Woche 6: Deutsches Technikmuseum – Rendezvous mit Roboter Tim

Warum hier:

Normalerweise würde es mindestens 11 Pferde brauchen, um mich ins Technikmuseum zu schleppen. Aber eine besondere Attraktion lockt mich an: Der Museumsroboter Tim.

Schon seit der Antike hat der Mensch immer wieder versucht, eine künstliche Figur nach seinem Ebenbild zu erschaffen – einen künstlichen Menschen, der mit den Mitteln der Mechanik, der Elektronik und manchmal auch der Magie seinem Schöpfer nicht nur an Intelligenz gleicht, sondern auch über das Unbegreifliche verfügen soll: eine Seele.

In der Literatur und auch in anderen Kunstformen ist diese Hybris des Menschen (Mannes) und sein tragisches Scheitern immer wieder beschrieben. Heute will ich den Berliner Roboter kennenlernen und bin gespannt, ob er mich zum Schreiben inspirieren kann.

Zur Einstimmung:

Der Ort:

Im Hauptgebäude des Deutschen Technikmuseums nähere ich mich ein wenig widerstrebend der Computer-Abteilung. Hier stehe ich dem ersten elektromagnetischen Computer von Konrad Zuse (Z3) von 1941 gegenüber. Metallschalter und Kabel in raumfüllender Größe. Wie hierin mit Nullen und Einsen künstliche Intelligenz erzeugt wird, bleibt für mich ein Rätsel.

Um den Roboter Tim zu finden, gehe ich über das stimmungsvolle Gelände zwischen Tempelhofer Ufer und Park am Gleisdreieck zum langgestreckten Ladegebäude.

Drinnen führt mich mein Weg an einiger Pferdestärke vorbei, bis ich in die Ausstellung „Das Netz“ gelange.

Hier wird die Wirkungsweise von Computer und Internet in verschiedenen Lebensbereichen (z.B. Wissen, Nachrichten, Shopping, Haus, Spiele) gestern und heute anschaulich dargestellt. Viele Kinder mit ihren Eltern tummeln sich hier – und schon höre ich ein kleines Mädchen neben mir sagen: „Wo ist denn Tim?“. Das Kind und ihre Freunde laufen durch die Ausstellung auf der Suche nach dem Roboter – und ich hinterher.

Und bald finden wir ihn – der vielbeschäftigte Museumsführer ist von Kindern umringt. Auf seinem Touchscreen sind Bilder von Ausstellungsobjekten. Eine Berührung und schon verkündet Tim mit monotoner Stimme: „Okay, ich bringe dich jetzt zu deinem Ziel.“

Dann saust er auf seinem kreisrunden Standbein los, dreht dabei animierend seinen durchsichtigen Plexiglaskopf um 360 Grad (ob er wohl zur Physio muss, um seine verspannten Kabelstränge im Nacken zu lockern?), als wolle er sehen, ob ihm seine Gäste auch folgen. Dabei sagt er in regelmäßigen Abständen: „Hier lang“ und „Alle noch da?“

Wenn seine Schar zurück fällt, rollt er unbeirrt weiter. Als Babysitter würde ich ihn jedenfalls nicht engagieren. Dann schon lieber den Terminator – der opfert sich für seinen Schützling auf und lernt sogar ein paar menschliche Werte (man darf nicht einfach jeden töten) und coole Sprüche („Hasta la vista, baby“) vom Menschenkind.

Manchmal dreht Tim eine Pirouette, wenn ein Hindernis auftaucht, ansonsten ist er sehr zielstrebig. Konversation ist nicht seine Stärke. Fragen ignoriert er. Ein schlechter Gastgeber ist er aber nicht – immerhin kommen die menschlichen Besucher untereinander ins Gespräch.

Am Ziel angekommen, referiert es über den Ausstellungsgegenstand – das wollen die Kinder aber gar nicht hören, sondern schicken ihn gleich wieder los und rennen ihm nach.

Ein Mädchen versucht, ihn zu umarmen oder aufzuhalten – was Tim völlig kalt lässt. Nur wenn man ihm seinen Fuß in den Weg stellt, bleibt er stehen und sagt: „Kannst du bitte deinen Fuß wegnehmen?“

Irgendwann habe ich Tim mal für mich alleine und er erzählt mir etwas zur Wortherkunft von „SPAM“ (Dosenfleisch) – dabei schaue ich in seine großen blauen Kameraaugen in seinem runden Riesenkopf – er verwirklicht das Kindchenschema und erinnert mich auch ein wenig an E.T. Hin und wieder klimpert er mit den Augen: mit mechanischem Geräusch schiebt ein Bügel seine Augenlider über die Linse. Das ist so tölpelhaft, dass ich es arglos und irgendwie rührend finde. Er kann ja nichts dafür, dass sein Schöpfer ihn nicht mit mehr Fähigkeiten ausgestattet hat.

Ein paar Sätze mehr hätten Tim gut getan. Im Androiden-Roman „L’Eve de future“ (1886) vom Dichter Auguste Philippe Villiers de l’Isle Adam lässt sich der Protagonist Lord Ewald eine Automatenfrau namens Hadaly konstruieren, die seiner Freundin Alicia nachempfunden, jedoch nach seinen Wünschen ins Vollkommene gesteigert ist. Diese Idealfrau kann zum Beispiel dank eines Goldphonographens 7 Stunden lang tiefsinnige Texte großer Dichter rezitieren.

Schließlich verabschiede ich mich von Tim (was er leider nicht erwidert) und lasse im Museumscafé Tor Eins meine Eindrücke nachklingen.

Worin besteht die Faszination eines künstlichen Menschen? Selbst der recht simple Mechanismus vom Roboter Tim hat Klein und Groß angezogen.

Ist es die Beherrschbarkeit des Maschinenmenschen?

