Blogparade #BKS11: April, April, der weiß nicht was er will

Willkommen zur Blogparade mit dem Thema: April, April, der weiß nicht was er will! Alle Schreiblustigen aus unserem Masterstudiengang Biografisches und Kreatives Scheiben an der ASH Berlin (#BKS11) sind herzlich eingeladen, ebenso wie alle anderen schreibfreudigen Bloggerinnen und Blogger.

Ihr dürft das Thema frei interpretieren – als Gedicht, Kurzgeschichte, Collage u.a. Aber es gibt eine kreative Herausforderung (contrainte): Es sollen nur Wörter verwendet werden, die ein „a“ enthalten („ä“ gilt auch).

Die „contrainte“ ist eine kreative Methode aus der „Werkstatt für Potentielle Literatur“ OuLiPo (L‘ Ouvroir de Littérature Potentielle). Durch die selbstauferlegten formalen oder inhaltlichen Textbildungsregelungen sollen die verborgenen Potentiale der Sprache entdeckt werden.

Die Blogparade startet ab sofort und endet am 30. April 2018. Schreibt einfach den Link zu eurem April-Blogbeitrag unten in den Kommentar. Los geht’s und viel Spaß!

Ausgeschlüpft am Montag:

April Attitüden

Osterhasen hasten schokoladenbeladen

Samen schauen staunend auf Himmelslaunen

Pflanzenknospen sagen Wintergrau adé

Himmelslampe strahlt glanzvoll warm

Hagelschauer machen manchen sauer

Sauberleute starten Lappenattacken auf Fensterglas

Naturbewunderer wandern wacker aus Wolkenausbruch

Stubenhocker halten beharrlich zuhause aus

Balkongärtner tauen Geranien auf

Sonnenanbeter stranden auf Mallorca

Schränke fassen fade Flanelljacken

Nacktfußfreunde laufen lässig auf Sandalen

Amour labt Ausgehungerte avec charme

Sprachliebhaber schmausen alphabetisch

Babys Frauen Mädels Männer Knaben

tragen ahnungsfrohes Antlitz

Bald lacht allerliebster Mai

Ai!

ASH-Variante am Dienstag

Naturbewunderer tragen Wetterfahne auf see*hnassen Alleen

PARADEN-LAUF:

EinAHase von Sabine Hinterberger

Osterhasenglück von Hedda Lenz

Kurzurlaub von Bettina-Maria Henze (BKS IV):

Kurzurlaub

Katastrophenwetter! April! Abhauen! Urlaub! Südeuropaträume! Italien! Zitronenbäume! Fähre fahren auf blauem Wasser! An lauen Abenden am Hafen spazieren. Sommerahnungen. Ausspannen. Aufatmen. Aber ach! Baldiger Aufbruch. Rückfahrt nach Hause. Urlaubsende. Wann kann man nochmal Frühjahr atmen?

von Katharina Körting:

Wasser fällt sanft auf das Land
Sanfter als Lächeln: als aprilfarbenes Lauschen
(Allerdings schauen an karibischen Stränden andere Augen
Auf andere Heimat
Papieren achtlos andere Frauen an anderen Aprilfäden vorläufigen Buchstabenmatsch aus
Land, das sanft fällt auf Wasser)

Balz von Urs Küenzi

Küchenmarie backt Anfang April Orangen-Polenta-Flan, alles an A, Ai und Ä von Küchenmarie

Fernab von Hedda Lenz

Fernab

Allee nach Allee,

Nachtgedanken –

am Firmament

das Verhallen

vager Sätze,

unausgesprochen

fernab aller

traumverschlungenen

Silbenpfade.

Alles von Fee

Anders wäre wunderbar von Miss Novice

Ein Gedicht von Sabine Marx

Aprilreflexionen auf autobiografisch Abgelebtes von Kirsten Alers:

Aprilreflexionen auf autobiografisch Abgelebtes
Am Anfang, ach, am Anfang außerhalb aller Ahnungen: abgehoben, abgenabelt, ausgezogen. Ahnenstaub ausgeatmet. Alte Antworten attackiert, andernorts andere Antworten ausgehalten, abermals ängstlich Angesagtes abgelehnt. Abtrünnig atheistisch abseits angekommen. Anker ausgeworfen, angedockt an allerhand. Achtung angesichts absurder Ansichten angenommen, Artgenossen angeschrieen, Artgenossinnen angebetet, Abgöttisches auserkoren aus Abscheulichkeiten, Ähnliches abgelehnt, aussortiert, ausgespuckt. Als Amazone auch Arkadien aufgesucht. Äste absichtlich angesägt. Anfechtungen ausgesetzt. Aufgerissen. Auseinandergefallen. Abwärts abgerutscht. Aderlass am Aschermittwoch. Argumentieren ausgesetzt. Alles ächzt, alles altert, aber alles atmet auch …

 Aprilnächte von Shakti

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Gerne könnt ihr das Titelbild dieses Blogbeitrags bei euch verwenden. Als andere Stimmungs-Varianten stehen auch diese Bilder zur Verfügung:

K – Kusskultur

Der Kuss ist allgegenwärtig und wird in allen Kunstformen zelebriert – als Mythos und Sinnbild der Liebe. Höchste Zeit, mich in meinem Liebeslabor diesem Phänomen zuzuwenden.

Zur bildlichen Einstimmung – letzten Sommer war ich im Bröhan-Museum Berlin, wo eine ganze Ausstellung dem Kuss gewidmet war.
Eine Künstlerin hat ein ganzes Zimmer mit ihren Küssen bedeckt.

Der Kuss ist Indikator und Katalysator für die aufkeimende Liebe – besonders der erste Kuss spielt eine entscheidende Rolle. Für meine Analyse nehme ich mir das wohl berühmteste Liebespaar aus der Literatur vor: Romeo und Julia von William Shakespeare.

Ihre Liebesgeschichte begleitet mich schon lange: Als Jugendliche habe ich zusammen mit meinen Schwestern die wunderbare Filmversion von Franco Zeffirelli (1968) zig Mal angesehen. Als Studentin stand ich im Londoner Globe Theatre im „court yard“ wie zu Shakespeares Zeiten und war mitten drinnen im leidenschaftlichen und tragischen Abenteuer der jungen Liebenden. Im Laufe der Jahre bin ich auch in den Genuss einiger musikalischer Umsetzungen gekommen – als „comédie musicale“ von Gérard Presgurvic in Frankreich (um die 2000er als Studentin) und auf der Opernbühne.

Jetzt aber zum ersten Kuss von Romeo und Julia: Bei ihrer ersten Begegnung auf dem Ball im Hause Capulet kreuzt Romeo als Partycrasher auf und verliebt sich sofort in die Tochter seines Feindes. Nach dem ersten Tanz umkreisen ihre Lippen ziemlich schnell den Kuss – erst nur in Worten, dann in Taten (hier das Video). Den tollen Text dieses Dialogs möchte ich euch nicht vorenthalten (als pdf – nur 1 Seite: Romeo und Julia_Text Kuss ).

Es kommt mir fast wie ein Sakrileg vor, diese Komposition von Shakespeare in meinem Labor zu liquidieren – dabei fällt mir auf, dass das Wort „Heilige“ ziemlich oft vorkommt. Das bringt mich auf die Idee, die Essenz der Szene nach Worthäufigkeit zu filtern. Heraus kommt ein laborwürdiges Trichter-Gedicht.

HeiligeHeiligeHeiligeHeiligeHeiligeHeilige

HandHandHandHandHandHand

MundMundMund

SündSündSünd

LippenLippen

HoldeHolde

KussKuss

Gunst

Kunst

Auch im weiteren Verlauf des Liebesdramas zieht sich der Kuss als lippenroter Faden durch die Handlung – in der Balkonszene und in der Hochzeitsnacht schmecken die Küsse noch süß, in der Gruft hängt bitteres Gift an den Lippen der Liebenden.

Ihre Liebe kennt keine Kompromisse, die Feindschaft ihrer Familien trennt sie, für das unglückliche Paar gibt es nur einen Ausweg: den gemeinsamen Tod. Passend hierzu möchte ich ihre Geschichte nun als Monovokalise interpretieren – natürlich auf „u“ zu Kuss (d.h. ich verwende ausschließlich Wörter mit diesem einen Vokal). Gleichzeitig gibt es einen Echo-Effekt.

Ich hoffe, Shakespeare kann mir verzeihen, dass ich Nachtigall und Lerche in der Hochzeitsnacht durch einen Uhu ersetzen muss.

Bevor es losgeht – wer noch schnell ein Plotupdate haben möchte, der kann sich diese Playmobil-Version (Dauer: 2 min) anschauen .

Lud zur Rund

Rund und Ulk

Ulk und Gruß

Gruß und Gunst

Gunst tut kund

Kund und Mund

Mund und Bund

Bund trug Schwur

Schwur und Stund

Stund schlug Wund

Wund lud Wut

Wut und Mut

Mut trug Blut

Blut schlug Bund

Bund und Kuss

Kuss und uh

uh uh Uhu

Uhu zum Umzug

Umzug und Verdruss

Verdruss und Muss

Muss zu Lug

Lug und Trug

trug zum Trunk

Trunk und Ruh

Ruh Trug schluss

Schluss und Gruft

Gruft und Kuss

Kuss und Schluss

Schluss trug Kuss

Übrigens ist die Monovolkalise (im Englischen: Univocalism) eine beliebte „contrainte“ im Katalog der Oulipoten. Hier ein Beispiel von Ian Monk auf „a“.

„And, Armand d’Artagnan, a man that plans all, a crack à la Batman, darts past that pampa, wafts an arm and grabs Andras. As, last March at an Arkansas bar …“

Wenn ich an Romeo und Julia als jugendliches Liebespaar denke, klingt mir noch ein anderes Echo aus meinen Jugendtagen in den Ohren: Als 15-jährige habe ich 3 Monate in Cornwall bei einer Gastfamilie gelebt und bin dort zur Schule gegangen. In dieser Zeit habe ich einige Briefe nach Hause geschrieben und auch von meinem Opa Heinz Post bekommen – in großväterlicher Fürsorge und aus der Erfahrung seiner über 50-jährigen glücklichen Ehe hat er einige Weisheiten zur Liebe und zum Kuss mit mir geteilt – eine Formulierung hat damals so großen Eindruck auf mich gemacht, dass ich sie bis heute noch wortgetreu im Kopf habe – nämlich dass Küsse „durststillend, nahrhaft und würzig“ seien.

Als ich letztes Wochenende auf Familienbesuch war, habe ich auf dem Dachboden in meinem Archiv sogar den Originalbrief (aus 1993) wiedergefunden:

Das führt mich dazu, den Kuss nun weiter aus Sicht der Wissenschaft zu analysieren – schließlich ist der Kuss in allen Kulturen dieser Welt vertreten – auch in der Bakterienkultur. Bei der Recherche im Internet bin ich auf diesen Artikel gestoßen: Küssen ist gesund (Bankhofer Gesundheitstipps). Ich extrahiere das Textmaterial unter den Titeln „Der Kuss als Naturheilmittel„, „Küssen fördert Liebeshormone“ und „10 Tipps für den gesunden Kuss“ und gebe es in meinen „ink tank“ zum Tintentest in meinem linguistischen Labor.

Da zum Küssen immer Zwei gehören, werde ich nun jedes dritte Wort aus diesem Text mit blauer Tinte fluten und verschwinden lassen. Zwei mal.

Versuchs-Stadium 2

Aus diesen Schwebeelementen kultiviere ich einen neuen Kuss-Text. Als Wachstumsbeschleuniger gebe ich die drei Wörter (durststillend, nahrhaft würzig) von meinem Opa hinzu. Es ist jammerschade, dass sich die „französischen Zahnärzte“ aus dem Ursprungstext aufgelöst haben. Deshalb lasse ich sie in Synonymen in der Überschrift wieder erscheinen.

Dentisten aus dem Land der Croissants-Connaisseure empfehlen

Der Kuss hat eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Nach Studienergebnissen steigt der Herzschlag auf 110 zu 108. Der Kreislauf hat Schwung, die Durchblutung ist die beste Lunge: 20 danach 60 Atemzüge. Beim intensiven und würzigen Kuss aktiviert sich Gesicht, Mund und Kiefer. 15 depressive Zustände und Ängste weiß die freudige Heerschar von Lippen und Zungen frei zu bekämpfen. Selbstverständlich entkrampft ein Kuss schnell lästigen Schluckauf. Ein Kuss ist eine absolute durststillende Welt. Er ändert das Milieu im Mund. Ein angeregter kleiner Kuss von intensiv gewollten Lippen bremst Karies. Die zärtliche Berührung der Hände verstärkt den Kuss – bei mindestens 2 Minuten kommt es zur stimulierenden Wirkung. Heilsam und selbstverständlich leiten Zungen nahrhaft weiter und zumindest zeitweise stärken Augen die Atmosphäre. Der Kuss ist ein harmonisches Verharren. Übliche Bussi-Partys haben die geringste Wirkung.

