Sommerpanorama auf O

Die Sommersonne hat meine Vokale eingeschmolzen zu einem endlosen „o“. Domot losst soch ooch got dochton…

Sommerpanorama auf O

Oh Sommer, Sonne, Sohlenglühen

ob schattenlose Tropen oder Großstadtpflaster

gehorchen offenkundig vor Hitzedominanz

Orchideen oder Osterglocken

wogen farbenfroh bevor trockener

Torf sinnloses Pflanzenopfer fordert

Wo Fußsohlen rote Flipflops lose kosen

wo Anton ohne Socken ohne Sorgen

salopp Cola-Limo-Dosen poppt

wo Ottilie rigoros große Melonen rollt

wo Leopold Zitronen konsumiert

schmollt Olga vor Wacholderschorle

Ottos Ohren horchen andachtsvoll

oktavenreichem Orchestersolo voller Bravo

Onkel Moritz monologisiert orientierungslos

ohne Boot vor kolossalem Ozean

tobt bodenlose Wellenwoge

wo Albatrosse unverfroren flogen

Entflohen vor Sonnenstichkoma

von wolkenlosem Könighimmelblau

folgen Kosmonauten, Hottentotten, Matadore

tosenden Kommandos vor Honolulu

stoppen ohne Seenot atemlos vor Loreley

prosten sonderbaren Wodkatrunk

Wo Poeten methodisch Vokale stornieren

dort holen Sportler hochspielend Pokale

wo mobile Bustouristen on-off-hoppen

offenbaren Omas Locken vor Frisörsalon

wo hüllenlose Badekörper voller Wonne tollen

toppt Sonnenbrandtattoo große Mode

Wetterorakel prophezeit Hoch von Morgen

so wollen Sonnenfetischisten hoffen

Windstoß vor Orkan überrollt

moderne Großstadtschluchten

doch Donnertrommeln locken

Mondenschein und Sternentrost

Wenn ihr Lust habt, könnt ihr gerne im Kommentar eigene o-vokale Verse hinzufügen – gerne auch aus dem obigen Wörterfundus. Die “contrainte” (selbstbestimmte Sprachregel) lautet: In jedem Wort muss mindestens ein “o” vorkommen. Freue mich auf noch mehr Sooooooooommerlyrik.

Meine Weggefährtin Momo führt mich vor die Kamera der “Kulturzeit”

Wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich mal die Protagonistin eines Beitrags in meiner Lieblingssendung “Kulturzeit” auf 3sat werden würde, hätte ich das für reine Fantasie gehalten. Aber vor ein paar Tagen ist dieser unwirkliche Fall wirklich eingetreten.

Ende März 2019 sehe ich auf facebook einen Aufruf der “Kulturzeit“, dass die Moderatorin Vivian Perkovic für die Serie “Was liest du?” demnächst nach Berlin kommen wird. Wenn man ihr erzählen möchte, welches Buch einen so richtig begeistert, dann soll man sich bewerben. Ich schreibe sofort eine E-Mail an die Redaktion und stelle mein langjähriges Lieblingsbuch “Momo” von Michael Ende vor.

Einen Monat später bekomme ich eine E-Mail von der Regisseurin Viola Löffler, in der sie sich für mein Interesse an der Mitwirkung bedankt und um Rückruf bittet, damit wir die Details besprechen könnten. Ich denke, es geht schon um die Details der Dreharbeiten, aber das Telefonat verwandelt sich unversehens in ein Interview zu den Inhalten von Momo – ich soll spontan erzählen, was mich an Momo so begeistert. Da sprudele ich nur so los. An den Fragen merke ich, dass es in dem Beitrag nicht um eine Literaturanalyse gehen soll, sondern meine persönliche Beziehung zu dem Buch herausgestellt werden soll und wie die Inhalte in meinem Leben wirken. Die Regisseurin kommt zu dem Ergebnis, dass ich wirklich ein Super-Fan des Buches bin. In der Redaktionssitzung des Teams Anfang Mai wird sie meine Momo-Beziehung vorstellen, dann werden sie sich für 3 Bücher und Protagonisten für Berlin entscheiden.

Als dann am 14. Mai der Anruf kommt, dass ich für “Was liest du?” ausgewählt bin, mache ich Freudensprünge. Das ist endlich mal ein Erfolgserlebnis im Gegensatz zu den vielen Absagen, die ich für die Einsendungen meiner Texte zu Wettbewerben und an Literaturzeitschriften wegstecken muss. Wie schön, dass meine Literaturbegeisterung hier auf Interesse stößt, auch wenn ich nur Rezipientin und nicht Schreiberin bin.

Die Regisseurin schlägt als Drehort ein Yogastudio vor (passend zum Thema der inneren Ruhe), ich nenne ihr den Namen des Studios bei mir in der Nachbarschaft, wo ich einige Schnupperkurse besucht habe (sie will dort anfragen). Sie sendet mir Links zu den Beiträge aus Leipzig und Bielefeld, die ich mir sofort in der Mediathek der Kulturzeit anschaue (sehr sehenswert!). Ein Beitrag dauert 6 Minuten, für jede Person stehen 2 Minuten zur Verfügung. Ich werde also einige Zeilen aus Momo vorlesen müssen (ich denke sofort an die weisen Sätze von Beppo Straßenkehrer) und dann folgt das Interview der Moderatorin (die übrigens meine Favoritin unter den 4 Kulturzeit-Moderator*innen ist – freue mich sehr darauf, sie kennenzulernen).

Dann markierte ich mir Mittwoch, den 29. und Donnerstag, 30. Mai im Kalender und freue mich auf eine ganz neue Erfahrung.

Am Montag der Drehwoche telefoniere ich nochmal mit Viola und wir verabreden die Zeiten für den Dreh. Mit dem Yogastudio Bamboo hat es geklappt.

Mittwoch, 1. Drehtag:

Am Abend zuvor hat mich mein Momo-Hörbuch eingestimmt (das ich seit ca. 6 Jahren regelmäßig mit großer Aufmerksamkeit höre und fast schon mitsprechen könnte – aber die Geschichte, Figuren und Sprache sind so wunderbar facettenreich, dass ich mich nicht daran überhöre).

Gut ausgeschlafen mache ich mich zu Fuß auf den Weg ins “Bamboo” einige Straßen entfernt von mir. Meine Nervosität hält sich einigermaßen in Grenzen. Ich habe die letzten Tage im Kopf durchgespielt, was ich alles über Momo erzählen könnte. Für den guten optischen Auftritt habe ich auch gesorgt: War vor ein paar Tagen beim Frisör und habe eine neue Bluse an. Make-up habe ich keines aufgelegt (mache ich sonst auch nie), nur etwas Lippenstift. Ich gehe davon aus, dass ich vor Ort von einer Maskenbildnerin geschminkt werde. Das kenne ich von einem Fotoshooting, das ich mal beruflich vor vielen Jahren hatte, außerdem sind die Leute im Fernsehen doch immer ganz dick geschminkt. Eine Fehleinschätzung, wie sich herausstellen wird.

Pünktlich um 12:30 Uhr steige ich die schmale Holztreppe der ehemaligen Molkerei in einem Hinterhof hoch ins Yogastudio. Die Inhaberin Birge begrüßt mich freundlich (ich kenne sie vom Hatha-Yoga-Soft-Kurs), das Fernsehteam ist noch nicht da, sie rufen an und sagen, dass sie ein bisschen später kommen. Birge öffnet an diesem Nachmittag extra für die Dreharbeiten die Türen und stellt ihre Räume kostenlos zur Verfügung. Ihrem Wunsch, den Namen des Yogastudios zu nennen, kann nicht entsprochen werden, da 3sat als öffentlich-rechtlicher Sender keine Werbung machen darf. Sie nutzt die Zeit zum Putzen und Aufräumen und plaudert ein wenig mit mir. Sie erzählt, dass sie auch als Schauspielerin arbeitet, sie spielt im Schlosstheater Steglitz in Boulevardstücken. Daher kommt vielleicht ihre Aufgeschlossenheit und Großzügigkeit gegenüber den Kulturschaffenden vom Fernsehen.

Um Viertel vor Eins trifft das Drehteam ein: Die Regisseurin Viola begrüßt mich gutgelaunt (wir verständigen uns bald auf’s “Du”, sind ungefähr im gleichen Alter), der Kameramann Andy und Tontechniker Ben geben mir höflich die Hand, während sie taschenweise Ausrüstung hoch schleppen.

Dann steht mir die Moderatorin Vivian gegenüber, sie kommt mir aus den Kulturzeit-Sendungen vertraut vor, ist aber viel zierlicher, als ich vermutet hätte. Auch sie begrüßt mich freundlich und hat eine sympathisch-natürliche Art. Sie erzählt, dass sie gerade vom Treptower Park kommen. Dort waren sie im Tretboot auf dem Wasser (im vorgestellten Roman geht es ums Wasser) und sind alle ein bisschen durchgefröstelt.

Tontechniker Ben und Regisseurin Viola

Ich sitze auf dem großen Sofa im Foyer, wo auch die Yoga-Schauspielerin am Tresen steht und Tee für uns kocht. Das Produktionsteam erkundet die Räumlichkeiten. Im großen Yoga-Saal breitet Viola bunte Matten am Boden aus und macht mit Vivian Sitzprobe im Lotussitz und in Strümpfen – ach ja, wir sollten alle unsere Schuhe unten an der Treppe ausziehen – ich werfe einen skeptischen Blick auf meine weißen Sportsöckchen unter dunkelblauer Jeans (hoffentlich kommen die nicht ins Bild). Der Kammermann baut sein Stativ und eine Beleuchtungsanlage vor ihnen auf, sie sind aber mit den Lichtverhältnissen und dem eintönigen Hintergrund nicht zufrieden. Zwischenzeitlich verkabelt mich Ben (hinten im Hosenbund ein Sender, vorne am Kragen wird ein kleines Mikro angeklebt). Ich warte – und warte noch ein bisschen mehr. Birge zitiert den Schauspieler Anthony Hopkins, der sagte, dass er seine Gage fürs Warten bekomme.

Plötzlich soll es losgehen. Vivian zieht ihren Lippenstift nach (sie trägt Make-up im Gesicht, aber dezent, ihre Frisur mit Zopf und Ponyfransen ist alltagstauglich, auch die Kleidung eher leger mit Bluse und roter Hose). Ich zücke mein Handspiegelchen und prüfe nach, ob mir nicht die Haare zu Berge stehen (auf maskenbildnerische Gestaltung muss ich wohl verzichten, aber Kameramann Andy sagt etwas von Weichzeichner, so dass ich auf digitale Verschönerung hoffen darf) und dann soll ich in den Umkleideraum kommen – dort haben sie (ohne, dass ich es mitbekommen habe) im kleinen Vorflur zwei Sessel neben ein Tischchen mit hölzerner Buddhafigur gerückt. Ich soll mit meiner gelben Bluse auf den dunkelbraunen Sessel für guten Farbkontrast. Vivian nimmt neben mir Platz (im westlichen Sitzmodus ziehen wir auch unsere Schuhe wieder an, auch wenn man es wohl nicht sieht). Wir ruckeln unsere Stühle dichter zusammen. Zwei Meter entfernt steht die Kamera auf einem Stativ, das armlange Raum-Mikro (das zusätzlich zu den beiden Personen-Mikros zum Einsatz kommt) wird von Ben mit einer Stange über uns gehalten. Soll jetzt eine Probe stattfinden?

Vivian verwickelt mich in ein Gespräch (fragt nach meinem Beruf und wo ich herkomme). Ich werde ein bisschen lockerer (halte mich aber mit beiden Händen am Momo-Buch auf meinem Schoß fest, dabei soll ich im Interview gar nicht daraus vorlesen). Die Regisseurin sitzt vor uns auf dem Boden und gibt das Startsignal.

Vivian sagt die erste Klappe an und schon sind wir mitten im Interview. Ich konzentriere mich ganz auf meine Gesprächspartnerin und bekomme von Kamera und Mikro kaum etwas mit.

