Sieben Streiche Leben – mein Text auf der Lesebühne “SoNochNie”

Es ist soweit: Mein lang erwarteter Auftritt als “Themenbeauftragte” auf der Pankower Lesebühne “SoNochNie” steht bevor. Das Thema meines Texts wurde mir im März beim 10-jährigen Jubiläum zugelost und lautet: “Sieben Streiche Leben”.

Am Montagmorgen überfällt mich ein Anflug von Panik, denn ich habe am Sonntagabend gerade mal die erste Seite geschafft. Aber Zeitdruck scheint meine Kreativität durchaus zu fördern, denn ich komme beim Schreiben gut in Schwung und um 13 Uhr steht mein Text.

Angelehnt an die Streiche von Max und Moritz nenne ich meine Hauptfigur Moritz. Die Sieben ist eine typische Märchenzahl, also nimmt meine Geschichte auch die Züge eines urbanen Märchens an. Für das Schlüsselereignis (eine Frau gibt einem Cafétischnachbarn ihre Sachen in Obhut und verschwindet) habe ich mich vom Text meines geschätzten Blog-Kollegen Urs inspirieren lassen und den Dialog aus seiner Zürcher Erzählung in meinen Text importiert. Vielen Dank dafür!

Am Abend bin ich also bereit, dem interessierten Publikum meinen Text vorzulesen. Ich bekomme einiges an positivem Feedback und ein paar Fragen. Zum Schluss überreicht mir Leovinus (Moderator und Stammautor der Lesebühne) eine Ehrenurkunde. So macht Vorlesen Spaß!

Danke an Michael Wäser für die beiden Fotos!

Jetzt wünsche ich euch viel Vergnügen beim Nachlesen meines Texts.

Sieben Streiche Leben

Tag 1: Müßiggang ist so alt wie die Zeitung von gestern

Moritz sitzt am dreibeinigen Tisch vor dem Café Degas und nimmt einen Schluck von seinem Cappuccino. Er wischt sich den Schaumbart von der Oberlippe und vertieft sich ins Feuilleton seiner Zeitung. Im Gorki Theater spielen sie “Übermut muss leiden” – ohne Text und textilfrei. Das Papier raschelt, als er umblättert. Ein Pappbecher taucht in seinem Gesichtsfeld auf, in dem Geldmünzen klirren. Er hebt den Blick. Der Pappbecher wird von einer blassen Hand gehalten, die an einem ebenso blassen Arm mit grünen Tätowierungen hängt. Drachen und Schlingpflanzen. Dazu gehört ein sehniger Körper in einem T-Shirt mit Löchern am Kragen. Rissige Lippen formen stumme Worte, eine Baseballmütze legt einen Schatten über die Augen. Im Pappbecher rasseln wieder die Münzen. Moritz kramt in seiner Jackentasche nach einem Euro und wirft ihn in den Becher. Der Bettler schlurft weiter und Moritz fühlt sich erleichtert. Ein Euro ist ein kleiner Preis für die sanfte Gewissensruhe. Er liest weiter. Die Abendsonne wirft einen rosa Lichtkegel auf die Buchstabenreihen der Zeitung und lässt den Geruch von Druckerschwärze in seine Nase steigen. Im Wirtschaftsteil liest er von K.I.’s, die in China gebaut werden und bald die Menschheit unterwerfen werden. Moritz bestellt einen Aperol Spritz beim Kellner mit Vollbart, der barfuß geht. Sein Smartphone vibriert und auf dem Display erscheint eine Terminerinnerung: “19:30 Uhr Workout Superfit”. Moritz seufzt und wischt die Einblendung weg. Er legt einige Münzen auf den Tisch, rollte die Zeitung zusammen und steht auf.

Auf der Karl-Marx-Straße bahnt er sich einen Weg zwischen Obstständen und Ramschkörben hindurch, die den Bürgersteig zum Hindernisparcours machen. An der Ampel muss er warten. Ein Bagger reißt Furchen in den Asphalt und das Motorenbrummen deckt seine Gedanken zu. Sein Blick schweift über den Metallmast der Ampelanlage. Jemand vermisst seine Katze Miau, schwarz-weißes Fell und auf einem Auge blind. Ein altes Ehepaar sucht eine Wohnung im Parterre im Tausch gegen ihre Loftwohnung. Dazwischen Aufkleber. Ein Berliner Bär liegt in einer Hängematte und darunter steht: “Der Faule lacht am besten”. Moritz lächelt.

Tag 2: Träume werden die Ersten sein

Moritz wacht auf und weiß sofort, dass heute ein mieser Tag sein wird. Es ist Sonntag und er könnte ausschlafen. Das alte Ehepaar in der Wohnung unter ihm streitet lautstark.