Die Versuche in meinem Liebeslabor sind nun abgeschlossen. Haben Hochkultur und Wissenschaft mir Antworten zu meinen Fragen in Sachen Liebe und Partnerwahl liefern können? Nicht verzagen, den Bauern könnte ich noch fragen.

In einem Film-Favoriten aus meiner Kindheit „Kohlhiesls Töchter“ (mit Liselotte Pulver, aus dem Jahr 1962) gibt es eine Bauernweisheit, die ich noch mit euch teilen möchte:

In Zeiten vor Online-Dating und „Bauer sucht Frau“ gibt Vater Kohlhiesl für seine garstige Tochter Susi eine Kontaktanzeige in der Zeitung auf – denn nur wenn Susi heiratet, darf deren liebliche Zwillingsschwester Liesl auch heiraten – gemäß Totenbettwunsch der Mutter. Die Anzeige lockt jede Menge Heiratswillige und -schwindler ins Haus, es gibt die unvermeidlichen Verwicklungen und zu guter Letzt läuten für beide Schwestern die Hochzeitsglocken.

In einem gemeinsamen Liedchen besingen die Schwestern das Liebesdilemma von Kratzbürste Susi (hier das Video):

„Jedes Töpfchen find‘ sein Deckelchen, jeder Kater find‘ die Katz, jedes Knöpfchen find‘ sein Fleckelchen, jedes Mädchen seinen Schatz.“

Nun ist meine Rundschau zu diesem Thema wirklich komplett. Mein Labor- Fazit kommt als Gedicht daher:

Habe recherchiert

die Onlinewahl und die Datingqual

Habe kultiviert

die Romantik und die Semantik

Habe kondensiert

die Phonetik und die Poetik

Habe gehört

den Klang und den Gesang

Habe geschrieben

den Widerhall und den Morgenschall

Habe gefragt

den Kater und die Katz

Egal welch‘ Rat oder Kriterium

Die Liebe bleibt ein Mysterium

Komplementäres Testresultat (kussecht):

Die Zweisamkeit mit einem (perfekten) Partner ist nicht die einzige und beste Form für ein zufriedenes Leben – auch wenn diese Suggestion sich in Alltag und Kultur kumuliert.

31. März 2018

Tipp: Wer den Kuss auch in kulinarischer Hinsicht genießen möchte, der kann sich ein „Küsschen, Küsschen“ bei der Küchenmarie abholen.

B – Butterfly

Heute beleuchte ich in meinem Liebeslabor die leidenschaftliche Liebe – die keine Barrieren von Kulturen und Sprachen kennt, die betört und blendet, die begehrt statt begutachtet. Wo finde ich die besten Beispiele hierfür: Natürlich in der Oper.

Madama Butterfly von Giacomo Puccini (uraufgeführt 1904) ist die Oper, bei der ich als Studentin meine Begeisterung für diese Kunstform entdeckt habe – im Saarländischen Staatstheater 2001.

Mich zieht die rauschhafte Musik in ihren Bann, die einzigartigen Stimmen der Sängerinnen und Sänger, diese Weltentrückheit gepaart mit Wahrhaftigkeit. Auch auf intellektueller Ebene gibt es allerhand zu entdecken, insbesondere zu den oft haarsträubenden Inszenierungen von so manchen Regisseuren, die alles neu- und umdeuten wollen. Über meine Eindrücke kann ich mich stundenlang mit anderen Begeisterten austauschen und oft halte ich meine Impressionen auch schriftlich fest.

Letzte Woche habe ich an der Deutschen Oper Berlin mal wieder das Vergnügen mit Madama Butterfly gehabt – und nehme nun das Libretto (so heißt der Text in der Oper) in meinem Labor genauer unter die Lupe.

Ich betrachte die große Liebesszene (Hochzeitsnacht) zwischen Butterfly und Pinkerton. Welche Geheimnisse kann ich in der Sprache enthüllen? Doch zuvor gönnt euch doch einen musikalischen Eindruck – leider kann ein Video niemals an das Live-Erlebnis im Opernhaus heran reichen. Placido Domingo betört als leidenschaftlicher Liebhaber (achtet mal auf das „vieni, vieni“ – „komm, komm“ –  gegen Ende) und Mirella Freni ist mit zauberhafter Sopran-Süße ein idealer Schmetterling.

So beginnt es: Der Seemann Benjamin Franklin Pinkerton, Leutnant der Marine der USA, hat sich vom Heiratsvermittler die Geisha Cio-Cio-San (genannt Butterfly) für eine Ehe auf Zeit vermitteln lassen („Nun verheirat‘ ich mich auf japanisch, für neunhundert und neunundneunzig Jahre; freilich darf ich kündigen jeden Monat“). Das 15-jährige Mädchen verliebt sich in den schönen Fremden. Sie tauscht ihren japanischen Namen gegen „Butterfly“ ein und nimmt sogar seine Religion an.

Pinkerton benimmt sich während der Hochzeitszeremonie wie ein Elefant im Porzellanladen und trampelt über die japanische Kultur und Sitten hinweg (er: „Hip! Hip!“ – die japanischen Verwandten: „O Kame! O Kame!“). Man ahnt schon, dass er einen Scherbenhaufen hinterlassen wird.

Im linguistischen Laborversuch untersuche ich nun, was die beiden im Duett der Hochzeitsnacht an unterschiedlichen Wünsche und Vorstellungen äußern. Das Libretto in unbehandelter Form als Synopse italienisch/deutsch könnte ihr hier finden: Libretto Butterfly-Synopse

Nach Einsatz von Essenz-Filter und Interpretations-Zentrifuge und habe ich ein erstes Ergebnis mit instabiler Beziehungskonsistenz:

Nach Verdunstung der Bindemittel und Abzug des rosa-roten Nebels ergibt sich ein verfestigtes Beziehungsbild für Pinkerton und für Butterfly – hier werden ihre jeweiligen wahren Wünsche (und in ihrem Fall auch Befürchtungen) sichtbar.

Komm, komm – sei mein! (Vieni, vieni – sei mia!)

Zuletzt mache ich den Übereinstimmungstest. Hierzu drucke ich beide Testergebnisse übereinander. Für Pinkerton kommt dabei das rot-blau seiner amerikanischen Flagge zum Vorschein. Er drückt ihr mit männlicher und westlicher Dominanz seinen Stempel auf.

Dieses Beziehungsporträt ziert nun meine hauseigene Schmetterlingssammlung.

Hätte Butterfly über Finya nach einem Partner gesucht, wäre Pinkerton sicherlich vom Filter ausgesiebt worden – und mit ihm die Leidenschaft.

Übrigens hat Puccinis Oper den Schriftsteller David Henry Hwang zum Theaterstück „M. Butterfly“ inspiriert (Danke an meine Schwester Dorit, die das Stück als Studentin in den USA gesehen und mir davon erzählt hat). Das Stück beruht auf einer wahren Begebenheit und erzählt die Geschichte eines französischen Diplomaten (René Gallimard), der 1964 in Peking die Diva (Song Liling) der dortigen Oper und Madama Butterfly-Darsteller kennen lernt und eine Liebesaffäre beginnt, in deren Verlauf Butterfly den Mann des Westens im Auftrag des chinesischen Geheimdienstes ausspioniert. Überraschung: Butterfly ist in Wirklichkeit ein Mann.

In dieser Adaption des Butterfly-Stoffes spielen also die Geschlechterrollen und die Dominanz von (kolonialer) westlicher über östliche Kultur eine tragende Rolle – unabhängig vom biologischen Geschlecht der Protagonisten. Der französische Diplomat erliegt der Illusion – seiner Idealvorstellung der unterwürfigen asiatischen Frau, er schaut nicht hinter die Maske aus Schminke, Kleidung und Gebärden.

Wollt ihr Butterfly ungeschminkt sehen?

Butterfly – hinter der Maske

Das Theaterstück wurde 1993 mit Jeremy Irons und John Lone verfilmt. Ich habe mir den Film kürzlich mit großer Faszination angesehen und kann ihn euch empfehlen. Hier einige Schlüsselszenen: Illusion, Desillusion und Selbsterkenntnis.

Das lässt mich an die Oulipienne Anne F. Garréta denken, die in ihrem Roman Sphinx(erschienen 1986) der contrainte folgt, das jeweilige Geschlecht des erzählenden „Ich“ wie das seines Lebenspartners A*** unbestimmt zu lassen. Mit dieser „geschlechtsneutralen“ Erzählweise will sie Gender-Stereotypen in den Köpfen der Leser*innen ins Bewusstsein rücken.

Meine Eindrücke zum Film „M. Butterfly“ möchte ich in ein geschlechtsloses Gedicht fassen:

Butterfly blendet

mit weißem Gesicht

betörend das Gegenüber

im Flügelgewand

ohne Gewicht

ohne Land

fliegt selbst

ins weiße Licht

Das regt mich dazu an, das Libretto von Madama Butterfly auch in Bezug auf die sprachlichen Geschlechterformen einem Test zu unterziehen.

Hierzu kondensiere ich aus dem Wörterfundus ein Substrat aus Substantiven, die ich dann nach ihren Artikeln (weiblich, neutral, männlich) sortiere. Hieraus bilde ich – mit Interpretationsfaktor X hoch 10 – ein Gedicht, das die „Chemie“ des ungleichen Liebespaares charakterisiert (mit bewusst stereotypischer Farbgebung):

SIE

Ich bin die Göttin

Ich bin die leise Nacht

Ich bin die Brücke

Ich bin die Ferne

Ich bin die Worte

Ich bin die Schmerzen

Ich bin die Stille

Ich bin die Demut

Ich bin die Erde

Ich bin die hellen Äuglein

Ich bin die holde Nacht

Ich bin die Liebe

(Das „wir“)

Das Himmelsgefilde ist unser Gewand

Das Licht ist unser Leben

Das Lachen ist unser Herz

Das Auge ist unser Wörtlein

Das leise Kosen ist unser Lieben

Das Gewell‘ auf dem Meere ist unser Land

Das Ja ist unser Oh

(ER)

Ich bin dein Zauber

Ich bin dein Schmuck

Ich bin dein Wahn

Ich bin dein Jubel

Ich bin dein rechter Name

Ich bin dein Zweifel

Ich bin dein Schlummer

Ich bin dein Kummer

Bleiben wir in Asien und bei Puccini: In der (Märchen-) Oper Turandot finden wir (zunächst) ein umgekehrtes Machtverhältnis vor. Die chinesische Prinzessin Turandot soll verheiratet werden. Immerhin darf sie ihren Bräutigam selbst auswählen. Die Anwärter müssen ein Date der besonderen Art durchstehen: Turandot stellt dem potentiellen Partner 3 Rätselfragen. Wenn er nicht die richtigen Antworten gibt, wird ihm der Kopf abgeschlagen.

Calaf (Tenor), ein unerkannter Prinz, verliebt sich auf den ersten Blick in die grausame Eisprinzessin und riskiert sein Leben im Rätselringen. Er ist siegreich und Turandot muss sich ihm unterwerfen. Auch die Sklavin Liu (die heimlich in Calaf verliebt ist), opfert sich für den Mann. Puccini selbst starb (1924), bevor er das Ende der Oper komponieren konnte. Das kitschige Finale, in dem Turandot psychologisch unmotiviert plötzlich auch Gefühle für ihren Bezwinger entwickelt, stammt aus der Feder eines anderen Komponisten Franco Alfano.

Obwohl Turandot definitiv nicht zu meinen Lieblingsopern gehört, habe ich gestern Abend im Nationaltheater Mannheim (meiner alten Opern-Heimat) eine Aufführung erlebt – der ekstatische Gesang und die bombastische Musik haben mich letztlich doch im Gefühlsstrudel mitgerissen. Der Kreis zu Madama Butterfly schließt sich, denn die Sopranistin Galina Shesterneva (bzw. Gleber – sie hat nach Heirat den Namen ihres Mannes angenommen) habe ich schon vor 10 Jahren als Butterfly an diesem Haus gehört und schätze diese Sängerin sehr.

Die Rätsel der Turandot sind nicht nur unterhaltsam, sondern regen mich auch dazu an, sie sprachlich umzugestalten – was würde sich hierfür mehr anbieten, als das HAIKU – eine traditionelle japanische Gedichtform. In der europäischen Umsetzung ist das Gedicht ein Dreizeiler bestehend aus drei Wortgruppen von 5 – 7 – 5 Lauteinheiten (Moren). Wesensmerkmals des Haiku sind Konkretheit, der Bezug zur Gegenwart und Natur (Jahreszeit), Gefühle werden selten benannt, sondern sollen sich aus dem Zusammenhang erschließen.

