„Immer nur lächeln“ singt Jonas Kaufmann und entführt das Hannoveraner Publikum in die heile Welt der ungarischen Operette

Hannover, 26. April 2026

Hannover war an diesem Wochenende für Klassik-Stars und -Fans der „place to be“. So trafen sich am Sonntagmorgen beim Frühstück im Hotel zwei der bekanntesten Tenöre der Welt: Jonas Kaufmann und Rolando Villazón, der am Abend zuvor sein Konzert im HCC gegeben hatte und seinen Kollegen dort bereits schriftlich ein herzliches „Toi toi toi“ hinterlassen hatte. Auch die beiden Sopranistinnen Malin Byström und Camilla Nylund waren mit von der Partie bei diesem „Klassenfoto“ aus dem Frühstücksraum des Hotels, das sie via Social Media mit ihren Fans geteilt haben.

Rolando Villazón (Tenor), Malin Byström (Sopran), Jonas Kaufmann (Tenor), Camilla Nylund (Sopran) und Jochen Rieder (Dirigent). Foto: Instagram von Jonas Kaufmann.
Jonas Kaufmann trifft Rolando Villazón. Foto: Instagram von Jonas Kaufmann (26.04.2026).
Rolando Villazón wünscht Jonas und Malin „toi toi toi“. Fotos: Instagram von Rolando Villazón (25.04.2026)

Am Abend präsentierte sich Jonas Kaufmann dann im festlichen Frack im gut gefüllten Kuppelsaal und begeisterte sein Publikum mit einem heutzutage fast in der Versenkung verschwundenen Programm aus der ungarischen Operette von Komponisten wie Emmerich Kálmán, Franz Lehár, Karl Goldmark und Paul Abraham.

Star-Tenor Jonas Kaufmann. Foto-Credit: Sören L. Schirmer / Deutsche Klassik

Gleich die erste Arie „Mondd meg, hogy imádom a pesti nőket“ (Wenn es Abend wird / Grüß mir mein Wien) singt er mit schwärmerischer Samtigkeit auf Ungarisch. Danach begrüßt der Tenor sein Publikum und erklärt, warum gerade dieses Stück in seiner Ursprungssprache dargeboten werden müsse, weil es eine Hommage an Budapest und die ungarischen Frauen sei, anders als in der deutschen Übersetzung, in der das Loblied der Donaumetropole und den reizenden Frauen aus Wien gilt. Eloquent und mit viel Charme vermittelt Kaufmann seine Begeisterung für das Operetten-Repertoire, dem er sein neues Album „Magische Töne“ gewidmet hat. Die dazu passende Tournee führt ihn und seine musikalische Begleitung in diesen Wochen durch 13 Städte in Europa. In Hannover wird heute mit Station Nr. 7 sozusagen das Bergfest gefeiert.

Jonas Kaufmann. Foto-Credit: Sören L. Schirmer / Deutsche Klassik

Lebensfreude und Feierlaune versprühen die dargebotenen Arien und Duette, die in eine sorgenfreie Welt entführen „wo die Rosen blühn“ („Komm mit nach Varasdin“) und wo man ausgelassen tanzt, was Tenor und Sopran auch zum Anlass nehmen, schwungvoll im Walzertakt über die Bühne zu fegen (in „Tanzen möcht ich … Tausend kleine Engel singen“ ) und in der letzten Zugabe ausgelassen zu hüpfen und zu klatschen („Die Juliska aus Budapest“).

Jonas Kaufmann und Malin Byström. Foto von Arabella Meran

In der heutigen Zeit, in der wir täglich mit Nachrichten von Kriegen und Katastrophen konfrontiert werden, kommt eine solche Weltflucht gerade gelegen. Wer möchte nicht für kurze Zeit seine Sorgen vergessen?

So ist es nicht verwunderlich, dass dieses Repertoire seine Glanzzeit im Nachkriegsdeutschland und im Österreich der 1950er und 60er Jahre erlebt hat. Diese Stücke dürften einigen Menschen von den Schallplatten von Rudolf Schock bekannt sein, der sie seinerzeit zu Gassenhauern gemacht hat. Auch heute zaubert diese Musik den Zuhörenden ein Lächeln auf die Lippen.

Jonas Kaufmann. Foto-Credit: Sören L. Schirmer / Deutsche Klassik

Besonders ergreifend interpretiert Jonas Kaufmann an diesem Abend „Immer nur lächeln“, was den Zwiespalt zwischen der Sehnsucht nach Glück und Zufriedenheit und der bitteren Realität bestens zum Ausdruck bringt. Geht es in dem Lied nur um eine Frau, deren Liebe der Sänger nicht gewinnen kann, so dringt das Gefühl der Melancholie und einer bitteren Wahrheit jedoch tiefer. Wenn es im Text heißt: „Lächeln trotz Weh und tausend Schmerzen, Doch wie’s da drin aussieht, geht niemand etwas an“, dann wundere ich mich nicht, dass dieses Lied geradezu als Lebensmotto der Menschen von damals gelten konnte, die vom 2. Weltkrieg traumatisiert waren und über ihre schlimmen Erinnerungen und ihre Schuld möglichst den Mantel des Schweigens gehüllt haben. Da kamen diese gutgelaunten Lieder mit viel Zuckerguss gerade recht. Man wollte eine heile Welt beschwören, die es nie gegeben hat  auch nicht, als diese Musik entstanden ist. Denn wenn man genau hinhört, schwingt auch viel Traurigkeit in diesen Stücken mit.

So macht Kaufmann im „Wolgalied“ (Allein, wieder allein) die Einsamkeit eines Soldaten, der auf verlorenem Posten für sein Vaterland kämpft auf eindringliche Weise spürbar.

Auch in „Mint száműzött, ki vándorol … Hazám, hazám, te mindenem“ bekommt die Traurigkeit ihren Raum und der Tenor lässt mit seiner gefühlvollen Interpretation das Flehen und Leiden eines Mannes im Exil, der sich verzweifelt nach seiner Heimat sehnt, dramatisch aufflackern. Dabei zeigt Kaufmann die vielen Schattierungen seiner Stimme, die in der Mittellage balsamisch weich und warm klingt.

Das Programm bietet auch große romantische Gefühle, so in der schwärmerischen Arie eines frisch verliebten Jünglings „O Mädchen, mein Mädchen“ aus Friederike.

Jonas Kaufmann und Malin Byström. Foto von Arabella Meran

Auch in den Duetten mit der schwedischen Sopranistin Malin Byström wird die Liebe betörend heraufbeschworen, so in „Wer hat die Liebe uns ins Herz gesenkt“.

