Jonas Kaufmann besingt das Wiener Lebensgefühl mit komödiantischer Spielfreunde, Genuss und einer guten Portion schwarzem Humor

Wien, 9. Juli 2026

An diesem lauen Sommerabend sind die Stühle im Theater im Park des Belvedere fast bis auf den letzten Platz besetzt und das Abendrot scheint durchs Blätterdach, als Jonas Kaufmann beschwingt im dunkelblauen Anzug mit weißem Hemd und leger offenstehendem Kragen die Bühne betritt und von freudigem Applaus empfangen wird. Zusammen mit seinem langjährigen Klavierbegleiter Helmut Deutsch präsentiert der Startenor an diesem Abend einen Streifzug durch die Wiener Musikgeschichte von der schwelgerischen Operette bis zum Lied mit kabarettistischem Einschlag.

Theater im Park. Foto: Arabella Meran.
Eine langjährige musikalische Partnerschaft: Helmut Deutsch und Jonas Kaufmann. Foto: Lena Wunderlich, Sony Music.
Teil 1: Operette

Im ersten Teil huldigt der Tenor musikalisch der Schönheit der Donaumetropole und der Wienerinnen mit dem Operettenstück „Grüß mir mein Wien“ (von Emmerich Kálmán aus „Gräfin Mariza“), gefolgt von „Draußen in Sievering“ (von Johann Strauss) und schwärmt mit „Es muss was Wunderbares sein“ von der Liebe. Dabei versteht es Kaufmann bestens, seine goldene Stimme geschmeidig einzusetzen und an passenden Stellen tenorale Stahlkraft aufblitzen zu lassen.

Im melancholischen „Zwei Märchenaugen“ (von Emmerich Kálmán aus „Die Zirkusprinzessin“) besingt er ergreifend die Flüchtigkeit und den Schmerz der Liebe, wobei der Tenor sich in der Mitte des Operettenstücks im Text vertut und unterbrechen muss (mit Bitte an den Tontechniker, ihm mehr Rückschall aus den Boxen auf der Bühne zu geben, damit er sich selbst besser hören könne) und dann wieder einsetzt, als wäre nichts gewesen. Einen Vollprofi wie Kaufmann bringt jedoch so schnell nichts aus der Ruhe, er bleibt gut gelaunt und locker.

Zwischen den Liedern moderiert er souverän. So schickt er dem Stück „Gern hab‘ ich die Frau’n geküsst“ (von Franz Lehár aus „Paganini“) voraus, dass der Text heutzutage „nicht mehr politisch korrek“ sei und er hoffe, dass die Leute auch bis in die letzte Reihe verstünden, dass er diesen mit einem Augenzwinkern singe und der Inhalt nicht ernst gemeint sei. Sonst befürchte er, am nächsten Tag eine Anzeige zu bekommen. Denn dort wird ein sexuell übergriffiges Verhalten eines Mannes gegenüber einer Frau in verharmlosender Weise beschrieben:

Gern hab′ ich die Frau’n geküsst,
hab′ nie gefragt, ob es gestattet ist;
dachte mir: nimm sie dir,
küss sie nur, dazu sind sie ja hier!“

In Kaufmanns gesanglicher Interpretation kommt dieses angekündigte Augenzwinkern charmant rüber. „Zur Versöhnung“ gibt er dann quasi als Zugabe (was nicht auf dem Programmzettel steht) noch „Du bist die Welt für mich“ (von Richard Tauber), um seinen tiefen Respekt für die Frauen auszudrücken.

In diesem ersten Teil des Programms kämpfen die Akteure noch ein wenig mit technischen Schwierigkeiten: So klappt das elektronische Notenwenden nicht remote wie bei der Probe, sodass ein Notenassistent neben dem Pianisten Platz nehmen muss, um das Blättern händisch auf den Tabletts durchzuführen. Da zeigt sich die moderne Technik doch anfälliger für Pannen, als die althergebrachten Notenblätter auf Papier, die unter freiem Himmel höchstens dem Verwehen durch den Wind ausgesetzt waren. Doch Kaufmann rettet diese kleinen Hänger mit seinem Charme und das Verständnis des Publikums ist ihm und seinen Mitspielern gewiss.