Rätsel Nr. 2

„Lodernd gleich einer Flamme,
und doch selbst keine Flamme,
manchmal rasend im Fieber,
und ungestüm verlangend!
In Ruhe sich verzehrend wie die Sehnsucht!
Wenn du zugrunde gehest, wird es kalt!
Wenn du den Sieg erträumst, glüht es auf!
Eine Stimme hat es, der du bebend lauschest,
und gleich der Son’ am Abend ist sein Glanz!“

Als Haiku:

Roter Lebenssaft

strömst ohne Quelle im Rund

herrschst so heiß und kalt

Rätsel Nr. 3:

„Eis, das sich entzündet
und durch dein Feuer noch mehr erstarret!
Klar ist’s und doch dunkel!
Wenn’s frei dich will,
so mehrt es deine Knechtschaft!
Wenn es zum Knecht dich nimmt,
so wirst du König!“

Als Haiku:

Fleisch wird Element

zerstört oder erhebt dich

Liebeswahl tut Not

Wer weiß die Lösungen?

Bindung und Befreiung – Butterfly fliegt?

Wie ihr merkt, ist es um die Überlebenschancen für Frauen in der (ital. und frz.) Oper des 19. Jahrhundert bis in die 1920er Jahre nicht gerade rosig bestellt. Die Oper war niemals nur pure Unterhaltung, sondern immer auch ein Gesellschaftsporträt, durchaus sozialkritisch und zuweilen politisch.

Die stärkste Frauenfigur aus dieser Zeit ist George Bizets „Carmen“ – die sich und ihre Liebe als „rebellischen Vogel“ beschreibt. Aber auch sie lässt sich zum Schluss von ihrem Ex-Liebhaber erdolchen – in der Weigerung, sich ihm zu unterwerfen – das galt zur Entstehungszeit (1875) als außergewöhnlicher Akt weiblicher Selbstbestimmung und Freiheit.

Auch bei Puccini gibt es einen weiblichen Zugvogel, die Schwalbe („La Rondine“): Eine freiheitsliebende Frau lässt sich von ihrem jüngeren Liebhaber nicht an Heim und Herd binden.

Ein Jahrhundert später hat dieser Opernstoff nichts an seiner Aktualität verloren – oder wie sieht es heute wirklich mit der Gleichberechtigung der Frau in Partnerschaft und Berufsleben aus? Ich merke schon, die Opern-Ornithologie bietet mir noch einigen Stoff für weitere Beiträge.

Wer jetzt (hoffentlich) Lust auf Oper bekommen hat – ich biete mich als Begleiterin an. Große Gefühle & Gedanken und ( Berliner ) Bühnenblut garantiert!

Gestern bei Turandot im Nationaltheater Mannheim

L – Liebeslabor

Willkommen in meinem Labor! Ich untersuche die Liebe und werde Lupe und Lackmus-Test durch Linguistik ersetzen (im Verhältnis 1:1).

Kommt mit auf meine Forschungsreise ins „Kreative Schreiben in der Ästhetischen Bildung“ (für dieses Studien-Modul ist Ende März mein Forschungsbericht fällig).

Ich gehe der Frage: „Warum suchen wir nach dem perfekten Partner?“ nach und werde mich hierzu in die Bereiche von Musik, Film, Literatur, Kunst, Wissenschaft und Alltagserfahrungen begeben.

Meine Eindrücke werde ich schreibend verarbeiten – wobei ich hierbei das volle Potential der Sprache ausschöpfen möchte, indem ich die Oulipotischen „contraintes“ auf meine Texte anwende.

Die Autoren der „Werkstatt für Potentielle Literatur“ OuLiPo (L‘ Ouvroir de Littérature Potentielle) haben sich formale oder inhaltliche Textbildungsregelungen (contraintes) auferlegt, um verborgene Potentiale der Sprache zu entdecken. Auch Literatur der Vergangenheit (Texte anderer Autoren) werden als ein Fundus und zum kombinationsfähiges Material für das eigene Schaffen angesehen.

Los geht’s mit meiner Liebesforschung. Im Alltag begegnet mir das Versprechen: „Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single über PARSHIP“ – es prangt mir Vielerorts von Plakatwänden entgegen. Im Internet rufe ich für meine Forschung die Seite von Parship auf, aber sofern ich deren Kassen nicht klingeln lasse, komme ich über die Startseite nicht hinaus.

Schnell werde ich jedoch bei Finya fündig, die sich „kostenloses Flirten“ auf ihre Fahnen geschrieben haben. Dort bringt ein toller Text (siehe Absatz mit Zwischenüberschrift: „Finden Sie heute noch Singles, die zu Ihnen passen“) die Versprechungen und Methoden der Partnersuche nach perfekter Passform auf den Punkt. Diesen Wörter-Fundus werde ich nun in meinem Liebeslabor untersuchen.

Meine Laborergebnisse kann ich sogar mit meinen praktischen Erfahrungswerten abgleichen – vor etwa 3 Jahren hatte ich mich bei Finya mal angemeldet und für einige Wochen den Feldversuch durchgeführt.

Als oulipotische Schreibregel wende ich „La contrainte du prisonnier“ – Die Einschränkung des Gefangenen auf diesen Text an.

Als Idee steckt dahinter: Ein Gefangener hat in seiner Zelle wenig Schreibplatz. Ziel: Möglichst viele Buchstaben auf wenig Raum unterbringen. Deshalb sind nur Wörter ohne Auf- und Abstrich erlaubt. D.h. wenn ihr euch die Buchstaben in einer Lineatur vorstellt, dann stehen nur die Buchstaben zur Verfügung, die in der mittleren Spur verlaufen.

Erlaubt sind: a, c, e, i, m, n, o, r, s, u, v, w, x – auch ä,ü,ö (bin mal großzügig, da ich auch den i-Punkt zulasse, Puristen schließen in dieser contrainte auch die Umlaute aus, ebenso wie Buchstaben mit Akzenten). Ausgeschlossen sind: b, d, f, g, h, j, k, l, p, q, t, y

Ich finde, diese contrainte spiegelt die Filtermethoden der Partnersuche gut wider. Hier das Ergebnis (alles klein geschrieben):

Aus den Wörtern, die meinen Suchanforderungen entsprechen, forme ich ein Gedicht (von der Form angelehnt an den „Schneeball“ von Harry Mathews ), das ich „Liebe in Lineatur“ nenne.

Na, hat sich der Traum erfüllt? Ich bin selbst erstaunt, wie gut dieses Gedicht mit seinen Wiederholungen und seiner Eintönigkeit die Begrenztheit der Partnerwahl im engen Raster abbildet. Zufälligerweise wird das Gedicht eingerahmt von „sie zu“, was in meinen Ohren auch ein bisschen wie „Sieh zu“ klingt – dieser Appellcharakter an Singles, schnell einen Partner finden zu müssen, damit man nicht als Zivilisationsversager dasteht, ist in der Werbung für Partnerbörsen sehr präsent.

Wenn ich mir den Lückentext oben so ansehe, lachen mich die vielen Stilblüten am Wegesrand an, die alles andere als blassrosa sind. Die kann ich nicht ungepflückt stehen zu lassen! Besonders gut gezüchtet finde ich: „Singles aus Ihrer Region“ – dann bitte bio und freilaufend.

Tatsächlich habe ich – in meiner kurzen Finya-Zeit – diese Profilbildbewertung nach Attraktivität als reinste Fleischbeschau empfunden. Am ersten Tag stürzen sich alle Börsennutzer auf das „Frischfleisch“ und mein Attraktivitätsfaktor liegt bei 8, irgendwas. Jedoch nach kurzer Zeit entscheiden sich die „User“ im Konkurrenz-Voting für die hochattraktiven Neuzugänge (und die „verbrannte Erde“, wenn man auf einige Zuschriften nicht geantwortet hat, tut ihr Übriges). Ich kann dabei zusehen, wie meine Attraktivität von Tag zu Tag sinkt – ungefähr proportional mit der Hoffnung, hier einen potentiellen Partner kennenzulernen.

Sprachlich nehme ich mir jetzt den „Wörterblumenstrauß“ der Aussortierten vor. Beim Gedicht nennen die Oulipoten diese contrainte „poème fondus“ – Geschmolzene Gedichte, d.h. man pickt aus einen Ausgangstext einige Wörter heraus und schreibt daraus einen neuen Text (Gedicht).

Mein Schmalz, äh Schmelz-Ergebnis (was mich „anzupft“, weil bizarr oder typisch): „Finden Singles passen – Profilliste der User filtern – ausschließlich Singles aus Ihrer Region – Filterkriterium – bevorzugen – von Angesicht zu Angesicht – besonders attraktiv – Voting-Feature – Punktzahl zwischen 0 und 10 – hinsichtlich ihrer Attraktivität einzugrenzen – kostenlos – gegenseitig ein wenig beschnuppern – auskundschaften – ganz natürlich – einfach zu bewerkstelligen – Traumprinz – Traumfrau – aufregender Flirt – Beginn einer innigen Freundschaft – Nähe“

Hieraus bilde ich ein Gedicht, wobei ich den Methoden der online Partnersuche treu bleibe: Sortieren (alphabetisch), kurz und effizient (keine Füllwörter), entweder/oder, top /flop, 0/1 (Computersprache). Das Ergebnis ist dieses Gedicht, das ich Lamellen-Liebe taufe.

Zur Überprüfung des linguistischen Ergebnisses wende ich nun den praktischen Liebes-Lackmus-Test an. Mein Resultat (in eigenen Worten aus eigener Erfahrung):

filtern statt flirten

bewerben statt werben

hemmungslos statt höflich

Geschäft statt Gefühl

Liebesindikator: 0

Mein Fazit zu Finya möchte ich noch in Form eines Anagramms ausdrücken:

„kostenlos flirten“ wird zu „Stil roste – flenn k.o.“

Inspiriert hierzu hat mich das Anagramm von Raphael Enthoven: „carpe diem“ wird zu „ça déprime“.

Zur nicht-chemischen Aufhellung der Stimmung empfehle ich: Let’s do it (Let’s fall in love)“ von Cole Porter (Songtext zum Nachlesen hier).

Durch diesen humorvollen musikalischen Liebes-Schwung fühle ich mich animiert zu einer neuen Textfassung. Wie wäre es mit einem Pastiche zu: „Alphabet“ von Inger Christensen (mit Fibonacci-Folge)?

Die Schreibregel  lautet also: A – 1 Zeile, B – 2 Zeilen, C – 3 Zeilen, D – 5 Zeilen, E – 8 Zeilen, F – 13 Zeilen usw.

Lass es uns tun – lass uns uns verlieben

Ameisen tun es, Amerikaner tun es, alle tun es

Bienen tun es mit botanischen Blüten

Bestien tun es mit blasierten Bildschönen

Chauvinisten tun es mit Cha Cha und Can-Can

Clanchefs tun es mit Colts und treffen Cherubin

Cäsar tat es mit Cleopatra und Cupido sah zu

Dandys tun es mit Divas und Dekorum

Drückeberger tun es doch oh Donnerwetter

Draufgänger tun es mit Dynamik und dual

Diebe tun es mit der Dunkelheit

Dionysos tat es mit Delirium

Earls tun es in Edinburgh mit Etikette

Elben tun es in Eriador mit Esoterik

Eintagsfliegen tun es eilig und mit Endlichkeit

Entertainer tun es mit dem Erfolg

Egomanen tun es mit dem Ebenbild

Einsiedlern ist es egal

Entdecker tun es mit der Eroberung

Eva tat es mit Adam und Eden war am Ende

Filous tun es wohl frivol in Frankreich

Fehlen noch 12 Zeilen mit F. Freunde, helft mir Verse finden – ich führe das Gedicht mit Freuden fort!

Fische tun es im Fliegen
Fantasie tut es flitternd und flimmernd mit fantasmorgiastischem Finale
Filmstars tun es fashion-like in Film und Fernsehen
Flamingos tun es im Flachen im fuchsiaroten Federkleid
Fachmänner- und Frauen tun es im Fachjargon
Fakire tun es mit Feingefühl
Fibonacci tat es folgsam

(Vielen Dank liebe Mo!)

Fazit meiner ersten Labor-Einheit: Im Gegensatz zum Dating-Filter finde ich den Sprach-Filter durch die contraintes äußerst bereichernd. Durch das Bohren auf der Buchstabenbaustelle lassen sich wirklich einige versteckte Potentiale der Sprache ans Licht bringen. Das macht Spaß!