Die Roboter der Antike waren Diener der Menschen – bewegliche Statuen zur Bedienung der Götter beim Essen oder Riesen aus Eisen zur Bewachung einer Stadt.

Ist es der Wunsch, eine Kreatur zu schaffen, die einzig und alleine der Erfüllung eines menschlichen Bedürfnisses dient? Fast immer ist es die Liebe.

In E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann verliebt sich der Jüngling Nathanael unter dem Einfluss einer magischen Brille in die Puppe Olimpia, die mechanisch sprechen (ihr einziges Wort lautet: „Ach“), singen und tanzen kann.

„Eiskalt war Olimpias Hand, er fühlte sich durchbebt von grausigem Todesfrost, er starrte Olimpia ins Auge, das strahlte ihm voll Liebe und Sehnsucht entgegen und in dem Augenblick war es auch, als fingen an in der kalten Hand Pulse zu schlagen und des Lebensblutes Ströme zu glühen. (…) Er saß neben Olimpia, ihre Hand in der seinigen und sprach hochentflammt und begeistert von seiner Liebe in Worten, die keiner verstand, weder er, noch Olimpia. Doch diese vielleicht; denn sie sah ihm unverrückt ins Auge und seufzte einmal übers andere: »Ach – Ach – Ach!« – worauf denn Nathanael also sprach: »O du herrliche, himmlische Frau! – du Strahl aus dem verheißenen Jenseits der Liebe – du tiefes Gemüt, in dem sich mein ganzes Sein spiegelt« und noch mehr dergleichen, aber Olimpia seufzte bloß immer wieder: »Ach, Ach!«“

Hier wird deutlich, dass diese Liebe eine reine Wunschprojektion ist. Seine Idealfrau ist ein Spiegel seiner selbst, die ihm Bestätigung gibt. Eine ziemlich narzisstische Form der Liebe.

Die Metamorphose des Narziss von Salvador Dalí (1937), Tate Modern London

Aber macht nicht gerade auch das Unvorhersehbare, nicht Beherrschbare des Gegenübers seine menschliche Qualität aus?

In Liebesdingen würde Oscar Wilde dem auf jeden Fall zustimmen. „The very essence of romance is uncertainty“ (aus: „The Importance of Being Earnest“).

Auch beim Roboter ist die Faszination glaube ich weniger die Beherrschbarkeit, sondern vielmehr die Suche nach dem magischen Etwas, was wir Seele nennen – und manchmal in einem guten Menschen-Immitat zu erkennen glauben.

Allerdings gibt es Roboter, die einem Menschen zum Verwechseln ähnlich sind, bisher nur im Film.

In Filmen wie Metropolis, Blade Runner und A.I. – Künstliche Intelligenz entwickeln Maschinen / Androide / Replikanten ein eigenes Bewusstsein. Sie lösen sich aus ihrer Knechtschaft und wenden sich gegen ihren Schöpfer. Oder sie lernen zu träumen und zu lieben – wie der Roboter-Junge David aus A.I., der durch einen Zauber menschlich werden möchte, damit seine Menschenmutter ihn liebt.

Die Kreatur sehnt sich genauso nach Liebe, wie ihr Schöpfer. Diese Sehnsucht bleibt aber für beide Seiten unerfüllbar.

Zurück im Café. Ich unterbreche meinen Gedankenfluss, um den Ort für meinen Blog auch fotografisch festzuhalten. In dem Moment kommt die Bedienung (ein Mann mit Hipster-Bart) an meinen Tisch, stellt das Stück Ziegenkäse-Himbeertorte vor mich hin und sagt:

„Hier ist noch was zum fotografieren“.

Da fällt mir noch ein Unterscheidungsmerkmal zwischen Mensch und Maschinenmensch ein: Der Humor.

Das gewisse Extra:

Ich kann meinen Namen nun mit Bits schreiben:

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Eine wunderbare musikalische Umsetzung der Geschichte von E.T.A. Hoffmann kann man an der Komischen Oper Berlin erleben „Les Contes d’Hoffmann“ von Jacques Offenbach (Mo, 17. April).

Wer möchte mitkommen?

Meine Sterne-Wertung für den Schreibort:

Produktivität („wordcount“)

★★☆☆☆

Inspiration

★★★★☆

(T)1010100(I)1001001(M)1001101 -Faktor

★★★★★

Woche 5: Verlassenes Institut für Anatomie – die Anatomie der Fantasie

Warum hier:

Seit ich Bilder vom verlassenen Institut für Anatomie der Freien Universität Berlin gesehen habe, möchte ich diesen Ort entdecken. Es ist einer der top Berliner Pilgerorte für Fotografen, die „lost places“ aufsuchen. Mich reizen der geisterhafte Hörsaal und der gruselige Keller mit den Leichenkühlfächern. Und mich reizt auch, dass es ein verbotener Ort ist.

Zur Einstimmung:

Der Ort:

Bei herrlichem Sonnenschein spaziere ich die Peter-Lenné-Straße in Dahlem entlang, vorbei an prächtigen Villen mit umzäunten Gärten. Nichts kann diese heile Welt trüben. Doch da liegt es – das Eckgrundstück mit wilden Sträuchern und verrottetem Herbstlaub im struppigen Gras. Darauf steht trotzig ein Gebäude mit zerbrochenen Scheiben und Graffiti an der bröckelnden Fassade. Ein stabiler Bauzaun umkreist das Objekt. Hier scheint es kein Hineinkommen zu geben.

Doch was ist das? Direkt vor dem Hauptportal gibt es einen kleinen Durchschlupf unter dem Zaun. Also nichts wie hinunter auf den Boden, meine Haare fegen beim Durchrollen über den erdigen Untergrund – und ich bin drinnen. Übrigens habe ich für mein heutiges Abenteuer einen Komplizen (Olli) dabei – für den Fall, dass es böse Geister im Haus gibt.