Vivian stellt mir einige Fragen (die sie auf ihrem Smartphone vorbereitet hat), aber sie nimmt sehr spontan auf, was ich ihr gerade erst gesagt habe (dass ich früher als Juristin gearbeitet habe – “Sie selbst haben mal im grauen Anzug gesteckt” – wie die Grauen Herren in Momo von der Zeit getrieben) – man merkt, dass sie Erfahrung in live-Interviews hat.

Ich werde von ihren Fragen überrascht (z.B. zur Kapitalismuskritik von Michael Ende), finde aber spontan Antworten darauf (nur auf die Frage, wem ich “Momo” denn schon geschenkt habe, druckse ich herum, weil ich das Buch noch nie verschenkt habe). Es entwickelt sich ein lebendiges Gespräch (ich spreche von Beppo und seiner Philosophie des Straßenkehrens: ein Atemzug, ein Besenstrich – wende ich auf mein Leben an bei Leistungsdruck und Gefühl der Überforderung; mit Gigi dem Geschichtenerzähler habe ich zu meiner verschütteten Kreativität und der Lust zum Schreiben zurück gefunden).

Nach ca. 10 Minuten haben wir einen runden Gesprächsbogen geschlagen. Ich finde ganz salbungsvolle Abschlussworte, was ich aus Momo gelernt habe (achtsam und in Verbindung mit sich selbst sein, dann ist es auch möglich, sich anderen Menschen aufmerksam zuzuwenden und ihnen gut zuzuhören).

Regisseurin Viola ist sehr zufrieden. Allerdings hat sie sich notiert, dass bei einer bestimmten Frage draußen eine S-Bahn vorbei gefahren ist (was der Tontechniker bestätigt, bildtechnisch hat uns einmal eine Fliege gestört). Das müssen wir wiederholen.

Vivian fragt mich nochmal: “Momo führt eine Revolution an. Auch Sie haben in Ihrem Leben eine regelrechte Revolution erlebt” – und ich erzähle von meiner beruflichen Umorientierung und Neustart in Berlin) – allerdings komme ich bei der Wiederholung total ins Stocken, suche nach den Wörtern von vorhin, die mir nicht mehr einfallen.

“Das habe ich vorhin irgendwie besser gesagt”, murmele ich.

“Nicht so schlimm. Wir machen das nochmal. Unterhalte dich einfach mit mir.”

Also stellt mir Vivian die Frage ein drittes Mal und ich versuche eine frische Antwort mit neuen Worten.

Nach insgesamt ca. 15 Minuten ist alles im Kasten. Die Regisseurin sagt, dass sie total gefesselt zugehört hat und am liebsten eine längere Version des Interviews für eine Online-Version machen würde (dazu kommt es vermutlich nicht, weil zu aufwendig). Ich freue mich sehr über das enthusiastische Feedback. Bin echt gespannt, wie sie das Interview letztendlich schneiden wird (bei 1 Minute Redezeit muss leider vieles wegfallen).

Jetzt soll ich noch einige Yoga-Übungen auf den Matten machen. Im großen Saal vollführe ich mein Mini-Repertoire an Übungen (aus dem Sonnengruß – keine Ahnung, wie die Figuren alle heißen), der Kameramann macht Großaufnahmen und Slow-Motions von meinen Bewegungen (oh Schreck, als Yoga-Vorturnerin mache ich überhaupt keine gute Figur, das darf gerne der Schere zum Opfer fallen). Vivian bereitet sich schon mit Smartphone auf Schiller vor, gleich treffen sie am Gendarmenmarkt im Theater einen alten Schauspieler – ihre dritte und letzte Station heute (ganz schön intensiver Tag für das Team).

Draußen drehen sie noch einige Bilder, wie die Moderatorin ins Haus geht, ihre Schuhe auszieht und die Treppe hoch geht.

Gegen 15:30 Uhr verabschieden wir uns. Ich mache mit Vivian noch ein Erinnerungsfoto (bei den morgigen Dreharbeiten wird sie nicht mehr dabei sein).

Donnerstag, 2. Drehtag:

Heute wollen wir uns schon um 12 Uhr treffen. Diesmal bereite ich mich auf die Großaufnahme mit ein wenig Concealer unter den Augen, Wimperntusche und Lidstrich vor. Für die optische Kontinuität ziehe ich dieselbe Bluse und Hose von gestern an.

Gerade gehe ich im Sonnenschein über die Ampel, als es hinter mir hupt und jemand meinen Namen ruft. Ich springe ins weiße Auto aus Mainz und fahre die letzten 500 Meter mit meinem TV-Team zum Yogastudio. Heute morgen haben sie schon am Müggelsee gedreht (im Kamerastativ knirscht der Sand). Die Regisseurin hat den Schlüssel für die Räume bekommen und wir haben den Drehort für uns.

Heute bin ich entspannter und bekomme auch mehr von Andy und Ben und ihrer engagierten Arbeit mit. Auf meinen Wunsch drehen wir zuerst mein Vorlesen. Die Textstelle, die ich mir ausgesucht habe, muss ich auf wenige Sätze kürzen (auf max. 15 Sekunden).

Kameramann Andy (Anfang 30, lange schwarze Haare im Zopf) ist sehr wählerisch, was den Bildhintergrund angeht, er achtet auf Farben, Strukturen und das Licht. Er sucht das grüne Holztor auf roter Backsteinwand draußen im Innenhof aus. Einige Vögel singen und die S-Bahn rauscht regelmäßig vorbei, aber für den Ton finden wir einige Moment der Stille. Ben verkabelt mich wieder. Er ist ein stiller Typ mit Mütze, trägt gerne Grün – und kennt sich auch mit Momo und Michael Ende aus.

Ich stehe mit dem Buch in der Hand vor dem Tor, die Kamera ist auf mich gerichtet, Andy und Viola probieren den Faltreflektor (Alu auf der einen Seite, weißer Stoff auf der anderen) in unterschiedlichen Distanzen aus – das Sonnenlicht wird intensiv auf mein Gesicht geworfen, je nach Lichtstärke muss auch der Filter der Linse verändert werden – das Ganze dauert ein bisschen, bis Andy zufrieden ist.

Dann soll ich 10 Sekunden direkt in die Kamera blicken, meine Sätze vorlesen, dabei immer wieder aufschauen (es dem Zuschauer erzählen), danach wieder 10 Sekunden den Blick in die Kamera halten.

Ich starre ins Objektiv, bekomme Blinzelreflex, dann lese ich los:

“Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst Du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, den nächsten Atemzug, den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur den nächsten. Dann macht es Freude; das ist wichtig.”

Kameramann Andy hält in 15 Meter Entfernung den Lichtreflektor in die Höhe, der vom milden Wind wie ein Segel erfasst wird und gar nicht so leicht still zu halten ist. Ben hält das riesige Mikro mit dem grauen Fell über mich. Ohne es zu merken, habe ich beim Lesen instinktiv zur Regisseurin geschaut, die neben der Kamera steht. Ich soll nur in die Kamera blicken. Ich wiederhole das Vorlesen noch 2 Mal, dann sind alle zufrieden.

Als nächstes filmen wir die Spiegel-Sequenz, die meine Idee war. Wie in der Szene vom Frisör Fusi, der von einem Grauen Herrn besucht wird, schreibe ich einen Tagesablauf in Sekunden auf einen Spiegel.

Praktischerweise hängt im Umkleideraum ein langer Spiegel im Goldrahmen, Viola hat Kreidestifte mitgebracht. Auch hier erfordert das Einrichten der Kamera (Winkel) und des Lichts (diesmal Matte mit Glühbirnchen an einem Ständer) einiges an Präzision. Andy erzählt mir von den verschiedenen Filtern. Er lässt die Menschen vor seiner Linse immer gut aussehen. Besonders schmeichelhaft sind blaue Glitzersterne. Andy arrangiert Licht und Filter so, dass meine Augen schön leuchten.

Für diese Aufnahme brauchen wir keinen Ton. Aber Tonmann Ben übernimmt die Aufgabe des Souffleurs und liest mir die langen Zahlenreihen aus meinem Buch vor. Ich schreibe in Türkis auf den Spiegel:

Schlaf 441 504 000 Sek.

Arbeit 441 504 000 “

Nahrung 110 376 000 “

Mutter 55 188 000 “

Einkauf usw. 55 188 000 “

Freunde, Singen usw. 165 564 000 “

——————————————————

Zusammen: 1.103 760 000 Sekunden

Wir kürzen die Original-Liste aus dem Buch um einige Positionen (Wellensittich, Fenster, Geheimnis) und Ben ermittelt die neue Summe auf seinem Handy (falls ein Zuschauer auf “Pause” drückt und nachrechnet).

Dabei zoomt der Kameramann mal auf die Schrift, mal auf mein Gesicht – ich weiß nicht so genau, was die Kamera gerade im Bild hat, aber ich führe die Bewegungen aus und konzentriere mich darauf, mich nicht zu verschreiben. Andy ist ganz begeistert von der Optik – der Spiegel erzeuge eine tolle Wirkung.

Zum Abschluss setzen wir Violas Idee um: Ich soll aus einer Buchseite eine Lotusblüte falten. Dazu schneidet sie einige Seiten quadratisch zu und ich studiere die Faltanleitung auf ihrem Handy. Leider bin ich im Origami-Basteln total unerfahren und kapiere nicht sofort, wie das gehen soll. In der Zwischenzeit bauen Andy und Ben ein neues Set im großen Yoga-Saal auf: Neben einem weißen Buddha und einer Paillettenstehlampe in der Ecke. Die Kamera guckt diesmal von oben auf mich herab.

Es geht los und meine Finger fühlen sich dick und ungeschickt beim Falten an. Bei den letzten Knickschritten hilft mir Viola, dann kommt tatsächlich eine erstaunliche Blüte zum Vorschein, die ich dann dem Buddha in den Schoß lege.

Um 14 Uhr sind alle Bilder im Kasten. Die vielen Utensilien werden wieder ordentlich verstaut und in den Kofferraum geschleppt, gleich werden sie alles im Theater wieder auspacken.

Viola, Andy und Ben verabschieden sich herzlich von mir. Wirklich ein tolles Team (auch mit Moderatorin Vivian), bei dem jede und jeder seine Leidenschaft und Perfektion einbringt für das bestmögliche Ergebnis. Es war eine schöne und einmalige Erfahrung für mich, für 2 Tage in dieses Kreativteam mit aufgenommen zu werden.

Bin natürlich sehr gespannt auf den Berliner “Was liest du?”-Beitrag. Es ist schon erstaunlich, wie viel Aufwand in einen 6-minütigen Film gesteckt wird – aber das ist halt Qualitätsfernsehen. Der Beitrag soll noch vor der Sommerpause gesendet werden und wird danach auch in der Kulturzeit-Mediathek zu sehen sein. Ich füge den Link hier ein, wenn es soweit ist.

Ich hoffe, ich konnte euch mit meinen Eindrücken vom Dreh gut unterhalten.

Meine Origami-Lotusblüte

Update 25. Juni 2019: Der Beitrag ist heute Abend gesendet worden. Hier könnt ihr ihn euch anschauen: Was liest du, Berlin?

Sieben Streiche Leben – mein Text auf der Lesebühne “SoNochNie”

Es ist soweit: Mein lang erwarteter Auftritt als “Themenbeauftragte” auf der Pankower Lesebühne “SoNochNie” steht bevor. Das Thema meines Texts wurde mir im März beim 10-jährigen Jubiläum zugelost und lautet: “Sieben Streiche Leben”.

Am Montagmorgen überfällt mich ein Anflug von Panik, denn ich habe am Sonntagabend gerade mal die erste Seite geschafft. Aber Zeitdruck scheint meine Kreativität durchaus zu fördern, denn ich komme beim Schreiben gut in Schwung und um 13 Uhr steht mein Text.