In einigen Solo-Stücken („Hör’ ich Cymbalklänge“ aus Zigeunerliebe) zeigt die Sopranistin ihre Stimmstärke und interpretiert mit großer Imbrunst, sowohl im Gesang als auch in der Mimik, was für meinen Geschmack jedoch zu dramatisch für dieses Repertoire wirkt. Doch das Publikum reagiert begeistert, vor allem mit „Meine Lippen, sie küssen so heiß“ aus Giuditta kann sie punkten.

Malin Byström. Foto-Credit: Sören L. Schirmer / Deutsche Klassik

Jonas Kaufmann beweist an diesem Abend seine Vielseitigkeit als Interpret und setzt seine Stimmfarben und sein goldenes Timbre schmeichlerisch und gefühlvoll ein. Einzig bei den dramatischen Höhen klingt seine Stimme nicht ganz so kraftvoll, wie man es von ihm gewohnt ist. Hier fehlt es seiner Stimme an diesem Abend ein wenig an Frische, was sicherlich am fordernden Tour-Programm liegt, das von ihm (und allen Mitwirkenden) Auftritte an jedem zweiten Abend verlangt. Dazwischen liegt immer ein Reisetag (oft mit dem Flugzeug, gerade kommt das Ensemble aus Budapest), was einer echten Erholung und Regeneration der Stimmbänder sicherlich nicht zuträglich ist. Umso erstaunlicher, mit wie viel Energie und Freude sich Tenor und Sopran hier präsentieren.

Eine solche Tournee mit Orchester erfordert einiges an Logistik. Hier die Transportboxen der großen Instrumente. Foto: Arabella Meran.
Eine reiselustiges Team. Foto: Instagram von Jonas Kaufmann.

Ein besonders magischer Moment des Abends ist die Arie „Magische Töne, berauschender Duft“ aus Die Königin von Saba, die Kaufmann zart und betörend mit Kopfstimme singt und dabei in eine sphärische Welt aus Goldstaub entführt. Begleitet wird der Tenor dabei von den himmlischen Klängen der Harfe.

Besonders zauberhaft ist das Spiel der Harfistin. Foto: Arabella Meran.

Der Star-Tenor und die Sopranistin bieten einen mitreißenden und bewegenden Musikgenuss auf höchstem Niveau, auch die Philharmonie Baden-Baden unter der Leitung von Jochen Rieder trägt ihren Teil zu diesem gelungenen Abend bei. Das Publikum im Kuppelsaal applaudiert begeistert und wird mit fünf Zugaben belohnt.

Jonas Kaufmann, Jochen Rieder und die Philharmonie Baden-Baden. Foto-Credit: Sören L. Schirmer / Deutsche Klassik
Jonas Kaufmann und Malin Byström. Foto von Arabella Meran
Jochen Rieder und die Philharmonie Baden-Baden. Foto-Credit: Sören L. Schirmer / Deutsche Klassik
Konzertplakat im Foyer des HCC. Foto: Arabella Meran.

PROGRAMM

Emmerich Kálmán (1882–1953)

Ouvertüre

Wenn es Abend wird (Grüß mir mein Wien) / Mondd meg, hogy imádom a pesti nőket

aus: Gräfin Mariza

Franz Lehár (1870–1948)

Hör’ ich Cymbalklänge

aus: Zigeunerliebe

Franz Lehár

Allein, wieder allein (Wolgalied)

aus: Der Zarewitsch

Emmerich Kálmán

So verliebt kann ein Ungar nur sein (Tief wie der Bergsee)

aus: Der Teufelsreiter

Johann Strauß (Sohn) (1825–1899)

Einzugsmarsch

aus: Der Zigeunerbaron

Emmerich Kálmán

Komm mit nach Varasdin

Komm, Zigány

aus: Gräfin Mariza

Ferenc Erkel (1810–1893)

Mint száműzött, ki vándorol … Hazám, hazám, te mindenem

aus: Bánk bán

Pause nach ca. 45 Minuten

Franz Lehár

Ouvertüre

Immer nur lächeln

Wer hat die Liebe uns ins Herz gesenkt

aus: Das Land des Lächelns

Franz Lehár

O Mädchen, mein Mädchen

aus: Friederike

Karl Goldmark (1830–1915)

Nacht-und Festmusik

Magische Töne, berauschender Duft

aus: Die Königin von Saba

Emmerich Kálmán

Heia, heia, in den Bergen ist mein Heimatland

Tanzen möcht ich … Tausend kleine Engel singen

aus: Die Csárdásfürstin

ZUGABEN

Paul Abraham, Will dir die Welt zu Füßen legen, aus: Die Blume von Hawaii

Franz Lehár, Meine Lippen, die küssen so heiß, aus: Giuditta

Franz Lehár, Schön wie die blaue Sommernacht, aus: Giuditta

Paul Abraham, Nur ein Mädel gibt es auf der Welt, aus: Viktoria und ihr Husar

Fred Raymond, Die Juliska aus Budapest, aus: Maske in Blau

Kuppelsaal Hannover. Foto: Arabella Meran.

Jonas Kaufmann begeistert sein Hamburger Publikum mit „Magischen Tönen“ aus der ungarischen Operette

Laeiszhalle Hamburg, 11. April 2026

An diesem Abend gibt Star-Tenor Jonas Kaufmann den Auftakt seiner „Magische Töne“-Tournee, die sein soeben erschienenes Album begleitet und mit berühmten Operetten- und Opern-Melodien aus der Ära der Österreich-Ungarischen Doppelmonarchie (1867–1918) von Komponisten wie Emmerich Kálmán, Franz Lehár, Karl Goldmark und Paul Abraham aufwartet.

Jonas Kaufmann (Foto von Dario Acosta)

In der fast ausverkauften Laeiszhalle herrscht erwartungsvolle Vorfreude. Zur Einstimmung spielt die Philharmonie Baden-Baden unter der Leitung von Jochen Rieder (seit Jahren ein treuer Begleiter von Kaufmann auf allen seinen Tourneen) die Ouvertüre aus Gräfin Mariza von Emmerich Kálmán (1882–1953), die schwungvoll auf den Abend einstimmt.

