Ein Märchen

Prinzessin Rotbäckchen und der siebenjährige Tag

I.

Es war einmal ein herrlicher kleiner Erdball mit fruchtbarem Land und reinen Gewässern. Hier lebte ein Volk in Zufriedenheit und wurde von einem Königspaar regiert. Lange Jahre hoffte das Paar vergeblich auf ein Kind, und als ihnen endlich eine kleine Tochter geboren wurde, starb die Königin daran. Die Prinzessin war ein wunderschönes und fröhliches Kind mit immer rote Bäckchen. Deshalb wurde sie Prinzessin Rotbäckchen genannt. Sie war der ganze Stolz ihres Vaters und er konnte ihr keinen Wunsch abschlagen. So wuchs das Kind zu einem hochmütigen und selbstsüchtigen Mädchen heran.

Zum 13. Geburtstag von Prinzessin Rotbäckchen lud der König den ganzen Hofstaat zu einem großen Fest ein.

Tief unten im Mittelpunkt des Erdballs lebte jedoch das Volk der Nachtkobolde. Sie waren von kleiner Statur, hatten große Hände und große Ohren und gingen immer gebückt. Sie konnten kein Sonnenlicht vertragen, deshalb lebten sie unter der Erde, wo sie im Feuer der Erde Eisen herstellten. Nur nachts kamen sie an die Erdoberfläche und trampelten in den Feldern der Bauern herum und nahmen alles Essbare mit, was sie finden konnten. Sie waren verbittert und gemein und beneideten die Menschen um ihr Leben im Sonnenlicht.

Auch der Anführer der Kobolde bekam eine Einladung zur Geburtstagsfeier der Prinzessin. Er schickte seinen schwarzen Raben als Boten zum König und verlangte, dass die Feier in die Nachtstunden verlegt werden solle, damit er auch teilnehmen könne. Der König aber sprach:

„Des Nachts muss die Prinzessin schlafen. Wir feiern am Tag bei Sonnenschein. Das ist eben Pech für dich.“ Damit war die Sache für den König erledigt und er dachte nicht mehr daran.

Als der Rabe diese Botschaft zum Koboldanführer zurück brachte, stampfte er so wütend auf den Boden, dass die Erde bebte und er schrie: „Das werdet ihr alle noch bereuen!“

Als der Tag des 13. Geburtstags von Prinzessin Rotbäckchen gekommen war, feierte der Hofstaat vom ersten bis zum letzten Sonnenstrahl dieses Sommertages ein ausgelassenes Fest. Es wurde geschmaust, gesungen und und getanzt.

Als es jedoch Nacht geworden war und die bewohnte Hälfte der Erde in Finsternis lag und die Sonne auf die andere Hälfte der Erde schien, wo ein riesiger Ozean lag und kein Mensch leben konnte, brachten die Kobolde die Erde zum Stillstand. Ihr müsst wissen, dass im Mittelpunkt der Erde ein riesiges Zahnrad eingelassen ist, das in viele kleine Räder greift und dafür sorgt, dass die Erde sich um sich selber dreht. Dadurch ist jeder Fleck der Erde in ständiger Bewegung mal der Sonne und mal dem Mond zugewandt. Wenn sich die Erde nicht drehen würde, gäbe es keinen Wechsel mehr von Tag und Nacht. Die Zahnräder im Mittelpunkt der Erde sorgen auch dafür, dass sich die Erde um die Sonne dreht und es somit Frühling, Sommer, Herbst und Winter gibt.

Das Koboldvolk hatte eine riesige Eisenstange gegossen, die so stark und massiv war, dass keine Kraft der Erde sie zerbrechen konnte. Diese Stange rammten die Kobolde in das große Zahnrad. Es gab ein Knirschen und Ächzen aus dem Innern der Erde, dessen dumpfes Echo über die ganze Welt schallte, so dass alle Menschen aus ihrem Schlaf gerissen wurden. Und dann gab es einen heftigen Ruck, so dass alle Menschen aus ihren Betten fielen. Von nun an sollte es für immer dunkel auf der Erde sein und die Menschen sollten daran verderben. Das war die Rache der Kobolde.