Angelehnt an die Streiche von Max und Moritz nenne ich meine Hauptfigur Moritz. Die Sieben ist eine typische Märchenzahl, also nimmt meine Geschichte auch die Züge eines urbanen Märchens an. Für das Schlüsselereignis (eine Frau gibt einem Cafétischnachbarn ihre Sachen in Obhut und verschwindet) habe ich mich vom Text meines geschätzten Blog-Kollegen Urs inspirieren lassen und den Dialog aus seiner Zürcher Erzählung in meinen Text importiert. Vielen Dank dafür!

Am Abend bin ich also bereit, dem interessierten Publikum meinen Text vorzulesen. Ich bekomme einiges an positivem Feedback und ein paar Fragen. Zum Schluss überreicht mir Leovinus (Moderator und Stammautor der Lesebühne) eine Ehrenurkunde. So macht Vorlesen Spaß!

Danke an Michael Wäser für die beiden Fotos!

Jetzt wünsche ich euch viel Vergnügen beim Nachlesen meines Texts.

Sieben Streiche Leben

Tag 1: Müßiggang ist so alt wie die Zeitung von gestern

Moritz sitzt am dreibeinigen Tisch vor dem Café Degas und nimmt einen Schluck von seinem Cappuccino. Er wischt sich den Schaumbart von der Oberlippe und vertieft sich ins Feuilleton seiner Zeitung. Im Gorki Theater spielen sie “Übermut muss leiden” – ohne Text und textilfrei. Das Papier raschelt, als er umblättert. Ein Pappbecher taucht in seinem Gesichtsfeld auf, in dem Geldmünzen klirren. Er hebt den Blick. Der Pappbecher wird von einer blassen Hand gehalten, die an einem ebenso blassen Arm mit grünen Tätowierungen hängt. Drachen und Schlingpflanzen. Dazu gehört ein sehniger Körper in einem T-Shirt mit Löchern am Kragen. Rissige Lippen formen stumme Worte, eine Baseballmütze legt einen Schatten über die Augen. Im Pappbecher rasseln wieder die Münzen. Moritz kramt in seiner Jackentasche nach einem Euro und wirft ihn in den Becher. Der Bettler schlurft weiter und Moritz fühlt sich erleichtert. Ein Euro ist ein kleiner Preis für die sanfte Gewissensruhe. Er liest weiter. Die Abendsonne wirft einen rosa Lichtkegel auf die Buchstabenreihen der Zeitung und lässt den Geruch von Druckerschwärze in seine Nase steigen. Im Wirtschaftsteil liest er von K.I.’s, die in China gebaut werden und bald die Menschheit unterwerfen werden. Moritz bestellt einen Aperol Spritz beim Kellner mit Vollbart, der barfuß geht. Sein Smartphone vibriert und auf dem Display erscheint eine Terminerinnerung: “19:30 Uhr Workout Superfit”. Moritz seufzt und wischt die Einblendung weg. Er legt einige Münzen auf den Tisch, rollte die Zeitung zusammen und steht auf.

Auf der Karl-Marx-Straße bahnt er sich einen Weg zwischen Obstständen und Ramschkörben hindurch, die den Bürgersteig zum Hindernisparcours machen. An der Ampel muss er warten. Ein Bagger reißt Furchen in den Asphalt und das Motorenbrummen deckt seine Gedanken zu. Sein Blick schweift über den Metallmast der Ampelanlage. Jemand vermisst seine Katze Miau, schwarz-weißes Fell und auf einem Auge blind. Ein altes Ehepaar sucht eine Wohnung im Parterre im Tausch gegen ihre Loftwohnung. Dazwischen Aufkleber. Ein Berliner Bär liegt in einer Hängematte und darunter steht: “Der Faule lacht am besten”. Moritz lächelt.

Tag 2: Träume werden die Ersten sein

Moritz wacht auf und weiß sofort, dass heute ein mieser Tag sein wird. Es ist Sonntag und er könnte ausschlafen. Das alte Ehepaar in der Wohnung unter ihm streitet lautstark.

“Das geht dich gar nichts an.” – “Du klebst ja wie Pattex.” – “Das Geheule kannst du dir sparen.”

Moritz wälzt sich aus seinem Bett und tappt ins Bad. Er schneidet sich beim Rasieren in den Hals und verflucht den Zweigriffmischer in seiner Dusche, der ihm abwechselnd Kälte und Hitze über den Rücken jagt. Er gießt Sojamilch über sein Müsli und checkt seine whatsapp-Nachrichten. Gestern Nacht auf der Tanzfläche hat er vier neue Nummern gespeichert. “Good morning handsome” schreibt ihm eine. Er schickt einen Gruß zurück (Sonne und Kuss-Smily). Man wird sich trotzdem nicht wiedersehen.

Moritz packt die Wolldecke in seine Strandtasche und schwingt sich auf sein Fahrrad. Das rote Bianchi hat er von seinem Mailändischen Vormieter übernommen. Im Treptower Park legt er sich auf die Wiese und liest “Vom Ende der Einsamkeit” von Benedict Wells. Eine Ameisenkolonie krabbelt über seine nackten Waden. Er schlürft Rhabarberschorle und schaut den Booten auf der Spree hinterher.

Tag 3: Was einen nicht umbringt, wird endlich gut

Im Büro tippt er auf der Tastatur herum. Sein Schädel brummt und eine Aspirin-Brausetablette sprudelt müde im Wasserglas. Die Kollegin am Schreibtisch gegenüber lacht gellend. Der dritte Platz im Büro ist leer. Schon seit sechs Wochen. Jo haben sie rausgeschmissen. Die Firma muss sparen, so heißt es. Die Palme in der Zimmerecke lässt ihre Blätter hängen. Sie hat eine Depression. Höchste Zeit für einen Pflanzenflüsterer. Moritz träumt sich an die Côte Bleue, inmitten von Lavendelfeldern, orangen Häusern und blauem Meer aus der Palette von Renoir, Cézanne und van Gogh. Das Telefon klingelt und er hebt seine schweren Augenlider in die Höhe. Ja, er wird das Design bis heute Mittag fertig haben. Die Präsentation ist ready to roll. Sein Blick schweift zum Fenster – er ist eingemauert von drei Backsteinfassaden. Der Kreuzberger Innenhof lässt keine Weitsicht zu. Vor dem Eingang der ehemaligen Lagerhalle von gegenüber steht ein Umzugswagen. Schreibtische und bunte Sitzkissen werden ausgeladen. Ein neues Start-up zieht in das Großraumbüro. Fast im Monatstakt wechseln die Mieter. Wer nichts wird, der nicht gewinnt.

Tag 4: Der Blitz fällt nicht weit vom Stamm

In der Mittagspause sitzt Moritz wieder auf seinem Lieblingsplatz im Café Degas und lässt die Kreuzberger Szene an sich vorüber flanieren. Die Maisonne wärmt seine Kopfhaut. Ein Schatten fällt über ihn und er hört das Geräusch von Metall über Stein kratzen, als eine Frau den schweren Klappstuhl vom Nebentisch hervor zieht, einen Pappkarton darauf legt und ihre Strickjacke über die Lehne hängt. Sie ist groß und blond, ein Blumenkleid umschmeichelt ihre üppigen Formen, eine Sonnenbrille verdeckt ihr halbes Gesicht. Sie eilt ins Innere des Cafés und der Luftzug ihres Gangs weht ihm Rosenduft in die Nase. Kurz darauf steht die Blonde wieder neben ihm.

“Can you watch my stuff, I’ll be back in two minutes”, sagt sie und fährt sich mit der Hand durch ihr Haar. Dabei klirren die Silberreifen um ihr Handgelenk.

“Of course”, sagt Moritz. Die Blonde nickt flüchtig, als wäre gar keine andere Antwort möglich und rauscht davon. Moritz beäugt die Sachen, die nun in seiner Obhut stehen. Die Pappschachtel ist ein Schuhkarton und die Strickjacke ist weiß und mit silbrigen Fäden durchzogen. Sein Smartphone summt und er scrollt sich durch neue Bilder auf instagram und trinkt seinen Cappuccino. Der Kellner bringt einen gespritzten Weißen und stellt ihn auf den Tisch der Blondine.

“Sie ist kurz weg”, sagt Moritz und erfüllt beflissen seinen Aufsichtsauftrag. Der barfüßige Kellner nickt gleichgültig und verschwindet wieder im Lokal.

Er sieht zu, wie das Eis im Weinglas der Blondine schmilzt. Zwei Minuten sind eine dehnbare Zeitbestimmung. Er muss wieder zurück ins Büro. Er blickt die Bergmannstraße hoch und wieder runter, keine Spur der entschwundenen Tischdame. Er könnte die Schachtel und die Jacke einfach dem Kellner übergeben und gehen. Aber er fühlt ein neugieriges Kribbeln im Magen. Er betrachtet den Schuhkarton genauer. Er ist mit braunem Klebeband mehrfach umwickelt. Auf dem Deckel klebt ein Adresszettel und drei Briefmarken sind von mehreren Poststempeln gekennzeichnet. Er beugt sich näher. Es sind französische Briefmarken. Dann fällt sein Blick auf das Adressfeld und sein Mund klappt auf. Da steht sein Name. Seine Anschrift. Er schüttelt den Kopf und kneift die Augen zusammen, um den Spuk zu vertreiben. Dann schaut er nochmal hin. Das Paket ist wirklich an ihn adressiert. Er greift den Karton mit beiden Händen und legt ihn sich auf den Schoß. Er starrt hinab auf das Adressfeld. In blauer Schnörkelschrift stehen die Worte dort aufgereiht. Das Absender-Feld ist leer. Seine Augen kehren zu den Poststempeln zurück. “Miramas” steht dort. Sein Herz hämmert in seiner Brust. Liegt dieser Ort nicht in der Nähe von Marseille? An der Côte Bleue – seinem Sehnsuchtsort.

Tag 5: Stadtluft wird Sturm ernten

Moritz sitzt vor seinem Bildschirm und nimmt letzte Farbkorrekturen an seinem Design vor, das er am Nachmittag präsentieren wird. Er ist nicht bei der Sache. In Gedanken kehrt er zurück ins Café Degas und zu der rätselhaften Blondine. Sie war nicht zurück gekehrt. Er hatte ihre Jacke beim Kellner gelassen, ihre Weißweinschorle bezahlt und das Paket mit nach Hause genommen. Schließlich war es für ihn, oder nicht? Geöffnet hatte er es nicht. In der Mittagspause würde er wieder ins Degas gehen und nachfragen, ob die Besitzerin der Strickjacke wieder aufgetaucht war.

Plötzlich steht sein Chef in der Tür. Moritz fühlt sich ertappt.

“Kommst du bitte mal in mein Büro?”

Moritz folgt dem Chef. Man Duzte sich, das war hier so üblich. Ein junges, dynamisches Team, flache Hierarchien, Kreativität, free snacks & drinks. Alles Augenwischerei. Die Geschäftsziele waren knallhart. Der Profit blieb seit Monaten hinter den Erwartungen zurück.

“Es tut mir leid, wir müssen dich gehen lassen”, sagt der Chef. Das Geplänkel drumherum hört Moritz nicht. Er ist ab sofort freigestellt und soll seine Sachen packen.

Moritz steht vor seinem Schreibtisch. Wie in Trance greift er in die Schublade und holt seinen Vorrat an Energieriegeln hervor. Sonst gibt es keine persönlichen Dinge auf seinem Schreibtisch. Kein Familienfoto, keine Pflanze. Die depressive Palme in der Zimmerecke gehört der Firma.

Moritz löst die Kette von seinem Bianchi und schiebt es aus dem Innenhof. Auf Nimmerwiedersehen.

Es ist schon nach Mitternacht, als Moritz schwankend auf seinem Rad die Karl-Marx-Straße entlang kurvt. Eine Wolke hängt vor dem Mond und der Nachtwind pfeift in seinen Nacken. Der Geschmack von Bier liegt herb auf seiner Zunge. Auf einmal sackt der Reifen in ein Schlagloch und Moritz fliegt über den Lenker. Er liegt auf dem Asphalt und seine rechte Hüfte tut weh.