Dann betritt Jonas Kaufmann im festlichen Frack die Bühne. Wie immer ist er ganz präsent und Herr im Haus, hat alles im Blick, in diesem Fall einige Zuspätkommenden, die sich in den ersten Reihen im Parkett hereinschlängeln. Spontan ergreift er das Wort und bittet um einen Moment Geduld. Er wartet, bis alle sitzen und Ruhe eingekehrt ist, bis er seine erste Arie anstimmt. Auf ungarisch singt er „Mondd meg, hogy imádom a pesti nőket“ (ebenfalls aus Gräfin Mariza), was den Zuhörenden in der deutschen Fassung „Wenn es Abend wird (Grüß mir mein Wien)“ bestens bekannt ist (zumindest der Dame neben mir, die lautstark mitsummt). Kaufmann interpretiert das Stück weich und schwelgerisch, passend zur Lobpreisung der Donaustadt mit ihren schönen Frauen. In der letzten Strophe wechselt er ins Deutsche. Das Publikum applaudiert am Ende des Liedes begeistert und man spürt, dass der Funke übergesprungen ist.

Kaufmann gibt nun charmant eine Anekdote zum Besten, mit der er die Auswahl des ungarischen Repertoires erklärt: Vor einigen Jahren hat er einen Liederabend in Budapest gegeben und wollte dort als Zugabe das soeben dargebotene „Grüß mir mein Wien“ vortragen. Da hat ihn ein Kenner der ungarischen Sprache darauf hingewiesen, dass der Text im Original nicht die reizenden Frauen aus Wien preist, („Grüss mir die süßen, die reizenden Frauen im schönen Wien. Grüss mir die Augen, die lachenden blauen im schönen Wien…“), sondern die reizenden Frauen aus Budapest. Um diesen gerecht zu werden, hat der Tenor dann über Nacht zumindest den Refrain auf Ungarisch gelernt und im Konzert dargeboten, um seinem Budapester Publikum die Schönheit ihrer eigenen Frauen und ihrer eigenen Stadt vorzuhalten. Das sei der Anstoß für ihn gewesen, weitere musikalische Perlen aus dem ungarischen Operetten-Repertoire für sich zu entdecken und für die Bühne zu erarbeiten.

Als nächstens präsentiert sich Malin Byström, die Kaufmann auf dieser Tournee begleitet, mit „Hör’ ich Cymbalklänge“ aus Zigeunerliebe von Franz Lehár (1870–1948). Die schwedische Sopranistin hat eine kräftige Stimme, die eindeutig für das dramatische Repertoire geeignet ist, das sie auch auf den internationalen Opernbühnen singt (Tosca, Salome und Minnie gehören zu ihren Lieblings-Partien). Für die Operette fehlt ihr jedoch die Leichtigkeit und Flexibilität. Auf seinem Album singt Kaufmann die Duette zusammen mit Nikola Hillebrand, die mit ihrem leichten Sopran und mädchenhaftem Klang bestens zu diesem Repertoire passt. Schade, dass diese Sopranistin ihn nicht auch auf der Tournee begleitet, das hätte mir persönlich viel besser gefallen.

Jonas Kaufmann (Foto von Dario Acosta)

Liedhaft sanft interpretiert Kaufmann sodann „Allein, wieder allein (Wolgalied)“ aus Der Zarewitsch von Franz Lehár. Hierbei kommt bei den leisen Tönen das dunkle Timbre des Tenors bestens zur Geltung. Seine Stimme ist zartschmelzend wie Schokolade und hüllt einen weich und wohlig in einen Mantel aus Melancholie ein.

Im nächsten Stück zeigt Kaufmann ganz andere Farben seiner Stimme. Kraftvoll und kernig bietet er „So verliebt kann ein Ungar nur sein (Tief wie der Bergsee)“ aus Der Teufelsreiter von Emmerich Kálmán dar. Draufgängerisch beschwört er einen Flirt zu einer flotten Tanzmusik.

Übrigens frage ich mich spätestens jetzt, warum das Konzert durch zwei Mikrofone verstärkt wird. Der Gesang wird durch zwei Boxen seitlich auf der Bühne verstärkt und hat dadurch nicht mehr den unmittelbaren Klang der menschlichen Stimme, die sich in einem Saal entfaltet. Tenor und Sopran haben beide starke Stimmen, die keine Mikros brauchen, um zu tragen. Das Repertoire des Abends fordert oft die dramatische Opernstimme und selbst in den zarten und liedhaften Tönen ist insbesondere Kaufmann bestens in der Lage, genügend Volumen zu erzeugen. Zuletzt hat er in der Laeiszhalle einen Liederabend mit Diana Damrau gegeben (2022), ohne Verstärkung und mit bester Akustik. Es bleibt mir ein Rätsel, warum und wer hier meint, Mikros einsetzen zu müssen.

Bühne mit Mikrofonen und Notenständern

Als weiteres Hilfsmittel hat Kaufmann Notenständer mit zwei elektronischen Readern vor sich (wie er es in den letzten Jahren bei Konzerten angewöhnt hat). Er scheint sich nicht mehr allein auf sein Gedächtnis zu verlassen, sondern blickt immer wieder in die Noten und tippt dezent mit dem Finger auf die Touchscreens, um die Seiten zu wechseln. Die Sopranistin Malin Byström hingegen singt ihre Stücke auswendig.

Als nächstes steht Johann Strauß (Sohn) (1825–1899) auf dem Programm. Das Orchester spielt den Einzugsmarsch aus Der Zigeunerbaron. Jochen Rieder dirigiert das Stück schmissig.

Im nächsten Duett „Komm mit nach Varasdin“ aus Gräfin Mariza von Emmerich Kálmán versprühen Tenor und Sopran viel Lebensfreude und geben sogar eine kleine Tanzeinlage zum Besten. Bei allem Esprit fällt jedoch negativ auf, dass die Sopranistin nicht wirklich textverständlich singt und ihr opernhaft kraftvoller Ton zu schwer für das spritzige Lied wirkt.

Aus derselben Operette bietet Kaufmann sodann „Komm, Zigány“ mit charmantem Wienerischem Klang und mit bestens verständlichem Text dar.

In der ungarischen Mundart singt der Tenor dann „Mint száműzött, ki vándorol … Hazám, hazám, te mindenem“ aus Bánk bán von Ferenc Erkel (1810–1893). Hierbei zeigt er sich wieder als gefühlvoller Interpret, der zuerst bittend und flehend und zum Ende hin dramatisch das Leiden eines Mannes im Exil, der sich verzweifelt nach seiner Heimat sehnt, spürbar macht. Dabei zeigt Kaufmann die vielen Schattierungen seiner Stimme, die in der Mittellage balsamisch weich und warm klingt und dann feurig aufflammt zu kraftvollen Höhen.

