M – Musen Manko

Prolog am Mittwoch: Das W von letzter Woche wirft seinen Schatten als M vor mich hin. Eigentlich wollte ich heute an meinem Roman weiter schreiben. Ich hänge durch. Die Musen haben mich verlassen. Meine letzten Zeilen habe ich am Valentinstag geschrieben – 826 Wörter und mitten in der Szene abgebrochen.

Was ist nur passiert? Mein Roman scheint mir zu entgleiten, die Figuren und ihre Geschichte kommen mir bedeutungslos vor. Macht es einen Unterschied, ob ich die Geschichte zu ende führe oder nicht? Lähmende Gedanken.

Doch! Ich will das Finale schreiben – es fehlt auch nicht mehr viel. Ich brauche ein neues Ziel: Bevor der März anbricht, also bis zum nächsten Mittwoch,  den 28. Februar 2018, will ich mein Werk vervollständigen (den 1. Entwurf).

Heute morgen rette ich mich erst mal in diesen Blogbeitrag – sobald ich über Musen dichten will, überhäufen sie mich mit ihren Küssen.

Auch meine Buchstaben-Spezialgäste A (allzeit abtauchbereit), V (vage virulent) und W (wohl-ig wundervoll) haben sich eingefunden und wir stimmen gemeinsam als (sparsamer) Griechischer Chor in die Parodos ein:

(Die Leserichtung des Gedichts läuft wie gewohnt von links nach rechts, Zeile für Zeile von oben nach unten. Die Lücken zwischen den Buchstaben symbolisieren auch die Abwesenheit der Musen.)

ANRUFUNG VERLORENER WÖRTER AN MUSEN

ANRUFUNG VERLORENER WÖRTER AN MUSEN

ANRUFUNG VERLORENER WÖRTER AN MUSEN

Exodos am Mittwoch:

Für die Freunde der Sprachspiele in der Ästhetischen Bildung hier die „contraintes“ (habe ich mir selbst zusammen gereimt) für dieses Gedicht:

– in jeder Zeile müssen Wörter mit „M“ vorkommen, die gemeinsam die Form des M annehmen,

– in der ersten Zeile: 2 M-Wörter (für die Spitzen),

– in den folgenden Zeilen: jeweils 4 M-Wörter (auch mehrere M’s im selben Wort erlaubt, besonders wichtig in den Spitzen, da sie eng zusammen stehen müssen) und

– in der letzten Zeile: 3 M-Wörter (für die Standbeine).

Ob die Musen wohl unsere Anrufungen erhören und mich in den nächsten Tagen durch mein Roman-Finale tragen?

W – WOLLTE WUNDER WAGEN

Heute ist Valentinstag. V hat mich endlich verlassen. Nun ist Platz an meinem Hals für einen Nachfolger. Willkommen Double-V. Wieso, weshalb, warum?

Vielleicht – wohl wahrscheinlich – weil ich gerade viele Wörter zur „Ästhetischen Bildung“ für mein nächstes Studienseminar lese und mich Wortspiele wahnsinnig in Versuchungen verstricken. Eine ästhetische Erfahrung ist eine sinnliche und leibliche Wahrnehmung. Warum also nicht beim Dichten – besonders wenn es um das Leben und die Liebe geht – auch Klänge, Formen und Farben einbeziehen?

W-Worte wandern wunderlich durch meine Gedanken und haben mich zu dieser Valentins-Widmung inspiriert. Beim Lesen dürft ihr gerne wahlweise die Wege variieren.

Ein W(ende)-Gedicht an die Liebe:

Wer es ein bisschen rosiger mag:

Neue Sachlichkeit

Wer hat nun auch Lust auf ein formschönes Gedicht? Vielleicht gibt es ja einen Buchstaben, der dein Herz erobert hat. Ich freue mich auf eure wagemutigen Werke!

V für Verführer

V für Verführer

Dein Ruf eilt dir voraus

ein Chor von Hustern

gibt dir festliches Geleit

doch mich hast du verschmäht

in dunklen Winterstunden

blieb mein Hals unumwunden

 

Bist doch der Don Giovanni

unter buhlenden Erregern

erobert hast du nun auch mich

tyrannisch ist dein Angesicht

verschlägst mir glatt die Sprache

gefesselt in geheizten Laken

 

Vergeht mir bald das Schlucken

mag auf deine Liebe spucken

den Abschied sehne ich herbei

dein gehauchter Winterkuss

bringt mir gar viel Verdruss

Oh, du mein heiser Virus

VERMISST

Vermisst (kurz für: „so ein Mist“?)

Mein Notebook ist seit heute morgen ohne „ “. Verloren over night. Jetzt denkt ihr vielleicht: nicht so schlimm, mit „e,i,o,u“ ist immer noch genug Wörterfülle möglich. Dies ist keine Not. Vielleicht schon Tugend.

Ich ber ntworte euch: lle Buchstben des lphbets bruche ich, knn nicht lssen von Voklen!

Wohin bist du nur usgebüchst? uf der Tsttur finde ich nur noch deine Fssde, dhinter ghnt der bgrund. Prgmtiker könnten mir sgen: usweichen knn ich uf copy+pste. ber ich will keine Kopie us der Konserve. Mich verlngt es nch dem Originl!

Oder soll ich die Herusforderung nnehmen?

In der Bücherwelt gibt es Wortkünstler, die zum linguistisches und stilistisches Experiment ein komplettes Buch ohne ein einziges „e“ schrieben. So zum Beispiel Georges Perec in:

„nton Voyls Fortgng“ (frz. „L Disprtion“, ds Verschwinden, 1969).

Wieso sollte Perec nicht mein Vorbild werden? Ich ziehe zur Seine und werde Oulipo-tin!

In meiner Schriftstellerei könnte ich den Schluss meiner Geschichte ebenso ohne „ “ schreiben. Elise und Philipp kommen ohne diesen Letter hin. Nur der Junge müsste seine Gitrre hergeben.

In förmlicher Korrespondenz könnte ich die Gender-Diskussion befeuern:

„Sehr geehrte Herrinnen und Herren“

Ist dies Fortschritt oder Rückschritt in Dingen der Gleichberechtigung?

„Mit freundlichen Grüßen“ komme ich nicht in die Bredouille.

Wenn es um die Liebe geht, könnte ich noch ein „oh“ für ein „ h“ vorgeben.

Sgt mir doch und gebt mir Rt: Soll ich ein utoren-Leben ohne „ “ wgen oder kpitulieren und die Tsttur meines Notebooks reprieren lssen?

Heimlich erhoffe ich die wunderliche Wiederkehr meines kleinen Weltenbummlers.

Suche ebenso in der non-virtuellen Welt

Ich widme dem flüchtigen „ “ dieses Gedicht:

ufrichtiger ppell

Sh dich gestern bend noch

wrst d wie lle Tge

dnn km die Ncht

usgegngen ohne bschied

uf Wnderschft ohne Gepck

m Tge wrd mir bnge

hst gr eine uswrtige ffre

mit einem nderen Lptop

du bist donis und phrodite

unter den Voklen

dein Mngel ist gr rg

Truertg im Jnur

lusche uf mein nliegen

kmst du doch nch Huse

uf Hnden trg ich dich fortn

Treu besten Wissens und Gewissens von Erinnerung gezeichnet

100.000 Wörter und ein episches Finale in Sichtweite

Gestern Nacht habe ich in meinem Roman das Hunderttausendste Wort geschrieben! Ein guter Grund für mich, kurz inne zu halten und stolz zu sein auf die reiche Welt und Figuren, die ich seit dem 1. November 2017 erschaffen habe. Klar ist mir auch, dass eine Zahl nichts über Qualität aussagt, aber den miesepetrigen Zweifler schicke ich mal vor die Tür.

Von meiner Krise in der ersten Januarwoche habe ich mich erholt. Darüber zu schreiben hat mir sehr geholfen, ebenso wie die einfühlsamen Rückmeldungen von vielen von euch.

Seit dem 9. Januar schreibe ich nun weiter – aber ohne Fristendruck und mit mehr innerer Ruhe und Gelassenheit. Zwischendurch erledige ich anstehende Schreibaufgabe für mein Studium (das beruhigt mein Pflichtgefühl und macht im Übrigen auch Spaß) und mache auch mal Ruhetage. Ein Kapitel, das ich im November an einem Tag geschrieben hätte, dauert heutzutage eben drei Tage.

Das unbeschwerte voran Preschen aus dem November kann ich nicht wieder zurück holen. Aber auch das ist eine wichtige Erkenntnis für mich: Die Anfangsphase eines Romans ist eben ganz anders, als die Schlussphase. Ich schreibe langsamer und denke mehr über die Handlungs- und Figurenentwickung nach, weil ich das schon Entstandene schlüssig zusammen fügen möchte. Jetzt bewerte ich meine Bedächtigkeit nicht mehr als Manko, sondern akzeptiere sie als neue Phase. Damit fühle ich mich jetzt entspannter.

In der letzten Woche bin ich in das dramatische Finale des Jungen mit der Gitarre auf seiner Bauminsel in der Welt des Immerwährenden Klanges eingestiegen. Dort führen Regelzwang und Uniformität zur Rebellion des Individuums. Die Antagonistin des Jungen ist Altmeisterin Legis, deren Prinzipientreue gnadenlos ist. Die Eskalation findet zunächst in Wortgefechten statt und mündet dann in eine actionreiche Flucht des Jungen auf einem Schneevogel von seiner Insel (das werde ich in den nächsten Tagen schreiben).

Zwischen all dieser Dramatik brauchte ich (und die späteren Leser*innen sind vielleicht auch dankbar dafür) eine kleine Erholungspause und einen Kontrast. So bin ich vorgestern und gestern in die Menschenwelt zu Philipp (er ist gerade 18 geworden) zurück gekehrt. Sein Alltag ist zwar weniger spektakulär, dennoch muss er lebensentscheidende Weichen passieren. Vielleicht habe ich es mit den Referenzen zur Populärkultur und dem Zeitgeschehen von 1997 ein bisschen übertrieben. Aber zensieren will ich doch erst später.

Ich muss ganz schön schmunzeln, wie sich mein fieser Feuerteufel (der Philipp als Grundschüler noch war) über die Zeit gewandelt hat. Er ist mir beim Schreiben ans Herz gewachsen und hat seine Backform des Bösewichts gesprengt. Aber aus Saulus ist kein Paulus geworden. Ich hoffe, er bleibt ambivalent.

Die Ziellinie für den Jungen mit der Gitarre ist also für mich schon sichtbar. Allerdings ist meine Geschichte dann noch nicht vollständig erzählt, denn Elise verdient noch ihr eigenes Finale. Hier habe ich nach Silvester ein Handlungsloch (mit 3 Platzhalter-Kapiteln) zurück gelassen. Diese Fäden werde ich in meinem Schreib-Finish wieder aufgreifen. Elise muss eine unmoralische Abiturprüfung bestehen. Als Gegenspielerin werde ich die neidische Mitschülerin aus der Grundschule – Rita – (die ich eigentlich schon abgeschrieben hatte) wieder aus ihrem Wort-Vakuum erwecken und in den Zickenkrieg schicken.

Jetzt aber zur Leseprobe. Ich hoffe, ihr habt Spaß beim Lesen.

Kapitel 52: Philipp – Man in Black ohne Sonnenbrille

Philipp beugte sich über den dreibeinigen Küchentisch in der Ecke unter der Dachluke und schaufelte knisternde Cornflakes in seinen Mund. Scheiße, wie er das frühe Aufstehen hasste. Er hatte schon wieder verpennt. Torsten hatte ihm extra einen Spezialwecker mit Schlummer-Taste gegeben, die leider gleich neben der Aus-Taste lag – da konnte man schon mal daneben patschen. Das Ding war fast so nervig, wie früher sein quakender Donald-Duck-Wecker. Aber jetzt, wo seine Mutter nicht mehr in sein Zimmer trampelte und den Rollladen hoch riss, war es vorbei mit der Pünktlichkeit. Torsten musste meistens noch früher aus der Kiste, als er. Jetzt war er bestimmt schon auf Arbeit.

Philipp schob sich den letzten Löffel in den Mund und Milch rann sein stoppeliges Kinn hinunter. Er wischte es mit dem Küchenhandtuch ab und ließ seine Schüssel klappernd in die Metallspüle fallen, wo noch die Bratpfanne von gestern und in einer öligen Wasserlache stand. Los ins Bad zum Rasieren. Dort hing eine Wolke von Aftershave in der Luft. Torsten übertrieb es echt mit dem Zeug. Aber als Erfolgsverkäufer im Mediamarkt musste er auf ein gepflegtes Äußeres achten. Philipp stieß mit seiner Linken das winzige Liegendfenster auf und griff mit der Rechten nach seinem elektrischen Rasierer. Peng. Das Ding knallte ins Waschbecken. Da waren schon drei Risse drinnen. Die stammten aber nicht alle von Philipp.