Wir klettern durch die scheibenlosen Öffnungen der doppelten Holztüren und jetzt sind wir im Haus.

Vom Foyer gehen Türen in alle Richtungen ab. Auf meinem Erkundungsweg durch das Erdgeschoss knirschen bei jedem Schritt Glasscherben unter meinen Sohlen. Alle Fenster sind ohne Gläser und lassen die Frühlingsbrise herein. Ich komme durch große Säle mit kathedralenhafter Andächtigkeit. Überall sehe ich bunte Bilder und Schriftzeichen an den Wänden – die lebendigen Zeugnisse meiner Vorgänger.

Ich gehe durch lange Flure, kleine Bürozimmer, breite Laborräume mit gemauerten Tischen vor den Fenstern, die den Blick freigeben in einen lauschigen Innenhof mit Tannengrün und gelb blühenden Osterblumen.

Die Grenze zwischen drinnen und draußen ist aufgehoben.

Dort ein „Operationstheater“.

Wo geht es nun in den Keller? Tatsächlich finden wir kurz vor der Treppe einige rote Tropfen auf dem Fliesenboden – bei denen es sich nach unserer forensischen Fachmeinung eindeutig um Blutspuren handelt. Im dunklen Keller ist es sofort um einige Grad kälter, die Flure sind enger und die Decken niedriger. Unvermittelt stoße ich in einem Zimmerchen auf einen stählernen Seziertisch – der mit roten Blütenblättern fotogen dekoriert ist.

Und schließlich finden wir sie – die langen Reihen von Metallfächern, die in steriler Funktionalität der Aufbewahrung von Leichen dienten. Heute können die bunt bemalten Klappen der Fantasie als Gerüst für eine Schauergeschichte dienen. Die Geister sind aber schon ausgeflogen. Auf eine Kühlkammer hat jemand geschrieben: „Ganz schön tot hier“.

Den Eindruck habe ich gar nicht. Der Ort ist voll von der Präsenz anderer Menschen, die hier ihre kreativen Spuren hinterlassen und sich den Raum gestalterisch zueigen gemacht haben.

Wieder im Tageslicht und einige Flure weiter komme ich endlich in den Hörsaal – ein würdevolles Amphitheater. In einer Ecke steigt mir beißender Brandgeruch in die Nase, ein paar verkohlte Überreste zeugen davon.

Standhaft reihen sich die unzähligen Holztische und Bänke vor mir auf, als könnte hier jeden Augenblick eine Verwandlung stattfinden und der Saal sich mit wissbegierigen Studierenden füllen.

Ich gehe durch die Reihen. Auf dem Boden liegen Chipstüten, süße Knabbereien, Getränkeverpackungen – vielleicht von der Party der letzten Nacht. #aboutlastnight

Ich suche mir einen Platz – die meisten Klapptische verharren unbeweglich in halb aufrechter Lage, aber einige laden doch mit (staubiger) Tischfläche zum Schreiben ein. Die hölzerne Sitzfläche ist schon ein bisschen aufgesplittert, aber wie ich hier so mit Schreibbuch und Stift sitze, fühle ich mich sofort am richtigen Ort.

Rundherum lassen die großen Fensterrahmen die Luft und die Sonnenstrahlen ungehindert in den Raum schweifen, ich höre Vogelgezwitscher und manchmal ferne Stimmen und Motoren von draußen. Das Haus und dieser Raum gehören im Moment mir alleine, ich bin nicht abgeschnitten, aber doch abgeschirmt vom Rest der Welt. Ich befinde mich außerhalb der Zeit, auf einer Insel der Fantasie – und der Freiheit.

Jetzt kommt mir nochmal der Leichenkeller in den Sinn und ich muss an Mary Shelleys „Frankenstein“ denken – wie dort ein Mensch versucht, gottgleich mit den Mitteln der Medizin einen neuen Menschen anatomisch zu rekonstruieren und ihn zum Leben zu bringen („It’s alive„- herrliches Pathos im Film von 1931 ).

Als Schriftsteller benötige ich jedoch nur meine Fantasie, um einen Menschen zu erschaffen. Dieser schöpferische Akt des Schreibens ist grenzenlos. Manchmal frage ich mich, ob meine Figuren ein Eigenleben haben und was sie so treiben, wenn ich ihnen den Rücken kehre. Und was ist mit all den Charakteren in den Büchern, die ich gelesen habe? Hören sie auf zu existieren, sobald ich das Buch zuklappe? Ich glaube nicht…

Das gewisse Extra:

Das verlassene Gebäude ist für viele ein (Frei-) Raum, um ihre Kreativität auszuleben. Hier hat jemand eine kleine Ausstellung kuratiert.

Hier ein surrealistisches Wort-Bild: „Das ist noch nicht das Ende. Das ist noch nicht mal der Anfang vom Ende. Aber das hier ist vielleicht das Ende vom Anfang“.

Was wohl hinter dieser Tür liegt? Hier sind auch eurer Fantasie keine Grenzen gesetzt.

Meine Sterne-Wertung für den Schreibort

Produktivität („wordcount“)

★★★☆☆

Inspiration

★★★★★

Vorstrafenregistererweiterungs-Faktor

★★★★★

Woche 4: Von der Eisscholle zum Kurfürstendamm – Literaturhaus Fasanenstraße 23

Warum hier:

Heute ist der Kurfürstendamm für viele der Inbegriff von Luxus und Shoppingrausch. Aber im Berlin der Weimarer Republik war der Ku’damm das Zentrum des kulturellen Lebens.

„Die Tanzdielen, Cafés, Kabaretts, Revuen und Theater waren origineller, avantgardistischer, erotischer, geistvoller und anzüglicher. Das Publikum war prominenter, die Künstler verrückter, die Autos schneller.“ (Karl-Heinz Metzger)

Kein Wunder also, dass hier auch die bekannten und weniger bekannten Schriftsteller dieser Zeit zu Hause waren. Im Salon der historischen Villa aus dem Jahr 1890 in der Fasanenstraße 23 gingen die Literaten ein und aus. Nun pflegt das Literaturhaus diese Tradition. Heute begebe ich mich auf ihre Spuren.

