Märchen auf den Kopf gestellt – nicht von guten Eltern

Die Märchenwelt steht Kopf. Marie ist keine schöne Prinzessin, sondern ein ungeliebtes dickes Kind, das mit Vorliebe die Gestalten in ihrem Märchenbuch mit ihren Filzstiften tyrannisiert. Als sie plötzlich selbst in der Märchenwelt landet, wird sie mit ihrer eigenen Not konfrontiert – hierbei sind der hungrige Wolf und der ungeküssten Frosch das kleinste Problem.

„Marie mag keine Märchen“ habe ich gestern fertig geschrieben und bei einem Wettbewerb eingereicht. Die Vorgabe lautete, bekannte Märchen neu zu erzählen („die ganze Wahrheit“).

Bei der Ideensuche für meine Geschichte habe ich die altvertrauten Grimm’schen Märchen wieder gelesen und nach übergreifenden Themen und Verbindungen gesucht. Was treibt die Figuren an und warum kommen sie in Schwierigkeiten?

Es sind Hochmut, Eifersucht, Eitelkeit, Ungehorsam und Übermut, die die Märchenwesen in die Bredouille bringen und die bösen Stiefmütter und Hexen zu ihren Intrigen und Zaubereinen anstacheln.

In „König Drosselbart“ ist die Prinzessin hochmütig, indem sie die Prinzen verspottet und abweist, die um sie werben.

Hänsel und Gretel sowie Rotkäppchen kommen aus Ungehorsam im wahrsten Sinne des Wortes vom Weg ab und müssen dafür bezahlen.

Die Eitelkeit und die Eifersucht treiben die Stiefmutter von Schneewittchen und die Schwestern von Aschenputtel dazu an, diese guten Mädchen ins Unglück zu stürzen.

Sind die Heldinnen und Helden erst einmal in Schwierigkeiten – entweder wegen ihres schlechten Charakters oder durch ihre Neider – müssen sie sich schweren Prüfungen stellen, sich behaupten, Buße tun und geläutert werden, um zum guten Schluss belohnt zu werden.

Ein gutes Beispiel für die Belohnung einer guten Tat findet sich im „Gestiefelten Kater“, wo der jüngste Sohn seinen geerbten Kater nicht zu Handschuhen verarbeitet, sondern das Tier am Leben lässt, das wiederum mit Witz und Betrug dafür sorgt, dass sein Herr zum reichen Landbesitzer und Prinzgemahl wird.

Aber ist das schon das ganze Rezept? Ich drehe und wende die Geschichten und richte meinen Blick auf die Eltern-Figuren. Sind es nicht die nachlässigen Eltern, die Hänsel und Gretel in den dunklen Wald schicken?

Ist es nicht der grausame Vater in „König Drosselbart“, der die Selbstbestimmung seiner Tochter unterdrückt (hat sie nicht das Recht, einen Brautwerber abzulehnen?) und sie zur Strafe dem nächstbesten Bettler mitgibt?

Warum strengt sich der Vater von Dornröschen nicht mehr an, die 13. Fee zum Fest einzuladen (ein zusätzlicher goldenen Teller ließe sich im Königreich doch wohl auftreiben)? Warum setzt sich der Vater von Aschenputtel nicht mehr für seine Tochter ein? Väter schrecken auch nicht davor zurück, ihre Söhne im Kampf um das Erbe gegeneinander antreten zu lassen („Die drei Brüder“, „Die drei Federn“). In „Tischlein deck dich, Goldesel, Knüppelausdemsack“ glaubt der Vater eher dem Lügengemeckere der Ziege, als den wahren Worten seiner drei Söhne und jagt sie einen nach dem anderen mit Schlägen aus dem Haus.

Ganz evident ist das Versagen der Mutter in Rapunzel (die in der psychologischen Deutung mit der Zauberin, die Rapunzel im Turm gefangen hält, identisch ist). Von grausamen Stiefmüttern brauche ich gar nicht erst anzufangen – in „Schneewittchen“ kann man über die fantasievolle Bandbreite an Mordanschlägen auf die Stieftochter staunen (vom Jäger erschießen lassen und Lunge und Leber zum Beweis ausweiden, Erwürgen mit Halskette, mit Apfel vergiften).

