Der un-unheimliche Geist aus Naban – Japan und sein royales Reich

Mir ist letztens ein tolles Fundstück in die Hände gefallen: Drei Märchen aus der Feder meiner kleinen Schwester Leonie, die sie als 12-Jährige geschrieben hat (die Altersangabe ist eine Schätzung, da weder die Befragung der Autorin, noch die Analyse des Dokuments eine eindeutige historische Einordnung zuließen). Leonie hatte schon als Kind – auch dank ihres Lesehungers – eine reichhaltige Fantasie und hat sich ständig Geschichten ausgedacht. Was für ein Glück, dass einige (wenige) davon auf Papier gebannt sind. Meine treuen Blogleser*innen der ersten Stunde kennen Leonie schon als meine Begleiterin bei der Erkundung vom Spreepark und vom Allmende Kontor.

Leonie (als 12-Jährige) und ich (mit meiner Nichte)

Eines ihrer Märchen heißt “Der Geist in der Wanduhr” (lesen lohnt sich!) und spielt in Japan. Diese originelle und witzige Geschichte hat mich zu einem eigenen Märchen inspiriert, das die Vorgeschichte des lieben Geistes erzählt.

Eine Geistergeschichte zum 1. Mai passt gut, denn zum walpurgischen Tanz in den Mai treffen sich nicht nur Hexen, auch andere übersinnliche Gestalten treiben ihr Unwesen. Da verwundert es nicht, dass ein kleiner japanischer Gast durch meinen Blog gegeistert ist. Bin gerade sowieso im Japan-Feeling seit ich in den letzten Tagen einige Dokumentation über das Land angeschaut habe. Außerdem ist gestern der Japanische Kaiser Akihito von seinem Chrysanthementhron gestiegen, um den Platz seinem Sohn Naruhito zu räumen, der heute den Thron besteigt. Ob der als Kind wohl auch den Geschichten vom verwunschenen Reich Naban gelauscht hat?

Der un-unheimliche Geist aus Naban

Fürchtet ihr euch vor Geistern? Das solltet ihr! Geister sind unheimliche Wesen, die durch Schlüssellöcher und Ritzen kriechen wie der Nebel, die nachts die Dielen zum knacken und die Türangeln zum quietschen bringen, die “Huuuuuh” in euer Ohr hauchen, so dass ihr eine Gänsehaut bekommt. Das ist die Regel. Aber was ist, wenn ein Geist das alles nicht kann? Von solch einem Geist möchte ich euch erzählen.

Es war einmal ein kleines Königreich. Es hieß Naban und lag irgendwo in Japan. Vielleicht habt ihr noch nie von diesem Königreich gehört. Das liegt daran, dass dieses Reich schon seit langer Zeit ohne König ist. Alle Menschen haben das Land verlassen.

Es geht die Sage um, im Land Naban hause ein Ungeheuer. Das hat vor Jahrzehnten ein Mann namens Rederade erzählt – ein Geschichtenerfinder, dessen Einfallsreichtum nur von seiner Unzuverlässigkeit übertroffen wurde. Seine Zuhörer aber glaubten ihm und gaben die Kunde vom Ungeheuer weiter.

Naban wurde menschenleer, blieb aber nicht völlig unbewohnt. Eine Sippe von Geistern hat sich dort angesiedelt. Es sind Geister vom Stamm der Yokai-wa-hui. Ihre Bestimmung ist es, Schabernack zu treiben und die Menschen zu erschrecken. Ihre wandelbare Gestalt ist meistens unsichtbar. Wenn sie erscheinen, dann meistens als weiße Nebelgebilde in menschenähnlicher Form. So glauben die Menschen, die Gestalt eines Verstorbenen im weißen Kimono zu sehen.

In der Königsstadt von Naban steht nur noch ein Haus. Das ist das Internat, in dem die jungen Yokai-wa-hui-Geister ausgebildet werden. Einer der Schüler war der kleine Geist He-Sun. Er war sehr verträumt und verpasste oft seine Unterrichtsstunden. Im Fach “Erscheinung” schimpfte seine Lehrerin Rei-Lee oft mit ihm:

“He-Sun, dein Kimono aus Mondstrahlen ist ganz löchrig. Wer soll denn Angst vor so einer Lumpengestalt haben?”

Aber so sehr sich He-Sun anstrengte, er konnte seine Gestalt nicht in ein weißes Geisterkleid hüllen.

Auch in der Geisterkinese-Klasse hatte er seine Schwierigkeiten. Hier lernten die kleinen Schüler, mit der Kraft ihrer Gedanken Gegenstände zu bewegen. Alle anderen konnten schon Möbel umwerfen und Türen zuknallen. Aber Hu-Sun schaffte es gerade mal, ein Essstäbchen zittern zu lassen.

“Wer soll sich bloß vor einem zitternden Essstäbchen fürchten?”, bellte Lehrer Tanuki.

Am besten gelang ihm noch die Geisterphonie. Hier mussten sie einen Lufthauch mit ihrem Geistermund formen und einen unheimlichen Klang erzeugen. Dazu kamen allerlei Hilfsmittel infrage. Manche suchten sich Regenrinnen, Teetöpfe oder Gießkannen. He-Sun fand eine Kaffeekanne aus weißem Porzellan mit blauer Bemalung, die eine Flusslandschaft zeigte. Der Deckel der Kanne war verloren gegangen und im Boden war schon ein kleiner Sprung. Aber der Hals der Kanne war geschwungen wie der Hals eines Schwans. Wenn He-Sun seinen Geistermund an die Öffnung des Kannenhalses legte und ganz fest ans Pusten dachte, geriet die Luft in Schwingung und aus dem Bauch der Kanne klang ein satter Ton wie beim Signalhorn eines Flussdampfers. He-Sun liebte deshalb seine Kaffeekanne und blieb immer in ihrer Nähe. Schließlich war sie sein einziges Grusel-Instrument.

Er quartierte sich in der kaputten Wanduhr ein, gegenüber vom Tisch, auf dem die Kaffeekanne stand. Aus dem Uhrenkasten konnte er seine Kanne gut im Blick behalten und wurde nicht gestört von den anderen kleinen Geistern, die durchs Haus tollten und mit ihrem Türen knallen und Möbel umwerfen um die Wette eiferten. Leider gab es hier keine Menschen, die sie mit ihren Kunststücken erschrecken konnten.

Im Land Naban lebten außer den Geistern auch noch einige Insektenarten, Fische und Vögel. Vielleicht gab es auch giftgrüne Eidechsen so groß wie Elefanten – aber da müsst ihr Rederade fragen. Auf jeden Fall gab es Spinnen in Naban. Das können euch die Geister bestätigen. Die Spinnen und die Geister haben eine ganz besondere Beziehung. Spinnen fürchten sich vor den Yokai-wa-hui-Geistern, weil sie unsichtbar durch die Luft fliegen und die Netze der Spinnen zum Schwingen bringen. Die Spinne denkt, sie hat eine Beute gefangen. Sie krabbelt hin, aber ihr Netz ist leer und zerrissen. Die Geister jedoch lieben es, in die Netze der Spinnen zu fliegen. Dann bleiben nämlich einige der Spinnenfäden an ihrer Aura kleben und so können sie noch weißer schimmern, wenn das Mondlicht auf sie fällt.

Am Tag der Abschlussprüfung musste jeder Geisterschüler drei Disziplinen vorführen und zeigen, dass er den Menschen Angst einjagen konnte.

Der kleine He-Sun wurde vom Poltern geweckt, als seine Kameraden alle Wandschirme im Haus umwarfen. Er hatte seine erste Prüfung verschlafen.

In der zweiten Prüfung mussten die Geisterschüler vor einem Spiegel entlang huschen und dabei in ihrer weißen Totengestalt aufschimmern. He-Sun gab sich alle Mühe, aber seine Gestalt flackerte nur grau auf und er sah aus, wie ein löchriges Putztuch. Die anderen Geister kicherten und seine Lehrer schüttelten ihre weißen Köpfe.

In der dritten Prüfung konnte He-Sun die einzige Kunst zeigen, die er beherrschte: Er pustete in den Hals seiner Kaffeekanne und das ganze Haus vibrierte vom tiefen Ton aus dem Porzellanbauch seines Instruments. Seine Lehrer verneigten sich vor ihm und gaben ihm sein Geister-Diplom.

Alle Geister verließen das Haus, um in der Menschenwelt außerhalb von Naban ihren Spuk zu treiben. Nur He-Sun blieb zurück. Er wäre auch gerne auf Spukreise gegangen, aber er war zu schwach, um seine Kaffeekanne von der Stelle zu bewegen und ohne seine Instrument konnte er nicht spuken. Er flog durchs verlassene Haus und warf sich in alle Spinnennetze. Die Spinnen ergriffen die Flucht und im ganzen Haus gab es bald kein einziges Spinnennetz mehr. He-Sun war nun ganz alleine und vertrieb sich die Zeit mit Träumen in der Wanduhr.

Eines Tages kam Abjoktka, der Ur-ur-ur-ur-Enkel von Rederade, ins Geisterhaus. Ihr kennt bestimmt die Geschichte dieses Helden, der ins Land Naban zog, um das Ungeheuer zu besiegen.

Endlich hatte He-Sun einen Freund gefunden und reiste in der Satteltasche von Abjoktka, der auch die Kaffeekanne für ihn trug, zum Tennō von Japan. Abjoktka kniete vor dem Chrysanthementhron und berichtete dem Herrscher von Japan, dass es kein Ungeheuer in Naban gäbe. Von dem Geisterhaus erzählte er lieber nichts und He-Sun blieb unsichtbar und leise.

So wurde der Held Abjoktka mit der Prinzessin verheiratet und wurde zum neuen König über Naban ernannt. Seitdem lebte der kleine Geist He-Sun mit der Königsfamilie im Palast. Jeder kannte ihn und niemand hatte Angst vor ihm, nicht einmal die Kinder des Königspaares. Um Mitternacht trötete der Geist immer auf seiner Kaffeekanne und das klang gar nicht unheimlich.

Eine wunderliche Begebenheit soll aber noch erzählt werden: Eines Nachts kamen Diebe ins Schloss von Abjoktka. Sie hatten es auf eine goldene Buddha-Figur im Esszimmer abgesehen. Als sie am langen Tisch vorbei schlichen, fiel ihr Blick auf eine Schüssel Reis, die dort noch vom Abendessen stand. Im Reis waren viele Linien gezogen, die ein symmethrisches Muster ergaben. Die Essstäbchen neben dem Teller zitterten ein wenig. Die Diebe starrten auf die Linien im Reis. Es sah aus, wie ein Zen-Garten. Sie konnten ihre Blicke nicht abwenden und versanken in eine tiefe Meditation. Am Morgen wurden sie von einem Diener entdeckt und gefangen genommen. Könnt ihr euch denken, wer dahinter steckte?

Seitdem wünscht sich jede japanische Familie einen lieben Hausgeist.