“Das geht dich gar nichts an.” – “Du klebst ja wie Pattex.” – “Das Geheule kannst du dir sparen.”

Moritz wälzt sich aus seinem Bett und tappt ins Bad. Er schneidet sich beim Rasieren in den Hals und verflucht den Zweigriffmischer in seiner Dusche, der ihm abwechselnd Kälte und Hitze über den Rücken jagt. Er gießt Sojamilch über sein Müsli und checkt seine whatsapp-Nachrichten. Gestern Nacht auf der Tanzfläche hat er vier neue Nummern gespeichert. “Good morning handsome” schreibt ihm eine. Er schickt einen Gruß zurück (Sonne und Kuss-Smily). Man wird sich trotzdem nicht wiedersehen.

Moritz packt die Wolldecke in seine Strandtasche und schwingt sich auf sein Fahrrad. Das rote Bianchi hat er von seinem Mailändischen Vormieter übernommen. Im Treptower Park legt er sich auf die Wiese und liest “Vom Ende der Einsamkeit” von Benedict Wells. Eine Ameisenkolonie krabbelt über seine nackten Waden. Er schlürft Rhabarberschorle und schaut den Booten auf der Spree hinterher.

Tag 3: Was einen nicht umbringt, wird endlich gut

Im Büro tippt er auf der Tastatur herum. Sein Schädel brummt und eine Aspirin-Brausetablette sprudelt müde im Wasserglas. Die Kollegin am Schreibtisch gegenüber lacht gellend. Der dritte Platz im Büro ist leer. Schon seit sechs Wochen. Jo haben sie rausgeschmissen. Die Firma muss sparen, so heißt es. Die Palme in der Zimmerecke lässt ihre Blätter hängen. Sie hat eine Depression. Höchste Zeit für einen Pflanzenflüsterer. Moritz träumt sich an die Côte Bleue, inmitten von Lavendelfeldern, orangen Häusern und blauem Meer aus der Palette von Renoir, Cézanne und van Gogh. Das Telefon klingelt und er hebt seine schweren Augenlider in die Höhe. Ja, er wird das Design bis heute Mittag fertig haben. Die Präsentation ist ready to roll. Sein Blick schweift zum Fenster – er ist eingemauert von drei Backsteinfassaden. Der Kreuzberger Innenhof lässt keine Weitsicht zu. Vor dem Eingang der ehemaligen Lagerhalle von gegenüber steht ein Umzugswagen. Schreibtische und bunte Sitzkissen werden ausgeladen. Ein neues Start-up zieht in das Großraumbüro. Fast im Monatstakt wechseln die Mieter. Wer nichts wird, der nicht gewinnt.

Tag 4: Der Blitz fällt nicht weit vom Stamm

In der Mittagspause sitzt Moritz wieder auf seinem Lieblingsplatz im Café Degas und lässt die Kreuzberger Szene an sich vorüber flanieren. Die Maisonne wärmt seine Kopfhaut. Ein Schatten fällt über ihn und er hört das Geräusch von Metall über Stein kratzen, als eine Frau den schweren Klappstuhl vom Nebentisch hervor zieht, einen Pappkarton darauf legt und ihre Strickjacke über die Lehne hängt. Sie ist groß und blond, ein Blumenkleid umschmeichelt ihre üppigen Formen, eine Sonnenbrille verdeckt ihr halbes Gesicht. Sie eilt ins Innere des Cafés und der Luftzug ihres Gangs weht ihm Rosenduft in die Nase. Kurz darauf steht die Blonde wieder neben ihm.

“Can you watch my stuff, I’ll be back in two minutes”, sagt sie und fährt sich mit der Hand durch ihr Haar. Dabei klirren die Silberreifen um ihr Handgelenk.

“Of course”, sagt Moritz. Die Blonde nickt flüchtig, als wäre gar keine andere Antwort möglich und rauscht davon. Moritz beäugt die Sachen, die nun in seiner Obhut stehen. Die Pappschachtel ist ein Schuhkarton und die Strickjacke ist weiß und mit silbrigen Fäden durchzogen. Sein Smartphone summt und er scrollt sich durch neue Bilder auf instagram und trinkt seinen Cappuccino. Der Kellner bringt einen gespritzten Weißen und stellt ihn auf den Tisch der Blondine.

“Sie ist kurz weg”, sagt Moritz und erfüllt beflissen seinen Aufsichtsauftrag. Der barfüßige Kellner nickt gleichgültig und verschwindet wieder im Lokal.