Gut, dass Torsten als Azubi im Mediamarkt direkt an der Quelle zu jedem Elektronikgerät saß, was man sich nur wünschen konnte. Wenn der Rasierer wieder im Eimer war, besorgte Torsten ihm einen Neuen. Auf dem Boden im Wohnzimmer standen wie in einer Militärparade ganz viele Videorekorder. Torsten testete sie alle und machte sich Notizen dabei, als würde sein Leben davon abhängen. War vielleicht auch so. Keiner verkaufte so gut wie Torsten, weil er den Kunden jedes Gerät so gut erklären konnte. „Kompetenz und Charme – das sind die zwei Standbeine für einen Mega-Media-Markt-Verkäufer“, war der Wahlspruch vom Ausbilder von Torsten. Kompetenz hatte Torsten auf jeden Fall. Für den Charme war das Parfüm verantwortlich.

Zum Glück summte der Rasierer nach ein paar Mal Mucken los. Ein glatt rasiertes Gesicht war in Philipps Job ein Muss. Mit der Mittleren Reife hatte es nicht geklappt. Scheiß der Hund drauf! Am 2. September war er endlich 18 geworden und die Welt stand ihm offen. Volljährig sein heißt auch bessere Kohle, nicht mehr die Praktikanten-Verarsche. Den Nebenjob in der Mucki-Bude würde er aber nicht aufgeben. Da zeigte er zwei Mal die Woche den Neulingen die Geräte, dafür durfte er umsonst da trainieren. Aber sein echter Job war jetzt in der Shopping-Mall von Erlangen: Als Sicherheitsmann. Seit vier Wochen arbeitete er schon da. Sieben Mal war er bisher zu spät gekommen und hatte jedes Mal einen heftigen Anschiss vom Chef bekommen.

Er war Meister im Blitzzähneputzen. Noch ein prüfender Blick in den Spiegel: Mit seinen dunkelblonden, kurzgeschorenen Haaren sah er nach no-bullshit aus. Er hatte ganz dichte Haare und würde bestimmt nicht so schnell eine Glatze bekommen. Sein Haaransatz lief als runder Bogen über seine Stirn. Sein ganzes Gesicht war rund, seine blauen Augen auch. Seine Nase war ein bisschen fleischig, so wie seine Lippen – aber die Weiber standen drauf. Selbst seine Ohren waren klein und völlig rund. Nur mit seinem Bauch musste er aufpassen, der sollte nicht auch noch rund werden. Bei seinen 1,70 Metern musste er mit breitem Nacken und Muskelarmen für Respekt sorgen. Er hätte gerne ein bisschen furchteinflößender ausgesehen. Andererseits hatte sein rundes Engelsgesicht (O-Ton Mama) ihm schon manches Mal aus der Patsche geholfen.

Jetzt schnell die schwarze Hose (mit Bügelfalte!) und das weiße Hemd (von gestern mit Knitterfalten an den Armen) anziehen und den schwarzen Schlips anlegen – der hatte hinten im Halsband einen Klettverschluss. Saupraktisch. Im Flur streifte er seine schwarze Bomberjacke über, klemmte sich eine große Colaflasche unter den Arm und knallte die Wohnungstür hinter sich ins Schloss.

Philipp rannte die fünf Stockwerke auf schwarz gelackten Schuhen runter, seine Sohlen schmatzten auf dem klebrigen PVC-Belag. Die polnische Putzfrau wischte mit einem einzigen löchrigen Lappen das ganze Treppenhaus. Es stank mal wieder nach Zwiebeln und Fahrradreifen.  (…)

Er drängelte sich auf dem Bürgersteig an den Leuten vor dem Bushäuschen vorbei und rempelte versehentlich einen Kerl an, der es ihm mit einen Stoß von hinten auf die Schulter heimzahlte. Er dreht sich nicht um. Keine Zeit für so was. Philipp sah auf seine Armbanduhr. Schon 8:13 Uhr. Seine Schicht hatte um 8 Uhr angefangen. Als er durch die Drehtür ins Einkaufszentrum kam, blies ihm das stickige Gebläse entgegen und ihm brach der Schweiß am Rücken aus. Links die Treppe runter, ins Untergeschoss, dann noch eine Treppe tiefer in den Keller. Mit seiner Chipkarte, die an einer Rollschnur an seinem Hosenbund hing, öffnete er die Personaltür.

Im Kämmerlein mit den Spinden wechselte Philipp schnell von seiner Bomberjacke in die schwarze Anzugjacke, die zu seiner Hose passte. Das Namensschild auf seiner linken Brust lautete:

„Hr. Krieger – Sicherheit“. Mit feuchten Händen drehte er die Colaflasche auf und nahm einen großen Schluck. Die Uhr über der Tür zeigte 8:31 Uhr.

„Hey, Krieger, beweg deinen Hintern in mein Büro“, hallte die Stimme vom Chef über den Flur. Philipp war mit acht quietschenden Schritten dort.

„Tut mir echt leid, Herr Habermann“, sagte er hastig „ich hatte einen Notfall in der Familie…“

„Bullshit“, schnitt ihm der Glatzkopf das Wort ab. Der Chef saß wie immer in seinem schwarzen Drehsessel, die Ärmel vom weißen Oberhemds hochgekrempelt. Seine fleischigen Hände griffen fest um die Armstützen wie ein Steuermann, der das Ruder gegen die tosenden Wellen auf Kurs hält. Auf seinen feisten, haarlosen Unterarmen klebten zwei Nikotin-Aufkleber. Er hatte schon vor zwei Jahren mit dem Rauchen aufgehört, aber dem Nikotin war er treu geblieben. Seine glänzende Kopfplatte ging in eine flache Stirn über, die rotblonden Augenbrauen und Wimpern über den winzigen wasserblauen Äuglein waren durchsichtig. Eine lange Nase bog sich bis zu einer riesigen Reihen von spitzen Oberzähnen, über die er seinen schmalen Lippen niemals schloss. Er hatte einen gewaltigen Überbiss. Sein Unterkiefer und das Kinn gingen eine Stufe tiefer in seinen dicken Hals über. Im Profil sah er aus wie ein Haifisch. Jetzt wendete der Hai-Mann seinen Kopf und Philipp konnte die roten Wutflecken aus dessen Wangen sehen. Dieses Kellerzimmer mit zwei Lichtschächten und einer großen Wand voll mit winzigen Schwarz-Weiß-Monitoren war sein Ozean.

„Ein Zwergfisch wird zum Hai, wenn das Becken nur klein genug ist“, hatte Torsten seine weise Oma zitiert.

In dieser Machtzentrale flimmerten Tag und Nacht die Bilder von den Überwachungskameras von den drei Ebenen der Shopping-Mall und den fünf Ebenen vom Parkhaus. Big Brother! Zuerst war Philipp mega beeindruckt gewesen. Aber schon am ersten Tag hatte Philipp gemerkt, dass stundenlanges Rumhocken in der Dunkelkammer auf dem Plastikstuhl, der machte, dass seine Polyesterhose ihm an den Beinen klebte, nichts für ihn war. Viel lieber ging er auf Patrouille. Weil der Hai-Mann sich nicht gerne bewegte, schickte er die neuen Jungs auf den Rundgang.

„Die Zeit hängst du heute hinten dran. Und wenn du nochmal zu spät kommst, kannst du deine Sachen packen. Bist in der Probezeit“, schnarrte der Möchtegerndiktator.

„Franzen und Poloczek sind schon los. Du übernimmst ASAP das Untergeschoss.“

Philipp nickte, steckte sich das Funkgerät an die linke Hüfte in die Gürtelhalterung und machte, dass er wegkam.

Das Untergeschoss war nicht seine Lieblingsebene. Aber er würde im Laufe des Tages schon noch auf die höheren Etagen kommen. Philipp schlenderte jetzt die rechte Ladenzeile entlang. Im Kopierladen war keiner drinnen. Das flackernde Oberlicht hatte immer noch niemand repariert. Dann kam das Reisebüro. Die Bilder von Kreuzfahrtschiffen, Stränden und Berglandschaften machten ihn irgendwie immer kribbelig. Dann kam der Kiosk mit dem gelben Lottoschild vor der Tür. Jackpot: 6,3 Millionen DM. Damit könnte er sich eine eigene Insel in der Karibik kaufen. Aber er spielte kein Lotto. Daneben der Aufsteller mit der aktuellen Bildzeitung. Endlich mal was anderes in den Schlagzeilen, als Lady Di. Wie auf’s Stichwort tönte aus den Lautsprechern mit der Dauermusik der wochenlange Charthit: „Candle in the wind“ von Elton John.

Den ganzen Sommer über hatte seine Mutter von Lady Di und ihren Badeanzügen geredet und in den Klatschblättern alle Fotos der Prinzessin mit ihrem neuen Lover angeschaut. Als Lady Di dann in den Brückenpfeiler in Paris gecrashed war, heulte sie tagelang und guckte rund um die Uhr alle Sendungen über das tragische Leben und Sterben dieser fremden Frau. Als Philipp nach seinem Unfall im Krankenhaus lag, hatte sie keine Tränen vergossen. Zur Beerdigung der „Prinzessin der Herzen“ zog seine Mutter sich schwarz an und saß schniefend vor dem Fernseher. Total übertrieben. Und jetzt auch noch dieses Schnulzenlied von Elton John, das von allen Radiosendern seit Wochen hoch und runter gespielt wurde.

Philipp kam nun am „Pfennigland“ vorbei. Aus der offenen Ladentür zogen ihm die Gerüche von Plastikschwimmflossen und den heftigen Gewürzen aus dem „1001 Nacht“-Regal in die Nase.

Jetzt kam ein neuer Beat aus den Boxen. Philipps Stimmung hob sich sofort. Es was der Titelsong von „Men in Black“. Der Film war so cool! Im Sommer hatte er ihn 15 Mal im Cineplex angeguckt. Das ging auch, weil ein Kumpel von Torsten dort Kartenabreißer war und sie über den Hintereingang rein ließ. Er konnte alle coolen Sprüche aus dem Film auswendig.

Und was noch besser war: In seinem schwarzen Anzug, mit dem weißen Hemd und dem schwarzen Jackett war er jetzt selbst ein Man in Black. Viel abgefahrener, als die stiernackigen Türsteher von der Disco, die nur schwarze Bomberjacken mit weißer „Security“-Schrift am Rücken hatten. Philipp war ein echter Sicherheitsmann! Er holte seine schwarze Sonnenbrille aus der Jacketttasche und setzte sie sich ins Haar. Über den Augen durfte er sie nicht tragen. Wegen schlechter Sicht und Image und so. Da hatte er am zweiten Tag einen üblen Anschiss vom Hai-Habermann bekommen, der ihn auf einem der winzigen schwarz-weiß Monitore in der Zentrale so entdeckt hatte. Seine Hand glitt über das Funkgerät an seinem Gürtel. Wäre das doch bloß ein Blitzgerät wie in „MIB“. Das würde er dem Hai-Mann jedes Mal vor die Augen halten, wenn er zu spät kam. Dann würde die Erinnerung daran aus dem Gedächtnis des Chefs gelöscht werden. Philipp freute sich schon auf den Tag, an dem er seinen ersten Ladendieb schnappte.

„Zeig mir die Ware oder du verlierst noch einen Kopf!“, würde er dann wie ein richtiger „Man in Black“ sagen.

Philipp bog mit beschwingtem Gang in die Kurve vor dem Supermarkt-Eingang ein. An einem der Stehtische vor der Bäckerei standen Franzen und Poloczek mit hohen Kaffeebechern aus Pappe und schoben sich zuckerstaubende Krapfen zwischen ihre Kauleisten. Von wegen auf dem Rundgang! Sie winkten ihm zu und er ging hin.

„Alles fit im Schritt?“, begrüßte ihn Poloczek.

„Ja, und selbst?“, sagte Philipp.

„Der Habermann ist vorhin zum HB-Männchen mutiert, weil du wieder zu spät warst“, sagte Franzen mit Zuckerbart und schlürfte an seinem Kaffee. Das Funkgerät an Philipps Gürtel knackte und der Hai-Mann röhrte:

„Krieger, Franzen, Poloczek – ich sehe euch alle beim Kaffeeklatsch. Rundgang ASAP!“

„Keine Macht den Drögen“, sagte Poloczek und machte das Sächsisch vom Chef nach.

„Erscheinen Sie, sonst weinen Sie!“, sagte Philipp. Das Zitat aus „MIB“ war gut für jede Lebenslage.

„Das ist der letzte Anzug, den Sie jemals tragen werden“, konterte Franzen, der „MIB“ auch ein Dutzend Mal gesehen hatten. Sie grinsten sich verschwörerisch an.

Philipp setzte seinen Rundgang fort und patrouillierte mit breitbeinigem Schritt die linke Ladenzeile entlang Richtung Hauptportal. Bis auf zwei Rentnerinnen kreuzte niemand seinen Weg. Er kam am „Fressnapf“ vorbei. Diese Woche waren 5-Kilo-Säcke Katzenstreu und gelbe Kanarienvögel (ohne Käfig) im Sonderangebot. Der Mann vom Schlüsseldienst klebte einen neuen Absatz auf einen alten Schuh, im Reformhaus summte eine Getreidemühle.

