Märchen: Marie mag keine Märchen

Marie mag keine Märchen

Marie sah ihr pausbackiges Gesicht mit den Sommersprossen im Lieblingsspiegel ihrer Mutter an und zerbrach ihn.

„Lass das, böses Kind!“, rief die Mutter und sperrte Marie im Kinderzimmer ein.

Beim Abendessen schaufelte Marie sich zum dritten Mal eine Kelle vom dicken Hirsebrei in ihre Schale.

„Iss nicht so viel, dickes Kind“, rief die Mutter und riss Marie den silbernen Löffel aus der Hand.

„Hast du deine Hausaufgaben schon gemacht?“, fragte der Vater, ohne von seinem Teller aufzublicken.

„Ja“, sagte Marie mit ihrer Stimme, die wie das Trompeten eines Elefanten klang.

„Schweige still, verlogenes Kind“, rief die Mutter.

„Warum sind wir mit diesem Kind bestraft“, sagte die Mutter und streckte die Hände hilfesuchend dem Vater entgegen. Der Vater zuckte mit den Achseln und kaute auf seinem Brot.

Als Marie wieder in ihrem Zimmer war, legte sie sich aufs Bett und blätterte in ihrem Märchenbuch. Sie malte jeder schönen Prinzessin einen schwarzen Bart ins Gesicht und eine Warze auf die Nase.

Als es Zeit zum Schlafen war, kam die Mutter herein. Auf ihrem Gesicht trug sie eine grüne Schönheitsmaske gegen Falten.

„Du siehst aus wie ein Frosch“, trompetete Marie und lachte hinter vorgehaltener Hand. Auf der Stirn der Mutter bildete sich eine steile Falte, die die Algenpaste aufbrechen ließ. Sie sah das geöffnete Buch auf Maries Schoß.

„Was hast du gemacht? Hast du die Bilder verunstaltet?“, rief die Mutter und gab Marie eine Ohrfeige.

„Nein, das war ich nicht. Das war die böse Hexe“, kreischte Marie.

„Morgen gehst du ohne Frühstück zur Schule“, befahl die Mutter. Marie war darüber nicht beunruhigt, denn sie hatte eine Notration von dicken, runden Marzipanbaumstämmen unter ihrer Matratze versteckt. Sie war keine Prinzessin, deshalb schlief sie gut auf ihrem Proviantlager.

Über Nacht schneite es und am Morgen lag eine dicke Schneeschicht auf dem Fensterbrett von Maries Zimmer. Sie legte einen vertrockneten Lebkuchenmann in den Schnee und hielt hinter dem Fenster Wache. Schon bald kamen einige Vögelchen angeflogen und pickten am Zuckermann, aber der war so hart, dass sie nichts ab bekamen.

Ihr Vater fuhr sie im Auto zur Schule. Das Radio lief, der Vater schwieg.

Als Marie aus der Schule kam, war niemand zu Hause. Sie schloss die Haustür mit dem Schlüssel auf, der an einer Kette um ihren Hals hing. Sie warf ihren Schulranzen in die Ecke und ging in die Küche. Sie wärmte sich eine Fertigpizza im Backofen auf und verschlang sie ohne Besteck. Ihre Fingern waren rot von der Tomatensauce und sie wischte sie an der weißen Kochmütze der Mutter ab. „Rotkäppchen“, murmelte sie vor sich hin und kicherte.

Sie ging die Treppe hoch und hinterließ schlammige Abdrücke ihrer gelben Gummistiefel auf dem roten Teppichläufer. Auf halber Höhe der Treppe zog sie ihren linken Stiefel vom Fuß und ließ ihn auf der Treppe stehen. Sie wusste, dass es keinen Prinzen gab, der ihn aufnehmen und nach ihr suchen würde. Sie tat es trotzdem.

In ihrem Zimmer warf sie sich auf ihr Bett, kaute auf einem Apfellutscher und blätterte in ihrem Märchenbuch. Sie betrachtete das Bild des schönen Prinzen auf Brautschau, wie er mit wehendem Mantel auf einem Schimmel zum Haus von Aschenputtel ritt und ihren goldenen Tanzpantoffel in der Hand hielt. Marie nahm ihre Filzstifte zur Hand und übermalte das zierliche Pantöffelchen, so dass der Prinz nun einen derben gelben Gummistiefel trug.