Alle Eltern, die in Märchen vorkommen, versagen in ihrer elementaren Aufgabe, ihre Kinder zu beschützen und gut für sie zu sorgen. Oft ist es erst diese Vernachlässigung, die die Kinder in ihre Notsituationen stürzt.

Das bringt mich dazu, die Prämisse des Märchens als Erziehungsstück für Kinder auf den Kopf zu stellen. Wie wäre es, wenn im Märchen mal die Eltern geprüft, geläutert und erzogen würden?

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf lade ich euch nun ein, mein Märchen-Remix von Marie zu lesen. Ihr werdet bestimmt einige bekannte Figuren und Themen wieder erkennen.

Marie mag keine Märchen

Die Leiden der jungen Lyrikerin

Ich war kürzlich beim Schwäbischen Kunstsommer im Oberallgäu und habe dort eine Woche lang die Meisterklasse Lyrik bei Martina Hefter besucht.

Kloster Irsee

Ein einschneidendes Erlebnis in meinem jungen Lyikerinnen-Leben! Ich schreibe erst seit drei Jahren Gedichte (in geringer Anzahl), bin also noch Infantin bei ihren ersten Gehversuchen. Was ich in meiner Lyrikwoche leidvoll erkannt habe: Meine Dichterei taugt nichts! Hier ein Rückblick zur „Trauma“-Verarbeitung. Es fing alles ganz beschaulich an:

Am Sonntagmorgen weckt mich die Sonne in meinem Sommerhaus der Klosteranlage, ich flaniere nach einen üppigen Frühstück durch den Park zu meinem Kursraum – der für die nächsten 7 Tage meine kreative Dichterheimat werden soll – täglich von 9-12 Uhr und von 15 bis 18 Uhr – finde mich an einem prächtigen Mahagoni-Tisch unter Stuckdecke und umgeben von historischen Gemälden zusammen mit 10 anderen Lyrik-Schülern wieder – acht Frauen und zwei Männern, drei davon aus der schönen Schweiz.

Die Meisterin gehört zum elitären Leipziger Lyrik-Zirkel (mit einigen Veröffentlichungen), ist eine Ballerina und Performance-Künstlerin. Am Sonntagabend stellt sie im Künstlergespräch einige ihrer Gedichte vor (trifft nicht so meinen Geschmack). Übrigens finden diese Künstlergespräche jeden Mittag und Abend statt – hier stellen sich die Meister der jeweiligen Disziplinen (Chor, Tanz, Malerei, Photographie, Prosa u.a.) im Interview und mit Kostproben aus ihrem Werk vor – also pralles Programm für mich als Kunstsommerteilnehmerin.

Zurück zu meiner Klasse: Die Meisterin fordert jeden auf, sich mit einem eigenen und einem fremden, zeitgenössischen Gedicht vorzustellen. Da ich überhaupt keine Gegenwartslyrik kenne (ein fataler Fehler!), stelle ich einen Liedtext von Bodo Wartke vor und dann mein „Treppengetrappel“ aus meinem Treppenzyklus. Die schonungslose Reaktion aus dem Plenum hierauf lautet: „Das ist antiquiert! Du klingst wie aus dem 19. Jahrhundert!“. Wohlan, so sei’s – dies zu schlucken gilt’s…

In der Gruppe bildet sich schnell eine spezielle Feedbackkultur heraus, dominiert von einigen Lyrik-Veteraninnen (die schon zum wiederholten Male in der Meisterklasse waren, allerdings mit anderen Meisterinnen, z.B. Nora Gomringer im Jahr 2012), die ganz anders ist, als ich es von der Uni kenne. Knallharte Kritik, teilweise nicht nur am Text, sondern auch an der Person. Ich vermisse hier die Wertschätzung.

Jeden Tag müssen wir ein neues Gedicht produzieren (mit Themenvorgabe, z.B. Natur/Landschaft, Alter/Armut, Beschwerde mit Reimen u.a.). Morgens bekomme ich den Auftrag, am Nachmittag und Abend kratzt meine Schreibfeder übers Papier, am nächsten Morgen eile ich vor Beginn der Klasse zum Kopierer, damit jeder ein Mitleseexemplar hat.