Respect – Aus dem Leben eines Sprayers

Ich lerne London aus einem neuen Blickwinkel kennen – nämlich aus den Augen eines echten Graffiti-Sprayers – er selbst versteht sich als Street Artist. Ich habe mich im Internet für eine Walking Tour angemeldet. Am Freitag um 11 Uhr erwartet Gregory Simpson mich und 30 andere Interessierte vor einem Coffeeshop im Londoner Viertel Shoreditch (East End). Gregory trägt auch bei bedecktem Wetter eine Sonnenbrille, denn seine Straßenidentität als Sprayer will er geheim halten. Ja, wir werden auch seine Werke auf der Tour sehen, aber er verrät uns nicht, welche es sind und seinen Straßennamen verrät er uns natürlich auch nicht. Stolz erzählt er, wie hoch die Strafen in Großbritannien für Sprayer sind. Ja, einige seiner Kollegen sind schon im Gefängnis gelandet.

Gregory ist Mitte 30, trägt Jogginghose und Sneakers und natürlich seine Sonnenbrille. Er ist ein Lebenskünstler, nachts sprüht er seine Kunst an die Wände der Stadt, tagsüber führt er die Touristen an die Orte seines Schaffens – von den Spenden lebt er (am Ende der Tour sollen wir ihm geben, was seine Führung uns wert war). Mit langen Schritten eilt er uns voraus und führt uns kreuz und quer durch die Gassen des Arbeiterviertels Shoreditch, wo kleine Backsteinhäuser dicht nebeneinander gedrängt stehen, es gibt unvermutete Innenhöfe, dann wieder halb verlassene Fabrikbauten – alle diese Steinwände sind die Leinwand für die Straßenkünstler mit ihren Spraydosen.

Respekt und Verachtung sind die Koordinaten, zwischen denen sich jeder Sprayer der Szene hier bewegt. Gregorys Verachtung trifft auch eine konkurrierende Walking Tour mit französischen Schülern, die nicht von einem Sprayer aus dem Viertel geführt wird. Das wird nicht gerne gesehen. Das Geld der Touristen soll zurück in die Szene fließen.

Gregory spricht in der “wir”-Form, er ist Teil der Szene, hat sich den Respekt der Gemeinschaft erworben. Wenn man am Anfang seiner Sprayer-Karriere steht, muss man seine “dedication” beweisen, indem man seinen “tag” (Signatur/Logo) so oft es geht in der ganzen Stadt auf die Mauern schreibt (“go all city”). Man muss viel Zeit und Energie einsetzen, sich Wind und Wetter aussetzen, den Gefahren und der (Straf-) Verfolgung trotzen. Dabei gilt es, seinen eigenen Stil zu entwickeln. Übrigens gibt es nur wenige Frauen in der Sprayer-Szene – die nächtlichen Streifzüge und das Risiko ziehe einfach überwiegend Männer in ihren Bann, meint Gregory.

Eines der wenigen Werke einer Frau. Davor steht meine Schwester Dorit, der ich die Fotos zu verdanken haben (bis auf dieses, da war ich selbst am Drücker).

Gregory führt uns zu wandfüllenden Werken (“Mural”) – er weiß, wie lange der Künstler gebraucht hat, um sein Bild an die Wand zu bringen (je schneller, umso beeindruckender). Wer zu Hause alles vorbereitet und draußen nur noch anklebt, verdient weniger Respekt, als der, der vor Ort sein Werk kreiert und seine Technik beim Aufbringen der Farbe bei Wind und auf Leitern hangelnd beherrscht. Gregory weist uns auf einige hässliche und technisch einfache Bemalungen hin, die nur aufgrund ihrer Lage (“heavens spot”) hoch oben an Gebäuden dem Sprayer Respekt einbringen (weil risikoreich).

“MSK”-tag unter dem Geländer bringt Respekt ein. Die pinke Schrottkarre unter Plastikverschlag stammt von Banksy.

Manche der Street Artists sind so berühmt, dass sie ganz konventionell zu Ausstellungen in Galerien eingeladen (und bezahlt) werden. Er zeigt uns zwei Wände mit (frischen) Bemalungen von etablierten Straßenkünstlern, die hiermit ihre aktuellen Ausstellungen bewerben. Gregory hat Hochachtung vor diesem “Helium”-Künstler, der sein Werk unter Zeitdruck in nur zwei Tagen auf die Wand gebracht hat.

Mit den Helium-Buchstaben hat der Künstler FANACAPAN seinen eigenen Stil entwickelt.

Mancher Sprayer holt sich die Erlaubnis der Hausbesitzer ein, die meisten sprühen jedoch illegal.

Ein beeindruckendes Werk (mit Genehmigung). Hier hat der Künstler die Struktur der Fassade (Schornsteine) für einen 3D-Effekt seines Bildes benutzt.

Begehrt und doch verachtet sind die Auftragsarbeiten. Gerade gestern fertig gestellt ist eine Werbung für die Netflix-Dokumentation “Our Planet”. Hier haben drei Street Artists zusammen gewirkt und ihr Werk signiert. Einer der Künstler steht in der Tür vom Pub gegenüber und Gregory begrüßt ihn mit Handschlag.

Später sehen wir eine weitere Auftragsarbeit (für Gucci mit Andy-Warhol-Motiv), die Künstler stehen gerade auf dem Gerüst und legen letzte Hand an – ob sie ihre Wandbemalung signieren werden? Wer sich vom Kommerz einfangen lässt, ist ein “sellout”, er erntet Spott und Verachtung in der Community. Deshalb erledigten einige der Sprayer ihre Auftragsarbeiten maskiert und ohne Signatur, um sich die Schande zu ersparen.

Auftragsarbeit von Gucci: 3-facher Andy Warhol entsteht gerade im Hintergrund

Die Community hat das Territorium fest im Griff. Hinterlassen Sprayer von außerhalb ihre “tags” oder Bilder an den Wänden, werden sie in der nächsten Nacht sofort wieder übersprüht. Nur, wer sich hier den Respekt durch seine unermüdliche Arbeit erworben hat, wird geduldet. Wenn man über das Bild eines andere drüber sprayen will (“crossen”), gehört es zum guten Stil, das Bild des anderen komplett auszulöschen (mit Grundierung übermalen, bevor man selbst etwas Neues anbringt). Wenn einer den anderen übermalt, muss das neue Werk besser sein, als das Übermalte. Sonst übersteht es nicht die nächste Nacht.

Wer entscheidet über die Qualität? Anders, als in der konventionellen Kunstwelt, entscheiden hier nicht Galeristen, Kritiker und Käufer über den (künstlerischen und materiellen) Wert eines Werks. Es ist alleine die Eigendynamik der Sprayer-Gemeinschaft, die ihren ungeschriebenen Gesetzen folgt. Es gibt Hierarchien und Meinungseminenzen. Freiheit ist eine Illusion. Der Sprayer lehnt sich gegen das Establishment auf, muss sich aber gleichzeitig den Regeln der Szene unterwerfen. Sie bilden eine sehr ausgereifte Subkultur, die sich am Puls der Zeit bewegt und in der ihre Mitglieder sich ständig im Kampf (“battle”) miteinander befinden. Sie kommen mir wie Street Gangs vor, die ihre Revierkämpfe mit Spraydosen anstelle von Messern austragen.

Natürlich kommt Gregory auch auf Banksy zu sprechen – der wohl bekannteste aller Street Artists. Auf unserer Tour sehen wir eine pink bemalte Schrottkarre auf einem Dach und eine wiederhergestellte Wandbemalung hinter Glas (wie im Museum) an der Fassade eines Cafés. Banksy sei nur ein mittelmäßiger Künstler (so die Bewertung von Gregory), seine Popularität begründe sich aus seiner guten Auswahl der Orte für seine Werke und einer cleveren Selbstvermarktung (wie jüngst der medienwirksame Publicity-Stunt des geschredderten “girl with balloon” während der Versteigerung bei Sotherbys).

Nach zwei Stunden Rundgang verabschiedet sich unser Guide (vorher füllt sich seine Hand noch mit 10-Pfund-Noten). Wieder zuhause bekomme ich eine E-Mail von Gregory, wo er (ganz geschäftstüchtig) um eine gute Online-Bewertung seiner Tour bittet, seine facebook und instagram (@Aciz82)-Seiten nennt und sogar vier Fotos seiner Streetart beifügt – ganz so anonym möchte er wohl doch nicht bleiben. Ein Künstler braucht sein Publikum, um Anerkennung zu erfahren.

Meine Eindrücke aus der Sprayer-Szene habe ich in dieses Gedicht gesprüht:

street respect

meine sneakers auf dem asphalt

lautlos

zwischen den leuchtkegeln der laternen

verborgen

unter meiner kapuze

helle nase, dunkle augen

im rucksack klappern meine cans

molotow, kobra und montana

mein finger am sprühknopf

skinny, medium und fat

ich beherrsche jede technik

aus dem handgelenk gegen den wind

klopf klopf am nachmittag an einer haustür

“darf ich auf ihre hauswand sprayen?”

“nein”

“kein problem”

ich komme wieder in der nacht

auf sneakers unter meiner kapuze

die wand ist meine neue welt

ich bin ihr kapuzen-kolumbus

mein “tag” ist meine fahne

ich schreibe meine markierung

an die mauern meines viertels

an die mauern deines viertels

an die mauern aller viertel dieser stadt

ich gehe “all city”

tag tag – all night – all city

schreibe mich ein in den kreis der brüder

dreißig tags in einer nacht

seht meinen einsatz, seht meine hingabe

mein tag ist meine währung

bezahle meinen eintritt

in den außenring der ringe

ich bombe die fassaden

werde gebustet von den bullen

bald kennen meine brüder meinen tag

sie kennen meine schrift, sogar mein gesicht

graffiti war gestern, streetart ist heute

ich finde meinen style

der fuchs ist mein character

drei nächte für mein erstes mural

ein echter burner, finden meine brüder

hänge kopfüber vom hausdach

mein leben in der hand eines freundes

sprühe mich in den heavens spot

seht meinen mut, gebt mir euren respekt

shoreditch hat mich aufgenommen

freestyle bringt mir fame

heute crosse ich über ein mural von tizer

tizer überspüht morgen mein werk

der battle ums territorium ist on

mutiny sprayed für netflix

er ist ein sellout – shame on you!

ich spraye ohne bezahlung

respekt ist meine belohnung

tag tag – all night – all city

Die Welt auf einer Seite

Ich habe genau eine Seite, um die Autorin Katja Lange-Müller davon zu überzeugen, mich in ihre Prosa-Meisterklasse aufzunehmen. Auch dieses Jahr möchte ich wieder beim Schwäbischen Kunstsommer mit dabei sein – diesmal aber nicht mit Lyrik.

Das kann doch nicht so schwer sein, eine Seite bekomme ich locker hin – denke ich optimistisch. Ich schaue mir die Vorgaben in der Ausschreibung genauer an. Die Meisterin verlangt “eine Figuren- oder Tierbeschreibung oder Beschreibung einer Szene, die sich zwischen zwei, drei Menschen oder zwischen Mensch und Tier abspielt”. Es gehe ihr um eine literarische Skizze “nach der Natur”, es soll etwas “Lebendes” abgebildet werden.

Als Musterbeispiel nennt sieDas Fliegenpapier” von Robert Musil. Hier beschreibt er parabelhaft den Todeskampf von Fliegen auf dem klebrigen Papier und spannt dabei den Bogen um die gesamte menschliche und gesellschaftliche Existenz.

Nachdem ich Musils Text gelesen habe, erscheint mir die vor mir liegende Aufgabe doch um einiges schwieriger. In wenigen Worten gilt es, eine tiefgründig Botschaft zu vermitteln, symbolhaft und verschlüsselt. Auf der Inhaltsebenen muss ich Interesse für die Figuren wecken, Spannung erzeugen, vielleicht sogar mit Humor garnieren?

