Gastbeitrag: Wissenschaftsreportage von Dorit Günther

Warum Algorithmen nicht küssen können

Eine Reportage von Dorit Günther

Anastasia* (39 Jahre) saß im Korbstuhl der Strandbar und ließ ihren Blick über das Wasser gleiten, auf dem die Strahlen der Abendsonne in einem feurigen Farbenspiel tanzten. Eine romantische Location hatte Adam* (43 Jahre) für ihr Date ausgesucht. Während ihres Gesprächs dachte Anastasia: „Er sieht nur so mittelmäßig aus, aber seine guten Manieren werten ihn auf.“ Bei einer zufälligen Begegnung hätte er jedoch keinen Flirtinstinkt bei ihr geweckt. Denn es war nicht Amor, der Anastasia mit Adam zusammengebracht hatte, sondern der Algorithmus des Dating-Portals, auf dem sie sich beide präsentierten. Auf Basis der Angaben zu ihren Eigenschaften, Werten und Interessen hatte der Algorithmus 95 Prozent Übereinstimmung errechnet und sie miteinander in Kontakt gebracht.

Im Interview für diese Reportage fasste Anastasia ihr Date mit Adam so zusammen:

„Unsere Unterhaltung lief echt gut, unsere Interessen haben zueinandergepasst. Die Stunde der Wahrheit kam, als wir uns geküsst haben. Da habe ich gemerkt, dass die Chemie nicht stimmt. Damit ist Adam für mich aus dem Rennen.“

Adam zog dieses Fazit: „Meine Erfolgschance erhöhen sich, wenn ich mehr Kandidatinnen kennenlerne. Also werde ich in meinem Profil ein paar Filter entfernen.“

Schauen wir uns nun näher an, wie der Erstkontakt bei Paarbeziehungen** entsteht und worauf mehr Verlass ist: auf Algorithmen oder die Instinkte der Liebessuchenden.

Partnerwahl durch Körperchemie

Warum küssen sich Menschen bei der Partnersuche? „Küsse verraten den biologisch perfekten Partner und wirken als hormoneller Klebstoff“, fasst Benno Müchler den Forschungsstand in der Sexualforschung und Neurologie zusammen (Müchler 2009). Der Mensch hat nämlich die biologische Veranlagung, Nachkommen mit einer hohen Lebenserwartung zeugen zu wollen. Dafür muss das Kind gegen verschiedene Krankheiten immun sein, also von seinen Eltern unterschiedliche MHC***-Gene bekommen, in denen die Immunität gegen Krankheiten codiert ist.

Die Forscherin Sarah Woodley von der Universität von Duquesne (Pittsburgh, USA) hat herausgefunden, dass Menschen beim Küssen über den Geruch und Geschmack genetische Merkmale wahrnehmen: „Je verschiedener die MHC-Gene unseres Gegenübers, desto eher nehmen wir ihn zur Wahl“, so Woodley (nach Müchler 2009, S. 1). Dies war jedoch nicht bei allen Probanden der Fall. Woodley kommt zu dem Ergebnis, dass die „Kuss-Kontrolle“ nicht als einziger Faktor darüber entscheidet, ob ein Paar zusammenkommt und auch zusammenbleibt.

Beim Küssen wird – neben „Glücklichmachern“ wie Dopamin und Adrenalin – auch das sogenannte „Kuschelhormon“ Oxytocin ausgeschüttet, das eine psychosoziale Funktionen hat: Es erhöht die Kommunikationsbereitschaft und verringert Ängste.

Die Psychologinnen Wendy Hill und Carey Wilson vom Lafayette College in Easton (USA) haben nachgewiesen, dass beim Küssen der Wert des Stresshormons Cortisol bei Männern und Frauen gleichermaßen sinkt. Küssen befreit also von Stress und sorgt für ein positives Gefühl. Deshalb verlässt ein Mensch sein geküsstes Gegenüber nicht so schnell wieder (nach Müchler 2009, S. 2).

 

Wir halten fest: Küssen hilft über körperliche Signale dabei, dass sich die Paare finden, die genetisch gut miteinander harmonieren, und schafft ein Verbundenheitsgefühl.

Erstkontakt durch Abgleich von Eigenschaften

Warum setzen viele Singles bei der Partnersuche nicht nur auf ihren „Riecher“, sondern auch auf Online-Partnerbörsen? Sie hoffen, dass sie dort mit mehr Singles in Kontakt kommen, die zum eigenen Suchprofil passen. Wie funktioniert das?

Eine Online-Partnerbörse arbeitet mit Algorithmen, die auf einen großen Pool von User Profilen der Singles zugreifen, deren Parameter vergleichen und diejenigen mit größtmöglicher Passung matchen. So erhalten die Singles Kontaktempfehlungen.