Dann heißt es Vorlesen (das kann ich auch viel schlechter, als die anderen, einige klingen wie CD-Profis – beeindruckend; die Schweizer Herren retten sich in Mundart). Dann beginnt die Rupf-Runde. Ich lasse immer viele Federn. Wenigstens werde ich nach meinem tiefen Einstieg zukünftig stets mit den Worten gelobt: „Das ist immerhin besser, als dein Treppengedicht vom Sonntag.“

Jeder kommt dran. Ich notiere fleißig alle stilistischen Tiefpunkte und Tabus (auch bei den Gedichten der anderen) – das ist schon sehr lehrreich. Wie in der Ballettprobe gilt: Nur durch Training und Schmerz kann man besser werden. Erst nach 15 Jahren hartem täglichen Lyriktraining (durch Lesen und Schreiben) darf man sich evtl. Meisterin nennen – so vermittelt es uns die Ballerina.

Übrigens geht es in der Schwestern-Disziplin Prosa bei (Krimi-) Meister Heinrich Steinfest ganz anders zu – ich habe guten Kontakt zu einigen der Schülerinnen. Der Meister ist Mentor und Motivator, sehr zugewandt, sitzt mit seiner Gruppe beim Essen am selben Tisch, macht mit ihnen morgens Tai-Chi und abends Woddy-Allen-Filmrunde (zu der ich netterweise auch eingeladen bin).

Prosa Meister Heinrich Steinfest stellt seine Klasse am imaginierten Lese-Teich vor.

Alle anderen Meister bleiben unter sich und Lyrikerin Martina verbittet es sich, dass man sie außerhalb unserer Kurszeiten anspricht. Die Prosa-Meisterschüler sind inspiriert, im Schreibfluss, alle Knoten lösen sich. Bei mir verknoten sich die Wörter jeden Tag mehr und mir vergeht die Lust an Lyrik.

Mein Treppengedicht zerschneide ich in Stücke und setze aus einigen Fragmenten eine Neufassung zusammen (bespreche sie mit der Meisterin in einer kurzen Einzelsitzung, sie ringt sich dazu durch, dass mir zumindest eine große Veränderung gelungen sei) :

Am Samstag schließlich der krönende Abschluss: Die Kunstsommernacht.

Die Ruhe vorm Besucher-Sturm: Links der Lyrik-Baum, rechts der Prosa-Teich.
Eröffnung der Kunstsommernacht im Treppenhaus um 17 Uhr

Wir dekorieren einen Baum mit eigenen Gedichten – diese Früchte unserer Arbeit dürfen von den Besuchern geerntet werden – das Ergebnis ist echt schön.  Die Idee hierfür stammt von einer Lyrik-Schülerin.

Da die Gruppendynamik mangels Führungskompetenzen der Meisterin im Laufe der Woche Cliquenbildung und Feindschaften hervorgebracht hat, reist eine Teilnehmerin am Vorabend demonstrativ ab. Sonst sind alle ganz heiß darauf, ihre Gedichte vor Publikum vorzutragen – alle außer mir.

Lyrik Meisterin Martina Hefter stellt ihre Klasse vor.
Zwei meiner Mitschülerinnen tragen „Der Zipferlake“ (orig. „Jabberwocky“ – ein Nonsense-Gedicht von Lewis Carroll) vor.

Ich bleibe Zuschauerin (hänge aber immerhin einige meiner Gedicht in den Baum) und genieße die vielseitigen Ausstellungen und Darbietungen der Kunstsommernacht. So geht eine intensive Woche zu ende.

Motto für die Lesung: „Wir lieben die Dichter“

Sobald ich wieder zuhause bin, bestelle ich mir ein Buch, um mal meine großen Lyrik-Lücken (die Alliteration ist immer noch meine beste Freundin) anzugehen – habe aber wenig Elan, selbst etwas zu schreiben. Meine Unbeschwertheit ist mir abhanden gekommen.