Zur Einstimmung:

 

Der Ort:

Ich spaziere im schönsten Sonnenschein von der Gedächtniskirche den Ku’damm entlang. Vorbei am Apple-Tempel, vor dem Hotel Restaurant Kempinski sitzen heute morgen schon Leute mit Designersonnenbrillen. Gegenüber erstrahlt die klassizistische Fassade des ehemaligen Nelson-Theaters – heute werden dort Hilfiger-Klamotten zur Schau gestellt.

 

Hier biege ich in die Fasanenstraße ein. Eine der wenigen Straßen, die von den Bombenangriffen im 2. Weltkrieg verschont geblieben sind. Zwischen den historischen Fassaden schwimmt eine grüne Insel, auf der man in die Vergangenheit reisen kann.

Die Villa wurde 1889/1890 von Richard Hildebrandt und seiner Frau Louise geb. Gruson erbaut. Die abenteuerliche Geschichte seines Erbauers ist schon bestes Roman-Material: Hildebrandt war 1869 Steuermann auf dem Dampfer „Hansa“ bei der 2. deutschen Nordpolarexpedition. Vor der Küste von Grönland wurde ihr Schiff vom Packeis zerquetscht und Hildebrandt trieb zusammen mit 13 weiteren Seeleuten 9 Monate lang auf einer Eisscholle durch das Meer, bis sie unbeschadet an Land gehen konnten. Diese legendäre Eisschollenfahrt kommt sogar in einer Erzählung bei Theodor Fontane vor.

Für ihre Villa suchten sich die Hildebrandts ein ruhiges Plätzchen im Grünen – damals gehörte Charlottenburg noch nicht zu Berlin und der nahe Kurfürstendamm war eher ein Trampelpfad – nicht ahnend, dass sich die Gegend schnell zum städtischen Magneten entwickeln würde.

 

Als Hommage an Louises Vater (Hermann Gruson – Industrieller und Kakteenliebhaber) bauten sie einen Wintergarten auf ihre Terrasse – in dem sich heute das Wintergarten-Café befindet. Die Hildebrandts führten ein weltoffenes Haus und Forscher und Künstler waren bei ihnen zu Gast.

Willkommen fühle ich mich auch heute – ich gelange über eine herrschaftliche Treppe flankiert von einer italienischen Seenlandschaft und einer Mosel-Burg  in das Foyer des Hauses. Hier verströhmen das dunkle Holz und ein wilhelminischer Bogen eine behagliche Ruhe.

Bald füllt sich der Raum mit Literaturinteressierten, die wie ich trotz Zeitumstellung zu so früher Stunde (okay, es ist 11 Uhr) an diesem Sonntagmorgen hierher gekommen sind, um die Hausführung zu erleben.

Nach der eindrucksreichen Führung sitze ich nun im Wintergarten-Café. Im Glasbau sind schon alle Plätze besetzt, aber der Innenraum mit seinen hohen Stuckdecken, Dielenboden und weichen Sesseln lockt mich auch – und vor allem die Vitrine mit den üppigen Torten.

 

Nun lausche ich klappernden Tellern und dem ausgelassenen Plaudern der vielen Gäste – es dringen sogar russische und französische Worte an mein Ohr.  Ich genieße meine Orangencremetorte und lasse meinen Blick ins Grüne und meine Gedanken in ferne Welten und Zeiten schweifen.

 

In den 20er Jahren wurde die Villa von der Alexander von Humboldt-Gesellschaft genutzt und es fanden hier regelmäßig Literaturlesungen statt. In diesen Jahren gab es eine lebendige russische Exilgemeinde in „Charlottengrad“, es gab russische Tageszeitungen und russische Schriftsteller konnten hier veröffentlichen, so wie Vladimir Nabokov („Lolita“). Er trug 1927 in der Humboldtvilla Gedichte vor.

Auch Thomas Mann hat hier im Garten unter Bäumen gesessen und mit dem französischen Austauschstudenten Pierre Bertaux geplaudert, während Heinrich Mann lieber einen Briefwechsel mit dessen Vater Félix Bertaux führte. Heinrich Mann wohnte auch in der Fasanenstraße, bevor er 1933 nur mit Jackett und Hut die Stadt verließ.

Da fällt mir ein, dass „Der Zauberberg“ seit Monaten bei mir im Bücherregal steht – mein Lesezeichen auf Seite 20 und der Protagonist hat noch nicht mal im Sanatorium eingecheckt.

Auch Robert Musil war Teil der Berliner Literaturszene. Im Haus am Kurfürstendamm 217 schrieb er von 1931 bis 1933 an seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ (es soll Menschen geben, die dieses Mammut-Werk tatsächlich vollständig gelesen haben – bei mir steht es noch nicht mal im Regal).

Der Dichter Max Hermann-Neiße war einer der schillerndsten Berliner Literaten seiner Zeit, musste jedoch 1933 vor den Nazis fliehen und litt im Exil unter dem Verlust seiner Heimat.

Gegenüber des Literaturhauses wohnte Essad Bey (geboren in Baku, Aserbaidschan), der sich in den 20ern als Orient-Spezialist einen literarischen Namen in Berlin machte und in der Villa orientalische Märchen in eigener Fassung mit seinem exotischen Fes auf dem Kopf vortrug.

Sein Liebesroman „Ali und Nino“ (unter dem Pseudonym Kurban Said veröffentlicht) klingt so schön schnulzig, dass ich ihn mir gleich bestellt habe.

Das gewisse Extra: Botanisches

Zu Zeiten der Hildebrandts wuchsen in ihrem üppigen Garten so viele Früchte, dass 1 Woche lang geerntet wurde.