Z – Zielzauber

Ich habe meinen 1. Roman zuende geschrieben! Ich muss zugeben, ich bin ziemlich stolz. Wie kann ich diese Schreibreise in Worte fasse? Vielleicht so:

Zunder imaginieren

Ideale emanzipieren

Einfälle lieben

Launen zuckern

Zensor akzeptieren

Angst überwinden

Unlust besiegen

Buchstaben einladen

Euphorie rühmen

Reise zelebrieren

In Zahlen:

Startschuss: 1. November 2017

Zieleinlauf: 3. März 2018

Wörter: 131.849 (im Umfang ähnlich wie mein großes Vorbild: „Die Unendliche Geschichte)

Kapitel: 59 + Prolog und Epilog  2018-03-03_Klangfarben_Inhaltsverzeichnis

Was dazwischen liegt, ist eine ganze Welt: Die Geschichte meines Romans „Klangfarben“ mit ihren Figuren, die ein Eigenleben entwickelt haben. Und meine eigene Geschichte als Schriftstellerin (darf ich mich jetzt so nennen?).

Was ich so schwungvoll und spielerisch im Rahmen des NaNoWriMo begonnen habe, habe ich in den folgenden 3 Monaten weiter geführt. Was für ein Wellenritt! Im Laufe des Dezembers hat sich erst die Schwere eingeschlichen, zum Jahreswechsel dann mächtige Angst.

Im Januar habe ich die Zügel locker gelassen. Was im Februar dazu geführt hat, dass mir das ganze Roman-Projekt irgendwie entglitten ist – ich habe nur 3 Tag in der Woche geschrieben und nach jeder Pause war der Wiedereinstieg ein Kaltstart (zusätzlich hat mich noch der Virus für 1 Woche lahm gelegt). Ich hatte das Gefühl, meine Schreibfähigkeit verloren zu haben und nur noch mühsam zu imitieren, wie ich zuvor geschrieben hatte. Meine Figuren sind mir fast gleichgültig geworden und meine Geschichte schien mir banal zu sein.

„Macht es einen Unterschied, ob ich das nun zuende schreibe, oder nicht?“, habe ich mich gefragt.

Andere Schreibprojekte, wie die spielerischen und kurzweiligen Texte für mein Studiums-Modul „Kreatives Schreiben in der Ästhetischen Bildung“ lockten mich viel mehr!

Ich habe die Musen um Hilfe angerufen. Diese eigenwilligen Wesen hören aber weder auf mich, noch auf ihren Göttervater Zeus. Höchste Zeit, das Zepter wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Mein digitales Tagebuch (facebook) erzählt davon:

Fr, 23. Februar 2018

„Jetzt aber los: Heute will ich mich zu einem Schreib-Sprint in 3 Intervallen motivieren. Nachdem ich gestern kein Wort an meinem Roman geschrieben habe, stattdessen Essigreiniger und Putzschwamm eine unwiderstehliche Anziehungskraft entwickelt haben (das Bad bedankt sich), heißt es heute Strenge walten lassen.

Die angerufenen Musen sind sehr eigensinnig und beglücken mich zwar mit unzähligen Einfällen für mein Forschungsprojekt in der Ästhetischen Bildung – sie haben mich die halbe Nacht (bis 5 Uhr früh) wach gehalten mit ihrem Gesäusel. Aber meinem Roman zeigen sie die kalte Schulter.

Auf die Plätze, fertig, looooos mit der ersten Etappe. Um 14 Uhr belohne ich mich dann mit einem leckeren Mittagessen.“

Der gute Geist von Jane Austen ist mit von der Partie.

Nicht nur mich selbst, sondern auch andere Hürden musste ich überwinden:

Mi, 28. Februar 2018

„Das wird heute nichts mehr mit meinem Roman-Finish! Das Universum hat sich gegen mich verschworen: Zum einen fehlen dem Februar eindeutig 3 Tage. Zum anderen ist heute die Computer-Technik zur Meuterei übergegangen. Das „“ hat sich endgültig verdrückt. Heute morgen habe ich 1 Stunde an einer Szene geschrieben und die Hälfte der Zeit damit vergeudet, die fehlenden „a“’ss nachzutragen – echte Handarbeit per Copy+Paste und mit Wortvervollständigung (warum kennt das Schreibprogramm weder „Krnkenhus“ noch „Strßenrnd“???).

Zu High Noon habe ich mich dann entschlossen, meinen dicken Dinosaurier Laptop (Jahrgang 2007) aus dem hintersten Winkel meines Schrank zu holen und zu reaktivieren. Update von Windows XP, Installation von Antivirusprogramm und OpenOffice erforderlich – es gab heftige Gegenwehr vom Dino, der Kampf zog sich über 6 Stunden hin. Immerhin habe ich gewonnen.

Raubüberfall auf mein goldenes Nervendepot. Hier das Lineup der Gangsterbande: (v.l.n.r.) „Little Slow Joe“, „Al A. Away“ und „Dinosaur Dude“.

Dabei habe ich von AAAAhhhh!!!! (Wutgeheul) bis OOOMMMM (Sitzmeditation) alles durchgemacht, was die Emotionspalette so bietet.

Jetzt bin ich bereit, auf dem Dinosaurier noch mein restliches heutiges Schreibpensum von 1 ½ Stunden zu erfüllen.

Ach ja, dem Februar erstatte ich seine verlorenen Tage zurück und werde nun als Schreib-Finish den 3. März anstreben (am Samstag hat der Copy-Shop für den Ausdruck noch offen).

Zwischendurch hat mich heute „Floyd“ sehr amüsant aufgemuntert – ich habe das Computerspiel von 1997 in meiner Recherche für meine Figur Philipp entdeckt: Der Anti-Held Floyd in einer Orwell’schen Überwachungs-Galaxie sagt so tolle Sachen wie: „Unwissenheit ist keine Entschuldigung für Verrat“ und „Das ist ein echtes Dilemma“. In diesem Sinne wünsche ich: „Gute Nacht, Bürger und schönen Orbit“!

PS: Little Slow Joe fährt immer noch hoch…“

Diese Motivationskarten haben mich die ganze letzte Woche begleitet – indem ich mir feste Zeitfenster zum Schreiben gesetzt habe, konnte ich den Fokus und die Last vom Inhalt weg nehmen (diesen Frustfaktor, wenn ich eine Szene inhaltlich nicht abschließen konnte). Ich bin durch das Vielschreiben in einen regelrechten Schreibrausch gekommen.

In 3 Schreibeinheiten (von jeweils 1 Stunde, manchmal länger) pro Tag habe ich an 8 Tagen 18.255 Wörter geschrieben (durchschnittlich 2.280 Wörter pro Tag). Aber vor allem inhaltlich hat mich meine Geschichte wieder gepackt und ich hatte Freude am Erzählen und an meinen Figuren.

Nebenwirkung dieser großen Euphorie war, dass ich zuletzt nachts kaum mehr als 3 Stunden schlafen konnte – die Rädchen in meinem Kopf haben sich im Hypermodus gedreht.

Am gestrigen Samstag habe ich meine letzten Kräfte für den Epilog mobilisiert und bin beim Schreiben richtig gefühlig geworden (Kitschalarm!). Um 18:43 Uhr habe ich das Wort „Ende“ geschrieben und mir ein Rührungstränchen aus dem Augenwinkel gewischt.

Hier also druckwarm (Sonntagsausflug zum Copyshop) mein Werk – mit allen Imperfektionen.

Ich sage: „Danke Dinosaur Dude, dass du auf deine alten Tage die letzten 4 Etappen so wacker mit mir gespurtete bist“. Er brummt dazu und richtet sich häuslich auf meinem Schreibtisch ein. Al A. Away jmmert schmllippig vom Schrnk, dss er doch viel schlnker und schneller sei.

Vielen Dank an euch, meine lieben treuen Blogleser*innen, dass ihr mich in den letzten 4 Monaten bei meinem Schreibabenteuer begleitet habt. Mit euren wertschätzenden Kommentaren und persönlichen Rückmeldungen habt ihr mich sehr motiviert und unterstützt!

Jetzt feiere ich ein paar Tage lang das süße Nichtstun – Jane Austen prostet mir über den Tassenrand zu – freue mich daran, dass ich meine Geschichte zum Finale geführt habe und schwebe mit meinen Figuren im 7. Happy-End-Himmel.

Hier nun eine Leseprobe:

Philipp hatte ich zu Beginn nur als Nebencharakter vorgesehen (Gegenspieler für meine Protagonistin Elise). Hierzu sagt Clemens J. Setz in „Bot. Gespräch ohne Autor“:

„…Nebenfiguren sind das Traurigste, was man sich vorstellen kann. … Sie kommen im Zustand der Entbehrlichkeit zur Welt…“

Dazu kann ich nur sagen: Philipp hat seinem Schicksal eine Schnippe geschlagen hat. Ganz heimlich hat er sich nämlich zur unentbehrlichen 3. Hauptfigur gemausert. Über Philipp zu schreiben, hat mir fast am meisten Spaß gemacht, weil er so voller liebenswerter Schwächen ist.

Jetzt aber zur Szene: Wir befinden uns in einer Shopping Mall im Jahr 1997, Philipp ist 18 Jahre alt und macht dort ein Praktikum (die Vorgängerszene findet ihr hier):

Kapitel 52: Philipp – Im Namen der Rose (ohne Rose)

Philipp drängte sich in der Drehtür zur Shopping Mall an zwei Frauen mit dicken Handtaschen vorbei. Scheiße, er war heute schon wieder zu spät. Schuld war immer noch sein Wecker. Beim Rasieren mit den Wegwerfklingen hatte er sich in den Hals geschnitten und jetzt klebte dort ein Pflaster mit Donald Duck und seinem Entengrinsen. Aber besser, als blutige Schlieren auf seinen weißen Hemdkragen zu bekommen. Er war immer noch der coolste Man in Black in seinem Revier. Sein schwarzer Schlips mit Klettverschluss baumelte im Takt hin und her, als er zwei Stufen gleichzeitig nehmend in den Keller runter rannte. An den Knien war seine Anzughose schon ein bisschen ausgebeult zum Bügeln war er am Wochenende nicht gekommen. Die Disco-Nacht vom Samstag gärte noch wie selbst gebrautes Bier in seinem Magen. Er hatte Ramona gesehen. Beim Tanzen eng umschlungen mit dem Sonnenbankschönling aus dem Decathlon auf Ebenen 2. Das kriegt auf der Abgefucktheits-Skala ’ne 9,0! Aus „Man in Black“ gab es wirklich für jede Lebenslage ein passendes Zitat. Aber für ein Lächeln reichte es heute nicht.

Philipp wurschtelte die Chipkarte aus seiner Hosentasche und hielt sie vor den Scanner an der Personaltür. Nichts passierte. Er presste die Plastikkarte mit Nachdruck gegen die Glasscheibe mit dem roten Blinklicht dahinter. Endlich piepte es und die Tür machte mechanisch Klick, sein rechten Fuß schnellte mit einem Tritt vor und stieß die Feuerschutztür auf. Autsch. Sein Fuß tat weh. Hinkend eilte er in die Umkleidekammer und holt seine Anzugjacke aus dem Spind. Er schwitzte schon wieder und das Hemd klebte auf seinem Rücken.

Krieger“, hallte die krächzende Stimme vom Hai-Mann durch den Flur, gefolgt von einem apokalyptischen Niesen. Der Chef hatte seit einer Woche die Grippe und seine Laune neue Tiefpunkte erreicht.

Philipp ging mit quietschenden Lackschuhsohlen in die Kommandozentrale. In seinem Aquarium schwamm der Haifisch im Rollsessel und stierte durch die quadratischen Bullaugen der Monitore in die schwarz-weiße Einkaufswelt dort oben. Seine Glatze glänzte, seine riesige Nase war ganz rot vom vielen Schneuzen und in der Hand wedelte anstelle einer Flosse ein feucht-gelbes Taschentuch, das Philipp lieber nicht genauer betrachtete.

Versager vortreten“, sagte Habermann, zeigte seine kleinen Spitzzähne und hielt ihm das Funkgerät hin. Philipp machte widerwillig einen Schritt auf den Chef zu und griff nach dem schwarzen Plastikteil, auf dem fettige Fingerabdrücke vom Hai-Mann schimmerten. Dieser hatte seine Ärmel hochgekrempelt und die üblichen zwei Nikotinpflaster klebten auf der Innenseite seiner haarlosen Fischarme. Auf dem Tisch reihten sich Fläschchen mit rosa Hustensaft, Nasenspray und Red Bull wie tapfere Soldaten für eine aussichtslose Schlacht auf.