Nun versuche ich trotz allem, meine Eindrücke und Lyrik-Lehren in einem Gedicht auszudrücken:

Lyrikleiden

Oh Natur voller Anmut und Schönheit

warum hast du mir kein Lyrik-Gen geschenkt

Trugschluss wer denkt es hängt am Talent

nur Übung macht den Meister

 

Fehler finden Regeln achten

Stabreime stiften Schande

vorzugsweise blanke Verse

ohne Panther ohne Pathos

 

Reimen kann ich kreuzweise

und auch in Umarmung

Reime sind nicht mehr en vogue

postmodern lautet die Parole

 

Schiller Goethe Rilke imitiert

das ist ganz und gar antiquiert

hilft keine Bürgschaft alter Meister

Ballerina lässt taktlos tanzen

 

Zunge spitzen und Vokale beugen

strecken beugen strecken beugen

Wiederholungen sind willkommen

tauche Federkiel in Wörterwellengang

 

Sinnessegel aufgetakelt flattert

im allmächtigen Alliterationssturm

Kritik braust donnernd im Orkan

bis die Segelfetzen in lauer Flaute hängen

 

Pleonasmus Plage quält das Papier

Oxymoron schreit stumm

Wer belohnt nun meinen Fleiß?

oder ist das alles Hühner***?

 

Abgedroschen leere Hülsen sind tabu

Unendlichkeit weitet meine Zukunft

Herzschmerz steht unter Kitschverdacht

ihm wird der Garaus gemacht

 

Wörtertanz auf Zehen im Tutu

rundherum das ist nicht schwer

Reime sind für Kinderlieder

dem modernen Poeten zuwider

 

Wer bist du ideale Dichtung

suche reine Lyrik Lichtung

sollst Räume öffnen Türen eintreten

überraschen überrumpeln überwältigen

 

Konsenznicken ist zum Wegknicken

bloß kein Betroffenheitsgestammel

werfe marode Metaphern über Bord

Lyrik Funke zündet neuen Ort

C – China – Das Land des überwachten Lächelns

Wie weit weg sind wir noch von der totalen Überwachung? Längst bin ich daran gewöhnt, dass Google, facebook und Co. meine Wünsche besser, als ich selbst voraus sieht, weiß, wen ich kenne und wen ich kennen lernen möchte. Kürzlich habe ich eine neue Bekanntschaft gemacht – natürlich im world wide web – mit einem Artikel über die Gesichtserkennung im Klassenraum in China. In einer Schule in Hangzhou hängen drei Kameras über der Tafel und zeichnen die Mimik der Schüler auf, dabei identifiziert die Software 7 verschiedene Emotionen. Ist ein Kind unaufmerksam, meldet der Computer das der Lehrerin. Diese dystopische Aktualität hat mich zum folgenden Gedicht inspiriert.

Das Land des überwachten Lächelns
(Hangzhou)

Chinesische Kinder sind glücklich

glücklicher, als anderswo

 

Chinesische Kinder sind traurig

trauriger, als anderswo

 

Chinesische Kinder sind verärgert

verärgerter, als anderswo

 

Chinesische Kinder sind abgeneigt

abgeneigter, als anderswo

 

Chinesische Kinder sind überrascht

überraschter, als anderswo

 

Chinesische Kinder sind neutral

neutraler, als anderswo

 

Chinesische Kinder haben Gefühle

sieben Arten, so wie anderswo

 

Ihre Gesichter verraten sie

vermessen und ausgewertet, so wie nirgendwo

 

Drei Kameras wachen über Schüler

überwachsamer, als anderswo

 

Die Erkennungssoftware ist klug

klüger, als anderswo

 

Chinesische Schulen sind fortschrittlich

fortschrittlicher, als anderswo

Noch umfassender ist die Überwachung durch das Sozialkreditsystem in China. Hier steht das Sozialverhalten der Menschen unter Bewertung. Für gutes Betragen gibt es Pluspunkte, für Verfehlungen Punktabzüge. Jeder Mensch ist in eine von 4 Klassen eingeteilt (A bis D), je nach Punktestand. Wer nicht in A ist, wird nicht befördert, wer in C abrutscht, wird zusätzlich kontrolliert und wer auf D abgesunken ist, bekommt keine Wohnung, keine Kredite, keinen Job und darf nicht mehr ins Ausland fliegen. Klingt nach George Orwell reloaded?