Heute steht dort nur noch 1 Birnbaum – der jedes Jahr 7 prächtige Birnen hervorbringt (ich weiß das aus zuverlässiger Quelle: Sebastian Januszewski, der die monatliche Führung im Literaturhaus mit viel Liebe zum Detail gestaltet).

Früchte ganz anderer Art konnten die Berliner im Januar 1926 im Nelson-Theater bestaunen – als Josefine Baker hier mit ihrem Tanz im Bananenrock zur Sensation wurde.

Meine Sterne-Wertung für den Schreibort

Produktivität („wordcount“)

★★☆☆☆

Inspiration

★★★★★

Aus-aller-Welt-Faktor

★★★★★

Woche 3: Auf ein Eis mit Erich Kästner – Eiscafé Monheim in Wilmersdorf

Warum hier:

Ich lese gerade Erich Kästners „Fabian – Die Geschichte eines Moralisten“ (1931) und lerne in seiner Großstadtsatire ein Berlin der 30er Jahre voller Exzesse und moralischer Grenzgänge kennen. Aber in derselben Stadt sind auch Pünktchen und Anton (1931) zuhause und hier verfolgen Emil mit seine Detektiven den Dieb. Eine Stadt und ein Autor mit vielen Facetten und Gegensätzen.

Erich Kästner verbracht von 1927 bis 1945 seine literarisch produktivste Zeit in Berlin und machte die Stadt zum Schauplatz seiner Erzählungen. Er schrieb am liebsten in Kaffeehäusern, so zum Beispiel im Café Josty an der Kaiserallee (heute Bundesallee) in Wilmersdorf – auf der Caféterrasse beobachtet Emil mit seinen Kinderdetektiven den Dieb Grundeis – oder im Romanischen Café, einem Künstlertreffpunkt gegenüber der Gedächtniskirche. Diese Orte gibt es heute nicht mehr, sie wurden im 2. Weltkrieg von Bomben zerstört.

Mal sehen, ob ich im Eiscafé Monheim in Wilmersdorf der Kaffeehauskultur und Kästners Werk nachspüren kann. Vielleicht hat Kästner selbst hier früher mal gesessen – das nach seiner Gründerin Erna Monheim benannte Lokal besteht seit 1928 und liegt nicht allzu weit von Kästners damaligem Pensionszimmer in der Prager Straße 17.

 

Zur Einstimmung:

Jacob Fabian, 32 Jahre alt, arbeitsloser Germanist (zwischendurch mal „Reklamefachmann“) im Café Spalteholz: „Er nahm einen Schluck Kaffee und fuhr zusammen. Das Zeug schmeckte nach Zucker. Seitdem er, zehn Jahre war das her, in der Mensa am Oranienburger Tor dreimal wöchentlich Nudeln mit Sacharin hinuntergewürgt hatte, verabscheute er Süßes.“

Der Ort:

Ich hingegen mag sehr gerne Süßes, allerdings auch nicht an Nudeln. Hier im Eiscafé bestelle ich mir stattdessen ein Spaghetti-Eis (mein Favorit aus Kindertagen). Das Café ist aus der Winterpause zurück und empfängt seit 1 Woche wieder seine Gäste.

 

Mein Spaghetti-Eis holt die gutgelaunte Bedienung aus dem Keller. Das Glas der Schüssel ist beschlagen, weil die Portion offenbar schon vorbereitet in der Kühltruhe steht. Ich hoffe, das Eis hat dort nicht überwintert.

An diesem Nachmittag strömen unablässig juchzende Kinder in dicken Winterjacken mit ihren Müttern und Vätern herein und suchen sich ihr Lieblingseis aus. Dabei reichen ihre kleinen Köpfe gerade so über den Handlauf der Theke und sie drücken ihre Nasen an die Scheibe zu den Eiskübeln. Schokolade und Vanille in der Waffel sind heiß begehrt.

 

Kinder bei Erich Kästner

Aber so unbeschwert, wie es scheint, ist ein Kinderleben gar nicht. Das wusste auch Erich Kästner. Er fängt die Lebensumstände der Kinder im Berlin der Weimarer Republik einfühlsam ein. Die Kinder sind meist auf sich allein gestellt. Ihre Eltern müssen viel arbeiten, entweder weil sie sehr arm (und auch krank, wie die Mutter von Anton) oder sehr reich sind (wie der Fabrikanten-Vater von Luise/Pünktchen und ihre Mutter, die ihre Zeit lieber Luxus und Vergnügen, als ihrer Tochter widmet).

Die Kinder halten untereinander zusammen, Freundschaft und Solidarität sind die höchsten Güter. Zusammen können sie ihre Sorgen und Ängste überwinden. Und davon gibt es jede Menge: Abwesende Eltern, Armut, Krankheit, Ganoven und böse Klassenkameraden sind der Ausgangspunkt ihrer Nöte.

Bei Kästners Kinderbüchern spielen soziale Ungerechtigkeit und emotionale Vernachlässigung immer eine zentrale Rolle. Die Erwachsenen merken jedoch nichts davon und müssen erst von ihren Kindern von ihrem Egoismus und ihrer Blindheit kuriert werden.

So erkennen die Eltern von Pünktchen ihr Versagen erst, wenn sie ihre Tochter vor dem Opernplatz (sie kommen gerade in feiner Abendgarderobe aus Puccinis „La Bohème“ – „die Musik klingt, als ob es süße Bonbons regnet“) in Lumpen betteln sehen. Erst dieser theatralische Anblick und die edlen Motive ihrer Tochter wecken im Vater seine soziale Verantwortung (er unterstützt die verarmte Mutter von Anton) und in der Mutter ihre vergessenen Fürsorgepflichten.

Kästner macht die Kinder in seinen Erzählungen zu Identifikationsfiguren und Hoffnungsträgern. Und was für die Kinder seiner Zeit galt, scheint auch für alle nachfolgenden Generationen immer noch gültig zu sein.

