C – China – Das Land des überwachten Lächelns

Wie weit weg sind wir noch von der totalen Überwachung? Längst bin ich daran gewöhnt, dass Google, facebook und Co. meine Wünsche besser, als ich selbst voraus sieht, weiß, wen ich kenne und wen ich kennen lernen möchte. Kürzlich habe ich eine neue Bekanntschaft gemacht – natürlich im world wide web – mit einem Artikel über die Gesichtserkennung im Klassenraum in China. In einer Schule in Hangzhou hängen drei Kameras über der Tafel und zeichnen die Mimik der Schüler auf, dabei identifiziert die Software 7 verschiedene Emotionen. Ist ein Kind unaufmerksam, meldet der Computer das der Lehrerin. Diese dystopische Aktualität hat mich zum folgenden Gedicht inspiriert.

Das Land des überwachten Lächelns
(Hangzhou)

Chinesische Kinder sind glücklich

glücklicher, als anderswo

 

Chinesische Kinder sind traurig

trauriger, als anderswo

 

Chinesische Kinder sind verärgert

verärgerter, als anderswo

 

Chinesische Kinder sind abgeneigt

abgeneigter, als anderswo

 

Chinesische Kinder sind überrascht

überraschter, als anderswo

 

Chinesische Kinder sind neutral

neutraler, als anderswo

 

Chinesische Kinder haben Gefühle

sieben Arten, so wie anderswo

 

Ihre Gesichter verraten sie

vermessen und ausgewertet, so wie nirgendwo

 

Drei Kameras wachen über Schüler

überwachsamer, als anderswo

 

Die Erkennungssoftware ist klug

klüger, als anderswo

 

Chinesische Schulen sind fortschrittlich

fortschrittlicher, als anderswo

Noch umfassender ist die Überwachung durch das Sozialkreditsystem in China. Hier steht das Sozialverhalten der Menschen unter Bewertung. Für gutes Betragen gibt es Pluspunkte, für Verfehlungen Punktabzüge. Jeder Mensch ist in eine von 4 Klassen eingeteilt (A bis D), je nach Punktestand. Wer nicht in A ist, wird nicht befördert, wer in C abrutscht, wird zusätzlich kontrolliert und wer auf D abgesunken ist, bekommt keine Wohnung, keine Kredite, keinen Job und darf nicht mehr ins Ausland fliegen. Klingt nach George Orwell reloaded?

Ich frage mich, ob wir in Deutschland vor diesem System wirklich sicher sind – wo die meisten Menschen heute schon freiwillig für ein paar Euro ihre Konsumgewohnheiten preisgeben (Payback) und sogar ihre Biodaten per App an ihre Krankenkassen übermitteln würden, damit sie Prämiennachlässe und Boni für gesundheitsförderliches Verhalten (Ernährung, Sport, präventive Zahnreinigung u.a.) bekommen. Vieles, was eigentlich empörend ist, wird mit einem Schulterzucken hingenommen. Macht halt jeder… Solange ich Vorteile davon habe…

Mein folgendes Gedicht trägt den Titel „Rongcheng“ – diese Küstenstadt im Osten Chinas gilt als Vorzeigeprojekt des Sozialpunktekreditsystems.

Rongcheng

Sammelst du Sozialpunkte?

an der roten Ampel halten

mit dem Fahrrad fahren

Schulden bezahlen

um die Eltern kümmern

Vater Staat schreibt es dir gut

Steigst auf zur Stufe A

bekommst Kredite

gehörst zur Elite

 

Verlierst du Sozialpunkte?

alleine Auto fahren

öffentliches Ärgernis

Beschwerden einhandeln

demonstrieren

der Staat schreibt es dir an

steigst ab zur Stufe D

bleibst am Boden

Beförderung gestrichen

 

Moral ist unsere Marktwirtschaft

Sozial ist unsere Währung

sei vollkommen

sei willkommen

Abweicher auf’s Abstellgleis

Punkte sind unparteiisch

Belohnung und Bestrafung

so funktioniert

die digitale Diktatur

T – Treppenthrillogie

Treppengetrappel

Welche Treppe magst du heut‘ besteigen

welchen Grund will deine Sohle spüren

soll es die knarzend‘ Planke sein

mit abgestoß’nen Stufen

oder sinkt dein Fuß ins Rot

von weichem Teppichsamt

der eisig glatten Marmor deckt

trägst dein Kinn hochgereckt

stolzierst mit Prunk und Gloria

deinen Blick empor gerichtet

himmelshohe Zukunft suchend

 

Das Geländer lädt dich ein

schmiegt sich leicht

in deine fassend‘ Hand

sind die Stufen flach und tief

für schnellen kleinen Schritt

sind die Stufen hoch und kurz

für bedächtig großen Tritt

wenn du nach Atem ringend

inne hältst und stille stehst

keinesfalls um zu verweilen

nur für neuen Schwung im Steilen

 

Drängend aufwärts strebend

fiebernd fortschreitend

zieht es dich zum Ziel

bis zur letzten Stufe

wo es kein Weiter gibt

jeder Weg hinauf

führt dich irgendwann hinab

oben lockt die Übersicht

unten lauert Tiefsicht auf

Schicht für Schicht

tauchst du in Verborgenheit

 

Füße tasten zaghaft

Knie gebeugt und Kopf gesenkt

dein Blick reicht nur

zur nächsten Niederstufe

jetzt bloß nicht

straucheln taumeln stürzen

wo Kellerkälte klirrt

wo Geister gar gastieren

nein hier ist keine Bleibe

bist du erst ganz unten

geht es nur nach oben

 

tritt ein tritt aus

Treppengetrappel

Kein Ort

Die Treppe ist kein Ort

sie ist von andrer Sort‘

wo niemand steht

wo ein jeder geht

 

Mit schnellen Schritten

mit festen Tritten

manche gefasst

manche mit Hast

 

Die Treppe ist kein Ort

sie ist von andrer Sort‘

sie ist ein Seelenschweben

und das nennt man Leben

treppen eindruck

diese stufen

haben manchen

fuß getragen

gebogen sind sie

unter last

von schatten

gebröckelt ist

der tritte spur

auf ihrem weg

nach oben

wo ein weißes licht

endlich ankunft

wem verspricht

farbe blättert

trocknet aus

bleicht erinnerung

ein geländer ohne

hände die sich

daran hielten

wer wagt nun

den schritten

der gespenster

nachzueilen

der verheißung eines

aufstiegs auf

ungewissen stufen

sinkend steinern

ihren standpunkt haltend

unverrückbar

eindrucksvoll

Treppen ABC

Es gibt Treppen

die sind abgewetzt

die sind breit

die sind cineastisch

die sind dauerhaft

die sind elegant

die sind funktional

die sind gerade

die sind hässlich

die sind ideal

die sind jämmerlich

die sind königlich

die sind lang

die sind monumental

die sind niedlich

die sind ominös

die sind pomporös

die sind quadratisch

die sind rustikal

die sind steil

die sind trittfest

die sind universal

die sind vertikal

die sind wacklig

die sind xenophil

die sind ying &yang

die sind zeitlos

die sind ändlos

die sind beispielhaft

die sind charmant

die sind dienlich

Extrastufe:

Wollt ihr Treppen auf der Leinwand sehen

könnt ihr tüchtig auf den Link hier gehen:

Panzerkreuzer Potemkin (1925)

Wer will mehr nach Liebe schmachten

der sieht Rhett nach Scarlett hasten

Vom Winde verweht (1939)

Bonus (18. Juli):

abgründige Treppe

G – Geschichtsgewichtsgedicht

Ich bin mal wieder in Berlin auf Erkundung gegangen und habe den Schwerbelastungskörper entdeckt. Der 1941 von den Nazis errichtete Beton-Druckkörper sollte die Tragfähigkeit des Bodens für einen monumentalen Triumphbogen testen, der Teil eines bombastischen „Germania“-Städtebaukonzepts von Generalbauinspektor Albert Speer war.

Dieses Bauwerk mit Vergangenheit hat einen gewichtigen Eindruck auf mich gemacht und sich dann in diesem Gedicht ausgedrückt.

Schwerbelastungskörper

Gigant Germania

türmst dich auf vor mir

beschwerst meinen Gang

du fesselst meinen Fuß

auf poröser Prachtpromenade

die niemals gebaut

die keiner je geschaut

 

Brunnentiefer Betonkoloss

Burg ohne Bewohner

blockierst meinen Blick

bist gegossener Größenwahn

faschistische Futurfabel

erhebst dich zum grausigen Gruß

aus Zeiten vor meiner Geburt

 

Speerspitze der Architektur

sollte hier entstehen

sagenhafte Säulen für Sieger

dies erstarrte Experiment

verdammt meine Vorväter

euer ewiges Vermächtnis

liegt in diesem Verlies

 

Tragfähigkeit im Test

gestern auf altem Boden

heute auf jungen Schultern

stemmen nun dies Schwergewicht

aus Urtrieb zur Unsterblichkeit

zwanghaft und mit Zwang

erbaut für tausend Jahre

 

Ich gehe tausend Schritte

rechtsherum und linksherum

kreisend ohne Ziel

Brombeerhecken kratzen

nutzlose Narben in fahle Fassade

monumentale Steine schweigen

versunken in Verlassenheit

 

Ich trete ein durch dicke Wände

in diese hohle Höhle

mit stürzendem Schacht

in ungewisse Dunkelheit

runde Fensteraugen

blicken blind ins Grüne

doch Geister gibt es keine

 

Gewissensbisse aus Granit

befallen bußwillige Besucher

Stein der jeder Sprengung trotzt

gemeißeltes Geschichtsgesicht

Gedächtnis in Beton geschlossen

geöffnet in diesem Gedicht

verliere niemals dein Gewicht

 

Schacht in die Tiefe
Fensterhöhle

P – Pläne platzen

Pläne platzen

plötzlich

plattgemacht

Protestgeheul

Pantherpranke

presst possierlich

poröses Papier

 

Pläne re parieren

Papiertiger preist Präzision

Autopilot peilt Punktlandung an

plumpe Perfektionsposse

Plundertheater

peinliches Pathos

Papperlapapp

 

Plan A Plan B Plan P

pompöse Parade

Plüschbrigade

push push

lautet die Parole

mit Paukenpegel

100 Prozent produzieren

 

Protest hat Platzverweis

Pausen stehen am Pranger

Puppensoldaten plumpsen

auf Planpromenade

Prokrastinierer pöbeln

pfeifen auf Prüfungen

Pleite Panik Paralyse pur

 

puff puff

Parameter pulverisiert

Prinzessin Pudelwohl pennt

Phantasie im Paradies

tauscht Pauke gegen Poesie

Plan P patentiert

Platz für Planpudelei

Mein P-Poesie-Plätzchen ist Teil von Mias Blogparade Darf ich Platz nehmen? – schaut dort doch mal vorbei und entdeckt viele tolle Texte zum Thema.

Blogparade: Darf ich Platz nehmen? – Die verlassene Stille – laut sucht raum

Mia hat zur Blogparade eingeladen: „Alle Schreiblustigen aus unserem Masterstudiengang Biografisches und Kreatives Schreiben an der ASH Berlin (#BKS11) sind herzlich eingeladen, ebenso wie alle anderen schreibfreudigen Bloggerinnen und Blogger, die dem genannten Thema Platz in ihren Zeilen einräumen möchten und dem Thema erlauben in ihren Gedanken Platz zu nehmen.  Ihr dürft das Thema frei interpretieren – als Gedicht, Kurzgeschichte, Collage u.a. Es gibt keine Einschränkung wie beim letzten Mal. Was darf in unserem Leben, unseren Gedanken und somit in unseren Texten Platz nehmen …?“

Hier nun mein Beitrag zur Blogparade  Darf ich Platz nehmen?:

Die verlassene Stille

Hier bin ich

Ruhenetz

unbesetzt

ungehetzt

 

für dich da

geduldig

stetig

abwegig

 

für dich nah

nichtssagend

tragend

träumend

 

für dich Gefahr

lautlos

nutzlos

uferlos

 

für dich wahr

unwägbar

unsagbar

offenbar

 

–   –   –

da für dich

war für dich

wahr für dich

 

laut sucht raum

bum bum

gedanke rum

peng peng

zweifel spreng

kling klang

ohne belang

kawumm kawumm

warum darum

pling pling

mittendrin

hipp hopp

wortgallopp

pfeif pfeif

ohren steif

klack klack

auf zack

hup hup

launeschub

kling klang

abgesang

ggggggggg

H – Himmelsblind

Es gibt ihn noch

den Vogel

der in den Himmel steigt

seine Flügel spannt

nicht schmelzend nicht stürzend

 

der Vogel

im schwarzen Gefieder

mit schwarzen Augen

die nach innen schauen

schwebend blind im Himmelsblau

 

blaublind

das ist seine Leichtigkeit

Flug ohne Richtung

windzerzaust ist sein Gefieder

zerzaust und trotzdem heil

 

sie tragen ihn

die Federn und der Wind

Sturm mag kommen

die Fratze des Windes

lässt ihn alles vergessen

 

vergessen sind

die Antworten

auf falsche Fragen

die Rufe

von unnahbaren Ufern

 

Tag und Nacht

sind ausgelöscht

im blauen Himmelsblind

ausgetauscht

gegen die Unendlichkeit

 

er weiß nicht mehr

was seine Augen früher sahen

jetzt liegt er im Wind

in den Armen der Willkür

windblind

 

es ist gut so

er braucht nichts mehr

zu entscheiden

außer zu atmen

ein und aus

 

ein und aus

ein Trommeln

aus Gedanken

ein Herz

aus Trommeln

 

Gedankentrommel

taumelt im Herzen

sein Herz hört zu

ganz offen

ganz Ohr

 

blaues Herz

schlägt mit

im selben Rhythmus

ohne Grund

Herzenshimmelsblind

Blogparade #BKS11: April, April, der weiß nicht was er will

Willkommen zur Blogparade mit dem Thema: April, April, der weiß nicht was er will! Alle Schreiblustigen aus unserem Masterstudiengang Biografisches und Kreatives Scheiben an der ASH Berlin (#BKS11) sind herzlich eingeladen, ebenso wie alle anderen schreibfreudigen Bloggerinnen und Blogger.

Ihr dürft das Thema frei interpretieren – als Gedicht, Kurzgeschichte, Collage u.a. Aber es gibt eine kreative Herausforderung (contrainte): Es sollen nur Wörter verwendet werden, die ein „a“ enthalten („ä“ gilt auch).

Die „contrainte“ ist eine kreative Methode aus der „Werkstatt für Potentielle Literatur“ OuLiPo (L‘ Ouvroir de Littérature Potentielle). Durch die selbstauferlegten formalen oder inhaltlichen Textbildungsregelungen sollen die verborgenen Potentiale der Sprache entdeckt werden.

Die Blogparade startet ab sofort und endet am 30. April 2018. Schreibt einfach den Link zu eurem April-Blogbeitrag unten in den Kommentar. Los geht’s und viel Spaß!

Ausgeschlüpft am Montag:

April Attitüden

Osterhasen hasten schokoladenbeladen

Samen schauen staunend auf Himmelslaunen

Pflanzenknospen sagen Wintergrau adé

Himmelslampe strahlt glanzvoll warm

Hagelschauer machen manchen sauer

Sauberleute starten Lappenattacken auf Fensterglas

Naturbewunderer wandern wacker aus Wolkenausbruch

Stubenhocker halten beharrlich zuhause aus

Balkongärtner tauen Geranien auf

Sonnenanbeter stranden auf Mallorca

Schränke fassen fade Flanelljacken

Nacktfußfreunde laufen lässig auf Sandalen

Amour labt Ausgehungerte avec charme

Sprachliebhaber schmausen alphabetisch

Babys Frauen Mädels Männer Knaben

tragen ahnungsfrohes Antlitz

Bald lacht allerliebster Mai

Ai!

ASH-Variante am Dienstag

Naturbewunderer tragen Wetterfahne auf see*hnassen Alleen

PARADEN-LAUF:

EinAHase von Sabine Hinterberger

Osterhasenglück von Hedda Lenz

Kurzurlaub von Bettina-Maria Henze (BKS IV):

Kurzurlaub

Katastrophenwetter! April! Abhauen! Urlaub! Südeuropaträume! Italien! Zitronenbäume! Fähre fahren auf blauem Wasser! An lauen Abenden am Hafen spazieren. Sommerahnungen. Ausspannen. Aufatmen. Aber ach! Baldiger Aufbruch. Rückfahrt nach Hause. Urlaubsende. Wann kann man nochmal Frühjahr atmen?

von Katharina Körting:

Wasser fällt sanft auf das Land
Sanfter als Lächeln: als aprilfarbenes Lauschen
(Allerdings schauen an karibischen Stränden andere Augen
Auf andere Heimat
Papieren achtlos andere Frauen an anderen Aprilfäden vorläufigen Buchstabenmatsch aus
Land, das sanft fällt auf Wasser)

Balz von Urs Küenzi

Küchenmarie backt Anfang April Orangen-Polenta-Flan, alles an A, Ai und Ä von Küchenmarie

Fernab von Hedda Lenz

Fernab

Allee nach Allee,

Nachtgedanken –

am Firmament

das Verhallen

vager Sätze,

unausgesprochen

fernab aller

traumverschlungenen

Silbenpfade.

Alles von Fee

Anders wäre wunderbar von Miss Novice

Ein Gedicht von Sabine Marx

Aprilreflexionen auf autobiografisch Abgelebtes von Kirsten Alers:

Aprilreflexionen auf autobiografisch Abgelebtes
Am Anfang, ach, am Anfang außerhalb aller Ahnungen: abgehoben, abgenabelt, ausgezogen. Ahnenstaub ausgeatmet. Alte Antworten attackiert, andernorts andere Antworten ausgehalten, abermals ängstlich Angesagtes abgelehnt. Abtrünnig atheistisch abseits angekommen. Anker ausgeworfen, angedockt an allerhand. Achtung angesichts absurder Ansichten angenommen, Artgenossen angeschrieen, Artgenossinnen angebetet, Abgöttisches auserkoren aus Abscheulichkeiten, Ähnliches abgelehnt, aussortiert, ausgespuckt. Als Amazone auch Arkadien aufgesucht. Äste absichtlich angesägt. Anfechtungen ausgesetzt. Aufgerissen. Auseinandergefallen. Abwärts abgerutscht. Aderlass am Aschermittwoch. Argumentieren ausgesetzt. Alles ächzt, alles altert, aber alles atmet auch …

 Aprilnächte von Shakti

April, genannt „Launischer“ von Margarete

Alles auf Anfang  von Mo…Saiks Runen

Frühlingserwachen von Christiane

Aprilis von Silvia

Fahrt nach an Ankara von Susanne alias 12andereWege

Maientanz, mal anders! von Sabine Hinterberger

>>>

Gerne könnt ihr das Titelbild dieses Blogbeitrags bei euch verwenden. Als andere Stimmungs-Varianten stehen auch diese Bilder zur Verfügung:

K – Kusskultur

Der Kuss ist allgegenwärtig und wird in allen Kunstformen zelebriert – als Mythos und Sinnbild der Liebe. Höchste Zeit, mich in meinem Liebeslabor diesem Phänomen zuzuwenden.

Zur bildlichen Einstimmung – letzten Sommer war ich im Bröhan-Museum Berlin, wo eine ganze Ausstellung dem Kuss gewidmet war.
Eine Künstlerin hat ein ganzes Zimmer mit ihren Küssen bedeckt.

Der Kuss ist Indikator und Katalysator für die aufkeimende Liebe – besonders der erste Kuss spielt eine entscheidende Rolle. Für meine Analyse nehme ich mir das wohl berühmteste Liebespaar aus der Literatur vor: Romeo und Julia von William Shakespeare.

Ihre Liebesgeschichte begleitet mich schon lange: Als Jugendliche habe ich zusammen mit meinen Schwestern die wunderbare Filmversion von Franco Zeffirelli (1968) zig Mal angesehen. Als Studentin stand ich im Londoner Globe Theatre im „court yard“ wie zu Shakespeares Zeiten und war mitten drinnen im leidenschaftlichen und tragischen Abenteuer der jungen Liebenden. Im Laufe der Jahre bin ich auch in den Genuss einiger musikalischer Umsetzungen gekommen – als „comédie musicale“ von Gérard Presgurvic in Frankreich (um die 2000er als Studentin) und auf der Opernbühne.

Jetzt aber zum ersten Kuss von Romeo und Julia: Bei ihrer ersten Begegnung auf dem Ball im Hause Capulet kreuzt Romeo als Partycrasher auf und verliebt sich sofort in die Tochter seines Feindes. Nach dem ersten Tanz umkreisen ihre Lippen ziemlich schnell den Kuss – erst nur in Worten, dann in Taten (hier das Video). Den tollen Text dieses Dialogs möchte ich euch nicht vorenthalten (als pdf – nur 1 Seite: Romeo und Julia_Text Kuss ).

Es kommt mir fast wie ein Sakrileg vor, diese Komposition von Shakespeare in meinem Labor zu liquidieren – dabei fällt mir auf, dass das Wort „Heilige“ ziemlich oft vorkommt. Das bringt mich auf die Idee, die Essenz der Szene nach Worthäufigkeit zu filtern. Heraus kommt ein laborwürdiges Trichter-Gedicht.

HeiligeHeiligeHeiligeHeiligeHeiligeHeilige

HandHandHandHandHandHand

MundMundMund

SündSündSünd

LippenLippen

HoldeHolde

KussKuss

Gunst

Kunst

Auch im weiteren Verlauf des Liebesdramas zieht sich der Kuss als lippenroter Faden durch die Handlung – in der Balkonszene und in der Hochzeitsnacht schmecken die Küsse noch süß, in der Gruft hängt bitteres Gift an den Lippen der Liebenden.

Ihre Liebe kennt keine Kompromisse, die Feindschaft ihrer Familien trennt sie, für das unglückliche Paar gibt es nur einen Ausweg: den gemeinsamen Tod. Passend hierzu möchte ich ihre Geschichte nun als Monovokalise interpretieren – natürlich auf „u“ zu Kuss (d.h. ich verwende ausschließlich Wörter mit diesem einen Vokal). Gleichzeitig gibt es einen Echo-Effekt.

Ich hoffe, Shakespeare kann mir verzeihen, dass ich Nachtigall und Lerche in der Hochzeitsnacht durch einen Uhu ersetzen muss.

Bevor es losgeht – wer noch schnell ein Plotupdate haben möchte, der kann sich diese Playmobil-Version (Dauer: 2 min) anschauen .

Lud zur Rund

Rund und Ulk

Ulk und Gruß

Gruß und Gunst

Gunst tut kund

Kund und Mund

Mund und Bund

Bund trug Schwur

Schwur und Stund

Stund schlug Wund

Wund lud Wut

Wut und Mut

Mut trug Blut

Blut schlug Bund

Bund und Kuss

Kuss und uh

uh uh Uhu

Uhu zum Umzug

Umzug und Verdruss

Verdruss und Muss

Muss zu Lug

Lug und Trug

trug zum Trunk

Trunk und Ruh

Ruh Trug schluss

Schluss und Gruft

Gruft und Kuss

Kuss und Schluss

Schluss trug Kuss

Übrigens ist die Monovolkalise (im Englischen: Univocalism) eine beliebte „contrainte“ im Katalog der Oulipoten. Hier ein Beispiel von Ian Monk auf „a“.

„And, Armand d’Artagnan, a man that plans all, a crack à la Batman, darts past that pampa, wafts an arm and grabs Andras. As, last March at an Arkansas bar …“

Wenn ich an Romeo und Julia als jugendliches Liebespaar denke, klingt mir noch ein anderes Echo aus meinen Jugendtagen in den Ohren: Als 15-jährige habe ich 3 Monate in Cornwall bei einer Gastfamilie gelebt und bin dort zur Schule gegangen. In dieser Zeit habe ich einige Briefe nach Hause geschrieben und auch von meinem Opa Heinz Post bekommen – in großväterlicher Fürsorge und aus der Erfahrung seiner über 50-jährigen glücklichen Ehe hat er einige Weisheiten zur Liebe und zum Kuss mit mir geteilt – eine Formulierung hat damals so großen Eindruck auf mich gemacht, dass ich sie bis heute noch wortgetreu im Kopf habe – nämlich dass Küsse „durststillend, nahrhaft und würzig“ seien.

Als ich letztes Wochenende auf Familienbesuch war, habe ich auf dem Dachboden in meinem Archiv sogar den Originalbrief (aus 1993) wiedergefunden:

Das führt mich dazu, den Kuss nun weiter aus Sicht der Wissenschaft zu analysieren – schließlich ist der Kuss in allen Kulturen dieser Welt vertreten – auch in der Bakterienkultur. Bei der Recherche im Internet bin ich auf diesen Artikel gestoßen: Küssen ist gesund (Bankhofer Gesundheitstipps). Ich extrahiere das Textmaterial unter den Titeln „Der Kuss als Naturheilmittel„, „Küssen fördert Liebeshormone“ und „10 Tipps für den gesunden Kuss“ und gebe es in meinen „ink tank“ zum Tintentest in meinem linguistischen Labor.

Da zum Küssen immer Zwei gehören, werde ich nun jedes dritte Wort aus diesem Text mit blauer Tinte fluten und verschwinden lassen. Zwei mal.

Versuchs-Stadium 2

Aus diesen Schwebeelementen kultiviere ich einen neuen Kuss-Text. Als Wachstumsbeschleuniger gebe ich die drei Wörter (durststillend, nahrhaft würzig) von meinem Opa hinzu. Es ist jammerschade, dass sich die „französischen Zahnärzte“ aus dem Ursprungstext aufgelöst haben. Deshalb lasse ich sie in Synonymen in der Überschrift wieder erscheinen.

Dentisten aus dem Land der Croissants-Connaisseure empfehlen

Der Kuss hat eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Nach Studienergebnissen steigt der Herzschlag auf 110 zu 108. Der Kreislauf hat Schwung, die Durchblutung ist die beste Lunge: 20 danach 60 Atemzüge. Beim intensiven und würzigen Kuss aktiviert sich Gesicht, Mund und Kiefer. 15 depressive Zustände und Ängste weiß die freudige Heerschar von Lippen und Zungen frei zu bekämpfen. Selbstverständlich entkrampft ein Kuss schnell lästigen Schluckauf. Ein Kuss ist eine absolute durststillende Welt. Er ändert das Milieu im Mund. Ein angeregter kleiner Kuss von intensiv gewollten Lippen bremst Karies. Die zärtliche Berührung der Hände verstärkt den Kuss – bei mindestens 2 Minuten kommt es zur stimulierenden Wirkung. Heilsam und selbstverständlich leiten Zungen nahrhaft weiter und zumindest zeitweise stärken Augen die Atmosphäre. Der Kuss ist ein harmonisches Verharren. Übliche Bussi-Partys haben die geringste Wirkung.

Die Versuche in meinem Liebeslabor sind nun abgeschlossen. Haben Hochkultur und Wissenschaft mir Antworten zu meinen Fragen in Sachen Liebe und Partnerwahl liefern können? Nicht verzagen, den Bauern könnte ich noch fragen.

In einem Film-Favoriten aus meiner Kindheit „Kohlhiesls Töchter“ (mit Liselotte Pulver, aus dem Jahr 1962) gibt es eine Bauernweisheit, die ich noch mit euch teilen möchte:

In Zeiten vor Online-Dating und „Bauer sucht Frau“ gibt Vater Kohlhiesl für seine garstige Tochter Susi eine Kontaktanzeige in der Zeitung auf – denn nur wenn Susi heiratet, darf deren liebliche Zwillingsschwester Liesl auch heiraten – gemäß Totenbettwunsch der Mutter. Die Anzeige lockt jede Menge Heiratswillige und -schwindler ins Haus, es gibt die unvermeidlichen Verwicklungen und zu guter Letzt läuten für beide Schwestern die Hochzeitsglocken.

In einem gemeinsamen Liedchen besingen die Schwestern das Liebesdilemma von Kratzbürste Susi (hier das Video):

„Jedes Töpfchen find‘ sein Deckelchen, jeder Kater find‘ die Katz, jedes Knöpfchen find‘ sein Fleckelchen, jedes Mädchen seinen Schatz.“

Nun ist meine Rundschau zu diesem Thema wirklich komplett. Mein Labor- Fazit kommt als Gedicht daher:

Habe recherchiert

die Onlinewahl und die Datingqual

Habe kultiviert

die Romantik und die Semantik

Habe kondensiert

die Phonetik und die Poetik

Habe gehört

den Klang und den Gesang

Habe geschrieben

den Widerhall und den Morgenschall

Habe gefragt

den Kater und die Katz

Egal welch‘ Rat oder Kriterium

Die Liebe bleibt ein Mysterium

Komplementäres Testresultat (kussecht):

Die Zweisamkeit mit einem (perfekten) Partner ist nicht die einzige und beste Form für ein zufriedenes Leben – auch wenn diese Suggestion sich in Alltag und Kultur kumuliert.

31. März 2018

Tipp: Wer den Kuss auch in kulinarischer Hinsicht genießen möchte, der kann sich ein „Küsschen, Küsschen“ bei der Küchenmarie abholen.

B – Butterfly

Heute beleuchte ich in meinem Liebeslabor die leidenschaftliche Liebe – die keine Barrieren von Kulturen und Sprachen kennt, die betört und blendet, die begehrt statt begutachtet. Wo finde ich die besten Beispiele hierfür: Natürlich in der Oper.

Madama Butterfly von Giacomo Puccini (uraufgeführt 1904) ist die Oper, bei der ich als Studentin meine Begeisterung für diese Kunstform entdeckt habe – im Saarländischen Staatstheater 2001.

Mich zieht die rauschhafte Musik in ihren Bann, die einzigartigen Stimmen der Sängerinnen und Sänger, diese Weltentrückheit gepaart mit Wahrhaftigkeit. Auch auf intellektueller Ebene gibt es allerhand zu entdecken, insbesondere zu den oft haarsträubenden Inszenierungen von so manchen Regisseuren, die alles neu- und umdeuten wollen. Über meine Eindrücke kann ich mich stundenlang mit anderen Begeisterten austauschen und oft halte ich meine Impressionen auch schriftlich fest.

Letzte Woche habe ich an der Deutschen Oper Berlin mal wieder das Vergnügen mit Madama Butterfly gehabt – und nehme nun das Libretto (so heißt der Text in der Oper) in meinem Labor genauer unter die Lupe.

Ich betrachte die große Liebesszene (Hochzeitsnacht) zwischen Butterfly und Pinkerton. Welche Geheimnisse kann ich in der Sprache enthüllen? Doch zuvor gönnt euch doch einen musikalischen Eindruck – leider kann ein Video niemals an das Live-Erlebnis im Opernhaus heran reichen. Placido Domingo betört als leidenschaftlicher Liebhaber (achtet mal auf das „vieni, vieni“ – „komm, komm“ –  gegen Ende) und Mirella Freni ist mit zauberhafter Sopran-Süße ein idealer Schmetterling.

So beginnt es: Der Seemann Benjamin Franklin Pinkerton, Leutnant der Marine der USA, hat sich vom Heiratsvermittler die Geisha Cio-Cio-San (genannt Butterfly) für eine Ehe auf Zeit vermitteln lassen („Nun verheirat‘ ich mich auf japanisch, für neunhundert und neunundneunzig Jahre; freilich darf ich kündigen jeden Monat“). Das 15-jährige Mädchen verliebt sich in den schönen Fremden. Sie tauscht ihren japanischen Namen gegen „Butterfly“ ein und nimmt sogar seine Religion an.

Pinkerton benimmt sich während der Hochzeitszeremonie wie ein Elefant im Porzellanladen und trampelt über die japanische Kultur und Sitten hinweg (er: „Hip! Hip!“ – die japanischen Verwandten: „O Kame! O Kame!“). Man ahnt schon, dass er einen Scherbenhaufen hinterlassen wird.

Im linguistischen Laborversuch untersuche ich nun, was die beiden im Duett der Hochzeitsnacht an unterschiedlichen Wünsche und Vorstellungen äußern. Das Libretto in unbehandelter Form als Synopse italienisch/deutsch könnte ihr hier finden: Libretto Butterfly-Synopse

Nach Einsatz von Essenz-Filter und Interpretations-Zentrifuge und habe ich ein erstes Ergebnis mit instabiler Beziehungskonsistenz:

Nach Verdunstung der Bindemittel und Abzug des rosa-roten Nebels ergibt sich ein verfestigtes Beziehungsbild für Pinkerton und für Butterfly – hier werden ihre jeweiligen wahren Wünsche (und in ihrem Fall auch Befürchtungen) sichtbar.

Komm, komm – sei mein! (Vieni, vieni – sei mia!)

Zuletzt mache ich den Übereinstimmungstest. Hierzu drucke ich beide Testergebnisse übereinander. Für Pinkerton kommt dabei das rot-blau seiner amerikanischen Flagge zum Vorschein. Er drückt ihr mit männlicher und westlicher Dominanz seinen Stempel auf.

Dieses Beziehungsporträt ziert nun meine hauseigene Schmetterlingssammlung.

Hätte Butterfly über Finya nach einem Partner gesucht, wäre Pinkerton sicherlich vom Filter ausgesiebt worden – und mit ihm die Leidenschaft.

Übrigens hat Puccinis Oper den Schriftsteller David Henry Hwang zum Theaterstück „M. Butterfly“ inspiriert (Danke an meine Schwester Dorit, die das Stück als Studentin in den USA gesehen und mir davon erzählt hat). Das Stück beruht auf einer wahren Begebenheit und erzählt die Geschichte eines französischen Diplomaten (René Gallimard), der 1964 in Peking die Diva (Song Liling) der dortigen Oper und Madama Butterfly-Darsteller kennen lernt und eine Liebesaffäre beginnt, in deren Verlauf Butterfly den Mann des Westens im Auftrag des chinesischen Geheimdienstes ausspioniert. Überraschung: Butterfly ist in Wirklichkeit ein Mann.

In dieser Adaption des Butterfly-Stoffes spielen also die Geschlechterrollen und die Dominanz von (kolonialer) westlicher über östliche Kultur eine tragende Rolle – unabhängig vom biologischen Geschlecht der Protagonisten. Der französische Diplomat erliegt der Illusion – seiner Idealvorstellung der unterwürfigen asiatischen Frau, er schaut nicht hinter die Maske aus Schminke, Kleidung und Gebärden.

Wollt ihr Butterfly ungeschminkt sehen?

Butterfly – hinter der Maske

Das Theaterstück wurde 1993 mit Jeremy Irons und John Lone verfilmt. Ich habe mir den Film kürzlich mit großer Faszination angesehen und kann ihn euch empfehlen. Hier einige Schlüsselszenen: Illusion, Desillusion und Selbsterkenntnis.

Das lässt mich an die Oulipienne Anne F. Garréta denken, die in ihrem Roman Sphinx(erschienen 1986) der contrainte folgt, das jeweilige Geschlecht des erzählenden „Ich“ wie das seines Lebenspartners A*** unbestimmt zu lassen. Mit dieser „geschlechtsneutralen“ Erzählweise will sie Gender-Stereotypen in den Köpfen der Leser*innen ins Bewusstsein rücken.

Meine Eindrücke zum Film „M. Butterfly“ möchte ich in ein geschlechtsloses Gedicht fassen:

Butterfly blendet

mit weißem Gesicht

betörend das Gegenüber

im Flügelgewand

ohne Gewicht

ohne Land

fliegt selbst

ins weiße Licht

Das regt mich dazu an, das Libretto von Madama Butterfly auch in Bezug auf die sprachlichen Geschlechterformen einem Test zu unterziehen.

Hierzu kondensiere ich aus dem Wörterfundus ein Substrat aus Substantiven, die ich dann nach ihren Artikeln (weiblich, neutral, männlich) sortiere. Hieraus bilde ich – mit Interpretationsfaktor X hoch 10 – ein Gedicht, das die „Chemie“ des ungleichen Liebespaares charakterisiert (mit bewusst stereotypischer Farbgebung):

SIE

Ich bin die Göttin

Ich bin die leise Nacht

Ich bin die Brücke

Ich bin die Ferne

Ich bin die Worte

Ich bin die Schmerzen

Ich bin die Stille

Ich bin die Demut

Ich bin die Erde

Ich bin die hellen Äuglein

Ich bin die holde Nacht

Ich bin die Liebe

(Das „wir“)

Das Himmelsgefilde ist unser Gewand

Das Licht ist unser Leben

Das Lachen ist unser Herz

Das Auge ist unser Wörtlein

Das leise Kosen ist unser Lieben

Das Gewell‘ auf dem Meere ist unser Land

Das Ja ist unser Oh

(ER)

Ich bin dein Zauber

Ich bin dein Schmuck

Ich bin dein Wahn

Ich bin dein Jubel

Ich bin dein rechter Name

Ich bin dein Zweifel

Ich bin dein Schlummer

Ich bin dein Kummer

Bleiben wir in Asien und bei Puccini: In der (Märchen-) Oper Turandot finden wir (zunächst) ein umgekehrtes Machtverhältnis vor. Die chinesische Prinzessin Turandot soll verheiratet werden. Immerhin darf sie ihren Bräutigam selbst auswählen. Die Anwärter müssen ein Date der besonderen Art durchstehen: Turandot stellt dem potentiellen Partner 3 Rätselfragen. Wenn er nicht die richtigen Antworten gibt, wird ihm der Kopf abgeschlagen.

Calaf (Tenor), ein unerkannter Prinz, verliebt sich auf den ersten Blick in die grausame Eisprinzessin und riskiert sein Leben im Rätselringen. Er ist siegreich und Turandot muss sich ihm unterwerfen. Auch die Sklavin Liu (die heimlich in Calaf verliebt ist), opfert sich für den Mann. Puccini selbst starb (1924), bevor er das Ende der Oper komponieren konnte. Das kitschige Finale, in dem Turandot psychologisch unmotiviert plötzlich auch Gefühle für ihren Bezwinger entwickelt, stammt aus der Feder eines anderen Komponisten Franco Alfano.

Obwohl Turandot definitiv nicht zu meinen Lieblingsopern gehört, habe ich gestern Abend im Nationaltheater Mannheim (meiner alten Opern-Heimat) eine Aufführung erlebt – der ekstatische Gesang und die bombastische Musik haben mich letztlich doch im Gefühlsstrudel mitgerissen. Der Kreis zu Madama Butterfly schließt sich, denn die Sopranistin Galina Shesterneva (bzw. Gleber – sie hat nach Heirat den Namen ihres Mannes angenommen) habe ich schon vor 10 Jahren als Butterfly an diesem Haus gehört und schätze diese Sängerin sehr.

Die Rätsel der Turandot sind nicht nur unterhaltsam, sondern regen mich auch dazu an, sie sprachlich umzugestalten – was würde sich hierfür mehr anbieten, als das HAIKU – eine traditionelle japanische Gedichtform. In der europäischen Umsetzung ist das Gedicht ein Dreizeiler bestehend aus drei Wortgruppen von 5 – 7 – 5 Lauteinheiten (Moren). Wesensmerkmals des Haiku sind Konkretheit, der Bezug zur Gegenwart und Natur (Jahreszeit), Gefühle werden selten benannt, sondern sollen sich aus dem Zusammenhang erschließen.

Rätsel Nr. 2

„Lodernd gleich einer Flamme,
und doch selbst keine Flamme,
manchmal rasend im Fieber,
und ungestüm verlangend!
In Ruhe sich verzehrend wie die Sehnsucht!
Wenn du zugrunde gehest, wird es kalt!
Wenn du den Sieg erträumst, glüht es auf!
Eine Stimme hat es, der du bebend lauschest,
und gleich der Son’ am Abend ist sein Glanz!“

Als Haiku:

Roter Lebenssaft

strömst ohne Quelle im Rund

herrschst so heiß und kalt

Rätsel Nr. 3:

„Eis, das sich entzündet
und durch dein Feuer noch mehr erstarret!
Klar ist’s und doch dunkel!
Wenn’s frei dich will,
so mehrt es deine Knechtschaft!
Wenn es zum Knecht dich nimmt,
so wirst du König!“

Als Haiku:

Fleisch wird Element

zerstört oder erhebt dich

Liebeswahl tut Not

Wer weiß die Lösungen?

Bindung und Befreiung – Butterfly fliegt?

Wie ihr merkt, ist es um die Überlebenschancen für Frauen in der (ital. und frz.) Oper des 19. Jahrhundert bis in die 1920er Jahre nicht gerade rosig bestellt. Die Oper war niemals nur pure Unterhaltung, sondern immer auch ein Gesellschaftsporträt, durchaus sozialkritisch und zuweilen politisch.

Die stärkste Frauenfigur aus dieser Zeit ist George Bizets „Carmen“ – die sich und ihre Liebe als „rebellischen Vogel“ beschreibt. Aber auch sie lässt sich zum Schluss von ihrem Ex-Liebhaber erdolchen – in der Weigerung, sich ihm zu unterwerfen – das galt zur Entstehungszeit (1875) als außergewöhnlicher Akt weiblicher Selbstbestimmung und Freiheit.

Auch bei Puccini gibt es einen weiblichen Zugvogel, die Schwalbe („La Rondine“): Eine freiheitsliebende Frau lässt sich von ihrem jüngeren Liebhaber nicht an Heim und Herd binden.

Ein Jahrhundert später hat dieser Opernstoff nichts an seiner Aktualität verloren – oder wie sieht es heute wirklich mit der Gleichberechtigung der Frau in Partnerschaft und Berufsleben aus? Ich merke schon, die Opern-Ornithologie bietet mir noch einigen Stoff für weitere Beiträge.

Wer jetzt (hoffentlich) Lust auf Oper bekommen hat – ich biete mich als Begleiterin an. Große Gefühle & Gedanken und ( Berliner ) Bühnenblut garantiert!

Gestern bei Turandot im Nationaltheater Mannheim