Nach der Mittagspause durfte Philipp endlich auf Ebene 1 seinen Rundgang machen. Da war die Parfümerie. Schon auf 10 Schritte Entfernung zogen ihm die süßen Düfte in die Nase. Dann kam sie in sein Sichtfeld: Ramona. Sie stand hinter der Theke, ihre langen schwarzen Haare fielen in Wellen wie in der Werbung um ihr Gesicht und ihre Schultern. Ihr dunkelroter Mund stand immer ein wenig offen. Philipp schob die schwarze Sonnenbrille auf seinem Kopf zurecht und marschierte mit MIB-Lässigkeit in die Parfümerie.

„Alles in Ordnung bei euch Ladys“, fragte er. Die zweite Verkäuferin nickte nur beiläufig in seine Richtung, aber Ramona wandte sich ihm zu und trommelte mit ihren knallrot lackierten Fingernägeln auf die Glastheke und die vielen Silberreifen um ihr Handgelenk klimperten dabei.

„Heute sind wir noch nicht überfallen worden“, sagte Ramona mit rauchiger Stimme und zwinkerte ihm mit ihren langen schwarzen Wimpern zu. Silva hätte bestimmt auf ihre typische Art gesagt: „Das sind falsche Wimpern und die hat auch zu viel braunes Make-up im Gesicht.“ Aber bei so einem südländischen Typ mit vielen Kurven passte das alles bombig zusammen. Philipp vergaß seine Coolness und lächelte mit allen seinen Zähnen zurück.

„Wie war das Wochenende?“, wagte er sich vor.

„Ich war feiern. In München auf dem Oktoberfest“, sagte Ramona.

„Wow!“, sagte Philipp.

„Meine kleine Schwester will da nächstes Wochenende auch hin.“ Das war das erste, was ihm einfiel. Jetzt dachte sie bestimmt, er wäre ein braver Stubenhocker. Dabei ging er doch auch oft feiern. Und wie!

„Fährst du mit, um sie zu beschützen?“, fragte Ramona, zog ihre schwarzen Augenbrauenbögen in die Höhe und schob neckisch ihre runde Hüfte vor. Okay, die Großer-Bruder-Masche kam bei den Weibern wohl doch gut an.

„Klar“, behauptete er.

„Hat sie schon ein Dirndl“, fragte Ramona.

„Heute will sie hier eins kaufen“, sagte Philipp.

„Bestimmt im „H&M“. Da habe ich meins auch her“, sagte Ramona.  In einem Dirndl sah sie bestimmt mega geil aus.

„Äh, ja“. Philipp merkte, wie ihm der Schweiß auf der Oberlippe ausbrach.

„Ich muss dann wieder“, sagte er mit all der Wichtigkeit seiner Stellung, tippte mit seinem rechten Zeigefinger grüßend an seine Schläfe, so wie es coole Cops in den Filmen machten, und ging breitbeinig raus. Seine Knie fühlten sich wie Wackelpudding an. Das nächste Mal müsste er es irgendwie schaffen, sich mit ihr zu verabreden. (…)

Der Nachmittag nahm kein Ende. Jetzt war er wieder im Untergeschoss eingesetzt. Vorbei am Karibikplakat, 1001-Gewürzen, Krapfen, Kanarienvögeln, Schuhsohlen, Haferschleim in braunen Gasflaschen. Sein Funkgerät knackte und rauschte, dann schepperte die Stimme vom Hai-Mann daraus:

„Krieger, da liegt wieder der Penner mit den vielen Tüten im Treppenhaus zum Parkdeck 1. Schmeiß den Kerl raus. ASAP!“

Philipp ging zum Treppenhaus und stieg die Stufen runter. Er hatte keine Lust, sich mit dem Penner abzugeben. Noch bevor er um die Ecke kam, drang ihm der Geruch von ungewaschenem Kerl und Bierfürzen in die Nase. Auf dem Treppenabsatz saß der Penner mit ausgestreckten Beinen strumpfsockig – der Dicke Zeh guckte schwarz aus einem Loch hervor – auf einem Pappkarton an die Wand gelehnt. Seine abgewetzten Plastiktüten hatte er um sich herum stehen wie die Befestigung eines Forts. Er blätterte in einem abgegriffenen Buch, vorne drauf war Donald Duck, wie er in einen Berg von Goldstücken sprang. Die Deckenkamera war genau auf das Lager gerichtet.

„Hey, Alter“, sagte Philipp.

„Der Chef sagt, du musst hier weg.“

Der Penner guckte kurz zu ihm hoch, brabbelte dann was in seinen zotteligen Bart und las weiter. Philipp sah kleine Insekten im Bart von dem Mann herum krabbeln und ihm wurde schlecht. Dann fiel sein Blick auf das Sweatshirt vom Penner: Auf verblasstem Schwarz prangte in rissigem Rot „KIT“ – das Traumauto seiner Kindheit. Philipp merkte, wie sich seine Mundwinkel in ein Lächeln hoben. Philipp zögerte. Sein Blick wanderte zwischen der Kamera und dem gescheiterten Knight Rider hin und her. Dann ging er eine Etage tiefer, durch die „Personal“-Tür in den Versorgungsgang und holte eine Trittleiter aus dem Wandschrank vom Hausmeister.

Zurück beim Penner stellte Philipp das Hilfsmittel im toten Winkel unter die Kamera, stieg auf und dreht die Kamera in eine andere Richtung. Der Alte klatschte in die Hände.

Philipp fühlte sich gut. Der Hai musste ja nicht alles sehen. Und Mitarbeiter des Monats wollte Philipp eh nicht werden.

Die verkleidete Angst

Dies wird keine Erfolgsmeldung. Aller Anfang ist schwer? Nein! Alles Ende ist schwer! Seit mehr als einer Woche hat sich der Innere Kritiker in mir breit gemacht, unter dessen Gewand sich die nackte Angst verbirgt.

Mein Romanabenteuer, das ich am 1. November 2017 mit spielerischem Eifer begonnen habe, hat seine Leichtigkeit völlig verloren. Stattdessen hat sich ein Mantel von drückendem Ernst darüber ausbreitet. Wo ist bloß meine Unbeschwertheit im Schreiben geblieben?

Wenn ich meinen Blog-Eintrag von letzter Woche lese, überkommt mich eine Beklemmung – mit Leistungsdruck und Abgabefrist habe ich versucht, meine inneren Warnsysteme zu übertönen.

Ich wollte mein Traumprojekt so gerne bis zum Jahresende abschließen. Mein Pflichtgefühl und das schlechte Gewissen haben schon in Dezember mächtig an mir genagt, weil ich alle meine Energie für das Romanschreiben eingesetzt und meine Arbeiten für das Studium ziemlich vernachlässigt habe. Ab Januar – so mein Deal mit mir selbst – werde ich dann richtig Gas geben und alles nachholen.

Jetzt ist es Januar, mein Roman ist noch nicht fertig und Panik steigt in mir auf. Nachts liege ich wach und in meinem Kopf kreist die Liste von überwältigenden Aufgaben, die ich irgendwie in eine Reihenfolge bringen muss, um sie frist- und anforderungsgerecht abzuarbeiten. So wie vor nicht allzu langer Zeit in meinem letzten Job, wo meine ersten Gedanken morgens beim Aufwachen und die letzten Abends vor dem (Nicht-) Einschlafen (und fast alle Gedanken zwischendurch) der schier erdrückenden Last von Arbeitsaufträgen galten. Aus diesem Teufelskreis hatte ich mich doch eigentlich befreit.

Die Leichtfüßigkeit hat mich auch im Studium verlassen. In die spielerische Entdeckungsfreude vom Anfang hat sich nun im 3. Semester etwas Schweres eingeschlichen: Der Zweifel. Der Zweifel, ob ich den vielfältigen Anforderungen gewachsen bin. Bald schon sollen wir uns ein Thema für unsere Masterarbeit aussuchen und ich habe noch nicht den Hauch eines Ansatzes von einer Ahnung, was das für mich sein soll. Auch mein Praxisvorhaben bereitet mir Sorge, denn für mein theoretisches Konzept der Schreibspaziergänge habe ich noch keine Umsetzungsmöglichkeit gefunden – bei den Volkshochschulen bin ich an verschlossenen Türen abgeprallt und wie ich sonst eine Gruppe schreibwilliger Menschen in Berlin finden soll, steht wie eine Steilwand vor mir und mir fehlt die Kletterausrüstung. Vielleicht muss ich auf die schreibpädagogische Betreuung einer Einzelperson zurückgreifen – das erscheint mir eher möglich.

Aber zurück zu meinem Roman – meinem Traumprojekt und meiner Zukunftsperspektive. Was ist in den letzten Wochen passiert? Warum hat sich der Innere Kritiker lautstark zu Wort gemeldet?

Passenderweise ist es eine Studiumsaufgabe für den Januar, einen schriftlichen Dialog mit meinem „Inneren Zensor“ zu führen (oder „Erlauber“, wie ich gerade beim Blick in den Modulübungsplan sehe, aber diese Variante habe ich offenbar ausgeblendet). Ich hätte nicht gedacht, dass mich dieser Dialog nicht nur akademisch, sondern mit akuter Dringlichkeit erfassen wird. Es ist höchste Zeit, dass ich meinen Dämon zum Gespräch bitte. Ich hoffe, bei näherem Kennenlernen verliere ich meine Furcht vor ihm.

Warum hat erst das Roman-Finale meinen Peiniger auf den Plan gerufen? Zu Beginn meines Schreibprojekts im Rahmen des „NaNoWriMo2017“ ging es darum, jeden Tag eine bestimmte Wörteranzahl zu Papier zu bringen. Das hat mich große Disziplin und auch einige Anstrengung gekostet – und trotzdem habe ich beim Schreiben eine rauschhafte Erfüllung erlebt. Denn die Quantitatsvorgabe war für mich gleichzeitig eine Freistellung von Qualitätsansprüchen. Eine Erlaubnis, einfach drauflos zu schreiben – nach Lust und Laune ohne festes Inhaltsziel. Die innere kritische Stimme („sei perfekt“ ist ihr Credo) hatte Urlaub. So konnte ich mich genüsslich frei schreiben, gerne auch mal ausschweifend über alle Früchtesorten im Marmeladenvorrat meiner Protagonistin Elise. Auf diese Art habe ich jeden Tag ein Kapitel geschrieben, mit dem ich rundum zufrieden war, und habe meine Figuren und Handlungsstränge leichthändig entwickelt. Daraus ist eine lebendige und farbenfrohe Fülle entstanden.

Dann kam der Dezember. Meinen Vorsatz, nur jeden zweiten Tag zu schreiben, habe ich nach Erledigung meiner Pflichtaufgabe (Entwurf von Philosophie-Essay) schnell aufgegeben und wieder täglich geschrieben – wenn auch mit weniger Worten, dafür mit Korrekturschleifen. Das war die Zeit für das große und verfrühte Comeback meines Inneren Kritikers. Nun sitzt er auf meiner Schulter und raunt mir unaufhörlich ins Ohr. Die Handlung ist komplex, die Figuren buhlen in großer Zahl um meine Aufmerksamkeit. Mein Plot-Planungsdokument wird täglich detaillierter. Der Countdown zum Jahresende tickte mit jedem Tag lauter.

Nach meinem ersten Strauchler am letzten Donnerstag habe ich mich am Freitag mit großer Kraftanstrengung noch zu 2.500 Worten gezwungen – wobei jetzt jedes Wort vom Kritikermeister abgewogen und mit einem Qualitätsurteil versehen wird. Dann hat mich am Samstag eine Schmerzwelle überspült und untergetaucht – was mich jedoch nicht davon abgehalten hat, an diesem Tag und am Silvesterabend noch jeweils über 1.000 Wörter zu Papier zu bringen. Die Silvesternacht mit der Böller-Hölle in Berlin bis 5 Uhr in die Früh hat mir dann den Rest gegeben und am 1. Januar habe ich endlich den Widerstand gegen meine mentale und körperliche Erschöpfung aufgegeben. Ich habe mir einen außerplanmäßigen Ruhetag zugebilligt.

Welcher peitscheschwingende Sklaventreiber bringt mich soweit? Wo früher im Berufsleben ein Vorgesetzter und Kollegen Leistungsdruck auf mich ausgeübt haben, habe ich diese Rolle nun freiwillig dem Inneren Kritiker übergeben.

Ganz planmäßig habe ich mir dann am 2. und 3. Januar 2018 einen Belohnungsausflug nach Dresden gegönnt. Zum Glück schon fest gebucht, denn eine penible Stimme in meinem Kopf hat mir vorgehalten, dass ich mir ohne Romanfinale die Belohnung eigentlich gar nicht verdient hätte. Auf den Schwingen der berauschenden Musik von Korngolds „Die Tote Stadt“ konnte ich für kurze Zeit in andere Sphären entschweben.

Zurück in Berlin. Der Innere Kritiker entdeckt eine Staubschicht auf meinem Laptop und dem Stapel der Uni-Lehrbriefe.

Eine schlimme Nacht wartet auf mich. Der Sturm rüttelt an meinen Rollläden (nicht nur metaphorisch) und noch heftiger stürmen die Gedanken in meinem Kopf. Endlos und auswegslos sortiere ich meine Arbeitsaufträge wie Bauklötze, versuche die wackligen Türme vor dem Einsturz zu bewahren, indem ich sie umsortiere, in eine andere Form oder Konstruktion zu bringen versuche. Es werden nicht weniger. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als Schlaf. Ein Bewusstseins-Vakuum. Wenn es doch nur eine Aus-Taste für meinen Kopf gäbe!