“Wo nichts ist, fallen Späne”, kichert er wie blöde vor sich hin. Er rappelt sich wieder auf. Plötzlich spürt er etwas Warmes zwischen seinen Beinen entlang streifen. Der Schreck schiebt den Nebel der Benommenheit zur Seite und er erkennt eine schwarz-weiße Katze. Die miaut und schaut aus einem einzelnen Auge funkelnd zu ihm auf.

“Fang deine Mäuse alleine”, murmelt er und hinkt auf sein Lenkrad gestützt in die Richtung seiner Wohnung. Die Katze folgt ihm.

Tag 6: Guter Rat hat Gold im Mund

Moritz sitzt am Küchentisch. Zu seinen Füßen liegt die Katze Miau und schlürft Sojamilch aus einer Porzellanschüssel. Moritz hat sein Müsli nicht angerührt. Er starrt auf den Schuhkarton, der seinen Namen trägt. Warum fürchtet er sich, das Paket aufzumachen? Hieß es nicht: “Vorsicht ist die beste Medizin”? Nee. Zum vierten Mal nimmt er den Karton zwischen die Hände und rüttelte an ihm. Da war etwas drinnen, groß und kompakt. Schuhe wären die offensichtliche Antwort. Er war es gewohnt, Antworten zu finden. Aber wie lautete hier eigentlich die richtige Frage? Wer war die blonde Frau? Warum war sie nicht wiedergekommen? Warum hatte sie ein Paket für ihn? Wer schickte ihm ein Paket aus Miramas? Warum schickte ihm ein Fremder ein Paket? War der Absender überhaupt ein Fremder? Kannte er jemanden in Frankreich? Moritz reibt sich die Stirn. Mit einem Ruck steht er auf, Miau springt erschrocken zur Seite und miaut. Er holt ein Obstmesser aus der Schublade und schneidet die Klebestreifen durch. Er hebt den Deckel vom Karton und schaut hinein.

Tag 7: Aller Anfang ist blau

Moritz sitzt im blauen Zug. Der TER ist um 12 Uhr in Marseille abgefahren und jetzt zieht das blaue Blau vom Mittelmeer zu seiner linken Seite an ihm vorbei. Er sitzt am Panoramafenster und kann sich nicht sattsehen an den Farben, die er nur aus den Bildern der Impressionisten kannte.

Seine Hand streichelt über das weiche Fell von Miau, die ihn mit ihrem einzigen Auge schläfrig anschaut. Er wackelt mit seiner linken Zehe, die schon wieder einzuschlafen droht. Die Schuhe sind zu eng. Er trägt sie trotzdem. Es sind Mokassins aus blau eingefärbtem Wildleder mit einer silbrigen Schnalle und einem pompösen Bommel. Er kommt sich vor wie ein Höfling des Sonnenkönigs. Vielleicht verlangt die Sonnenküste Frankreichs auch heutzutage noch modische Extravaganz. Er verkneift sich, seinen Fuß zu heben und wieder unter die Schuhsohle zu blicken. Dort prangt der Aufkleber der Schuhboutique: “La belle avenir” – Die schöne Zukunft. Adresse und Standort hatte er schnell mit google maps herausgefunden. Die Boutique befindet sich im Herzen von Miramas.

Als der Zug in die Stadt seiner Zukunft einfährt, steht Moritz schon an der Wagontür. Die einäugige Katze auf dem Arm und die blauen, zu engen Schuhe an seinen Füßen. Er steigt aus und geht die Fragen zu seinen Antworten suchen.

Keine Hochzeit ohne Himbeertorte

Ich habe mich wieder von einem Märchen meiner Schwester Leonie aus Kindertagen (sie war ca. 12 Jahre alt, als sie es geschrieben hat) inspirieren lassen und eine Fortsetzung zu ihrer Geschichte “Der falsche Mond” geschrieben. Ich hoffe, ihr bekommt beim Lesen Appetit.

Leonie und ich 2006

Wer Prinzessin Leonore als Kind kannte, der weiß, dass sie den ganzen Hofstaat mit ihren Wünschen auf Trapp hielt. Ständig musste der König den Oberhofmarschall einberufen und ihm die Bestellungen seines Töchterchens diktieren. Die Gärtner pflückten die schönsten Blumen, die Jäger fingen die exotischsten Tiere, sogar den legendären Feuervogel, und der Hofbackmeister buk jeden Tag eine köstliche Himbeertorte. Bis zu dem Tag, als Prinzessin Leonore sich an der Himbeertorte überfressen hatte und krank wurde. Ihr erinnert euch sicher, wie sie sich den Mond vom Himmel herab wünschte und der Zauberer Ambra-Kandra ihr einen falschen Mond brachte.

Prinzessin Leonore erkannte die Täuschung und wurde auch ohne Mond gesund. Sie hatte gelernt, dass manche Wünsche unerfüllbar waren und dass sie es mit ihrer Geschenke-Sucht übertrieben hatte.

Aber auch die hellste Erleuchtung ist nicht gegen das Verblassen durch die Zeit gefeit, die Läuterung verhallt und alte Laster kehren zurück. Die Prinzessin wuchs heran und als sie 22 Jahre alt wurde, war ein neuer Wunsch in ihr heran gereift. Sie wollte heiraten. Aber es sollte ein Jüngling sein, der ihr jeden Herzenswunsch erfüllen konnte. Sie wollte die Heiratsanwärter auf die Probe stellen. Nur demjenigen mit dem besten Liebesbeweis würde sie ihr Herz und ihre Hand schenken. Da sie seit zwölf Jahren keine Himbeertorte mehr gegessen hatte, verspürte sie ein unbändiges Verlangen danach. Ihr die köstlichste Himbeertorte zu bringen sollte die Aufgabe für die Heiratskandidaten sein.

Also rief der König den Oberhofmarschall zu sich. Dieser war in den Jahren der Untätigkeit träge und unkonzentriert geworden, selbst wenn seine Frau ihn mit ihrer Einkaufsliste zum Markt schickte, verwechselte er regelmäßig Kartoffeln mit Karotten oder brachte Eier statt Milch mit.

“Mache im ganzen Königreich bekannt, dass Prinzessin Leonore heiraten will und denjenigen zum Mann nimmt, der ihr die köstlichste Himbeertorte bringt. Jeder Mann darf um sie werben, er muss nicht einmal ein Prinz sein.”

Diese Kunde verbreitete sich wie ein Lauffeuer im ganzen Land und alle unverheirateten Buben, Männer und sogar Greise wollten um die Prinzessin werben. Die meisten taten das nicht aus Zuneigung zur Prinzessin, denn sie kannten das Mädchen gar nicht, sondern weil sie gerne ein sorgenfreies Leben im Schloss führen wollten.

Innerhalb kürzester Zeit waren im ganzen Land alle Himbeeren aufgekauft. Auch die Milch für die Sahnecreme war nur noch unter Mühen zu bekommen.

Der Kaufmannssohn Magnus machte keine halben Sachen. Er kaufte sämtliche Himbeeren auf und ließ die überzähligen zu Saft zerquetschen, damit seine Konkurrenten keine Chance mehr haben sollten. Er engagierte den berühmtesten Konditor und ließ ihn eine mehrstöckige Himbeertorte von der Größe eines Ochsen herstellen. Die Torte gelang, sah herrlich aus und wurde auf einem Leiterwagen zum Königsschloss gebracht, der Kaufmann stolzierte in seinem Sonntagsanzug nebenher.

Es gab noch einen zweiten Kandidaten, der sich Prinzessin Leonore präsentierte. Es war der Student Stultus, der im 14. Semester Philosophie, Altgriechisch und Latein studierte und mit der realen Welt nicht sehr vertraut war. Torten backen konnte er nicht. Er hatte auch kein Geld, um einen Konditor zu bezahlen. Aber er hatte Vertrauen in Dinge, die man nicht begreifen kann und so wandte er sich an den Zauberer Ambra-Kandra. Dieser sollte eine große und schmackhafte Himbeertorte herbei zaubern – zum Lohn würde er ihm ein Lexikon aller Zaubersprüche schreiben. Wie ihr wisst, ist der Zauberer Ambra-Kandra kein echter Zauberer, sondern ein Trickkünstler.

Die Täuschung mit dem Mond für die Prinzessin war ihm vor zwölf Jahren misslungen. Aber an die Tortenzauberei machte er sich mit großem Eifer. Er baute ein siebenstöckiges Tortengestell aus Draht und Pappe von der Größe eines Elefanten. Er kleidete das Gestell in eine Schicht von Gips ein, die aus der Distanz wie Sahnecreme aussah. Für die Himbeeren blies er rote Luftballons auf. So stand der Student Stultur nun neben der gigantischen Himbeertorte des Zauberers im Innenhof des Schlosses und Prinzessin Leonore blickte vom Balkon herab.

Gleich neben ihm stand ein hübscher Bursche mit einer Gitarre über der Schulter. Die Prinzessin erkannte ihn als den Hofmusikanten Anton, der ihr mit seiner schönen Stimme schon so manches Lied vorgesungen hatte. Anton hielt ein Himbeertörtchen vor sich, das nicht viel größer als seine Handfläche war. Er hatte die Himbeeren im Wald gepflückt und die Milch für die Sahnecreme von der einzigen Kuh seiner Eltern geholt.

Im Hof hatten sich noch viele andere Heiratskandidaten versammelt. Der Oberhofmarschall inspizierte ihre prächtigen Torten. Aber aus Mangel an Himbeeren hatten sich die Männer mit Brombeeren und Erdbeeren beholfen und das war gegen die Regeln. Sie wurden alle weg geschickt.

So blieben nur noch der Kaufmannssohn Magnus, der Student Stultus und der Musikant Anton stehen. Zuerst deutete die Prinzessin auf die Riesentorte. Feierlich schritt der Oberhofmarschall mit einem Messer so groß wie eine Mistgabel auf das Zauberwerk zu. Als er ein Stück abschneiden wollte, glitt die Messerspitze von der harten Oberfläche ab und stach in eine der Riesenhimbeeren und es knallte laut, denn es war ja nur ein Luftballon, der nun zerplatzte. Die Zuschauer auf dem Balkon lachten und Zauberer Ambra-Kandra schlich auf Zehenspitzen davon. Der Student murmelte “ingratum trahit orbis terrarum” vor sich hin und schlurfte nach Hause.

Als nächstes nickte die Prinzessin in Richtung der stattlichen Torte des Kaufmannsohnes. Magnus grinste mit stolz geschwellter Brust und war sich seines Sieges sicher. Das lächerliche Törtchen des Musikanten hatte keine Chance. Der Oberhofmarschall schnitt ein Stück aus der prächtigen Himbeertorte und brachte der Prinzessin den Teller. Mit einem goldenen Gäbelchen kostet sie davon und nickte zufrieden.

Nun winkte sie dem Musikanten, er solle herauf kommen. Anton sprang die Stufen hoch zur Galerie und verbeugte sich unelegant vor der Prinzessin, dabei fiel ihm die Gitarre auf den Boden, aber das Törtchen konnte er vorm Absturz retten. Prinzessin Leonore kicherte.

Sie nahm das Törtchen mit den winzigen Waldhimbeeren aus seiner Hand entgegen und biss herzhaft hinein. Es schmeckte köstlich. Sie aß das ganze Törtchen in vier Bissen auf.

“Mein Appetit ist noch nicht gestillt”, sagte die Prinzessin. Der König runzelte seine Stirn und die Zuschauer auf der Galerie tuschelten miteinander. Sie waren sich nicht sicher, ob die Prinzessin den Törtchenbäcker lobte oder tadelte.

“Wenn du heute schon satt davon geworden wärst, würdest du dir nicht wünschen, dass ich morgen wiederkomme”, sagte Anton und lächelte sie an. Prinzessin Leonore lächelte zurück.

“Du sollst morgen wiederkommen”, sagte sie. Anton nickte glücklich.

“Hier ist eine ganze Torte für dich. An der kannst du dich satt essen”, rief Magnus aus dem Hof herauf. Sein Kopf war vor Wut so rot wie eine Himbeere.