Nachdenkerei

Beim aktuellen Wiederlesen des Buchs kam mir die eingeschobene „Nachdenkerei“ in „Pünktchen und Anton“, in der Kästner nach jedem Kapitel Figuren und Handlung reflektiert, sehr belehrend vor. Wollte er wirklich mit erhobenem Zeigefinger eine moralische Lehrstunde geben? Oder muss man das als Satire lesen?

So erzählt Kästner in der Nachdenkerei „Von der Phantasie“ von einem Mann mit viel Phantasie, der im Traum aus seinem Fenster sprang, dies im Schlaf dann auch tatsächlich tat, glücklicherweise aber nur im Parterre wohnte.

Aber stellt euch vor, der arme Mann hätte vier Treppen hoch gewohnt! Da hätte ja seine Phantasie lebensgefährlich werden können. Phantasie ist eine wunderbare Eigenschaft, aber man muß sie im Zaum halten.“

Springen lässt Kästner seine Romanfiguren aber trotzdem: Uli aus „Das fliegende Klassenzimmer“ (1933) springt mit einem Regenschirm in der Hand von einem Klettergerüst, um seinen Mut zu beweisen.

Fabian springt von einer Brücke in einen Fluss, um einen Jungen zu retten. Der kleine Junge schwimmt heulend ans Ufer. Fabian ertrinkt, denn er kann leider nicht schwimmen.

Bei Fabian ist der Sprung ins Wasser weniger ein Akt von Mut oder Zivilcourage, sondern eher eine Kapitulation vor den Anforderungen des Lebens und seinen eigenen Ansprüchen. Zuvor hat er das Stellenangebot einer politisch rechts orientierten Zeitung abgelehnt, will dann in die Berge „fliehen“ und warten, dass die Welt sich ändert, weil er nicht nur Zuschauer, sondern auch Akteur im Welttheater sein will.

Aber er fragt sich selbst: „Fand sich für den, der handeln wollte, nicht jederzeit und überall Tatorte?“

Kästner und der Nationalsozialismus

Kästner selbst quälte nach Ende des 2. Weltkriegs seine eigene Untätigkeit im Angesicht der Herrschaft der Nationalsozialisten. Seine Haltung war eindeutig gegen das Nazi-Regime und ihre Ideologie. Schon 1928 verfasste er das hellsichtige Gedicht „Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?“

Nach Hitlers Machtergreifung 1933 entschied sich Kästner jedoch, in Berlin zu bleiben und nicht, wie viele zeitgenössische Künstler, ins Exil zu gehen.

Bei der Bücherverbrennung der Nazis am 10. Mai 1933 auf dem Opernplatz (heute Bebelplatz) vor der Juristischen Fakultät wurde Kästners „Fabian“ als „wider den deutschen Geist“ verbrannt. Kästner selbst war als Augenzeuge bei der Hetzveranstaltung anwesend.

Heute erinnert ein Mahnmal – ein unterirdischer Raum mit leeren Bücherregalen – auf dem Bebelplatz an die Bücherverbrennung.

Danach wurden Publikationsverbote über Kästner verhängt und seine Bücher in Deutschland verboten. Kästner hielt sich während dieser Zeit politisch bedeckt.

Seiner Schriftstellertätigkeit ging er unter Pseudonymen nach. So lieferte er der Unterhaltungsindustrie des Dritten Reiches Theatertexte und diverse Filmdrehbücher. Für den Jubiläumsfilm der Ufa „Münchhausen“ schrieb Kästner 1942 unter dem Pseudonym „Berthold Bürger“ das Drehbuch.

Kästner schrieb in den letzten Kriegsjahren ein Tagebuch und hatte immer vor, eine große literarische Abrechnung mit dem Nazi-Regime herauszubringen. Zwar veröffentlichte er seine Aufzeichnungen unter dem Titel „Nota Bene“ 1961, aber es war nicht das Werk, das er von sich selbst erwartete.

Hier scheint Kästner im autobiografischen Fabian sein eigenes Dilemma vorhergesehen zu haben.

In seinen Jahren in München bis zu seinem Tod 1974 litt Kästner zeitweise an Schreibblockade und Alkoholsucht. Die Rolle des Erfolgsautors und Märchenonkels spielt er nur noch.

Zurück ins Eiscafé

Gerade kommt ein 4-jähriger Knirps in einem knallgrünem Anorak mit seinem Vater herein. Er bestellt Zitroneneis „mit bunten und blauen Streuseln“.

Ja, die Kinderwelt ist voller Entdeckungen und Wunder – und ihre Sorgen und Nöte sind besiegbar – zumindest in der Romanwelt von Erich Kästner.

Das gewisse Extra:

Das Gedicht „Sachliche Romanze“ hat mich nachhaltig beeindruckt. Das Gedicht ist in Stil und Sprache typisch für Kästner, wie ich finde. Zeitlos und Hintergründig.

Im erotischen Gedicht „Abendlied des Kammervirtuosen“ kann man die frivole Seite Kästners kennenlernen, der zeitlebens viele und wechselnde Liebesbeziehungen zu Frauen unterhielt. Das Gedicht wurde als Verunglimpfung von Beethoven aufgefasst und sorgte für seinen Rauswurf bei der Neuen Leipziger Zeitung 1927 – und seinen Umzug nach Berlin.

Meine Sterne-Wertung für den Schreibort

Produktivität („wordcount“)

★★★☆☆

Inspiration

★★★★☆

Süß-Faktor

★★★★★

Woche 2: Rathaus Köpenick – der Hauptmann stahl die Stadtkasse, ich einen Schreibplatz

Warum hier:

Amerika hat Bonnie und Clyde, Preußen hat den Hauptmann von Köpenick.