Ich frage mich, ob wir in Deutschland vor diesem System wirklich sicher sind – wo die meisten Menschen heute schon freiwillig für ein paar Euro ihre Konsumgewohnheiten preisgeben (Payback) und sogar ihre Biodaten per App an ihre Krankenkassen übermitteln würden, damit sie Prämiennachlässe und Boni für gesundheitsförderliches Verhalten (Ernährung, Sport, präventive Zahnreinigung u.a.) bekommen. Vieles, was eigentlich empörend ist, wird mit einem Schulterzucken hingenommen. Macht halt jeder… Solange ich Vorteile davon habe…

Mein folgendes Gedicht trägt den Titel „Rongcheng“ – diese Küstenstadt im Osten Chinas gilt als Vorzeigeprojekt des Sozialpunktekreditsystems.

Rongcheng

Sammelst du Sozialpunkte?

an der roten Ampel halten

mit dem Fahrrad fahren

Schulden bezahlen

um die Eltern kümmern

Vater Staat schreibt es dir gut

Steigst auf zur Stufe A

bekommst Kredite

gehörst zur Elite

 

Verlierst du Sozialpunkte?

alleine Auto fahren

öffentliches Ärgernis

Beschwerden einhandeln

demonstrieren

der Staat schreibt es dir an

steigst ab zur Stufe D

bleibst am Boden

Beförderung gestrichen

 

Moral ist unsere Marktwirtschaft

Sozial ist unsere Währung

sei vollkommen

sei willkommen

Abweicher auf’s Abstellgleis

Punkte sind unparteiisch

Belohnung und Bestrafung

so funktioniert

die digitale Diktatur

T – Treppenthrillogie

Treppengetrappel

Welche Treppe magst du heut‘ besteigen

welchen Grund will deine Sohle spüren

soll es die knarzend‘ Planke sein

mit abgestoß’nen Stufen

oder sinkt dein Fuß ins Rot

von weichem Teppichsamt

der eisig glatten Marmor deckt

trägst dein Kinn hochgereckt

stolzierst mit Prunk und Gloria

deinen Blick empor gerichtet

himmelshohe Zukunft suchend

 

Das Geländer lädt dich ein

schmiegt sich leicht

in deine fassend‘ Hand

sind die Stufen flach und tief

für schnellen kleinen Schritt

sind die Stufen hoch und kurz

für bedächtig großen Tritt

wenn du nach Atem ringend

inne hältst und stille stehst

keinesfalls um zu verweilen

nur für neuen Schwung im Steilen

 

Drängend aufwärts strebend

fiebernd fortschreitend

zieht es dich zum Ziel

bis zur letzten Stufe

wo es kein Weiter gibt

jeder Weg hinauf

führt dich irgendwann hinab

oben lockt die Übersicht

unten lauert Tiefsicht auf

Schicht für Schicht

tauchst du in Verborgenheit

 

Füße tasten zaghaft

Knie gebeugt und Kopf gesenkt

dein Blick reicht nur

zur nächsten Niederstufe

jetzt bloß nicht

straucheln taumeln stürzen

wo Kellerkälte klirrt

wo Geister gar gastieren

nein hier ist keine Bleibe

bist du erst ganz unten

geht es nur nach oben

 

tritt ein tritt aus

Treppengetrappel

Kein Ort

Die Treppe ist kein Ort

sie ist von andrer Sort‘

wo niemand steht

wo ein jeder geht

 

Mit schnellen Schritten

mit festen Tritten

manche gefasst

manche mit Hast

 

Die Treppe ist kein Ort

sie ist von andrer Sort‘

sie ist ein Seelenschweben

und das nennt man Leben

treppen eindruck

diese stufen

haben manchen

fuß getragen

gebogen sind sie

unter last

von schatten

gebröckelt ist

der tritte spur

auf ihrem weg

nach oben

wo ein weißes licht

endlich ankunft

wem verspricht

farbe blättert

trocknet aus

bleicht erinnerung

ein geländer ohne

hände die sich

daran hielten

wer wagt nun

den schritten

der gespenster

nachzueilen

der verheißung eines

aufstiegs auf

ungewissen stufen

sinkend steinern

ihren standpunkt haltend

unverrückbar

eindrucksvoll

Treppen ABC

Es gibt Treppen

die sind abgewetzt

die sind breit

die sind cineastisch

die sind dauerhaft

die sind elegant

die sind funktional

die sind gerade

die sind hässlich

die sind ideal

die sind jämmerlich

die sind königlich

die sind lang

die sind monumental

die sind niedlich

die sind ominös

die sind pomporös

die sind quadratisch

die sind rustikal

die sind steil

die sind trittfest

die sind universal

die sind vertikal

die sind wacklig

die sind xenophil

die sind ying &yang

die sind zeitlos

die sind ändlos

die sind beispielhaft

die sind charmant

die sind dienlich

Extrastufe:

Wollt ihr Treppen auf der Leinwand sehen

könnt ihr tüchtig auf den Link hier gehen:

Panzerkreuzer Potemkin (1925)

Wer will mehr nach Liebe schmachten

der sieht Rhett nach Scarlett hasten

Vom Winde verweht (1939)

Bonus (18. Juli):

abgründige Treppe

G – Geschichtsgewichtsgedicht

Ich bin mal wieder in Berlin auf Erkundung gegangen und habe den Schwerbelastungskörper entdeckt. Der 1941 von den Nazis errichtete Beton-Druckkörper sollte die Tragfähigkeit des Bodens für einen monumentalen Triumphbogen testen, der Teil eines bombastischen „Germania“-Städtebaukonzepts von Generalbauinspektor Albert Speer war.

Dieses Bauwerk mit Vergangenheit hat einen gewichtigen Eindruck auf mich gemacht und sich dann in diesem Gedicht ausgedrückt.

Schwerbelastungskörper

Gigant Germania

türmst dich auf vor mir

beschwerst meinen Gang

du fesselst meinen Fuß

auf poröser Prachtpromenade

die niemals gebaut

die keiner je geschaut

 

Brunnentiefer Betonkoloss

Burg ohne Bewohner

blockierst meinen Blick

bist gegossener Größenwahn

faschistische Futurfabel

erhebst dich zum grausigen Gruß

aus Zeiten vor meiner Geburt

 

Speerspitze der Architektur

sollte hier entstehen

sagenhafte Säulen für Sieger

dies erstarrte Experiment

verdammt meine Vorväter

euer ewiges Vermächtnis

liegt in diesem Verlies

 

Tragfähigkeit im Test

gestern auf altem Boden

heute auf jungen Schultern

stemmen nun dies Schwergewicht

aus Urtrieb zur Unsterblichkeit

zwanghaft und mit Zwang

erbaut für tausend Jahre

 

Ich gehe tausend Schritte

rechtsherum und linksherum

kreisend ohne Ziel

Brombeerhecken kratzen

nutzlose Narben in fahle Fassade

monumentale Steine schweigen

versunken in Verlassenheit

 

Ich trete ein durch dicke Wände

in diese hohle Höhle

mit stürzendem Schacht

in ungewisse Dunkelheit

runde Fensteraugen

blicken blind ins Grüne

doch Geister gibt es keine

 

Gewissensbisse aus Granit

befallen bußwillige Besucher

Stein der jeder Sprengung trotzt

gemeißeltes Geschichtsgesicht

Gedächtnis in Beton geschlossen

geöffnet in diesem Gedicht

verliere niemals dein Gewicht

 

Schacht in die Tiefe
Fensterhöhle

P – Pläne platzen

Pläne platzen

plötzlich

plattgemacht

Protestgeheul

Pantherpranke

presst possierlich

poröses Papier

 

Pläne re parieren

Papiertiger preist Präzision

Autopilot peilt Punktlandung an

plumpe Perfektionsposse

Plundertheater

peinliches Pathos

Papperlapapp

 

Plan A Plan B Plan P

pompöse Parade

Plüschbrigade

push push

lautet die Parole

mit Paukenpegel

100 Prozent produzieren

 

Protest hat Platzverweis

Pausen stehen am Pranger

Puppensoldaten plumpsen

auf Planpromenade

Prokrastinierer pöbeln

pfeifen auf Prüfungen

Pleite Panik Paralyse pur

 

puff puff

Parameter pulverisiert

Prinzessin Pudelwohl pennt

Phantasie im Paradies

tauscht Pauke gegen Poesie

Plan P patentiert

Platz für Planpudelei

Mein P-Poesie-Plätzchen ist Teil von Mias Blogparade Darf ich Platz nehmen? – schaut dort doch mal vorbei und entdeckt viele tolle Texte zum Thema.