Plötzlich hörte sie ein leises Geräusch, wie das Schnurren eines Katers. Sie blickte auf und sah, dass sich die Tür ihres Kleiderschranks einen Spalt weit geöffnet hatte. Ein goldenes Licht leuchtete hervor. Die Sommersprossen auf ihrer Nase kribbelten. Marie fuhr sich mit der Hand durch ihre verknoteten braunen Locken, sie kniff ihre Augen einige Male zusammen, aber das Licht und die Öffnung blieben. Sie erhob sich und ging auf den Schrank zu. Als sie nur noch einen Schritt vom gülden leuchtenden Spalt entfernt war, ging die Tür mit Schwung auf und Marie wurde ins Innere des Schranks gesogen.

Dann war es dunkel. Marie tastete mit ihren Händen um sich. Aber statt ihrer weichen Kleidung fasste sie an etwas hartes und runzliges. Allmählich gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit, sie konnte in der Ferne ein schwaches Leuchten kleiner Pünktchen erkennen. Es sah aus wie ein Sternenhimmel. War sie im Freien? Sie hörte den Ruf eines Vogels. Sie wusste nicht, ob es eine Nachteule war. Es roch seltsam. Feucht und Grün. Ihre Hände erforschten die feste Oberfläche neben sich. Es war ein runder Stamm so dick wir ihr eigener Körper und auf einer Seite fühlte sie etwas pelzig Weiches. Aber es war kein Tier, sondern Moos. Ein leichter Wind fuhr kalt durch ihre wirren Locken. Der Wind schob die Wolken weiter und jetzt guckte der Mond am Himmel hervor und warf sein silbernes Licht auf Marie. Sie war in einem Wald.

Ganz alleine. Oder etwa nicht? Sie horchte. Wieder rief der Vogel. Es musste eine Eule sein, beschloss Marie. Dann heulte ein Wolf. Ja, ein Wolf. Mit tiefer, grässlicher Stimme. Es war ein gieriges Hungerheulen. Maries Zähne fingen an zu klappern. Hätte sie doch bloß etwas Süßes zwischen den Zähnen. Ihre Marzipanbaumstämme unter der Matratze wären jetzt genau das Richtige. Aber Marie war nicht ausgerüstet für den Wald. Sie macht ein paar unsichere Schritte in Richtung Mond. Einige Stöckchen stachen ihr in den bestrumpften Fuß. Ihr linker Stiefel stand immer noch auf der Treppe und lockte keinen Prinzen an.

Nur halb gestiefelt begann sie, durch das Unterholz zu kraxeln. Bald war ihr Strumpf ganz feucht vom Moos. Der Boden war bedeckt vom grünen Teppich, dazwischen lagen Steine und Ästchen. Marie suchte einen Weg. Zurück in den Schrank und in ihr Zimmer konnte sie nicht, denn hinter ihr war kein Schrank mehr. Also vorwärts, immer dem Licht entgegen. Es kam ihr vor, als sähe sie einen kleinen Pfad aus Kieselsteinen vor sich, der im silbernen Mondlicht schimmerte. Bald erreichte sie den schmalen Weg und der Kies knirschte unter der Sohle ihres rechten Stiefels und die kantigen Steine piksten sie in die linke Fußsohle und wollten sich zwischen ihre Zehen klemmen.