Im Kopf krame ich tagelang nach Gegenständen, die eine Geschichte erzählen. Brautschuhe vielleicht? Schachfiguren (die schwarze Dame alleine auf dem Spielfeld mit einem weißen Springer)? Dann denke ich an Fundgegenstände bei der Versteigerung der DB. Ein kaputter Regenschirm wünscht sich einen neuen Besitzer…

Dann schweifen meine Gedanken zu fantastischen Tieren (bitte kein drolliger Mops oder verspielte Miezekatze, ermahnt Frau Lange-Müller in der Ausschreibung). Mir kommt die Idee zu einem Vogel mit Flugangst oder Singvogel mit Lampenfieber, einem Igel, der sich anstelle seiner Stacheln eine weiche Haut wünscht, ein vergessliches Eichhörnchen. Wie wäre es mit einem Bücherwurm, der keine Buchstaben mag?

Am Samstag schreibe ich meine Geschichte über den Regenschirm – die sich beim Schreiben doch ganz anders entwickelt. Am Sonntag wende ich mich den Bücherwürmern in der Bibliothek von Sir Henry zu. Da meine Abreise am heutigen Montag nach London bevorsteht, zieht sich das britische Flair ein wenig durch meine Geschichten. Auch thematisch gibt es eine gewisse Verwandtschaft unter den Geschichten.

Hier also meine zwei Texte. Was haltet ihr davon? Welchen soll ich einsenden (ich muss mich für einen entscheiden)?

Text 1:

Aufgespannt

Bis zu jenem Tag im April war Mr. Chapmann niemals ohne seinen Regenschirm aus dem Haus gegangen. Seinen Weggefährten aus Kirschholz und rotem Nylon trug er stets ohne Rücksicht auf das Wetter mit sich. Vor dem Öffnen der Haustür richtete er seine blauen Augen unter buschig weißen Brauen im stummen Gruß auf den schlanken Eintänzer im Schirmständer. Dort stand der Schirm bereit, mit stolz hochgerecktem Hals, auf dessen Ende ein Löwenkopf aus Elfenbein thronte. Mr. Chapmans linke Hand fand den Knauf mit der Sicherheit eines Tänzers in einer gut geprobten Choreografie. Die Wellen der Löwenmähne schmiegten sich in die weichen Falten seiner linken Handinnenfläche. Seine runden Finger umschlossen den Kopf des Löwen, die Kuppe des Mittelfingers legte sich zwischen die Wölbungen von Nase und Stirn des Wüstenkönigs. So gerüstet ging Mr. Chapman auf die Straße, immer mit dem Hut auf dem Kopf, den Mantel zugeknöpft. Der Regenschirm schwang im Takt seiner Schritte, die Spitze setzte gleichzeitig mit dem linken Fuß auf. Der Klang, mit dem die messingumhüllte Schirmspitze auf den Boden stieß, offenbarte klopfend oder knirschend die Beschaffenheit des Untergrunds. Ob Asphalt, Steinplatte oder Sandweg – die Schirmspitze war seine Kompassnadel. Der Schirm ließ ihn aufrecht voran schreiten, mit dem Gang eines Mannes mit Ziel und Bestimmung. Es gab keine Ablenkungen für ihn am Wegesrand, keine Verwicklungen oder Verwirrungen. Diesen Zweck erfüllte der Schirm jedoch am besten, wenn er geschlossen blieb. Aufgespannt würde er der Willkür des Windes ausgesetzt sein. Nein, der Schirm blieb zu. Kein Wind würde jemals an den zarten Metallspeichen rütteln und ihre Gelenke brechen. Weder Wasser, noch Sonne würden an der saftigen Röte des Stoffes lecken. Nur in seiner Geschlossenheit konnte der Schirm seine Vollendung erreichen und seinen Träger sicher tragen.

An jenem Morgen im April jedoch, als Mr. Chapman erstmalig ohne Schirm aus dem Haus lief, flogen seine Haare hutlos im Wind, seine Mantelschöße flatterten. Seine langen Schritte trugen ihn unsicher zum Bahnhof – dem Sohn entgegen, den er seit 30 Jahren nicht gesehen hatte – ohne Schirm und mit geöffneten Armen.

Text 2:

Zwischen den Zeilen

“Zutritt privat” steht auf dem Messingschild der hölzernen Flügeltür zur “Jedermann-Bibliothek” von Sir Henry. Hier gibt es Bücher für jeden Geschmack. Im Kabinett reichen die Regale bis zur Decke. Die Luft steht still und schwer im Dämmerlicht. Die ledrigen Buchrücken sind von jahrelangem Stillstehen gebeugt und rissig. Würde endlich ein lesehungriger Besucher eintreten und eines der Bücher hervor ziehen, würde er große Augen machen: Auf fast allen Seiten der Bücher fehlen Buchstaben. Denn seit einiger Zeit lebt hier eine Familie von Bücherwürmern. Wotan und Wilma Wurm emigrierten in die Bibliothek mit der Encyclopaedia Britannica aus dem Jahr 1887. Sir Henry stellte seine Neuerwerbung neben die Brockhaus-Reihe, schnalzte zufrieden mit der Zunge und überließ die Bücherkammer wieder ihrem Eigenleben. Wilma und Wotan wurmten sich zuerst quer durch die britische Kunst und Wissenschaft und futterten sich alsbald durch exotischere Werke. Während Wilma eine Vorliebe für die geschmackvoll ausgereiften Sätze von Dostojewski entwickelte, fand Wotan seine Lieblingsbuchstaben in den französischen Klassikern. Besonders das blumige Aroma der Akzente über den Buchstaben waren ihm ein Genuss. Es dauerte nicht lange und sie bekamen eine Schar bücherbegieriger Kinder. Die Jüngste jedoch machte ihren Eltern Sorge: Lola kroch mit ihrem hellen schlanken Leib durch die gesammelten Werke von Thomas Mann und hatte dabei keinen einzigen Buchstaben verzehrt. Sie knabberte nur am unbedruckten Papier zwischen den Zeilen.

“Ich mag keine Wörter, sie schmecken so eindeutig”, jammerte Lola.

“Die Wörter sind die Essenz des Buches”, rief Mutter Wilma und rollte sich auf.

“Wörter weisen dir den Weg”, sagte Léa, eine ältere Schwester, die sich seit Monaten durch Musils “Der Mann ohne Eigenschaften” biss.

“In den Wörtern liegt die Wahrheit”, murmelte Bruder Ben.

“Wie kannst du den Sinn der Sprache auskosten, wenn du ihre Wörter nicht in dich aufnimmst?”, fragte der Vater.

“Der Geschmack ergibt sich aus den fehlenden Wörtern”, beharrte Lola und nahm einen weiteren Happen von zwischen den Zeilen.

Bin gespannt auf euer Feedback. Bis zum 19. April habe ich noch Zeit für die Auswahl des Texts und ggf. Feinschliff. Vielleicht möchte sich jemand von euch auch beim Schwäbischen Kunstsommer bewerben… Würde mich total freuen, liebe kreative Gefährt*innen dabei zu haben.

Madame Viola und die vergessene Stunde

Wer kennt sie nicht, die blaue Stunde zwischen 2 und 3 Uhr nachts, wenn die Welt sich ein wenig langsamer zu drehen scheint, es stiller wird und der Mond seine silbernen Fäden durch die Nacht spinnt.

Aber kennst du auch die lila Stunde? Sie gibt es nur 1 Mal im Jahr – wenn die Menschen die Zeiger der Uhr mit der Macht der Willkür um eine Stunde vorstellen und damit den Sommermodus einschalten, auch wenn die Natur noch lange nicht so weit ist. Falls du denkst, diese übersprungene Stunde gäbe es nicht, dann hast du dich getäuscht. Es ist die Stunde von Madame Viola.

Madame Viola ist hellwach in dieser lila Stunde, einer Stunde die außerhalb der Zeit liegt. Einer Stunde, die sich ewig dehnt, um dann in einem Moment zusammen geschoben zu werden wie eine Ziehharmonika zu einer Millisekunde. Wenn du genau hinhörst, kannst du diesen Ton und den Luftzug spüren, der beim Zusammenschieben der lila Stunde entsteht. Das Seufzen von Madame Viola duftet nach Lavendel. Das Besondere an der lila Stunde ist, dass in ihr alles passieren kann. In der lila Stunde sind alle Handlungen bedingungslos, bedenkenlos, sorgenlos – aber nicht bedeutungslos.

In dieser li-la-lo’sen Stunde treibt Madame Viola mit Vorliebe ihre Spiele im Gegenstrom der Zeit. Sie lässt die Regentropfen aufwärts fallen und dreht alle N E B A T S H C U B auf Links. Wenn Madame Viola übermütig wird, holt sie die Sonne hinter dem Horizont hervor und weckt die Vögel für ein Morgenständchen auf. Sie lässt die Katze bellen und den Hund miauen. Der Maulwurf wird zum Hellseher und der Wolf zum Veganer.

Sie kommt in dein Schlafzimmer, sammelt deine vergessenen Träume ein und hängt sie zum Trocknen auf die Leine. Sie hat eine bunte Sammlung dieser Traumfetzen, die sie kichernd in neuen Kombinationen zusammen näht und den arglosen Schläfern in der lila Stunde überzieht. Wenn du also einen Traum aus Kettenhemd, Schafspelz, Filzflicken und Silberfäden träumst, dann weißt du, wer dich darin eingehüllt hat.

Dann kommt der unausweichliche Moment, in dem der kurze Zeiger der Uhr den Stundensprung macht und die lila Stunde zusammendrückt auf dem schwarzen Balken der Vergessenheit. Aber glaube mir, es hat diese Stunde gegeben! Vielleicht kannst du noch den Duft von Lavendel riechen. Vielleicht entdeckst du eine sonnengoldene Strähne in deinem Haar. Vielleicht findest du Moos zwischen deinen Zehen vom Tanz auf der Waldlichtung. Madame Viola bewahrt alles auf, was in der lila Stunde geschehen ist.

Creative Commons. René Magritte: “L’empire des lumières”

Geburtstagstorte auf der Lesebühne – “SoNochNie”

Gestern war ich auf einer besonderen Geburtstagsfeier: Die offene Lesebühne “SoNochNie hat ihr 10-jähriges Jubiläum gefeiert. Die Gratulanten durften sich mit einem 3-MinutenText in eine Stoppuhr-Staffel zum Thema “Mensch, ist die groß geworden” einreihen. Den Spaß habe ich mir nicht entgehen lassen und meinen Torten-Text im grellen Scheinwerferlicht vorgelesen (ihr dürft ihn unten nachlesen) – zusammen mit über 10 anderen Schreibfreudigen, darunter meine Kommilitonin Sabine.