Soziologinnen und Soziologen forschen zu der Frage, ob das Online-Matching die sozialen Barrieren, die im Offline-Begegnungsraum bestehen, senkt und somit mehr heterogene Paare zusammenführt.

Volker Ludwig, Juniorprofessor für Angewandte Soziologie an der TU Kaiserslautern, erklärte der Reporterin Dorit Günther im Interview am 23. Januar 2020, dass beim „Meeting and Mating“ im analogen sozialen Umfeld Gelegenheitsstrukturen dafür sorgen, dass man überwiegend auf Menschen trifft, die einem selbst ähnlich sind – insbesondere im Bildungsgrad. Etwa ein Viertel aller Partnerschaften entstehen im gleichen Bildungsumfeld, also in der Ausbildung, (Hoch)Schule oder im Beruf. Ein „Klebstoff“ im Zusammenleben der Menschen ist soziale Homophilie, also die Tendenz, andere Menschen zu mögen, die einem selbst ähnlich sind. Solch eine Ähnlichkeitsattraktion trifft auch auf die Partnerwahl zu.

Sprengt der Algorithmus soziale Grenzen?

Erweitert Online-Matching den „Suchradius“ der Singles um eine größere soziale Diversität? Für die Beantwortung zieht Volker Ludwig die Studie der Soziologen Skopek, Schulz & Blossfeld (2011) heran. Das Forschungsteam der Universität Bamberg hat Daten einer großen deutschen Online-Partnerbörse ausgewertet. Es zeigten sich ähnliche Muster der bildungsbezogenen Partnersuche, wie sie aus vielen Studien zu Offline-Partnerschaften bekannt sind. In Bezug auf den Erstkontakt besteht starke Bildungshomophilie: Bevorzugt werden Partner*innen mit gleichem Bildungsniveau kontaktiert. Zudem werden online geschlechterspezifische Muster aus der Offline-Welt reproduziert: Ist das Bildungsniveau nicht gleich, kontaktieren Frauen eher Männer mit höherer Bildung, und Männer kontaktieren eher Frauen mit geringerer Bildung.

Die Ausprägung ist jedoch unterschiedlich: „Die Partnersuche online ist weniger stark sozial vorstrukturiert als in Offline-Kontexten. Die Homogamie-Raten in Bezug auf Bildung, Ethnie und Religion sind bei Paaren, die sich im Netz kennengelernt haben, geringer als bei Paaren, die offline zusammengefunden haben“, so Volker Ludwig. Zu diesem Ergebnis kommt auch die Soziologin Gina Potarca, die repräsentative Umfragedaten des Deutschen Familienpanels ausgewertet und mit Studien aus den USA verglichen hat (Potarca 2017).

Ja, eine Online-Partnerbörse bietet durchaus die Chance, den Suchradius zu erweitern und Paare zusammenzuführen, die sich im analogen Sozialraum aufgrund ihrer Unterschiedlichkeit nicht begegnet wären. Aber was passiert, wenn eine künstlich intelligente „Kupplerin“ Daten über sämtliche Kontaktaktivitäten sammelt?

Wenn die Algorithmen von Partnerbörsen jedoch Rücklaufdaten über entstandene Kontakte – also welche User wen liken und kontaktieren – mitverarbeiten, können sich Muster der Homogamie verstärken“, gibt Ludwig zu bedenken. Wenn also aufgrund von sozialer Ähnlichkeitsliebe mehr Kontakte und erfolgreiche Matches zwischen Profilen von Menschen mit ähnlichen Eigenschaften entstehen, rechnet der Algorithmus dies als Erfolgsprinzip für zukünftige Matches ein. Helfen Algorithmen also doch nur wenig dabei, die sozialen Schranken beim Dating zu überwinden?

Algorithmen treffen „entseelte Entscheidungen“ 

Welche Dynamik entwickelt sich, wenn die Algorithmen einer Dating App beim Matching nicht nur die dort eingegebenen User Profile auswerten, sondern auch die Daten auf den zugehörigen mobilen Endgeräten – wie zum Beispiel Suchanfragen bei Google, Aktivitäten in sozialen Netzwerken und gespeicherte Fotos? Die Nutzer*innen von Dating Apps haben keine Kontrolle über die Mechanismen, die „im Hintergrund laufen“ und wer diese Daten für welche Zwecke nutzt.

Algorithmen brauchen ethische Handlungsanleitungen“, sagte Katharina Zweig im Interview mit der Zeitung „Der Standard“ am 6. Mai 2016. Sie ist an der TU Kaiserslautern Professorin für Sozioinformatik und beforscht den sozialen Aspekt von Informatik. Zweig sieht es kritisch, dass sich viele Menschen uneingeschränkt auf die Algorithmen verlassen, die alle Online-Daten filtern und sortieren und dann jedem User „maßgeschneidert“ bestimmte Nachrichten, Produkte und Kontakte zu Personen empfehlen. „Dadurch wohnt diesen Empfehlungsalgorithmen, die hinter Internetsuchmaschinen, sozialen Netzwerken und Onlinehandel stecken, tatsächlich eine große Macht inne, unseren Fokus zu lenken“, erklärte Zweig im Interview.