Ich fahre das volle Geschütz gegen meinen Gedankenwirbel auf: Japanisches Heilöl brennt kalt auf meiner Stirn, ich lausche auf die Stimmen aus dem CD-Spieler vom Kleinen Prinzen, vom anarchistischen Kling-Känguru, auf die großmütterliche Stimme von Luise Reddemann, die Achtsamkeitsübungen mit mir machen will, mich zum Gepäck ablegen und zu meinem Wohlfühlort einlädt – sie alle können mich nicht retten. Vor dieser Gedanken-Kobra, die mich würgt und zu verschlingen droht!

Was sind das für Gedanken? Sie handeln von Pflicht, Disziplin, Leistung, Ordnung. Sie umklammern mich. Oder umklammere ich sie? Jene Gestalt, die ich oben den „Inneren Kritiker“ genannt habe. Diese Gestalt steckt in einem Korsett, eingeschnürt von den eigenen hohen Ansprüchen. Aber was steckt eigentlich darunter? Was würde passieren, wenn all diese Schnüre und Stricke abfallen würden? Dann würde die nackte Angst vor mir stehen! Aber diese Angst bibbert nicht davor, zu versagen oder nicht gut genug zu sein. Nein, sie schlottert vor dem Verlust des Korsetts, das sie zusammen hält – vor dem Verlust von Halt, von Kontrolle – vor dem Sturz ins Bodenlose. Die Angst ist paradox. Sie ist unlogisch. Sie ist ein Gefühl. Sie ist ein Bild.

Ich versuche, ein Bild zu finden, um meinen Sturzflug irgendwie aufzuhalten. Und dann finde ich es (um 4 Uhr nachts): Das Bild vom Himmel über den Wattewolken. Ich könnte Schweben, anstatt zu stürzen! Ich bin so erleichtert über dieses Bild, dass mir die Tränen kommen. Und mit den Tränen fließt auch ein Teil meiner Anspannung ab und ich kann endlich einschlafen.

Am Morgen beschließe ich, erst mal inne zu halten, anstatt den Düsentrieb für mein Romanfinale anzulassen.

Ich besinne mich darauf, was mein Schreiben für mich bedeutet – nämlich Freiheit. Schweben, statt stürzen. Deshalb hatte ich auch vor Monaten dieses wunderbare Himmel-Wolken-Bild für meinen Blog-Header ausgewählt. Ich hatte es ständig vor Augen und war zuletzt doch blind dafür.

Ich werde meinen Roman zu Ende schreiben. Ob ich das Finale in vier Tagen oder in vier Wochen (oh je, der Innere Kritiker steigt mit rotem Kopf an die Decke) schreibe, darauf soll es mir nicht ankommen. Ich freue mich darauf, meine Fantasie in die Lüfte zu schicken. Um die Handlungskluft kümmere ich mich erst mal nicht, sondern schreibe als nächstes die Szene, auf die ich mich schon seit Wochen freue: Mein Protagonist, der Junge mit der Gitarre, entkommt auf einem weiß-glitzernden Schneevogel von seiner Insel der Restriktionen und fliegt seiner (inneren) Freiheit entgegen.

Sobald ich das letzte Wort vom letzten Kapitel geschrieben habe, werde ich – ohne Korrekturschleife – diese 1. Fassung „ roh“ und ungeschliffen ausdrucken. Damit ich mein Werk physisch in Händen halten und umarmen kann – mit all seinen Imperfektionen, dem Überfluss an Adjektiven, den Tippfehlern.

Jetzt, wo ich das alles aufgeschrieben habe, kommen mir kurz Zweifel, ob ich diese sehr persönlichen Einblicke wirklich auf meinem Blog veröffentlichen soll. In der Welt der sozialen/digitalen Medien zeigen die meisten Menschen nur eine selektierte und retuschierte Seite ihrer Lebenswelt. Auch in meinem bisherigen Berufsleben gehörte es zum Leitbild, keine Schwäche oder Zweifel zu zeigen. Davon habe ich mich jedoch abgekehrt. Auch für die Schattenseiten darf und muss es Raum geben. So erlebe ich es schließlich auch in positiver Weise in meinem jetzigen Studium und im Austausch mit meinen Mitstudierenden.

Roter Faden wo bist du?

Heute ist Schreib-Stillstand. Das Finale meines Romans („Klangfarben“) schwingt auf der anderen Seite der Kluft und hält mir seinen roten Faden hin, aber ich sitze hier mit beiden Händen voller Handlungsstränge, die noch nicht fertig gestrickt sind für die Übergabe.

Bis zum Jahresende will ich fertig sein! Trommelwirbel: 31.12.2017, 23:59 Uhr. Feste Ziele haben mir jedenfalls im November im #NaNoWriMo2017 gut geholfen. Die Szenen meines bildrauschenden Finales stehen mir klar vor Augen – aber um das zu Papier zu bringen, brauche ich mindestens drei Tage – als müsste ich morgen endlich in den Zielstrang einfädeln. Ich bin ja gnädig und gestatte mir für den Epilog noch den 1.1.2018 (ein Tag ist kein Tag).

Im Dezember sind meine Figuren wie ein Hefeteig in die Höhe und die Breite aufgegangen. Jede Szene, deren Plot ich in wenigen Sätzen skizziert hatte, ist beim Schreiben aufgeblüht und hat neue Samen versprüht. Ich finde es erstaunlich, wie der Schreibprozess neue Ideen und Details zutage fördert, die mich selbst überraschen und sich wie Puzzleteile ins große Ganze einfügen.

Der Nachteil ist, dass mein Roman nun wirklich epische Ausmaße annimmt (statistisches Detail: bis dato habe ich 85.571 Wörter geschrieben). Ich habe mich schon entschieden, die Berufswelt wegzulassen und Elise und den Jungen mit der Gitarre nach der Kindheit (habe ich im November geschrieben) durch ihre Teenagerzeit zu führen und das Finale auf das Jahr 1997 zu legen (ursprünglich sollte die Geschichte im Jahr 2017 enden), wenn beide Hauptfiguren auf der Schwelle zum Erwachsensein stehen.

Am fernen Horizont sehe ich eine Fortsetzung flimmern. Genügend Anknüpfungspunkte habe ich jedenfalls dafür (Figuren-Fülle und 20 Jahre Erlebnis-Stoff, die meiner Schere zum Opfer gefallen sind).

Manche Figuren aus der Kinderwelt sind auf der Strecke geblieben (z.B. Ingo, Andreas, Rita), dafür sind neue hinzu gekommen – kürzlich ein schwarzgelockter Tangotänzer namens Fabio, der Elise umwirbt – ein Rivale für den Jüngling mit der Gitarre.

In den letzten 4 Schreib-Tagen bin ich immerhin schon ins Jahr 1995 vorgedrungen – und habe wunderbar an eigene Jugenderinnungen angeknüpft – z.B. Tanzschule und Abschlussball. Für Elise gab es romantische Verwicklungen und für Philipp einen roten Porsche ohne Führerschein.

Hier eine tintenfrische Leseprobe von gestern:

Warnung: Philipp (16 Jahre alt) drückt sich gerne sehr direkt, man könnte sagen „derb“,  aus.

Kapitel 42: Wiederholungen

Philipp schob das nasse Herbstlaub mit dem Besen auf einen Haufen und richtete sich auf. Scheiße, was für eine Arbeit! Seine Fingerspitzen in den Arbeitshandschuhen mit dicken Innennähten waren ganz taub vor Kälte. An diesem Donnerstagmorgen verirrte sich kein vernünftiger Mensch auf den Friedhof. Im Nebel leuchteten die roten Kerzen von Allerheiligen wie Teufelsaugen und machten sich über Philipp lustig. In diesem Teil vom Friedhof waren die neuen Gräber mit angeberischen Marmorsteinen, Engeln und Marienfiguren. Eigentlich fegte er lieber im alten Teil, wo die grauen Grabsteine schief standen und zerfielen, wie die Leichen, die unter ihnen lagen.

Der Jugendrichter hatte ihm 90 Sozialstunden aufgebrummt. Aber besser hier, als im Altenheim den Opas den Sabber vom Kinn zu wischen. Tot waren die Leute besser zu ertragen, als lebendig.

Drüben bei den Urnengräbern kratze sich der Pockennarbige am Arsch und steckte sich die siebte Fluppe an. Sein Laubhaufen war jämmerlich klein. Faulenzer! Immerhin trainierte Philipp hier seinen Oberkörper. Wenn er den nassen Dreckshaufen Schippe für Schippe in die Schubkarre hob, kamen ziemlich viele Kilos zusammen und Stunden auch. Mehr, als in der Muckibude. Das war ein Trost. Als er nach dem Unfall sechs Wochen sein Bein im Gips hatte, war sein Oberschenkel danach total schlapp gewesen. Das viele Rumliegen hatte ihn total angekotzt. Die Zwei-Kilo-Hanteln waren seine besten Kumpels geworden. Als der Gips abkam, hatte er Oberarme wie Popeye der Seemann nach einer Überdosis Spinat.

Johnny hatte ihn kein einziges Mal im Krankenhaus besucht. Malte drei Mal und Torsten jeden zweiten Tag. Silva war jeden Tag da gewesen. Mit geschmuggelten Süßigkeiten und seinen Schulaufgaben. Alles für die Tonne! Mit seiner Versetzung in die 10. Klasse hatte es nicht geklappt. Wie er die Schule hasste! Noch mehr hasste er Wiederholungen. Sinnlose Wiederholungen. Wieder dieselben Seiten der Schulbücher durchackern. Er kam einfach nicht von der Stelle im Leben. Vor und zurück, vor und zurück, vor und zurück.

Jetzt grinste der Pockennarbige zu ihm rüber und machte irgendwelche Zeichen. Er wollte ihm bestimmt wieder was zum Kiffen verkaufen. Der Minigangster war mit dem Jugendrichter bestens bekannt. Er war 19 Jahre alt, aber so verblödet, dass er immer noch als „Heranwachsender“ galt. Er dealte und klaute alten Omas ihre Geldbörsen.

„Du musst dem Richter immer sagen, dass es dir schrecklich leid tut. Dann hab ich noch ein Foto von der Frühgeburt von meiner Freundin gezeigt, da hat der Richter feuchte Augen gekriegt. Der Staatsanwalt war echt pissig, dass ich nicht in den Knast musste.“

Philipp hatte keinen Bock auf die Nachhilfe vom Minigangster. Der Kiesweg in seinem Gang war jetzt blätterfrei. Den dicken Haufen würde er später mit der Schubkarre abholen. Philipp klemmte sich den Besen unter den Arm und ging in den Grufti-Teil vom Friedhof. Hier standen ganz dicke, alte Bäume. Also auch viele Blätter am Boden. Aber hier hatte er wenigstens seine Ruhe. Keine roten Kerzen. Um die Skelette trauerte keiner mehr.

„Bin ich froh, dass du nicht gestorben bist“, hatte Silva ihm schniefend gesagt, als sie ihn am ersten Morgen im Krankenhaus besucht hatte.

„Das hast du ja toll hingekriegt“, bekam er von seiner Mutter zu hören.

„Jetzt haben wir für die nächsten zehn Jahre Schulden am Hals. Die Haftpflicht zahlt nicht bei einer Straftat. Der Porsche, den du verschrottet hast, kostet fast 30.000 Mark! Ich werde deinen Vater verklagen, dann muss er die Hälfte bezahlen. Das arbeitest du alles wieder ab, damit das gleich klar ist.“

Führerschein und Motorrad konnte er vergessen. Stattdessen kehr und schipp, schipp und kehr, kehr und schipp.

„Es wird Zeit, dass du realistische Berufspläne fasst“, hatte sein Vater am Telefon gesagt. Wenn er die Mittler Reife nicht schaffte, blieben aber nur Scheißjobs übrig. Er wollte nicht Müllmann werden. Tonne voll und Tonne leer. Tonne voll und Tonne leer. Tonne voll und Tonne leer.

Da hing er lieber noch ein Jahr in der Schule herum. Wieder eine neue Klasse. Er war zwei Jahre älter, als die meisten. Die gingen ihm alle am Arsch vorbei. Er brauchte keine neuen Freunde. Er würde Bobybuilder und Fitnesstrainer werden. Vielleicht in Hollywood. Letztens hatte er „Conan“ im Fernsehen gesehen. Wenn man nur genug Muskeln hatte, konnte man berühmt werden. Jede Menge Kohle schaufeln und die heißesten Weiber warfen sich einem an den Hals.

Philipp lächelte. Er schaufelte nasse Blätter und stellte sich vor, es wären Geldscheine. Geld ins Haus und aus dem Fenster raus. Geld ins Haus und aus dem Fenster raus. Geld ins Haus und aus dem Fenster raus.