“An deinem Überfluss verderbe ich mir den Magen”, sagte die Prinzessin und wedelte mit ihrem Spitzentaschentuch dem Oberhofmarschall zu, damit er den Kaufmannssohn vor die Tür setzen sollte. An diesem Tag schmauste die ganze Hofgesellschaft an der riesigen Torte und die Prinzessin lauschte dem Gesang von Anton.

Anton kam die Prinzessin am nächsten Tag wieder mit einem Törtchen besuchen und sie musizierten zusammen. Und so ging es Tag um Tag, Woche um Woche, bis zu ihrer Hochzeit.

Und wenn sie sich nicht an Himbeeren übergegessen haben, dann lieben sie sich noch heute.

Der un-unheimliche Geist aus Naban – Japan und sein royales Reich

Mir ist letztens ein tolles Fundstück in die Hände gefallen: Drei Märchen aus der Feder meiner kleinen Schwester Leonie, die sie als 12-Jährige geschrieben hat (die Altersangabe ist eine Schätzung, da weder die Befragung der Autorin, noch die Analyse des Dokuments eine eindeutige historische Einordnung zuließen). Leonie hatte schon als Kind – auch dank ihres Lesehungers – eine reichhaltige Fantasie und hat sich ständig Geschichten ausgedacht. Was für ein Glück, dass einige (wenige) davon auf Papier gebannt sind. Meine treuen Blogleser*innen der ersten Stunde kennen Leonie schon als meine Begleiterin bei der Erkundung vom Spreepark und vom Allmende Kontor.

Leonie (als 12-Jährige) und ich (mit meiner Nichte)

Eines ihrer Märchen heißt “Der Geist in der Wanduhr” (lesen lohnt sich!) und spielt in Japan. Diese originelle und witzige Geschichte hat mich zu einem eigenen Märchen inspiriert, das die Vorgeschichte des lieben Geistes erzählt.

Eine Geistergeschichte zum 1. Mai passt gut, denn zum walpurgischen Tanz in den Mai treffen sich nicht nur Hexen, auch andere übersinnliche Gestalten treiben ihr Unwesen. Da verwundert es nicht, dass ein kleiner japanischer Gast durch meinen Blog gegeistert ist. Bin gerade sowieso im Japan-Feeling seit ich in den letzten Tagen einige Dokumentation über das Land angeschaut habe. Außerdem ist gestern der Japanische Kaiser Akihito von seinem Chrysanthementhron gestiegen, um den Platz seinem Sohn Naruhito zu räumen, der heute den Thron besteigt. Ob der als Kind wohl auch den Geschichten vom verwunschenen Reich Naban gelauscht hat?

Der un-unheimliche Geist aus Naban

Fürchtet ihr euch vor Geistern? Das solltet ihr! Geister sind unheimliche Wesen, die durch Schlüssellöcher und Ritzen kriechen wie der Nebel, die nachts die Dielen zum knacken und die Türangeln zum quietschen bringen, die “Huuuuuh” in euer Ohr hauchen, so dass ihr eine Gänsehaut bekommt. Das ist die Regel. Aber was ist, wenn ein Geist das alles nicht kann? Von solch einem Geist möchte ich euch erzählen.

Es war einmal ein kleines Königreich. Es hieß Naban und lag irgendwo in Japan. Vielleicht habt ihr noch nie von diesem Königreich gehört. Das liegt daran, dass dieses Reich schon seit langer Zeit ohne König ist. Alle Menschen haben das Land verlassen.

Es geht die Sage um, im Land Naban hause ein Ungeheuer. Das hat vor Jahrzehnten ein Mann namens Rederade erzählt – ein Geschichtenerfinder, dessen Einfallsreichtum nur von seiner Unzuverlässigkeit übertroffen wurde. Seine Zuhörer aber glaubten ihm und gaben die Kunde vom Ungeheuer weiter.

Naban wurde menschenleer, blieb aber nicht völlig unbewohnt. Eine Sippe von Geistern hat sich dort angesiedelt. Es sind Geister vom Stamm der Yokai-wa-hui. Ihre Bestimmung ist es, Schabernack zu treiben und die Menschen zu erschrecken. Ihre wandelbare Gestalt ist meistens unsichtbar. Wenn sie erscheinen, dann meistens als weiße Nebelgebilde in menschenähnlicher Form. So glauben die Menschen, die Gestalt eines Verstorbenen im weißen Kimono zu sehen.

In der Königsstadt von Naban steht nur noch ein Haus. Das ist das Internat, in dem die jungen Yokai-wa-hui-Geister ausgebildet werden. Einer der Schüler war der kleine Geist He-Sun. Er war sehr verträumt und verpasste oft seine Unterrichtsstunden. Im Fach “Erscheinung” schimpfte seine Lehrerin Rei-Lee oft mit ihm:

“He-Sun, dein Kimono aus Mondstrahlen ist ganz löchrig. Wer soll denn Angst vor so einer Lumpengestalt haben?”

Aber so sehr sich He-Sun anstrengte, er konnte seine Gestalt nicht in ein weißes Geisterkleid hüllen.

Auch in der Geisterkinese-Klasse hatte er seine Schwierigkeiten. Hier lernten die kleinen Schüler, mit der Kraft ihrer Gedanken Gegenstände zu bewegen. Alle anderen konnten schon Möbel umwerfen und Türen zuknallen. Aber Hu-Sun schaffte es gerade mal, ein Essstäbchen zittern zu lassen.

“Wer soll sich bloß vor einem zitternden Essstäbchen fürchten?”, bellte Lehrer Tanuki.

Am besten gelang ihm noch die Geisterphonie. Hier mussten sie einen Lufthauch mit ihrem Geistermund formen und einen unheimlichen Klang erzeugen. Dazu kamen allerlei Hilfsmittel infrage. Manche suchten sich Regenrinnen, Teetöpfe oder Gießkannen. He-Sun fand eine Kaffeekanne aus weißem Porzellan mit blauer Bemalung, die eine Flusslandschaft zeigte. Der Deckel der Kanne war verloren gegangen und im Boden war schon ein kleiner Sprung. Aber der Hals der Kanne war geschwungen wie der Hals eines Schwans. Wenn He-Sun seinen Geistermund an die Öffnung des Kannenhalses legte und ganz fest ans Pusten dachte, geriet die Luft in Schwingung und aus dem Bauch der Kanne klang ein satter Ton wie beim Signalhorn eines Flussdampfers. He-Sun liebte deshalb seine Kaffeekanne und blieb immer in ihrer Nähe. Schließlich war sie sein einziges Grusel-Instrument.

Er quartierte sich in der kaputten Wanduhr ein, gegenüber vom Tisch, auf dem die Kaffeekanne stand. Aus dem Uhrenkasten konnte er seine Kanne gut im Blick behalten und wurde nicht gestört von den anderen kleinen Geistern, die durchs Haus tollten und mit ihrem Türen knallen und Möbel umwerfen um die Wette eiferten. Leider gab es hier keine Menschen, die sie mit ihren Kunststücken erschrecken konnten.

Im Land Naban lebten außer den Geistern auch noch einige Insektenarten, Fische und Vögel. Vielleicht gab es auch giftgrüne Eidechsen so groß wie Elefanten – aber da müsst ihr Rederade fragen. Auf jeden Fall gab es Spinnen in Naban. Das können euch die Geister bestätigen. Die Spinnen und die Geister haben eine ganz besondere Beziehung. Spinnen fürchten sich vor den Yokai-wa-hui-Geistern, weil sie unsichtbar durch die Luft fliegen und die Netze der Spinnen zum Schwingen bringen. Die Spinne denkt, sie hat eine Beute gefangen. Sie krabbelt hin, aber ihr Netz ist leer und zerrissen. Die Geister jedoch lieben es, in die Netze der Spinnen zu fliegen. Dann bleiben nämlich einige der Spinnenfäden an ihrer Aura kleben und so können sie noch weißer schimmern, wenn das Mondlicht auf sie fällt.

Am Tag der Abschlussprüfung musste jeder Geisterschüler drei Disziplinen vorführen und zeigen, dass er den Menschen Angst einjagen konnte.

Der kleine He-Sun wurde vom Poltern geweckt, als seine Kameraden alle Wandschirme im Haus umwarfen. Er hatte seine erste Prüfung verschlafen.

In der zweiten Prüfung mussten die Geisterschüler vor einem Spiegel entlang huschen und dabei in ihrer weißen Totengestalt aufschimmern. He-Sun gab sich alle Mühe, aber seine Gestalt flackerte nur grau auf und er sah aus, wie ein löchriges Putztuch. Die anderen Geister kicherten und seine Lehrer schüttelten ihre weißen Köpfe.

In der dritten Prüfung konnte He-Sun die einzige Kunst zeigen, die er beherrschte: Er pustete in den Hals seiner Kaffeekanne und das ganze Haus vibrierte vom tiefen Ton aus dem Porzellanbauch seines Instruments. Seine Lehrer verneigten sich vor ihm und gaben ihm sein Geister-Diplom.

Alle Geister verließen das Haus, um in der Menschenwelt außerhalb von Naban ihren Spuk zu treiben. Nur He-Sun blieb zurück. Er wäre auch gerne auf Spukreise gegangen, aber er war zu schwach, um seine Kaffeekanne von der Stelle zu bewegen und ohne seine Instrument konnte er nicht spuken. Er flog durchs verlassene Haus und warf sich in alle Spinnennetze. Die Spinnen ergriffen die Flucht und im ganzen Haus gab es bald kein einziges Spinnennetz mehr. He-Sun war nun ganz alleine und vertrieb sich die Zeit mit Träumen in der Wanduhr.

Eines Tages kam Abjoktka, der Ur-ur-ur-ur-Enkel von Rederade, ins Geisterhaus. Ihr kennt bestimmt die Geschichte dieses Helden, der ins Land Naban zog, um das Ungeheuer zu besiegen.

Endlich hatte He-Sun einen Freund gefunden und reiste in der Satteltasche von Abjoktka, der auch die Kaffeekanne für ihn trug, zum Tennō von Japan. Abjoktka kniete vor dem Chrysanthementhron und berichtete dem Herrscher von Japan, dass es kein Ungeheuer in Naban gäbe. Von dem Geisterhaus erzählte er lieber nichts und He-Sun blieb unsichtbar und leise.

So wurde der Held Abjoktka mit der Prinzessin verheiratet und wurde zum neuen König über Naban ernannt. Seitdem lebte der kleine Geist He-Sun mit der Königsfamilie im Palast. Jeder kannte ihn und niemand hatte Angst vor ihm, nicht einmal die Kinder des Königspaares. Um Mitternacht trötete der Geist immer auf seiner Kaffeekanne und das klang gar nicht unheimlich.

Eine wunderliche Begebenheit soll aber noch erzählt werden: Eines Nachts kamen Diebe ins Schloss von Abjoktka. Sie hatten es auf eine goldene Buddha-Figur im Esszimmer abgesehen. Als sie am langen Tisch vorbei schlichen, fiel ihr Blick auf eine Schüssel Reis, die dort noch vom Abendessen stand. Im Reis waren viele Linien gezogen, die ein symmethrisches Muster ergaben. Die Essstäbchen neben dem Teller zitterten ein wenig. Die Diebe starrten auf die Linien im Reis. Es sah aus, wie ein Zen-Garten. Sie konnten ihre Blicke nicht abwenden und versanken in eine tiefe Meditation. Am Morgen wurden sie von einem Diener entdeckt und gefangen genommen. Könnt ihr euch denken, wer dahinter steckte?

Seitdem wünscht sich jede japanische Familie einen lieben Hausgeist.

Respect – Aus dem Leben eines Sprayers

Ich lerne London aus einem neuen Blickwinkel kennen – nämlich aus den Augen eines echten Graffiti-Sprayers – er selbst versteht sich als Street Artist. Ich habe mich im Internet für eine Walking Tour angemeldet. Am Freitag um 11 Uhr erwartet Gregory Simpson mich und 30 andere Interessierte vor einem Coffeeshop im Londoner Viertel Shoreditch (East End). Gregory trägt auch bei bedecktem Wetter eine Sonnenbrille, denn seine Straßenidentität als Sprayer will er geheim halten. Ja, wir werden auch seine Werke auf der Tour sehen, aber er verrät uns nicht, welche es sind und seinen Straßennamen verrät er uns natürlich auch nicht. Stolz erzählt er, wie hoch die Strafen in Großbritannien für Sprayer sind. Ja, einige seiner Kollegen sind schon im Gefängnis gelandet.