Bühne mit Piano und Mikrofonen im Theater im Park. Foto: Arabella Meran.
Jonas Kaufmann wurde am 10. Juli 1969 in München geboren. Mittlerweile lebt er mit seiner Familie in Salzburg und hat neben der deutschen auch die österreichische Staatsbürgerschaft. Foto: Gregor Hohenberg, Sony Music.
Teil 2: Lieder von Georg Kreisler

Der zweite Teil steht ganz im Zeichen der Lieder von Georg Kreisler (1922-2011, österreichischer Komponist, Pianist, Sänger und Dichter). Dessen kabarettistischen Lieder bietet der Tenor mit schalkhafter Freude und bester Diktion mit Wienerischem Einschlag dar. Im „Frühlingslied“ geht das lyrische Ich seinem morbiden Hobby des Taubenvergiftens nach und in „Mein Weib will mich verlassen“ träumt er davon, dass seine grässliche Ehefrau ihn endlich verlässt. Was für einiges Amüsement im Publikum sorgt. Danach stellt Kaufmann jedoch ganz ernst fest: „Das ist nicht von mir“, was man als indirekt Liebeserklärung an seine Ehefrau Christiane Lutz verstehen kann, denn mit der Opernregisseurin ist er seit 2018 nach eigenem Bekunden glücklich verheiratet.

Umso makabrer geht es in den weiteren Liedern zu, in denen der Sänger zunächst von „Wien ohne Wiener“ fabuliert und in einem weiteren Stück seinen sämtlichen Freundinnen den Tod an den Hals wünscht.

Das aberwitzige Highlight unter diesen schwarzhumorigen Liedern ist jedoch „Opernboogie“, in dem der Sänger sämtliche Opernklischees lustvoll durch den Kakao zieht und seine selbst komponierte „Große Oper in drei Akten: Der Ritter und die Ritterin haben einen Schwips oder: Kiss me, Kater“ mit hanebüchender Handlung vorträgt, einschließlich der Pausen („Manche geh′n nach Hause, Manche essen jause“) mit dem Geraunze des Publikums, das es genießt „in einen Käse zu beißen und gleichzeitig Opern zu verreißen!“:

Was sagen Sie nur zu dem Tenor?
Der kommt mir wirklich schrecklich vor
Was reden Sie da? Der ist wunderbar!
Aber nicht so gut, wie er einmal war!
Was halten Sie von seinem hohen C?
Das war doch kein C, das war ein B!“

Was besonders witzig ist, da Kaufmann es mit solchem Schalk und Selbstironie vorträgt, der als Tenor sicherlich selbst schon die Zielscheibe solcher Kritik gewesen ist. Der Sänger gerät während des Stücks so sehr in Fahrt, dass er zwischen dem 2. und 3. Akt mit dem Klavier außer Takt gerät und über den Hinweis zum Rauchverbot im Text stolpert („Das gibt es heute gar nicht mehr“, wirft er ein) und dann spontan einen Witz einbaut, sein Pianist spiele so schnell, er sei schon im 3. Akt. Helmut Deutsch lächelt milde dazu. Er untermalt die Lieder den ganzen Abend über einfühlsam und spielt sich nicht in den Vordergrund (anders im Schubert-Repertoire, wo der Pianist stärker als musikalischer Dialogpartner des Tenors in Erscheinung tritt). Neustart für den dritten Akt und dann rauscht Kaufmann durch bis zum fulminanten Finale mit einem wahren Zungenbrecher in hohem Tempo:

Na, ist das nicht besser als Liszt und Puccini
Chopin, Schostakowitsch, Ravel, Paganini
Gounod, Debussy oder Leoncavallo
Und Smetana, Schubert, Suppé und De Falla
Menotti, Rossini, Rachmaninoff, Händel
Vivaldi und Weber, Scarlatti und Mendelssohn
Gluck, Donizetti, Glinka und Delius
Bruckner, Respighi, Tschaikowsky, Sibelius?“

Was der Tenor jedoch virtuos und textverständlich meistert. Der Text sorgt für einiges Gelächter im Publikum. Hier kann Kaufmann sein komödiantisches Talent voll ausspielen, was bei seinen überwiegend dramatischen Rollen auf den großen Opernbühnen meist ungenutzt bleibt.