Laeiszhalle Hamburg (Foto: Ulrike Arabella Meran)

PAUSE

In der Ouvertüre aus „Das Land des Lächelns“ von Franz Lehár klingen bekannte Melodien auf. Im anschließenden Solo singt Kaufmann mit traurigem Ernst „Immer nur lächeln“, was besonders bei der Passage „Lächeln trotz Weh und tausend Schmerzen, Doch wie’s da drin aussieht, geht niemand etwas an“ mit viel echter Lebenserfahrung eines Mannes in reiferen Jahren, dessen „Seele schon einige Narben gesammelt hat“ (wie Kaufmann kürzlich in einem Interview sagte) herüberkommt.

Es folgt ein Duett aus derselben Operette: „Wer hat die Liebe uns ins Herz gesenkt“. Hierbei wirken Tenor und Sopran trotz einigem Bemühen steif, es mag keine echte Chemie zwischen dem Bühnenliebespaar entstehen, auch wenn Kaufmann seine Gesangspartnerin nach jedem Stück mit kollegialer Herzlichkeit anstrahlt und sie umarmt. Auch gesanglich sind sie nicht immer synchron. Vielleicht spielen sie sich im Laufe der Tournee noch mehr aufeinander ein.

Ein gefühlvolles Aufwogen bietet Kaufmann mit der schwärmerischen Arie „O Mädchen, mein Mädchen“ aus Friederike von Franz Lehár, in der er den jungen Goethe darstellt, der frisch verliebt ist.

Für mich ein Highlight des Abends ist die Arie „Magische Töne, berauschender Duft“ aus Die Königin von Saba von Karl Goldmark (1830–1915), die Kaufmann zart und betörend mit Kopfstimme singt und dabei in eine sphärische Welt aus Goldstaub entführt, in der es nach blumiger Liebe duftet. Begleitet wird der Tenor von den zauberhaften Klängen der Harfe.

Jonas Kaufmann (Foto von Dario Acosta)

Im Kontrast dazu kommt das Solo der Sopranistin „Heia, heia, in den Bergen ist mein Heimatland“ aus Die Csárdásfürstin von Emmerich Kálmán sehr bodenständig herüber. Für das schwungvolle Lied fehlt der Schwedin nach meinem Eindruck das Temperament.

Den fulminanten Abschluss des offiziellen Programms bietet das Duett „Tanzen möcht ich … Tausend kleine Engel singen“ aus derselben Oper. Hier springt vor allem von Seiten von Kaufmann die Freude an dieser Musik herüber und er schwenkt seine Partnerin in einem schwungvollen Walzer über die Bühne.

Jochen Rieder, Malin Byström und Jonas Kaufmann beim Schlussapplaus

Das Publikum ist mitgerissen und spendet begeisterten Applaus mit Standing Ovations. Dies wird mit vier Zugaben belohnt:

Kaufmann singt bestens aufgelegt „Frag nur dein Herz was Liebe ist“ aus Die ungarische Hochzeit von Nico Dostal und „Will dir die Welt zu Füßen legen“ aus Die Blume von Hawaii von Paul Abraham.

Malin Byström kann das Publikum mit „Meine Lippen, sie küssen so heiß“ aus Giuditta von Franz Lehár erfreuen, wobei es ihr zugute kommt, dass die mitreißende Arie ein Selbstläufer ist.  Für mein Empfinden kann die Sängerin mit ihrer unterkühlten Darbietung das im Text beschworene „heiße“ Gefühl mit dem Versprechen von Leidenschaft nicht glaubwürdig erzeugen. 

Zum Schluss lässt Kaufmann „Die Juliska aus Budapest“ aus Maske in Blau von Fred Raymond geradezu übermütig und mit einem Lachen in der Stimme und auf dem Gesicht erklingen. Beim tosenden Applaus hüpft er sogar freudig auf und ab wie ein Bub vor dem Weihnachtsbaum und wirkt mit seinem jugendlichen Enthusiasmus sehr sympathisch.

Es war ein wundervoller Abend, der die Zuhörenden aus den Sorgen des Alltags in die musikalische Welt der Operette entführt hat, eine gelungene Mischung aus Wiener Melancholie und ungarischem Temperament, ein Wellenritt aus sanfter Schwermut und mitreißender Leichtigkeit.

Jonas Kaufmann hat seine stimmliche Wandelbarkeit gezeigt und mit seiner unvergleichlich warmen und farbenreichen Stimme auf der Klaviatur der Gefühle gespielt und mitten ins Herz getroffen.

Ich gehe mit einem Lächeln auf den Lippen und einigen Melodien im Ohr heim.

Nach dem Konzert hat Jonas Kaufmann seinen treuen Fans am Bühnenausgang freundlich Autogramme gegeben und bereitwillig für Fotos posiert.

Jonas Kaufmann am Bühnenausgang, Hamburg, 11. April 2026
Jonas Kaufmann gibt Autogramme, Hamburg, 11. April 2026
Jonas Kaufmann posiert mit seinen Fans für Fotos, Hamburg, 11. April 2026
Jonas Kaufmann bestens gelaunt nach einem gelungenen Konzert am Bühnenausgang, Hamburg, 11. April 2026

Die „Magische Töne“-Tournee geht in den nächsten Wochen weiter und führt das Ensemble nach München, Nürnberg, Paris, Wien, Budapest, Hannover, Essen, Freiburg, Stuttgart, Luzern, Mannheim und Frankfurt am Main. Die genauen Termine kann man dem Kalender auf der Homepage von Jonas Kaufmann entnehmen.

Melancholie und Sehnsucht: Liedgesang auf höchstem Niveau mit Jonas Kaufmann und Diana Damrau in der Philharmonie Berlin

Berlin, 30. Juni 2025

Wie eindringlich und berührend Liedgesang sein kann, beweisen Startenor Jonas Kaufmann und Sopranistin Diana Damrau in ihrem Liederabend, der Stücken von Richard Strauss und Gustav Mahler gewidmet ist.

Jonas Kaufmann und Diana Damrau, Foto ©Julia Wesely

Das eingespielte Duo ist schon zum dritten Mal mit ihrem versierten Liedbegleiter Helmut Deutsch auf Tournee (zuvor von 2018 und 2022). Kaufmann und Damrau – beide gebürtige Bayern – kennen sich seit 1997 und haben schon viele musikalische Glanzmomente gemeinsam gestaltet und verstehen sich auch in menschlicher Hinsicht prächtig, was in ihrer Interaktion auf der Bühne deutlich zu Tage tritt.