Gregory ist Mitte 30, trägt Jogginghose und Sneakers und natürlich seine Sonnenbrille. Er ist ein Lebenskünstler, nachts sprüht er seine Kunst an die Wände der Stadt, tagsüber führt er die Touristen an die Orte seines Schaffens – von den Spenden lebt er (am Ende der Tour sollen wir ihm geben, was seine Führung uns wert war). Mit langen Schritten eilt er uns voraus und führt uns kreuz und quer durch die Gassen des Arbeiterviertels Shoreditch, wo kleine Backsteinhäuser dicht nebeneinander gedrängt stehen, es gibt unvermutete Innenhöfe, dann wieder halb verlassene Fabrikbauten – alle diese Steinwände sind die Leinwand für die Straßenkünstler mit ihren Spraydosen.

Respekt und Verachtung sind die Koordinaten, zwischen denen sich jeder Sprayer der Szene hier bewegt. Gregorys Verachtung trifft auch eine konkurrierende Walking Tour mit französischen Schülern, die nicht von einem Sprayer aus dem Viertel geführt wird. Das wird nicht gerne gesehen. Das Geld der Touristen soll zurück in die Szene fließen.

Gregory spricht in der “wir”-Form, er ist Teil der Szene, hat sich den Respekt der Gemeinschaft erworben. Wenn man am Anfang seiner Sprayer-Karriere steht, muss man seine “dedication” beweisen, indem man seinen “tag” (Signatur/Logo) so oft es geht in der ganzen Stadt auf die Mauern schreibt (“go all city”). Man muss viel Zeit und Energie einsetzen, sich Wind und Wetter aussetzen, den Gefahren und der (Straf-) Verfolgung trotzen. Dabei gilt es, seinen eigenen Stil zu entwickeln. Übrigens gibt es nur wenige Frauen in der Sprayer-Szene – die nächtlichen Streifzüge und das Risiko ziehe einfach überwiegend Männer in ihren Bann, meint Gregory.

Eines der wenigen Werke einer Frau. Davor steht meine Schwester Dorit, der ich die Fotos zu verdanken haben (bis auf dieses, da war ich selbst am Drücker).

Gregory führt uns zu wandfüllenden Werken (“Mural”) – er weiß, wie lange der Künstler gebraucht hat, um sein Bild an die Wand zu bringen (je schneller, umso beeindruckender). Wer zu Hause alles vorbereitet und draußen nur noch anklebt, verdient weniger Respekt, als der, der vor Ort sein Werk kreiert und seine Technik beim Aufbringen der Farbe bei Wind und auf Leitern hangelnd beherrscht. Gregory weist uns auf einige hässliche und technisch einfache Bemalungen hin, die nur aufgrund ihrer Lage (“heavens spot”) hoch oben an Gebäuden dem Sprayer Respekt einbringen (weil risikoreich).

“MSK”-tag unter dem Geländer bringt Respekt ein. Die pinke Schrottkarre unter Plastikverschlag stammt von Banksy.

Manche der Street Artists sind so berühmt, dass sie ganz konventionell zu Ausstellungen in Galerien eingeladen (und bezahlt) werden. Er zeigt uns zwei Wände mit (frischen) Bemalungen von etablierten Straßenkünstlern, die hiermit ihre aktuellen Ausstellungen bewerben. Gregory hat Hochachtung vor diesem “Helium”-Künstler, der sein Werk unter Zeitdruck in nur zwei Tagen auf die Wand gebracht hat.

Mit den Helium-Buchstaben hat der Künstler FANACAPAN seinen eigenen Stil entwickelt.

Mancher Sprayer holt sich die Erlaubnis der Hausbesitzer ein, die meisten sprühen jedoch illegal.

Ein beeindruckendes Werk (mit Genehmigung). Hier hat der Künstler die Struktur der Fassade (Schornsteine) für einen 3D-Effekt seines Bildes benutzt.

Begehrt und doch verachtet sind die Auftragsarbeiten. Gerade gestern fertig gestellt ist eine Werbung für die Netflix-Dokumentation “Our Planet”. Hier haben drei Street Artists zusammen gewirkt und ihr Werk signiert. Einer der Künstler steht in der Tür vom Pub gegenüber und Gregory begrüßt ihn mit Handschlag.

Später sehen wir eine weitere Auftragsarbeit (für Gucci mit Andy-Warhol-Motiv), die Künstler stehen gerade auf dem Gerüst und legen letzte Hand an – ob sie ihre Wandbemalung signieren werden? Wer sich vom Kommerz einfangen lässt, ist ein “sellout”, er erntet Spott und Verachtung in der Community. Deshalb erledigten einige der Sprayer ihre Auftragsarbeiten maskiert und ohne Signatur, um sich die Schande zu ersparen.

Auftragsarbeit von Gucci: 3-facher Andy Warhol entsteht gerade im Hintergrund

Die Community hat das Territorium fest im Griff. Hinterlassen Sprayer von außerhalb ihre “tags” oder Bilder an den Wänden, werden sie in der nächsten Nacht sofort wieder übersprüht. Nur, wer sich hier den Respekt durch seine unermüdliche Arbeit erworben hat, wird geduldet. Wenn man über das Bild eines andere drüber sprayen will (“crossen”), gehört es zum guten Stil, das Bild des anderen komplett auszulöschen (mit Grundierung übermalen, bevor man selbst etwas Neues anbringt). Wenn einer den anderen übermalt, muss das neue Werk besser sein, als das Übermalte. Sonst übersteht es nicht die nächste Nacht.

Wer entscheidet über die Qualität? Anders, als in der konventionellen Kunstwelt, entscheiden hier nicht Galeristen, Kritiker und Käufer über den (künstlerischen und materiellen) Wert eines Werks. Es ist alleine die Eigendynamik der Sprayer-Gemeinschaft, die ihren ungeschriebenen Gesetzen folgt. Es gibt Hierarchien und Meinungseminenzen. Freiheit ist eine Illusion. Der Sprayer lehnt sich gegen das Establishment auf, muss sich aber gleichzeitig den Regeln der Szene unterwerfen. Sie bilden eine sehr ausgereifte Subkultur, die sich am Puls der Zeit bewegt und in der ihre Mitglieder sich ständig im Kampf (“battle”) miteinander befinden. Sie kommen mir wie Street Gangs vor, die ihre Revierkämpfe mit Spraydosen anstelle von Messern austragen.

Natürlich kommt Gregory auch auf Banksy zu sprechen – der wohl bekannteste aller Street Artists. Auf unserer Tour sehen wir eine pink bemalte Schrottkarre auf einem Dach und eine wiederhergestellte Wandbemalung hinter Glas (wie im Museum) an der Fassade eines Cafés. Banksy sei nur ein mittelmäßiger Künstler (so die Bewertung von Gregory), seine Popularität begründe sich aus seiner guten Auswahl der Orte für seine Werke und einer cleveren Selbstvermarktung (wie jüngst der medienwirksame Publicity-Stunt des geschredderten “girl with balloon” während der Versteigerung bei Sotherbys).

Nach zwei Stunden Rundgang verabschiedet sich unser Guide (vorher füllt sich seine Hand noch mit 10-Pfund-Noten). Wieder zuhause bekomme ich eine E-Mail von Gregory, wo er (ganz geschäftstüchtig) um eine gute Online-Bewertung seiner Tour bittet, seine facebook und instagram (@Aciz82)-Seiten nennt und sogar vier Fotos seiner Streetart beifügt – ganz so anonym möchte er wohl doch nicht bleiben. Ein Künstler braucht sein Publikum, um Anerkennung zu erfahren.

Meine Eindrücke aus der Sprayer-Szene habe ich in dieses Gedicht gesprüht:

street respect

meine sneakers auf dem asphalt

lautlos

zwischen den leuchtkegeln der laternen

verborgen

unter meiner kapuze

helle nase, dunkle augen

im rucksack klappern meine cans

molotow, kobra und montana

mein finger am sprühknopf

skinny, medium und fat

ich beherrsche jede technik

aus dem handgelenk gegen den wind

klopf klopf am nachmittag an einer haustür

“darf ich auf ihre hauswand sprayen?”

“nein”

“kein problem”

ich komme wieder in der nacht

auf sneakers unter meiner kapuze

die wand ist meine neue welt

ich bin ihr kapuzen-kolumbus

mein “tag” ist meine fahne

ich schreibe meine markierung

an die mauern meines viertels

an die mauern deines viertels

an die mauern aller viertel dieser stadt

ich gehe “all city”

tag tag – all night – all city

schreibe mich ein in den kreis der brüder

dreißig tags in einer nacht

seht meinen einsatz, seht meine hingabe

mein tag ist meine währung

bezahle meinen eintritt

in den außenring der ringe

ich bombe die fassaden

werde gebustet von den bullen

bald kennen meine brüder meinen tag

sie kennen meine schrift, sogar mein gesicht

graffiti war gestern, streetart ist heute

ich finde meinen style

der fuchs ist mein character

drei nächte für mein erstes mural

ein echter burner, finden meine brüder

hänge kopfüber vom hausdach

mein leben in der hand eines freundes

sprühe mich in den heavens spot

seht meinen mut, gebt mir euren respekt

shoreditch hat mich aufgenommen

freestyle bringt mir fame

heute crosse ich über ein mural von tizer

tizer überspüht morgen mein werk

der battle ums territorium ist on

mutiny sprayed für netflix

er ist ein sellout – shame on you!

ich spraye ohne bezahlung

respekt ist meine belohnung

tag tag – all night – all city

Die Welt auf einer Seite

Ich habe genau eine Seite, um die Autorin Katja Lange-Müller davon zu überzeugen, mich in ihre Prosa-Meisterklasse aufzunehmen. Auch dieses Jahr möchte ich wieder beim Schwäbischen Kunstsommer mit dabei sein – diesmal aber nicht mit Lyrik.

Das kann doch nicht so schwer sein, eine Seite bekomme ich locker hin – denke ich optimistisch. Ich schaue mir die Vorgaben in der Ausschreibung genauer an. Die Meisterin verlangt “eine Figuren- oder Tierbeschreibung oder Beschreibung einer Szene, die sich zwischen zwei, drei Menschen oder zwischen Mensch und Tier abspielt”. Es gehe ihr um eine literarische Skizze “nach der Natur”, es soll etwas “Lebendes” abgebildet werden.

Als Musterbeispiel nennt sieDas Fliegenpapier” von Robert Musil. Hier beschreibt er parabelhaft den Todeskampf von Fliegen auf dem klebrigen Papier und spannt dabei den Bogen um die gesamte menschliche und gesellschaftliche Existenz.

Nachdem ich Musils Text gelesen habe, erscheint mir die vor mir liegende Aufgabe doch um einiges schwieriger. In wenigen Worten gilt es, eine tiefgründig Botschaft zu vermitteln, symbolhaft und verschlüsselt. Auf der Inhaltsebenen muss ich Interesse für die Figuren wecken, Spannung erzeugen, vielleicht sogar mit Humor garnieren?

Im Kopf krame ich tagelang nach Gegenständen, die eine Geschichte erzählen. Brautschuhe vielleicht? Schachfiguren (die schwarze Dame alleine auf dem Spielfeld mit einem weißen Springer)? Dann denke ich an Fundgegenstände bei der Versteigerung der DB. Ein kaputter Regenschirm wünscht sich einen neuen Besitzer…

Dann schweifen meine Gedanken zu fantastischen Tieren (bitte kein drolliger Mops oder verspielte Miezekatze, ermahnt Frau Lange-Müller in der Ausschreibung). Mir kommt die Idee zu einem Vogel mit Flugangst oder Singvogel mit Lampenfieber, einem Igel, der sich anstelle seiner Stacheln eine weiche Haut wünscht, ein vergessliches Eichhörnchen. Wie wäre es mit einem Bücherwurm, der keine Buchstaben mag?