Acht Uhr Siebzehn – wenn das mal kein Rekord ist. Hattest heute wohl eine Rakete im Hintern, was?“. Die wässrigen Augen vom Chef liefen hämisch über. Philipp öffnete und schloss seinen Mund.

Deine Bullshit-Ausreden will ich gar nicht hören. Raus ins Untergeschoss, aber ASAP“, kommandierte der Hai-Mann und nieste ihm eine feuchte Brise ins Gesicht. Philipp nickte knapp und marschierte los.

Er hatte sich mit dem Untergeschoss inzwischen angefreundet. Aus dem Pfennigland begrüßten 1001-Nacht-Gewürze scharf seine Nase und vor der Tür lagen in einem Metallgitterkasten haufenweise Sets von Plastiktennisschlägern inklusive zwei gelben Schaumstoffbällen. Ha, das könnte er dem Liebling von Ramona mal vorbeibringen – der Typ war Ex-Tennisspieler, aber riesigen Erfolg kann er nicht gehabt haben, sonst wäre er jetzt kein Sportartikelverkäufer. Was hatte der Kerl, was er nicht hatte? Aus den Flurboxen jammerten der blinde Italiener und die Musical-Tante „Time to say goodbye“. Er hätte nicht gedacht, dass Henry Maske mal in die Waschlappen-Fraktion wechseln würde. Will Smith und Tommy Lee Jones hatten zwar auch mit Schleim zu kämpfen, aber den pusteten sie einfach mit ihren Megaknarren weg.

Im Reisebüro winkte ein Kapitän von einem weißen Traumschiff und vor dem Kiosk verkündete das Lottoschild die Gewinnsumme für den kommenden Mittwoch: 1,3 Million DM. Ganz schön läppsch, würde sein Vater sagen. Gestern Abend hatte er einen seiner seltenen Anrufe bekommen. Sein Vater fand alles läppsch, was Philipp machte. Er bog nun in die Kurve am Ende der Mall ein und kam an den Stehtischen der Bäckerei vor dem Supermarkt vorbei. Der Duft von Kaffee stieg ihm in die Nase und die Krapfen im Zuckermantel hinter der Glastheke ließen seinen Magen laut rumoren. Schade, dass Franzen und Poloczek hier nicht standen, dann hätte er sich dazu gesellen können. Sein Blick wanderte zum Kameraauge in der Ecke unter der Decke. Der Hai wartete sicher nur darauf, ihn endlich für den tödlichen Biss zwischen seinen Sitzzähnchen zu bekommen. Seufzend schlurfte Philipp weiter.

Er warf im Vorübergehen einen Blick in das spiegelnde Schaufenster vom Reformhaus. Zwischen Hausschuhen aus grauer Schafwolle stach sein dunkler Anzug hervor, sein blasses rundes Gesicht schwebte konturlos darüber wie ein Luftballon. Heute war definitiv ein Tag für seine Sonnenbrille. Er zog die Wunderwaffe aus der Jacketttasche und setzte sie sich auf die Nase. Yes, Man in Black is back!

Erscheinen Sie, sonst weinen Sie!“, knurrte er seinem Spiegelbild entgegen und lächelte zufrieden. Mit dem breiten Gang eines Siegertypen setzte er seinen Rundweg fort.

Endlich kam er auf Ebene 1. Die letzten Stufen auf der Rolltreppe stieg er kraftvoll nach oben. Der Duft vom Parfüm lag in der Luft. Hinter der Glasscheibe standen die gläsernen Flaschen auf kleinen Podesten unter Halogenstrahlern wie kleine Stars. Manche Flakons waren wie die Frauenkörper geformt, die mit ihrem Namen für das Parfüm warben. Jede Frau, die sich mit dem Duft besprühte, sollte sich genauso sexy fühlen, wie eine berühmte Schauspielerin oder ein Supermodel. „Selbstwertgefühl auf Spraystoß“, sagte die weise Oma von Torsten.

Philipp spürte, wie sein Hals warm wurde. Davon juckte der Rasierschnitt in seiner Haut. Er riss sich das Donald-Duck-Plaster ab und knüllte es in seine Hosentasche. Er hatte bestimmt wieder rote Apfelwangen (O-Ton Mama). Gut, dass er seine Sonnenbrille auf hatte, das war männlich. Als er durch die Metallschranken des Eingangs ging, piepte es laut drei Mal und Philipp zuckte zusammen. Scheiß Auftritt. Alle Köpfe im Laden drehten sich nach ihm um. Auch Ramona guckte zu ihm und ihre langen schwarzen Haare schlugen Wellen, dass er fast seekrank wurde. Ihre roten Lippen zogen sich in ein breites Lächeln und die Zähne blitzten wie Perlen. Sie kam hinter der Glastheke hervor und ging mit ihren runden Hüften auf ihn zu. Philipp schob seine Sonnenbrille hoch in die Haare, damit er sie in voller Farbe sehen konnte. Durch das enge blass-lila Top sah er ihre Möpse hüpfen. Philipp grinste entschuldigend und breitete seine Hände aus.

Du kannst mich durchsuchen, ich habe nichts geklaut“, sagte er.

Na, wenn das mal kein guter Spruch war. Und der stammte noch nicht mal aus „MIB“. Ramona flatterte mit ihren langen schwarzen Wimpern (angeklebt, wie Silva behauptete) und legte ihre Hände auf die Hüften wie eine strenge, aber total heiße Lehrerin.

Ist das da ein Parfümflakon in deiner Tasche, oder bist du nur froh mich zu sehen“, fragte Ramona mit Schokoladenstimme.

Philipp dachte an das zusammen geklebte Pflaster in seiner Hosentasche und wurde noch röter. Aber sie meinte sowieso was anderes. Jetzt brach ihm Schweiß auf der Stirn aus.

Fräulein, ich suche ein Parfüm mit Rosenduft. Wenn Sie Ihr Privatgespräch kurz unterbrechen könnten, um mich zu bedienen“, sagte eine Frau mit brüchiger Stimme dazwischen. Da hatte er endlich eine geile Connection mit Ramona am laufen und dann kam so eine blöde Tante dazwischen.

Ramona wendete sich der Kundin zu. Die Frau hatte ein schmales Gesicht wie eine Ziege mit einer sitzen Nase, einigen Falten um den Mund mit rosa Lippenstift, der in den Mundwinkeln bröckelte. Ihre Haare waren blond gefärbt und wie ein Turban nach oben gewunden, wobei die fasrigen Haarsträhnen mit tonnenweise Haarspray zusammen geklebt waren. Da könnten Vögeln drinnen nisten. Die Rosen-Oma trug ein beiges Kostüm mit Rock bis zu den Knien (ihre Beine sahen noch nicht so alt aus) und einem Jäckchen mit flachen Trachtenknöpfen so groß wie Fünf-Mark-Münzen. Über ihrem linken Arm hing eine eckige braune Lederhandtasche mit goldenem Schnappverschluss, der von zwei dicken goldenen Knubbeln, die sich umarmten, zusammen gehalten wurde. Die Handtasche sah wie ein überdimensionales Portemonnaie aus. Ihre kleinen blauen Äuglein blinkten unter blauer Wimperntusche hervor. Sie musterte Philipp von Kopf bis Fuß und zog ihre Mundwinkel nach unten. Ramona lächelte die Meckerziege profimäßig an.

Selbstverständlich. Wir haben da eine ganz liebliche Duftnote von Schanell“, sagte Ramona und führte die Frau zum Regal gegenüber.

Philipp rückte seine Sonnenbrille zurecht und patrouillierte langsam zwischen den Regalen im Mittelgang der Parfümerie entlang. Er war schließlich für die Sicherheit verantwortlich und kraft seiner Aufgabe hier. Er streckte sein Kinn vor und seine Schritte wurden breiter.

Die Meckerziege ließ sich von Ramona verschiedene Parfüms auf ihre dürren Handgelenke sprühen. Dann hielt sie ihre spitze Nase daran und schüttelte jedes Mal ihren Kopf.

Wie Lady Di, die Rose von England“, schnappte er von der Frau auf. Immer noch Lady Di dies, Lady Di das. Frauen waren komisch. Seine Mutter seufzte immer noch schwer, wenn im Fernsehn irgendwas über die Prinzessin der Herzen gelabert wurde.

Er senkte die Sonnenbrille wie ein Visier über seine Augen, die Ramona aus dem Schatten heraus unsichtbar verfolgten. Sie bewegte ihren Mund in freundlichen Erklärungen, fuhr mit ihrer kleinen rosa Zungenspitze über ihre roten Lippen und ihm sogar einen heimlichen Blick zu. Wie Verschwörer mit einem Geheimnis.

Gerade machte Philipp in seiner fünften Streife im Mittelgang zackig kehrt, als er den Tennis-Champ von Hinter-Unter-Wiesendorf zur Tür herein marschieren sah. Der Typ tat gerade so, als würde ihm der Laden gehören. Verpiss dich zurück in dein Decathlon! Der Sonnenbankschönling mit den braunen Locken trug ein weißes Tennisshirt mit kurzen Ärmeln (wir haben Oktober, ey!), damit man seine Angeber-Muskelarme bestaunen konnte. Um seine Handgelenke trug er weiße Schweißbänder wie andere Leute Goldkettchen. Im Schaufenster vom Sportladen auf Ebene 2 hatte Philipp die Tennisoutfits an den Männerpuppen im Vorbeigehen oft angeguckt – alles aus der Pete Sampras-Kollektion. Laut Werbeschild der aktuelle Wimbledon-Sieger. Sein Vater hatte früher immer zu Boris Becker gehalten. Tennis ging Philipp echt am Arsch vorbei.

Ramona schüttelte ihre Haare und zwinkerte Schweißbandtypen aufreizend zu. Der schlenderte zum Regal mit den Herrendüften und tat so, als würde er sich für das Zeug interessieren. Er griff nach der Adidas-Flasche im herben Dunkelbau mit schwarzem Deckel. Als ob das männlich wäre. Ramona ließ ihre Kundin stehen und stöckelte zum Tennis-Löckchen.

Philipp straffte seine Schultern und dachte an Tommy Lee Jones. Er hoffte, seine Miene war jetzt genau so grimmig. No bullshit. Er war Profi. Er rückte sein Funkgerät zurecht, das wie ein Colt an seinem Gürtel baumelte. Er legte seine rechte Hand darauf, bereit, jederzeit zu ziehen.

Jetzt fiel sein Blick auf die Lady Di-Verehrerin, die in einer Parfüm-Wolke stand – jedenfalls sah er sie leicht verschwommen – und abwechselnd an ihren beiden Handgelenken und an einigen besprühten Papierstreifen schnüffelte. Das goldene Maul ihrer braunen Handtasche stand offen. Einige helle Papiertücher ragten heraus und verdeckten den Blick ins Innere. Nun drehte sie ihm den Rücken zu. Er konnte die Handtasche nicht mehr sehen. In schneller Folge nahm sie mit ihren knochigen Fingern Parfüm-Flakons aus dem Glasregal, führte sie an ihre Nase und stellte sie wieder zurück, ohne gesprüht zu haben. So bewegte sie sich zügig am Regal entlang, weg von Ramona. Die achtete gar nicht darauf und flirtete schamlos mit dem Tennis-Typen.

Jetzt hatte die Stunde geschlagen, in der Philipp beweisen konnte, aus welchem Holz er geschnitzt war. Ein richtiger Detektiv brauchte nicht die Tat zu sehen, sondern alleine die Spuren und seine Fähigkeit, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, führten ihn zum Täter. Das hatte er oft genug in Filmen gesehen. Er hielt die Luft an und pirschte sich von hinten an die Verdächtige heran. Dann sprang er mit zwei Panther-Schritten hinter sie, packte sie an ihren dürren Schultern und drehte sie zackig zu sich herum. Die eckige Handtasche, die am kurzen Trageriemen über ihrem linken Unterarm hing, stieß scharf in seinen weichen Bauch. Philipp riss der Frau die Handtasche vom Arm, zog die Taschentücher heraus, die wie Minifallschirme zu Boden segelten und durchwühlte die Tasche. Ein Reclam-Büchlein kam ihm zwischen die Finger, Deutschunterricht-Flashback. Er ließ das Buch fallen, als hätte es seine Hände verbrannt. Ha, da hatte er es! Triumphierend zog Philipp ein braunes Parfümfläschchen mit lila Blumenaufkleber heraus.

Was erlauben Sie sich?“, rief die Diebin schrill.

Ramona kam angerannt.

Was machst du denn da?“, fragte Ramona fast genauso schrill. Sie hatte ihre schmal gezupften Augenbrauen zusammen gezogen und ihr rosiger Mund stand empört offen. Sie entwand ihm die Handtasche und gab sie der Frau zurück.