An diesem heißen Sommerabend ist die Berliner Philharmonie nur gut zur Hälfte gefüllt trotz der hochkarätigen Besetzung. Kaufmann tritt im Frack vors Publikum, Damrau zeigt sich in einem ausladenden Kleid in Rosé und nach der Pause in einem frischen blauen Gewand passend zu den „Rheinlegendchen“.

Helmut Deutsch (Klavier), Diana Damrau (Sopran), Jonas Kaufmann (Tenor) in der Philharmonie Berlin

Der Liedgesang gilt als die höchste Kunstform, zu Recht, denn man kann sich hier stimmlich nicht verstecken, kein Orchester deckt kleine Schwächen gnädig zu, jeder Ton wird den Zuhörenden wie auf dem Silbertablett präsentiert. Und Kaufmann und Damrau beherrschen diese hohe Kunst beide meisterlich.

Jonas Kaufmann versteht es, die melancholischen Lieder mit großer Empfindsamkeit und Tiefe zu gestalten. Dabei klingt seine warme Stimme auf jedem Ton schön, die Übergänge zwischen den Registern sind leicht und fließend. Er singt mit großer Textverständlichkeit, ohne dabei unnatürlich zu klingen oder Konsonanten zu „spucken“.

Der emotionale Höhepunkt in seinem fesselnden Vortrag ist das tieftraurige „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ von Gustav Mahler mit Text von Friedrich Rückert, bei dem das Publikum ihm mit angehaltenem Atem lauscht. Selbst, als der letzte Ton verklungen ist, liegt ein sekundenlanges andächtiges Schweigen im Raum, bis frenetisch applaudiert wird.

Diana Damrau brilliert mit ihrem edlen Sopran, der leicht und flexibel ist, dabei niemals schrill klingt. Sie gestaltet die Lieder mit viel Temperament und ist für die komödiantische Note zuständig.

Obwohl sie mit einer Erkältung zu kämpfen hat und zwischendurch einige Male husten muss, ist ihr Gesang makellos schön.

Tenor und Sopran wechseln sich im Gesang ab, jedoch spannen sie gemeinsam einen Erzählbogen, mit Blicken und Gesten stellen sie eine Verbindung zueinander und zwischen den Liedern her, was sehr einnehmend wirkt.

Helmut Deutsch ist ein sehr einfühlsamer Klavierbegleiter, der nicht nur die Stimmen untermalt, sondern auch eigene Akzente setzt und ein tiefes Verständnis für die Musik offenbart.

In der ersten Zugabe „Trost im Unglück“ aus „Des Knaben Wunderhorn“ von Gustav Mahler geben Kaufmann und Damrau ein zerstrittenes Liebespaar mit herrlicher Komik und Spielfreude zum Besten und bringen das Publikum zum Lachen.

Im letzten Vers heißt es:

„Du glaubst, ich werd’ dich nehmen!
Das hab’ ich lang’ noch nicht im Sinn!
Ich muß mich deiner schämen
Wenn ich in Gesellschaft bin!“

Auch die zweite Zugabe sprüht vor Lebensfreude – mit „Saft und Kraft“ wie es im „Wiener Blut“ heißt, das aus der komischen Operette von Johann Strauss (Sohn) stammt. Das gutgelaunte Duo besingt die Missverständnisse einer Liebesbeziehung und legt dabei einen kleinen Walzer aufs Parkett. Der Abend endet mit stehenden Ovationen für die drei Musiker:innen.

Ein rundum gelungener Liederabend voller Gefühl und Stimmschönheit mit sympathischen Klassik-Stars.

Das Programm:

Richard Strauss (1864-1949):

Acht Lieder (aus „Letzte Blätter“ auf Texte von Hermann Gilm, op. 10)

  • Zueignung
  • Nichts
  • Die Nacht
  • Die Georgine
  • Geduld
  • Die Verschwiegenen
  • Die Zeitlose
  • Wer hat’s getan
  • Allerseelen

Liebeshymnus, op. 32, Nr. 3 (aus „Fünf Lieder“; Text: Karl Friedrich Henckell)

Schlagende Herzen (aus „Drei Lieder“, op. 29, Nr. 2; Text: Otto Julius Bierbaum)

Ich trage meine Minne (aus „Fünf Lieder“, op. 32, Nr. 1; Text: Karl Friedrich Henckell)

Einerlei (aus „Fünf kleine Lieder“, op. 69, Nr. 3; Text: Ludwig Achim von Arnim)

Nachtgang (aus „Drei Lieder“, op. 29, Nr. 3; Text: Otto Julius Bierbaum)

Freundliche Vision (aus „Fünf Lieder“, op. 48, Nr. 1; Text: Otto Julius Bierbaum)

Ich liebe dich (aus „Sechs Lieder“, op. 37, Nr. 2; Text: Detlev von Liliencron)

Wie sollten wir geheim sie halten (aus „Sechs Lieder aus Lotosblätter“, op. 19, Nr. 4; Text: Adolf Friedrich von Schack)

PAUSE

Gustav Mahler (1860-1911):

  1. Rheinlegendchen (aus „Des Knaben Wunderhorn“; Text: Anon.)
  2. Um schlimme Kinder artig zu machen (aus „Lieder und Gesänge aus der Jugendzeit“; Text: Anon.)
  3. Wer hat dies Liedlein erdacht (aus „Des Knaben Wunderhorn“; Text: Anon.)
  4. Ablösung im Sommer (aus „Lieder und Gesänge aus der Jugendzeit“; Text: Anon.)
  5. Es sungen drei Engel einen süssen Gesang (aus „Des Knaben Wunderhorn“; Text: Anon.)
  6. Ich atmet‘ einen linden Duft (aus „Fünf Lieder nach Texten von Friedrich Rückert“; Text: Friedrich Rückert)
  7. Liebst du um Schönheit (aus „Fünf Lieder nach Texten von Friedrich Rückert“; Text: Friedrich Rückert)
  8. Blicke mir nicht in die Lieder (aus „Fünf Lieder nach Texten von Friedrich Rückert“; Text: Friedrich Rückert)
  9. Ich bin der Welt abhanden gekommen (aus „Fünf Lieder nach Texten von Friedrich Rückert“; Text: Friedrich Rückert)

Richard Strauss

  1. Leises Lied (aus „Fünf Lieder“, op. 39, Nr. 1; Text: Richard Dehmel)
  2. Wozu noch, Mädchen (aus „Sechs Lieder aus Lotosblätter“, op. 19, Nr. 1; Text: Adolf Friedrich von Schack)
  3. Breit über mein Haupt (aus „Sechs Lieder aus Lotosblätter“, op. 19, Nr. 2; Text: Adolf Friedrich von Schack)
  4. Ich schwebe (aus „Fünf Lieder“, op. 48, Nr. 2; Text: Karl Friedrich Henckell)
  5. Heimliche Aufforderung (aus „Vier Lieder“, op. 27, Nr. 3; Text: John Henry Mackay)
  6. Ruhe, meine Seele (aus „Vier Lieder“, op. 27, Nr. 1; Text: Karl Friedrich Henckell)
  7. Morgen (aus „Vier Lieder“, op. 27, Nr. 4; Text: John Henry Mackay)
  8. Cäcilie (aus „Vier Lieder“, op. 27, Nr. 2; Text: Heinrich Hart)
Bildnachweis: Titelbild ©Julia Wesely, alle anderen Fotos ohne Angabe sind privat von UG.