Blogparade: Darf ich Platz nehmen? – Die verlassene Stille – laut sucht raum

Mia hat zur Blogparade eingeladen: „Alle Schreiblustigen aus unserem Masterstudiengang Biografisches und Kreatives Schreiben an der ASH Berlin (#BKS11) sind herzlich eingeladen, ebenso wie alle anderen schreibfreudigen Bloggerinnen und Blogger, die dem genannten Thema Platz in ihren Zeilen einräumen möchten und dem Thema erlauben in ihren Gedanken Platz zu nehmen.  Ihr dürft das Thema frei interpretieren – als Gedicht, Kurzgeschichte, Collage u.a. Es gibt keine Einschränkung wie beim letzten Mal. Was darf in unserem Leben, unseren Gedanken und somit in unseren Texten Platz nehmen …?“

Hier nun mein Beitrag zur Blogparade  Darf ich Platz nehmen?:

Die verlassene Stille

Hier bin ich

Ruhenetz

unbesetzt

ungehetzt

 

für dich da

geduldig

stetig

abwegig

 

für dich nah

nichtssagend

tragend

träumend

 

für dich Gefahr

lautlos

nutzlos

uferlos

 

für dich wahr

unwägbar

unsagbar

offenbar

 

–   –   –

da für dich

war für dich

wahr für dich

 

laut sucht raum

bum bum

gedanke rum

peng peng

zweifel spreng

kling klang

ohne belang

kawumm kawumm

warum darum

pling pling

mittendrin

hipp hopp

wortgallopp

pfeif pfeif

ohren steif

klack klack

auf zack

hup hup

launeschub

kling klang

abgesang

ggggggggg

H – Himmelsblind

Es gibt ihn noch

den Vogel

der in den Himmel steigt

seine Flügel spannt

nicht schmelzend nicht stürzend

 

der Vogel

im schwarzen Gefieder

mit schwarzen Augen

die nach innen schauen

schwebend blind im Himmelsblau

 

blaublind

das ist seine Leichtigkeit

Flug ohne Richtung

windzerzaust ist sein Gefieder

zerzaust und trotzdem heil

 

sie tragen ihn

die Federn und der Wind

Sturm mag kommen

die Fratze des Windes

lässt ihn alles vergessen

 

vergessen sind

die Antworten

auf falsche Fragen

die Rufe

von unnahbaren Ufern

 

Tag und Nacht

sind ausgelöscht

im blauen Himmelsblind

ausgetauscht

gegen die Unendlichkeit

 

er weiß nicht mehr

was seine Augen früher sahen

jetzt liegt er im Wind

in den Armen der Willkür

windblind

 

es ist gut so

er braucht nichts mehr

zu entscheiden

außer zu atmen

ein und aus

 

ein und aus

ein Trommeln

aus Gedanken

ein Herz

aus Trommeln

 

Gedankentrommel

taumelt im Herzen

sein Herz hört zu

ganz offen

ganz Ohr

 

blaues Herz

schlägt mit

im selben Rhythmus

ohne Grund

Herzenshimmelsblind

Blogparade #BKS11: April, April, der weiß nicht was er will

Willkommen zur Blogparade mit dem Thema: April, April, der weiß nicht was er will! Alle Schreiblustigen aus unserem Masterstudiengang Biografisches und Kreatives Scheiben an der ASH Berlin (#BKS11) sind herzlich eingeladen, ebenso wie alle anderen schreibfreudigen Bloggerinnen und Blogger.

Ihr dürft das Thema frei interpretieren – als Gedicht, Kurzgeschichte, Collage u.a. Aber es gibt eine kreative Herausforderung (contrainte): Es sollen nur Wörter verwendet werden, die ein „a“ enthalten („ä“ gilt auch).

Die „contrainte“ ist eine kreative Methode aus der „Werkstatt für Potentielle Literatur“ OuLiPo (L‘ Ouvroir de Littérature Potentielle). Durch die selbstauferlegten formalen oder inhaltlichen Textbildungsregelungen sollen die verborgenen Potentiale der Sprache entdeckt werden.

Die Blogparade startet ab sofort und endet am 30. April 2018. Schreibt einfach den Link zu eurem April-Blogbeitrag unten in den Kommentar. Los geht’s und viel Spaß!