Jonas Kaufmann gehört zu den gefragtesten Tenören seiner Generation und ist auf den besten Opernbühnen der Welt zuhause. Foto: Gregor Hohenberg, Sony Music.
Teil 3: HimmliSches Wien 

Nach der Pause preist Kaufmann musikalisch die Kaffeehauskultur Wiens („In einem kleine Café in Hernals“ von Hermann Leopoldi) und besingt die „Mehlspeis“ (von Ralph Benatzky) und die Powidltatschkerln“ (ebenfalls von Leopoldi) so herrlich, dass einem beim Zuhören das Wasser im Mund zusammenläuft und man gleich seine Bestellung aufgeben möchte.

Nach diesen Gaumenfreuden lädt der Tenor zu einem Spaziergang im Helenental ein („Ich kenn ein kleines Wegerl im Helenental“ aus Steinbrechers Operette „Brillanten aus Wien“).

Die ultimative Liebeserklärung an Wien gibt es im beschwingten „Heut‘ kommen d’Engerln auf Urlaub nach Wien“ (von Franz Josef Hub und Franz Ferry Wunsch), in dem es der größte Wunsch der Engel ist, Urlaub in Wien zu machen, was ihnen glücklicherweise von Petrus per Urlaubsschein gewährt wird.

Zugaben

In der ersten von fünf Zugaben schlägt Kaufmann einen sanft-melancholischen Ton an in „Wenn der Herrgott net will, nutzt es gar nix“ von Hans Moser, um sich in den nächsten vier Liedern ganz dem alkoholischen Rausch hinzugeben: Nach dem „Bier ist das liebste mir“ bringt ein eifriger Kellner dem Tenor ein Bier auf die Bühne, damit der seine Kehle anfeuchten kann. Kaufmann trinkt einige Schlucke und meint: „Da kommt der Münchner in mir durch“.

Im nächsten Lied wackelt der Dackel seinem betrunkenen Herrn auf dem Heimweg führend voran. Der nächste Trinker meint, ein guter Tropfen sei die beste Medizin und es sei „praktisch, du saufst heut‘ profilaktisch“. Den trunkenen Höhepunkt bildet „Ich bin a stiller Zecher“ (von Leopoldi), den Kaufmann zunehmend lallend und leicht torkelnd darbietet und das Publikum damit zum Lachen und Mitklatschen bringt.

Dann ist es 22 Uhr und die akustische Sperrstunde hat geschlagen. Kaufmann sagt, er habe noch vier weitere Zugaben geplant, aber die dürfe er nun nicht mehr anstimmen, sonst würden sich die Nachbarn beschweren wie zuvor im Lied des stillen Zechers besungen. So endet das Konzert unter jubelndem Applaus und die Leute gehen mit einem Lächeln auf den Lippen nach Haus.

Das Konzert wurde für das Fernsehen aufgezeichnet und wird am 26. Juli um 20:15 Uhr auf ORF III ausgestrahlt.

Die Kameras des ORF. Foto: Arabella Meran.

Ein Interview des ORF mit Jonas Kaufmann im Vorfeld des Liederabends kann man sich hier ansehen: Dort spricht er über seine Vorliebe für das Wiener Lied und den legendären Schmäh.

Startenor Jonas Kaufmann

Jonas Kaufmann begeistert sein Hamburger Publikum mit „Magischen Tönen“ aus der ungarischen Operette

Laeiszhalle Hamburg, 11. April 2026

An diesem Abend gibt Star-Tenor Jonas Kaufmann den Auftakt seiner „Magische Töne“-Tournee, die sein soeben erschienenes Album begleitet und mit berühmten Operetten- und Opern-Melodien aus der Ära der Österreich-Ungarischen Doppelmonarchie (1867–1918) von Komponisten wie Emmerich Kálmán, Franz Lehár, Karl Goldmark und Paul Abraham aufwartet.

Jonas Kaufmann (Foto von Dario Acosta)

In der fast ausverkauften Laeiszhalle herrscht erwartungsvolle Vorfreude. Zur Einstimmung spielt die Philharmonie Baden-Baden unter der Leitung von Jochen Rieder (seit Jahren ein treuer Begleiter von Kaufmann auf allen seinen Tourneen) die Ouvertüre aus Gräfin Mariza von Emmerich Kálmán (1882–1953), die schwungvoll auf den Abend einstimmt.

Dann betritt Jonas Kaufmann im festlichen Frack die Bühne. Wie immer ist er ganz präsent und Herr im Haus, hat alles im Blick, in diesem Fall einige Zuspätkommenden, die sich in den ersten Reihen im Parkett hereinschlängeln. Spontan ergreift er das Wort und bittet um einen Moment Geduld. Er wartet, bis alle sitzen und Ruhe eingekehrt ist, bis er seine erste Arie anstimmt. Auf ungarisch singt er „Mondd meg, hogy imádom a pesti nőket“ (ebenfalls aus Gräfin Mariza), was den Zuhörenden in der deutschen Fassung „Wenn es Abend wird (Grüß mir mein Wien)“ bestens bekannt ist (zumindest der Dame neben mir, die lautstark mitsummt). Kaufmann interpretiert das Stück weich und schwelgerisch, passend zur Lobpreisung der Donaustadt mit ihren schönen Frauen. In der letzten Strophe wechselt er ins Deutsche. Das Publikum applaudiert am Ende des Liedes begeistert und man spürt, dass der Funke übergesprungen ist.

Kaufmann gibt nun charmant eine Anekdote zum Besten, mit der er die Auswahl des ungarischen Repertoires erklärt: Vor einigen Jahren hat er einen Liederabend in Budapest gegeben und wollte dort als Zugabe das soeben dargebotene „Grüß mir mein Wien“ vortragen. Da hat ihn ein Kenner der ungarischen Sprache darauf hingewiesen, dass der Text im Original nicht die reizenden Frauen aus Wien preist, („Grüss mir die süßen, die reizenden Frauen im schönen Wien. Grüss mir die Augen, die lachenden blauen im schönen Wien…“), sondern die reizenden Frauen aus Budapest. Um diesen gerecht zu werden, hat der Tenor dann über Nacht zumindest den Refrain auf Ungarisch gelernt und im Konzert dargeboten, um seinem Budapester Publikum die Schönheit ihrer eigenen Frauen und ihrer eigenen Stadt vorzuhalten. Das sei der Anstoß für ihn gewesen, weitere musikalische Perlen aus dem ungarischen Operetten-Repertoire für sich zu entdecken und für die Bühne zu erarbeiten.

Als nächstens präsentiert sich Malin Byström, die Kaufmann auf dieser Tournee begleitet, mit „Hör’ ich Cymbalklänge“ aus Zigeunerliebe von Franz Lehár (1870–1948). Die schwedische Sopranistin hat eine kräftige Stimme, die eindeutig für das dramatische Repertoire geeignet ist, das sie auch auf den internationalen Opernbühnen singt (Tosca, Salome und Minnie gehören zu ihren Lieblings-Partien). Für die Operette fehlt ihr jedoch die Leichtigkeit und Flexibilität. Auf seinem Album singt Kaufmann die Duette zusammen mit Nikola Hillebrand, die mit ihrem leichten Sopran und mädchenhaftem Klang bestens zu diesem Repertoire passt. Schade, dass diese Sopranistin ihn nicht auch auf der Tournee begleitet, das hätte mir persönlich viel besser gefallen.

Jonas Kaufmann (Foto von Dario Acosta)

Liedhaft sanft interpretiert Kaufmann sodann „Allein, wieder allein (Wolgalied)“ aus Der Zarewitsch von Franz Lehár. Hierbei kommt bei den leisen Tönen das dunkle Timbre des Tenors bestens zur Geltung. Seine Stimme ist zartschmelzend wie Schokolade und hüllt einen weich und wohlig in einen Mantel aus Melancholie ein.

Im nächsten Stück zeigt Kaufmann ganz andere Farben seiner Stimme. Kraftvoll und kernig bietet er „So verliebt kann ein Ungar nur sein (Tief wie der Bergsee)“ aus Der Teufelsreiter von Emmerich Kálmán dar. Draufgängerisch beschwört er einen Flirt zu einer flotten Tanzmusik.

Übrigens frage ich mich spätestens jetzt, warum das Konzert durch zwei Mikrofone verstärkt wird. Der Gesang wird durch zwei Boxen seitlich auf der Bühne verstärkt und hat dadurch nicht mehr den unmittelbaren Klang der menschlichen Stimme, die sich in einem Saal entfaltet. Tenor und Sopran haben beide starke Stimmen, die keine Mikros brauchen, um zu tragen. Das Repertoire des Abends fordert oft die dramatische Opernstimme und selbst in den zarten und liedhaften Tönen ist insbesondere Kaufmann bestens in der Lage, genügend Volumen zu erzeugen. Zuletzt hat er in der Laeiszhalle einen Liederabend mit Diana Damrau gegeben (2022), ohne Verstärkung und mit bester Akustik. Es bleibt mir ein Rätsel, warum und wer hier meint, Mikros einsetzen zu müssen.

Bühne mit Mikrofonen und Notenständern

Als weiteres Hilfsmittel hat Kaufmann Notenständer mit zwei elektronischen Readern vor sich (wie er es in den letzten Jahren bei Konzerten angewöhnt hat). Er scheint sich nicht mehr allein auf sein Gedächtnis zu verlassen, sondern blickt immer wieder in die Noten und tippt dezent mit dem Finger auf die Touchscreens, um die Seiten zu wechseln. Die Sopranistin Malin Byström hingegen singt ihre Stücke auswendig.

Als nächstes steht Johann Strauß (Sohn) (1825–1899) auf dem Programm. Das Orchester spielt den Einzugsmarsch aus Der Zigeunerbaron. Jochen Rieder dirigiert das Stück schmissig.

Im nächsten Duett „Komm mit nach Varasdin“ aus Gräfin Mariza von Emmerich Kálmán versprühen Tenor und Sopran viel Lebensfreude und geben sogar eine kleine Tanzeinlage zum Besten. Bei allem Esprit fällt jedoch negativ auf, dass die Sopranistin nicht wirklich textverständlich singt und ihr opernhaft kraftvoller Ton zu schwer für das spritzige Lied wirkt.

Aus derselben Operette bietet Kaufmann sodann „Komm, Zigány“ mit charmantem Wienerischem Klang und mit bestens verständlichem Text dar.

In der ungarischen Mundart singt der Tenor dann „Mint száműzött, ki vándorol … Hazám, hazám, te mindenem“ aus Bánk bán von Ferenc Erkel (1810–1893). Hierbei zeigt er sich wieder als gefühlvoller Interpret, der zuerst bittend und flehend und zum Ende hin dramatisch das Leiden eines Mannes im Exil, der sich verzweifelt nach seiner Heimat sehnt, spürbar macht. Dabei zeigt Kaufmann die vielen Schattierungen seiner Stimme, die in der Mittellage balsamisch weich und warm klingt und dann feurig aufflammt zu kraftvollen Höhen.

Laeiszhalle Hamburg (Foto: Ulrike Arabella Meran)

PAUSE

In der Ouvertüre aus „Das Land des Lächelns“ von Franz Lehár klingen bekannte Melodien auf. Im anschließenden Solo singt Kaufmann mit traurigem Ernst „Immer nur lächeln“, was besonders bei der Passage „Lächeln trotz Weh und tausend Schmerzen, Doch wie’s da drin aussieht, geht niemand etwas an“ mit viel echter Lebenserfahrung eines Mannes in reiferen Jahren, dessen „Seele schon einige Narben gesammelt hat“ (wie Kaufmann kürzlich in einem Interview sagte) herüberkommt.

Es folgt ein Duett aus derselben Operette: „Wer hat die Liebe uns ins Herz gesenkt“. Hierbei wirken Tenor und Sopran trotz einigem Bemühen steif, es mag keine echte Chemie zwischen dem Bühnenliebespaar entstehen, auch wenn Kaufmann seine Gesangspartnerin nach jedem Stück mit kollegialer Herzlichkeit anstrahlt und sie umarmt. Auch gesanglich sind sie nicht immer synchron. Vielleicht spielen sie sich im Laufe der Tournee noch mehr aufeinander ein.

Ein gefühlvolles Aufwogen bietet Kaufmann mit der schwärmerischen Arie „O Mädchen, mein Mädchen“ aus Friederike von Franz Lehár, in der er den jungen Goethe darstellt, der frisch verliebt ist.

Für mich ein Highlight des Abends ist die Arie „Magische Töne, berauschender Duft“ aus Die Königin von Saba von Karl Goldmark (1830–1915), die Kaufmann zart und betörend mit Kopfstimme singt und dabei in eine sphärische Welt aus Goldstaub entführt, in der es nach blumiger Liebe duftet. Begleitet wird der Tenor von den zauberhaften Klängen der Harfe.

Jonas Kaufmann (Foto von Dario Acosta)

Im Kontrast dazu kommt das Solo der Sopranistin „Heia, heia, in den Bergen ist mein Heimatland“ aus Die Csárdásfürstin von Emmerich Kálmán sehr bodenständig herüber. Für das schwungvolle Lied fehlt der Schwedin nach meinem Eindruck das Temperament.

Den fulminanten Abschluss des offiziellen Programms bietet das Duett „Tanzen möcht ich … Tausend kleine Engel singen“ aus derselben Oper. Hier springt vor allem von Seiten von Kaufmann die Freude an dieser Musik herüber und er schwenkt seine Partnerin in einem schwungvollen Walzer über die Bühne.

Jochen Rieder, Malin Byström und Jonas Kaufmann beim Schlussapplaus

Das Publikum ist mitgerissen und spendet begeisterten Applaus mit Standing Ovations. Dies wird mit vier Zugaben belohnt:

Kaufmann singt bestens aufgelegt „Frag nur dein Herz was Liebe ist“ aus Die ungarische Hochzeit von Nico Dostal und „Will dir die Welt zu Füßen legen“ aus Die Blume von Hawaii von Paul Abraham.

Malin Byström kann das Publikum mit „Meine Lippen, sie küssen so heiß“ aus Giuditta von Franz Lehár erfreuen, wobei es ihr zugute kommt, dass die mitreißende Arie ein Selbstläufer ist.  Für mein Empfinden kann die Sängerin mit ihrer unterkühlten Darbietung das im Text beschworene „heiße“ Gefühl mit dem Versprechen von Leidenschaft nicht glaubwürdig erzeugen. 

Zum Schluss lässt Kaufmann „Die Juliska aus Budapest“ aus Maske in Blau von Fred Raymond geradezu übermütig und mit einem Lachen in der Stimme und auf dem Gesicht erklingen. Beim tosenden Applaus hüpft er sogar freudig auf und ab wie ein Bub vor dem Weihnachtsbaum und wirkt mit seinem jugendlichen Enthusiasmus sehr sympathisch.

Es war ein wundervoller Abend, der die Zuhörenden aus den Sorgen des Alltags in die musikalische Welt der Operette entführt hat, eine gelungene Mischung aus Wiener Melancholie und ungarischem Temperament, ein Wellenritt aus sanfter Schwermut und mitreißender Leichtigkeit.

Jonas Kaufmann hat seine stimmliche Wandelbarkeit gezeigt und mit seiner unvergleichlich warmen und farbenreichen Stimme auf der Klaviatur der Gefühle gespielt und mitten ins Herz getroffen.

Ich gehe mit einem Lächeln auf den Lippen und einigen Melodien im Ohr heim.

Nach dem Konzert hat Jonas Kaufmann seinen treuen Fans am Bühnenausgang freundlich Autogramme gegeben und bereitwillig für Fotos posiert.

Jonas Kaufmann am Bühnenausgang, Hamburg, 11. April 2026
Jonas Kaufmann gibt Autogramme, Hamburg, 11. April 2026
Jonas Kaufmann posiert mit seinen Fans für Fotos, Hamburg, 11. April 2026
Jonas Kaufmann bestens gelaunt nach einem gelungenen Konzert am Bühnenausgang, Hamburg, 11. April 2026

Die „Magische Töne“-Tournee geht in den nächsten Wochen weiter und führt das Ensemble nach München, Nürnberg, Paris, Wien, Budapest, Hannover, Essen, Freiburg, Stuttgart, Luzern, Mannheim und Frankfurt am Main. Die genauen Termine kann man dem Kalender auf der Homepage von Jonas Kaufmann entnehmen.