Auf einmal sah sie etwas Weißliches vor sich liegen. Sie beugte sich hinunter. Es war ein Bröckchen Brot. Sie guckte weiter und sah, dass vor ihr eine Spur von Brotkrumen lag. Ha! Jetzt wusste sie, was das war. Hänsel hatte die Spur gelegt, damit er und Gretel den Rückweg zu ihrem Elternhaus finden würden. Aber das würde schiefgehen, das wusste Marie. Die Vögel würden die Krumen futtern und Hänsel und Gretel würden anstelle ihrer Wohnhütte das Knusperhäuschen der Hexe finden. Beim Gedanken an ein ganzes Haus aus saftigem Lebkuchen mit Zuckerguss lief Marie das Wasser im Mund zusammen. Sie folgte der Brotkrumenspur von Hänsel – dabei konnte sie es sich nicht verkneifen, jeden zweiten Brotkrumen in den Mund zu stecken und genüsslich zu kauen. Nach einigen Wegbiegungen endete die Spur. Die Vögel waren schneller gewesen oder Hänsel war das Brot ausgegangen. Wo waren die beiden Geschwister von hier aus wohl hingegangen? Vor ihr lag eine Lichtung mit einer hohen Wiese. Sie konnte sehen, dass die langen Grashalme an einer Stelle umgeknickt waren. Die Spur der umgeknickten Grashalme führte Marie quer über die Lichtung. Auf der gegenüber liegenden Seite standen viele schmale Birken, deren Stämme im Mondlicht hell schimmerten.

Als Marie zwischen den Birken war, blieb sie stehen und sog die Luft tief in ihre Nase. Es roch nach Lebkuchen. Sie ging weiter und es wurde immer heller. Die Sonne ging auf.

Dann sah sie es: Das Knusperhäuschen der Hexe. Genau so, wie sie es sich immer vorgestellt hatte. Eine viereckige Hütte mit kleinen Fenstern und einem spitzen Dach, braun gewölbte Lebkuchenwände mit Zuckerverzierung in weiß, rosa und blau, das Dach mit Ziegeln aus dicken Spekulatiusscheiben gedeckt. Der runde Schornstein war ganz aus Keks, aus dem eine durchsichtig weiße Zuckerwattewolken ragte wie schaumiger Schnee.

Marie war völlig versunken in diesen Anblick. Ihr Magen rumorte auffordernd, aber ihre Beine schienen mit dem Boden verwurzelt. Jetzt dachte sie wieder an Hänsel und Gretel. Waren sie schon im Haus, als Gefangene der Hexe? Was würde die Hexe tun, wenn Marie sich zeigte? Würde sie Marie auch im Ofen backen wollen? Würde Marie Gretel helfen? Eigentlich kamen die Kinder ja ganz gut ohne fremde Hilfe aus. Plötzlich wünschte sie sich, sie könnte Gretels Freundin sein. Zusammen würden sie die Hexe auf jeden Fall besiegen. Jetzt lösten sich Maries Beine und sie ging mit schnellen Schritten auf das Knusperhäuschen zu.

Sie stand vor dem Fenster und wollte hinein sehen. Aber welcher Anblick bot sich ihr: Aus der Nähe erkannte sie, dass das Haus ganz und gar aus Pappe war. Die Wände waren braun angemalt und hatten dunkle Schatten, so dass sie wie gewölbter Lebkuchen aussahen. Sie drückte mit dem Zeigefinger auf den Zuckerguss am Fensterrahmen und spürte nur trockenes Papier und krümelige Farbe. Die Scheiben waren nicht aus Glas, sondern blau angemaltes Papier und erlaubten keinen Blick ins Innere.

Tränen der Enttäuschung schossen ihr in die Augen. Nicht, weil sie um den Genuss der Leckereien betrogen war, sondern um den Zauber dieses Hauses. Diese Pappschachtel war die Kulisse für ein Schauspiel ohne Spieler. Trotzdem rief Marie mit ihrer Trompetenstimme „Hänsel“ und „Gretel“ in die Stille der Waldlichtung hinein. Nicht einmal ein Echo antwortete ihr.

Aber es gab doch jemanden, der ihren Ruf hörte. Ein Wesen auf vier Tatzen hob seinen Kopf und schnupperte in die Luft. Ein leises Grollen drang aus seinem flachen Bauch. In jedem Märchenwald wohnt ein Wolf und dieser Wolf hatte Hunger. Marie stand noch unschlüssig vor dem jämmerlichen Papphaus, als sie das Magengrollen hinter sich hörte.

Sie drehte sich erschrocken um und blickte in ein gelbes Augenpaar in einer fürchterlichen Wolfsfratze. Marie sperrte vor Schreck ihren Mund weit auf, aber kein Ton kam über ihre Lippen.