Die offene Lesebühne im “Zimmer 16” in Pankow habe ich schon im Januar kennengelernt. Die Bühne besteht aus einigen Holzbrettern (die die Welt bedeuten), einem Tisch und einer Sanduhr, die 15 Minuten lang rieselt. Jeder darf in diesem Rahmen seinen selbst geschriebenen Text vorlesen – wenn das Los auf einen fällt, denn es gibt immer mehr Anwärter, als Leseplätze. Der kleine Zuschauerraum ist gut gefüllt, an der Bar sitzen die Stammgäste. Einer der Stammautoren (Angela, Leo, Frank, Ulrike) eröffnen den Lesereigen, Leo moderiert, nach jedem Text gibt es aufschlussreiches Feedback aus dem Publikum (an diesem Abend ist sogar das Radio da). Der Moderator zieht sechs mal ein Los aus der Trommel – ich sitze mit meinem Text in der Hand auf heißen Kohlen und warte darauf, dass mein Name vom Zufall ausgewählt wird – habe aber kein Glück (Chance: 16:6). Es ist ein spannender und sehr unterhaltsamer Abend.

Für den Jubiläumsabend habe ich am Sonntag zum Thema (“Mensch, ist die groß geworden”) einen spontanen Text über (eine wunderländische) Alice geschrieben und darin mit Körpergröße und Umgebungsgröße gespielt (eigentlich geht es um das Erwachsenwerden), aber irgendwie ist der Text sehr melancholisch geraten. Für die Lesebühne wollte ich etwas mit mehr Feierlaune, also habe ich mich am Montagmorgen hingesetzt und einen zweiten Text geschrieben, der von einer surrealistischen Torte handelt – witzigerweise gab es am Abend tatsächlich eine Geburtstagstorte, die mit ihrer “10” wie frisch aus meinem Text gesprungen schien.

Der gestrige Abend wurde mit einem eigens für die Lesebühne verfassten Geburtstagslied am Klavier eröffnet, dann haben die 4 Stammautor*innen sehr originelle 10-minütige Texte vorgetragen, in denen sie sich ein “Spin-off” zu historischen Texten ihrer Mitautor*innen ausgedacht haben – da ging es um Begehren und Mordlust in der Nachbarschaft (Urs und die schwarze Orchidee), um den Weltuntergang mit geharkten Gärten und gewaschenen Haaren (und die Erdbeerstimme der Kassiererin namens Wolfgang Petri), um Kieselsteintürme und um einen Mann, der in Worte zerfällt. In der Pause wurde das Schnittchenbuffet eröffnet und die Torte angeschnitten.

Dann kam mein Highlight: Die Staffel der 3-Minuten-Texte. Wir Gastleser*innen haben uns aufgereiht und los ging es. Eine fulminante Parade unterschiedlichster Geschichten zum Jubiläumsthema. Ich komme an die Reihe, stelle mich vor das Mikro, das Scheinwerferlicht blendet alles andere aus, ich lese meinen Tortentext vor und höre sogar einige Lacher – das macht Spaß!

Eigentlich ist das Agieren vor Publikum ja überhaupt nicht mein Ding, in der Schulzeit habe ich mich vor Bühnenauftritten immer schüchtern gedrückt. Obwohl man sich mit dem Vorlesen eines selbst geschriebenen Textes stark exponiert, fällt mir das erstaunlicherweise heutzutage gar nicht so schwer.

Beschwingt von diesem positiven Erlebnis habe ich mich am Ende des Abends als “Themenbeauftragte” gemeldet und darf im Mai einen Text zum Thema “Sieben Streiche Leben” schreiben und vorlesen – hierfür hat das Publikum die Themen auf Zettel geschrieben und mir wurde ein Zettel zugelost. Freue mich schon auf weitere Leseabende SoNochNie.

Hier nun meine versprochenen Texte zu “Mensch, ist die groß geworden”:

Text 1: Alice

Alice stieß mit ihrem Fuß an das Ende ihres Betts. Entweder war das Bett geschrumpft, oder sie war gewachsen.

“Steh auf mein Schatz, das Frühstück wartet auf dich”, hörte sie die Stimme ihrer Mutter durch den Flur die Treppe hinauf schallen. Alice zog sich das Daunenkissen über den Kopf. Sie wurde eingehüllt von Dunkelheit und dem Duft nach Lavendel. Zehn Jahre lang hatte das Kissen in der Truhe mit dem Bettzeug gelegen. Mama hatte es eingemottet, überzeugt davon, dass es nur eine Frage der Zeit wäre, bis Alice wieder im Bett ihrer Kindheit liegen würde.

Ihr großer Zeh tastete über das weiß lackierte Holzbord am Fußende. Ja, da waren sie noch, die zwei Buchstaben eingerahmt von einem ungelenken Herzen, die sie mit ihrem Taschenmesser dort eingeritzte hatte. D + A. David und Alice. Was war aus dem schönen David geworden, der ihre Schulzeit hindurch jede große Pause in ein Abenteuerland verwandelt hatte? Eine Landschaft, in der Alice wie eine Sonnenblume nur eine Richtung suchte: die seiner blauen Augen.

In den letzten zehn Jahren hatte eine andere Sonne auf Alice niedergebrannt. Die UV-lastigen Strahlen Australiens hatten ihre Schultern mit unzähligen Sommersprossen besprenkelt und ihre roten Haare unter einen Hut gezwungen. David war aus ihrem Kopf hinaus gedrängt worden von Aufnahmeprüfungen, Erstsemesterparties, fliegenden Collegehüten, ihrem Platz vor dem PC in einem klimatisierten Großraumbüro auf der 28. Etage in Melbourne.

Als sie das Herz und die Buchstaben in ihr Bett geritzt hatte, schien alles möglich. Der Himmel war weit, ihre Träume kannten keine Grenzen.

Alice lugte unter dem Kopfkissen hervor und sah aus dem Fenster. Über ihr hing ein graues Stück Himmel im Quadrat. Ihr Leben passte in diesen Rahmen, wie ein Bild, das an den Rändern abgeschnitten war.

Mit Anstrengung schlug Alice die Bettdecke zurück und setzte sich auf. Ihr stieg der Duft von Zimtpfannkuchen in die Nase. Als sie klein war, war das ihre Lieblingsspeise gewesen. Jetzt hatte sie keine Vorlieben mehr. Alles schmeckte gleich grau. Sie saß auf der Bettkante und wollte nicht aufstehen. Ihr Kopf würde an die Decke stoßen. Nein, sie war nicht groß geworden, nur die Welt war so klein geworden.

Text 2: Die Geburtstagstorte

Heute ist dein Geburtstag und ich bin deine Tortenbäckerin. Ich backe nicht oft, aber was mir an Routine fehlt, gleiche ich mit Elan aus. Schon stehen die Zutaten aufgereiht vor mir. Ich greife zum Weizenmehl Typ 550. Die Packung ist noch halb voll. Ich habe sie letztes Jahr zu deinem 9. Geburtstag gekauft. Der Kuchen im letzten Jahr war ziemlich mickrig geraten. Ich hatte das Backpulver vergessen. Ich suche nach dem Verfallsdatum für das Weizenmehl. Es ist gerade abgelaufen. Aber seien wir doch mal großzügig. Ich lasse das pudrige Mehl in die Schüssel gleiten. Dazu gebe ich Zucker, Eier, Butter, Sojamilch, Vanille- und Rum-Aroma. Abgetropfte Kirschen geben dem Teig dunkelrote Farbtupfer. Eine handvoll Rosinen und Nüsse gesellen sich dazu. Halt, fast hätte ich schon wieder das Backpulver vergessen. Nur rein damit. Ein Schuss Eierlikör kann auch nicht schaden. Unter den Tortenbäckerinnen bin ich die Jazzspielerin. Die Improvisation ist meine Spezialität.

Nun steht mein Teig im Ofen und wächst in die Höhe. Zunächst bildet sich ein kleiner Hügel. Dann bläht sich ein Buckel auf, klettert über den Rand der Springform. Bevor die Backzeit um ist, ziehe ich das Mehlmonument aus dem Ofen. Die Form springt ab und das Backwerk von der Größe eines Autoreifens lässt meinen Küchentisch ächzen. Mit einer Schaufel verteile ich Sahnecreme auf der Torte und streiche sie mit einem Spachtel zu glatten Bahnen auf diesem Berg. Ich klettere auf meine Küchenleiter und richte zehn Kerzen auf deinem Gipfelplateau auf. Beim Verankern im Sandteigboden muss ich einige faustgroße Rosinen entfernen.

Jetzt ist die Geburtstagsgesellschaft da und wir sitzen gemütlich in den Ausläufern der Tortentäler. Du, mein liebes Geburtstagskind hast schon deine Stiefel geschnürt und wirst gleich mit Spitzmesser und Steiggabel die Torte erklimmen. Das Gipfelkreuz in Form einer Zehn liegt im Nebel, aber die Leuchtkerzen werden dir den Weg zeigen. Wir singen zum Abschied “Happy Birthday” und hoffen, dich spätestens zu deinem 11. Geburtstag wieder zu sehen, wenn du von deiner 10-Tausender-Torten-Tour zurück bist.

“Geschafft” – Blogparade BKS 13

Anna, eine Mitstudierende aus meinem Studiengang “Biografisches und Kreatives Schreiben” (BKS) an der ASH Berlin, hat zu einer Blogparade eingeladen. Das Thema lautet: “GESCHAFFT”. Gerne reihe ich mich mit diesem Beitrag in die Parade ein.

Was habe ich in letzter Zeit geschafft? Da fällt mir sofort mein Roman “Bei Stromausfall Liebe” (früherer Arbeitstitel: Blackout) ein. Seine Ursprünge hat die Geschichte in der Romanwerkstatt meines Studiums im Sommer 2018 – dort habe ich das Setting des Stromausfalls in Frankfurt am Main und die Figuren entwickelt und die ersten 15 Seiten geschrieben. Im November unter dem Ansporn des NaNoWriMo ist meine Geschichte an 30 sehr intensiven Schreibtagen zu einem vollständigen Roman gewachsen. Ein paar letzte Szenen Anfang Dezember und fertig war die erste Fassung.

Im Januar habe ich das Manuskript an Testleserinnen und -leser gegeben und von dreien ein sehr detailliertes und hilfreiches Feedback bekommen. In den letzten zwei Wochen habe ich mich dann in die Überarbeitung gestürzt. Hier habe ich den barocken Überschwang an Bildern und Metaphern heraus gestrichen und auch sonst versucht, Dialoge zu straffen und Füllwörter und inhaltliche Wiederholungen zu eliminieren.

Das war eine ganz schön intensive Arbeit am Text, nicht ohne Schmerzen. Die Devise von Steven King: “Kill your darlings” ging mir ständig durch den Kopf – ja, manchmal sind es gerade meine Lieblingsformulierungen, die der Schere zum Opfer fallen müssen. Dann habe ich noch ein bisschen am dramatischen Aufbau gerückt (einige Szenen zu Beginn in der Reihenfolge vertauscht, so dass die Hauptfigur Natasha im Einstieg präsenter ist). Und zu guter Letzt habe ich noch eine kleine Szene hinzu geschrieben, in der der Wiener Witwer (den man sonst nur durch seine Briefe kennenlernt und in einer Begegnung in einem Lebkuchenladen mit Banker Robert) in der Neuen Altstadt mit Yul, dem jungen Fahrradkurier, zusammen trifft – diese Verflechtung der Figuren hat meinen Testleser*innen gefallen und deshalb habe ich einen Nachschlag davon spendiert.