Entschuldigen Sie bitte“, nuschelte Ramona unterwürfig.

Sie hat gestohlen“, sagte Philipp laut und plötzlich hallte seine Stimme unangenehm in seinem Kopf wieder und er hatte das Gefühl, die restliche Welt wäre auf „Stumm“ geschaltet. Aus dem Augenwinkel sah er zwei dicke Damen beim Sonderpostenkorb stehen und miteinander tuscheln, dabei fixierten sie ihn mit missbilligend kniependen Augen.

Hier, das Parfüm hat die Frau in ihre Handtasche gesteckt. Ich habe es genau gesehen“, fügte Philipp atemlos hinzu und schob die Sonnenbrille mit wackligen Fingern wieder hoch in seine Haare, weil ihn ihr dunkler Schleier plötzlich unsicher machte. Okay, gesehen hatte er es nicht. Aber der Beweis war da. Er streckte das braune Glasfläschchen mit dem runden Plastikschraubdeckel wie einen Pokal unter Ramonas Nase.

Das ist mein Brunellus Lavendelöl“, keifte die alte Ziege.

So eine Unverschämtheit! Das ist mir ja noch nie passiert!“, meckerte die Frau weiter und jetzt tastete sie ihre Schultern ab.

Ich habe Schmerzen. Ich verklage Sie!“, dabei blickte die Rosenrächerin in die Runde und schloss alle Schuldigen im Parfümladen in ihre Drohung mit ein.

Philipps Blick kreuzte sich mit dem vom Tennis-Angeber, der wie ein Beschützer neben Ramona stand und den Kopf milde schüttelte, so als würde ihm Philipps Dummheit leid tun. Ramona schaute mit ihren falschen Wimpern stur an ihm vorbei.

Der Tumult ging noch weiter. Die Rosenduft-Ziege tat so, als würde sie ohnmächtig werden, ein Stuhl wurde herbei geholt, ihr wurde ein Wasserglas gebracht – Ramona und ihre Kollegin benahmen sich wie eifrige Stewardessen – sie betupften ihre Schläfen mit dem Lavendelöl aus der braunen Unglücksflasche. Das stank wie im alten Bauernschrank seiner Mutter, wo ihr Hochzeitskleid in einem Mantel mit Mottenkugeln hing und gelb wurde.

Sein Funkgerät knisterte und rauschte, aber Philipp ging nicht dran. Plötzlich stieß die Hai-Visage vom Chef neben ihm durch den Dunst. Mit seiner glänzenden Glatze und triefenden Nase sah er echt so aus, als wäre er hierher geschwommen. Als erstes riss er Philipp das Funkgerät vom Gürtel. Seine Spitzzähne klappten dabei auf und zu.

Dann war auch der Manager-Anzugträger mit seiner goldenen Krawattennadel da. Philipp hatte ihn nur einmal bei seinem Vorstellungsgespräch gesehen. Sein Foto prangte ganz oben in der Bilder-Pyramide der Abteilungsleiter vom Einkaufszentrum.

Immer noch hing eine schwere Wolke von Parfüm in der Luft, das die Nicht-Diebin vorhin aus Dutzenden Flaschen versprüht hatte. Philipp wurde schlecht davon und er merkte, wie sein Oberhemd ihm feucht am Rücken klebte. Er guckte hauptsächlich auf den Boden. Ramona trat mit ihren rosa-roten Pumps auf das gelbe Reclam-Buch, was immer noch auf den grellen Fliesen lag. Philipp entzifferte den Titel: „Voltaire: Zadig oder Das Schicksal“.

Der Tennis-Champ bückte sich nach dem Buch und überreichte es der aufgelösten Besitzerin mit einem Siegerlächeln.

Sie haben wenigstens Manieren“, lobte die ihn die Versehrte und tätschelte mit ihren knorrigen Fingern die weißen Schweißbänder vom Schönling. Nachher würde er ihr bestimmt noch einen Tennisschläger verkaufen.

Herr Krawattennadel kniete vor der jammernden Kundin, die immer noch in den Stuhl gesunken saß und über ihre Schultern strich.

Ich bitte Sie im Namen unseres Managements um Entschuldigung. Die Sicherheitsabteilung ist krankheitsbedingt schwach besetzt und der Mitarbeiter ist nur ein Praktikant auf Probe. Wir bedauern diesen Zwischenfall zutiefst, Frau Oberstudienrätin“, sabberte der Typ. Wahrscheinlich war er früher mal ihr Musterschüler gewesen. Im diesem beschissenen Frankenkaff kannten sich alle.

Ich kann Ihnen nur empfehlen, künftig keine Primaten mehr als Praktikanten einzustellen“, sagte die Oberlehrerin mit spitzem Ziegen-Mund, in deren herunter gezogenen Winkeln sich ihr rosa Lippenstift krümelte. Sie tat nur so schwach, damit der Shopping-Mall-Manager mit einem fetten Einkaufsgutschein heraus rückte, was er dann auch tat.

Habermann nieste mehrfach wie ein Orka dazwischen und versprühte Viren-Gischt. Er brabbelte Entschuldigungen und sein mehliger Bauch guckte dabei unappetitlich zwischen zwei überspannten Knöpfen über dem Gürtel hervor.

Endlich durfte Philipp die Szenerie verlassen. Er trottete neben dem Hai hinunter in den Keller. Unten riss Habermann im schwammigen Licht der schwarz-weiß Monitore die oberste Schublade vom grauen Rollcontainer auf, holte ein bedrucktes Blatt Papier heraus und kritzelte nur noch Datum und Unterschrift mit einem Kuli aus dem 100er-Pack vom Pfennigland darunter. Dann hielt sein Ex-Chef ihm das Schreiben mit dem Titel „Kündigung“ mit lang ausgestrecktem, haarlosen Nikotin-Pflaster-Arm hin.

Philipp holte seine Cola-Flasche aus dem Spind und hängte sein MIB-Jackett zum letzten Mal auf den Drahtbügel und riss sich den angekletteten schwarzen Schlips vom Hals.

Das ist der letzte Anzug, den Sie jemals tragen werden“, murmelte Philipp auf der Rolltreppe nach oben.

PS: Mein Schreibabenteuer geht im April weiter, wenn ich zur Überarbeitung einläute und meinen Text (nach einem ersten „clean-up“) auch gewillten Testleserinnen anvertrauen werde.

M – Musen Manko

Prolog am Mittwoch: Das W von letzter Woche wirft seinen Schatten als M vor mich hin. Eigentlich wollte ich heute an meinem Roman weiter schreiben. Ich hänge durch. Die Musen haben mich verlassen. Meine letzten Zeilen habe ich am Valentinstag geschrieben – 826 Wörter und mitten in der Szene abgebrochen.

Was ist nur passiert? Mein Roman scheint mir zu entgleiten, die Figuren und ihre Geschichte kommen mir bedeutungslos vor. Macht es einen Unterschied, ob ich die Geschichte zu ende führe oder nicht? Lähmende Gedanken.

Doch! Ich will das Finale schreiben – es fehlt auch nicht mehr viel. Ich brauche ein neues Ziel: Bevor der März anbricht, also bis zum nächsten Mittwoch,  den 28. Februar 2018, will ich mein Werk vervollständigen (den 1. Entwurf).

Heute morgen rette ich mich erst mal in diesen Blogbeitrag – sobald ich über Musen dichten will, überhäufen sie mich mit ihren Küssen.

Auch meine Buchstaben-Spezialgäste A (allzeit abtauchbereit), V (vage virulent) und W (wohl-ig wundervoll) haben sich eingefunden und wir stimmen gemeinsam als (sparsamer) Griechischer Chor in die Parodos ein:

(Die Leserichtung des Gedichts läuft wie gewohnt von links nach rechts, Zeile für Zeile von oben nach unten. Die Lücken zwischen den Buchstaben symbolisieren auch die Abwesenheit der Musen.)

ANRUFUNG VERLORENER WÖRTER AN MUSEN

ANRUFUNG VERLORENER WÖRTER AN MUSEN

ANRUFUNG VERLORENER WÖRTER AN MUSEN

Exodos am Mittwoch:

Für die Freunde der Sprachspiele in der Ästhetischen Bildung hier die „contraintes“ (habe ich mir selbst zusammen gereimt) für dieses Gedicht:

– in jeder Zeile müssen Wörter mit „M“ vorkommen, die gemeinsam die Form des M annehmen,

– in der ersten Zeile: 2 M-Wörter (für die Spitzen),

– in den folgenden Zeilen: jeweils 4 M-Wörter (auch mehrere M’s im selben Wort erlaubt, besonders wichtig in den Spitzen, da sie eng zusammen stehen müssen) und

– in der letzten Zeile: 3 M-Wörter (für die Standbeine).

Ob die Musen wohl unsere Anrufungen erhören und mich in den nächsten Tagen durch mein Roman-Finale tragen?

W – WOLLTE WUNDER WAGEN

Heute ist Valentinstag. V hat mich endlich verlassen. Nun ist Platz an meinem Hals für einen Nachfolger. Willkommen Double-V. Wieso, weshalb, warum?

Vielleicht – wohl wahrscheinlich – weil ich gerade viele Wörter zur „Ästhetischen Bildung“ für mein nächstes Studienseminar lese und mich Wortspiele wahnsinnig in Versuchungen verstricken. Eine ästhetische Erfahrung ist eine sinnliche und leibliche Wahrnehmung. Warum also nicht beim Dichten – besonders wenn es um das Leben und die Liebe geht – auch Klänge, Formen und Farben einbeziehen?

W-Worte wandern wunderlich durch meine Gedanken und haben mich zu dieser Valentins-Widmung inspiriert. Beim Lesen dürft ihr gerne wahlweise die Wege variieren.

Ein W(ende)-Gedicht an die Liebe:

Wer es ein bisschen rosiger mag:

Neue Sachlichkeit

Wer hat nun auch Lust auf ein formschönes Gedicht? Vielleicht gibt es ja einen Buchstaben, der dein Herz erobert hat. Ich freue mich auf eure wagemutigen Werke!

V für Verführer

V für Verführer

Dein Ruf eilt dir voraus

ein Chor von Hustern

gibt dir festliches Geleit

doch mich hast du verschmäht

in dunklen Winterstunden

blieb mein Hals unumwunden

 

Bist doch der Don Giovanni

unter buhlenden Erregern

erobert hast du nun auch mich

tyrannisch ist dein Angesicht

verschlägst mir glatt die Sprache

gefesselt in geheizten Laken

 

Vergeht mir bald das Schlucken

mag auf deine Liebe spucken

den Abschied sehne ich herbei

dein gehauchter Winterkuss

bringt mir gar viel Verdruss

Oh, du mein heiser Virus

VERMISST

Vermisst (kurz für: „so ein Mist“?)

Mein Notebook ist seit heute morgen ohne „ “. Verloren over night. Jetzt denkt ihr vielleicht: nicht so schlimm, mit „e,i,o,u“ ist immer noch genug Wörterfülle möglich. Dies ist keine Not. Vielleicht schon Tugend.

Ich ber ntworte euch: lle Buchstben des lphbets bruche ich, knn nicht lssen von Voklen!

Wohin bist du nur usgebüchst? uf der Tsttur finde ich nur noch deine Fssde, dhinter ghnt der bgrund. Prgmtiker könnten mir sgen: usweichen knn ich uf copy+pste. ber ich will keine Kopie us der Konserve. Mich verlngt es nch dem Originl!

Oder soll ich die Herusforderung nnehmen?

In der Bücherwelt gibt es Wortkünstler, die zum linguistisches und stilistisches Experiment ein komplettes Buch ohne ein einziges „e“ schrieben. So zum Beispiel Georges Perec in:

„nton Voyls Fortgng“ (frz. „L Disprtion“, ds Verschwinden, 1969).

Wieso sollte Perec nicht mein Vorbild werden? Ich ziehe zur Seine und werde Oulipo-tin!

In meiner Schriftstellerei könnte ich den Schluss meiner Geschichte ebenso ohne „ “ schreiben. Elise und Philipp kommen ohne diesen Letter hin. Nur der Junge müsste seine Gitrre hergeben.

In förmlicher Korrespondenz könnte ich die Gender-Diskussion befeuern:

„Sehr geehrte Herrinnen und Herren“

Ist dies Fortschritt oder Rückschritt in Dingen der Gleichberechtigung?

„Mit freundlichen Grüßen“ komme ich nicht in die Bredouille.

Wenn es um die Liebe geht, könnte ich noch ein „oh“ für ein „ h“ vorgeben.