Jonas Kaufmann verführt und lässt sich verführen – umjubelte Puccini-Gala in Bremen

Die Glocke – Das Bremer Konzerthaus, 6. November 2024

Die Klassikwelt feiert 2024 den Meister der vertonten Leidenschaft: Giacomo Puccini, der in diesem Jahr vor 100 Jahren starb. Kein Wunder also, dass Startenor Jonas Kaufmann zum Jubiläum eine musikalische Hommage an den genialen Komponisten in Form eines Duett-Albums herausgebracht hat. In „Puccini: Love Affairs“ besingt der Tenor zusammen mit sechs namhaften Sopranistinnen alle Höhen und Tiefen der Beziehung zwischen Mann und Frau. In seiner Herbsttournee „Viva Puccini!“ mit 10 Stationen im deutschsprachigen Raum und in Paris darf man sich auch live vom Gefühlsrausch umfangen lassen.

Startenor Jonas Kaufmann. Foto © Gregor Hohenberg / Sony Music

Am heutigen Abend gastiert der weltberühmte Tenor zusammen mit der italienischen Sopranistin Valeria Sepe im Bremer Konzerthaus „Die Glocke“, es ist die 9. Station auf der Puccini-Tournee, die ein wahrer Triumph ist, in allen Städten sind die Säle ausverkauft, so auch hier.

Jonas Kaufmann beginnt den Abend mit Auszügen aus „Tosca“. Die Rolle des idealistischen Malers Mario Cavaradossi, der mit seiner Geliebten Tosca, einer eifersüchtigen Gesangsdiva, in die Fänge des sadistischen Polzeichefs Scarpia gerät, gehört zu den absoluten Lieblingsrollen des Tenorissimo, die er in seiner langen Karriere mit Abstand am häufigsten verkörpert hat. In der Auftrittsarie „Recondita armonia“ lässt Kaufmann seine goldene Stimme warm strömen und zeigt, dass er die italienische Legato-Kultur bestens beherrscht. Wie ein Maler mit seiner Palette bringt er verschiedene Stimmfarben zum Einsatz. Auch die Höhen sind kraftvoll, wobei Kaufmann diese sogar sanft an- und abschwellen lassen kann – ein stimmtechnisches Meisterstück, das nicht viele Tenöre beherrschen.

Jonas Kaufmann und Valeria Sepe interpretieren ein Duett aus „Tosca“. Foto von Patric Leo.

Im nachfolgenden Liebesduett zwischen Mario und Tosca bietet Puccini eine große emotionale Bandbreite aus Koketterie, Verführung und Eifersucht, die der Spielfreude der Interpreten viel Raum lässt. Zwischen Tenor und Sopran spürt man in der Interaktion große kollegiale Vertrautheit, die im Laufe der Tournee gewachsen ist. Durch ihr intensives Zusammenspiel mit ausdrucksstarker Mimik und Gestik wird die Szene lebendig und man kann ganz eintauchen in die Situation. Valeria Sepe gibt eine temperamentvolle Tosca, eine Diva, die ihren Mario spielend um den kleinen Finger wickelt.

Die Sopranistin hat eine kraftvolle Stimme, die mir stellenweise ein bisschen scharf ins Ohr dringt. Vergleichsweise klingt Maria Agresta (die ich auf dieser Tournee in Frankfurt gehört habe, sie hat Kaufmann bei 4 Terminen begleitet) weicher und lieblicher. Sepe versteht es bestens, ihre weiblichen Reize in ihrer Rollendarstellung auszuspielen. In ihrem lachsfarbenen Kleid sieht die junge Italienerin bildschön aus. Auch der 55-jährige Kaufmann gibt in festlichem Frack und mit seinen graumelierten Locken ebenfalls eine attraktive Erscheinung ab.

Die berühmte Arie „Vissi d’arte“ interpretiert Valeria Sepe mit einem feurigen Aufbegehren gegen die Ungerechtigkeit Gottes und ihres Schicksals. Mir persönlich fehlt in diesem Gebet ein bisschen die Innerlichkeit.

Foto von Patric Leo

Im Vorspiel vom 3. Akt von Tosca erweist sich die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung von Jochen Rieder als niveauvoller Klangkörper. Dirigent Rieder begleitet Kaufmann seit vielen Jahren auf seinen Tourneen und die beiden sind ein eingespieltes Team. Im Instrumentalen zeigt sich die besondere atmosphärische Kraft von Puccinis Komposition: Durch das Glockengeläut fühlt man sich auf das Dach der Engelsburg in Rom versetzt, sieht die Sonne aufgehen und die melancholischen Klänge von Cello und Klarinette künden vom nahenden Tod für Mario und Tosca.

Ein erstes inniges Highlight gelingt dem Tenor in seiner intensiven Interpretation der Arie, „E lucevan le stelle“, in der Cavaradossi in sehnsuchtsvoller Erinnerung schwelgend Abschied vom Leben nehmen muss. Das Publikum belohnt Kaufmann mit einem begeisterten Applaus.

Foto von Patric Leo

Als nächstes taucht man ein in die Welt des Poeten Rodolfo und der Näherin Mimì aus „La Bohème“, bei deren Kennenlernen aus einem Kerzenlicht bald ein Feuer der Leidenschaft entbrennt. Hier trumpft Kaufmann im Schlusston des Liebesduetts „O soave fanciulla“ mit einem Spitzenton am Ende aus dem Off auf, bei dem man staunt, dass der Tenor sich trotz des fordernden Programms nicht zu schonen scheint.