Dann war mein Manuskript bereit für den nächsten großen Schritt: Vor ein paar Tagen habe ich mein Werk (nebst Exposé, an dem ich auch ganz schön getüftelt habe) an einen etablierten Berliner Literaturagenten und an eine Agentin bei mir aus der Nachbarschaft gesendet. Jetzt heißt es abwarten und hoffen. Wird mein großer Traum von einer Veröffentlichung in einem Publikumsverlag irgendwann wahr werden? In einigen Wochen werde ich professionelle Einschätzungen zur Qualität und Vermarktbarkeit meines Manuskripts bekommen. Bin sehr gespannt! Immerhin habe ich es bis hierhin GESCHAFFT.

Meinen Schaffensprozess habe ich in einem Gedicht ausgedrückt, das ich der sprachlichen Einschränkung (“contrainte”) unterworfen habe, dass in jeder Zeile mindestens ein Wortelement aus GE-SCH-AFFT vorkommen muss – mit kleiner orthographischer Freiheit. Viel Vergnügen:

Ge-sch-afft

Ich habe geträumt von einer Geschichte

gespickt mit heldenhafften Figuren

gewürzt mit schurkenhafften Spielern

habe meine Ideen gewogen und verschoben

habe geschrieben und geschrieben

habe mich zu zuweilen gewunden und geschunden

aus meiner Schreibtischhafft sind

Buchstaben geflohen auf gebleichtes Papier

mal geisterhafft mal meisterhafft

haben sich beispielhafft verbunden

zu gesunden runden Gestalten

gestrickt von Masche zu Masche

zu einer romanhafften Handlung

bis zum gebührend glaubhafften Finale

Geschafft?

Nein, noch war nicht alles gelungen

habe alle Wörter gewendet und geräumt

gestrichen und gebrannt bis zur Asche

was zu bildhafft und zu geladen

klischeehafft und gebläht

Nun liegt das Werk seitenhafft vor mir

Eine Frage bleibt geflüstert und gerufen:

Gefällt es meiner Leserschafft?

Fühlt sich so der Jubel “geschafft” an?

Doch eher so! Geschafft – Romangipfel erklommen!

Willst du dienen oder herrschen? (Teil 2/2) – Ein Gastbeitrag von Dorit Günther

Nun möchte ich euch die Fortsetzung des Gastbeitrags von letzter Woche meiner Schwester Dorit präsentieren. Viel Spaß beim Lesen!

“Während wir in Teil 1 dieses Essays Beispiele für Ungehorsam der Dienenden erlebt haben, möchte ich nun mit dir Beispiele anschauen, in denen ein Diener sich (zunächst) der Hierarchie gehorsam unterordnet.

Los geht es mit Knechtschaft in Paris: Der französische Spielfilm „Monsieur Chocolat“ (2016) basiert auf der Biografie von Rafael Padilla (genannt Chocolat), der um 1880 als Sohn von afro-kubanischen Sklaven im Kindesalter nach Frankreich kommt. Zunächst arbeitet Padilla als Schauobjekt „Negerkönig“ mit einem Affen im Zirkus, gelangt dann in Paris um 1900 zu großem Ruhm – und zwar als Partner des französischen (weißhäutigen) Clowns George Footit. Das innovative Konzept des Clown-Duos ist, dass der schlaue „Weißclown“ mit dem farbigen Clown interagiert, der die Rolle des „dummen August“ übernimmt. In den Sketchen erhält der Dunkelhäutige Ohrfeigen und Tritte von seinem Chef, dem Weißclown, der ihn bei Ungehorsam „in seine Schranken weist“. Auf den Werbeplakaten wird der Afrikaner affenähnlich karikiert. Das alles gefällt dem Pariser Publikum, weil es zu seinem Bild der „unterlegenen“ Ureinwohner der kolonialisierten Länder passt.

Apropos: Wusstest du, dass in den Villen der Kolonialherren in Afrika die Türklinken absichtlich so tief (auf Kniehöhe) angebracht wurden, damit der farbige Diener sich beim Türöffnen automatisch tief vor den Herrschaften verbeugen muss?

Szene aus dem Spielfilm „Monsieur Chocolat“ (2016)

Und wie gestaltet sich das Kräfteverhältnis der beiden Clowndarsteller hinter den Kulissen? Anfangs ist die Zusammenarbeit eine Zweckgemeinschaft: Footit ist der künstlerische Leiter und Manager des Duos und streicht die doppelte Gage ein, obwohl Padilla/Chocolat der größere Star ist, was zu Konflikten führt. Im Privatleben haben die beiden wenig gemeinsam: Padilla/Chocolat verprasst sein Geld und sucht den Rausch im Glücksspiel und Alkohol. Er hält das asketische Leben von Footit für seltsam freudlos. Dennoch haben die beiden eine Verbundenheit, in der Freundschaft mitschwingt. Footit versucht, seinen Bühnenpartner vor Schicksalsschlägen und Selbstzerstörung zu schützen – teils aus Eigennutz, teils aus Verantwortungsgefühl. Nach Jahren des Niedergangs sucht Footit Padilla/Chocolat an dessen Sterbebett auf und zeigt seine Zuneigung. Padilla/Chocolat zerbricht daran, dass er aus seiner Rolle als geprügelter Diener ausbrechen will – ohne es zu schaffen.

Hier sehen wir, wie die Gesellschaft Menschen einer bestimmten „Rasse“ die Rolle des versklavten Dieners zuweist und sie darin fesselt. Der gleiche Mechanismus funktioniert noch heute bei Ethnien und auch bei einem sozialen Gefälle.

Reisen wir nun nach Japan: In der Puccini-OperMadama Butterfly“ – siehe auch den Beitrag von Ulrike dazu – (1904 uraufgeführt, Libretto von Luigi Illica) steht die japanische Geisha Cio-Cio-San (genannt Butterfly, 14 Jahre) im Mittelpunkt, eine Nebenfigur ist deren Dienerin Suzuki. Schauplatz ist Nagasaki um 1900. Dass das Leben einer Geisha in dieser Oper als Prostitution dargestellt wird, ist ein Irrtum des italienischen Librettisten. Vielmehr waren Geishas in der damaligen japanischen Gesellschaft als Künstlerinnen und Unterhalterinnen in Teehäusern hoch angesehen, das Dienen galt als ehrenvoll.

In dieser Oper ist Butterfly Opfer des amerikanischen Marineoffiziers Pinkerton, der eine Geliebte sucht und die 14-Jährige nach japanischer Sitte heiratet, was für ihn Spiel, für sie Ernst ist. Nach kurzer Zeit reist er ab und lässt Butterfly schwanger zurück, für Haus und Dienerin Suzuki zahlt er den Unterhalt. Nach drei Jahren kehrt Pinkerton mit einer amerikanischen Braut zurück und entreißt Butterfly ihren kleinen Sohn. Sie nimmt sich das Leben.

Welche Rolle spielt die Dienerin Suzuki? Sie ist eine mütterliche Freundin, fast auf Augenhöhe: Sie möchte Butterfly vor Leid bewahren, aber sie kann in ihrer Machtlosigkeit keinen Einfluss auf das Geschehen nehmen. Anders als bei Opern des 18. und 19. Jahrhunderts üblich, in denen die Dienerinnen nur Stichwortgeberinnen sind, verkörpert Suzuki in dieser Oper die japanische Tradition und den buddhistischen Glauben. Während Butterfly sich christlich taufen ließ, um Pinkertons Braut zu werden und dafür von ihrer Familie verstoßen wurde, bleibt Suzuki dem Buddhismus treu, trägt die traditionellen Gewänder und betet oft. Darüber führen Suzuki und Butterfly ein Streitgespräch, Letztere sagt: „Der christliche Gott ist stärker als Buddha. Er weiß nur nicht, dass wir hier sind.“ Erst in ihrem Freitod („Seppuku“) kehrt Butterfly zur japanischen Sitte zurück und sagt: „Ehrenvoll sterbe, wer nicht länger mehr leben kann in Ehren.“ Das Schicksal von Suzuki bleibt offen.

Pressefoto des Nationaltheaters Mannheim: Szene aus „Madama Butterfly“ (Ludmila Slepneva als Cio-Cio San) mit Dienerschaft. Fotograf: Hans Jörg Michel.

In dieser Geschichte werden die japanischen Frauen unterjocht vom westlichen „Yankee“. Es besteht ein Machtgefälle nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern auch zwischen den Kulturen.

Blicken wir nun auf ein Beispiel, in dem der gesellschaftliche Stand in England eine Rolle spielt. Im Roman „The remains of the day“ (1989, Trailer der Verfilmung 1993) von Kazuo Ishiguro steht das Leben des Butlers Stevens im Mittelpunkt, das Geschehen wird in einem Rückblick durch seine Augen erzählt. Viele Jahre (1920er bis 40er Jahre) dient er auf dem Landsitz Darlington Hall (Oxfordshire). Sein Beruf als Butler ist sein Leben, er ordnet seine persönlichen Bedürfnisse dem Dienst unter. Dieser Ehrenkodex (er nennt es „die Würde des Dienstmannes“) bezieht sich auf sein Agieren als Diener und als Vorsteher des Haushalts, der streng hierarchisch ist. Dies gibt ihm Zufriedenheit und Selbstwertgefühl. Stevens verehrt(e) seinen Dienstherrn Lord Darlington, widerspricht nie und führt die Anordnungen (z. B. das Entlassen jüdischer Dienstmädchen, wozu es aus Sicht des Butlers keine Veranlassung gibt) ohne Widerrede aus, weil er auf die moralische Ehrbarkeit des Lords vertraut. Damit gibt er die Verantwortung für ethische Entscheidungen ab.

Es gibt eine interessante Szene mit Rollentausch: Als Butler Stevens beim Besuch einer dörflichen Herberge von den Gästen wegen seines würdevollen Auftretens für einen „Gentleman“ gehalten wird, klärt er dieses Missverständnis nicht auf. Vielmehr erzählt er in der Rolle des Adligen von den prominenten Gästen auf dem Landgut.

Butler (Foto von pixabay, freie Nutzung)

Stevens strebt formvollendete Manieren und Konversation an. Er serviert diskret bei Tisch, wenn der Lord deutsche Nazis zu Gast hat und mit ihnen kollaboriert. Sein Ideal als Butler ist höchste Diskretion, deshalb hört er den privaten Gesprächen nicht zu bzw. blendet diese aus. Einige Jahre später ist er geschockt und desillusioniert, wenn ihm die verwerflichen Machenschaften seines Dienstherrn vor Augen geführt werden. So kommt er zu der Einsicht, dass er einem Menschen dienen möchte, der auch wirklich einen ethisch fundierten Lebenswandel hat. Er überdenkt sein Bild von sich als Diener: Blinder Gehorsam ist nicht der richtige Weg!

Liebe Leserin, lieber Leser, was denkst du über die Rolle der Dienerin bzw. des Dieners? Fallen dir asymmetrische Beziehungen in der heutigen Zeit ein? Ich bin gespannt auf Kommentare.

PS: Danke, Ulrike, für dein schönes Märchen „Der geföhnte Pudel oder Mit Siebenmeilenstiefeln zur wahren Größe“. Hierin lenkt der Pudel als gewitzter Diener das Geschick seines Herrn – was eine Inspirationsquelle für meine Gedanken zu diesem Thema war.”

Willst du dienen oder herrschen? Reise mit Sprach- und Klangbildern durch die Epochen und Kulturen! (Teil 1/2) – Ein Gastbeitrag von Dorit Günther

Heute möchte ich euch diesen spannenden Gastbeitrag meiner Schwester Dorit Günther präsentieren. Viel Spaß beim Lesen.