Sgt mir doch und gebt mir Rt: Soll ich ein utoren-Leben ohne „ “ wgen oder kpitulieren und die Tsttur meines Notebooks reprieren lssen?

Heimlich erhoffe ich die wunderliche Wiederkehr meines kleinen Weltenbummlers.

Suche ebenso in der non-virtuellen Welt

Ich widme dem flüchtigen „ “ dieses Gedicht:

ufrichtiger ppell

Sh dich gestern bend noch

wrst d wie lle Tge

dnn km die Ncht

usgegngen ohne bschied

uf Wnderschft ohne Gepck

m Tge wrd mir bnge

hst gr eine uswrtige ffre

mit einem nderen Lptop

du bist donis und phrodite

unter den Voklen

dein Mngel ist gr rg

Truertg im Jnur

lusche uf mein nliegen

kmst du doch nch Huse

uf Hnden trg ich dich fortn

Treu besten Wissens und Gewissens von Erinnerung gezeichnet

100.000 Wörter und ein episches Finale in Sichtweite

Gestern Nacht habe ich in meinem Roman das Hunderttausendste Wort geschrieben! Ein guter Grund für mich, kurz inne zu halten und stolz zu sein auf die reiche Welt und Figuren, die ich seit dem 1. November 2017 erschaffen habe. Klar ist mir auch, dass eine Zahl nichts über Qualität aussagt, aber den miesepetrigen Zweifler schicke ich mal vor die Tür.

Von meiner Krise in der ersten Januarwoche habe ich mich erholt. Darüber zu schreiben hat mir sehr geholfen, ebenso wie die einfühlsamen Rückmeldungen von vielen von euch.

Seit dem 9. Januar schreibe ich nun weiter – aber ohne Fristendruck und mit mehr innerer Ruhe und Gelassenheit. Zwischendurch erledige ich anstehende Schreibaufgabe für mein Studium (das beruhigt mein Pflichtgefühl und macht im Übrigen auch Spaß) und mache auch mal Ruhetage. Ein Kapitel, das ich im November an einem Tag geschrieben hätte, dauert heutzutage eben drei Tage.

Das unbeschwerte voran Preschen aus dem November kann ich nicht wieder zurück holen. Aber auch das ist eine wichtige Erkenntnis für mich: Die Anfangsphase eines Romans ist eben ganz anders, als die Schlussphase. Ich schreibe langsamer und denke mehr über die Handlungs- und Figurenentwickung nach, weil ich das schon Entstandene schlüssig zusammen fügen möchte. Jetzt bewerte ich meine Bedächtigkeit nicht mehr als Manko, sondern akzeptiere sie als neue Phase. Damit fühle ich mich jetzt entspannter.

In der letzten Woche bin ich in das dramatische Finale des Jungen mit der Gitarre auf seiner Bauminsel in der Welt des Immerwährenden Klanges eingestiegen. Dort führen Regelzwang und Uniformität zur Rebellion des Individuums. Die Antagonistin des Jungen ist Altmeisterin Legis, deren Prinzipientreue gnadenlos ist. Die Eskalation findet zunächst in Wortgefechten statt und mündet dann in eine actionreiche Flucht des Jungen auf einem Schneevogel von seiner Insel (das werde ich in den nächsten Tagen schreiben).

Zwischen all dieser Dramatik brauchte ich (und die späteren Leser*innen sind vielleicht auch dankbar dafür) eine kleine Erholungspause und einen Kontrast. So bin ich vorgestern und gestern in die Menschenwelt zu Philipp (er ist gerade 18 geworden) zurück gekehrt. Sein Alltag ist zwar weniger spektakulär, dennoch muss er lebensentscheidende Weichen passieren. Vielleicht habe ich es mit den Referenzen zur Populärkultur und dem Zeitgeschehen von 1997 ein bisschen übertrieben. Aber zensieren will ich doch erst später.

Ich muss ganz schön schmunzeln, wie sich mein fieser Feuerteufel (der Philipp als Grundschüler noch war) über die Zeit gewandelt hat. Er ist mir beim Schreiben ans Herz gewachsen und hat seine Backform des Bösewichts gesprengt. Aber aus Saulus ist kein Paulus geworden. Ich hoffe, er bleibt ambivalent.

Die Ziellinie für den Jungen mit der Gitarre ist also für mich schon sichtbar. Allerdings ist meine Geschichte dann noch nicht vollständig erzählt, denn Elise verdient noch ihr eigenes Finale. Hier habe ich nach Silvester ein Handlungsloch (mit 3 Platzhalter-Kapiteln) zurück gelassen. Diese Fäden werde ich in meinem Schreib-Finish wieder aufgreifen. Elise muss eine unmoralische Abiturprüfung bestehen. Als Gegenspielerin werde ich die neidische Mitschülerin aus der Grundschule – Rita – (die ich eigentlich schon abgeschrieben hatte) wieder aus ihrem Wort-Vakuum erwecken und in den Zickenkrieg schicken.

Jetzt aber zur Leseprobe. Ich hoffe, ihr habt Spaß beim Lesen.

Kapitel 52: Philipp – Man in Black ohne Sonnenbrille

Philipp beugte sich über den dreibeinigen Küchentisch in der Ecke unter der Dachluke und schaufelte knisternde Cornflakes in seinen Mund. Scheiße, wie er das frühe Aufstehen hasste. Er hatte schon wieder verpennt. Torsten hatte ihm extra einen Spezialwecker mit Schlummer-Taste gegeben, die leider gleich neben der Aus-Taste lag – da konnte man schon mal daneben patschen. Das Ding war fast so nervig, wie früher sein quakender Donald-Duck-Wecker. Aber jetzt, wo seine Mutter nicht mehr in sein Zimmer trampelte und den Rollladen hoch riss, war es vorbei mit der Pünktlichkeit. Torsten musste meistens noch früher aus der Kiste, als er. Jetzt war er bestimmt schon auf Arbeit.

Philipp schob sich den letzten Löffel in den Mund und Milch rann sein stoppeliges Kinn hinunter. Er wischte es mit dem Küchenhandtuch ab und ließ seine Schüssel klappernd in die Metallspüle fallen, wo noch die Bratpfanne von gestern und in einer öligen Wasserlache stand. Los ins Bad zum Rasieren. Dort hing eine Wolke von Aftershave in der Luft. Torsten übertrieb es echt mit dem Zeug. Aber als Erfolgsverkäufer im Mediamarkt musste er auf ein gepflegtes Äußeres achten. Philipp stieß mit seiner Linken das winzige Liegendfenster auf und griff mit der Rechten nach seinem elektrischen Rasierer. Peng. Das Ding knallte ins Waschbecken. Da waren schon drei Risse drinnen. Die stammten aber nicht alle von Philipp.

Gut, dass Torsten als Azubi im Mediamarkt direkt an der Quelle zu jedem Elektronikgerät saß, was man sich nur wünschen konnte. Wenn der Rasierer wieder im Eimer war, besorgte Torsten ihm einen Neuen. Auf dem Boden im Wohnzimmer standen wie in einer Militärparade ganz viele Videorekorder. Torsten testete sie alle und machte sich Notizen dabei, als würde sein Leben davon abhängen. War vielleicht auch so. Keiner verkaufte so gut wie Torsten, weil er den Kunden jedes Gerät so gut erklären konnte. „Kompetenz und Charme – das sind die zwei Standbeine für einen Mega-Media-Markt-Verkäufer“, war der Wahlspruch vom Ausbilder von Torsten. Kompetenz hatte Torsten auf jeden Fall. Für den Charme war das Parfüm verantwortlich.

Zum Glück summte der Rasierer nach ein paar Mal Mucken los. Ein glatt rasiertes Gesicht war in Philipps Job ein Muss. Mit der Mittleren Reife hatte es nicht geklappt. Scheiß der Hund drauf! Am 2. September war er endlich 18 geworden und die Welt stand ihm offen. Volljährig sein heißt auch bessere Kohle, nicht mehr die Praktikanten-Verarsche. Den Nebenjob in der Mucki-Bude würde er aber nicht aufgeben. Da zeigte er zwei Mal die Woche den Neulingen die Geräte, dafür durfte er umsonst da trainieren. Aber sein echter Job war jetzt in der Shopping-Mall von Erlangen: Als Sicherheitsmann. Seit vier Wochen arbeitete er schon da. Sieben Mal war er bisher zu spät gekommen und hatte jedes Mal einen heftigen Anschiss vom Chef bekommen.

Er war Meister im Blitzzähneputzen. Noch ein prüfender Blick in den Spiegel: Mit seinen dunkelblonden, kurzgeschorenen Haaren sah er nach no-bullshit aus. Er hatte ganz dichte Haare und würde bestimmt nicht so schnell eine Glatze bekommen. Sein Haaransatz lief als runder Bogen über seine Stirn. Sein ganzes Gesicht war rund, seine blauen Augen auch. Seine Nase war ein bisschen fleischig, so wie seine Lippen – aber die Weiber standen drauf. Selbst seine Ohren waren klein und völlig rund. Nur mit seinem Bauch musste er aufpassen, der sollte nicht auch noch rund werden. Bei seinen 1,70 Metern musste er mit breitem Nacken und Muskelarmen für Respekt sorgen. Er hätte gerne ein bisschen furchteinflößender ausgesehen. Andererseits hatte sein rundes Engelsgesicht (O-Ton Mama) ihm schon manches Mal aus der Patsche geholfen.

Jetzt schnell die schwarze Hose (mit Bügelfalte!) und das weiße Hemd (von gestern mit Knitterfalten an den Armen) anziehen und den schwarzen Schlips anlegen – der hatte hinten im Halsband einen Klettverschluss. Saupraktisch. Im Flur streifte er seine schwarze Bomberjacke über, klemmte sich eine große Colaflasche unter den Arm und knallte die Wohnungstür hinter sich ins Schloss.

Philipp rannte die fünf Stockwerke auf schwarz gelackten Schuhen runter, seine Sohlen schmatzten auf dem klebrigen PVC-Belag. Die polnische Putzfrau wischte mit einem einzigen löchrigen Lappen das ganze Treppenhaus. Es stank mal wieder nach Zwiebeln und Fahrradreifen.  (…)

Er drängelte sich auf dem Bürgersteig an den Leuten vor dem Bushäuschen vorbei und rempelte versehentlich einen Kerl an, der es ihm mit einen Stoß von hinten auf die Schulter heimzahlte. Er dreht sich nicht um. Keine Zeit für so was. Philipp sah auf seine Armbanduhr. Schon 8:13 Uhr. Seine Schicht hatte um 8 Uhr angefangen. Als er durch die Drehtür ins Einkaufszentrum kam, blies ihm das stickige Gebläse entgegen und ihm brach der Schweiß am Rücken aus. Links die Treppe runter, ins Untergeschoss, dann noch eine Treppe tiefer in den Keller. Mit seiner Chipkarte, die an einer Rollschnur an seinem Hosenbund hing, öffnete er die Personaltür.

Im Kämmerlein mit den Spinden wechselte Philipp schnell von seiner Bomberjacke in die schwarze Anzugjacke, die zu seiner Hose passte. Das Namensschild auf seiner linken Brust lautete:

„Hr. Krieger – Sicherheit“. Mit feuchten Händen drehte er die Colaflasche auf und nahm einen großen Schluck. Die Uhr über der Tür zeigte 8:31 Uhr.

„Hey, Krieger, beweg deinen Hintern in mein Büro“, hallte die Stimme vom Chef über den Flur. Philipp war mit acht quietschenden Schritten dort.

„Tut mir echt leid, Herr Habermann“, sagte er hastig „ich hatte einen Notfall in der Familie…“

„Bullshit“, schnitt ihm der Glatzkopf das Wort ab. Der Chef saß wie immer in seinem schwarzen Drehsessel, die Ärmel vom weißen Oberhemds hochgekrempelt. Seine fleischigen Hände griffen fest um die Armstützen wie ein Steuermann, der das Ruder gegen die tosenden Wellen auf Kurs hält. Auf seinen feisten, haarlosen Unterarmen klebten zwei Nikotin-Aufkleber. Er hatte schon vor zwei Jahren mit dem Rauchen aufgehört, aber dem Nikotin war er treu geblieben. Seine glänzende Kopfplatte ging in eine flache Stirn über, die rotblonden Augenbrauen und Wimpern über den winzigen wasserblauen Äuglein waren durchsichtig. Eine lange Nase bog sich bis zu einer riesigen Reihen von spitzen Oberzähnen, über die er seinen schmalen Lippen niemals schloss. Er hatte einen gewaltigen Überbiss. Sein Unterkiefer und das Kinn gingen eine Stufe tiefer in seinen dicken Hals über. Im Profil sah er aus wie ein Haifisch. Jetzt wendete der Hai-Mann seinen Kopf und Philipp konnte die roten Wutflecken aus dessen Wangen sehen. Dieses Kellerzimmer mit zwei Lichtschächten und einer großen Wand voll mit winzigen Schwarz-Weiß-Monitoren war sein Ozean.

