreden. (…)

Der Nachmittag nahm kein Ende. Jetzt war er wieder im Untergeschoss eingesetzt. Vorbei am Karibikplakat, 1001-Gewürzen, Krapfen, Kanarienvögeln, Schuhsohlen, Haferschleim in braunen Gasflaschen. Sein Funkgerät knackte und rauschte, dann schepperte die Stimme vom Hai-Mann daraus:

„Krieger, da liegt wieder der Penner mit den vielen Tüten im Treppenhaus zum Parkdeck 1. Schmeiß den Kerl raus. ASAP!“

Philipp ging zum Treppenhaus und stieg die Stufen runter. Er hatte keine Lust, sich mit dem Penner abzugeben. Noch bevor er um die Ecke kam, drang ihm der Geruch von ungewaschenem Kerl und Bierfürzen in die Nase. Auf dem Treppenabsatz saß der Penner mit ausgestreckten Beinen strumpfsockig – der Dicke Zeh guckte schwarz aus einem Loch hervor – auf einem Pappkarton an die Wand gelehnt. Seine abgewetzten Plastiktüten hatte er um sich herum stehen wie die Befestigung eines Forts. Er blätterte in einem abgegriffenen Buch, vorne drauf war Donald Duck, wie er in einen Berg von Goldstücken sprang. Die Deckenkamera war genau auf das Lager gerichtet.

„Hey, Alter“, sagte Philipp.

„Der Chef sagt, du musst hier weg.“

Der Penner guckte kurz zu ihm hoch, brabbelte dann was in seinen zotteligen Bart und las weiter. Philipp sah kleine Insekten im Bart von dem Mann herum krabbeln und ihm wurde schlecht. Dann fiel sein Blick auf das Sweatshirt vom Penner: Auf verblasstem Schwarz prangte in rissigem Rot „KIT“ – das Traumauto seiner Kindheit. Philipp merkte, wie sich seine Mundwinkel in ein Lächeln hoben. Philipp zögerte. Sein Blick wanderte zwischen der Kamera und dem gescheiterten Knight Rider hin und her. Dann ging er eine Etage tiefer, durch die „Personal“-Tür in den Versorgungsgang und holte eine Trittleiter aus dem Wandschrank vom Hausmeister.

Zurück beim Penner stellte Philipp das Hilfsmittel im toten Winkel unter die Kamera, stieg auf und dreht die Kamera in eine andere Richtung. Der Alte klatschte in die Hände.

Philipp fühlte sich gut. Der Hai musste ja nicht alles sehen. Und Mitarbeiter des Monats wollte Philipp eh nicht werden.

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6 Antworten auf „100.000 Wörter und ein episches Finale in Sichtweite“

  1. Glückwunsch zu den 100.000 Wörtern! 🙂 Das ist echt eine tolle Leistung.
    Die Leseprobe fand ich auch mal wieder sehr gelungen und witzig 🙂 mir waren es auch nicht zu viele Referenzen.

    Viel Vergnügen weiterhin beim Finish! Schön, dass es dir wieder Spaß macht!

  2. Liebe Ulrike,
    wow, Hunderttausendwörter (und von solcher Qualität!) sind echt eine tolle Leistung, bravissimo! Sei stolz auf dich! Die Ziellinie ist nun in Sicht, du musst dich aber nicht hetzen.
    Mindestens genau so erfreulich ist, dass du deine Schreibkrise überwunden hast und nun das Vergnügen am kreativen Phantasieren wiedergefunden hast – schön, dass du nun ohne Deadline mit innerer Ruhe deine Figuren ausgestaltest und alle Fäden zusammenführst. Es ist eine wichtige Erkenntnis, dass es im Schreibprozess verschiedene Phasen gibt: Toll, dass dein Einstieg im November so flüssig und leichtfüßig lief. Das Finale ist halt ein anderer Texttyp und braucht mehr Zeit.

    Der Textauszug gefällt mir sehr gut! Ich finde nicht, dass es zu viele Referenzen sind – das 90er Jahre Feeling kommt prall rüber. Philipp hat sich echt interessant entwickelt, als Leserin mag ich ihn immer mehr, er ist komplex und mit all seinen Schwächen liebenswert. (Als Kontrast zum Jungen mit der Gitarre ist er auch sehr wichtig!) Sein Arbeitsalltag als Security Man in der Mall kommt schillernd rüber, da war ich sofort mitten drinnen! Seine Wahrnehmung und Gedankenwelt machst du auch sprachlich gut deutlich.

    Nun drücke ich dir die Daumen für ein genussvolles Vollenden dieser wunderbaren Geschichte! Bin schon sehr gespannt darauf, das furiose Finale zu lesen!
    LG Dorit

    1. Vielen Dank liebe Dorit! 🙂 Es freut mich, dass du Philipp magst. Mir macht es beim Schreiben großen Spaß, die sympathischen Schwächen einer Figur auszuloten. Fast schon ist mir der Junge mit der Gitarre zu perfekt. Aber ihn stürze ich schon noch in Irrungen und Wirrungen.

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