Er sieht zu, wie das Eis im Weinglas der Blondine schmilzt. Zwei Minuten sind eine dehnbare Zeitbestimmung. Er muss wieder zurück ins Büro. Er blickt die Bergmannstraße hoch und wieder runter, keine Spur der entschwundenen Tischdame. Er könnte die Schachtel und die Jacke einfach dem Kellner übergeben und gehen. Aber er fühlt ein neugieriges Kribbeln im Magen. Er betrachtet den Schuhkarton genauer. Er ist mit braunem Klebeband mehrfach umwickelt. Auf dem Deckel klebt ein Adresszettel und drei Briefmarken sind von mehreren Poststempeln gekennzeichnet. Er beugt sich näher. Es sind französische Briefmarken. Dann fällt sein Blick auf das Adressfeld und sein Mund klappt auf. Da steht sein Name. Seine Anschrift. Er schüttelt den Kopf und kneift die Augen zusammen, um den Spuk zu vertreiben. Dann schaut er nochmal hin. Das Paket ist wirklich an ihn adressiert. Er greift den Karton mit beiden Händen und legt ihn sich auf den Schoß. Er starrt hinab auf das Adressfeld. In blauer Schnörkelschrift stehen die Worte dort aufgereiht. Das Absender-Feld ist leer. Seine Augen kehren zu den Poststempeln zurück. “Miramas” steht dort. Sein Herz hämmert in seiner Brust. Liegt dieser Ort nicht in der Nähe von Marseille? An der Côte Bleue – seinem Sehnsuchtsort.

Tag 5: Stadtluft wird Sturm ernten

Moritz sitzt vor seinem Bildschirm und nimmt letzte Farbkorrekturen an seinem Design vor, das er am Nachmittag präsentieren wird. Er ist nicht bei der Sache. In Gedanken kehrt er zurück ins Café Degas und zu der rätselhaften Blondine. Sie war nicht zurück gekehrt. Er hatte ihre Jacke beim Kellner gelassen, ihre Weißweinschorle bezahlt und das Paket mit nach Hause genommen. Schließlich war es für ihn, oder nicht? Geöffnet hatte er es nicht. In der Mittagspause würde er wieder ins Degas gehen und nachfragen, ob die Besitzerin der Strickjacke wieder aufgetaucht war.

Plötzlich steht sein Chef in der Tür. Moritz fühlt sich ertappt.

“Kommst du bitte mal in mein Büro?”

Moritz folgt dem Chef. Man Duzte sich, das war hier so üblich. Ein junges, dynamisches Team, flache Hierarchien, Kreativität, free snacks & drinks. Alles Augenwischerei. Die Geschäftsziele waren knallhart. Der Profit blieb seit Monaten hinter den Erwartungen zurück.

“Es tut mir leid, wir müssen dich gehen lassen”, sagt der Chef. Das Geplänkel drumherum hört Moritz nicht. Er ist ab sofort freigestellt und soll seine Sachen packen.

Moritz steht vor seinem Schreibtisch. Wie in Trance greift er in die Schublade und holt seinen Vorrat an Energieriegeln hervor. Sonst gibt es keine persönlichen Dinge auf seinem Schreibtisch. Kein Familienfoto, keine Pflanze. Die depressive Palme in der Zimmerecke gehört der Firma.

Moritz löst die Kette von seinem Bianchi und schiebt es aus dem Innenhof. Auf Nimmerwiedersehen.

Es ist schon nach Mitternacht, als Moritz schwankend auf seinem Rad die Karl-Marx-Straße entlang kurvt. Eine Wolke hängt vor dem Mond und der Nachtwind pfeift in seinen Nacken. Der Geschmack von Bier liegt herb auf seiner Zunge. Auf einmal sackt der Reifen in ein Schlagloch und Moritz fliegt über den Lenker. Er liegt auf dem Asphalt und seine rechte Hüfte tut weh.

“Wo nichts ist, fallen Späne”, kichert er wie blöde vor sich hin. Er rappelt sich wieder auf. Plötzlich spürt er etwas Warmes zwischen seinen Beinen entlang streifen. Der Schreck schiebt den Nebel der Benommenheit zur Seite und er erkennt eine schwarz-weiße Katze. Die miaut und schaut aus einem einzelnen Auge funkelnd zu ihm auf.

“Fang deine Mäuse alleine”, murmelt er und hinkt auf sein Lenkrad gestützt in die Richtung seiner Wohnung. Die Katze folgt ihm.