Algorithmenentwickler*innen schreiben ihre Ideen, wie etwas sortiert und entschieden werden soll, in Codes ein, die dann beliebig multipliziert werden, „ohne dass eine weitere Anpassung an den Kontext möglich ist – ich nenne dies „entseelte Entscheidungen“ (Zweig 2016, S. 1). Zweig plädiert dafür, Algorithmen, die automatisiert über Menschen entscheiden, aus bestimmten Lebensbereichen auszuschließen.

Trotzdem vertrauen viele Menschen ihre Suche nach Freundschaften und Partnerschaften sozialen Netzwerken und Partnerbörsen an und nehmen dabei eine Fremdsteuerung durch deren Algorithmen in Kauf oder nicht ernst. Geraten im heutigen Sozialleben der Menschen die persönlichen Begegnungen und das Vertrauen in die eigenen, instinktiven Gefühle von Sympathie und Attraktion immer mehr ins Hintertreffen?

Fragen, die nach Antworten suchen

Ist für das Finden der idealen „anderen Hälfe“ der Kuss oder der Algorithmus wichtiger? Hält eine Liebesbeziehung länger, wenn „die Chemie stimmt“ oder wenn die Eigenschaften der beiden stark übereinstimmen? Dürfen sich Algorithmen überhaupt einmischen? Bis sich die Forschung auf Antworten einigt, müssen Adam und Anastasia die Dynamiken des Beziehungsspiels in ihrem eigenen Liebeslabor erforschen.

* Name von der Redaktion geändert
** hetero- und homosexuelle Paare

*** MHC ist eine Abkürzung des englischen Fachterminus „major histocompatibility complex“, auf Deutsch: Hauptgewebeverträglichkeitskomplex 

Alle in diesem Artikel verwandten Bilder sind frei nutzbar nach Pixabay Licence.

 

Literatur

Ludwig, V. (2020): Interview zum Thema „Online-Partnersuche aus Sicht der Soziologie“ durch Dorit Günther am 23. Januar 2020 in Kaiserslautern.

Müchler, B. (2009): Warum die Evolution den Kuss erfunden hat. In: Die Welt, Ausgabe vom 16.02.2009, S. 1-2. Online veröffentlicht. [letzter Zugriff: 23. Januar 2020]

Potarca, G. (2017): Does the internet affect assortative mating? Evidence from the U.S. and Germany. In: Social Science Research, Ausgabe 61 (2017), S. 278-297.

Rasper, Martin (2018): Tanz der Hormone. In: Zeitschrift Natur, Ausgabe 02-18, S. 28-32.

Skopek, J./ Schulz, F. & Blossfeld, H.-P. (2011): Who Contacts Whom? Educational Homophily in Online Mate Selection. In: European Sociological Review, Volume 27, Number 2/2011, S. 180–195.

Zweig, K. (2016): Entseelte Entscheidungen. In: Der Standard, Ausgabe vom 06.05.2016, S. 1. Online veröffentlicht. [letzter Zugriff: 23. Januar 2020]

 

Bei dem von der Technischen Universität Kaiserslautern ausgeschriebenen Wettbewerb “Wer schreibt die beste Wissenschaftsreportage” (Wintersemester 2019/2020) wurde die von Dorit Günther eingereichte Reportage „Warum Algorithmen nicht küssen können“ mit dem 4. Platz ausgezeichnet. Näheres: https://www.uni-kl.de/pr-marketing/wissenschafts-reportagen/ 

Über die Autorin

Dr. phil. Dorit Günther studierte Informationswissenschaft, Anglistik und Philosophie an der Universität des Saarlandes und University of Maryland. 2005 promovierte sie mit einer Arbeit zur Gestaltung von virtuellen Räumen für den wissenschaftlichen Diskurs. Seit 2006 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Distance and Independent Studies Center der Technischen Universität Kaiserslautern in den Arbeitsfeldern E-Learning, Fernstudium und Kompetenzförderung von Studierenden. Aktuell forscht sie zu Lernräumen und ist als studienbegleitender Coach tätig ist. Weiterhin liegen ihre Interessen im Kunst- und Kulturbereich.

Weitere Gastbeiträge von Dorit Günther auf diesem Blog: Essay “Willst du dienen oder herrschen?”  (Teil 1 und Teil 2 ) und die Fantasy Kurzgeschichte “Die Verwandlung des Ritters der Nacht”. Als Co-Autorin mit Ulrike Günther: Sci-Fi Kurzgeschichte “Lernwelten 2030”.

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