Etwas raschelte hinter ihm und Philipp zuckte zusammen. Unter dem Laubbett bei dem schiefen Grabstein bewegte sich etwas. Er hielt ganz still und starrte auf das Wogen der Blätter. Seine Nackenhaare stellten sich auf. Gleich würde eine Skeletthand hervor kommen und ihn am Knöchel packen. Da löste sich ein dunkler Schatten aus dem Grab – und flitzte unter eine Hecke. Philipp stieß die Luft aus seinen Lungen. Gut, dass er nicht wie ein Mädchen gequiekt hatte. War das eine Ratte gewesen? Nee, mit so einem buschigen Schwanz wohl eher eine Katze oder irgend ein anderes Vieh.

Die Inschrift auf dem rissigen Grabstein war vor lauter Moos kaum zu erkennen:

„Franz…1879-1895“ – oder so ähnlich. Er rechnete. Der Junge war also mit 16 Jahren gestorben. Er guckte noch mal hin. Irgendwas war komisch. Er schüttelte den Kopf und begann wieder zu fegen. Halt! 1979 war sein Geburtsjahr. Und jetzt war 1995. Das könnte er selbst sein, der unter diesem Moderhaufen liegt. Nur 100 Jahr früher. Jetzt wurde es ihm aber wirklich unheimlich.

Er hörte ein Glöckchen klingeln. Philipp war erleichtert. Es war der Bucklige mit der Glocke an seinem Gürtel. Man hörte ihn immer schon von Weitem. Der Alte mit dem runzeligen Gesicht kam gebückt hinter einer Hecke hervor und kicherte.

„Hat dich der Marder erschreckt?“, fragte der Glockenmann und zeigte seine letzten vier Zähne, als er breit lächelte. Philipp zuckte mit den Achseln.

„Hier in den Wäldern gibt es noch einige Wildtiere. Auch Wölfe. Aber die kommen nur in den Teil vom Friedhof, wo noch Fleisch an den Knochen ist.“

Philipp merkte, wie sich sein Mund blöde öffnete. Jetzt lachte der Alte ganz laut und das Glöckchen an seinem Gürtel bimmelte mit. Aber irgendwie war Philipp nicht sauer darüber.

„Frühstückszeit“, sagte der Totengräber.

„Komm mit.“ (…)

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Tja, und heute hänge ich durch. Werde mir gleich eine große Kanne roten (= Leitmotiv) Yogi-Tee mit schwarzem Pfeffer kochen – der macht meinen Fingern und meiner Fantasie hoffentlich ein bisschen Feuer. Meine beste Schreibphase habe ich eh zwischen abends Acht und Mitternacht. Der heutige Tag ist also noch nicht verloren…

Würde mich sehr über euren Ansporn auf den letzten Metern freuen!

NACHTRAG (31.12.2017):

Schneckentempo statt Galopp – mein Körper hat schmerzhaften Protest gegen meinen Roman-Endspurt eingelegt, so dass ich seit gestern in eine langsame Gangart gewechselt bin. Vielleicht wollen meine Figuren sich auch nicht ins Finale peitschen lassen, wenn sie noch nicht bereit sind.

Heute dürfen sich meine Hauptfiguren am Silvesterabend 96 auf ihr anstehendes Schicksalsjahr einstimmen – bin echt gespannt, was Philipp beim Bleigießen so anstellen wird…

Mal sehen, vielleicht trägt mich die mythische Zeit der Rauhnächte ja bis zum 6. Januar 2018 über die Ziellinie.

Mias Blog-Adventkalender 2017 – Türchen 8

Herzlich Willkommen bei der Fortsetzungsgeschichte von Mias Wortgeschenk-Adventskalender. Im Folgenden stammt alles kursiv Gedruckte von meinen Vorgängerinnen, der letzte Absatz von mir. Viel Spaß beim Lesen und eine schöne Adventszeit wünsche ich euch!

Sie lag auf dem Rücken im warmen Wasser des Außenbeckens im Solebad. Sie spürte das Wasser, das sie trug und blickte entspannt in den Nachthimmel. Der Mond erzählte ihr die Geschichte des Tages. Seine Sicht war eine völlig andere als ihre. Seine Geschichte gefiel ihr besser und als er geendet hatte, sah sie, wie etwas vom Mond herunter direkt neben ihr ins Wasser plumpste.

Es glitzerte wunderschön und ohne nachzudenken, streckte sie die Hand aus, um es zu erhaschen. Aber sie war zu langsam, hatte wohl doch einen Moment gezögert. Das Ding rutschte zwischen ihren Fingern hindurch und sank auf den Boden des gekachelten Schwimmbades. Da lag es nun. Ein schwaches Leuchten drang zu ihr herauf. Wie sollte sie an das Ding herankommen. Wenn sie eines hasste, dann war es das Untertauchen. Schon allein die Vorstellung, mit dem Gesicht unter Wasser zu müssen, jagte ihr trotz der Wärme des Solewassers eine Gänsehaut über den Rücken.

An Entspannung war nun nicht mehr zu denken. Wie sollte sie an das matt leuchtende Etwas herankommen, das zu packen sie um Haaresbreite verfehlt hatte? Sie schaute sich suchend um, als gäbe es irgendwo im Außen eine Lösung zu entdecken. Bei aller Anspannung zwang sie sich zur Ruhe und schloss noch einmal die Augen; da fiel ihr ein, wie es gehen könnte.

Sie dachte an Erik, den Bademeister, der ihr vor zehn Jahren in genau diesem Schwimmbad zum ersten Mal begegnet war – einen verträumten jungen Mann mit kurzen, glatt gekämmten dunklen Haaren, stets mit einem Buch vor der Nase, der sie erstaunt und an Paul Celan erinnert hatte. Damals saß er am Beckenrand auf einem dieser weißen Plastikstühle, die auch ein Solebad seinen Aufpassern zur Verfügung stellte und las in einem zerfledderten Taschenbuch, offensichtlich absorbiert von der Geschichte aus einer anderen Welt. Zunächst hatte sie sich nicht getraut, ihn anzusprechen, denn es schien ihr, als säße er inmitten einer Glocke aus flirrenden und tanzenden #Satzfragmenten, die sie nicht zu durchbrechen wagte. Doch ihr war der Lieblingsring ihrer Großtante beim Schwimmen abhanden gekommen, das kostbarste Etwas, das sie besaß und sie hatte Angst gehabt, danach zu tauchen. „Entschuldigen Sie, bitte, aber ich habe etwas sehr Wertvolles im Becken verloren, könnten Sie mir vielleicht bei der Suche behilflich sein?

Erik schüttelte sich kurz, blickte sie mit verklärten Augen an, zögerte danach keine Sekunde und sprang.

Natürlich war kein Erik in der Nähe. Bestimmt war er längst seinen Träumen hinterhergereist. Als sie sich hilfesuchend umschaute, vermieden die anderen Gäste jeglichen Blickkontakt. Und die aufsichtführende Bademeisterin war gerade mit einigen Kindern beschäftigt, die albernd und viel zu schnell über die glatten Kacheln geflitzt waren. Ihre Super-Idee verflüchtigte sich im Nebel des salzigen Wasserdampfes.

Sie sah mit nachdenklichem Blick über die erneut von Sprudeldüsen in Bewegung gebrachte Wasserfläche, da kam ihr just das Ende eines Gedichtes in den Sinn. Verfasst von dem Lyriker Celan, an den sie damals Erik erinnert hatte.

… ein Wort zu dem du herabbrennst‘. Aus ‚Feuer und Wasser‘. Das konnte kein Zufall sein.

Oder doch? Es war jetzt keine Zeit, um lange nachzudenken, schon gar nicht über dieses Gedicht, das sie seit jenem Morgen begleitet, als es eine Mitschülerin vor dem Unterricht an die Tafel schrieb. Obwohl, dieses Gedicht…, konnte es ihr gerade jetzt nützlich sein? Sie blickte auf das leuchtende Ding unter Wasser und dann lächelnd hoch zu ihrem heimlichen Verbündeten, dem Mond. Plötzlich wusste sie, was zu tun war.

Natürlich war es riskant, ihren Posten zu verlassen. Aber sie musste etwas riskieren, wenn sie erfahren wollte, wenn sie überhaupt eine Chance haben wollte zu erfahren, was da auf dem Schwimmbadboden glitzerte. Betont lässig schwamm sie zum Glastunnel, der das Außen- mit dem Innenbecken verband, lächelte dem alten Herrn zu, der ihr entgegenkam. Mit fünf Stößen durchquerte sie den Tunnel und kletterte gleich am ersten Ausstieg aus dem Wasser. Sie lief zu ihrer Liege, streifte sich noch tropfnass ihren roten Bademantel über und kramte in ihrer Tasche.

Ihre Hand umfasste die Taucherbrille, die sie seit Jahren in ihrer Bademanteltasche trug, obwohl sie niemals tauchte. Sie schob die getönten Kunststofflinsen über ihre Augen und das Gummiband kniff in ihren Hinterkopf. Nun sah ihr die Welt in weichen Grüntönen entgegen, eine Welt, in der sie ihren Bademantel wieder abstreifen und zurück ins Außenbecken schwimmen konnte und ihr Gesicht wieder dem lockenden Leuchten vom Beckengrund zuneigte. Doch niemals würde sie es über sich bringen, ihren Kopf unter Wasser zu tauchen. Da sauste ein grün glühender Pfeil aus den Weiten des Sternenzelts herab und landete zischend im Wasser neben ihr und nun kam planschend das Köpfchen seines kleinen Passagiers an die Oberfläche.

สวัสดีตอนค่ำ“, sagte das Universalpferdchen mit heller Stimme,  „ich heiße Wunschwort – und wer bist du?“

>> Wie es weiter geht, erfahrt ihr morgen hinter Türchen 9 bei Urs.

Am Tag 30 + 1 im National Novel Writing Month

Geschafft! Gestern Abend um 22:14 Uhr habe ich mich mit 57.336 Wörtern (laut der Zählung meines Schreibprogramms, 101 Seiten in Arial 11p, einzeilig) über die Ziellinie geschrieben. Okay, nach dem word count auf der NaNoWriMo-Website sind es seltsamerweise nur 56.634 Wörter – vielleicht habe ich einen ungünstigen Wechselkurs bekommen, import tax oder lost in translation? Egal, was sind schon 702 Wörter between friends?

Ein bisschen Statistik, wo wir noch bei Zahlen sind: Ich habe an 28 Tagen geschrieben (am 24. und 25. November nicht, weil ich Seminar an der Uni hatte) mit einem Durchschnitt von 1.911 Wörtern pro Tag. Die 50.000 Wörter-Nuss hatte ich schon am Montag, 27. November geknackt.

Hinter der Ziellinie wurde ich begrüßt von einem überschwänglichen Gratulationstext und einem ziemlich albernen Video:

You, wonderful author, spent this past November unleashing your creative powers, fighting back inner editors, and teaming up with thousands of writers around the world. We’re incredibly proud to welcome you to the NaNoWriMo winner’s hall.

Congratulations on your superheroic achievement!

Auch eine Siegerurkunde habe ich bekommen (ein bisschen wie bei den Bundesjugendspielen): NaNo-2017-Winner-Certificate_UA

Stand meiner Geschichte: Meine Protagonistin Elise und der Junge mit der Gitarre treffen auf dem Turm des Ulmer Münster zusammen (ist übrigens der höchste Kirchturm der Welt, ich bin selbst schon oben gewesen – schwindelerregend) und blicken auf einen unsichtbaren Horizont. Das ist weder der Höhepunkt, noch das Finale meiner Geschichte. Also: Weiterschreiben!

Aus meinem November-Marathon ist ein Dezember-Duathlon geworden. Heute mache ich Ruhepause und werde ab morgen jeden zweiten Tag (also an den „geraden“ Tagen) schreiben. Mein Ziel ist es, an Weihnachten fertig zu sein (spätestens an Silvester). Die ungeraden Tage widme ich der Philosophie (ein Essay für mein Studium wartet darauf, geschrieben zu werden, stöhn!).

Bin heute nicht wirklich in Feierlaune – na gut, ich stoße nachher mit einem Kräutertee an – weil mein Roman noch nicht fertig ist. Bin aber trotzdem stolz auf meinen bisherigen Weg, weil ich es in den ersten Tagen nicht für möglich gehalten habe, dieses Schreibpensum und die Kreativität aufrecht erhalten zu können. Disziplin war an jedem Tag nötig, aber ich habe mich im Laufe der Zeit an die Anstrengung gewöhnt – das nennt man wohl Trainingseffekt.

Schon erstaunlich, welche Wirkung eine zahlenmäßige Zielvorgabe und ein gewisser sportlicher Ehrgeiz haben. In den zwei Tagen, nachdem ich das Soll von 50.000 Wörtern erfüllt hatte, hat sich mein word count fast halbiert und ich bin nur über knapp 1.000 Wörter pro Tag gekommen.

Das lag aber nicht an mangelnder Motivation, sondern daran, dass ich ohne den falschen Renn-Hasen vor der Nase nicht mehr nach vorne geprescht bin, sondern mich umgeschaut und rückwärts geschrieben habe. Von der Pflicht in die Kür gewechselt, habe ich angefangen, in früheren Kapitel stilistisch herum zu doktern, Namen von Charakteren zu ändern usw.