“Neulich saß ich im Saarländischen Staatstheater in der Oper „Die Tote Stadt“ (Korngold, 1920) und war berührt, als die flämische Magd Brigitta über ihren Dienst im düsteren Hause eines trauernden Witwers sang „wo Liebe [ist], dort dient eine arme Frau zufrieden“. Auf der Heimfahrt dachte ich an andere Opern, Filme und Romane, in denen Dienerinnen und Diener prominent vorkommen und mir fiel auf, dass sich jede Figur anders verhält. Was bedeutet es, einem Vorgesetzten zu dienen? Welche Motivation und welchen Spielraum haben die Dienenden?

Pressefoto des SST: Szenenbild aus „Die Tote Stadt“ mit Judith Braun als Brigitta. Inszenierung von Aron Stiehl, Bühnenbild von Nicola Reichert.

Über viele Epochen und Kulturen hinweg zeigt sich, dass die Menschen das „Dienen“ meistens als ein hierarchisches Verhältnis verstehen: Die Mächtigen knechten Schwächere und lassen sich von ihnen bedienen.

Möchtest du mehr wissen? Schauen wir uns einige Stoffe an, in denen reichhaltige Sittengemälde lebendig werden. Die erste Station unserer Reise ist Sevilla im 17. Jahrhundert, Schauplatz der Mozart-Oper „Don Giovanni“ (Libretto von Lorenzo Da Ponte; 1787 uraufgeführt). Dort ist die Handhabung des Gehorsams eine komplexe Angelegenheit.  Leporello dient dem Protagonisten Don Giovanni (Don Juan) und ist eine zweite Hauptfigur.

Bühne frei: Leporello eröffnet die Oper mit einem wütenden Gesang, wie sehr ihn sein Dienstherr nervt, der Abenteuer auslebt, während er selbst Schmiere stehen muss: „Tag und Nacht nur Schinderei für einen, der’s nicht zu schätzen weiß. Ich halte Wind und Regen aus, esse schlecht und schlafe schlecht. Ich will selbst ein Herr und nicht mehr Diener sein”:  „Notte e giorno faticar“.  Wir lernen Don Giovanni also zunächst durch die Augen seines Dieners kennen, der ihn einen unehrlichen Übeltäter („malandrino“) nennt. „Feiner Ehrenmann“ sagt Leporello ironisch, als Don Giovanni gerade eine Frau entehrt.

Wie der Name „Leporello“ (Schriftrolle) sagt, sieht Don Giovanni seinen Diener als lebendiges Logbuch seiner Fraueneroberungen. Und er braucht Leporello als Publikum für seine Verführungskünste. In der aktuellen Inszenierung von Nicolas Brieger am Hessischen Staatstheater tätowiert sich Leporello die Liste von Giovannis Frauen auf die eigene Haut. In traditionellen Inszenierungen trägt Leporello ein Büchlein bei sich, in dem er alles notiert und auch daraus referiert, zum Beispiel in der berühmten Arie „Madamina, il catalogue e questo“. Er zählt die 1003 Frauen auf, die sein Herr in welchem Land erobert hat.

Pressefoto des Hessischen Staatstheaters: Szenenfoto mit Leporello (Shavleg Armasi) mit tätowierter Liste. Fotografin: Monika Forster.

Leporello scheint sogar stolz auf die unmoralischen Machenschaften seines Herrn zu sein. Am liebsten möchte er selbst in diese Rolle schlüpfen, was ihm im Verlauf der Oper auch gelingt, wenn er mit Don Giovanni (auf dessen Wunsch hin) die Kleidung tauscht. Leporello täuscht einer Frau gegenüber vor, Giovanni zu sein und hat Spaß daran.

Don Giovanni selbst ist ein Freigeist, dient niemandem und zeigt Ungehorsam gegenüber Gesetz, Religion und den gesellschaftlichen Konventionen. Dass Don Giovanni in der ersten Szene den Komtur (Vater eines Verführungsopfers) im Duell tötet, hat Symbolcharakter, da der Komtur ein Vertreter der Gerichtsbarkeit und Vorgesetzter eines geistlichen Ritterordens ist. Die bestrafende Macht im Finale tritt in Gestalt des Komturs auf.

Die Beziehung zwischen Leporello und Don Giovanni ist ein Kräftemessen, sie wird immer wieder verhandelt. Auf witzige Weise wird dies sichtbar, wenn Leporello im letzten Akt beim Festmahl seinem Herrn die Köstlichkeiten servieren soll, dabei aber selbst davon nascht. Don Giovanni verbieten es ihm, während er selbst im Genuss ohne Reue schwelgt.

Leporello ist zwar ein Sympathieträger, aber seinem Herrn nicht moralisch überlegen, da es selbst gerne wie Giovanni wäre. Die Oper verlockt auch den Zuschauenden dazu, den ruchlosen Giovanni in sich selbst zu entdecken, denn dieser ist als charismatischer Genussmensch ein anziehendes Vorbild: „Ich tue, was mir gefällt!“ Was für eine Freiheit!

Im Finale der Oper wird Giovanni in die Hölle geschickt. Dies ist jedoch keine moralisch gefällige Auflösung, denn Don Giovanni zeigt sogar im Angesicht des Todes weder Reue noch Einsicht. Der Diener Leporello sieht das ganz pragmatisch: „Jetzt gehe ich ins Wirtshaus und suche mir einen neuen Herrn.“

In der Mozart-Oper „Die Hochzeit des Figaro“ (1786 uraufgeführt, italienisches Libretto von Lorenzo Da Ponte, basierend auf der Theaterkomödie „La Folle Journée ou le Mariage de Figaro“ von Pierre de Beaumarchais) dient der Kammerdiener Figaro dem Grafen Almaviva. Die Handlung spielt um 1780 am Schloss des Grafen Almaviva bei Sevilla.

Während Leporello und Don Giovanni in einer kratzbürstigen Symbiose leben, herrscht zwischen Figaro und dem Grafen eine Feindschaft, die unter dem Mantel der Förmlichkeit ausgetragen wird. Im verbalen Schlagabtausch sind sie einander ebenbürtig in Eloquenz und Spitzfindigkeit. Im Laufe der Geschichte stellt sich heraus, dass Figaro von hochrangigen Eltern stammt, er also ein Anrecht auf eine höhere Stellung in der Gesellschaft hat.

Figaro verteidigt sich und seine Verlobte Susanna gegen die Forderung des Grafen, die Tradition der „prima notte“ einzufordern, d.h. er will bei der Hochzeit seines Dieners die erste Nacht mit der Braut Susanna verbringt. Figaro spielt gegenüber dem Grafen den folgsamen Diener, versucht jedoch aus der Not heraus (nicht aus Boshaftigkeit) diesen auszutricksen.

Susanna ist Kammerzofe der Gräfin Rosina Almaviva. Sie ist nicht nur eine Vertraute der Gräfin, sondern eine gewitzte Helferin wenn es darum geht, die Gräfin aus einer brüskierenden Situation zu retten. So verhindert Susanne durch trickreiches Versteckspiel, dass der Graf die Gräfin beim Fremdflirten mit einem jungen Pagen ertappt. Weiterhin setzt Susanna ihre Gewitztheit dafür ein, ihre eigenen Interessen zu verfolgen. So muss sie sich clever gegen die sexuellen Übergriffe des Grafen im Alltag wehren. Letztendlich gelingt Susanne mit der Hilfe von Figaro eine List, den Grafen beim Fremdgehen vor den Augen der Gräfin zu entlarven. In dem Täuschungsspiel tauschen Susanna und die Gräfin die Kleidung, jede nimmt die Rolle der anderen ein, so verführt die Gräfin ihren Gatten „als Susanna“, der darauf hereinfällt. Am Schluss verzeiht die Gräfin ihrem Gatten großmütig, was jedoch ambivalent bleibt und kein Happyend ist (je nach Inszenierungen gibt es ironische Brechungen).

Das Theaterstück ebenso wie die Oper führt dem Zuschauer die moralische Verworfenheit, das Heuchlerische und Ausnutzen von Macht seitens der Höhergestellten vor Augen. Die Dienenden sind die Identifikationspersonen. Anders als in „Don Giovanni“ streben sie hier jedoch nicht an, so wie ihre Herren und Herrinnen zu werden.

Im Nachklang der Weihnachtszeit bietet sich ein Blick ins Neue Testament an, zumal sich die abendländische Kultur auf christliche Prinzipien stützt. In den Evangelien wird Jesus als der vollkommene Diener oder Knecht Gottes gezeigt („Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele”, Mt 20,28). Er verfolgt nicht seine eigenen Interessen, sondern ist immer für andere da, heilt die Kranken, kümmert sich um die Bedürftigen und lehrt ein tolerantes Miteinander und Einfühlungsvermögen. Jesus könnte – als Sohn Gottes – der mächtigste Mensch auf Erden sein könnte, nimmt aber die Rolle eines Dieners ein und erbringt das größte Opfer, indem er sich selbst als Stellvertreter für die Sünden der Menschen mit dem Tod bestrafen lässt. Der Mensch in ihm hat Angst davor und betet kurz vor seiner Verhaftung: „Mein Vater! Wenn es möglich ist, lass den Kelch des Leides an mir vorübergehen. Doch ich will deinen Willen tun, nicht meinen.“ (Mt 26,39). Und er gehorcht tatsächlich.

Nach Sascha Bastian (2014) lassen sich die Eigenschaften von Jesus als Diener wie folgt zusammenfassen: „Der Diener ist für andere da, der Diener sucht nicht seine Ehre, der Diener gehorcht seinem Herrn.“

Wie wird dieses Gedankengut in der Populärkultur gelebt? Die Operncharaktere, die wir bisher kennengelernt haben, weichen stark von dem Ideal, das Jesus verkörpert, ab. Die Orientierung an Jesus ist auch keineswegs ihr Lebensziel. Interessant ist, dass die Librettisten und Komponisten die gesellschaftlichen Regeln – die oft in Abweichung von den christlichen Werten ausgelebt werden – kritisch in Frage stellen.

Nun komme ich auf Brigitta zurück (Die Tote Stadt), sie ist eine alleinstehende Frau aus armen Verhältnissen und lebt um 1910 im streng katholischen Brügge. Wirkt sich das auf ihre Art des Dienens aus? Brigitta eröffnet die Handlung der Oper in einem Dialog mit Gast Frank, dem Freund des Hausherrn Paul. Sie beschreibt, wie Paul um die verstorbene Ehefrau trauert, die er zu einer Heiligen verklärt hat: Ihr Zimmer ist sein Heiligtum mit einem Schrein zu ihrem Gedächtnis. Nur Paul und Brigitta dürfen diese „Kirche des Gewesenen“ betreten, die Dienerin hat eine Vertrauensposition inne, sie teilt mit ihrem Herrn das Andenken an die Verstorbene.

Die Stadt spielt eine Hauptrolle: Seit der Fluss als Handelsverbindung im Mittelalter versandet war, fiel Brügge in einen Dornröschenschlaf, in dem das Alte konserviert wird, besonders die katholische Frömmigkeit. Auch der Lebensfluss einiger Bewohner ist ins Stocken geraten, so beim Witwer Paul. Brigitta ist eine selbstlose und genügsame Dienerin und kommt dem christlichen Ideal nahe. Allerdings hat sie sich dafür einen klosterähnlichen Schutzraum im Haushalt von Paul gesucht. Ob ihre dienende Gesinnung auch einem komplexeren sozialen Umfeld standhalten würde?