Nach der Pause blühen und glühen beide Sänger voll auf im leidenschaftlichen Duett der Hochzeitsnacht aus „Madama Butterfly“. Die Sopranistin trägt nun ein schwarzes Kleid und hat sich die breiten Bänder ihrer rückseitigen Schleife über die Arme und Hände gehängt, die sie wie eine Geisha in einem traditionellen Kimono hält. Sie schlüpft auch gesanglich ganz in die Haut der unschuldigen Cio-Cio-San, die mit zarten Tönen in ihrem frisch vermählten Ehemann Pinkerton heißes Begehren auflodern lässt. Wenn sie die Stoffbänder schüchtern von ihren Armen streift und damit ein Entkleiden der Braut andeutet, reagiert ihr Tenor-Partner mimisch und vokal mit drängender Leidenschaft („vieni…vieni“). Das Duett schaukelt sich ekstatisch hoch bis zum Höhepunkt, in dem Puccini die Liebe als geradezu orgastisches Feuerwerk in Musik verwandelt hat. Die wunderbaren Stimmen von Kaufmann und Sepe erstrahlen mit voller Leuchtkraft und auch das Bremer Publikum ist von der Hitze der Gefühle entflammt und applaudiert begeistert.

Einen weiteren furiosen Höhepunkt bieten Tenor und Sopran im Duett „Tu, tu, amore? Tu?“ aus „Manon Lescaut“, in dem die Stimmung aufgeladen ist von Begehren und zorniger Eifersucht. Dieses Duett ist eine gesangliche Tour-de-Force, bei der Kaufmanns Stimme ein klein wenig ermüdet klingt, wenn er hier ständig „Vollgas“ geben muss.

In der ersten Zugabe lässt der Tenor in „Ch’ella mi creda“ (aus „La fanciulla del West“) seine Stimme wieder im weichen Nougatschmelz erklingen, der zu einem sanften Verführer passt, und schafft am Ende helle Glanzpunkte, bei denen er wieder ganz frisch klingt.

Herzerweichend und lyrisch zart singt Valeria Sepe das liebevolle Flehen von Liù „Signore, ascolta“ (aus „Turandot“), was von Kaufmann als Calaf eine ebenso zartfühlende Antwort im tröstlichen „Non piangere, Liù“ erfährt. Sodann begeistert Sepe mit einer schönen Interpretation von „O mio babbino caro“ (aus „Gianni Schicchi“).

Nach anhaltendem Jubel mit Standing Ovations, Bravo-Rufen und Fußgetrappel beschenkt der Tenor das Publikum mit der Parade-Arie „Nessun dorma“ (aus „Turandot“), ohne die eine Puccini-Gala nicht komplett wäre. Auch wenn der finale hohe Ton („Vincerò!“) zu Beginn nicht ganz anspringt und Kaufmann ein bisschen nachdrücken muss, um den Ton in kraftvolle Höhen zu bringen, verfehlt er nicht seine Wirkung – frenetischer Jubel brandet auf!

Foto von Patric Leo

Das Bremer Publikum ist derartig begeistert, dass sich Kaufmann sogar zu einer 6. Zugabe überreden lässt (was auf dieser Tournee nur ganz selten vorkam). Wenn er gelöst in den Zuschauerraum strahlt und mit einem spielerischen Gestus die weiße Fliege seines Fracks aufbindet, dann springt dieser besondere Kaufmann-Charme über, der seit Jahren die Herzen seiner weiblichen Fans höherschlagen lässt. „Non di scordar di me“ (von De Curtis) ist der zartschmelzende musikalische Abschiedsgruß des Tenorissimo, der alle Wünsche erfüllt, die man an einen Künstler haben kann.

Ja, es war wirklich ein Abend, den man nicht vergisst – ein Feuerwerk aus Gefühlen, wie es nur Puccini zu entzünden vermag, transportiert von zwei traumhaften Stimmen auf höchstem Niveau.

Konzerthaus „Die Glocke“ im Herzen von Bremen. Foto privat.

Die nächsten Auftritte von Jonas Kaufmann finden Sie im Kalender seiner Homepage.

Jonas Kaufmann. Foto © Gregor Hohenberg / Sony Music

Titelbild: © Patric Leo

Jonas Kaufmann und Maria Agresta lassen die Leidenschaft hell aufglühen in der Puccini-Gala in der Alten Oper Frankfurt

Alte Oper Frankfurt, 22. Oktober 2024: Jonas Kaufmann – Viva Puccini!

Das Klassik-Jahr 2024 steht ganz im Zeichen von Giacomo Puccini, der mit seinen leidenschaftlichen Kompositionen wie kein anderer im ausgehenden 19. Jahrhundert die neue Ära des italienischen „Verismo“ geprägt hat. In Puccinis Opern stehen nicht mehr Adelige im Zentrum der Geschichte, sondern die Menschen von nebenan: Studenten, Künstler, Grisetten. In ihren Sehnsüchten und Gefühlsstürmen aus Liebe und Eifersucht offenbart sich das „wahre Leben“, ungeschminkt und mit großer Intensität. Die betörende Sogwirkung von Puccinis Musik fasziniert auch 100 Jahre nach seinem Tod und seine drei berühmtesten Opern „La Bohème“ (1896), „Tosca“ (1900) und „Madama Butterfly“ (1904) gehören fest ins Repertoire eines jeden Opernhauses.

Jonas Kaufmann © Gregor Hohenberg / Sony Music

Kein Wunder also, dass Startenor Jonas Kaufmann zum Jubiläum eine musikalische Hommage an den genialen Komponisten in Form eines Duett-Albums herausgebracht hat. In „Puccini: Love Affairs“ besingt der Tenor zusammen mit sechs namhaften Sopranistinnen alle Höhen und Tiefen der Beziehung zwischen Mann und Frau. In seiner Herbsttournee mit 10 Stationen im deutschsprachigen Raum und in Paris darf man sich also live vom Gefühlsrausch emportragen lassen. Kaufmann wird hierbei abwechselnd von den italienischen Sopranistinnen Maria Agresta (die auf seiner CD als Madama Butterfly zu hören ist) und Valeria Sepe begleitet. Nachdem der Tenor das erste Konzert in Paris wegen seiner erneuten Corona-Infektion verschieben musste, ist der Startschuss am 13. Oktober in Wien fulminant geglückt und die Alte Oper Frankfurt ist nun die 4. Station auf der ambitionierten Tournee.

Die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung von Jochen Rieder in der Alten Oper Frankfurt © Andreas Etter / Pro Arte Frankfurt

Wie in allen Städten zuvor ist auch in Frankfurt der Konzertsaal ausverkauft und das Publikum erwartet voller Spannung, ob der preisgekrönte Sänger, Medienliebling und Frauenschwarm seinem Ruf als „begehrtester Tenor der Welt“ gerecht werden kann.