Tag 6: Guter Rat hat Gold im Mund

Moritz sitzt am Küchentisch. Zu seinen Füßen liegt die Katze Miau und schlürft Sojamilch aus einer Porzellanschüssel. Moritz hat sein Müsli nicht angerührt. Er starrt auf den Schuhkarton, der seinen Namen trägt. Warum fürchtet er sich, das Paket aufzumachen? Hieß es nicht: “Vorsicht ist die beste Medizin”? Nee. Zum vierten Mal nimmt er den Karton zwischen die Hände und rüttelte an ihm. Da war etwas drinnen, groß und kompakt. Schuhe wären die offensichtliche Antwort. Er war es gewohnt, Antworten zu finden. Aber wie lautete hier eigentlich die richtige Frage? Wer war die blonde Frau? Warum war sie nicht wiedergekommen? Warum hatte sie ein Paket für ihn? Wer schickte ihm ein Paket aus Miramas? Warum schickte ihm ein Fremder ein Paket? War der Absender überhaupt ein Fremder? Kannte er jemanden in Frankreich? Moritz reibt sich die Stirn. Mit einem Ruck steht er auf, Miau springt erschrocken zur Seite und miaut. Er holt ein Obstmesser aus der Schublade und schneidet die Klebestreifen durch. Er hebt den Deckel vom Karton und schaut hinein.

Tag 7: Aller Anfang ist blau

Moritz sitzt im blauen Zug. Der TER ist um 12 Uhr in Marseille abgefahren und jetzt zieht das blaue Blau vom Mittelmeer zu seiner linken Seite an ihm vorbei. Er sitzt am Panoramafenster und kann sich nicht sattsehen an den Farben, die er nur aus den Bildern der Impressionisten kannte.

Seine Hand streichelt über das weiche Fell von Miau, die ihn mit ihrem einzigen Auge schläfrig anschaut. Er wackelt mit seiner linken Zehe, die schon wieder einzuschlafen droht. Die Schuhe sind zu eng. Er trägt sie trotzdem. Es sind Mokassins aus blau eingefärbtem Wildleder mit einer silbrigen Schnalle und einem pompösen Bommel. Er kommt sich vor wie ein Höfling des Sonnenkönigs. Vielleicht verlangt die Sonnenküste Frankreichs auch heutzutage noch modische Extravaganz. Er verkneift sich, seinen Fuß zu heben und wieder unter die Schuhsohle zu blicken. Dort prangt der Aufkleber der Schuhboutique: “La belle avenir” – Die schöne Zukunft. Adresse und Standort hatte er schnell mit google maps herausgefunden. Die Boutique befindet sich im Herzen von Miramas.

Als der Zug in die Stadt seiner Zukunft einfährt, steht Moritz schon an der Wagontür. Die einäugige Katze auf dem Arm und die blauen, zu engen Schuhe an seinen Füßen. Er steigt aus und geht die Fragen zu seinen Antworten suchen.

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Keine Hochzeit ohne Himbeertorte

Ich habe mich wieder von einem Märchen meiner Schwester Leonie aus Kindertagen (sie war ca. 12 Jahre alt, als sie es geschrieben hat) inspirieren lassen und eine Fortsetzung zu ihrer Geschichte “Der falsche Mond” geschrieben. Ich hoffe, ihr bekommt beim Lesen Appetit.

Leonie und ich 2006

Wer Prinzessin Leonore als Kind kannte, der weiß, dass sie den ganzen Hofstaat mit ihren Wünschen auf Trapp hielt. Ständig musste der König den Oberhofmarschall einberufen und ihm die Bestellungen seines Töchterchens diktieren. Die Gärtner pflückten die schönsten Blumen, die Jäger fingen die exotischsten Tiere, sogar den legendären Feuervogel, und der Hofbackmeister buk jeden Tag eine köstliche Himbeertorte. Bis zu dem Tag, als Prinzessin Leonore sich an der Himbeertorte überfressen hatte und krank wurde. Ihr erinnert euch sicher, wie sie sich den Mond vom Himmel herab wünschte und der Zauberer Ambra-Kandra ihr einen falschen Mond brachte.

Prinzessin Leonore erkannte die Täuschung und wurde auch ohne Mond gesund. Sie hatte gelernt, dass manche Wünsche unerfüllbar waren und dass sie es mit ihrer Geschenke-Sucht übertrieben hatte.

Aber auch die hellste Erleuchtung ist nicht gegen das Verblassen durch die Zeit gefeit, die Läuterung verhallt und alte Laster kehren zurück. Die Prinzessin wuchs heran und als sie 22 Jahre alt wurde, war ein neuer Wunsch in ihr heran gereift. Sie wollte heiraten. Aber es sollte ein Jüngling sein, der ihr jeden Herzenswunsch erfüllen konnte. Sie wollte die Heiratsanwärter auf die Probe stellen. Nur demjenigen mit dem besten Liebesbeweis würde sie ihr Herz und ihre Hand schenken. Da sie seit zwölf Jahren keine Himbeertorte mehr gegessen hatte, verspürte sie ein unbändiges Verlangen danach. Ihr die köstlichste Himbeertorte zu bringen sollte die Aufgabe für die Heiratskandidaten sein.