In einem Angsttraum durchlebt Paul die Vision, dass Brigitta ihren Dienst bei ihm quittiert und ins Kloster geht. Brigitta verlässt ihren Dienstherrn, da er nicht mehr nach ihrem Ideal handelt: Er gibt sein keusches Andenken an die verstorbene Frau auf und stürzt sich in eine Affäre mit der Tänzerin Marietta, die seiner toten Frau gleicht. Brigitta sagt: „Ich floh die Sünde, blieb der Toten treu.“ Sie kann Paul in seinem neuen Lebenswandel nicht beeinflussen, allerdings rechtfertigt er sich gegenüber Brigitta und möchte ihr sein Handeln verständlich machen („auch ich verriet sie [Gattin] nicht trotz jener Frau“). Brigitta antwortet: „Mein schlichter Sinn versteht das nicht. Ich werde für Ihre Seele beten.“

Man kann es kritisch sehen, dass Brigitta in einem veralteten Glaubenskorsett gefangen ist und in einer „Blase“ konservierter Vergangenheit lebt. Auf mich wirkt Brigitta jedoch sympathisch, weil sie von sich sagt, dass sie dort dienen möchte, wo Liebe ist.

Was für ein (Zwischen-) Fazit lässt sich ziehen? Dynamik entsteht dadurch, dass sich das Verhältnis zwischen Dienendem und Bedientem im Laufe des Miteinanderlebens verändert und ausgehandelt wird.

In Teil 2 dieses Essays wird unsere Reise weitergehen nach Paris, Nagasaki und in die Grafschaft Oxfordshire.”

Nächsten Montag geht es weiter mit Teil 2.

STILLvester

“Silvester – niemand will mich haben,”

flüstert die Stille mit gesenktem Kopf,

“verschmäht werden meine Gaben,

überflüssig bin ich wie ein Kropf.”

 

“Heute lassen wir es krachen,”

ruft ein Mensch mit schweren Tüten

“Feiern, saufen, grölen, lachen,

vor der Stille muss man sich hüten.”

 

Im Supermarkt greifen gierige Hände

nach Chinaböllern und Raketen,

zittern sollen Ohren und Wände,

wir verballern maßlos lose Moneten.

 

Vorsätze fassen und zum Lidl hasten,

fehlt noch der Käse zum Fondue.

Nen Kasten Bier ist nix zum Fasten.

Gute Stimmung gegen böse Geister hollerhü.

 

“Hört mich denn keiner, wenigstens einer?”,

säuselt die Stille und hebt ihren Blick.

Knall – ha ha – da jault ein Vierbeiner.

“Rutschen wir rein mit Wumm im Genick!”

 

Glanz und Getöse erhellen das Firmament

zwischen blassen Sternen und Mond im Wolkenkleid.

“Verschwinden will ich bis mich einer erkennt,”

sagt die Stille und niemand hört ihr Leid.

 

Grauer Kater schleicht im Morgendunst.

Blei im Kopf und in den Gliedern.

Im neuen Jahr wird alles Kunst.

Singen neue Texte zu alten Liedern.

 

Vögel schweigen – haben Tinnitus,

Hunde kläffen, Herrchen schnarcht,

Tellerstapel in der Spüle, Tiefstand im Spiritus,

Straßen tragen Schlachtfeldtracht.

 

Gähnen, recken, strecken Finger nach den Tasten:

TV, Radio und Phone – PLAY ON – PLAY ON.

“Pfeifen wir auf Ohrensausen, wozu rasten?”,

ruft ein Mensch, gegen Zweifel hilft der Ton.

 

“Frohes Neues”, hallt es aus vielen Mündern.

Was heißt das? Schon verklungen und vergessen.

Im Schall müssen sie keine Gedanken plündern.

Abseits wandert die Stille ohne Rückkehradressen.

 

“Ach, wäre doch nur einmal STILLvester!”

Mias Blog-Adventkalender 2018 – Weihnachten und andere Monsta – Türchen 11

Willkommen zu Mias Blog-Adventkalender 2018 – Weihnachten und andere Monsta. Auch in diesem Advent gibt es wieder eine spannende Gemeinschaftsgeschichte. Was bisher geschah (in kursiv):

Und da war es, das erste Türchen. Für das hatte sie sich als Ideengeberin natürlich verantwortlich gefühlt. So ein Anfangstürchen gibt die Richtung vor. Zack, da ist sie!  Zumindest für den ersten Raum, den die Menschen betreten, wenn sie mit den ersten Worten mitten hineingeführt werden. Sie bekommen vielleicht ein Gefühl dafür, was das für ein Raum ist, in dem sie sich befinden.

„Es duftet nach Kakao“, sagt Monsta und folgt dieser süßen Spur. „Da, ein Tannenbaum mit geschnitzten Holzfiguren!“, ruft Max und läuft dorthin. Roland malt ein Bild von dem Raum, Scrabbie hängt ihren Boxsack in die Ecke, Gustav gibt ihr Klugscheißer-Ratschläge und Lysander unterhält sich mit Otte.

Viele weitere Türchen werden sich bestimmt öffnen. Nicht immer an dem Tag, an dem wir sie brauchen. Das ist dann wie im Leben. Manchmal sehen wir zu lange auf eine geschlossene Tür, bis wir merken, dass eine andere längst geöffnet ist. „Du kannst ja einfach das Fenster nehmen!“, grinst Monsta und zeigt mir, wie das geht.ch rüttelte ihn unsanft wach. Er hatte es schließlich versprochen, hoch und heilig hatte er es versprochen. Ich hätte es besser wissen müssen. Ich versuchte ihm den Teebeutel unter dem Arm wegzuziehen.

„Hey, du bist dran!“, rief ich noch einmal. „Was, was ist los?“, fragte er, noch völlig verschlafen und von nix eine Ahnung. „Du bist dran mit dem 2. Türchen und das schon seit Stunden!“, schimpfte ich. „Aber, ich entspanne doch gerade so schön mit meinem Teebeutel!“, beschwerte sich Monsta und gähnte. „O.k., ich bin ja gar nicht so. Also, ich öffne jetzt das 2. Türchen und dann kann es endlich losgehen mit der Geschichte, oder?“ Er ließ seinen Teebeutel in der Tasse, stieg teenass aus der Tasse und kletterte, kleine Pfützen hinterlassend, durch das Fenster. „Ich mache das Türchen von der anderen Seite auf!“, rief er und rüttelte an dem 2. Türchen, Nichts. Er rüttelte weiter. „Es klemmt!“ Rütteln. Nichts. Rütteln. Nichts.

„Vorsicht, ich nehme Anschwung. Geh lieber zur Seite!“ Ein lauter Knall und Monsta flog mit dem zweiten Türchen herüber zu mir. „So, das Türchen wäre soweit!“, grinste er und schüttelte sich. Ich lachte. Die Geschichte brauchte noch ein wenig, um sich von dem Schreck zu erholen, als sie so plötzlich im Raum stand, aber bis morgen wird sie sich erholt haben.

Wenn eine Tür zu klemmt oder sich nur mit ganz großer Kraftanstrengung öffnen lässt, ist es besser, sie geschlossen zu lassen und eine andere zu öffnen. Das passt doch besonders gut in die Adventszeit. Da entlanggehen wo es leicht ist… stattdessen machen wir uns das Leben oft schwer. Adventszeit heisst doch still werden, das Gute erwarten, behutsam vorangehen. Und was machen wir? Wir kämpfen immer mal wieder gegen das was ist. Nun ja, Monsta wollte nun mal unbedingt dieses Türchen öffnen. Und ja, es war dann ja auch genau richtig. Manchmal lohnt sich ja zu kämpfen. Genau hinter diesem Türchen verbarg sich nämlich eine Wortwolke, die wie geschaffen schien, um daraus eine wunderbare Geschichte für alle Monstas und Mias und alle anderen kleinen und großen Menschen zu erzählen.

Da standen in krakliger Schrift viele gute Zutaten für eine wirkliche Adventskalendergeschichte:

Wünsche, Advent, Weihnachten, Liebe, Frieden, Sehnsucht, Türen, Engel, strahlen, Freundschaft, Mysterium. „Schnee“ und „Winter“ lies sich nur ganz knapp entziffern. Einige weitere Worte waren gänzlich verwischt, man konnte sie nicht entziffern. Auch wenn Monsta sich noch so anstrengte… Aber er hatte ja selbst noch so viele Ideen mehr… 

 Monsta und Mia schauten mit aufgerissenen Augen auf ihren Gast, der sich in einer geschmeidigen Bewegung aus der Teepfütze erhob und nun in Form einer Kartoffel vor ihnen saß. Sein Körper sah aus wie ein durchsichtiger Wackelpudding, in dessen Innern kleine Lichtpünktchen in Grün und Gold aufblinkten, wie bei einer phosphoreszierenden Alge.

„Haaatschiiiii“, machte das Wesen und schoss dabei in die Höhe wie eine Gurke und blinkte hellgrün auf. Dann sackte es wieder in sich zusammen und sah jetzt wie eine zitternde Birne aus. „Entschuldigung, dass ich hier so mit dem Türchen ins Haus gefallen bin. Darf ich mich vorstellen: Ich bin das Mysterium“, sagte das Mysterium. „Ah, bist du unsere Adventsgeschichte?“, wollte Monsta wissen und grinste verschmitzt mit allen seinen fünf Zähnen. „Ich bin die Pointe der Geschichte“, sagte das Mysterium und leuchtete golden auf. „Aber ich habe mich leider in der Tür geirrt und bin viel zu früh dran. Ihr hattet es so eilig.“ „Was machen wir nun mit dir?“, fragte Mia.

„Ihr könnt mir helfen, die anderen Figuren der Geschichte suchen zu gehen. Sie sind beim schwungvollen Türchen öffnen von der Fensterbank nach unten in den Schnee gefallen.“  „Nach wem sollen wir denn Ausschau halten?“, fragte Monsta und strubbelte sich voller Tatendrang mit seinen kleinen Händen im Zottelhaar. „Der Prolog hatte schon seinen Auftritt, den müsst ihr nicht mehr suchen. Haltet die Augen auf nach Fräulein Freundschaft und Kammersängerin Sehnsucht. Herr Winter hat ziemlich frostige Manieren, aber vielleicht findet ihr noch heraus, was man tun muss, damit er auftaut.“

„Bin schon unterwegs“, rief Monsta und wollte losfliegen … „Halt!“, rief das Mysterium aufgeregt. „Eile mit Weile, liebes Monsta. Und überlege, in welcher Reihenfolge ihr die Figuren suchen müsst, derweil ich mich wieder in das letzte Türchen quetsche und meinen wohlverdienten Adventsschlaf weiterführe.“ „Wie? Du willst Mia und mir gar nicht helfen? Was ist denn, wenn wir nicht weiterkommen oder etwas falsch machen?“

„Papperlapp. Ihr habt Angst, nicht weiterzukommen, da lachen ja die Rentiere. Ich glaube, ihr seid umgeben von Menschen und Traumgestalten, die nur darauf warten, euch zu unterstützen. Manchmal müsst ihr einfach fragen. Mehr Mut zum Wort, sage ich!“  Monsta schüttelte seine strubbeligen Haare und guckte das Mysterium verständnislos an. Dann wandte es sich lieber an Mia. „Ach Mia, wäre das nicht schön, wenn …“ „Die Sehnsucht! Monsta, das ist es, du hast dich doch gerade nach etwas gesehnt. Nach was ist jetzt ganz egal. Du kannst es mir später erzählen. Ich möchte es auch unbedingt wissen, aber ich glaube, die Sehnsucht, die Kammersängerin Sehnsucht ist die Erste, die wir suchen müssen.“  Monsta sprang vor Freude in die Höhe und das Mysterium lächelte still vor sich hin, bereit in sein Schlafgemach zu klettern. „Zieh dir die Schneeschuhe an Mia, es geht los. Wenn du dich an mir festhältst, können wir sogar durch verschlossene Türen gehen.“ „Jetzt echt?“ Mia tippte sich verstohlen an die Stirn. Sie musste doch gleich mal an Monstas Teebeutel schnuppern. 