Aber diese kleine Ruhepause war auch nötig, um den Überblick in meiner zunehmend komplexen Geschichte zu bewahren. Ein paar „goofs“ habe ich nämlich schon eingebaut (aber diese Anschlussfehler und Inkonsistenzen werde ich erst in der späteren Überarbeitung ausbügeln).

In meinem Dokument „Schlüsselmomente“ (zu Beginn war es 1 Seite lang mit 14 Stichpunkten zu Szenen – jetzt hat es 11 Seiten) habe ich ein Personenregister eingefügt (es hatte mich genervt, während des Schreibens in früheren Kapiteln nach den Namen von Nebenfiguren zu suchen, die ich nicht mehr wusste) und eine zeitliche Chronologie der Geschehnisse erstellt (in welchem Jahr ist Elise wie alt, in welche Klasse geht sie, welche Jahreszeit haben wir). Dieses Planungs-Dokument war auch eine willkommene Schleife auf einen Rastplatz, wenn ich gerade in meiner Geschichte im Stau stand – dann habe ich z.B. eine Tabelle mit meinen erfundenen Groschenromantiteln erstellt, die Elises Großtanten lesen – linke Spalte Liebeskitsch, rechte Spalte Gruselspuk (da fällt mir kaum was ein). Mein Favorit ist übrigens: „Prinz Eisenherz und die Waffelmagd“.

Auch für weitere Figuren aus der „Welt des Immerwährenden Klanges“ habe ich mir sprechende Namen ausgedacht (und mehrfach geändert). Es gibt z.B. Meister Pino (Hommage an Pinocchio), Altmeisterin Legis (sie hält an Gesetzen und Traditionen fest) und Meister Dion (er ist in musikalischer Mission mit seinem Gesellen oft in Las Vegas unterwegs und wird vom menschlichen Rausch angesteckt, hat Visionen von einem Feuervogel, was für die Bauminsel infernalische Folgen haben wird).

Diese andere Welt hat in der letzten Woche eine Verwandlung in meinem Kopf durchgemacht. Zu Beginn hatte ich sie als eine utopische Welt vor Augen, in der das Volk der Holzspieler auf ihrer Insel der Bäume in einem Universum schwebt und im Einklang mit der Musik und der Natur lebt. Aber je mehr ich aus der Sicht des Jungen mit der Gitarre diese Welt erkundet habe, ist er mit seinen Neugier und seinem Wissensdurst an Begrenzungen gestoßen und begehrt gegen den kulturellen Separatismus seines Volkes auf. Diese Insel ist keine heile Welt mehr.

In einem der nächsten Kapitel werde ich eine Szene schreiben, in der der Junge mit der Gitarre Samen roter Blumen von der Erde auf seine Insel bringt (weil es dort nur grüne und braune Farben/Pflanzen gibt) und damit eine Eskalation innerhalb seiner restriktiven Gemeinschaft auslöst.

Übrigens habe ich mir an meinen „lahmen“ Tagen Montag und Dienstag Zeit für Recherche genommen und ein tolles Video zum Gitarrenbau ansehen (Hannabach Meistergitarren – ich bewundere solche Handwerkskunst!), damit ich besser beschreiben kann, wenn mein Junge seine Gitarre baut (bisher hat er immer nur vage gehobelt und gefeilt, aber nun kann ich detaillierter werden).

Also, der Fahrplan für den Dezember steht und in meinem Kopf ist das Finale schon farbenprächtig aufgereiht – jetzt muss ich es nur noch zu Papier bringen. Ich freue mich darauf!

Leseprobe:

Auch auf der Erde und in der Kinderwelt kann es durchaus höllisch werden: Elise ist in letzter Minute zur Geburtstagsfeier einer Mitschülerin eingeladen (Dez. 88, Elise ist in der 4. Klasse). Danach geht es auf Klassenfahrt nach Ulm.

Ich hoffe, ihr habt Spaß beim Lesen!

Tag 26: Lügen, Party und Magie

(…) Am Sonntag stand Elise pünktlich um 15 Uhr vor der Tür von Lauras Haus und klingelte. Lauras Familie wohnte in einem kleinen Einfamilienhaus mit Garten in der „Vogelsiedlung“, genauer gesagt im Lerchenweg. Elise hielt das Geschenk mit dem Pferderoman über Fanny und ihr siegreiches Pony in der Hand. Hedda hatte es in Geschenkpapier eingepackt – eine bange Viertelstunde lang hatten sie zahllose Schubladen und Schranktüren auf der Suche nach Nicht-Weihnachtspapier durchsucht, bis sie ein neutrales weiß-goldenes Papier gefunden hatten. Christa hatte das Paket noch mit einer eleganten weißen Schleife versehen. Die Tür wurde von Lauras Mutter geöffnet.

„Oh, komm doch herein“, rief Lauras Mutter und verharrte einen Moment lang in einer Maske des Staunens, in der ihre pink bemalten Lippen ein rundes „O“ formten und ihre schmal gezupften Augenbrauen einen hohen Bogen über blau getuschte Augen spannten.

„Du bist Elise, niet waar“, sagte Lauras Mutter nun triumphierend und schüttelte ihre platinblonden Korkenzieherlocken. Elise musste dankbar sein, dass diese Frau überhaupt ihren Namen kannte. Schließlich war sie noch nie bei Laura eingeladen gewesen und auch heute nur Geburtstagsgast von der Ersatzbank.

Elise wurde durch den mit Luftschlagen und Luftballons dekorierten Flur geführt, die Mutter hängte Elises Jacke an einen der Garderobenhaken, wo nur zwei andere Kinderjacken hingen – die von Rita erkannte sie sofort. Im Wohnzimmer saß Laura auf dem Sofa mit Rita und sie blätterten in einer Bravo Girl und kicherten.

„Hallo“, sagte Laura abwesend in Elises Richtung. Lauras Mutter nahm das Geschenkpaket aus Elises Hand und legte es auf den Wohnzimmertisch, wo schon drei andere, viel größere Pakete lagen.

„Ach, das ist aber schön eingepackt“, flötete die Mutter. Dann verschwand sie durch einen rauschenden Lamettavorhang in die angrenzende Küche. Dort hörte Elise das abgehackte Klackern ihrer Stöckelschuhe auf dem Linoleumboden. Wieder säuselte das Lametta und die Gastgeberin kam mit einem sprudelnden Glas Limonade in der Hand zurück, das sie vor Elise auf den Wohnzimmertisch stellte. Elise setzte sich auf den Teppichboden vor das Glas.

Dann klingelte es in rascher Folge noch drei Mal. Katrin und Nicole aus ihrer Klasse kamen dazu. Zuletzt kam Lauras Mutter mit einem Geschenk, aber ohne Gastkind herein.

„Nina hat heute morgen Fieber bekommen. Sie muss leider zuhause bleiben. Ihre Mutter hat aber das Geschenk vorbei gebracht.“

„Oh, wie schade“, rief Laura aus. Man hätte meinen können, Nina sei ihre allerbeste Freundin.

„Oh, wie schade, dass Nina nicht kommen konnte“, wiederholte sie auch bestimmt ein Dutzend Mal im Laufe des Nachmittags. Elise hatte jedes Mal das Gefühl, das sei ein Vorwurf gegen sie. Elise war eben ein schlechter Ersatz für die eigentlichen Wunschgäste. Und als Freundin von Nina war sie vielleicht auch irgendwie verantwortlich für die herbe Enttäuschung ihres Fehlens.

Sie aßen Kuchen. Laura Mutter hatte einen großen Zitronenkuchen mit Himbeerfüllung in der Form vom „Pink Panther“ gebacken, der von rosa und weißem Zuckerguss überzogen war und die Comic-Katze perfekt nachbildete, einschließlich zweier gelber Augen aus Wackelpudding und einer schwarzen Pralinennase und Schnurrbarthaaren aus Lakritzstangen.

Elise sprach kein Wort und aß zum Ausgleich drei große Kuchenstücke, die sich mit dem süßen Sprudelgetränk in ihrem Magen aufrührerisch verbanden.

Dann packte Laura ihre Geschenke aus und freute sich überschwänglich über alle Gaben. Über alle bis auf eine.

„Ein Buch“, rief sie aus. Sie konnte nicht so gut schauspielern wie ihre Mutter, deshalb klang ihre Überraschung nicht sehr überzeugend. Von Freude konnte jedenfalls keine Rede sein.

„Wenn man so schlau wie Elise werden will, muss man viel lesen. Niet waar, Laura“, sagte Lauras Mutter. Rita nahm das Buch in die Hand und las von der Rückseite vor:

„Für Kinder ab 6 Jahren“, dann kicherte sie. Das Buch blieb auf dem Boden liegen, begraben unter dem zerknüllten Geschenkpapier.

Der Hauptprogrammpunkt der Feier war ihre eigene „Mini Playback Show“. Das war nämlich Lauras Lieblingssendung. Ihre Mutter hatte viele selbstgenähte Kostüme für die kleinen Gäste bereit gelegt und sie schauten sich erst ein Video aus Holland an – die Mutter von Laura war nämlich Holländerin und deshalb schauten sie auch Fernsehen aus Holland. Danach spielten die Mädchen die Show nach. Alle wollten Madonna oder Cyndi Lauper sein. Elise kannte diese Sängerinnen nicht, weil bei ihr zu Hause fast nie fern geschaut oder Radio gehört wurde.

„Was hörst du den so für Musik“, fragte Lauras Mutter Elise.

„Was auf den Schallplatten von meinen Großtanten ist“, sagte Elise. Von den beiden Peters (Krause und Alexander) hatten die anderen Mädchen noch nie gehört.

Rita zog das Kostüm von „Like a Virgin“ an – sie hatte als Einzige schon den richtigen Busen dafür und schien auch eine vage Ahnung davon zu haben, worum es bei dem Lied ging.

Elise weigerte sich, bei dem Spiel mitzumachen. Rita versuchte hartnäckig, sie zu überreden:

„Du solltest wirklich mal versuchen, ein schönes Kleid anziehen. Das kann dir nur gut tun.“

Als die Mädchen fertig geprobt hatten, kam der Vater von Laura dazu und filmte sie. Lauras Mutter übernahm die Rolle der Moderatorin Marijke.

Wann war es endlich 18 Uhr? Elise schaute während des Nachmittags fast minütlich auf die Digitalanzeige des Videorecorders. Um zwei Minuten und 13 Sekunden nach 18 Uhr klingelte es an der Haustür. Elise sprang auf und stürmte in den Flur und zog ihre Daunenjacke an. Verwundert kam Lauras Mutter hinter ihr her und öffnete die Haustür. Christa sprach ein paar Worte mit der Mutter.

„Laura, sag Tschüss zu Elise“, rief diese ins Wohnzimmer. Es wurde plötzlich ganz still im Wohnzimmer, dann kam Laura dicht gefolgt von Rita heraus.

„Aber auf der Einladung steht doch bis 19 Uhr, wir essen gleich noch Würstchen und Pommes“, rief Laura mit theatralischer Enttäuschung.

Lauras Mutter reichte Christa noch den Mini-Playback-Show-Preis – sie hatte für jedes Kind eine Kaffeedose mit selbstgebackenen Keksen gefüllt und die Dose im Pink-Panther-Look mit einem rosafarbenen Fellstoff beklebt. Christa lobte die aufwendige Arbeit und bedankte sich.

„Wieso kriegt Elise jetzt auch einen Preis? Sie hat doch gar nicht mitgespielt“, sagte Katrin aus dem Hintergrund. Dann schloss sich die Haustür.

Elise saß auf dem Beifahrersitz und der Sicherheitsgurt drückte ihr schrecklich auf den Magen. Sie fuhren durch den Finkenweg und ihr Blick fiel auf das Haus, in dem Philipp mit seiner Familie gewohnt hatte. Alle Rollläden waren herunter gelassen. Das Haus war verlassen.

Kurz bevor sie zuhause ankamen, musste Christa am Seitenstreifen anhalten, damit Elise sich in den Straßengraben übergeben konnte. (…)

Tag 28: Klassenfahrt ins astronomische Ulm

Es war die erste Woche im Juni 1989. Elise hatte alle Tests mit Auszeichnung bestanden und ihre Gymnasiumsempfehlung bekommen. Aber die schwerste Prüfung stand ihr noch bevor: Die Klassenfahrt mit ihrer 4. Klasse zum Abschied und als Höhepunkt ihrer gemeinsamen Grundschulzeit.

Am Donnerstagmorgen saßen sie seit 7 Uhr früh im Bus des Reisebüros Sonnenschein, für das die Mutter von Ingo seit kurzem als Fahrerin arbeitete. (…) Der Bus war nicht so groß wie die Linienbusse, mit denen Elise und die anderen Kinder sonst in die Schule fuhren. Elise zählte 30 Sitze in ihrem Reisebus. In der 4c waren sie jetzt 19 Kinder. Zum Glück hatte sich Nina neben Elise gesetzt. Simone, das große Mädchen mit der dicken Brille, das im letzten Schuljahr sitzen geblieben war und neu in ihre Klasse gekommen war, saß alleine. Rita und Laura waren natürlich zusammen und tuschelten wie üblich.