„Warum hast du so einen großen Mund?“, fragte der Wolf mir tiefer, rauer Stimme.

„Das ist mein Text“, sagte Marie, die sich von ihrem Schrecken schnell erholt hatte. Mit Wölfen kannte sie sich aus.

„Du suchst bestimmt Rotkäppchen“, fuhr Marie fort.

„Rotkäppchen?“, grummelte der Wolf.

„Kenne ich nicht. Aber ich fresse dich gerne mit Haut und Haaren. Mit oder ohne rotes Käppchen“, grollte der Wolf.

„Oder magst du lieber sieben kleine Geißlein?“, fragte Marie, der es nun doch ein bisschen unbehaglich wurde. Die Augen des Wolfes leuchteten auf.

„Ah, die sieben Geißlein“, der Wolf sabberte vor Appetit beim Gedanken an die Jungtiere.

„Sie lassen mich nicht ins Haus. Sie sind zu klug für mich.“

„Du musst Kreide fressen. Dann bekommst du eine ganz sanfte Stimme und die Geißlein halten dich für ihre Mutter und lassen dich herein“, sagte Marie eilfertig. Ihr tat es leid um die kleinen Geißlein, aber andererseits wusste sie, dass die Mutter sie wieder gesund aus dem Bauch des Wolfes befreien würde. Der Wolf wiegte seinen Kopf hin und her und schien nachzudenken.

„Weil du mir diesen guten Ratschlag gegeben hast, will ich dich verschonen“, sagte er schließlich. Der Wolf wendete sich ab und verschwand mit kräftigen Sprüngen im Dickicht.

Marie seufzte erleichtert. Sie wollte den Rückweg in ihr Kinderzimmer finden. Allmählich hatte sie genug vom Märchenwald. Sie ging um das falsche Lebkuchenhaus herum und sah, dass die Bäume sich dort noch mehr lichteten und dahinter eine gepflegte Parkanlage lag. Vielleicht gehörte der Park zu einem Königsschloss. Mit neuer Zuversicht ging sie in Richtung des Parks.

Sie hatte sich nicht getäuscht. Bald kam sie an farbenprächtigen Blumenbeete und Obstgärten vorbei. Sie hielt Ausschau nach einem Schloss, das von Dornen umrankt war und spähte nach einem Turm, aus dessen Fenster ein langer Haarzopf herunter hing. Aber sie entdeckte nichts dergleichen. Diese Märchenwelt war wirklich eine Enttäuschung.

Plötzlich hörte sie ein Quaken, das aus der Tiefe der Erde zu kommen schien. Dort unter einem Haselnussbäumchen entdeckte sie eine gemauerte Öffnung. Ein Brunnen. Aber dieser war nicht königlich, sondern klein und halb verfallen. Wieder hörte sie das Quaken. Das kam eindeutig von einem Frosch. Marie ließ sich auf ihre Knie sinken und beugte sich über die dunkle Öffnung, die gerade so breit wie ihre Schultern war.

„Haaalloooo“, sagte sie in die Tiefe und ihre Stimme kam als mehrstimmiges Echo zurück.

„Quak quak“, kam es von unten. Marie strengte ihre Augen an und tatsächlich meinte sie, am Grunde des Brunnens einen golden schimmernden Ball auf der Oberfläche des brackigen Wassers schwimmen zu sehen.

„Hat die Prinzessin ihren goldenen Ball in den Brunnen fallen lassen? Sie will ihn bestimmt wieder haben und lässt dich zum Lohn in ihr Schlafgemach“, sagte Marie.

„Quak“, kam die Antwort aus der Tiefe, „die Prinzessin ist weggelaufen, weil sie plötzlich einen schwarzen Bart und eine Warze auf der Nase bekommen hat. Seitdem ist sie nicht zurück gekommen. Und ich muss auf immer und ewig ein Frosch bleiben.“

Marie schämte sich ein wenig, denn sie erkannte, dass sie selbst für die Verschandelung der Prinzessin verantwortlich war.

„Den Bart und die Warze kann man abwaschen. Die Prinzessin kommt bestimmt wieder“, versuchte Marie, den Frosch zu trösten.