 „Fast. Du musst nur ganz fest an deine größte Sehnsucht denken.“

Mia schloss die Augen und versuchte sich zu erinnern. Es war so Gott verdammt lange her, dass sie an ihre Sehnsucht gedacht hatte. Sehnsucht hatte irgendwas mit Träumen zu tun, daran erinnerte sie sich vage und Träume hatte sie längst aus ihrem Leben gestrichen. Wären Monsta & Co. nicht ihre Kumpels und Kumpelinen hätte sie sie wahrscheinlich komplett vergessen, aber so? Keine Chance und schon stupste Monsta sie ungeduldig von hinten an: „Auf geht´s, ab geht die wilde Fahrt! Scrabbie hat mir vorhin noch zugerufen, wo wir die Kammersängerin Sehnsucht finden können.“ „ Jaaaaa, totenhunderprozentigseelensicher… sie wohnt dort, wo der Osten auf einmal zum Westen wird, an jener feinen Grenze passt sie auf, dass ja keine Sehnsüchte die Welt verlassen können. Und wenn eine doch herunterzupurzeln droht, hilft ihr Max Erfindung des Sehnsuchtsfangnetzes (übrigens in sattem Magenta!) sie doch hier auf Erden zu behalten.”

Zisch, plitsch, braus, – Monsta und Mia waren nun nicht mehr aufzuhalten und sausten im Dunkel der Nacht davon…

Durch die Nacht also, flogen Monsta, Mia, Max, Scrabbie und Roland, auf der Suche nach Kammersängerin Sehnsucht, landeten sanft aufgefangen vom Sehnsuchtsfangnetz am Hain und sahen vor sich eine schier endlose Schlange Wartender. „Das wird ewig dauern“, seufzte Monsta, „wenn wir überhaupt reinkommen…“  „Ist Max nicht viel zu jung, Mia?“  „Keine Sorge, Scrabbie hat uns noch an jedem Türsteher der Stadt vorbeigebracht!“ „Ich will endlich tanzen!“, puffte Roland Nebelwölklein in die Kälte.

Nach drei endlosen Stunden standen sie endlich ganz vorne. Gerade wollte der Zerberus zu einem „Heute nicht…“ und einer abweisenden Geste ausholen, als eine engelsgleiche Stimme erklang, fanfarenbegleitet, und in güldenem Licht die Kammersängerin Sehnsucht herniederfuhr, den Türsteher umarmte und so lange küsste, bis die Sehnsüchtigen endlich begriffen, dass sie in den Tempel der Unschuld schlüpfen konnten, huschhusch, raschrasch.

Kaum drin, standen sie schon ungeduldig in der nächsten Schlange, vor den Klos, zwischen leichtbekleideten Tätowierten, wenigstens war es hier feuchtwarm und nicht feuchtkalt. „Worauf habt ihr den Lust?“, fragte Scrabbie in die Runde. „Tee!“, verlangte Monsta. „Lebkuchen!“, forderte Roland. „Zimtsterne!“, wünschte Mia. „Stollen!“, wollte Max. „Eierpunsch!“, orderte Scrabbie.

„Es gibt Puderzucker für alle!“,

zwitscherte Madame Sehnsucht und zwängte sich mit der Ziehgruppe in die enge Kabine. Roland versuchte sich in eine Ecke der Kabine zu drücken und so wenig Körperkontakt zu den anderen zuzulassen wie möglich. Scrabbies Blick hing an den langen Wimpern von Madame Sehnsucht. ‚Ob die wohl echt waren?‘ Monsta verstrubbelte sich mal wieder seine Haare. Das war ihm jetzt eigentlich alles ein bisschen zu viel Gewusel. Mia, die Praktische, fragte: „Frau Kammersängerin, was machen wir hier?“ Samantha Sehnsucht lachte glockenhell auf: „Wir üben für den Weihnachtschor der himmlischen Heerscharen. Der braucht für das Weihnachtskonzert noch Verstärkung und ich sehne mich nach Eurer Unterstützung.“ Monsta plusterte sich auf: „Da brauche ich vorher nicht nur einen Tee, sondern ein ordentliches Käsebrot, sonst geht gar nix.“ Scrabbie quietschte: „Ich kann nicht singen, ich bin im Stimmbruch“. Roland sagte nichts, aber sein Gesicht lief rot an. Mia dagegen blickte strahlend in die Runde: „So lasst es uns doch wenigstens einmal versuchen. Ich wollte schon immer mal singen.

„Vielleicht schlummern in uns verborgene Talente.“

Samantha Sehnsucht freute sich sichtlich: „Das ist die richtige Haltung.“ Sie trat an das Schränkchen in einer der Ecken der Kabine und öffnete die beiden Flügeltüren … Auf dem Weg sahen sie ihn, den dicken Herrn Wunsch, der sich kaum auf den Beinen halten konnte, ob der wohl hinter dem nächsten Türchen steckte?

Ja, es stimmte, Herr Wunsch steckte hinter dem nächsten Türchen. Aber er wollte einfach seine Ruhe haben, er war so müde und konnte sich wirklich kaum mehr auf den Beinen halten. Er hatte genug. Alle hatten sie Wünsche über Wünsche, wollten dies und wollten das oder doch lieber was anderes. Das ganze Jahr ging es so, Geburtstagsgeschenke, Ostergeschenke, Valentinsgeschenke und was es nicht noch für Gelegenheiten, um etwas zu schenken und sich etwas zu wünschen. Es wurde jedes Jahr schlimmer und im Advent war es ganz, ganz furchtbar. Es quietschte und pfiff in seinen Ohren. Das waren die Stimmen und Gedanken der Menschen, die sich gerade etwas wünschten. Herr Wunsch stemmte sich von innen gegen die Tür, damit ja niemand hereinkam. Auch wenn er wusste, dass ihm das nichts nützen würde. Sich selbst konnte er keinen Wunsch erfüllen, sonst hätte er sich schon lange mindestens ein Jahr Pause vom Wunsch erfüllen gewünscht.

Da hörte er das Jauchzen von Scrabbie und irgendwie schien es ihm, dass damit auch das Quietschen in seinen Ohren etwas weniger wurde. Er lächelte in sich hinein und fühlte sich gleich nicht mehr gar so verzagt. Vielleicht würde ja doch noch ein Wunder geschehen und irgendwer sich etwas wünschen, das von Herzen kam, allen Menschen diente und nichts mit Materiellem zu tun hatte.

Da klopfte es an seine Tür. Sollte er öffnen? Oder sollte er sich einfach hinter das 24. Türchen schleichen und sich dort bis Weihnachten verstecken? Mhmm, das war nun die Frage. Nein, das konnte Herr Wunsch niemanden antun, er war ja gewissenhaft und pflichtbewusst. So richtet er seinen Anzug, fuhr sich nochmals durch sein Haar, öffnete die Tür einen Spalt und stand Scrabbie gegenüber.

Türchen 11:

“Sind Sie Herr Wunsch?”, fragte Scrabbie und blinzelte. Vor ihr stand ein rundlicher Herr in einem Anzug aus Lametta. Das einzige an ihm, was nicht silbrig, golden, rot und blau glitzerte, waren seine riesigen rosa Elefantenohren.

“Ja, der bin ich”, sagte er und schlackerte mit seinen Ohren, als wolle er lästige Fliegen vertreiben.

“Dieses Wunschgesumme macht mich noch wahnsinnig”, murmelte er.

“Aber auch dir werde ich mein Ohr leihen, mein Kind. Flüstere nur deinen Wunsch hinein”, sagte er mit tiefer Bauchstimme. Scrabbie beugte sich vor bis ihre Lippen fast sein linkes Ohr berührten, das aus der Nähe wie ein platter Marshmellow aussah. Sie flüsterte ihren Wunsch in dieses rosa Ohr. Herr Wunsch verzog keine Miene, aber sein Ohr wedelte – vielleicht vor Freude.

“Die Zeit ist um, ihr müsst gehen, die nächsten Wunsch-Besteller sind an der Reihe”, drang plötzlich eine scharfe Stimme durch die Kabine. Scrabbie drehte sich erschrocken um und da stand eine Frau mit der Figur einer Sanduhr. Sie war ganz in Schwarz gekleidet, ihre Brust war eine Glasvitrine und im Innern sah man anstelle des Herzens das runde Ziffernblatt einer Uhr, deren Zeiger sich so schnell wie eine Karussell drehten.

“Aber meine anderen Freunde haben ihre Wünsche noch gar nicht sagen können”, protestierte Mia.

“Wer sind Sie überhaupt?”

“Ich bin Helga Hektik. Ich sorge für die Wunsch-Optimierung”, sagte die Uhrenfrau.

“Mir wird ganz schlecht von dem Minutenzeiger, der hat sich schon 7 Mal um sich selbst gedreht”, jammerte Monsta und raufte sich sein strubbeliges Bauchhaar. Herr Wunsch legte seine Ohren an und verkroch sich wieder hinter seinem Türchen Nr. 10.

“Ihr hättet ein Online-Ticket für die Wunschsprechstunde lösen müssen”, sagte Helga Hektik mit Automatenstimme.

“Wenn ihr euch für den Newsletter vom Advents-Adventure-Land registriert hättet, würdet ihr sogar einen Extra-Wunsch (ohne Umtauschrecht) bekommen. Aber hier einfach so herein zu platzen…”

“Wir sind für das Weihnachtkonzert eingeladen” verteidigte Scrabbie ihre Freunde. Sie blickte sich suchend um, aber wo zuvor Kammersängerin Sehnsucht geschwebt hatte, hing nur noch eine Puderzuckerwolke in der Luft.

“Hinaus mit euch! Schnell schnell, die Zeit hält nicht für euch an”,

“Deine Uhr läuft zu schnell”, plärrte Monsta während die Uhrenfrau ihn unsanft aus der Kabine drängte und die Tür zuknallte.

Die Freunde fanden sich in einer dämmrigen Eingangshalle mit zerbrochenen Fensterscheiben wieder, durch die der Wind einige Schneeflocken herein blies.

“Wo ist Roland?”, rief Scrabbie. Die Freunde blickten sich um, aber Roland war nirgends zu sehen.

Und hier, bei Anneliese – öffnet sich morgen das 12. Türchen.