Am Samstag schreibe ich meine Geschichte über den Regenschirm – die sich beim Schreiben doch ganz anders entwickelt. Am Sonntag wende ich mich den Bücherwürmern in der Bibliothek von Sir Henry zu. Da meine Abreise am heutigen Montag nach London bevorsteht, zieht sich das britische Flair ein wenig durch meine Geschichten. Auch thematisch gibt es eine gewisse Verwandtschaft unter den Geschichten.

Hier also meine zwei Texte. Was haltet ihr davon? Welchen soll ich einsenden (ich muss mich für einen entscheiden)?

Text 1:

Aufgespannt

Bis zu jenem Tag im April war Mr. Chapmann niemals ohne seinen Regenschirm aus dem Haus gegangen. Seinen Weggefährten aus Kirschholz und rotem Nylon trug er stets ohne Rücksicht auf das Wetter mit sich. Vor dem Öffnen der Haustür richtete er seine blauen Augen unter buschig weißen Brauen im stummen Gruß auf den schlanken Eintänzer im Schirmständer. Dort stand der Schirm bereit, mit stolz hochgerecktem Hals, auf dessen Ende ein Löwenkopf aus Elfenbein thronte. Mr. Chapmans linke Hand fand den Knauf mit der Sicherheit eines Tänzers in einer gut geprobten Choreografie. Die Wellen der Löwenmähne schmiegten sich in die weichen Falten seiner linken Handinnenfläche. Seine runden Finger umschlossen den Kopf des Löwen, die Kuppe des Mittelfingers legte sich zwischen die Wölbungen von Nase und Stirn des Wüstenkönigs. So gerüstet ging Mr. Chapman auf die Straße, immer mit dem Hut auf dem Kopf, den Mantel zugeknöpft. Der Regenschirm schwang im Takt seiner Schritte, die Spitze setzte gleichzeitig mit dem linken Fuß auf. Der Klang, mit dem die messingumhüllte Schirmspitze auf den Boden stieß, offenbarte klopfend oder knirschend die Beschaffenheit des Untergrunds. Ob Asphalt, Steinplatte oder Sandweg – die Schirmspitze war seine Kompassnadel. Der Schirm ließ ihn aufrecht voran schreiten, mit dem Gang eines Mannes mit Ziel und Bestimmung. Es gab keine Ablenkungen für ihn am Wegesrand, keine Verwicklungen oder Verwirrungen. Diesen Zweck erfüllte der Schirm jedoch am besten, wenn er geschlossen blieb. Aufgespannt würde er der Willkür des Windes ausgesetzt sein. Nein, der Schirm blieb zu. Kein Wind würde jemals an den zarten Metallspeichen rütteln und ihre Gelenke brechen. Weder Wasser, noch Sonne würden an der saftigen Röte des Stoffes lecken. Nur in seiner Geschlossenheit konnte der Schirm seine Vollendung erreichen und seinen Träger sicher tragen.

An jenem Morgen im April jedoch, als Mr. Chapman erstmalig ohne Schirm aus dem Haus lief, flogen seine Haare hutlos im Wind, seine Mantelschöße flatterten. Seine langen Schritte trugen ihn unsicher zum Bahnhof – dem Sohn entgegen, den er seit 30 Jahren nicht gesehen hatte – ohne Schirm und mit geöffneten Armen.

Text 2:

Zwischen den Zeilen

“Zutritt privat” steht auf dem Messingschild der hölzernen Flügeltür zur “Jedermann-Bibliothek” von Sir Henry. Hier gibt es Bücher für jeden Geschmack. Im Kabinett reichen die Regale bis zur Decke. Die Luft steht still und schwer im Dämmerlicht. Die ledrigen Buchrücken sind von jahrelangem Stillstehen gebeugt und rissig. Würde endlich ein lesehungriger Besucher eintreten und eines der Bücher hervor ziehen, würde er große Augen machen: Auf fast allen Seiten der Bücher fehlen Buchstaben. Denn seit einiger Zeit lebt hier eine Familie von Bücherwürmern. Wotan und Wilma Wurm emigrierten in die Bibliothek mit der Encyclopaedia Britannica aus dem Jahr 1887. Sir Henry stellte seine Neuerwerbung neben die Brockhaus-Reihe, schnalzte zufrieden mit der Zunge und überließ die Bücherkammer wieder ihrem Eigenleben. Wilma und Wotan wurmten sich zuerst quer durch die britische Kunst und Wissenschaft und futterten sich alsbald durch exotischere Werke. Während Wilma eine Vorliebe für die geschmackvoll ausgereiften Sätze von Dostojewski entwickelte, fand Wotan seine Lieblingsbuchstaben in den französischen Klassikern. Besonders das blumige Aroma der Akzente über den Buchstaben waren ihm ein Genuss. Es dauerte nicht lange und sie bekamen eine Schar bücherbegieriger Kinder. Die Jüngste jedoch machte ihren Eltern Sorge: Lola kroch mit ihrem hellen schlanken Leib durch die gesammelten Werke von Thomas Mann und hatte dabei keinen einzigen Buchstaben verzehrt. Sie knabberte nur am unbedruckten Papier zwischen den Zeilen.

“Ich mag keine Wörter, sie schmecken so eindeutig”, jammerte Lola.

“Die Wörter sind die Essenz des Buches”, rief Mutter Wilma und rollte sich auf.

“Wörter weisen dir den Weg”, sagte Léa, eine ältere Schwester, die sich seit Monaten durch Musils “Der Mann ohne Eigenschaften” biss.

“In den Wörtern liegt die Wahrheit”, murmelte Bruder Ben.

“Wie kannst du den Sinn der Sprache auskosten, wenn du ihre Wörter nicht in dich aufnimmst?”, fragte der Vater.

“Der Geschmack ergibt sich aus den fehlenden Wörtern”, beharrte Lola und nahm einen weiteren Happen von zwischen den Zeilen.

Bin gespannt auf euer Feedback. Bis zum 19. April habe ich noch Zeit für die Auswahl des Texts und ggf. Feinschliff. Vielleicht möchte sich jemand von euch auch beim Schwäbischen Kunstsommer bewerben… Würde mich total freuen, liebe kreative Gefährt*innen dabei zu haben.

Update 29. Mai 2019:

Heute habe ich Post bekommen: Ich bin in die Prosa-Meisterklasse aufgenommen worden. Freue mich riesig! Wer möchte, kann den finalen Text meiner Bewerbung nachlesen – einfach den folgenden Link aktivieren: Bewerbung Kunstsommer_Prosa_final

Madame Viola und die vergessene Stunde

Wer kennt sie nicht, die blaue Stunde zwischen 2 und 3 Uhr nachts, wenn die Welt sich ein wenig langsamer zu drehen scheint, es stiller wird und der Mond seine silbernen Fäden durch die Nacht spinnt.

Aber kennst du auch die lila Stunde? Sie gibt es nur 1 Mal im Jahr – wenn die Menschen die Zeiger der Uhr mit der Macht der Willkür um eine Stunde vorstellen und damit den Sommermodus einschalten, auch wenn die Natur noch lange nicht so weit ist. Falls du denkst, diese übersprungene Stunde gäbe es nicht, dann hast du dich getäuscht. Es ist die Stunde von Madame Viola.

Madame Viola ist hellwach in dieser lila Stunde, einer Stunde die außerhalb der Zeit liegt. Einer Stunde, die sich ewig dehnt, um dann in einem Moment zusammen geschoben zu werden wie eine Ziehharmonika zu einer Millisekunde. Wenn du genau hinhörst, kannst du diesen Ton und den Luftzug spüren, der beim Zusammenschieben der lila Stunde entsteht. Das Seufzen von Madame Viola duftet nach Lavendel. Das Besondere an der lila Stunde ist, dass in ihr alles passieren kann. In der lila Stunde sind alle Handlungen bedingungslos, bedenkenlos, sorgenlos – aber nicht bedeutungslos.

In dieser li-la-lo’sen Stunde treibt Madame Viola mit Vorliebe ihre Spiele im Gegenstrom der Zeit. Sie lässt die Regentropfen aufwärts fallen und dreht alle N E B A T S H C U B auf Links. Wenn Madame Viola übermütig wird, holt sie die Sonne hinter dem Horizont hervor und weckt die Vögel für ein Morgenständchen auf. Sie lässt die Katze bellen und den Hund miauen. Der Maulwurf wird zum Hellseher und der Wolf zum Veganer.

Sie kommt in dein Schlafzimmer, sammelt deine vergessenen Träume ein und hängt sie zum Trocknen auf die Leine. Sie hat eine bunte Sammlung dieser Traumfetzen, die sie kichernd in neuen Kombinationen zusammen näht und den arglosen Schläfern in der lila Stunde überzieht. Wenn du also einen Traum aus Kettenhemd, Schafspelz, Filzflicken und Silberfäden träumst, dann weißt du, wer dich darin eingehüllt hat.

Dann kommt der unausweichliche Moment, in dem der kurze Zeiger der Uhr den Stundensprung macht und die lila Stunde zusammendrückt auf dem schwarzen Balken der Vergessenheit. Aber glaube mir, es hat diese Stunde gegeben! Vielleicht kannst du noch den Duft von Lavendel riechen. Vielleicht entdeckst du eine sonnengoldene Strähne in deinem Haar. Vielleicht findest du Moos zwischen deinen Zehen vom Tanz auf der Waldlichtung. Madame Viola bewahrt alles auf, was in der lila Stunde geschehen ist.

Creative Commons. René Magritte: “L’empire des lumières”

Geburtstagstorte auf der Lesebühne – “SoNochNie”

Gestern war ich auf einer besonderen Geburtstagsfeier: Die offene Lesebühne “SoNochNie hat ihr 10-jähriges Jubiläum gefeiert. Die Gratulanten durften sich mit einem 3-MinutenText in eine Stoppuhr-Staffel zum Thema “Mensch, ist die groß geworden” einreihen. Den Spaß habe ich mir nicht entgehen lassen und meinen Torten-Text im grellen Scheinwerferlicht vorgelesen (ihr dürft ihn unten nachlesen) – zusammen mit über 10 anderen Schreibfreudigen, darunter meine Kommilitonin Sabine.

Die offene Lesebühne im “Zimmer 16” in Pankow habe ich schon im Januar kennengelernt. Die Bühne besteht aus einigen Holzbrettern (die die Welt bedeuten), einem Tisch und einer Sanduhr, die 15 Minuten lang rieselt. Jeder darf in diesem Rahmen seinen selbst geschriebenen Text vorlesen – wenn das Los auf einen fällt, denn es gibt immer mehr Anwärter, als Leseplätze. Der kleine Zuschauerraum ist gut gefüllt, an der Bar sitzen die Stammgäste. Einer der Stammautoren (Angela, Leo, Frank, Ulrike) eröffnen den Lesereigen, Leo moderiert, nach jedem Text gibt es aufschlussreiches Feedback aus dem Publikum (an diesem Abend ist sogar das Radio da). Der Moderator zieht sechs mal ein Los aus der Trommel – ich sitze mit meinem Text in der Hand auf heißen Kohlen und warte darauf, dass mein Name vom Zufall ausgewählt wird – habe aber kein Glück (Chance: 16:6). Es ist ein spannender und sehr unterhaltsamer Abend.

Für den Jubiläumsabend habe ich am Sonntag zum Thema (“Mensch, ist die groß geworden”) einen spontanen Text über (eine wunderländische) Alice geschrieben und darin mit Körpergröße und Umgebungsgröße gespielt (eigentlich geht es um das Erwachsenwerden), aber irgendwie ist der Text sehr melancholisch geraten. Für die Lesebühne wollte ich etwas mit mehr Feierlaune, also habe ich mich am Montagmorgen hingesetzt und einen zweiten Text geschrieben, der von einer surrealistischen Torte handelt – witzigerweise gab es am Abend tatsächlich eine Geburtstagstorte, die mit ihrer “10” wie frisch aus meinem Text gesprungen schien.