Ich kenne das Gaunerstück bisher nur aus der Verfilmung mit Heinz Rühmann von 1956, die ich als Kind einmal gesehen habe.

Nun ist es an der Zeit, mir selbst ein Bild vom Ort der legendären Köpenickiade zu verschaffen.

Zur Einstimmung:

Aus dem Film mit Heinz Rühmann ist mir vor allem eine Szene in Erinnerung geblieben: Der geläuterte Ex-Sträfling ist auf der Suche nach Arbeit und wird überall wegen fehlender Aufenthaltserlaubnis abgewiesen, schließlich kommt er in eine Polizeistation und bittet um Ausstellung der Aufenthaltserlaubnis. Der Uniformierte sitzt hinter seinem Holzschreibtisch und stopft sich während des Gesprächs Brot und Käse in den Mund, fleddert mit seinen fettigen Fingern in den Unterlagen des Bittstellers herum und sagt ihm mit vollem Mund, dass er ohne Arbeitsnachweis keine Aufenthaltserlaubnis bekommt. Siehe im Film ab Minute 6.

Der Ort:

Zwar ohne Uniform, aber wie der Hauptmann selbst fahre ich mit der Straßenbahn vor dem prächtigen Rathaus vor. Neben dem Portal hält der Hauptmann eisern seine Stellung und schaut ein wenig müde drein. Wahrscheinlich ist er es leid, ständig fotografiert zu werden.

Durch die schwere Holztür gelange ich ins Innere. Eine prunkvolle Treppe, bunte Glasfenster und weite Flure wirken herrschaftlich. Die Pförtnerin ignoriert mich, weit und breit ist kein anderer Mensch zu sehen (es ist kurz nach 15 Uhr).

Wo ich hinblicke, schaut mir der Hauptmann von Köpenick entgegen: Live-Kabarett im Ratskeller, ein Musical, ein Ausstellungsraum mit Uniform und Tresor, dazu Texttafeln. In den Fluren im Erdgeschoss hängen eingerahmte Theater- und Filmplakate. Ich komme mir vor wie in einem Museum.

Dann erkunde ich die weiteren 3 Etagen. Endlose Flure mit langen Reihen leerer Stühle. Die 3. Etage mit dem Standesamt ist festlich dekoriert, Werbeflyer und Brautmagazine inklusive.

   

Andere Gänge sind hässlich mit PVC-Boden und niedrigen Türen. Einmal begegne ich zwei Männern von der Putzkolonne, sonst regt sich niemand. Auf jeder Etage hängt an der gleichen Stelle ein riesiger roter Löschkanister, der außer Betrieb ist. Auf einem Gang liegt ein Monstrum unter einer blauen Plastikfolie.

Unter dem Dach ist die Abteilung Denkmalschutz. Hier stehen alte Fensterrahmen und Türen auf dem Gang wie Requisiten. Ob die Bürotüren auch nur eine Bühnenfassade sind?

Ich verlaufe mich im Labyrinth von Schildern. Auf einem steht „Klärungsstelle“ und deutet in eine Sackgasse. Überall herrscht gespenstische Stille.

Ich komme an einer Tür vorbei, auf der „Staatsangehörigkeitsstelle“ steht – das wäre wohl das richtige Büro für den Schuster Voigt gewesen. Geschlossen. Ein paar Türen weiter entdecke ich einen bunten Kreisel mit Zimmernummern. Er soll zeigen, wer wann zuständig ist. Der rote Pfeil deutet auf „Heute ist niemand mehr im Hause“. Von diesem Karussell kann der Hauptmann von Köpenick ein Liedchen singen – tut er in seinem Musical wahrscheinlich auch.

Ich überlege, wo ich mich zum Schreiben hinsetzen könnte. Wieder im Erdgeschoss begegne ich einem Beamten, der mich anmotzt, der Bürgerwarteraum sei schon zu, die Kantine ebenso.

Wenn sie mir keinen Ort geben, werde ich einfach einen Streibort annektieren! Auch ganz ohne Uniform.

Mir fällt der abgeschiedene Vorraum des Sitzungssaals wieder ein. Ja, da steht sogar ein Tisch. Ich hole mir verstohlen einen Stuhl aus der langen Reihe vor der Tür des Bürgermeisters, hänge meine Jacke auf und richte mich in meinem improvisierten Schreibbüro ein.

Meine Finger liegen auf der Tastatur, vor meinen Augen die grün bemalte Wand, die eine Tapete imitiert, Dielenboden, ein einfach verglastes Holzfenster zeigt mir eine beschauliche Flussansicht. Eigentlich könnte ich mich ganz wohl fühlen in meiner Amtsstube.

Doch plötzlich scheint das ganze Haus zu erwachen. Da brummt ein Putzgerät, Schritte und Stimmen hallen durch die Flure. Gleich kommt bestimmt jemand um die Ecke und ertappt mich. Ich werde nervös. Eigentlich tue ich ja gar nichts Verbotenes. Vielleicht ist es ein bisschen gegen die Regeln, ich weiß es nicht so genau. Warum fällt mir Ungehorsam so schwer?

Ich muss zugeben, dass ich es nicht lange dort ausgehalten habe.

Ich frage mich, ob ich mit einem selbstgebastelten Besucherausweis oder einer anderen Art von „Aufenthaltserlaubnis“ mehr Mut gehabt hätte.

Das gewisse Extra:

Wer das Theaterstück in komprimierter Fassung kennenlernen möchte, dem empfehle ich diese witzige Playmobilinszenierung. Mehr Hintergrundinfos zum Nachlesen.

Meine Sterne-Wertung für den Schreibort:

Produktivität („wordcount“)

★☆☆☆☆

Inspiration

★★★★★

Lerneffekt

★★★★☆

Freundlichkeit

★☆☆☆☆

Woche 1: Kantine des Berliner Ensembles am Schiffbauerdamm – Bertolt-Brecht-Platz

Warum hier:

Wenn ich an Schriftsteller und Theatertradition in Berlin denke, kommt mir schnell Bertolt Brecht (1898-1956) in den Sinn. In der Schule musste ich sein Theaterstück „Der gute Mensch von Sezuan“ lesen – und konnte es nicht ausstehen. Zwei Jahrzehnte später ist es an der Zeit, dass ich Brecht eine 2. Chance gebe. Deshalb mache ich mich heute auf eine Inspirationsreise an einen Ort seines Schaffens.

Zur Einstimmung:

    

Das Theater am Schiffbauerdamm beherbergt seit 1954 das von Bertolt Brecht gegründete Berliner Ensemble (BE).

Der Ort:

Brecht sitzt auf einer Bank und neben ihm ist noch ein Platz frei. Aber ich mochte mich nicht neben ihn setzen – er ist mir unheimlich. Sein bronzenes Gesicht schaut mit fast geschlossenen Augen auf mich herab. Seine mächtigen Beine und Hände deuten auf Tatkraft hin, und doch wirkt seine Körperhaltung resigniert auf mich. Im Kreis um ihn herum wie in einer Totenwache stehen schwarze Steinblöcke mit eingravierten Zitaten von ihm. Ich lese sie. Es geht um die Veränderbarkeit der Welt, über Fortschreiten, ein Glaubensbekenntnis an die sanfte Gewalt der Vernunft. Das erscheint mir alles fern und abstrakt.

Aber halt, hier stehen Worte, die mich direkt ansprechen:

Die heutige Welt ist den heutigen Menschen nur beschreibbar, wenn sie als eine veränderbare Welt

beschrieben wird. Der Unterschied liegt zwischen «Widerspiegeln» und «den Spiegel vorhalten».

Trifft das auf mich zu, wenn ich schreibe? Darüber muss ich erst mal nachdenken.

Neben Brechts Statue ragt das Theater mit farbloser Fassade hoch, auf der Spitze des Eckturms dreht sich das metallische Emblem „Berliner Ensemble“. Warum muss ich dabei an den Mercedes-Stern denken? Brecht wäre darüber bestimmt empört. Ich werfe einen Blick in das Foyer des Theaters. Holztüren, Stuckdecken und prächtige Kronleuchter – alles spricht von Tradition und gepflegter Theaterkultur. Ich vermisse Schlichtheit und Radikalität. Das Gespenst des Kommunismus ist wohl ein bisschen bürgerlich geworden.

   

Ich folge dem Schild „Kantine“ in einen Innenhof. An der Schranke sagt mir die Pförtnerin den Weg: „Im roten Haus die Treppe runter“. Ziemlich versteckt hinter Bauteilen finde ich die Treppe in den Keller.

    

Lautes Menschenlachen schallt mir entgegen. Der Raum wird von rot gepolsterten Bänken entlang der Wände dominiert, Holzstühle und Tische verbreiten eine bodenständige Atmosphäre, helle Wände mit bunten Szenenbildern der Inszenierungen des Berliner Ensembles säumen die Wände.

Am heutigen Nachmittag sitzen einige Gruppen von älteren Herrschaften an den Tischen, in angeregte Gespräche vertieft, jeder mit einem Glas Bier vor sich. Bildungssenioren-Stammtisch?

Ich hole mir eine Johannisbeerschorle an der Theke und mache es mir auf der Polsterbank gemütlich. Über mir prangt ein Szenenfoto, auf dem Anzugträger ein rotes Banner mit den Worten „Solidarität“ hochhalten.

Jetzt denke ich noch mal über Brechts Zitat von vorhin nach. Habe ich mit meiner Beschreibung dieses Ortes dem Leser den Spiegel vorgehalten? Ach, Tiefgründigkeit passt so schwer zu Johannisbeerschorle.

Jetzt haben sie auch noch Musik angeschaltet, was die Geräuschflutung noch steigert. Gitarrenklänge zu spanischem Gefühls-Pop. Ich will nach Südamerika – vielleicht nach Argentinien und mich dort in ein Che-Guevara-Café setzen und dem Säbelrasseln des Klassenkampfes lauschen.

Auf Heller und Cent:

Günstigstes Getränk: Tasse Kaffee: 50 Cent (BE), 1 € (Gast)

Teuerstes Getränk: Glas Sekt: 3,50 € (BE), 4,50 € (Gast)

Das gewisse Extra:

Bevor ich gehe, frage ich den jungen Mann an der Theke nach der Musik. Da singt eine Berliner Musikerin, die nebenbei auch hier kellnert, aber nicht heute. Er würde mir die CD ja schenken, aber sie ist (noch) ein Unikat. Er schreibt mir den Namen der Sängerin auf einen Zettel. Zum Schluss kommt also doch noch ein bisschen Künstler-Flair auf. So ist Berlin.

Meine Sterne-Wertung für den Schreibort:
Produktivität („wordcount“)            ★★☆☆☆
Inspiration                                                      ★★★☆☆
Bequemlichkeit                                         ★★★★☆
Freundlichkeit                                             ★★★★★

Berlin schreibend kennenlernen

Warum schreibe ich hier?

Ich bin neu in der Stadt und möchte Berlin kennenlernen – und zwar schreibend.

In den nächsten 12 Wochen werde ich an jedem Montag einen neuen Ort aufsuchen, der für mich eine Verbindung zu einem Schriftsteller oder einem Werk aus der Literatur hat. Dort werde ich mich mit meinem Schreibwerkzeug hinsetzen und den Ort auf mich wirken lassen.

Wir werden ja sehen, was dabei heraus kommt.

Ich hoffe, dass mein Besuch der Schreiborte nicht nur mich inspiriert, sondern auch euch Leserinnen und Leser unterhält.

Ich freue mich darauf, dass ihr mich auf meiner Entdeckungsreise begleitet und bin gespannt auf eure Kommentare.

Ulrike Arabella