„Quak. Vorhin ist hier ein Prinz vorbei geritten“, sprach der Frosch, „und hat an meinem Brunnen Wasser geschöpft. Er trug einen gelben Gummistiefel bei sich und suchte seine Braut. Er war ganz niedergeschlagen, denn er hatte gerade ein liebliches Mädchen in staubigen Lumpen kennengelernt, die er gerne zur Frau genommen hätte, aber ihr zarter Fuß war zu groß für den gelben Gummistiefel. Da ist er fortgeritten, um weiter nach dem passenden Fuß seiner Braut zu suchen.“

Marie machte große Augen und war sprachlos.

„Quak. Seltsame Dinge geschehen, ein böser Zauber geht um in unserem Land. Quak.“

„Gib mir den goldenen Ball. Zum Dank verspreche ich, dass ich das Gesicht deiner Prinzessin und die Sache mit dem Schuh des Prinzen wieder in Ordnung bringen werde“, sagte Marie zum Frosch. Eine Weile war es still. Dann quakte und platschte es in der Tiefe und die goldene Kugel bewegte sich tatsächlich langsam nach oben. Der Frosch balancierte sie auf seiner platten Nase und kam an der Brunnenwand hoch gekrabbelt.

Marie lächelte zufrieden. Doch kurz vor der Oberfläche hielt der Frosch an. Marie streckte ihre Hand nach dem goldenen Ball aus, aber ihre dicken Fingerchen konnten ihn nicht erreichen. Also schwang sie ihre Beine über den Rand des Brunnens und reckte sich so weit es ging nach unten. Der Frosch quakte und es klang wie ein hämisches Kichern. Marie bekam einen ganz roten Kopf vor Anstrengung. Aber sie wollte nicht aufgeben. Sie reckte und streckte sich nach dem Ball. Schon berührten ihre Fingerspitzen das goldene Rund, als sie plötzlich den Halt verlor und nach unten abrutschte. Sie fiel mit den Beinen voran nach unten, aber sie fiel nicht tief. Der Brunnenschacht wurde bald ganz eng und Marie blieb mit ihrem pummeligen Oberkörper darin stecken. Ihre Beine strampelten in der Luft, ihr gelber Gummistiefel rutschte von den glitschigen Wänden des Schachts ab. Mit ihrem nackten großen Zeh im zerrissenen Strumpf tastete sie das Mauerwerk ab, fand aber nirgends Halt.

„Du blöder Frosch“, rief Marie und ihre Trompetenstimme klang ohrenbetäubend im engen Brunnen. Der Frosch gab ihr keine Antwort.

Hier unten war es nun unheimlich still, nur ein leises Tröpfeln von Wasser war zu hören. Maries Körper war völlig vom Stein der Wände eingeschlossen, so dass sie nicht nach unten sehen konnte. Nur nach oben. Über ihr hing ein künstlich blauer Himmel mit Wolken wie Schafe, die sich nicht bewegten. Auf einmal fühlte sich Marie an das gemalte Knusperhäuschen erinnert. War dieser Himmel genauso falsch?

Aber warum war der blöde Brunnen nicht aus Pappe? Allmählich bekam sie Angst.

„Hilfe! Hört mich jemand?“, rief sie immer wieder, erst zornig, dann immer kläglicher. Sie wusste nicht, wie lange sie schon feststeckte und wie oft sie schon gerufen hatte. Ihre Stimme war heiser und krächzend geworden.

Plötzlich wurde es über ihr dunkler. Sie legte ihren Hals in den Nacken und lugte nach oben. Über den Brunneneingang beugte sich der graue Kopf vom Wolf.

„Hilf mir! Hol mich hier heraus“, bat Marie.

„Du hast mich hereingelegt. Verlogenes Kind!“, sagte der Wolf mit tiefer Stimme. Er knirsche mit seinen Zähnen und schien etwas dazwischen zu zermalmen. Kleine weiße Brocken fielen auf Maries Haare.

„Hier ein bisschen Kreide für dich. Die kannst du fressen. Wenn deine Stimme zarter klingt, dann mag dich deine Mutter vielleicht lieber“, sagte der Wolf und verschwand mit schleppendem Gang, die Wackersteine schlugen in seinem Bauch gegeneinander.