Der gestrige Abend wurde mit einem eigens für die Lesebühne verfassten Geburtstagslied am Klavier eröffnet, dann haben die 4 Stammautor*innen sehr originelle 10-minütige Texte vorgetragen, in denen sie sich ein “Spin-off” zu historischen Texten ihrer Mitautor*innen ausgedacht haben – da ging es um Begehren und Mordlust in der Nachbarschaft (Urs und die schwarze Orchidee), um den Weltuntergang mit geharkten Gärten und gewaschenen Haaren (und die Erdbeerstimme der Kassiererin namens Wolfgang Petri), um Kieselsteintürme und um einen Mann, der in Worte zerfällt. In der Pause wurde das Schnittchenbuffet eröffnet und die Torte angeschnitten.

Dann kam mein Highlight: Die Staffel der 3-Minuten-Texte. Wir Gastleser*innen haben uns aufgereiht und los ging es. Eine fulminante Parade unterschiedlichster Geschichten zum Jubiläumsthema. Ich komme an die Reihe, stelle mich vor das Mikro, das Scheinwerferlicht blendet alles andere aus, ich lese meinen Tortentext vor und höre sogar einige Lacher – das macht Spaß!

Eigentlich ist das Agieren vor Publikum ja überhaupt nicht mein Ding, in der Schulzeit habe ich mich vor Bühnenauftritten immer schüchtern gedrückt. Obwohl man sich mit dem Vorlesen eines selbst geschriebenen Textes stark exponiert, fällt mir das erstaunlicherweise heutzutage gar nicht so schwer.

Beschwingt von diesem positiven Erlebnis habe ich mich am Ende des Abends als “Themenbeauftragte” gemeldet und darf im Mai einen Text zum Thema “Sieben Streiche Leben” schreiben und vorlesen – hierfür hat das Publikum die Themen auf Zettel geschrieben und mir wurde ein Zettel zugelost. Freue mich schon auf weitere Leseabende SoNochNie.

Hier nun meine versprochenen Texte zu “Mensch, ist die groß geworden”:

Text 1: Alice

Alice stieß mit ihrem Fuß an das Ende ihres Betts. Entweder war das Bett geschrumpft, oder sie war gewachsen.

“Steh auf mein Schatz, das Frühstück wartet auf dich”, hörte sie die Stimme ihrer Mutter durch den Flur die Treppe hinauf schallen. Alice zog sich das Daunenkissen über den Kopf. Sie wurde eingehüllt von Dunkelheit und dem Duft nach Lavendel. Zehn Jahre lang hatte das Kissen in der Truhe mit dem Bettzeug gelegen. Mama hatte es eingemottet, überzeugt davon, dass es nur eine Frage der Zeit wäre, bis Alice wieder im Bett ihrer Kindheit liegen würde.

Ihr großer Zeh tastete über das weiß lackierte Holzbord am Fußende. Ja, da waren sie noch, die zwei Buchstaben eingerahmt von einem ungelenken Herzen, die sie mit ihrem Taschenmesser dort eingeritzte hatte. D + A. David und Alice. Was war aus dem schönen David geworden, der ihre Schulzeit hindurch jede große Pause in ein Abenteuerland verwandelt hatte? Eine Landschaft, in der Alice wie eine Sonnenblume nur eine Richtung suchte: die seiner blauen Augen.

In den letzten zehn Jahren hatte eine andere Sonne auf Alice niedergebrannt. Die UV-lastigen Strahlen Australiens hatten ihre Schultern mit unzähligen Sommersprossen besprenkelt und ihre roten Haare unter einen Hut gezwungen. David war aus ihrem Kopf hinaus gedrängt worden von Aufnahmeprüfungen, Erstsemesterparties, fliegenden Collegehüten, ihrem Platz vor dem PC in einem klimatisierten Großraumbüro auf der 28. Etage in Melbourne.

Als sie das Herz und die Buchstaben in ihr Bett geritzt hatte, schien alles möglich. Der Himmel war weit, ihre Träume kannten keine Grenzen.

Alice lugte unter dem Kopfkissen hervor und sah aus dem Fenster. Über ihr hing ein graues Stück Himmel im Quadrat. Ihr Leben passte in diesen Rahmen, wie ein Bild, das an den Rändern abgeschnitten war.

Mit Anstrengung schlug Alice die Bettdecke zurück und setzte sich auf. Ihr stieg der Duft von Zimtpfannkuchen in die Nase. Als sie klein war, war das ihre Lieblingsspeise gewesen. Jetzt hatte sie keine Vorlieben mehr. Alles schmeckte gleich grau. Sie saß auf der Bettkante und wollte nicht aufstehen. Ihr Kopf würde an die Decke stoßen. Nein, sie war nicht groß geworden, nur die Welt war so klein geworden.

Text 2: Die Geburtstagstorte

Heute ist dein Geburtstag und ich bin deine Tortenbäckerin. Ich backe nicht oft, aber was mir an Routine fehlt, gleiche ich mit Elan aus. Schon stehen die Zutaten aufgereiht vor mir. Ich greife zum Weizenmehl Typ 550. Die Packung ist noch halb voll. Ich habe sie letztes Jahr zu deinem 9. Geburtstag gekauft. Der Kuchen im letzten Jahr war ziemlich mickrig geraten. Ich hatte das Backpulver vergessen. Ich suche nach dem Verfallsdatum für das Weizenmehl. Es ist gerade abgelaufen. Aber seien wir doch mal großzügig. Ich lasse das pudrige Mehl in die Schüssel gleiten. Dazu gebe ich Zucker, Eier, Butter, Sojamilch, Vanille- und Rum-Aroma. Abgetropfte Kirschen geben dem Teig dunkelrote Farbtupfer. Eine handvoll Rosinen und Nüsse gesellen sich dazu. Halt, fast hätte ich schon wieder das Backpulver vergessen. Nur rein damit. Ein Schuss Eierlikör kann auch nicht schaden. Unter den Tortenbäckerinnen bin ich die Jazzspielerin. Die Improvisation ist meine Spezialität.

Nun steht mein Teig im Ofen und wächst in die Höhe. Zunächst bildet sich ein kleiner Hügel. Dann bläht sich ein Buckel auf, klettert über den Rand der Springform. Bevor die Backzeit um ist, ziehe ich das Mehlmonument aus dem Ofen. Die Form springt ab und das Backwerk von der Größe eines Autoreifens lässt meinen Küchentisch ächzen. Mit einer Schaufel verteile ich Sahnecreme auf der Torte und streiche sie mit einem Spachtel zu glatten Bahnen auf diesem Berg. Ich klettere auf meine Küchenleiter und richte zehn Kerzen auf deinem Gipfelplateau auf. Beim Verankern im Sandteigboden muss ich einige faustgroße Rosinen entfernen.

Jetzt ist die Geburtstagsgesellschaft da und wir sitzen gemütlich in den Ausläufern der Tortentäler. Du, mein liebes Geburtstagskind hast schon deine Stiefel geschnürt und wirst gleich mit Spitzmesser und Steiggabel die Torte erklimmen. Das Gipfelkreuz in Form einer Zehn liegt im Nebel, aber die Leuchtkerzen werden dir den Weg zeigen. Wir singen zum Abschied “Happy Birthday” und hoffen, dich spätestens zu deinem 11. Geburtstag wieder zu sehen, wenn du von deiner 10-Tausender-Torten-Tour zurück bist.

“Geschafft” – Blogparade BKS 13

Anna, eine Mitstudierende aus meinem Studiengang “Biografisches und Kreatives Schreiben” (BKS) an der ASH Berlin, hat zu einer Blogparade eingeladen. Das Thema lautet: “GESCHAFFT”. Gerne reihe ich mich mit diesem Beitrag in die Parade ein.

Was habe ich in letzter Zeit geschafft? Da fällt mir sofort mein Roman “Bei Stromausfall Liebe” (früherer Arbeitstitel: Blackout) ein. Seine Ursprünge hat die Geschichte in der Romanwerkstatt meines Studiums im Sommer 2018 – dort habe ich das Setting des Stromausfalls in Frankfurt am Main und die Figuren entwickelt und die ersten 15 Seiten geschrieben. Im November unter dem Ansporn des NaNoWriMo ist meine Geschichte an 30 sehr intensiven Schreibtagen zu einem vollständigen Roman gewachsen. Ein paar letzte Szenen Anfang Dezember und fertig war die erste Fassung.

Im Januar habe ich das Manuskript an Testleserinnen und -leser gegeben und von dreien ein sehr detailliertes und hilfreiches Feedback bekommen. In den letzten zwei Wochen habe ich mich dann in die Überarbeitung gestürzt. Hier habe ich den barocken Überschwang an Bildern und Metaphern heraus gestrichen und auch sonst versucht, Dialoge zu straffen und Füllwörter und inhaltliche Wiederholungen zu eliminieren.

Das war eine ganz schön intensive Arbeit am Text, nicht ohne Schmerzen. Die Devise von Steven King: “Kill your darlings” ging mir ständig durch den Kopf – ja, manchmal sind es gerade meine Lieblingsformulierungen, die der Schere zum Opfer fallen müssen. Dann habe ich noch ein bisschen am dramatischen Aufbau gerückt (einige Szenen zu Beginn in der Reihenfolge vertauscht, so dass die Hauptfigur Natasha im Einstieg präsenter ist). Und zu guter Letzt habe ich noch eine kleine Szene hinzu geschrieben, in der der Wiener Witwer (den man sonst nur durch seine Briefe kennenlernt und in einer Begegnung in einem Lebkuchenladen mit Banker Robert) in der Neuen Altstadt mit Yul, dem jungen Fahrradkurier, zusammen trifft – diese Verflechtung der Figuren hat meinen Testleser*innen gefallen und deshalb habe ich einen Nachschlag davon spendiert.

Dann war mein Manuskript bereit für den nächsten großen Schritt: Vor ein paar Tagen habe ich mein Werk (nebst Exposé, an dem ich auch ganz schön getüftelt habe) an einen etablierten Berliner Literaturagenten und an eine Agentin bei mir aus der Nachbarschaft gesendet. Jetzt heißt es abwarten und hoffen. Wird mein großer Traum von einer Veröffentlichung in einem Publikumsverlag irgendwann wahr werden? In einigen Wochen werde ich professionelle Einschätzungen zur Qualität und Vermarktbarkeit meines Manuskripts bekommen. Bin sehr gespannt! Immerhin habe ich es bis hierhin GESCHAFFT.

Meinen Schaffensprozess habe ich in einem Gedicht ausgedrückt, das ich der sprachlichen Einschränkung (“contrainte”) unterworfen habe, dass in jeder Zeile mindestens ein Wortelement aus GE-SCH-AFFT vorkommen muss – mit kleiner orthographischer Freiheit. Viel Vergnügen:

Ge-sch-afft

Ich habe geträumt von einer Geschichte

gespickt mit heldenhafften Figuren

gewürzt mit schurkenhafften Spielern

habe meine Ideen gewogen und verschoben

habe geschrieben und geschrieben

habe mich zu zuweilen gewunden und geschunden

aus meiner Schreibtischhafft sind

Buchstaben geflohen auf gebleichtes Papier

mal geisterhafft mal meisterhafft

haben sich beispielhafft verbunden

zu gesunden runden Gestalten

gestrickt von Masche zu Masche

zu einer romanhafften Handlung

bis zum gebührend glaubhafften Finale

Geschafft?

Nein, noch war nicht alles gelungen

habe alle Wörter gewendet und geräumt

gestrichen und gebrannt bis zur Asche

was zu bildhafft und zu geladen

klischeehafft und gebläht

Nun liegt das Werk seitenhafft vor mir

Eine Frage bleibt geflüstert und gerufen:

Gefällt es meiner Leserschafft?

Fühlt sich so der Jubel “geschafft” an?

Doch eher so! Geschafft – Romangipfel erklommen!