Ingo und Andreas saßen nebeneinander in der Mitte vom Bus. Andreas hatte einen Stapel Pumuckl Hefte und Ottifanten Comics dabei und schon um 9 Uhr zwei Tüten Cola-Gummibärchen leer gefuttert. Er hatte Schluckauf. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, sich weiße Socken anzuziehen und wie Otto Waalkes – der sich über Michael Jackson lustig machte – im Gang des Busses zu tanzen und auf dem Boden herum zu rollen. Frau Steinbeck schnallte Andreas schließlich neben sich auf dem Sitz in der ersten Reihe an. (…)

Gegen 14 Uhr bog der Bus auf den Parkplatz der Jugendherberge ein. Es war ein dreistöckiges, rechteckiges Gebäude mit symmetrischen Fenstern, das wie eine Schule aussah. Im Eingangsbereich roch es verschwitzt wie in einer Turnhalle und der Herbergsvater mit preußischem Kaiserschnauzer und Glatze führte die Neuankömmlinge in den 2. Stock. Am hinteren Ende eines langen Flurs mit grauem Krankenhauslinoleum lagen ihre fünf 4-er-Zimmer mit metallenen Stockbetten. Es gab ein großes Bad mit Waschbecken und gemauerten Duschkabinen (nur eine einzige davon war durch einen Plastikvorhang geziert) und gegenüber ein ähnliches (jedoch mehr nach Urin riechendes) Bad für die Jungs. Die Zimmer für die Lehrpersonen war eine Etage höher. Frau Steinbeck würde sich mit Ingos Mutter ein Zimmer teilen.

Während Frau Steinbeck noch den ersten Eindruck verarbeitete, der um Einiges vom Prospekt abwich, stürmten die Schüler bereits in die Zimmer.

„Das ist mein Bett“, schrie André

„He, ich will oben liegen“, schrie Dennis noch lauter und stieß Ingo zur Seite.

Rita und Laura suchten sich zielstrebig das hübscheste Zimmer aus, Katrin und Nicole durften ihnen Gesellschaft leisten.

Elise landete mit Nina und der großen Simone im Zimmer ohne Gardinen mit Blick auf die Straße. Das 4. Bett in ihrem Zimmer blieb leer. Elise war das nur recht. Sie breitete ihren Schlafsack und ihr Kuschelkopfkissen auf der Matratze im unteren Stock aus, Nina schlief lieber oben. Ihre Reisetasche stellte sie in den schmalen Metallspind, der so verzogen war, dass die Tür nicht richtig zu ging.

Um 15 Uhr trafen sie sich alle im großen Speisesaal im Erdgeschoss. Hier waren lange Tische mit Holzbänken davor aufgereiht. Gegenüber der Fenster streckte sich eine lange Metalltheke mit herunter gelassenem Rollo, hinter dem die Küche lag. Die Fensterfront zeigte auf den Garten des Hauses. Hier wuchs gelbliches Gras in der Junisonne. Ein Schaukelgerüst ohne Schaukeln und ein kleines asphaltiertes Basketballfeld mit Körben ohne Netz boten Spielmöglichkeiten für phantasievolle Kinder.

Die Herbergsmutter begrüßte Frau Steinbeck mit festem Händedruck. Sie war eine stämmige Frau, die eine weiße Kochmütze und eine Plastikschürze trug. Auf ihrem üppigen, beschürzten Busen prangte das Bild eines rosa Schweinchens mit Ringelschwanz, das von einem Metzgermesser gejagt wurde. Sie öffnete nun den Deckel eines riesigen Topfes und tunkte eine Kelle hinein. Dann lüpfte sie ein kariertes Küchentuch von einem flachen Korb mit Weißmehlbrötchen, als präsentiere sie einen Zaubertrick.

„Hier steht der Schwäbische Eintopf. Jeder kann sich ein Weckle dazu nehmen. Aber nur eins, gell!“, sagte die Herbergsmutter mit befehlsgewohnter Stimme.

Die Kinder stellten sich in einer Reihe an, nahmen sich einen Suppenteller und die Herbergsmutter füllte ihnen auf. Zwei Kellen pro Teller. Elise musste an die Suppenszene aus Oliver Twist denken. Im Eintopf schwammen dicke Linsen und vereinzelt auch Spätzle. Einige Kinder entdeckten sogar Stücke unterschiedlicher Würstchen in ihrem Teller. Mit Salz hatte die Köchin jedenfalls nicht gespart.

„Die Spätzle sind bestimmt von gestern Mittag“, bemerkte Frau Steinbeck.

Aus einem Getränkeautomat konnten sich die Kinder ein Orangensaftkonzentrat ziehen, das man mit Wasser mischen musste. Andreas trank es pur und bekam schon wieder Schluckauf.

Zum Nachtisch ließ die Herbergsmutter einen kleinen Korb mit abgezählten Mini-Raider-Riegeln herum gehen.

„Jeder nur eine Packung, dann habt ihr trotzdem zwei “, sagte sie und war beleidigt, als keiner über ihren spitzfindigen Witz lachte.

Am 20. Tag im National Novel Writing Month

In der letzten Woche hat sich viel getan in meiner Geschichte und ich habe so einige Höhen und Tiefen durchwandert. Eine wichtige Erkenntnis ist, dass ich mich auch dann zum Schreiben (jeden Tag mindestens 1.667 Wörter) hinsetzen muss, wenn ich mich gar nicht inspiriert fühle – erstaunlicherweise kommen mir beim Tippen nach der zähen ersten Seite doch irgendwelche Ideen und es entsteht ein brauchbares Kapitel.

Nach dem dramatischen Komplex mit Philipp und Silva plätscherte die Handlung um Elise so vor sich hin. Vor allem habe ich ihre Begegnung mit der zweiten Hauptfigur (dem Jungen mit der Gitarre) aus der Märchenwelt herausgezögert, weil ich immer noch nicht wusste, wie diese Welt überhaupt beschaffen sein soll.

Also habe ich mich zeitweise damit abgelenkt, mir Titel für die Groschenromane auszudenken, die die liebenswerten Großtanten von Elise immer lesen. Die eine liebt Schnulzen und die andere Schauerromane. Hier drei Beispiele (das Genre dürft ihr raten):

„Herzensbrecher haben auch mal Liebeskummer“,

„Vlado – Draculas Sohn im Moor“ und

„Schöne Windhunde beißen nicht“

Schließlich habe ich mich an Tag 16 gezwungen, die Szene mit dem Jungen aus der Märchenwelt zu schreiben (einen Dialog, da konnte ich mich auf den Charakter konzentrieren, Details aus seiner Welt waren nicht nötig) – und mit einigen Stunden Verspätung in der Nacht hat sich eine Schleuse in meinem Kopf geöffnet und ich konnte nicht schlafen vor lauter Ideen.

Die letzten drei Tage habe ich meinem Fanatsie-Rausch hastig hinterher geschrieben. Manchmal ist es ziemlich mühsam, etwas in Worte zu fassen, was ich bildlich vor mir sehe. Aber damit das Ganze nicht in eine epische Beschreibung ausartet, habe ich versucht, die Welt aus der Sicht des Jungen zu zeigen und auch ein paar Dialoge einzubauen. Ich habe noch längst nicht alles erzählt – um diese „Welt des Immerwährenden Klanges“ zum Leben zu erwecken. Es gibt so viele große und kleine Frage zu beantworten wie nach dem Sinn des Daseins der Wesen, wie ist ihre biologische Beschaffenheit (Geburt und Sterben), wie ist ihr soziales System (beim Holzspielervolk des Jungen mit der Gitarre hat jeder Meister einen Gesellen), haben sie einen Glauben, wie funktioniert ihr Ökosystem (für die Müllentsorgung habe ich auch schon eine Lösung…).

Heute Nachmittag und Abend brauche ich mal eine kleine Pause von der Weltenschaffung und wende mich wieder Elise in der Menschenwelt zu. Sie ist in der 4. Klasse und geht auf Klassenfahrt. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe meine Klassenfahrten aus dieser Zeit als ziemlichen Horror in Erinnerung – zu wenig Schlaf und zu viel Zucker, die verdeckten Konflikte und Aggressionen in der Klassengemeinschaft brechen hervor.

Mal sehen, wo die Szene mich hinführt (dramatisches Potenzial ist jedenfalls da), ich lasse meine Fantasie jetzt wieder gemächlich hinter meinen Fingern her trippeln.

Übrigens ist mir gestern Abend beim Spazierengehen eine Pappschachtel mit alten Audiokassetten vor die Füße geraten (von Leuten als „Spende“ vor ihre Haustür gestellt) – und die erste Kassette, die ich aus dem Stapel ziehe ist: Bibi Blocksberg.

Also werde ich heute in der Leseprobe zu Philipp und Silva zurück kehren – es handelt sich um die Szenen vor und nach der Fahrradsequenz, die ihr letzte Woche lesen konntet. Übrigens wird Philipp als Erwachsener noch  eine Chance bekommen, sich für eine gute Tat zu entscheiden.

Für einen etwas heiteren Ausklang gibt es noch den „Stuhlkreis“ mit Elise in der 4. Klasse (ohne Philipp – seine Familie ist nach dem Brand in eine andere Stadt gezogen). Die dortigen Witze habe ich nicht selbst erfunden, sondern aus dem weltweiten Netz gefischt.

Ich hoffe, ihr fühlt euch beim Lesen unterhalten.

Tag 10: Das Duell

(… Philipp macht in der Schule demütigende Erfahrungen, z.B. beim Mathe-Duell, und in der großen Pause fordert er seine Mitschülerin Elise zu einer Art Psychoduell heraus…)

Philipp und Silva stiegen aus dem Bus und bogen nebeneinander in den Finkenweg ein. (…) Silva plapperte vor sich hin und öffnete die Haustür mit dem Schlüssel, der an einem Lederband um ihren Hals hing. Philipp warf seinen Schulranzen auf den Boden im Flur unter die Mäntel.

„Machen wir uns Lasagne“, fragte Silva. Philipp nickte missmutig.

Silva holte mit geübten griffen die Fertiggerichte aus dem Tiefkühlfach und machte sie in der Mikrowelle heiß. Normalerweise würden sie jetzt vor dem Fernseher essen und ihre Lieblingsvideokassetten ansehen. (…)

„Es kommen zwar nur diese Talkshows, aber besser als nichts.“ Er packte seinen Teller und verbrannte sich seine Finger daran.

„Scheiße“, schrie er. Silva hatte ihren Teller mit einem Handtuch umfasst und ging ins Wohnzimmer.

„Igitt, das stinkt hier aber“, sagte sie und rümpfte ihre Stupsnase. Kater Moritz, der bisher auf der Küchenbank gelegen hatte, kam nun auch hinter ihnen her und schlich mit erhobenem Schwanz im Wohnzimmer umher und maunzte. Ihn schien der Geruch nicht zu stören, denn er legte sich gähnend auf seinen Lieblingssessel. Der grüne Stoff war von seinen Krallen schon ganz abgewetzt.

„Mama hat den Schrank gestern Abend lackiert“, stellte Silva fest. (…)

Obwohl die Fenster die ganze Nacht auf Kippe gestanden hatten und auch jetzt ein frischer Wind die gelblichen Gardinen aufblähte, roch es immer noch intensiv nach Lack im Zimmer. (…)

Silva und Philipp schlangen ihr Essen schnell herunter und Philipp verbrühte sich den Gaumen dabei. Bei dem Lack-Gestank im Zimmer machte das Fernsehen echt keinen Spaß.

„Komm, wir bringen jetzt die Fahrräder weg. Dann haben wir es hinter uns“, sagte Silva. (Der Kater bleibt bei geschlossener Tür im Wohnzimmer)

Sie gingen durch die Garage in den Garten und hievten die rostigen Kinderfahrräder, für die sie schon längst zu groß geworden waren, aus der hinteren Ecke des Gartens zur Garage. Auf dem Weg fiel Philipp der Komposthaufen von Frau Schuster in den Blick, der direkt am Jägerzaun neben ihrer Terrasse aufgebaut war. Heute morgen hatte Frau Schuster eine frische Ladung von Orangen und Bananenschalen dort ausgeleert – jetzt saßen riesige Krähen auf dem Haufen und pickten in den Resten.

Philipp spürte sofort ein Ziehen in seinem Magen und musste an den schwarzen Vogel denken, den er heute Morgen in den Augen von Elise gesehen hatte. Wie ein Schwindel überkam ihn wieder dieses Gefühl, wie er sich in den Wurm verwandelte und machtlos am Boden kroch.

Am liebsten hätte er laut geschrien: „Nein, das bin ich nicht! Ich werde es euch allen zeigen!“, aber seine Kehle war wie zugeschnürt und er brachte keinen Laut über die Lippen. Er biss seine Zähne fest aufeinander, so dass sein Kiefer knirschte.

Grimmig schob er das lächerlich holpernde Fahrrädchen durch die Garage vor die Haustür, wo Silva schon mit ihrem rosa Rad stand und sich ihre Wollfäustlinge anzog.

„Warte, ich muss noch was erledigen“, sagte er und ging zurück in die Garage.