Jonas Kaufmann beginnt den Abend mit Auszügen aus „Tosca“. Die Rolle des idealistischen Malers Mario Cavaradossi, der mit seiner Geliebten Tosca, einer eifersüchtigen Gesangsdiva, in die Fänge des sadistischen Polzeichefs Scarpia gerät, gehört zu den absoluten Lieblingsrollen des Tenorissimo, die er in seiner langen Karriere mit Abstand am häufigsten verkörpert hat. Die Partie liegt ihm bestens in der Kehle und in seiner Auftrittsarie „Recondita armonia“ kann er seine Stimme in der goldenen Mittellage warm strömen und auch die Höhen kraftvoll anschwellen lassen.

Im nachfolgenden Liebesduett zwischen Mario und Tosca bietet Puccini eine große emotionale Palette aus Koketterie, Verführung und Eifersucht, die der Spielfreude der Interpreten viel Raum lässt. Kaufmann gibt den Maler vielleicht ein bisschen zu routiniert, wohingegen seine Partnerin Maria Agresta die Diva mit viel stimmlicher Präsenz darbietet und zudem in ihrem marineblauen Kleid auch optisch ein Hingucker ist. Kaufmann in festlichem Frack und mit seinen graumelierten Locken gibt ebenfalls eine attraktive Erscheinung ab.

Jonas Kaufmann und Maria Agresta © Andreas Etter / Pro Arte Frankfurt

Zwischen Tenor und Sopran spürt man in der Interaktion kollegiale Vertrautheit – die beiden haben bereits im Jahr 2017 bei Kaufmanns grandiosem Debüt als Otello am Royal Opera House in London gemeinsam auf der Bühne gestanden, Agresta war seinerzeit seine Desdemona.

Ein erstes Highlight gelingt Kaufmann in seiner intensiven Interpretation der Arie, „E lucevan le stelle“, in der Cavaradossi in sehnsuchtsvoller Erinnerung schwelgend Abschied vom Leben nehmen muss. Hier bringt er seine italienische Legatokultur beim Singen bestens zum Einsatz und besonders die leisen Töne berühren mit ihrer Innerlichkeit. Im Vorspiel sorgt die Solo-Klarinette für Melancholie und die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung von Jochen Rieder erweist sich als niveauvoller Klangkörper. Rieder begleitet Kaufmann seit vielen Jahren auf seinen Tourneen und die beiden sind ein eingespieltes Team.

Als nächstes taucht man ein in die Welt des Poeten Rodolfo und der Näherin Mimì aus „La Bohème“, bei deren Kennenlernen aus einem Kerzenlicht bald ein Feuer der Leidenschaft entbrennt. Hier trumpft Kaufmann im Schlusston des Liebesduetts „O soave fanciulla“ mit einem Spitzenton am Ende aus dem Off auf, bei dem man staunt, dass der Tenor sich trotz des fordernden Programms nicht zu schonen scheint. Das Publikum applaudiert freundlich, aber so richtig scheint der Funke noch nicht übergesprungen zu sein.

Maria Agresta © Andreas Etter / Pro Arte Frankfurt

Nach der Pause blüht Maria Agresta im leidenschaftlichen Duett der Hochzeitsnacht aus Madama Butterfly“ zwischen der unschuldigen Geisha Cio-Cio-San und dem rücksichtslosen Seemann Pinkerton förmlich auf. Hier überflügelt die Sopranistin mit ihrer vor Gefühl flirrenden Interpretation sogar ihren Partner. Kaufmann gelingt es jedoch, diese Figur, die er auf der Bühne nie dargestellt hat, weil sie ihm zu unsympathisch ist (wie der Tenor in Interviews bekennt), mit drängender Leidenschaft („vieni…vieni“) auszustatten, die schon die Zerstörung der zarten Flügel des Schmetterlings erahnen lässt. Jetzt wird auch das Publikum von der Hitze der Gefühle entflammt und zeigt sich begeistert.

Einen furiosen Höhepunkt bieten Kaufmann und Agresta im Duett „Tu, tu, amore? Tu?“ aus Manon Lescaut“, in dem die Stimmung aufgeladen ist von Begehren und zorniger Eifersucht, die Kaufmann kernig und leidenschaftlich darbietet, und von der Sopranistin mit selbstbewusster Weiblichkeit befeuert wird.

Begeisterung im Saal und auf der Bühne © Andreas Etter / Pro Arte Frankfurt

In der ersten Zugabe lässt der Tenor in „Ch’ella mi creda“ (aus La fanciulla del West) seine Stimme wieder im weichen Nougatschmelz erklingen, der zu einem sanften Verführer passt.

© Andreas Etter / Pro Arte Frankfurt

Herzerweichend und lyrisch zart singt Maria Agresta das liebevolle Flehen von Liù „Signore, ascolta“ (aus „Turandot“), was von Kaufmann als Calaf eine ebenso zartfühlende Antwort im tröstlichen „Non piangere, Liù“ erfährt.

© Andreas Etter / Pro Arte Frankfurt
© Andreas Etter / Pro Arte Frankfurt

Den Abend beschließt der Tenor mit der obligatorischen Parade-Arie „Nessun dorma“ (aus „Turandot“), die nun auch den letzten im Publikum vom Sitz reißt und mit einer Standing Ovation belohnt wird, auch wenn der finale hohe Ton („Vincerò!“) von der gesanglichen Tour de Force des Abends geschwächt klingt und wohl auch wegen des gerade überstandenen Infekts (zwischendurch musste der Tenor einige Male husten) nicht so kraftvoll und schillernd gelingt, wie man es eigentlich von Jonas Kaufmann gewohnt ist. Aber live ist live und am Ende strahlt der Tenor erleichtert und offensichtlich froh, dass die Musik von Puccini zielsicher ins Herz der Menschen getroffen und die Zuhörenden bewegt hat.

Jonas Kaufmann, Maria Agresta und Jochen Rieder freuen sich über Standing Ovations des Frankfurter Publikums. © Andreas Etter / Pro Arte Frankfurt

Ein Konzert mit einem Feuerwerk aus Gefühlen, wie es nur Puccini zu entzünden vermag, transportiert von zwei wunderbaren Stimmen auf höchstem Niveau.

Die nächsten 6 Stationen der Puccini-Tournee von Jonas Kaufmann finden Sie im Kalender seiner Homepage.

Social Share Buttons and Icons powered by Ultimatelysocial