Also rief der König den Oberhofmarschall zu sich. Dieser war in den Jahren der Untätigkeit träge und unkonzentriert geworden, selbst wenn seine Frau ihn mit ihrer Einkaufsliste zum Markt schickte, verwechselte er regelmäßig Kartoffeln mit Karotten oder brachte Eier statt Milch mit.

“Mache im ganzen Königreich bekannt, dass Prinzessin Leonore heiraten will und denjenigen zum Mann nimmt, der ihr die köstlichste Himbeertorte bringt. Jeder Mann darf um sie werben, er muss nicht einmal ein Prinz sein.”

Diese Kunde verbreitete sich wie ein Lauffeuer im ganzen Land und alle unverheirateten Buben, Männer und sogar Greise wollten um die Prinzessin werben. Die meisten taten das nicht aus Zuneigung zur Prinzessin, denn sie kannten das Mädchen gar nicht, sondern weil sie gerne ein sorgenfreies Leben im Schloss führen wollten.

Innerhalb kürzester Zeit waren im ganzen Land alle Himbeeren aufgekauft. Auch die Milch für die Sahnecreme war nur noch unter Mühen zu bekommen.

Der Kaufmannssohn Magnus machte keine halben Sachen. Er kaufte sämtliche Himbeeren auf und ließ die überzähligen zu Saft zerquetschen, damit seine Konkurrenten keine Chance mehr haben sollten. Er engagierte den berühmtesten Konditor und ließ ihn eine mehrstöckige Himbeertorte von der Größe eines Ochsen herstellen. Die Torte gelang, sah herrlich aus und wurde auf einem Leiterwagen zum Königsschloss gebracht, der Kaufmann stolzierte in seinem Sonntagsanzug nebenher.

Es gab noch einen zweiten Kandidaten, der sich Prinzessin Leonore präsentierte. Es war der Student Stultus, der im 14. Semester Philosophie, Altgriechisch und Latein studierte und mit der realen Welt nicht sehr vertraut war. Torten backen konnte er nicht. Er hatte auch kein Geld, um einen Konditor zu bezahlen. Aber er hatte Vertrauen in Dinge, die man nicht begreifen kann und so wandte er sich an den Zauberer Ambra-Kandra. Dieser sollte eine große und schmackhafte Himbeertorte herbei zaubern – zum Lohn würde er ihm ein Lexikon aller Zaubersprüche schreiben. Wie ihr wisst, ist der Zauberer Ambra-Kandra kein echter Zauberer, sondern ein Trickkünstler.

Die Täuschung mit dem Mond für die Prinzessin war ihm vor zwölf Jahren misslungen. Aber an die Tortenzauberei machte er sich mit großem Eifer. Er baute ein siebenstöckiges Tortengestell aus Draht und Pappe von der Größe eines Elefanten. Er kleidete das Gestell in eine Schicht von Gips ein, die aus der Distanz wie Sahnecreme aussah. Für die Himbeeren blies er rote Luftballons auf. So stand der Student Stultur nun neben der gigantischen Himbeertorte des Zauberers im Innenhof des Schlosses und Prinzessin Leonore blickte vom Balkon herab.

Gleich neben ihm stand ein hübscher Bursche mit einer Gitarre über der Schulter. Die Prinzessin erkannte ihn als den Hofmusikanten Anton, der ihr mit seiner schönen Stimme schon so manches Lied vorgesungen hatte. Anton hielt ein Himbeertörtchen vor sich, das nicht viel größer als seine Handfläche war. Er hatte die Himbeeren im Wald gepflückt und die Milch für die Sahnecreme von der einzigen Kuh seiner Eltern geholt.

Im Hof hatten sich noch viele andere Heiratskandidaten versammelt. Der Oberhofmarschall inspizierte ihre prächtigen Torten. Aber aus Mangel an Himbeeren hatten sich die Männer mit Brombeeren und Erdbeeren beholfen und das war gegen die Regeln. Sie wurden alle weg geschickt.

So blieben nur noch der Kaufmannssohn Magnus, der Student Stultus und der Musikant Anton stehen. Zuerst deutete die Prinzessin auf die Riesentorte. Feierlich schritt der Oberhofmarschall mit einem Messer so groß wie eine Mistgabel auf das Zauberwerk zu. Als er ein Stück abschneiden wollte, glitt die Messerspitze von der harten Oberfläche ab und stach in eine der Riesenhimbeeren und es knallte laut, denn es war ja nur ein Luftballon, der nun zerplatzte. Die Zuschauer auf dem Balkon lachten und Zauberer Ambra-Kandra schlich auf Zehenspitzen davon. Der Student murmelte “ingratum trahit orbis terrarum” vor sich hin und schlurfte nach Hause.

Als nächstes nickte die Prinzessin in Richtung der stattlichen Torte des Kaufmannsohnes. Magnus grinste mit stolz geschwellter Brust und war sich seines Sieges sicher. Das lächerliche Törtchen des Musikanten hatte keine Chance. Der Oberhofmarschall schnitt ein Stück aus der prächtigen Himbeertorte und brachte der Prinzessin den Teller. Mit einem goldenen Gäbelchen kostet sie davon und nickte zufrieden.

Nun winkte sie dem Musikanten, er solle herauf kommen. Anton sprang die Stufen hoch zur Galerie und verbeugte sich unelegant vor der Prinzessin, dabei fiel ihm die Gitarre auf den Boden, aber das Törtchen konnte er vorm Absturz retten. Prinzessin Leonore kicherte.

Sie nahm das Törtchen mit den winzigen Waldhimbeeren aus seiner Hand entgegen und biss herzhaft hinein. Es schmeckte köstlich. Sie aß das ganze Törtchen in vier Bissen auf.

“Mein Appetit ist noch nicht gestillt”, sagte die Prinzessin. Der König runzelte seine Stirn und die Zuschauer auf der Galerie tuschelten miteinander. Sie waren sich nicht sicher, ob die Prinzessin den Törtchenbäcker lobte oder tadelte.

“Wenn du heute schon satt davon geworden wärst, würdest du dir nicht wünschen, dass ich morgen wiederkomme”, sagte Anton und lächelte sie an. Prinzessin Leonore lächelte zurück.

“Du sollst morgen wiederkommen”, sagte sie. Anton nickte glücklich.

“Hier ist eine ganze Torte für dich. An der kannst du dich satt essen”, rief Magnus aus dem Hof herauf. Sein Kopf war vor Wut so rot wie eine Himbeere.

“An deinem Überfluss verderbe ich mir den Magen”, sagte die Prinzessin und wedelte mit ihrem Spitzentaschentuch dem Oberhofmarschall zu, damit er den Kaufmannssohn vor die Tür setzen sollte. An diesem Tag schmauste die ganze Hofgesellschaft an der riesigen Torte und die Prinzessin lauschte dem Gesang von Anton.

Anton kam die Prinzessin am nächsten Tag wieder mit einem Törtchen besuchen und sie musizierten zusammen. Und so ging es Tag um Tag, Woche um Woche, bis zu ihrer Hochzeit.

Und wenn sie sich nicht an Himbeeren übergegessen haben, dann lieben sie sich noch heute.

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Der un-unheimliche Geist aus Naban – Japan und sein royales Reich

Mir ist letztens ein tolles Fundstück in die Hände gefallen: Drei Märchen aus der Feder meiner kleinen Schwester Leonie, die sie als 12-Jährige geschrieben hat (die Altersangabe ist eine Schätzung, da weder die Befragung der Autorin, noch die Analyse des Dokuments eine eindeutige historische Einordnung zuließen). Leonie hatte schon als Kind – auch dank ihres Lesehungers – eine reichhaltige Fantasie und hat sich ständig Geschichten ausgedacht. Was für ein Glück, dass einige (wenige) davon auf Papier gebannt sind. Meine treuen Blogleser*innen der ersten Stunde kennen Leonie schon als meine Begleiterin bei der Erkundung vom Spreepark und vom Allmende Kontor.

Leonie (als 12-Jährige) und ich (mit meiner Nichte)

Eines ihrer Märchen heißt “Der Geist in der Wanduhr” (lesen lohnt sich!) und spielt in Japan. Diese originelle und witzige Geschichte hat mich zu einem eigenen Märchen inspiriert, das die Vorgeschichte des lieben Geistes erzählt.

Eine Geistergeschichte zum 1. Mai passt gut, denn zum walpurgischen Tanz in den Mai treffen sich nicht nur Hexen, auch andere übersinnliche Gestalten treiben ihr Unwesen. Da verwundert es nicht, dass ein kleiner japanischer Gast durch meinen Blog gegeistert ist. Bin gerade sowieso im Japan-Feeling seit ich in den letzten Tagen einige Dokumentation über das Land angeschaut habe. Außerdem ist gestern der Japanische Kaiser Akihito von seinem Chrysanthementhron gestiegen, um den Platz seinem Sohn Naruhito zu räumen, der heute den Thron besteigt. Ob der als Kind wohl auch den Geschichten vom verwunschenen Reich Naban gelauscht hat?

Der un-unheimliche Geist aus Naban

Fürchtet ihr euch vor Geistern? Das solltet ihr! Geister sind unheimliche Wesen, die durch Schlüssellöcher und Ritzen kriechen wie der Nebel, die nachts die Dielen zum knacken und die Türangeln zum quietschen bringen, die “Huuuuuh” in euer Ohr hauchen, so dass ihr eine Gänsehaut bekommt. Das ist die Regel. Aber was ist, wenn ein Geist das alles nicht kann? Von solch einem Geist möchte ich euch erzählen.

Es war einmal ein kleines Königreich. Es hieß Naban und lag irgendwo in Japan. Vielleicht habt ihr noch nie von diesem Königreich gehört. Das liegt daran, dass dieses Reich schon seit langer Zeit ohne König ist. Alle Menschen haben das Land verlassen.

Es geht die Sage um, im Land Naban hause ein Ungeheuer. Das hat vor Jahrzehnten ein Mann namens Rederade erzählt – ein Geschichtenerfinder, dessen Einfallsreichtum nur von seiner Unzuverlässigkeit übertroffen wurde. Seine Zuhörer aber glaubten ihm und gaben die Kunde vom Ungeheuer weiter.

Naban wurde menschenleer, blieb aber nicht völlig unbewohnt. Eine Sippe von Geistern hat sich dort angesiedelt. Es sind Geister vom Stamm der Yokai-wa-hui. Ihre Bestimmung ist es, Schabernack zu treiben und die Menschen zu erschrecken. Ihre wandelbare Gestalt ist meistens unsichtbar. Wenn sie erscheinen, dann meistens als weiße Nebelgebilde in menschenähnlicher Form. So glauben die Menschen, die Gestalt eines Verstorbenen im weißen Kimono zu sehen.

In der Königsstadt von Naban steht nur noch ein Haus. Das ist das Internat, in dem die jungen Yokai-wa-hui-Geister ausgebildet werden. Einer der Schüler war der kleine Geist He-Sun. Er war sehr verträumt und verpasste oft seine Unterrichtsstunden. Im Fach “Erscheinung” schimpfte seine Lehrerin Rei-Lee oft mit ihm:

“He-Sun, dein Kimono aus Mondstrahlen ist ganz löchrig. Wer soll denn Angst vor so einer Lumpengestalt haben?”

Aber so sehr sich He-Sun anstrengte, er konnte seine Gestalt nicht in ein weißes Geisterkleid hüllen.

Auch in der Geisterkinese-Klasse hatte er seine Schwierigkeiten. Hier lernten die kleinen Schüler, mit der Kraft ihrer Gedanken Gegenstände zu bewegen. Alle anderen konnten schon Möbel umwerfen und Türen zuknallen. Aber Hu-Sun schaffte es gerade mal, ein Essstäbchen zittern zu lassen.

“Wer soll sich bloß vor einem zitternden Essstäbchen fürchten?”, bellte Lehrer Tanuki.

Am besten gelang ihm noch die Geisterphonie. Hier mussten sie einen Lufthauch mit ihrem Geistermund formen und einen unheimlichen Klang erzeugen. Dazu kamen allerlei Hilfsmittel infrage. Manche suchten sich Regenrinnen, Teetöpfe oder Gießkannen. He-Sun fand eine Kaffeekanne aus weißem Porzellan mit blauer Bemalung, die eine Flusslandschaft zeigte. Der Deckel der Kanne war verloren gegangen und im Boden war schon ein kleiner Sprung. Aber der Hals der Kanne war geschwungen wie der Hals eines Schwans. Wenn He-Sun seinen Geistermund an die Öffnung des Kannenhalses legte und ganz fest ans Pusten dachte, geriet die Luft in Schwingung und aus dem Bauch der Kanne klang ein satter Ton wie beim Signalhorn eines Flussdampfers. He-Sun liebte deshalb seine Kaffeekanne und blieb immer in ihrer Nähe. Schließlich war sie sein einziges Grusel-Instrument.

Er quartierte sich in der kaputten Wanduhr ein, gegenüber vom Tisch, auf dem die Kaffeekanne stand. Aus dem Uhrenkasten konnte er seine Kanne gut im Blick behalten und wurde nicht gestört von den anderen kleinen Geistern, die durchs Haus tollten und mit ihrem Türen knallen und Möbel umwerfen um die Wette eiferten. Leider gab es hier keine Menschen, die sie mit ihren Kunststücken erschrecken konnten.

Im Land Naban lebten außer den Geistern auch noch einige Insektenarten, Fische und Vögel. Vielleicht gab es auch giftgrüne Eidechsen so groß wie Elefanten – aber da müsst ihr Rederade fragen. Auf jeden Fall gab es Spinnen in Naban. Das können euch die Geister bestätigen. Die Spinnen und die Geister haben eine ganz besondere Beziehung. Spinnen fürchten sich vor den Yokai-wa-hui-Geistern, weil sie unsichtbar durch die Luft fliegen und die Netze der Spinnen zum Schwingen bringen. Die Spinne denkt, sie hat eine Beute gefangen. Sie krabbelt hin, aber ihr Netz ist leer und zerrissen. Die Geister jedoch lieben es, in die Netze der Spinnen zu fliegen. Dann bleiben nämlich einige der Spinnenfäden an ihrer Aura kleben und so können sie noch weißer schimmern, wenn das Mondlicht auf sie fällt.

Am Tag der Abschlussprüfung musste jeder Geisterschüler drei Disziplinen vorführen und zeigen, dass er den Menschen Angst einjagen konnte.

Der kleine He-Sun wurde vom Poltern geweckt, als seine Kameraden alle Wandschirme im Haus umwarfen. Er hatte seine erste Prüfung verschlafen.

In der zweiten Prüfung mussten die Geisterschüler vor einem Spiegel entlang huschen und dabei in ihrer weißen Totengestalt aufschimmern. He-Sun gab sich alle Mühe, aber seine Gestalt flackerte nur grau auf und er sah aus, wie ein löchriges Putztuch. Die anderen Geister kicherten und seine Lehrer schüttelten ihre weißen Köpfe.

In der dritten Prüfung konnte He-Sun die einzige Kunst zeigen, die er beherrschte: Er pustete in den Hals seiner Kaffeekanne und das ganze Haus vibrierte vom tiefen Ton aus dem Porzellanbauch seines Instruments. Seine Lehrer verneigten sich vor ihm und gaben ihm sein Geister-Diplom.

Alle Geister verließen das Haus, um in der Menschenwelt außerhalb von Naban ihren Spuk zu treiben. Nur He-Sun blieb zurück. Er wäre auch gerne auf Spukreise gegangen, aber er war zu schwach, um seine Kaffeekanne von der Stelle zu bewegen und ohne seine Instrument konnte er nicht spuken. Er flog durchs verlassene Haus und warf sich in alle Spinnennetze. Die Spinnen ergriffen die Flucht und im ganzen Haus gab es bald kein einziges Spinnennetz mehr. He-Sun war nun ganz alleine und vertrieb sich die Zeit mit Träumen in der Wanduhr.

Eines Tages kam Abjoktka, der Ur-ur-ur-ur-Enkel von Rederade, ins Geisterhaus. Ihr kennt bestimmt die Geschichte dieses Helden, der ins Land Naban zog, um das Ungeheuer zu besiegen.

Endlich hatte He-Sun einen Freund gefunden und reiste in der Satteltasche von Abjoktka, der auch die Kaffeekanne für ihn trug, zum Tennō von Japan. Abjoktka kniete vor dem Chrysanthementhron und berichtete dem Herrscher von Japan, dass es kein Ungeheuer in Naban gäbe. Von dem Geisterhaus erzählte er lieber nichts und He-Sun blieb unsichtbar und leise.

So wurde der Held Abjoktka mit der Prinzessin verheiratet und wurde zum neuen König über Naban ernannt. Seitdem lebte der kleine Geist He-Sun mit der Königsfamilie im Palast. Jeder kannte ihn und niemand hatte Angst vor ihm, nicht einmal die Kinder des Königspaares. Um Mitternacht trötete der Geist immer auf seiner Kaffeekanne und das klang gar nicht unheimlich.

Eine wunderliche Begebenheit soll aber noch erzählt werden: Eines Nachts kamen Diebe ins Schloss von Abjoktka. Sie hatten es auf eine goldene Buddha-Figur im Esszimmer abgesehen. Als sie am langen Tisch vorbei schlichen, fiel ihr Blick auf eine Schüssel Reis, die dort noch vom Abendessen stand. Im Reis waren viele Linien gezogen, die ein symmethrisches Muster ergaben. Die Essstäbchen neben dem Teller zitterten ein wenig. Die Diebe starrten auf die Linien im Reis. Es sah aus, wie ein Zen-Garten. Sie konnten ihre Blicke nicht abwenden und versanken in eine tiefe Meditation. Am Morgen wurden sie von einem Diener entdeckt und gefangen genommen. Könnt ihr euch denken, wer dahinter steckte?

Seitdem wünscht sich jede japanische Familie einen lieben Hausgeist.

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