Tag 11: Ein Katzenleben

Philipp griff entschlossen nach dem grauen Plastikkanister in der Ecke der Garage. Auf dem Regal über dem Gartengrill lag das Gasfeuerzeug mit dem langen Stift. Er steckte es in seine Jackentasche. Auf seinem Weg zum Komposthaufen schwappte die schwere Flüssigkeit im Kanistern und ließ diesen bei jedem Schritt gegen seine rechtes Bein stoßen. Das dumpfe Gluckern aus dem Kanister hörte sich wie ein kehliges Kichern an.

Die Krähen hoben ihre Köpfe. Philipp schritt näher. Sie flatterten krächzend auf. Philipp zog seinen Kopf ein wenig ein, der Flügel eines Tieres streifte sein Ohr. Nun stand er vor dem Komposthaufen. Er stellte den Kanister auf den Boden und schraubte den Deckel auf. Er schaute prüfend in alle Richtungen, aber in keinem der angrenzenden Gärten war ein Mensch zu sehen. Die Schusters waren tagsüber immer arbeiten.

Mit Schwung hievte er den Kanister mit beiden Händen hoch und schüttete die Flüssigkeit mitten auf die braun-gelben Bananenschalen, die Orangenschalen, die Kartoffelschalen, die zerbrochenen Eierschalen und allerlei sonstiges angefaultes Zeug. Der scharfe Benzingeruch drang in seine Nase und ließ ihn Lächeln. Sein Herz schlug schneller.

Langsam, den Moment auskostend, schraubte er den Deckel wieder auf den leeren Kanister. Dann zog er das Feuerzeug aus seiner Jackentasche. Er trat einen Schritt zurück und streckte seinen rechte Arm lang aus. Dann drückte er mit seinem Daumen den Zünder nieder. Nichts passierte. Er drückte noch mal kräftiger. Eine jämmerliche blaue Flammenzunge trat hervor und verschwand. Philipp schüttelte den Stift. Er drückt noch einmal. Langsam. Eine längliche Flamme trat aus der Mündung. Er hielt die Flamme an die feuchten Obstschalen obenauf. Mit einem „wusch“ schlug eine heiße helle Flamme in die Höhe und Philipp sprang unwillkürlich zurück.

Aber der Effekt schien schnell verpufft. Die Flamme trank das Benzin gierig auf und nagte nur zögerlich an den feuchten Fruchtresten. Ein vorsichtiges Glimmen breitete sich auf dem Haufen aus, der nun müde knisterte und wie ein schnaufendes Tier einen dunklen Hauch ausatmete.

„Philipp“, hörte er Elise von vorne rufen. Er warf noch einen letzten, etwas unzufriedenen Blick auf den röchelnden Haufen und rannte zurück in die Garage, stellte den Kanister an seinen alten Platz zurück und zog das Garagentor hinter sich zu.

Was seinem Blick jedoch entgangen war, war der kleine Stapel von Kartons und Zeitungen, der mal wieder nicht in die Mülltonne gepasst hatte, und der in der Terrassenecke unter ihrem Wohnzimmerfenster lag.

(…Szene an den Bahngleisen…)

Als sie nur noch drei Straßen entfernt waren, brauste ein Feuerwehrauto mit Blaulicht und Sirenen an ihnen vorbei. Silva hielt sich ihre Ohren zu. Die Feuerwehr fuhr in die Richtung, in die sie gingen. Ein Kribbeln begann in Philipps Fingerspitzen, das sich schnell in ihm ausbreitete. Eine Vorahnung. Er beschleunigte seine Schritte.

Sie bogen in den Finkenweg ein und sahen es: Schwarzer Rauch hing in einer dicken Wolke über ihrem Haus und zwei Feuerwehrautos standen davor, jede Menge Feuerwehrmänner in blauen Schutzanzügen und gelben Helmen rannte herum, ein Schlauch wurde ausgerollt. Einige Nachbarn standen auf der Straße, schauten neugierig und sprachen aufgeregt miteinander. Philipp und Silva rannten näher.

Was in den nächsten Stunden geschah, zog an Philipp wie ein hektisch geschnittener Film vorbei. Grelle, überbelichtete Schnappschüsse. Aber es war ein Bild, das sich ihm unauslöschlich einprägte: Der Gesichtsausdruck seines Vaters, nachdem der Chef-Feuerwehrmann ihm den leeren Benzinkanister aus der Garage gezeigt hatte. Der Vater hatte seine Augen zusammen gekniffen, als würde die Sonne ihn blenden und seine Mundwinkel heruntergezogen wie an dem Tag, als sie zusammen die Blätter aus dem verstopften Regenrohr gezogen hatten und der Vater auf einmal mit dem glitschigen Moderhaufen die tote Maus in der Hand hatte.

Für Silva gab es auch ein Bild, das sie niemals vergessen würde: Der dunkel schimmernde Fettfleck auf dem rußigen grünen Sessel, wo der Kater Moritz gelegen hatte.

(Szenenwechsel: Im Haus von Elise. Elise ist ziemlich mitgenommen von ihrem Psychoduell mit Philipp, sie hat wieder roten Hautaussschlag und sie ahnt, dass sie in Philipp etwas Böses entfesselt hat. Elise ist ein Wesen aus einer anderen Welt – ein Geschöpf des Wassers, das mit Schwimmhäuten geboren wurde – und hat übernatürliche Fähigkeiten und so erscheint ihr der Kater im Traum, obwohl sie von dem Vorfall gar nichts weiß)

In dieser Nacht konnte Elise nur schwer Schlaf finden. Ihre Haut glühte, aber noch mehr quälten sie die Worte, die sie auf dem Schulhof von Philipp gehört hatte. Schließlich fiel sie in einen unruhigen Schlaf. Bis etwas sie weckte. Sie setzte sich in ihrem Bett auf und sofort fiel ihr Blick in die Zimmerecke gegenüber. Zwei funkelnde Augen starrten sie aus der Finsternis an. Allmählich gewöhnte sie sich an die Dunkelheit und konnte mehr erkennen. Die schattenhaften Umrisse einer Katze wurden deutlich. Das Tier stand auf allen vier Pfoten, unbeweglich, nur der erhobene Schwanz wippte langsam hin und her, wie das Pendel einer Standuhr. Die Spitze des Schwanzes zog eine kleine Rauchspur hinter sich her, wie bei einer Kerze, die man gerade ausgepustet hat. Die Katzenaugen fixierten Elise. Irgend etwas war seltsam an diesen Augen. Die Pupillen waren schmal und länglich, wie bei allen Katzen. Aber die Farbe war hellblau. So wie die Augen von Philipp.

Elises Herz hämmerte nun hart in ihrer Brust und sie hörte die Schläge als Echo in ihren Ohren. Nun riss die Katze ihr Maul auf, wie zu einem Gähnen. Das Gähnen wurde immer größer, als müsste es den Kiefer des Tieres sprengen. Dann senkte die Katze ihren Kopf in rhythmischen Bewegungen, das Maul immer noch geöffnet. Sie würgte etwas hervor. Etwas kam zum Vorschein, der Kopf der Katze senkte sich über den Boden, Elise konnte nicht sehen, was es war. Dann hob die Katze wieder ihren Kopf. Auf dem Boden vor der Katze lag ein rot-goldener Fisch, der mit Kopf und Flossen abwechseln auf den Boden schlug, als wolle er vor der Katze fliehen.

Mit einem Schrei sprang Elise aus ihrem Bett. Jemand machte Licht im Zimmer. Nana Christa nahm sie in die Arme. Das Nachthemd klebte feucht an Elises rücken.

Voller Entsetzen starrte sie in die Zimmerecke, aber da war nichts mehr.

Tag 15: Stuhlkreis

Elise war nun in der 4. Klasse. An diesem Montagmorgen in November rückten sie ihr Stühle in einen Kreis wie an jedem Montag. Frau Steinbeck stellte die Frage, die von manchen Kindern geliebt und von anderen gefürchtet wurde:

„Wie war denn euer Wochenende?“. Reihum musste jeder erzählen, was er oder sie erlebt hatte.

Katrin legte gleich los und war nicht mehr zu stoppen.

„… und dann habe ich mit der Rückhand den Ball trotzdem noch gekriegt, und dann war wieder gleichstand, und dann hat der Trainer gesagt, ich muss mehr Fußarbeit machen…und dann war Siegerehrung, … und dann hat meine Mutter einen Kuchen gebacken…. und dann hat meine Bruder gesagt, null Problemo…“

Elise saß neben Ingo, der mal wieder auf seinem Stuhl hin und her rutschte und an seinen Fingernägeln kaute. Sie hätte ihm gerne geholfen, aber sie selbst durchstöberte ihren Kopf nach einer brauchbaren Geschichte.

Ingo kam vor ihr dran. Im Sommer vor einem Jahr hatte er mit seinen Eltern einen Ausflug an die Mosel gemacht. Seitdem erzählte er an jedem Montag dieselbe Geschichte:

„Wir sind alle ins Auto gestiegen und zur Mosel gefahren. Da haben wir ein Picknick gemacht. Ich habe ein Würstchen gegessen. Dann bin ich von einem hohen Felsen ins Wasser gesprungen. Als ich im Wasser war, habe ich oben auf dem Felsen den Andreas laufen sehen. Ich habe ihm zugewunken. Dann sind wir wieder nach Hause gefahren“.

Sein Klassenkamerad Andreas war nicht an der Mosel gewesen. Aber das sagte er natürlich keinem.

Elise wurde immer heißer in ihrem Strickpullover, aber ihre Hände fühlten sich klamm an. Sie hätte erzählen können, dass sie mal wieder „Der Kleine Prinz“ auf Französisch gelesen und Tränen vergossen hatte, als der Prinz sich von der Schlange beißen ließ, um zu seiner Rose zurück zu kehren. Oder sie hätte erzählen können, dass sie sich mit ihrem Vater über die Schrecken der Sklaverei unterhalten hatte – Elise war gerade mitten in „Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher Stowe. Oder sie hätte erzählen können, dass sie eine kleine Schwellung in ihrer rechten Brust entdeckt und sich ziemlich sonderbar gefühlt hatte, bis Nana Christa ihr erklärt hatte, dass dies völlig normal sei und sie nun langsam einen Busen bekommen würde – ach nein, das würde sie vor der Klasse natürlich niemals erzählen, schon bei dem Gedanken daran wurden ihre Wangen ganz heiß. Oder sie hätte erzählen können, wie sie mit ihren Holzpuppen gespielt hatte, es käme eine Sturmflut und ihr Bett sei das einzige Boot auf der Welt und wie sie sich alle darin zusammen gekauert hatten – aber das war bestimmt zu kindisch. Oder sie hätte erzählen können, dass sie letzte Nacht diese wunderbare Melodie aus dem Nebel der Heide hinter ihrem Garten gehört hatte. Nein, all das konnte sie auf keinen Fall erzählen.

Elise holte tief Luft. Sie wünschte, sie hätte auch eine Geschichte für jeden Montag, so wie Ingo. Aber das würde zu sehr auffallen. Deshalb musste sie sich jeden Montag etwas Neues ausdenken.

„Ich war am Samstag mit meinen Großtanten einkaufen. Danach habe ich beim Kuchenbacken geholfen (Mist, das hatte doch gerade Katrin schon erzählt, oder?). Dann haben wir abends alle zusammen „Verstehen sie Spaß“ geguckt (gut, dass ich das Fernsehprogramm studiert habe). Am Sonntag habe ich Hausaufgaben gemacht (Streberin).“

Elise sah, wie Rita und Linda miteinander tuschelten und dabei auffällig unauffällig zu Elise herüber guckten. Zum Glück war jetzt Andreas an der Reihe. Andreas hatte auch eine Strategie. Er las am liebsten Comics und auch die Pumuckl-Hefte und konnte sich sehr gut Witze und Rätsel merken.

„Ich habe einen lustigen Witz gelesen“, begann er wie üblich.

„Was schrie der Luftballon als letztes, bevor er zerplatzte?“, fragte Andreas unbekümmert in die Runde.

„Achtung, Kaktus!“, rief Dennis triumphierend. Auch er hatte die Pumuckl-Hefte abonniert. Andreas lächelte großzügig und nickte.

„Sag noch einen“, forderte ihn jetzt Michael auf.

„Aber nicht vorsagen, Dennis. Wir wollen auch mitraten“, mischte sich nun auch André ein.

Andreas strahlte über beide Backen.

„Okay. Was hat keine Füße und läuft trotzdem?“, gab Andreas auf.

„Die Nase“, rief Rita und rümpfte dabei ihre eigene.

„Richtig“, verkündet Andreas im besten Showmaster-Stil. Aber Elise wusste schon, dass er sich das beste Rätsel immer bis zum Schluss aufhob.

„Noch eins“, rief wieder Dennis.

„Okay. Das ist dann aber das Letzte“, sagte Andreas. Frau Steinbeck nickte milde. Sie kannte das Ritual genauso gut.

„Wo macht ein Skelett Urlaub?“, fragte Andreas in die Runde. Ein Tuscheln und Raunen setzte ein. Dieses Rätsel stammte nicht aus dem Pumuckl.

„Sag“, forderten seine Mitschüler Andreas nun gespannt auf. Andreas kostete den Moment aus. Dann sagte er mit perfektem Timing:

„Im Toten Meer“. Die ganze Klasse lachte. Selbst Elise und Ingo.

René Magritte – „Les Mémoires d’un saint“ von 1960