Der König war außer sich vor Entsetzen und ließ die weisesten Berater und die besten Magier aus allen Teilen des Landes zu sich rufen. Keiner wusste Rat. Es gab jedoch eine Fee namens Contralia, deren Gabe es war, alles in sein Gegenteil zu verwandeln. Da der König keinen anderen Ausweg sah, bat er sie um Hilfe. Die Fee schickte ihre ganze Zauberkraft in die Tiefe und konnte den Erdball um eine halbe Drehung wenden. Jetzt schien die Sonne auf das bewohnte Land. Jetzt würde es für immer Tag sein für die Menschen und für allezeit Sommer.

Jetzt denkt ihr vielleicht, das ist das Ende der Geschichte und dem Volk ginge es nun gut auf dieser Erde im ewigen Sonnenschein. Aber da täuscht ihr euch. Die Rache der Kobolde tat trotzdem ihre Wirkung.

Tag um Tag schien die Sonne auf das Land und seine Menschen. Die Menschen konnten nicht mehr schlafen. Selbst wenn sie ihre Augen und ihre Fensterläden schlossen, fanden sie keinen Schlaf. Die Menschen wurden immer müder und gereizter. Auch das Land musste leiden. Die Wiesen und Felder wurden immer trockener. Die Ernte wurde jedes Mal magerer. Auch die Tiere wurden träge und krank. Die Bienen fanden kaum noch Blüten.

Und noch etwas war geschehen, seit die Erde still stand: Alle Flüsse hatten aufgehört zu fließen und es gab keinen Wind mehr, der die Samen durch die Luft trägt und neues Leben spendet. Die Gewässer wurden grün und braun, die Fische starben darinnen und niemand konnte das Wasser mehr trinken.

Bei all diesem Stillstand wurden die Menschen selbst jedoch immer hektischer, obwohl sie müde waren. Als könnten sie mit ihrer Eile die Erde wieder in Bewegung bringen, rannten sie umher, sprachen immer schneller und immer mehr und hörten einander nicht mehr zu.

Von alldem war Prinzessin Rotbäckchen unberührt. Sie liebte die Sonne und mit jedem Tag wurden ihre langen Haare goldener, denn die Sonnenstrahlen sammelten sich darin. Sie tollte im Garten des Palastes herum und ihr einziger Kummer war die Langeweile, denn sie hatte keine Spielgefährten.

Eine Zeitlang war ein Storchenjunge in ihrem Alter in den Garten gekommen und sie hatten zusammen Stöckchen gesammelt und ein kleines Baumhaus gebaut. Aber eines Tages landete ein schöner Schwan im Teich des Schlossgartens und schwamm mit seinem weißen Gefieder und dem stolz geneigten Kopf seine Runden. Nachdem Prinzessin Rotbäckchen den Schwan gesehen hatte, fand sie den Storch mit seinen langen roten Beinen und seinem struppigen schwarz-weißen Gefieder hässlich und spielte fortan nicht mehr mit ihm. So saß sie oft im Gras und schaute in ihren Handspiegel im goldenen Rahmen, kämmte sich ihr Haar und sprach mit ihrem Spiegelbild.

Einmal hatte sie sich einen Blumenkranz geflochten und um den Kopf gelegt, als ein Schwarm Bienen herbei geflogen kam. Die Bienen wollten den Nektar aus ihrem Blumenkranz trinken, da sie sehr hungrig waren und sonst nirgendwo mehr Blüten fanden. Aber Prinzessin Rotbäckchen wollte ihre Blumen nicht teilen und verjagte die Bienen.

Zu ihrem 16. Geburtstag richtete ihr der König wieder ein Fest aus. Der Hofstaat war dankbar um die Ablenkung und sie feierten schriller und schneller als je zuvor. Prinzessin Rotbäckchen sah mit ihren goldenen Haaren, blauen Augen und roten Lippen ganz liebreizend aus und alle blaublütigen Söhne des Landes wollten mit ihr tanzen. Und wie sie so tanzte und sich vergnügte, stand plötzlich ihr früherer Freund der Storch vor ihr und forderte sie zum Tanz auf. Sie nahm an und als der Tanz aufgespielt wurde, ließ sie den Storch jedoch mit der kleinen Küchenmagd tanzen. Und die Prinzessin stand dabei und lachte das Tanzpaar aus, denn der Storch war mit seinen langen staksenden Schritten wirklich kein guter Tänzer.

“Weiß-Storch” by Michael Pereckas is licensed under CC BY 2.0

II.

Viele Tage vergingen und als sich das Land im 7. Jahr des immerwährenden Sommertags befand, war die Not so groß, dass der König handeln musste. Das Land war karg und kahl, Mensch und Tier hungerte und dürstete. Der König sendet also seine 12 besten Krieger aus. Sie sollten zum Mittelpunkt der Erde gelangen, die Kobolde im Kampf besiegen und die Eisenstange aus dem Rad ziehen, damit sich die Erde wieder drehen könnte.

Einst waren es kräftige und mutige Kämpfer. Jetzt saß ein jeder auf einem klapperdürren Gaul. So manches Pferd stolperte auf dem Kopfsteinpflaster, als sie zum Stadttor hinaus zogen. Aber die Kämpfer schwatzten ununterbrochen laut und pochten auf ihre hochglanzpolierten Rüstungen. Allerdings trafen ihre Pfeile in letzter Zeit nur noch selten das Ziel und im Schwertkampf waren sie unkonzentriert und schlugen sich selbst ins Bein. Manchmal vergaßen sie, in welche Richtung sie wollten und warum.

Der König stand auf der Stadtmauer und sah seiner Truppe nach, die in Schlangenlinien in die Ferne zog. Sorgenfalten standen auf seiner Stirn und er seufzte. Da sah er plötzlich das fuchsrote Pferd seiner Tochter den staubigen Weg entlang galoppieren, darauf mit flatterndem Goldhaar saß Prinzessin Rotbäckchen. Die Prinzessin holte die Kämpfertruppe ein und setzte sich an ihre Spitze. Der König lächelte. Wenn irgendjemand ihr Land noch retten konnte, dann war es vielleicht sie.

Prinzessin Rotbäckchen war es zu Hause viel zu langweilig und immerhin sollte sie später Königin des Landes werden, das jetzt so in Not war. Also hatte sie sich dazu entschlossen, auf die Abenteuerreise zu gehen. Sie hatte ihren Spiegel, ihre Haarbürste und ein Spitzentaschentuch eingepackt, außerdem noch einen Apfel und eine Wasserflasche.

Sie ritten über vertrocknete Wiesen. Immer wieder lag stinkendes Aas am Wegesrand, aber es waren keine anderen Tiere da, um die Kadaver zu fressen. Sie ritten an Flüssen entlang, in denen das brackige Wasser unbeweglich wie in einem Tümpel stand. All das sah die Prinzessin zum ersten Mal.

Am 3. Tage kam ihre Reitertruppe ins Gebirge. Als sie in eine enge Gasse mit steilen Felswänden auf beiden Seiten einbogen, saß der schwarze Rabe auf einem Stein und rief:

„Weh dir, weh dir, kehr um, kehr um – dein Weg ist hier zu ende!“

Prinzessin Rotbäckchen erkannte den Boten der Kobolde. Sie ließ sich aber keine Angst von ihm einjagen und ritt weiter. Hinter der übernächsten Biegung versperrte ihnen ein Mann aus Eisen den Weg. Er war doppelt so groß wie ein Mensch und von den Kobolden aus dem Metall der Erde gefertigt. Sein graues Gesicht hatte scharfe und unbewegliche Züge, nur sein bronzener Ohrring mit dem Wappen der Kobolde wippte auf und ab. Mit einem Faustschlag konnte er einen Menschen zerquetschen. Aber seine gefährlichste Waffe waren seine Augen: Daraus konnte er giftige Fäden wie ein Spinnennetz auswerfen und seine Gegner einfangen und lähmen.

Prinzessin Rotbäckchen sprang behände von ihrem Pferd, versteckte sich dahinter und hielt ihren Spiegel in die Höhe. Als der Mann aus Eisen in ihre Richtung schaute, sah er im Spiegel das Abbild der Prinzessin schleuderte das giftige Netz aus seinen Augen über den Spiegel. Die Prinzessin jedoch konnte sich wegducken und versteckte sich in einer Felsenspalte. Der Mann aus Eisen fing auch alle 12 Kämpfer mit ihren Pferden und schleppe sie zufrieden in seinem Netz in den Steinkerker, weil er ja dachte, die Prinzessin sei auch dabei.

Als es still in der Gasse war, lugte Prinzessin Rotbäckchen aus ihrem Versteckt. Und vor ihr stand der Storch.

„Du kannst ruhig heraus kommen. Der Riese und der Rabe sind weg.“

Die Prinzessin freute sich sehr, den Storch zu sehen, aber das würde sie natürlich nie zugeben. Was er bloß hier wolle, verlangte sie zu wissen. Der Storch sagte, er sei ihrer Reisegruppe zu Fuß nachgegangen. Weil es keinen Wind mehr gibt, könne ein großer Vogel wie er auch nicht mehr fliegen. Aber er werde sie gerne weiterhin auf ihrer Wanderschaft begleiten.

„Ich weiß zwar nicht, wozu Du mir nützen kannst, aber meinetwegen kann Du mit mir gehen“, sagte die Prinzessin huldvoll und stolzierte los. Der Storch folgte ihr – und wenn sein Schnabel es ihm erlaubt hätte, hätte er gelächelt.

So gingen sie viele Tage durch das öde Land. Einmal mussten sie durch ein dorniges Gestrüpp hindurch. Das Kleid der Prinzessin bekam viele Risse, aber die langen Beine des Storchs waren völlig ungeschützt und er verletzte sich. Prinzessin Rotbäckchen band ihr Spitzentaschentuch um seine Wunde und schon ging es dem Storch besser.

Als sie gerade unter einer alten Dorflinde rasteten, hörte die Prinzessin ein leises Wehklagen. Sie suchte die Wurzeln ringsherum ab und fand einen umgedrehten Glasbecher. Darinnen gefangen war eine kleine Biene, die schon ganz matt war. Irgendjemand hatte sie wohl gefangen und aus Bosheit oder aus Gleichgültigkeit eingesperrt zurück gelassen. Prinzessin Rotbäckchen hob den Glasbecher zur Seite. Aber die kleine Biene war zu schwach zum Fliegen. Da gab sie ihr die Hälfte von ihrem Apfel und die Biene stärkte sich an dem fruchtigen Saft, dann flog sie davon.

Wenige Tage später kamen sie an einem Bauernhof vorbei. Dort sah die Prinzessin eine Kuh, die vor einen Pflug gespannt war. Der Bauer schimpfte und schlug mit einem Stock auf sie ein, doch die Kuh machte keinen Schritt mehr. Ihre Rippen stachen unter ihrem stumpfen Fell hervor und die Kuh blickte die Prinzessin traurig an. Und es schmerzte die Prinzessin, das Leid der Kuh zu sehen.

„Warum schlägst du die Kuh“, fragte die Prinzessin den Bauern. Der Bauer erzählte ihr, dass seine Familie und er Hunger litten, die Ernte sei immer weniger geworden, vor kurzem haben sie ihren letzten Bullen schlachten müssen, die Kuh sei das letzte Tier, das ihnen geblieben sei. Früher habe die Kuh die ganze Familie mit Milch versorgt. Jetzt gäbe die Kuh keine Milch mehr, also habe er sie vor den Pflug gespannt, damit sie ihm wenigstens auf dem Feld helfen solle.

Prinzessin Rotbäckchen überlegte kurz, dann sagte sie:

„Lass die Kuh ausruhen. Ich werde dir an ihrer Stelle helfen“. Der Bauer schaute erst überrascht und dann skeptisch drein, willigte aber schließlich ein.

Und die Prinzessin hielt Wort. Viele Tage lang arbeitete sie mit dem Bauern im Feld, zog Furchen mit dem Pflug und grub mit den Händen Kartoffeln und Rüben aus. Sie half der Bäuerin im Haushalt, schleppte schwere Eimer mit Wasser vom Brunnen im nächsten Dorf. Dabei wurde ihr Seidenkleid ganz dreckig und zerrissen und sie bekam Blasen an ihren zarten Händen. Aber sie beklagte sich nicht. Wenn sie ruhte – schlafen konnte auch sie bei der immerwährenden Sonne nicht – erzählte der Storch ihr von den fernen Ländern im Süden, in die er früher im Winter immer geflogen war.

Während die Prinzessin arbeitete, lag die Kuh im Gras und fraß. Dann käute sie in aller Ruhe wieder und reckte und streckte ihre 4 Beine in alle Richtungen aus und machte allerlei Verrenkungen zu ihrer Entspannung. Die Kuh bekam wieder Fleisch auf den Rippen. Die Prinzessin kämmte das Fell der Kuh mit ihrer Haarbürste, bis es wieder glänzte. Und langsam füllte sich das Euter der Kuh auch wieder mit Milch. Das freute die Bauernfamilie sehr. Jetzt wurden auch sie wieder satt und die Bäuerin machte einen saftigen Käse, den sie der Prinzessin und dem Storch zum Abschied mitgab. Die Kuh dankte der Prinzessin und der Bauer versprach, sie in Zukunft besser zu schonen und nie wieder zu schlagen.

Prinzessin Rotbäckchen und der Storch wanderten weiter. Die Luft wurde jeden Tag heißer und stickiger und sie waren sich sicher, dass sie ihrem Ziel näher kamen.

Auf einmal kamen sie an das Ufer eines Sees. Der See war so groß, dass sie in allen drei Richtungen nur Wasser sahen. Doch im Schilf lag ein Boot angetaut und die Prinzessin wollte schon über ihr großes Glück jubeln, denn so konnten sie den See leicht überqueren.

Doch auf dem Rande des Boots saß wieder der Rabe und rief:

„Weh dir, weh dir, kehr um, kehr um – dein Weg ist hier zu ende!“

Dann flog er davon. Als die Prinzessin und der Storch ins Boot stiegen, drang sofort Wasser durch die morschen Planken hinein und es begann zu sinken. Da hörte sie plötzlich ein Summen und Brummen aus der Ferne, das schnell lauter wurde. Auf einmal war der Himmel voll von tausenden Bienen, dass es sogar ein bisschen dunkel wurde. Der Schwarm stieß herunter auf das Boot und die Bienen klebten mit ihrem Honig die Löcher im Boot zu. Eine kleine Biene setzte sich kurz auf die Nasenspitze der Prinzessin und sie erkannte ihre Freundin aus dem Glas. So schnell wie sie gekommen waren, verschwanden die Bienen auch wieder. Die Prinzessin rudert über den See und das Boot trug sie sicher ans andere Ufer.

Nun lag eine Wüste vor ihnen. Sie wanderten durch endlose Dünen und der Sand war so heiß, dass die Prinzessin den Storch auf ihren Schultern trug, da er sich sonst seine Füße verbrennen würde. Endlich sahen sie in der Ferne einen steinernen Brunnen vor sich. Die Prinzessin rannt so schnell sie konnte darauf zu und schrak zurück, als sie schon wieder den Raben dort sitzen sah.

Der Rabe plusterte sein schwarzes Gefieder auf und rief:

„Weh dir, weh dir, kehr um, kehr um – dein Weg ist hier zu ende!“

Die Prinzessin war sich nicht sicher, ob der Rabe sie abschrecken oder leiten wollte. Sie ging bis zum Rand des Brunnens und schaute hinein. Eine undurchdringliche Dunkelheit lag in der Tiefe und ein Geruch von Feuer und Kohle stieg ihr in die Nase. Sie blickte zum Raben, der immer noch auf dem Brunnenrand saß und sie aus seinen schwarzen Knopfaugen direkt anschaute. Dann stürzte der Rabe sich unvermittelt kopfüber in die Tiefe des Brunnens.

„Ich glaube, wir sind am Ziel unserer Reise. Ich muss dem Raben folgen“, sagte Prinzessin Rotbäckchen zum Storch. Der Storch nickte.

„Ich werde hier auf dich warten“, sagte er.

Also nahm die Prinzessin all ihren Mut zusammen – und davon brauchte sie jetzt ganz viel – und sprang kopfüber in den finsteren Brunnen.

Sie fiel und fiel und fiel. Die Luft wurde immer heißer und dichter, fast so dick wie Wasser und ihr Flug wurde langsamer. Dann landete sie auf einem verkohlten Untergrund, der unter ihrem Gewicht sofort zerbröselte und zu Staub zerfiel.

Sie musste husten und ihr Herz pochte schnell in ihrer Brust. Sie schaute sich vorsichtig um. Ihre goldenen Haare gaben ein mattes Licht von sich, so dass Prinzessin Rotbäckchen – deren Wangen jetzt allerdings ganz schwarz vor Ruß waren – sah, dass sie sich in einer Höhle befand. Der Boden war voller Löcher, in denen Feuer und flüssige Erde blubberten, dazwischen gab es schmale Stege aus kohlschwarzen Erdzungen.

In der Mitte ragte das riesige Zahnrad der Erde hervor. Darin steckte die mächtige Eisenstange und hielt es mitten in seiner Drehung fest. Jetzt hörte sie einen Klang, der immer lauter in ihre Ohren und in ihr Herz drang – es war das Ächzen und Wehklagen der Erde selbst.

Und dann hörte sie noch etwas anderes: ein krächzendes Kichern – und nun sah sie aus allen dunkeln Winkeln und Erdlöchern unzählige Kobolde mit roten Augen und gelben Zähnen auf sie zu kriechen.

Wie sollte sie sich bloß gegen die bösartigen Kobolde wehren? Wie sollte sie jemals das Rad aus seiner Sperre lösen?

„Ich bitte um Hilfe“, rief sie nach oben in den Schacht, der dunkel über ihr lag und kein Licht hinunter ließ. Wer sollte sie hören?

Da geschah es: Ihr goldenes Haar begann auf einmal zu leuchten und all die Sonnenstrahlen der letzten sieben Jahre entluden sich und fuhren aus ihrem Haar wie ein Blitz und es wurde so hell in der Höhle, dass die Kobolde blind wurden und in Panik umher rannten und in die brodelnde Erde fielen und von ihr verschlungen wurden. Und die Sonnenstrahlen waren so kraftvoll, dass sie die Eisenstange zum schmelzen brachten. Erst bog sie sich, dann verfloss sie wie Wasser und das Rad war frei!

Ein dumpfes Grollen und Knirschen erfüllte den Raum und das große Rad begann ganz langsam, sich zu drehen, seine Zähne griffen in die Rillen der kleineren Räder und auch diese kamen in Bewegung und eine Erschütterung ging durch alle Schichten der Erde bis an die Oberfläche und dort spürten Menschen und Tiere, wie der Boden bebte.

Prinzessin Rotbäckchen lachte vor Glück und Tränen liefen über ihre Wangen und wuschen den Ruß ab. Da summte es mit einem Male um sie herum und sie spürte, wie sie hochgehoben wurde und sie dem Licht und einem kühlen Luftzug entgegen schwebte – die Bienen trugen sie aus dem Schacht von der Mitte der Erde wieder auf die Oberfläche zurück. Draußen war ein heftiger Wind aufgekommen und zum ersten Mal seit sieben Jahren bildeten sich Wolken und bald würde es den ersten Regen geben.

„Steig auf meinen Rücken, ich trage dich nach Hause“, sagte der Storch zu ihr. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und schon erhob er sich mit breitem Flügelschlag in den Himmel und der Wind beschleunigte ihren Flug. Die Haare der Prinzessin hatten all das goldene Sonnenlicht hergeben und waren nun schlohweiß und flatterten neben den Federn des Storchs, so dass man sie kaum unterscheiden konnte. Sie schaute unter sich auf das Land und sah, dass auch die Flüsse wieder flossen. Die Sonne begann zu sinken und färbte sich rot, die Nacht nahte heran.

Als sie in ihres Vaters Schloss ankamen, war es schon Nacht und der Mond und die Sterne funkelten um die Wette. Alle Menschen und Tiere waren in einen tiefen Schlaf gefallen und auch die Prinzessin und der Storch waren sehr erschöpft und schliefen noch im Schlossgarten im Gras ein.

III.

Am nächsten Morgen war die Freude des Wiedersehens und der Jubel groß. Der König umarmte und herzte seine Tochter und das ganze Volk zog zum Schloss, um ein großes Fest zu feiern. Nur der Storch war verschwunden. Die Prinzessin suchte und fragte nach ihm, aber die weisen Frauen sagten, dass es nun Herbst geworden sei und der Storch in den Süden fliegen müsse.

Und tatsächlich, der Herbst kam schnell und dann der Winter. Die Menschen genossen die langen Nächte, die Kälte und den Schnee und vor allem auch die Dunkelheit und sie schliefen viel.

Dann kam der Frühling und überall erwachte das Leben. Die Bäume und Blumen blühten, die Bienen summten im Garten, die Meisen sangen ihr Zizibe und alle Welt war glücklich. Nur die Prinzessin war manchmal traurig, denn sie vermisste den Storch.

An einem besonders schönen Frühlingstag sagte der König zu seiner Tochter:

„Du hast unser Land gerettet und großen Einsatz für dein Volk gezeigt. Ich werde zurücktreten und du sollst sofort die Königin des Landes werden.“

Kurze Zeit später wurde die Prinzessin gekrönt und am Abend fand ein rauschender Ball statt und alle adeligen Herren des Landes waren wieder da. Alle wollten sie mit der jungen Königin tanzen und sie am liebsten auch gleich heiraten.

Doch als der König seine Tochter zum ersten Tanz in die Mitte des Ballsaals führte, trat plötzlich der Storch hervor. Er stakste auf die junge Königin zu und forderte sie zum Tanz auf. Sie sah, dass er immer noch ihr Spitzentaschentuch um sein linkes rotes Bein gewickelt trug, obwohl seine Wunde ganz sicher schon verheilt war. Sie tanzte den ganzen Abend nur mit ihm. Ein guter Tänzer war er immer noch nicht.

Als die Turmuhr zur Mitternachtsstunde schlug, kam ein heftiger Wind auf, fuhr durch die offenen Fenster in den Ballsaal und riss an den Federn des Storchs und blies beim zwölften Schlag alle Kerzen aus. Dann war es ganz still und dunkel im Raum. Der Mond lugte hinter einer Wolke hervor und leuchtet sein mildes Licht hinein.

Vor der Königin stand ein schöner Mann. Seine langen weiß-schwarzen Haare erinnerten noch an den Storch, der er gewesen war. Und sie sah, dass auch seine Augen dieselben geblieben waren.

Am nächsten Tag heirateten die beiden und lebten glücklich zusammen und bekamen viele Kinder. Prinzessin Rotbäckchen wurde fortan die Weiße Königin genannt und sie war eine gütige und gerechte Herrscherin.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Zu diesem  Märchen haben mich die Märchen der Brüder Grimm und mein Besuch in der Grimm-Bibliothek inspiriert.

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