„Ein Zwergfisch wird zum Hai, wenn das Becken nur klein genug ist“, hatte Torsten seine weise Oma zitiert.

In dieser Machtzentrale flimmerten Tag und Nacht die Bilder von den Überwachungskameras von den drei Ebenen der Shopping-Mall und den fünf Ebenen vom Parkhaus. Big Brother! Zuerst war Philipp mega beeindruckt gewesen. Aber schon am ersten Tag hatte Philipp gemerkt, dass stundenlanges Rumhocken in der Dunkelkammer auf dem Plastikstuhl, der machte, dass seine Polyesterhose ihm an den Beinen klebte, nichts für ihn war. Viel lieber ging er auf Patrouille. Weil der Hai-Mann sich nicht gerne bewegte, schickte er die neuen Jungs auf den Rundgang.

„Die Zeit hängst du heute hinten dran. Und wenn du nochmal zu spät kommst, kannst du deine Sachen packen. Bist in der Probezeit“, schnarrte der Möchtegerndiktator.

„Franzen und Poloczek sind schon los. Du übernimmst ASAP das Untergeschoss.“

Philipp nickte, steckte sich das Funkgerät an die linke Hüfte in die Gürtelhalterung und machte, dass er wegkam.

Das Untergeschoss war nicht seine Lieblingsebene. Aber er würde im Laufe des Tages schon noch auf die höheren Etagen kommen. Philipp schlenderte jetzt die rechte Ladenzeile entlang. Im Kopierladen war keiner drinnen. Das flackernde Oberlicht hatte immer noch niemand repariert. Dann kam das Reisebüro. Die Bilder von Kreuzfahrtschiffen, Stränden und Berglandschaften machten ihn irgendwie immer kribbelig. Dann kam der Kiosk mit dem gelben Lottoschild vor der Tür. Jackpot: 6,3 Millionen DM. Damit könnte er sich eine eigene Insel in der Karibik kaufen. Aber er spielte kein Lotto. Daneben der Aufsteller mit der aktuellen Bildzeitung. Endlich mal was anderes in den Schlagzeilen, als Lady Di. Wie auf’s Stichwort tönte aus den Lautsprechern mit der Dauermusik der wochenlange Charthit: „Candle in the wind“ von Elton John.

Den ganzen Sommer über hatte seine Mutter von Lady Di und ihren Badeanzügen geredet und in den Klatschblättern alle Fotos der Prinzessin mit ihrem neuen Lover angeschaut. Als Lady Di dann in den Brückenpfeiler in Paris gecrashed war, heulte sie tagelang und guckte rund um die Uhr alle Sendungen über das tragische Leben und Sterben dieser fremden Frau. Als Philipp nach seinem Unfall im Krankenhaus lag, hatte sie keine Tränen vergossen. Zur Beerdigung der „Prinzessin der Herzen“ zog seine Mutter sich schwarz an und saß schniefend vor dem Fernseher. Total übertrieben. Und jetzt auch noch dieses Schnulzenlied von Elton John, das von allen Radiosendern seit Wochen hoch und runter gespielt wurde.

Philipp kam nun am „Pfennigland“ vorbei. Aus der offenen Ladentür zogen ihm die Gerüche von Plastikschwimmflossen und den heftigen Gewürzen aus dem „1001 Nacht“-Regal in die Nase.

Jetzt kam ein neuer Beat aus den Boxen. Philipps Stimmung hob sich sofort. Es was der Titelsong von „Men in Black“. Der Film war so cool! Im Sommer hatte er ihn 15 Mal im Cineplex angeguckt. Das ging auch, weil ein Kumpel von Torsten dort Kartenabreißer war und sie über den Hintereingang rein ließ. Er konnte alle coolen Sprüche aus dem Film auswendig.

Und was noch besser war: In seinem schwarzen Anzug, mit dem weißen Hemd und dem schwarzen Jackett war er jetzt selbst ein Man in Black. Viel abgefahrener, als die stiernackigen Türsteher von der Disco, die nur schwarze Bomberjacken mit weißer „Security“-Schrift am Rücken hatten. Philipp war ein echter Sicherheitsmann! Er holte seine schwarze Sonnenbrille aus der Jacketttasche und setzte sie sich ins Haar. Über den Augen durfte er sie nicht tragen. Wegen schlechter Sicht und Image und so. Da hatte er am zweiten Tag einen üblen Anschiss vom Hai-Habermann bekommen, der ihn auf einem der winzigen schwarz-weiß Monitore in der Zentrale so entdeckt hatte. Seine Hand glitt über das Funkgerät an seinem Gürtel. Wäre das doch bloß ein Blitzgerät wie in „MIB“. Das würde er dem Hai-Mann jedes Mal vor die Augen halten, wenn er zu spät kam. Dann würde die Erinnerung daran aus dem Gedächtnis des Chefs gelöscht werden. Philipp freute sich schon auf den Tag, an dem er seinen ersten Ladendieb schnappte.

„Zeig mir die Ware oder du verlierst noch einen Kopf!“, würde er dann wie ein richtiger „Man in Black“ sagen.

Philipp bog mit beschwingtem Gang in die Kurve vor dem Supermarkt-Eingang ein. An einem der Stehtische vor der Bäckerei standen Franzen und Poloczek mit hohen Kaffeebechern aus Pappe und schoben sich zuckerstaubende Krapfen zwischen ihre Kauleisten. Von wegen auf dem Rundgang! Sie winkten ihm zu und er ging hin.

„Alles fit im Schritt?“, begrüßte ihn Poloczek.

„Ja, und selbst?“, sagte Philipp.

„Der Habermann ist vorhin zum HB-Männchen mutiert, weil du wieder zu spät warst“, sagte Franzen mit Zuckerbart und schlürfte an seinem Kaffee. Das Funkgerät an Philipps Gürtel knackte und der Hai-Mann röhrte:

„Krieger, Franzen, Poloczek – ich sehe euch alle beim Kaffeeklatsch. Rundgang ASAP!“

„Keine Macht den Drögen“, sagte Poloczek und machte das Sächsisch vom Chef nach.

„Erscheinen Sie, sonst weinen Sie!“, sagte Philipp. Das Zitat aus „MIB“ war gut für jede Lebenslage.

„Das ist der letzte Anzug, den Sie jemals tragen werden“, konterte Franzen, der „MIB“ auch ein Dutzend Mal gesehen hatten. Sie grinsten sich verschwörerisch an.

Philipp setzte seinen Rundgang fort und patrouillierte mit breitbeinigem Schritt die linke Ladenzeile entlang Richtung Hauptportal. Bis auf zwei Rentnerinnen kreuzte niemand seinen Weg. Er kam am „Fressnapf“ vorbei. Diese Woche waren 5-Kilo-Säcke Katzenstreu und gelbe Kanarienvögel (ohne Käfig) im Sonderangebot. Der Mann vom Schlüsseldienst klebte einen neuen Absatz auf einen alten Schuh, im Reformhaus summte eine Getreidemühle.

Nach der Mittagspause durfte Philipp endlich auf Ebene 1 seinen Rundgang machen. Da war die Parfümerie. Schon auf 10 Schritte Entfernung zogen ihm die süßen Düfte in die Nase. Dann kam sie in sein Sichtfeld: Ramona. Sie stand hinter der Theke, ihre langen schwarzen Haare fielen in Wellen wie in der Werbung um ihr Gesicht und ihre Schultern. Ihr dunkelroter Mund stand immer ein wenig offen. Philipp schob die schwarze Sonnenbrille auf seinem Kopf zurecht und marschierte mit MIB-Lässigkeit in die Parfümerie.

„Alles in Ordnung bei euch Ladys“, fragte er. Die zweite Verkäuferin nickte nur beiläufig in seine Richtung, aber Ramona wandte sich ihm zu und trommelte mit ihren knallrot lackierten Fingernägeln auf die Glastheke und die vielen Silberreifen um ihr Handgelenk klimperten dabei.

„Heute sind wir noch nicht überfallen worden“, sagte Ramona mit rauchiger Stimme und zwinkerte ihm mit ihren langen schwarzen Wimpern zu. Silva hätte bestimmt auf ihre typische Art gesagt: „Das sind falsche Wimpern und die hat auch zu viel braunes Make-up im Gesicht.“ Aber bei so einem südländischen Typ mit vielen Kurven passte das alles bombig zusammen. Philipp vergaß seine Coolness und lächelte mit allen seinen Zähnen zurück.

„Wie war das Wochenende?“, wagte er sich vor.

„Ich war feiern. In München auf dem Oktoberfest“, sagte Ramona.

„Wow!“, sagte Philipp.

„Meine kleine Schwester will da nächstes Wochenende auch hin.“ Das war das erste, was ihm einfiel. Jetzt dachte sie bestimmt, er wäre ein braver Stubenhocker. Dabei ging er doch auch oft feiern. Und wie!

„Fährst du mit, um sie zu beschützen?“, fragte Ramona, zog ihre schwarzen Augenbrauenbögen in die Höhe und schob neckisch ihre runde Hüfte vor. Okay, die Großer-Bruder-Masche kam bei den Weibern wohl doch gut an.

„Klar“, behauptete er.

„Hat sie schon ein Dirndl“, fragte Ramona.

„Heute will sie hier eins kaufen“, sagte Philipp.

„Bestimmt im „H&M“. Da habe ich meins auch her“, sagte Ramona.  In einem Dirndl sah sie bestimmt mega geil aus.

„Äh, ja“. Philipp merkte, wie ihm der Schweiß auf der Oberlippe ausbrach.

„Ich muss dann wieder“, sagte er mit all der Wichtigkeit seiner Stellung, tippte mit seinem rechten Zeigefinger grüßend an seine Schläfe, so wie es coole Cops in den Filmen machten, und ging breitbeinig raus. Seine Knie fühlten sich wie Wackelpudding an. Das nächste Mal müsste er es irgendwie schaffen, sich mit ihr zu verabreden. (…)

Der Nachmittag nahm kein Ende. Jetzt war er wieder im Untergeschoss eingesetzt. Vorbei am Karibikplakat, 1001-Gewürzen, Krapfen, Kanarienvögeln, Schuhsohlen, Haferschleim in braunen Gasflaschen. Sein Funkgerät knackte und rauschte, dann schepperte die Stimme vom Hai-Mann daraus:

„Krieger, da liegt wieder der Penner mit den vielen Tüten im Treppenhaus zum Parkdeck 1. Schmeiß den Kerl raus. ASAP!“

Philipp ging zum Treppenhaus und stieg die Stufen runter. Er hatte keine Lust, sich mit dem Penner abzugeben. Noch bevor er um die Ecke kam, drang ihm der Geruch von ungewaschenem Kerl und Bierfürzen in die Nase. Auf dem Treppenabsatz saß der Penner mit ausgestreckten Beinen strumpfsockig – der Dicke Zeh guckte schwarz aus einem Loch hervor – auf einem Pappkarton an die Wand gelehnt. Seine abgewetzten Plastiktüten hatte er um sich herum stehen wie die Befestigung eines Forts. Er blätterte in einem abgegriffenen Buch, vorne drauf war Donald Duck, wie er in einen Berg von Goldstücken sprang. Die Deckenkamera war genau auf das Lager gerichtet.

„Hey, Alter“, sagte Philipp.

„Der Chef sagt, du musst hier weg.“

Der Penner guckte kurz zu ihm hoch, brabbelte dann was in seinen zotteligen Bart und las weiter. Philipp sah kleine Insekten im Bart von dem Mann herum krabbeln und ihm wurde schlecht. Dann fiel sein Blick auf das Sweatshirt vom Penner: Auf verblasstem Schwarz prangte in rissigem Rot „KIT“ – das Traumauto seiner Kindheit. Philipp merkte, wie sich seine Mundwinkel in ein Lächeln hoben. Philipp zögerte. Sein Blick wanderte zwischen der Kamera und dem gescheiterten Knight Rider hin und her. Dann ging er eine Etage tiefer, durch die „Personal“-Tür in den Versorgungsgang und holte eine Trittleiter aus dem Wandschrank vom Hausmeister.

Zurück beim Penner stellte Philipp das Hilfsmittel im toten Winkel unter die Kamera, stieg auf und dreht die Kamera in eine andere Richtung. Der Alte klatschte in die Hände.

Philipp fühlte sich gut. Der Hai musste ja nicht alles sehen. Und Mitarbeiter des Monats wollte Philipp eh nicht werden.