Marie schüttelte heftig ihren Kopf und die Kreidebrocken rieselten über ihr Gesicht und vermischten sich mit ihren Tränen. Dann hörte sie auf einmal eine zweite Stimme.

„Du hast meine Brotkrumen gegessen. Böses Kind!“, klang eine helle Knabenstimme. Es war Hänsel. Marie blickte nach oben, sah aber niemanden.

„Böses Kind. Böses Kind. Böses Kind“, sang das Echo. Es klang aber nicht mehr wie Hänsel, sondern wie die Stimme ihrer Mutter.

„Mutter?“, krächzte Marie.

„Mutter, hilf mir!“, rief sie so laut sie konnte. Ihre Trompetenstimme brachte die Erde zum Beben. Aber die Wände des Brunnenschachtes hielten sie immer noch fest. Jetzt drang ein heller Lichtschein von oben in den Brunnen und sie erkannte die runde Lampe aus ihrem Kinderzimmer. Kurz tauchten die Gesichter ihrer Mutter und ihres Vater über dem Brunnen auf und verschwanden wieder.

„Vater! Mutter!“, rief Marie, aber kein Laut kam aus ihrem Mund. Stattdessen machte es

„Quak quak“ und sie sah, wie der Frosch aus einer Ritze gekrabbelt kam und nach oben huschte. Er setzte sich wie ein Zeremonienmeister auf den Rand des Brunnens und sprach zu den Eltern, die oben standen, außerhalb von Maries Sichtfeld.

„Quak. Nur Ihr könnt das Kind befreien. Ich gebe Euch drei Rätselfragen. Wenn Ihr diese richtig beantwortet, ist Marie erlöst. Diese Frage geht an den Vater: Welche Augenfarbe hat Marie?“

Der Vater wusste es nicht. Der Frosch schüttelte traurig seinen Kopf.

„Quak. Diese Frage geht an die Mutter“, fuhr der Frosch fort.

„Was ist die beste Eigenschaft von Marie?“

Die Mutter gab keine Antwort. Der Frosch schüttelte wieder seinen Kopf. Er konnte nicht zulassen, dass das Mädchen für immer in der Märchenwelt blieb. Sie brachte seine Welt zu sehr durcheinander. Die Eltern würde er gerne zur Strafe ins Hexenhaus schicken, aber die Hexe hatte keinen Appetit auf so magere Kost. Eine Lehre wollte er ihnen dennoch erteilen.

„Quak. Ich gebe Euch eine letzte Chance. Wenn Ihr beide die richtige Antwort gebt, kommt Marie frei. Es geht um Lüge und Wahrheit. Ich gebe Euch zwei Sätze. Ihr müsst den Satz herausfinden, der wahr ist und ihn gemeinsam aussprechen. Passt auf und denkt gut über Eure Antwort nach. Der erste Satz lautet: Marie, wie lieben dich nicht. Der zweite Satz lautet: Marie, wir lieben dich.“

Der Frosch blickte die Eltern forschend aus seinen großen Kulleraugen an. Mutter und Vater steckten ihre Köpfe zusammen und berieten sich flüsternd. Dann schauten sie zum Frosch und riefen im Chor:

„Marie, wir lieben dich!“

Kaum waren diese Worte verklungen, da verlöschte die Himmelslampe und ein Schmerzensschrei schallte im Brunnen. Marie kniff die Augen zusammen und hielt die Hände über ihre Ohren, bis sie merkte, dass sie es selbst war, die geschrien hatte. Sie öffnete ihre Augen. Über ihr schaukelte die Lampe des Kinderzimmers wie nach einem Sturm. Jemand hielt sie im Arm. Es war ihre Mutter, die sich nun mit ihrer grünen Schönheitsmaske über sie beugte. Sie sah aus, wie ein Frosch.

„Du hast geträumt, mein Kind“, sagte sie und strich Marie sanft eine Träne von der Wange.

 

Einige Gedanken zu den Ursprüngen und Motiven dieses Märchens findet ihr in meinem Blogeintrag vom 16.09.2018:

Märchen auf den Kopf gestellt – nicht von guten Eltern

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