Ausgeschlüpft am Montag:

April Attitüden

Osterhasen hasten schokoladenbeladen

Samen schauen staunend auf Himmelslaunen

Pflanzenknospen sagen Wintergrau adé

Himmelslampe strahlt glanzvoll warm

Hagelschauer machen manchen sauer

Sauberleute starten Lappenattacken auf Fensterglas

Naturbewunderer wandern wacker aus Wolkenausbruch

Stubenhocker halten beharrlich zuhause aus

Balkongärtner tauen Geranien auf

Sonnenanbeter stranden auf Mallorca

Schränke fassen fade Flanelljacken

Nacktfußfreunde laufen lässig auf Sandalen

Amour labt Ausgehungerte avec charme

Sprachliebhaber schmausen alphabetisch

Babys Frauen Mädels Männer Knaben

tragen ahnungsfrohes Antlitz

Bald lacht allerliebster Mai

Ai!

ASH-Variante am Dienstag

Naturbewunderer tragen Wetterfahne auf see*hnassen Alleen

PARADEN-LAUF:

EinAHase von Sabine Hinterberger

Osterhasenglück von Hedda Lenz

Kurzurlaub von Bettina-Maria Henze (BKS IV):

Kurzurlaub

Katastrophenwetter! April! Abhauen! Urlaub! Südeuropaträume! Italien! Zitronenbäume! Fähre fahren auf blauem Wasser! An lauen Abenden am Hafen spazieren. Sommerahnungen. Ausspannen. Aufatmen. Aber ach! Baldiger Aufbruch. Rückfahrt nach Hause. Urlaubsende. Wann kann man nochmal Frühjahr atmen?

von Katharina Körting:

Wasser fällt sanft auf das Land
Sanfter als Lächeln: als aprilfarbenes Lauschen
(Allerdings schauen an karibischen Stränden andere Augen
Auf andere Heimat
Papieren achtlos andere Frauen an anderen Aprilfäden vorläufigen Buchstabenmatsch aus
Land, das sanft fällt auf Wasser)

Balz von Urs Küenzi

Küchenmarie backt Anfang April Orangen-Polenta-Flan, alles an A, Ai und Ä von Küchenmarie

Fernab von Hedda Lenz

Fernab

Allee nach Allee,

Nachtgedanken –

am Firmament

das Verhallen

vager Sätze,

unausgesprochen

fernab aller

traumverschlungenen

Silbenpfade.

Alles von Fee

Anders wäre wunderbar von Miss Novice

Ein Gedicht von Sabine Marx

Aprilreflexionen auf autobiografisch Abgelebtes von Kirsten Alers:

Aprilreflexionen auf autobiografisch Abgelebtes
Am Anfang, ach, am Anfang außerhalb aller Ahnungen: abgehoben, abgenabelt, ausgezogen. Ahnenstaub ausgeatmet. Alte Antworten attackiert, andernorts andere Antworten ausgehalten, abermals ängstlich Angesagtes abgelehnt. Abtrünnig atheistisch abseits angekommen. Anker ausgeworfen, angedockt an allerhand. Achtung angesichts absurder Ansichten angenommen, Artgenossen angeschrieen, Artgenossinnen angebetet, Abgöttisches auserkoren aus Abscheulichkeiten, Ähnliches abgelehnt, aussortiert, ausgespuckt. Als Amazone auch Arkadien aufgesucht. Äste absichtlich angesägt. Anfechtungen ausgesetzt. Aufgerissen. Auseinandergefallen. Abwärts abgerutscht. Aderlass am Aschermittwoch. Argumentieren ausgesetzt. Alles ächzt, alles altert, aber alles atmet auch …

 Aprilnächte von Shakti

April, genannt „Launischer“ von Margarete

Alles auf Anfang  von Mo…Saiks Runen

Frühlingserwachen von Christiane

Aprilis von Silvia

Fahrt nach an Ankara von Susanne alias 12andereWege

Maientanz, mal anders! von Sabine Hinterberger

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Gerne könnt ihr das Titelbild dieses Blogbeitrags bei euch verwenden. Als andere Stimmungs-Varianten stehen auch diese Bilder zur Verfügung: