Mias Blog-Adventkalender 2017 – Türchen 8

Herzlich Willkommen bei der Fortsetzungsgeschichte von Mias Wortgeschenk-Adventskalender. Im Folgenden stammt alles kursiv Gedruckte von meinen Vorgängerinnen, der letzte Absatz von mir. Viel Spaß beim Lesen und eine schöne Adventszeit wünsche ich euch!

Sie lag auf dem Rücken im warmen Wasser des Außenbeckens im Solebad. Sie spürte das Wasser, das sie trug und blickte entspannt in den Nachthimmel. Der Mond erzählte ihr die Geschichte des Tages. Seine Sicht war eine völlig andere als ihre. Seine Geschichte gefiel ihr besser und als er geendet hatte, sah sie, wie etwas vom Mond herunter direkt neben ihr ins Wasser plumpste.

Es glitzerte wunderschön und ohne nachzudenken, streckte sie die Hand aus, um es zu erhaschen. Aber sie war zu langsam, hatte wohl doch einen Moment gezögert. Das Ding rutschte zwischen ihren Fingern hindurch und sank auf den Boden des gekachelten Schwimmbades. Da lag es nun. Ein schwaches Leuchten drang zu ihr herauf. Wie sollte sie an das Ding herankommen. Wenn sie eines hasste, dann war es das Untertauchen. Schon allein die Vorstellung, mit dem Gesicht unter Wasser zu müssen, jagte ihr trotz der Wärme des Solewassers eine Gänsehaut über den Rücken.

An Entspannung war nun nicht mehr zu denken. Wie sollte sie an das matt leuchtende Etwas herankommen, das zu packen sie um Haaresbreite verfehlt hatte? Sie schaute sich suchend um, als gäbe es irgendwo im Außen eine Lösung zu entdecken. Bei aller Anspannung zwang sie sich zur Ruhe und schloss noch einmal die Augen; da fiel ihr ein, wie es gehen könnte.

Sie dachte an Erik, den Bademeister, der ihr vor zehn Jahren in genau diesem Schwimmbad zum ersten Mal begegnet war – einen verträumten jungen Mann mit kurzen, glatt gekämmten dunklen Haaren, stets mit einem Buch vor der Nase, der sie erstaunt und an Paul Celan erinnert hatte. Damals saß er am Beckenrand auf einem dieser weißen Plastikstühle, die auch ein Solebad seinen Aufpassern zur Verfügung stellte und las in einem zerfledderten Taschenbuch, offensichtlich absorbiert von der Geschichte aus einer anderen Welt. Zunächst hatte sie sich nicht getraut, ihn anzusprechen, denn es schien ihr, als säße er inmitten einer Glocke aus flirrenden und tanzenden #Satzfragmenten, die sie nicht zu durchbrechen wagte. Doch ihr war der Lieblingsring ihrer Großtante beim Schwimmen abhanden gekommen, das kostbarste Etwas, das sie besaß und sie hatte Angst gehabt, danach zu tauchen. „Entschuldigen Sie, bitte, aber ich habe etwas sehr Wertvolles im Becken verloren, könnten Sie mir vielleicht bei der Suche behilflich sein?

Erik schüttelte sich kurz, blickte sie mit verklärten Augen an, zögerte danach keine Sekunde und sprang.

Natürlich war kein Erik in der Nähe. Bestimmt war er längst seinen Träumen hinterhergereist. Als sie sich hilfesuchend umschaute, vermieden die anderen Gäste jeglichen Blickkontakt. Und die aufsichtführende Bademeisterin war gerade mit einigen Kindern beschäftigt, die albernd und viel zu schnell über die glatten Kacheln geflitzt waren. Ihre Super-Idee verflüchtigte sich im Nebel des salzigen Wasserdampfes.

Sie sah mit nachdenklichem Blick über die erneut von Sprudeldüsen in Bewegung gebrachte Wasserfläche, da kam ihr just das Ende eines Gedichtes in den Sinn. Verfasst von dem Lyriker Celan, an den sie damals Erik erinnert hatte.

… ein Wort zu dem du herabbrennst‘. Aus ‚Feuer und Wasser‘. Das konnte kein Zufall sein.

Oder doch? Es war jetzt keine Zeit, um lange nachzudenken, schon gar nicht über dieses Gedicht, das sie seit jenem Morgen begleitet, als es eine Mitschülerin vor dem Unterricht an die Tafel schrieb. Obwohl, dieses Gedicht…, konnte es ihr gerade jetzt nützlich sein? Sie blickte auf das leuchtende Ding unter Wasser und dann lächelnd hoch zu ihrem heimlichen Verbündeten, dem Mond. Plötzlich wusste sie, was zu tun war.

Natürlich war es riskant, ihren Posten zu verlassen. Aber sie musste etwas riskieren, wenn sie erfahren wollte, wenn sie überhaupt eine Chance haben wollte zu erfahren, was da auf dem Schwimmbadboden glitzerte. Betont lässig schwamm sie zum Glastunnel, der das Außen- mit dem Innenbecken verband, lächelte dem alten Herrn zu, der ihr entgegenkam. Mit fünf Stößen durchquerte sie den Tunnel und kletterte gleich am ersten Ausstieg aus dem Wasser. Sie lief zu ihrer Liege, streifte sich noch tropfnass ihren roten Bademantel über und kramte in ihrer Tasche.

Ihre Hand umfasste die Taucherbrille, die sie seit Jahren in ihrer Bademanteltasche trug, obwohl sie niemals tauchte. Sie schob die getönten Kunststofflinsen über ihre Augen und das Gummiband kniff in ihren Hinterkopf. Nun sah ihr die Welt in weichen Grüntönen entgegen, eine Welt, in der sie ihren Bademantel wieder abstreifen und zurück ins Außenbecken schwimmen konnte und ihr Gesicht wieder dem lockenden Leuchten vom Beckengrund zuneigte. Doch niemals würde sie es über sich bringen, ihren Kopf unter Wasser zu tauchen. Da sauste ein grün glühender Pfeil aus den Weiten des Sternenzelts herab und landete zischend im Wasser neben ihr und nun kam planschend das Köpfchen seines kleinen Passagiers an die Oberfläche.

สวัสดีตอนค่ำ“, sagte das Universalpferdchen mit heller Stimme,  „ich heiße Wunschwort – und wer bist du?“

>> Wie es weiter geht, erfahrt ihr morgen hinter Türchen 9 bei Urs.

Am Tag 30 + 1 im National Novel Writing Month

Geschafft! Gestern Abend um 22:14 Uhr habe ich mich mit 57.336 Wörtern (laut der Zählung meines Schreibprogramms, 101 Seiten in Arial 11p, einzeilig) über die Ziellinie geschrieben. Okay, nach dem word count auf der NaNoWriMo-Website sind es seltsamerweise nur 56.634 Wörter – vielleicht habe ich einen ungünstigen Wechselkurs bekommen, import tax oder lost in translation? Egal, was sind schon 702 Wörter between friends?

Ein bisschen Statistik, wo wir noch bei Zahlen sind: Ich habe an 28 Tagen geschrieben (am 24. und 25. November nicht, weil ich Seminar an der Uni hatte) mit einem Durchschnitt von 1.911 Wörtern pro Tag. Die 50.000 Wörter-Nuss hatte ich schon am Montag, 27. November geknackt.

Hinter der Ziellinie wurde ich begrüßt von einem überschwänglichen Gratulationstext und einem ziemlich albernen Video:

You, wonderful author, spent this past November unleashing your creative powers, fighting back inner editors, and teaming up with thousands of writers around the world. We’re incredibly proud to welcome you to the NaNoWriMo winner’s hall.

Congratulations on your superheroic achievement!

Auch eine Siegerurkunde habe ich bekommen (ein bisschen wie bei den Bundesjugendspielen): NaNo-2017-Winner-Certificate_UA

Stand meiner Geschichte: Meine Protagonistin Elise und der Junge mit der Gitarre treffen auf dem Turm des Ulmer Münster zusammen (ist übrigens der höchste Kirchturm der Welt, ich bin selbst schon oben gewesen – schwindelerregend) und blicken auf einen unsichtbaren Horizont. Das ist weder der Höhepunkt, noch das Finale meiner Geschichte. Also: Weiterschreiben!

Aus meinem November-Marathon ist ein Dezember-Duathlon geworden. Heute mache ich Ruhepause und werde ab morgen jeden zweiten Tag (also an den „geraden“ Tagen) schreiben. Mein Ziel ist es, an Weihnachten fertig zu sein (spätestens an Silvester). Die ungeraden Tage widme ich der Philosophie (ein Essay für mein Studium wartet darauf, geschrieben zu werden, stöhn!).

Bin heute nicht wirklich in Feierlaune – na gut, ich stoße nachher mit einem Kräutertee an – weil mein Roman noch nicht fertig ist. Bin aber trotzdem stolz auf meinen bisherigen Weg, weil ich es in den ersten Tagen nicht für möglich gehalten habe, dieses Schreibpensum und die Kreativität aufrecht erhalten zu können. Disziplin war an jedem Tag nötig, aber ich habe mich im Laufe der Zeit an die Anstrengung gewöhnt – das nennt man wohl Trainingseffekt.

Schon erstaunlich, welche Wirkung eine zahlenmäßige Zielvorgabe und ein gewisser sportlicher Ehrgeiz haben. In den zwei Tagen, nachdem ich das Soll von 50.000 Wörtern erfüllt hatte, hat sich mein word count fast halbiert und ich bin nur über knapp 1.000 Wörter pro Tag gekommen.

Das lag aber nicht an mangelnder Motivation, sondern daran, dass ich ohne den falschen Renn-Hasen vor der Nase nicht mehr nach vorne geprescht bin, sondern mich umgeschaut und rückwärts geschrieben habe. Von der Pflicht in die Kür gewechselt, habe ich angefangen, in früheren Kapitel stilistisch herum zu doktern, Namen von Charakteren zu ändern usw.

Aber diese kleine Ruhepause war auch nötig, um den Überblick in meiner zunehmend komplexen Geschichte zu bewahren. Ein paar „goofs“ habe ich nämlich schon eingebaut (aber diese Anschlussfehler und Inkonsistenzen werde ich erst in der späteren Überarbeitung ausbügeln).

In meinem Dokument „Schlüsselmomente“ (zu Beginn war es 1 Seite lang mit 14 Stichpunkten zu Szenen – jetzt hat es 11 Seiten) habe ich ein Personenregister eingefügt (es hatte mich genervt, während des Schreibens in früheren Kapiteln nach den Namen von Nebenfiguren zu suchen, die ich nicht mehr wusste) und eine zeitliche Chronologie der Geschehnisse erstellt (in welchem Jahr ist Elise wie alt, in welche Klasse geht sie, welche Jahreszeit haben wir). Dieses Planungs-Dokument war auch eine willkommene Schleife auf einen Rastplatz, wenn ich gerade in meiner Geschichte im Stau stand – dann habe ich z.B. eine Tabelle mit meinen erfundenen Groschenromantiteln erstellt, die Elises Großtanten lesen – linke Spalte Liebeskitsch, rechte Spalte Gruselspuk (da fällt mir kaum was ein). Mein Favorit ist übrigens: „Prinz Eisenherz und die Waffelmagd“.

Auch für weitere Figuren aus der „Welt des Immerwährenden Klanges“ habe ich mir sprechende Namen ausgedacht (und mehrfach geändert). Es gibt z.B. Meister Pino (Hommage an Pinocchio), Altmeisterin Legis (sie hält an Gesetzen und Traditionen fest) und Meister Dion (er ist in musikalischer Mission mit seinem Gesellen oft in Las Vegas unterwegs und wird vom menschlichen Rausch angesteckt, hat Visionen von einem Feuervogel, was für die Bauminsel infernalische Folgen haben wird).

Diese andere Welt hat in der letzten Woche eine Verwandlung in meinem Kopf durchgemacht. Zu Beginn hatte ich sie als eine utopische Welt vor Augen, in der das Volk der Holzspieler auf ihrer Insel der Bäume in einem Universum schwebt und im Einklang mit der Musik und der Natur lebt. Aber je mehr ich aus der Sicht des Jungen mit der Gitarre diese Welt erkundet habe, ist er mit seinen Neugier und seinem Wissensdurst an Begrenzungen gestoßen und begehrt gegen den kulturellen Separatismus seines Volkes auf. Diese Insel ist keine heile Welt mehr.

In einem der nächsten Kapitel werde ich eine Szene schreiben, in der der Junge mit der Gitarre Samen roter Blumen von der Erde auf seine Insel bringt (weil es dort nur grüne und braune Farben/Pflanzen gibt) und damit eine Eskalation innerhalb seiner restriktiven Gemeinschaft auslöst.

Übrigens habe ich mir an meinen „lahmen“ Tagen Montag und Dienstag Zeit für Recherche genommen und ein tolles Video zum Gitarrenbau ansehen (Hannabach Meistergitarren – ich bewundere solche Handwerkskunst!), damit ich besser beschreiben kann, wenn mein Junge seine Gitarre baut (bisher hat er immer nur vage gehobelt und gefeilt, aber nun kann ich detaillierter werden).

Also, der Fahrplan für den Dezember steht und in meinem Kopf ist das Finale schon farbenprächtig aufgereiht – jetzt muss ich es nur noch zu Papier bringen. Ich freue mich darauf!

Leseprobe:

Auch auf der Erde und in der Kinderwelt kann es durchaus höllisch werden: Elise ist in letzter Minute zur Geburtstagsfeier einer Mitschülerin eingeladen (Dez. 88, Elise ist in der 4. Klasse). Danach geht es auf Klassenfahrt nach Ulm.

Ich hoffe, ihr habt Spaß beim Lesen!

Tag 26: Lügen, Party und Magie

(…) Am Sonntag stand Elise pünktlich um 15 Uhr vor der Tür von Lauras Haus und klingelte. Lauras Familie wohnte in einem kleinen Einfamilienhaus mit Garten in der „Vogelsiedlung“, genauer gesagt im Lerchenweg. Elise hielt das Geschenk mit dem Pferderoman über Fanny und ihr siegreiches Pony in der Hand. Hedda hatte es in Geschenkpapier eingepackt – eine bange Viertelstunde lang hatten sie zahllose Schubladen und Schranktüren auf der Suche nach Nicht-Weihnachtspapier durchsucht, bis sie ein neutrales weiß-goldenes Papier gefunden hatten. Christa hatte das Paket noch mit einer eleganten weißen Schleife versehen. Die Tür wurde von Lauras Mutter geöffnet.

„Oh, komm doch herein“, rief Lauras Mutter und verharrte einen Moment lang in einer Maske des Staunens, in der ihre pink bemalten Lippen ein rundes „O“ formten und ihre schmal gezupften Augenbrauen einen hohen Bogen über blau getuschte Augen spannten.

„Du bist Elise, niet waar“, sagte Lauras Mutter nun triumphierend und schüttelte ihre platinblonden Korkenzieherlocken. Elise musste dankbar sein, dass diese Frau überhaupt ihren Namen kannte. Schließlich war sie noch nie bei Laura eingeladen gewesen und auch heute nur Geburtstagsgast von der Ersatzbank.

Elise wurde durch den mit Luftschlagen und Luftballons dekorierten Flur geführt, die Mutter hängte Elises Jacke an einen der Garderobenhaken, wo nur zwei andere Kinderjacken hingen – die von Rita erkannte sie sofort. Im Wohnzimmer saß Laura auf dem Sofa mit Rita und sie blätterten in einer Bravo Girl und kicherten.

„Hallo“, sagte Laura abwesend in Elises Richtung. Lauras Mutter nahm das Geschenkpaket aus Elises Hand und legte es auf den Wohnzimmertisch, wo schon drei andere, viel größere Pakete lagen.

„Ach, das ist aber schön eingepackt“, flötete die Mutter. Dann verschwand sie durch einen rauschenden Lamettavorhang in die angrenzende Küche. Dort hörte Elise das abgehackte Klackern ihrer Stöckelschuhe auf dem Linoleumboden. Wieder säuselte das Lametta und die Gastgeberin kam mit einem sprudelnden Glas Limonade in der Hand zurück, das sie vor Elise auf den Wohnzimmertisch stellte. Elise setzte sich auf den Teppichboden vor das Glas.

Dann klingelte es in rascher Folge noch drei Mal. Katrin und Nicole aus ihrer Klasse kamen dazu. Zuletzt kam Lauras Mutter mit einem Geschenk, aber ohne Gastkind herein.

„Nina hat heute morgen Fieber bekommen. Sie muss leider zuhause bleiben. Ihre Mutter hat aber das Geschenk vorbei gebracht.“

„Oh, wie schade“, rief Laura aus. Man hätte meinen können, Nina sei ihre allerbeste Freundin.

„Oh, wie schade, dass Nina nicht kommen konnte“, wiederholte sie auch bestimmt ein Dutzend Mal im Laufe des Nachmittags. Elise hatte jedes Mal das Gefühl, das sei ein Vorwurf gegen sie. Elise war eben ein schlechter Ersatz für die eigentlichen Wunschgäste. Und als Freundin von Nina war sie vielleicht auch irgendwie verantwortlich für die herbe Enttäuschung ihres Fehlens.

Sie aßen Kuchen. Laura Mutter hatte einen großen Zitronenkuchen mit Himbeerfüllung in der Form vom „Pink Panther“ gebacken, der von rosa und weißem Zuckerguss überzogen war und die Comic-Katze perfekt nachbildete, einschließlich zweier gelber Augen aus Wackelpudding und einer schwarzen Pralinennase und Schnurrbarthaaren aus Lakritzstangen.

Elise sprach kein Wort und aß zum Ausgleich drei große Kuchenstücke, die sich mit dem süßen Sprudelgetränk in ihrem Magen aufrührerisch verbanden.

Dann packte Laura ihre Geschenke aus und freute sich überschwänglich über alle Gaben. Über alle bis auf eine.

„Ein Buch“, rief sie aus. Sie konnte nicht so gut schauspielern wie ihre Mutter, deshalb klang ihre Überraschung nicht sehr überzeugend. Von Freude konnte jedenfalls keine Rede sein.

„Wenn man so schlau wie Elise werden will, muss man viel lesen. Niet waar, Laura“, sagte Lauras Mutter. Rita nahm das Buch in die Hand und las von der Rückseite vor:

„Für Kinder ab 6 Jahren“, dann kicherte sie. Das Buch blieb auf dem Boden liegen, begraben unter dem zerknüllten Geschenkpapier.

Der Hauptprogrammpunkt der Feier war ihre eigene „Mini Playback Show“. Das war nämlich Lauras Lieblingssendung. Ihre Mutter hatte viele selbstgenähte Kostüme für die kleinen Gäste bereit gelegt und sie schauten sich erst ein Video aus Holland an – die Mutter von Laura war nämlich Holländerin und deshalb schauten sie auch Fernsehen aus Holland. Danach spielten die Mädchen die Show nach. Alle wollten Madonna oder Cyndi Lauper sein. Elise kannte diese Sängerinnen nicht, weil bei ihr zu Hause fast nie fern geschaut oder Radio gehört wurde.

„Was hörst du den so für Musik“, fragte Lauras Mutter Elise.

„Was auf den Schallplatten von meinen Großtanten ist“, sagte Elise. Von den beiden Peters (Krause und Alexander) hatten die anderen Mädchen noch nie gehört.

Rita zog das Kostüm von „Like a Virgin“ an – sie hatte als Einzige schon den richtigen Busen dafür und schien auch eine vage Ahnung davon zu haben, worum es bei dem Lied ging.

Elise weigerte sich, bei dem Spiel mitzumachen. Rita versuchte hartnäckig, sie zu überreden:

„Du solltest wirklich mal versuchen, ein schönes Kleid anziehen. Das kann dir nur gut tun.“

Als die Mädchen fertig geprobt hatten, kam der Vater von Laura dazu und filmte sie. Lauras Mutter übernahm die Rolle der Moderatorin Marijke.

Wann war es endlich 18 Uhr? Elise schaute während des Nachmittags fast minütlich auf die Digitalanzeige des Videorecorders. Um zwei Minuten und 13 Sekunden nach 18 Uhr klingelte es an der Haustür. Elise sprang auf und stürmte in den Flur und zog ihre Daunenjacke an. Verwundert kam Lauras Mutter hinter ihr her und öffnete die Haustür. Christa sprach ein paar Worte mit der Mutter.

„Laura, sag Tschüss zu Elise“, rief diese ins Wohnzimmer. Es wurde plötzlich ganz still im Wohnzimmer, dann kam Laura dicht gefolgt von Rita heraus.

„Aber auf der Einladung steht doch bis 19 Uhr, wir essen gleich noch Würstchen und Pommes“, rief Laura mit theatralischer Enttäuschung.

Lauras Mutter reichte Christa noch den Mini-Playback-Show-Preis – sie hatte für jedes Kind eine Kaffeedose mit selbstgebackenen Keksen gefüllt und die Dose im Pink-Panther-Look mit einem rosafarbenen Fellstoff beklebt. Christa lobte die aufwendige Arbeit und bedankte sich.

„Wieso kriegt Elise jetzt auch einen Preis? Sie hat doch gar nicht mitgespielt“, sagte Katrin aus dem Hintergrund. Dann schloss sich die Haustür.

Elise saß auf dem Beifahrersitz und der Sicherheitsgurt drückte ihr schrecklich auf den Magen. Sie fuhren durch den Finkenweg und ihr Blick fiel auf das Haus, in dem Philipp mit seiner Familie gewohnt hatte. Alle Rollläden waren herunter gelassen. Das Haus war verlassen.

Kurz bevor sie zuhause ankamen, musste Christa am Seitenstreifen anhalten, damit Elise sich in den Straßengraben übergeben konnte. (…)

Tag 28: Klassenfahrt ins astronomische Ulm

Es war die erste Woche im Juni 1989. Elise hatte alle Tests mit Auszeichnung bestanden und ihre Gymnasiumsempfehlung bekommen. Aber die schwerste Prüfung stand ihr noch bevor: Die Klassenfahrt mit ihrer 4. Klasse zum Abschied und als Höhepunkt ihrer gemeinsamen Grundschulzeit.

Am Donnerstagmorgen saßen sie seit 7 Uhr früh im Bus des Reisebüros Sonnenschein, für das die Mutter von Ingo seit kurzem als Fahrerin arbeitete. (…) Der Bus war nicht so groß wie die Linienbusse, mit denen Elise und die anderen Kinder sonst in die Schule fuhren. Elise zählte 30 Sitze in ihrem Reisebus. In der 4c waren sie jetzt 19 Kinder. Zum Glück hatte sich Nina neben Elise gesetzt. Simone, das große Mädchen mit der dicken Brille, das im letzten Schuljahr sitzen geblieben war und neu in ihre Klasse gekommen war, saß alleine. Rita und Laura waren natürlich zusammen und tuschelten wie üblich.

Ingo und Andreas saßen nebeneinander in der Mitte vom Bus. Andreas hatte einen Stapel Pumuckl Hefte und Ottifanten Comics dabei und schon um 9 Uhr zwei Tüten Cola-Gummibärchen leer gefuttert. Er hatte Schluckauf. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, sich weiße Socken anzuziehen und wie Otto Waalkes – der sich über Michael Jackson lustig machte – im Gang des Busses zu tanzen und auf dem Boden herum zu rollen. Frau Steinbeck schnallte Andreas schließlich neben sich auf dem Sitz in der ersten Reihe an. (…)

Gegen 14 Uhr bog der Bus auf den Parkplatz der Jugendherberge ein. Es war ein dreistöckiges, rechteckiges Gebäude mit symmetrischen Fenstern, das wie eine Schule aussah. Im Eingangsbereich roch es verschwitzt wie in einer Turnhalle und der Herbergsvater mit preußischem Kaiserschnauzer und Glatze führte die Neuankömmlinge in den 2. Stock. Am hinteren Ende eines langen Flurs mit grauem Krankenhauslinoleum lagen ihre fünf 4-er-Zimmer mit metallenen Stockbetten. Es gab ein großes Bad mit Waschbecken und gemauerten Duschkabinen (nur eine einzige davon war durch einen Plastikvorhang geziert) und gegenüber ein ähnliches (jedoch mehr nach Urin riechendes) Bad für die Jungs. Die Zimmer für die Lehrpersonen war eine Etage höher. Frau Steinbeck würde sich mit Ingos Mutter ein Zimmer teilen.

Während Frau Steinbeck noch den ersten Eindruck verarbeitete, der um Einiges vom Prospekt abwich, stürmten die Schüler bereits in die Zimmer.

„Das ist mein Bett“, schrie André

„He, ich will oben liegen“, schrie Dennis noch lauter und stieß Ingo zur Seite.

Rita und Laura suchten sich zielstrebig das hübscheste Zimmer aus, Katrin und Nicole durften ihnen Gesellschaft leisten.

Elise landete mit Nina und der großen Simone im Zimmer ohne Gardinen mit Blick auf die Straße. Das 4. Bett in ihrem Zimmer blieb leer. Elise war das nur recht. Sie breitete ihren Schlafsack und ihr Kuschelkopfkissen auf der Matratze im unteren Stock aus, Nina schlief lieber oben. Ihre Reisetasche stellte sie in den schmalen Metallspind, der so verzogen war, dass die Tür nicht richtig zu ging.

Um 15 Uhr trafen sie sich alle im großen Speisesaal im Erdgeschoss. Hier waren lange Tische mit Holzbänken davor aufgereiht. Gegenüber der Fenster streckte sich eine lange Metalltheke mit herunter gelassenem Rollo, hinter dem die Küche lag. Die Fensterfront zeigte auf den Garten des Hauses. Hier wuchs gelbliches Gras in der Junisonne. Ein Schaukelgerüst ohne Schaukeln und ein kleines asphaltiertes Basketballfeld mit Körben ohne Netz boten Spielmöglichkeiten für phantasievolle Kinder.

Die Herbergsmutter begrüßte Frau Steinbeck mit festem Händedruck. Sie war eine stämmige Frau, die eine weiße Kochmütze und eine Plastikschürze trug. Auf ihrem üppigen, beschürzten Busen prangte das Bild eines rosa Schweinchens mit Ringelschwanz, das von einem Metzgermesser gejagt wurde. Sie öffnete nun den Deckel eines riesigen Topfes und tunkte eine Kelle hinein. Dann lüpfte sie ein kariertes Küchentuch von einem flachen Korb mit Weißmehlbrötchen, als präsentiere sie einen Zaubertrick.

„Hier steht der Schwäbische Eintopf. Jeder kann sich ein Weckle dazu nehmen. Aber nur eins, gell!“, sagte die Herbergsmutter mit befehlsgewohnter Stimme.

Die Kinder stellten sich in einer Reihe an, nahmen sich einen Suppenteller und die Herbergsmutter füllte ihnen auf. Zwei Kellen pro Teller. Elise musste an die Suppenszene aus Oliver Twist denken. Im Eintopf schwammen dicke Linsen und vereinzelt auch Spätzle. Einige Kinder entdeckten sogar Stücke unterschiedlicher Würstchen in ihrem Teller. Mit Salz hatte die Köchin jedenfalls nicht gespart.

„Die Spätzle sind bestimmt von gestern Mittag“, bemerkte Frau Steinbeck.

Aus einem Getränkeautomat konnten sich die Kinder ein Orangensaftkonzentrat ziehen, das man mit Wasser mischen musste. Andreas trank es pur und bekam schon wieder Schluckauf.

Zum Nachtisch ließ die Herbergsmutter einen kleinen Korb mit abgezählten Mini-Raider-Riegeln herum gehen.

„Jeder nur eine Packung, dann habt ihr trotzdem zwei “, sagte sie und war beleidigt, als keiner über ihren spitzfindigen Witz lachte.

Am 20. Tag im National Novel Writing Month

In der letzten Woche hat sich viel getan in meiner Geschichte und ich habe so einige Höhen und Tiefen durchwandert. Eine wichtige Erkenntnis ist, dass ich mich auch dann zum Schreiben (jeden Tag mindestens 1.667 Wörter) hinsetzen muss, wenn ich mich gar nicht inspiriert fühle – erstaunlicherweise kommen mir beim Tippen nach der zähen ersten Seite doch irgendwelche Ideen und es entsteht ein brauchbares Kapitel.

Nach dem dramatischen Komplex mit Philipp und Silva plätscherte die Handlung um Elise so vor sich hin. Vor allem habe ich ihre Begegnung mit der zweiten Hauptfigur (dem Jungen mit der Gitarre) aus der Märchenwelt herausgezögert, weil ich immer noch nicht wusste, wie diese Welt überhaupt beschaffen sein soll.

Also habe ich mich zeitweise damit abgelenkt, mir Titel für die Groschenromane auszudenken, die die liebenswerten Großtanten von Elise immer lesen. Die eine liebt Schnulzen und die andere Schauerromane. Hier drei Beispiele (das Genre dürft ihr raten):

„Herzensbrecher haben auch mal Liebeskummer“,

„Vlado – Draculas Sohn im Moor“ und

„Schöne Windhunde beißen nicht“

Schließlich habe ich mich an Tag 16 gezwungen, die Szene mit dem Jungen aus der Märchenwelt zu schreiben (einen Dialog, da konnte ich mich auf den Charakter konzentrieren, Details aus seiner Welt waren nicht nötig) – und mit einigen Stunden Verspätung in der Nacht hat sich eine Schleuse in meinem Kopf geöffnet und ich konnte nicht schlafen vor lauter Ideen.

Die letzten drei Tage habe ich meinem Fanatsie-Rausch hastig hinterher geschrieben. Manchmal ist es ziemlich mühsam, etwas in Worte zu fassen, was ich bildlich vor mir sehe. Aber damit das Ganze nicht in eine epische Beschreibung ausartet, habe ich versucht, die Welt aus der Sicht des Jungen zu zeigen und auch ein paar Dialoge einzubauen. Ich habe noch längst nicht alles erzählt – um diese „Welt des Immerwährenden Klanges“ zum Leben zu erwecken. Es gibt so viele große und kleine Frage zu beantworten wie nach dem Sinn des Daseins der Wesen, wie ist ihre biologische Beschaffenheit (Geburt und Sterben), wie ist ihr soziales System (beim Holzspielervolk des Jungen mit der Gitarre hat jeder Meister einen Gesellen), haben sie einen Glauben, wie funktioniert ihr Ökosystem (für die Müllentsorgung habe ich auch schon eine Lösung…).

Heute Nachmittag und Abend brauche ich mal eine kleine Pause von der Weltenschaffung und wende mich wieder Elise in der Menschenwelt zu. Sie ist in der 4. Klasse und geht auf Klassenfahrt. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe meine Klassenfahrten aus dieser Zeit als ziemlichen Horror in Erinnerung – zu wenig Schlaf und zu viel Zucker, die verdeckten Konflikte und Aggressionen in der Klassengemeinschaft brechen hervor.

Mal sehen, wo die Szene mich hinführt (dramatisches Potenzial ist jedenfalls da), ich lasse meine Fantasie jetzt wieder gemächlich hinter meinen Fingern her trippeln.

Übrigens ist mir gestern Abend beim Spazierengehen eine Pappschachtel mit alten Audiokassetten vor die Füße geraten (von Leuten als „Spende“ vor ihre Haustür gestellt) – und die erste Kassette, die ich aus dem Stapel ziehe ist: Bibi Blocksberg.

Also werde ich heute in der Leseprobe zu Philipp und Silva zurück kehren – es handelt sich um die Szenen vor und nach der Fahrradsequenz, die ihr letzte Woche lesen konntet. Übrigens wird Philipp als Erwachsener noch  eine Chance bekommen, sich für eine gute Tat zu entscheiden.

Für einen etwas heiteren Ausklang gibt es noch den „Stuhlkreis“ mit Elise in der 4. Klasse (ohne Philipp – seine Familie ist nach dem Brand in eine andere Stadt gezogen). Die dortigen Witze habe ich nicht selbst erfunden, sondern aus dem weltweiten Netz gefischt.

Ich hoffe, ihr fühlt euch beim Lesen unterhalten.

Tag 10: Das Duell

(… Philipp macht in der Schule demütigende Erfahrungen, z.B. beim Mathe-Duell, und in der großen Pause fordert er seine Mitschülerin Elise zu einer Art Psychoduell heraus…)

Philipp und Silva stiegen aus dem Bus und bogen nebeneinander in den Finkenweg ein. (…) Silva plapperte vor sich hin und öffnete die Haustür mit dem Schlüssel, der an einem Lederband um ihren Hals hing. Philipp warf seinen Schulranzen auf den Boden im Flur unter die Mäntel.

„Machen wir uns Lasagne“, fragte Silva. Philipp nickte missmutig.

Silva holte mit geübten griffen die Fertiggerichte aus dem Tiefkühlfach und machte sie in der Mikrowelle heiß. Normalerweise würden sie jetzt vor dem Fernseher essen und ihre Lieblingsvideokassetten ansehen. (…)

„Es kommen zwar nur diese Talkshows, aber besser als nichts.“ Er packte seinen Teller und verbrannte sich seine Finger daran.

„Scheiße“, schrie er. Silva hatte ihren Teller mit einem Handtuch umfasst und ging ins Wohnzimmer.

„Igitt, das stinkt hier aber“, sagte sie und rümpfte ihre Stupsnase. Kater Moritz, der bisher auf der Küchenbank gelegen hatte, kam nun auch hinter ihnen her und schlich mit erhobenem Schwanz im Wohnzimmer umher und maunzte. Ihn schien der Geruch nicht zu stören, denn er legte sich gähnend auf seinen Lieblingssessel. Der grüne Stoff war von seinen Krallen schon ganz abgewetzt.

„Mama hat den Schrank gestern Abend lackiert“, stellte Silva fest. (…)

Obwohl die Fenster die ganze Nacht auf Kippe gestanden hatten und auch jetzt ein frischer Wind die gelblichen Gardinen aufblähte, roch es immer noch intensiv nach Lack im Zimmer. (…)

Silva und Philipp schlangen ihr Essen schnell herunter und Philipp verbrühte sich den Gaumen dabei. Bei dem Lack-Gestank im Zimmer machte das Fernsehen echt keinen Spaß.

„Komm, wir bringen jetzt die Fahrräder weg. Dann haben wir es hinter uns“, sagte Silva. (Der Kater bleibt bei geschlossener Tür im Wohnzimmer)

Sie gingen durch die Garage in den Garten und hievten die rostigen Kinderfahrräder, für die sie schon längst zu groß geworden waren, aus der hinteren Ecke des Gartens zur Garage. Auf dem Weg fiel Philipp der Komposthaufen von Frau Schuster in den Blick, der direkt am Jägerzaun neben ihrer Terrasse aufgebaut war. Heute morgen hatte Frau Schuster eine frische Ladung von Orangen und Bananenschalen dort ausgeleert – jetzt saßen riesige Krähen auf dem Haufen und pickten in den Resten.

Philipp spürte sofort ein Ziehen in seinem Magen und musste an den schwarzen Vogel denken, den er heute Morgen in den Augen von Elise gesehen hatte. Wie ein Schwindel überkam ihn wieder dieses Gefühl, wie er sich in den Wurm verwandelte und machtlos am Boden kroch.

Am liebsten hätte er laut geschrien: „Nein, das bin ich nicht! Ich werde es euch allen zeigen!“, aber seine Kehle war wie zugeschnürt und er brachte keinen Laut über die Lippen. Er biss seine Zähne fest aufeinander, so dass sein Kiefer knirschte.

Grimmig schob er das lächerlich holpernde Fahrrädchen durch die Garage vor die Haustür, wo Silva schon mit ihrem rosa Rad stand und sich ihre Wollfäustlinge anzog.

„Warte, ich muss noch was erledigen“, sagte er und ging zurück in die Garage.

Tag 11: Ein Katzenleben

Philipp griff entschlossen nach dem grauen Plastikkanister in der Ecke der Garage. Auf dem Regal über dem Gartengrill lag das Gasfeuerzeug mit dem langen Stift. Er steckte es in seine Jackentasche. Auf seinem Weg zum Komposthaufen schwappte die schwere Flüssigkeit im Kanistern und ließ diesen bei jedem Schritt gegen seine rechtes Bein stoßen. Das dumpfe Gluckern aus dem Kanister hörte sich wie ein kehliges Kichern an.

Die Krähen hoben ihre Köpfe. Philipp schritt näher. Sie flatterten krächzend auf. Philipp zog seinen Kopf ein wenig ein, der Flügel eines Tieres streifte sein Ohr. Nun stand er vor dem Komposthaufen. Er stellte den Kanister auf den Boden und schraubte den Deckel auf. Er schaute prüfend in alle Richtungen, aber in keinem der angrenzenden Gärten war ein Mensch zu sehen. Die Schusters waren tagsüber immer arbeiten.

Mit Schwung hievte er den Kanister mit beiden Händen hoch und schüttete die Flüssigkeit mitten auf die braun-gelben Bananenschalen, die Orangenschalen, die Kartoffelschalen, die zerbrochenen Eierschalen und allerlei sonstiges angefaultes Zeug. Der scharfe Benzingeruch drang in seine Nase und ließ ihn Lächeln. Sein Herz schlug schneller.

Langsam, den Moment auskostend, schraubte er den Deckel wieder auf den leeren Kanister. Dann zog er das Feuerzeug aus seiner Jackentasche. Er trat einen Schritt zurück und streckte seinen rechte Arm lang aus. Dann drückte er mit seinem Daumen den Zünder nieder. Nichts passierte. Er drückte noch mal kräftiger. Eine jämmerliche blaue Flammenzunge trat hervor und verschwand. Philipp schüttelte den Stift. Er drückt noch einmal. Langsam. Eine längliche Flamme trat aus der Mündung. Er hielt die Flamme an die feuchten Obstschalen obenauf. Mit einem „wusch“ schlug eine heiße helle Flamme in die Höhe und Philipp sprang unwillkürlich zurück.

Aber der Effekt schien schnell verpufft. Die Flamme trank das Benzin gierig auf und nagte nur zögerlich an den feuchten Fruchtresten. Ein vorsichtiges Glimmen breitete sich auf dem Haufen aus, der nun müde knisterte und wie ein schnaufendes Tier einen dunklen Hauch ausatmete.

„Philipp“, hörte er Elise von vorne rufen. Er warf noch einen letzten, etwas unzufriedenen Blick auf den röchelnden Haufen und rannte zurück in die Garage, stellte den Kanister an seinen alten Platz zurück und zog das Garagentor hinter sich zu.

Was seinem Blick jedoch entgangen war, war der kleine Stapel von Kartons und Zeitungen, der mal wieder nicht in die Mülltonne gepasst hatte, und der in der Terrassenecke unter ihrem Wohnzimmerfenster lag.

(…Szene an den Bahngleisen…)

Als sie nur noch drei Straßen entfernt waren, brauste ein Feuerwehrauto mit Blaulicht und Sirenen an ihnen vorbei. Silva hielt sich ihre Ohren zu. Die Feuerwehr fuhr in die Richtung, in die sie gingen. Ein Kribbeln begann in Philipps Fingerspitzen, das sich schnell in ihm ausbreitete. Eine Vorahnung. Er beschleunigte seine Schritte.

Sie bogen in den Finkenweg ein und sahen es: Schwarzer Rauch hing in einer dicken Wolke über ihrem Haus und zwei Feuerwehrautos standen davor, jede Menge Feuerwehrmänner in blauen Schutzanzügen und gelben Helmen rannte herum, ein Schlauch wurde ausgerollt. Einige Nachbarn standen auf der Straße, schauten neugierig und sprachen aufgeregt miteinander. Philipp und Silva rannten näher.

Was in den nächsten Stunden geschah, zog an Philipp wie ein hektisch geschnittener Film vorbei. Grelle, überbelichtete Schnappschüsse. Aber es war ein Bild, das sich ihm unauslöschlich einprägte: Der Gesichtsausdruck seines Vaters, nachdem der Chef-Feuerwehrmann ihm den leeren Benzinkanister aus der Garage gezeigt hatte. Der Vater hatte seine Augen zusammen gekniffen, als würde die Sonne ihn blenden und seine Mundwinkel heruntergezogen wie an dem Tag, als sie zusammen die Blätter aus dem verstopften Regenrohr gezogen hatten und der Vater auf einmal mit dem glitschigen Moderhaufen die tote Maus in der Hand hatte.

Für Silva gab es auch ein Bild, das sie niemals vergessen würde: Der dunkel schimmernde Fettfleck auf dem rußigen grünen Sessel, wo der Kater Moritz gelegen hatte.

(Szenenwechsel: Im Haus von Elise. Elise ist ziemlich mitgenommen von ihrem Psychoduell mit Philipp, sie hat wieder roten Hautaussschlag und sie ahnt, dass sie in Philipp etwas Böses entfesselt hat. Elise ist ein Wesen aus einer anderen Welt – ein Geschöpf des Wassers, das mit Schwimmhäuten geboren wurde – und hat übernatürliche Fähigkeiten und so erscheint ihr der Kater im Traum, obwohl sie von dem Vorfall gar nichts weiß)

In dieser Nacht konnte Elise nur schwer Schlaf finden. Ihre Haut glühte, aber noch mehr quälten sie die Worte, die sie auf dem Schulhof von Philipp gehört hatte. Schließlich fiel sie in einen unruhigen Schlaf. Bis etwas sie weckte. Sie setzte sich in ihrem Bett auf und sofort fiel ihr Blick in die Zimmerecke gegenüber. Zwei funkelnde Augen starrten sie aus der Finsternis an. Allmählich gewöhnte sie sich an die Dunkelheit und konnte mehr erkennen. Die schattenhaften Umrisse einer Katze wurden deutlich. Das Tier stand auf allen vier Pfoten, unbeweglich, nur der erhobene Schwanz wippte langsam hin und her, wie das Pendel einer Standuhr. Die Spitze des Schwanzes zog eine kleine Rauchspur hinter sich her, wie bei einer Kerze, die man gerade ausgepustet hat. Die Katzenaugen fixierten Elise. Irgend etwas war seltsam an diesen Augen. Die Pupillen waren schmal und länglich, wie bei allen Katzen. Aber die Farbe war hellblau. So wie die Augen von Philipp.

Elises Herz hämmerte nun hart in ihrer Brust und sie hörte die Schläge als Echo in ihren Ohren. Nun riss die Katze ihr Maul auf, wie zu einem Gähnen. Das Gähnen wurde immer größer, als müsste es den Kiefer des Tieres sprengen. Dann senkte die Katze ihren Kopf in rhythmischen Bewegungen, das Maul immer noch geöffnet. Sie würgte etwas hervor. Etwas kam zum Vorschein, der Kopf der Katze senkte sich über den Boden, Elise konnte nicht sehen, was es war. Dann hob die Katze wieder ihren Kopf. Auf dem Boden vor der Katze lag ein rot-goldener Fisch, der mit Kopf und Flossen abwechseln auf den Boden schlug, als wolle er vor der Katze fliehen.

Mit einem Schrei sprang Elise aus ihrem Bett. Jemand machte Licht im Zimmer. Nana Christa nahm sie in die Arme. Das Nachthemd klebte feucht an Elises rücken.

Voller Entsetzen starrte sie in die Zimmerecke, aber da war nichts mehr.

Tag 15: Stuhlkreis

Elise war nun in der 4. Klasse. An diesem Montagmorgen in November rückten sie ihr Stühle in einen Kreis wie an jedem Montag. Frau Steinbeck stellte die Frage, die von manchen Kindern geliebt und von anderen gefürchtet wurde:

„Wie war denn euer Wochenende?“. Reihum musste jeder erzählen, was er oder sie erlebt hatte.

Katrin legte gleich los und war nicht mehr zu stoppen.

„… und dann habe ich mit der Rückhand den Ball trotzdem noch gekriegt, und dann war wieder gleichstand, und dann hat der Trainer gesagt, ich muss mehr Fußarbeit machen…und dann war Siegerehrung, … und dann hat meine Mutter einen Kuchen gebacken…. und dann hat meine Bruder gesagt, null Problemo…“

Elise saß neben Ingo, der mal wieder auf seinem Stuhl hin und her rutschte und an seinen Fingernägeln kaute. Sie hätte ihm gerne geholfen, aber sie selbst durchstöberte ihren Kopf nach einer brauchbaren Geschichte.

Ingo kam vor ihr dran. Im Sommer vor einem Jahr hatte er mit seinen Eltern einen Ausflug an die Mosel gemacht. Seitdem erzählte er an jedem Montag dieselbe Geschichte:

„Wir sind alle ins Auto gestiegen und zur Mosel gefahren. Da haben wir ein Picknick gemacht. Ich habe ein Würstchen gegessen. Dann bin ich von einem hohen Felsen ins Wasser gesprungen. Als ich im Wasser war, habe ich oben auf dem Felsen den Andreas laufen sehen. Ich habe ihm zugewunken. Dann sind wir wieder nach Hause gefahren“.

Sein Klassenkamerad Andreas war nicht an der Mosel gewesen. Aber das sagte er natürlich keinem.

Elise wurde immer heißer in ihrem Strickpullover, aber ihre Hände fühlten sich klamm an. Sie hätte erzählen können, dass sie mal wieder „Der Kleine Prinz“ auf Französisch gelesen und Tränen vergossen hatte, als der Prinz sich von der Schlange beißen ließ, um zu seiner Rose zurück zu kehren. Oder sie hätte erzählen können, dass sie sich mit ihrem Vater über die Schrecken der Sklaverei unterhalten hatte – Elise war gerade mitten in „Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher Stowe. Oder sie hätte erzählen können, dass sie eine kleine Schwellung in ihrer rechten Brust entdeckt und sich ziemlich sonderbar gefühlt hatte, bis Nana Christa ihr erklärt hatte, dass dies völlig normal sei und sie nun langsam einen Busen bekommen würde – ach nein, das würde sie vor der Klasse natürlich niemals erzählen, schon bei dem Gedanken daran wurden ihre Wangen ganz heiß. Oder sie hätte erzählen können, wie sie mit ihren Holzpuppen gespielt hatte, es käme eine Sturmflut und ihr Bett sei das einzige Boot auf der Welt und wie sie sich alle darin zusammen gekauert hatten – aber das war bestimmt zu kindisch. Oder sie hätte erzählen können, dass sie letzte Nacht diese wunderbare Melodie aus dem Nebel der Heide hinter ihrem Garten gehört hatte. Nein, all das konnte sie auf keinen Fall erzählen.

Elise holte tief Luft. Sie wünschte, sie hätte auch eine Geschichte für jeden Montag, so wie Ingo. Aber das würde zu sehr auffallen. Deshalb musste sie sich jeden Montag etwas Neues ausdenken.

„Ich war am Samstag mit meinen Großtanten einkaufen. Danach habe ich beim Kuchenbacken geholfen (Mist, das hatte doch gerade Katrin schon erzählt, oder?). Dann haben wir abends alle zusammen „Verstehen sie Spaß“ geguckt (gut, dass ich das Fernsehprogramm studiert habe). Am Sonntag habe ich Hausaufgaben gemacht (Streberin).“

Elise sah, wie Rita und Linda miteinander tuschelten und dabei auffällig unauffällig zu Elise herüber guckten. Zum Glück war jetzt Andreas an der Reihe. Andreas hatte auch eine Strategie. Er las am liebsten Comics und auch die Pumuckl-Hefte und konnte sich sehr gut Witze und Rätsel merken.

„Ich habe einen lustigen Witz gelesen“, begann er wie üblich.

„Was schrie der Luftballon als letztes, bevor er zerplatzte?“, fragte Andreas unbekümmert in die Runde.

„Achtung, Kaktus!“, rief Dennis triumphierend. Auch er hatte die Pumuckl-Hefte abonniert. Andreas lächelte großzügig und nickte.

„Sag noch einen“, forderte ihn jetzt Michael auf.

„Aber nicht vorsagen, Dennis. Wir wollen auch mitraten“, mischte sich nun auch André ein.

Andreas strahlte über beide Backen.

„Okay. Was hat keine Füße und läuft trotzdem?“, gab Andreas auf.

„Die Nase“, rief Rita und rümpfte dabei ihre eigene.

„Richtig“, verkündet Andreas im besten Showmaster-Stil. Aber Elise wusste schon, dass er sich das beste Rätsel immer bis zum Schluss aufhob.

„Noch eins“, rief wieder Dennis.

„Okay. Das ist dann aber das Letzte“, sagte Andreas. Frau Steinbeck nickte milde. Sie kannte das Ritual genauso gut.

„Wo macht ein Skelett Urlaub?“, fragte Andreas in die Runde. Ein Tuscheln und Raunen setzte ein. Dieses Rätsel stammte nicht aus dem Pumuckl.

„Sag“, forderten seine Mitschüler Andreas nun gespannt auf. Andreas kostete den Moment aus. Dann sagte er mit perfektem Timing:

„Im Toten Meer“. Die ganze Klasse lachte. Selbst Elise und Ingo.

René Magritte – „Les Mémoires d’un saint“ von 1960

Am 13. Tag im National Novel Writing Month

Zwölf Kapitel meiner Geschichte habe ich nun geschrieben und die 25.000-Wörter-Marke geknackt. Ich muss sagen, dass das Schreiben mich in jeder Hinsicht sehr in Anspruch nimmt. Ein echter Marathon und ich bin schon ziemlich außer Puste – dabei habe ich erst die Hälfte geschafft (falls ich meinen Wörterdurchschnitt halten kann; in Tagen stehen mir noch 17 bevor).

Heute ist Tag 13 und wenn es in meinem Märchen verhext zugeht, müsste heute etwas Unheilvolles geschehen. Allerdings habe ich schon in den Tagen 9 bis 11 genüsslich das Bösen herauf beschworen. Nachdem ich an den ersten 8 Tagen meine Protagonistin Elise und ihr Umfeld etabliert habe, hatte ich Lust auf einen Szenen- und Perspektivwechsel (wobei ich unwillkürlich in die Personale Erzählperspektive abgerutscht bin, obwohl ich doch eigentlich die Allwissende Erzählerin bin – aber darum werde ich mich bei späterer Überarbeitung kümmern) und bin in die Welt von Philipp eingetaucht.

Philipp ist ein Drittklässler und der kindliche Antagonist von Elise. Seine Schwester Silva hatte ich eigentlich nur als Statistin vorgesehen, das Mädchen hat sich aber beim Schreiben so interessant gemacht, dass ich sie später in der Geschichte (wenn Elise erwachsen ist) wieder vorkommen lassen werde.

Nach meinem Ausflug ins Herz des Bösen (der im grausigen Tod eines alten Katers gipfelt), will ich mich in den nächsten Tagen der Einführung einer weiteren Schlüsselfigur aus der Märchenwelt widmen: Dem Spielmann. Er ist mit einem Tamburin und einer Gitarre ausgestattet und spricht durch seine Musik zu den Menschen. Elise lernt den gleichaltriger Jungen als Kind kennen und er nimmt eine brüderliche Rolle ein. Später wird er dann durchaus ein Anwärter für romantische Verwicklungen.

Mein Problem ist, dass ich mir im Moment noch gar nicht klar darüber bin, wie diese „andere Welt“, aus der Elise und der Spielmann stammen, genau funktioniert. Wie sind die Regeln? Wer oder was ist die lenkende Kraft? Das liegt für mich noch alles ziemlich im Nebel.

Da muss ich in den nächsten Tagen noch einige lange Spaziergänge machen und intensiv darüber nachdenken.

Insgesamt bin ich doch erstaunt, wie düster meine Geschichte bisher ist. Über allem scheint eine Wolke der Bedrohung zu hängen. Wenn man an Märchen denkt, kommen einem zunächst schöne Disney-Prinzessinnen und ein rührseliges Happy End in den Sinn.

Aber die Märchenliteratur ist bei näherem Hinsehen sehr düster. Besonders die Ausgangssituation ist für die Protagonisten von Not und Ungerechtigkeit geprägt. Dann müssen die Figuren leidvolle und oft grausame Prüfungen bestehen und erst zum Schluss lichtet sich das Dunkel.

Aber auch meine Geschichte wird sich zum Finale hin aufhellen – versprochen! Und ich werde tief in die Kitsch-Töpfe greifen.

In der folgenden Leseprobe lernt ihr Philipp („blöd“ ist anscheinend eines seiner Lieblingswörter, wie ich vorhin beim Lesen gemerkt habe… 😉 und Silva kennen (wir sind im Januar 1988). Ihre Eltern haben keine Namen, ihr dürft euch aber gerne an die Eltern von Hänsel und Gretel erinnert fühlen.

Viel Spaß beim Lesen (heiß gekocht und heiß serviert)!

Tag 9: Ritter der Nacht

Philipp zog die Bettdecke über seinen Kopf, als der Wecker neben seinem Ohr quakte. Aber der Wecker hörte nicht auf, also versetzte er dem Ding einen festen Schlag mit der flachen Hand auf die Birne. Was hatte sich seine Mutter bloß dabei gedacht, ihm diesen kindischen Donald-Duck-Wecker zu schenken. Wahrscheinlich war er im Sonderangebot gewesen. Philipp hatte sich zu Weihnachten einen Wecker in der Form von „KIT“ gewünscht, aber stattdessen hatte er eine Taucherbrille für den blöden Schwimmunterricht bekommen.

Philipp liebte „Knight Rider“. An den Wänden seines Zimmers hingen vier große Poster mit David Hasselhoff und seinem geilen schwarzen Flitzer. Wenn er groß war, wollte Philipp auch mal so ein Auto haben und so stark aussehen wie „The Hoff“.

Donald Duck hielt seinen Schnabel und Philipp dreht sich zur Wand. Aber schon kam seine Mutter in sein Zimmer gestürmt, zog energisch die Rolladen nach oben, dass es knallte, als sie aufgerollt oben anstießen und riss das Fenster auf. So als stinke es ganz fürchterlich in seinem Zimmer. Die feuchte kalte Luft des grauen Januarmorgens drang hinein.

„Aufstehen! Na los“, rief seine Mutter und zog ihm die Decke weg.

„Ab ins Bad mit dir. Ich muss heute pünktlich los.“

Philipp wusste, dass seine Mutter keine Ruhe geben würde, bis er nicht aufgestanden war. Im Bad hörte er seine jüngere Schwester Silva, die mal wieder ihre blöde Bibi Blocksberg Kassette auf voller Lautstärke laufen ließ, während sie sich ihre langen hellbraunen Haare frisierte. Er hasste diese neunmalkluge Hexe auf der Kassette fast genauso sehr, wie die echte kleine Rothaarhexe in seiner Klasse.

(…)

Auf dem Küchentisch standen nur die Packung Cornflakes seiner Schwester und eine Tüte Milch. Silva saß schon am Tisch und schaufelte sich ihre Lieblingssorte – die kleinen Ringe mit dem rosa Zuckerguss – in den Mund. Neben ihrer Schüssel saß eine der vielen Barbiepuppen wie zur Gesellschaft. Neben der schrill blonden Figur mit den lila geschminkten Augen sah seine Schwester irgendwie ausgewaschen aus mit ihren mausbraunen Haaren und genau solchen Augen. Silva hatte ein paar Sommersprossen um die Nase herum und abstehende Ohren. Eine Schönheitskönigin würde sie nie sein.

(…)

„Wo sind denn meine Cornflakes“, fragte Philipp.

Seine Mutter stand mit dem Rücken an die Spüle gelehnt am Fenster und rauchte.

„Was“, fragte sie laut, um das Radio zu übertönen.

„Wo sind denn MEINE Cornflakes“, schrie Philipp zurück.

„Schrei gefälligst nicht so rum“, sagte Philipps Vater, der gerade durch die Tür kam und dem Sohn zur Bekräftigung einen Klaps auf den Hinterkopf versetzte.

„Heute Abend wird es wieder später“, sagte er in Richtung seiner Frau.

„Ich habe Klienten für das Anwesen in Rheine. Hoffentlich werde ich das Objekt bald mal los. Der Chef sitzt mir schon im Nacken deswegen.“ Die Mutter nickte und der Vater ging hinaus und stieg in seinem silbrig glänzenden Anzug in seinen silbrig glänzenden BMW.

(…)

„Jetzt hol dir eine Schüssel aus der Spülmaschine und iss dein Frühstück. Musst halt essen, was da ist. Einkaufen ist erst wieder am Samstag. In 10 Minuten fahren wir“, hörte Philipp seine Mutter sagen. Er spürte, wie seine Wangen heiß vor Ärger wurden. Er riss die Lade der Spülmaschine auf, dass alle Teller klirrten und holte seine Schüssel mit dem Batman-Bild heraus. Sie hatte schon einen Sprung.

Er setzte sich an den Tisch und ließ die eklig süßen Flakes seiner Schwester in die Schüssel rieseln und stellte sich vor, wie Batman mit den Reifen seines Batmobils darüber fuhr und sie zu rosa Krümeln zermalmte.

(…)

„Nimm noch Milch dazu“, forderte ihn nun seine Mutter auf und goss einen Strahl von dem weißen Zeug in seine Schüssel.

„Hey, das mag ich nicht“, protestierte er. Jetzt würde die Milch rosa werden. Dann war es ein Essen für Mädchen. Seine Schwester grinste ihn mit ihren Zahnlücken an. Heute Nachmittag würden ihre Bibi-Kassette zu Bandsalat werden.

„Heute Nachmittag räumt ihr zwei den Garten auf“, befahl die Mutter.

Philipp und seine Schwester schauten sich an und verdrehten ihre Augen.

„Frau Schuster hat sich schon wieder bei mir beschwert, wegen dem Schrotthaufen in der Ecke“.

Damit meinte sie das umgefallene Schaukelgerüst und die zwei verrosteten Kinderfahrräder. Im Keller hatten sie keinen Platz dafür. Da stand alles voll mit Kisten.

„Eure Fährräder bringt ihr endlich zur Mülldeponie. Das sage ich euch schon seit Monaten. Sonst jagt uns Frau Schuster wieder das Ordnungsamt auf den Hals und das wird teuer“.

„Aber das sind zwei Kilometer bis zur Deponie“, jammerte Silva. „Und mit den verbogenen Reifen können wir sie nicht gut schieben“. Philipp war seiner Schwester ausnahmsweise mal dankbar. Wenn er so jammern würde, könnte er was erleben. Er gab ihr unter dem Tisch einen Stups mit seinem Fuß und formte lautlos „Auto“ mit seinen Lippen.

„Kann Papa die Räder nicht mit dem Auto zum Müll fahren“, fragte Silva mit kläglicher Stimme.

„Der BMW von eurem Vater darf nicht schmutzig werden. Und in meinen Fiat passen die Dinger nicht rein. Also Schluss mit der Diskussion“.

(…)

Tag 11: Ein Katzenleben

(…) Philipp zündet den Komposthaufen der Nachbarin an (…)

Philipp und Silva schoben ihre Fahrräder schon seit einer halben Stunde und waren immer noch auf dem langen, asphaltierten Damm durch die Felder und oberhalb der Eisenbahntrasse. Das Hochgefühl über die auflodernde Flamme war in Philipp bereits wieder in sich zusammen gesackt. Ein beißender Wind wehte ihnen ins Gesicht und sie kamen nur langsam voran. Das verbogene Hinterrad ließ sein Gefährt hinken. Jeden dieser Hopser spürte Philipp als leichten Stoß in seinen Händen, die mit eisigen Fingern das Lenkrad umgriffen hielten.

Silva mit ihren rosa Fäustlingen hatte es da besser. Auch wenn sie ziemlich kindisch damit aussah. Vom Gepäckträger von Silvas Rädchen hob sich eine lange Stange in die Luft, wie eine Antenne, mit einem kleinen Wimpel, die stetig im Wind hin und her schwankte und Philipp mächtig auf die Nerven ging.

„Geh gefälligst hinter mir“, schnauzte er Silva an.

„Sonst krieg ich die blöde Fahne gleich noch ins Gesicht“. Silva gehorchte ihm.

Nun kamen sie an die Stelle, wo der Maschendrahtzaun eingerissen war und ein Trampelpfad hinunter zu den Gleisen führte. Auf der anderen Seite der Gleise ging der Pfad die Böschung wieder hinauf und führte in das dahinter liegende Industriegebiet. Der Pfad war eine beliebte Abkürzung. Die nächst gelegene Fußgängerbrücke über die Gleise war fast einen Kilometer weit entfernt.

Philipp blieb vor der Zaunöffnung stehen und schaute hinunter. Die schmächtigen Bäume und Sträucher standen blattlos auf dem kleinen Abhang, altes Herbstlaub mischte sich am Boden mit weggeworfenen Dosen, Bierflaschen und anderen Müllresten. Ein umgekippter Einkaufswagen lag einige Meter entfernt am Fuße der Böschung.

Philipp gab seinem Fahrrad einen kräftigen Stoß und es hopste und sprang den Trampelpfad hinunter, überschlug sich zwei Mal und blieb unten verdreht liegen, das Hinterrad ragte auf das Gleis.

„Was machst du da?“, rief Silva überrascht und kam heran.

Philipp packte auch ihr Rädchen an Lenker und Sattel und schubste es mit Schwung seinem Vorgänger hinterher, bevor Silva Einspruch einlegen konnte. Das leichtere Rad fuhr artig bergab, bis sich die Fahnenstange im Geäst verfing und das Geschoss auf halber Strecke zu Fall brachte. Philipp lachte laut.

„So, die Räder sind entsorgt. Jetzt können wir wieder zurück gehen“.

„Nein. Wir können die nicht einfach da liegen lassen“, protestierte Silva. Sie war fürchterlich gewissenhaft.

„Du kannst dein Rad ja hoch holen und bis zur Müllkippe schieben. Aber ohne mich!“, brauste Philipp auf. Silva trat von einem Fuß auf den anderen.

„Aber so können wir dein Rad nicht liegen lassen. Wenn ein Zug kommt, dann passiert nachher noch ein Unfall“.

Auf dieser Trasse fuhr einmal pro Stunde der Regionalzug und ein paar Mal am Tag donnerten schier endlose Güterzüge hier entlang.

„Quatsch, der Zug fährt einfach drüber“, sagte Philipp und wandte sich zum Gehen.

Silva fing an, die Böschung herunter zu trippeln.

„Du blöde Kuh“, rief Philipp ihr nach, blieb aber oben stehen und schaute ihr zu.

Beim Versuch, dem im Gebüsch verkeilten Rad auszuweichen, rutsche ihr Fuß im feuchten Lehm ab und sie setzte sich unsanft auf ihren Po. Philipp grinste. Als sie wieder aufstand, war ihre Hose hinten ganz feucht und schlammig braun. Sie hatte sich mit ihren Fäustlingen beim Hinfallen abgestützt und die rosa Wolle war jetzt voller Dreck. Sie streifte die Handschuhe von ihren Händen und Tränen traten in ihre Augen. Trotzdem kraxelte sie weiter nach unten und erreichte die Gleise. Gerade packte sie das Lenkrad von Philipps Rad, als aus der Ferne das Horn eines Güterzuges tönte und ein rhythmisches Rattern näher kam.

„Komm da weg. Ein Zug kommt“, rief Philipp nun alarmiert.

Silva schreckte hoch und stakste mit unsicheren Schritten wieder die Böschung hoch. Philipp kam ihr ein Stück entgegen, packte sie am Handgelenk und zerrte sie nach oben. Silvas Bein verfing sich in der wippenden Drahtstange des quer liegenden Rädchens und sie stürzte der Länge nach hin, Philipp ging in die Hocke und konnte sich am Hang oben abstützen.

In diesem Moment donnerte der Güterzug an ihnen vorbei. Die metallenen Räder des Zugs erfassten den Fahrradreifen, schleiften das Drahtgestell ein Stück mit, schienen es unter sich einzusaugen und von einem erbarmungslosen Rad zum nächsten weiterzureichen, bis das letzte den verkrümmten Drahthaufen wieder ausspie und in einem hohen Bogen durch die Luft wirbelte. Die Überreste des Fahrrads landeten auf der gegenüber liegenden Seite in der Böschung.

Mit angehaltenem Atem und offenem Mund hatte Philipp das Manöver beobachtet. Er war sprachlos. Ein neues Hochgefühl ergriff Besitz von ihm. Das Staunen über diese unerbittliche Macht des Zugs breitete sich glühend heiß in seinem Innern aus. Und er selbst hatte seinen Teil dazu beigetragen. Er selbst war Teil diese Macht gewesen.

Silva krabbelte an ihm vorbei, schlüpfte durch die Zaunöffnung und verschwand aus seinem Blickfeld. Ärgerlich rappelte Philipp sich auch auf und eilte ihr nach.

„Kein Wort darüber, sonst bist du dran“, zischte er ihr ins Ohr. Sie heulte.

Auf dem Rückweg sprachen sie nicht mehr. Silva marschierte zuerst vor ihm her, aber ihre kurzen Beine wurden bald müder und schließlich trappelte sie mit gesenktem Kopf neben ihm. Ihre matschigen rosa Fäustlinge hingen an den Wollbändern aus den Ärmeln und baumelten wie zweite schlaffe Hände neben ihren eigenen. Sie hatte sich mal wieder ihre Kette in den Mund gesteckt und nuckelte wie ein Baby daran. Es war die Kreuzkette, die sie vor ein paar Monaten zu ihrer Kommunion geschenkt bekommen hatte.

„Kau nicht auf dem Herrn Jesus Christus herum“, schimpfte die Mutter dann, obwohl der Anhänger nur ein Kreuz war und gar kein Christus darauf festhing.

„Wenn sie den Anhänger kaputt kaut“, hatte der Vater gesagt, „dann schmelzen wir das Gold ein und sie bekommt davon eine Zahnfüllung. So viel Zuckerzeug, wie sie isst, braucht sie das bestimmt bald.“

(…)

Ich hoffe, die Inspiration wird auch weiterhin fließen – oder zumindest tröpfeln.

Am 7. Tag im National Novel Writing Month

Der November ist in den USA „National Novel Writing Month“ (NaNoWriMo) und alljährlich begeben sich dort und überall auf der Welt schreibbegeisterte Menschen auf einen Schreibmarathon.

Die Herausforderung: 50.000 Wörter in 30 Tagen schreiben. Das bedeutet ein tägliches Pensum von 1.667 Wörtern (rund 3 Seiten). Jeder, der die Ziellinie am 30. November um 23:59 Uhr mit mindestens fünfzigtausend Wörtern überschreitet, ist ein Sieger. Ein beinahe olympisches Motto.

In diesem Jahr bin ich zum ersten Mal mit dabei. Anfang des Jahres war mir in der Bibliothek der ASH im Regal für kreatives Schreiben das Buch „No plot, no problem“ von Chris Baty, der diese kreative „challenge“ im Jahr 1999 ins Leben gerufen hat, in die Hände gefallen. Das Buch ist witzig geschrieben und hat mir Lust auf das Schreibprojekt gemacht.

Der Amerikanische Traum glimmt noch irgendwo in den Sternen: Du kannst alles schaffen, wenn du es nur willst!

1. November:

Alles ist bereit, ich habe am Vorabend meinen Account auf der offiziellen Website angelegt, meinen Roman angekündigt und sogar ein Titelbild für mein Werk hochgeladen (das erhöht angeblich meine Erfolgschancen um 60 %).

Der Startschuss ist gefallen und verhallt. Ich schleiche den ganzen Tag um mein Notebook herum und mache es vorsichtshalber gar nicht erst an. Einkäufe erledigen und putzen schienen mir noch nie so wichtig. Zweifel überfallen mich. Gut, dass ich noch fast niemandem von meinem utopischen Plan erzählt habe. Eine Idee für meinen Roman hätte ich ja schon, aber…

Um 20 Uhr abends packt mich dann eine Art „alles egal“-Stimmung, ich setze mich vor den Computer und fange an zu tippen.

Ich erzähle (aus der auktorialen Perspektive) die Geburt meiner Protagonistin, die mit krebsroter Haut und Schwimmhäuten zwischen den Zehen zur Welt kommt und nicht weinen kann – was das Neugeborene ihren Eltern ziemlich unheimlich macht.

Um 23 Uhr habe ich stolze 2.153 Wörter geschrieben. Okay, das war gar nicht so schlimm und ist vielleicht an anderen Tagen wiederholbar, denke ich.

Also verkünde ich mein Projekt gleich noch auf meiner facebook-Seite, damit ich morgen nicht einfach einen Rückzieher mache.

Mein Roman-Konzept ist, dass ich die Geschichte meiner Hauptfigur durch Blitzlichter auf 30 Tage aus ihrem Leben vom Tag ihrer Geburt (1980) bis in die Gegenwart erzählen möchte.

Die Idee zu diesem Aufbau scheint durch die Wettbewerbsvorgaben begünstigt. Aber ich bin hierzu auch inspiriert von einer Erzählung von Émile Zola („Die vier Tage des Jean Gourdon“), die ich kürzlich als Audiobuch gehört habe. Hier wird sehr fesselnd die Lebensgeschichte eines Mannes durch die Schilderung von 4 Tagen aus seinem Leben gezeichnet (Jugend im Frühling: erster Kuss; Soldat im Sommer: Mut beweisen und zum Mann werden; Vater werden im Herbst: die Ernte eines erfüllten Lebens einfahren; Sturmflut im Winter: Verlust und Tod erfahren).

In meiner Geschichte möchte ich eines meiner Lieblingsgenres aufgreifen: Das Märchen.

Meine Heldin heißt Elise und wird als Menschenkind geboren, ist aber in Wirklichkeit ein Wesen aus einer anderen Welt (sie ist ein Wesen des Wassers und in mancher Hinsicht eine Nachfahrin der „Kleinen Mehrjungfrau“) mit besonderen Gaben. Ihre Aufgabe ist es, den Menschen auf bestimmte Weise zu dienen. Elise hat keine Seele und keine eigenen Wünsche. So wird es ihr jedenfalls gesagt. Aber das stimmt in ihrem Fall nicht. Und hier kommt dann die Liebe ins Spiel…

Nach jedem Gebrauch ihrer Fähigkeit färbt sich ihre Haut rot (was sie auch zu einer Außenseiterin unter den Menschen macht) und sie verliert Stück für Stück ihre Lebenszeit.

In der Geschichte tauchen noch andere Märchenwesen auf, zum Beispiel der Spielmann, der blinde Maler und die Weidenfrau.

Mir fehlen irgendwie noch starke Antagonisten, denn ohne Bösewichte keine Spannung. Allerdings hat die Protagonistin auch mit allerlei menschlichen Schwierigkeiten zu kämpfen und nicht zuletzt gegen die Auslöschung ihrer Existenz.

Für das Geschichtenerzählen ist Michael Ende ein großes Vorbild für mich. „Momo“ und „Die unendliche Geschichte“ gehören seit Jugendtagen zu meinen Lieblingsbüchern.

3. November

Ich gebe meine „Planung-blockiert-mich-nur-Haltung“ auf und lege einen Notizzettel für Schlüsselmoment an (bis jetzt habe ich aber nur 14 davon) und außerdem eine kleine Familienchronik, wo ich Geburtsjahre z.B. für die Großtanten von Elise festlege, damit ich auch weiß, wie alt die Damen im Jahr 1983 sind (dazu brauche ich einen Taschenrechner).

Ansonsten geht mein Konzept, an jedem Tag über ein Schlüsselereignis zu schreiben, ganz gut auf und ich liege gut im Wörterschnitt (ca. 2.000 / Tag).

7. November

Langsam werde ich nervös, weil ich befürchte, die Geschichte plätschert zu sehr vor sich hin. Vorgestern habe ich eine halbe Seite lang beschrieben, wie Elise mit den Großtanten ihren Schulranzen aussucht. Aber ich habe bisher nur Kurzgeschichten geschrieben und muss mich erst an ein gemächlicheres Erzähltempo gewöhnen.

In diesen Momenten denke ich an Tolkien, der im Prolog von „Der Herr der Ringe – die Gefährten“ ein ganzes Kapitel dem Pfeifenkraut der Hobbits widmet. Zwar wird mein Roman nicht solch ein Epos, aber ein bisschen Ausschweifung darf ruhig sein – auch ohne Drogen. Da fällt mir doch gleich dieser Pilz ein, der mir auf meinen Inspirationsspaziergängen ins Auge gefallen ist und der mir total märchenhaft vorkommt. Vielleicht kann er giftig sprechen, ist vielleicht ein lügendes Orakel…

Außerdem ist alles, was ich schreibe, eh nur ein erster Entwurf.

Leider muss ich feststellen, dass mein Schreibfluss jeden Tag langsamer wird, weil ich mehr über dem Text grübele und an Formulierungen herumdoktere. Den inneren Kritiker muss ich unbedingt wieder in den Urlaub schicken.

Am Ende einer jeden Schreibeinheit gebe ich meinen neuen totalen „wordcount“ auf der Website in meine Statistik ein und bekomme ein sehr aufmunterndes Pfeildiagramm präsentiert.

Die 10.000 Wörter-Badge habe ich schon erworben.

Hier als kleiner Teaser meine bisherigen Kapitelüberschriften:

Tag 1: Eintritt in die Welt

Tag 2: Weinen lernen

Tag 3: Puppenspiele

Tag 4: Im Schrank einer Königin

Tag 5: Der erste Schultag

Tag 6: Ein gebrochenes Herz

So, jetzt muss ich einen neuen Tag für meine Märchenheldin erschaffen, denn nur ein gewisser anderer Schöpfer darf am 7. Tage ruhen.

Ich werde euch auf dem Laufenden halten.

Übrigens freut es mich sehr, dass zwei meiner Wortschwestern aus BKS11  Mia und Miss Novice auch unter den NaNoWriMo-Schreibenden sind. Schreibleine los und Ahoi!

Epilog: Ode an die Sonne

Ich hatte viel Spaß bei meinen Entdeckungstouren durch die Gärten von Berlin und London und freue mich, dass ihr mich begleitet habt!

Der Sommer ist nun endgültig vorbei und meine 2. Blog-Saison verabschiedet sich. Wer weiß, was die Winter-Saison noch hervorbringen wird.

Und im Frühling wird es ganz bestimmt wieder grün.

Meine Sonnenblumen möchten sich noch zu Wort melden mit einer

Ode an die Sonne

Du bist das Zentrum

um das wir kreisen

Du lockst uns aus dunkler Tiefe

mit deinem warmen Hauch

wir strecken uns nach Dir

sehnen uns nach Deinem Blick

wir trinken Dein Lächeln

wanken wir auch im Sturm

spüren wir dich hinter Wolken

bist Du uns auch abgewandt

in schwarzer kalter Nacht

vertrauen wir auf deine Wiederkehr

umschirmt in grüner Knospenkammer

weben wir Fäden deines Glanzes

erblühen im schönsten gelben Kleide

als Nachleuchten deines Sommers

Oh Sonne, wir preisen Dich!

Noch ganz grün hinter den Ohren (4. Juli)
Kindheit (7. August)
Die ERSTE Blüte (3. Oktober)

Sturm-und-Drang-Phase unter dem Einfluss von Orkan Xavier (5. Oktober),       die größte und stärkste Blume knickt um.

Nach stürmischen Zeiten öffnen sich weitere Blüten (7. Oktober)
Noch hübsch verpackt (16. Oktober)
Zaghaft ans Licht (16. Oktober)
Sechs Blüten zeigen ihre Schönheit (24. Oktober)
Erinnerung an den Sommer (24. Oktober)

Am Sonntagmittag (29. Oktober) ist Sturm Herwart weiter gezogen und lässt  4 umgeknickte Sonnenblumen in seiner Spur zurück.

Vergänglichkeit ist Teil der Natur. Aber auch die Wiederkehr.

 

Blogparade #BKS11: Wenn ich mir was wünschen dürfte

Der #BKS11 tut es wieder: Nach der Blogparade zum Thema Digitale Einsamkeit nun eine zu „Wenn ich mir was wünschen dürfte…“ im Rahmen des Moduls Lyrik.  Hier geht es zum Gastgeber der #Blogparade.

Mein Beitrag:

wunschfrei

Das Menschlein rief in Pein

bin schlimm dran, ich armes Schwein

habe tausend Wünsche, nichts ist mein

niemals werde ich zufrieden sein

 

Da trat vor ihn eine Fee mit Schwung

wirst alles bekommen, bist noch jung

sag’s nur laut und aus voller Lung‘

folgt auf’s Wort der Wunsch dir zur Erfüllung

 

Das Menschlein rief laut und im Nu

kalte Füße hab ich und Steine im Schuh

kein bisschen Gold steckt in meiner Truh

weder Wein noch Weib wärmen meine Ruh

 

Da tat die Fee ihren Zauber als willige Fron

in samtwarmen Pantoffeln schritt er schon

was er auch anfing, bescherte ihm reichen Lohn

fand Rausch und Braut, hatte bald einen Sohn

 

Und wieder rief das Menschlein in Pein

bin schlimmer dran, ich ärmstes Schwein

habe keine Wünsche mehr, alles ist mein

niemals werde ich zufrieden sein

 

Viel Vergnügen wünsche ich euch auch mit den anderen Beiträge der Blogparade:

Nichts von alledem von Urs Küenzi

wünschen von Mia Nachtschreiberin

Nur ein Wort von Miss Novice

wünsche im stillen von Hedda Lenz

Küchenfees Wunschtraum von Küchenmarie

Wenn ich mir was wünschen dürfte von Doris / Meine Sicht der Welt

Wunschfrei von Christiane / Der Raum in mir

Der gesuchte Wunsch von Ekatarina Glowna

wünschen und erfüllen von Sabine Marx

Ein Tag am Meer von Mo…Saiks Runen

Folge 7: Park Babelsberg – Fürst Pückler versetzt Bäume und bringt Eiscreme in Mode

STANDORT UND BODENVERHÄLTNISSE

An diesem spätsommerlichen Sonntag flaniere ich unter säuselnden Bäumen den geschwungenen Weg an der blau glitzernden Havel entlang Richtung Schloss Babelsberg – die gleiche Idee hatten heute auch hunderte andere Ausflügler.

Fast schüchtern lugt schließlich hell strahlend das neugotische Schloss zwischen Baum und Strauch hervor – aber damit endet die Bescheidenheit auch. Heute will ich mich auf die Spuren von demjenigen begeben, der den Schlosspark maßgeblich gestaltet hat.

Darf ich vorstellen: Hermann Ludwig Heinrich Fürst von Pückler-Muskau (1785-1871) – ich werde ich entgegen der Etikette fortan einfach Fürst Pückler nennen.

Heute ist der letzte Tag der Sonderveranstaltung im Schloss von Wilhelm I. und Augusta (Deutsches Kaiserpaar und Königspaar von Preußen). Nur heute noch öffnen sich exklusiv die Tore ins unsanierte Innenreich für geladene Gäste – zwar habe ich keinen Adelstitel, konnte mir aber durch einen monetären Beitrag dieses Privileg schon am Vorabend dank besonderer Verbindungen sichern (über Gräfin DSL – sie geht in direkter Linie auf Tele Comptesse zurück).

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Um das Schloss hat sich ein ganzer Hofstaat von Parkbewunderern eingefunden, die nun in der Sonne sitzen und standesgemäß Bratwürste und Fürst-Pückler-Eis zu sich nehmen.

Meine Audienz im Schloss ist laut Einladung auf 16:10 Uhr festgelegt. Bis dahin habe ich noch genügend Zeit, die „Plaisure Grounds“ zu bewundern.

BLICKFANG

Direkt vor dem Fenster von Königin Augustas Salon entfaltet sich das Landschaftsgemälde, das Fürst Pückler ihr zu Gefallen entworfen hat. Das opulente Schmuckstück ist die güldene Blumenfontäne auf der Terrasse. Gold wohin ich schaue, sogar zur Begrenzung der Beete.

Die goldene Terrasse mit Blumenfontäne

Den Park auf dem trockenen Sandhügel hatte bereits Peter Joseph Lenné (Generaldirektor der preußischen Gärten) angelegt, sein Wegesystem ist heute noch erhalten, aber wegen Trockenheit gingen die Bäume ebenso wie die Laune der Auftraggeber ein.

Dann schlug 1842 die Stunde für den charmanten Lebemann und chronisch verschuldeten Fürsten Pückler, sich mit seinem Gartenhobby in den Dunst- und Gunstbereich des preußischen Hofs zu begeben.

Fürst Pückler war auf seinen vielen Reisen auch einige Zeit in England und Schottland unterwegs gewesen und hielt seine Eindrücke im Lehrbuch „Andeutungen über Landschaftsgärtnerei“ (1834) fest. Dem englischen Gartenvorbild nacheifernd machte sich Fürst Pückler in Babelsberg ans Werk.

Auf meinem Rundgang durch den Babelsberger Schlosspark begleitet mich das Lebenselixier der Anlage – nämlich das Wasser.

Nicht nur optisch sorgen künstliche Wasserläufe und ein alpin anmutender Wasserfall für lebendige Atmosphäre, sondern auch ganz pragmatisch war die Bewässerung des Parks von existenzieller Bedeutung.

Mithilfe eines Dampfmaschinenhauses wurde das Wasser aus der Havel in einem Rohrleitungssystem in alle Winkel der Grünanlage geleitet.

Dampfmaschinenhaus (1843-44)
Künstlicher See

Ein wichtiges Gestaltungsmittel für den Park waren die Bäume, die in kunstvoller Formation zu Blickachsen gepflanzt wurden und gotischen Arkaden gleichen sollten.

Aber Fürst Pückler war kein Mann von Geduld und er schwelgte in Dramatik – und als er in England zum ersten Mal eine „tree machine“ sah, wusste er, dass er selbst auch einmal Bäume versetzen würde – wobei er die Erfindung der Baumpflanzmaschine natürlich für sich beanspruchte. Und so geschah es im Park Babelsberg.

Anstatt Jungbäume zu pflanzen, grub Pückler einfach riesige Bäume aus der (weiten) Umgebung aus, lud sie auf den Verpflanzungskarren und ließ sie nach Babelsberg schleppen. Hier wurden die Baumriesen dann zusammen mit Tierkadavern (als Dünger) wieder im Boden versenkt. Wie zum Beispiel die Pyramideneichen, die heute noch im Park stehen (fragt mich aber nicht, welche das sind).

Je näher man wieder dem Schloss kommt, desto lieblicher und exotischer werden die Pflanzen und Blumen.

Mein Lieblingsort ist dieses Fest der Farben.

Nun ist es soweit – meine Audienz bricht an. Auch im Innern des Schlosses kann ich die Schönheit des Gartens genießen – und die Fenster rahmen die Landschaft wirklich wie ein Gemälde ein. Wer schaut da schon auf den bröckelnden Putz an der Decke.

Das Herzstück ist der kathedralenartige Raum mit dem gedeckten Tisch – Macht und Pracht werden in Speisen zelebriert (zu gerne würde ich einmal kosten, aber dafür reicht mein Titel nicht aus).

An höfischer Tafel steht der Nachtisch schon zu Beginn als Augenschmaus auf dem Tisch – nur das Sorbet wird nachgeliefert – nämlich von dutzenden von Dienern über einen 300 Meter langen Tunnel aus dem Küchentrakt. Dort befindet sich auch der Eiskeller. Im Winter wurden Eisschollen aus gefrorenen Gewässern gesägt und dort eingelagert. Dank dieses Reservoirs konnte die Hofküche fast ganzjährig Eisleckereien zubereiten.

Ja, und nun sind wir endlich bei der Eiscreme angekommen. Wer von uns kennt nicht das Fürst-Pückler-Eis? Schokolade, Vanille und Erdbeere in sahniger Schichtung.

Wen wundert es noch, dass Fürst Pückler gar nicht der Erfinder dieser Eiskreation war. Fremde Federn stehen ihm auch gut.

Es war der Königlich-Preußische Hofkoch Louis Ferdinand Jungius, der Pückler 1839 in seinem Kochbuch ein dreischichtiges Sahneeis widmete. Hierfür verleihe ich kraft meiner blassblütigen Blog-Würden dem Erfinder Jungius das zuckrige Verdienstkreuz. Hipp hipp hurra!

Fürst Pückler ist ja schon für seine Gartenbaudienste ausreichend von Wilhelm I. und Augusta dekoriert worden.

LITERARISCHE ERNTE

„Alles beinah schafft Geld und Macht, aber kein Crösus und kein Alexander vermögen die tausendjährige Eiche in ihrer Majestät wieder herzustellen, wenn sie einmal gefällt ist… dennoch aber weiche das Einzelne, wo es Not ist, auch hier dem Ganzen.“

Hermann Ludwig Heinrich Fürst von Pückler-Muskau

„Wenn der Park eine zusammengezogene idealisierte Natur ist, so ist der Garten eine ausgedehntere Wohnung.“

Hermann Ludwig Heinrich Fürst von Pückler-Muskau

AM WEGESRAND

Zurück in meinem bürgerlichen Domizil lasse ich meinen Blick über meine Felder schweifen. Meine Radieschen brauchen noch ein wenig Sonne. Vor Kurzem habe ich eine Knolle zur Probe geerntet – klein aber fein!

Fürst Pückler hat mir geraten, größere Exemplare im Nachbarhof Edeka (abstammend von Kaisers) zu erwerben und in meine Erde einzupflanzen. Gibt es eigentlich schon Fürst-Pückler-Riesen-Radieschen?

Arabella-Radieschen-Mini

Folge 6: Infarm am Görli – Salat aus der Vitrine und (keine) Äpfel ohne Sündenfall

STANDORT UND BODENVERHÄLTNISSE

Sturm und Regen haben das Regiment übernommen und die Natur verliert ihr grünes Kleid. Die Ernte ist eingefahren und die Gärten werden winterfest gemacht. Wo finde ich jetzt noch grünes Sprießen?

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In Kreuzberg ticken die Uhren anders. Hier wachsen ganzjährig Salatköpfe in Vitrinen. Vertikales Indoor-Farming. Ein Projekt von zwei Brüdern aus Israel: Hier wächst seit 2014 Gemüse ohne Sonne und Erde, dafür mit LED-Licht, Kokosfasernährboden und ein wenig Wasser. Eine alternative und umweltfreundliche Nahrungsmittelproduktion mitten in der Großstadt mit kurzen Transportwegen zum Verbraucher. Das muss ich mir ansehen!

BLICKFANG

Aber wo versteckt sich das einfallsreiche Start-Up-Unternehmen? Es ist nicht infam zu behaupten, dass INFARM ein Geheimtipp ist. Ich streife die Glogauer Straße am Görlitzer Park entlang und suche nach ihrem Firmenschild.

Im Internet war von einem Hinterhof die Rede, auch von einem Café, in dem man an den Inkubations-Salatblättern knabbern kann. Ich schaue in jede Toreinfahrt – und davon gibt es hier echt viele. Hausnummern – Fehlanzeige.

Also frage ich zwei rauchende junge Männer vor einem Lokal. Infarm haben sie noch nie gehört. Aber Hausnummer 6 müsste dort entlang sein. Also gehe ich hinein, komme durch 2 Hinterhöfe, roter Backstein und schwarze Metallfenster stehen mir abweisend vor Augen. Ich biege um eine Kurve und – tatsächlich, dort sehe ich wie eine Fata Morgana rosa Licht über Grünzeug hinter Glas hervor schimmern. Und dann entdecke ich neben der kleinen Eingangspforte auch ein dezentes Firmenschild.

Ich trete ein und bin in einen großen Raum. An einem lang gestreckten Holztisch mit Bänken davor sitzen eifrige Leute über winzige Notebooks gebeugt, ganz vertieft in ihre Arbeit. Einer macht gerade (Nach-) Mittagspause und isst vom selben Tisch, ein anderen sitzt mit seinem Notebook auf dem Schoß in einer Fensternische. Hier bestellen Pflanzenforscher,  IT-Spezialisten und Zukunftsdesigner ihren Hightech-Acker.

Wie zur Inspiration wuchern unter Rosalicht an der Wand in gewählter Ordnung allerlei Pflanzen (die ich leider auf die Schnelle nicht botanisch einordnen kann).

Ein junger Mann kommt auf mich zu (nach dem Foto aus dem Internet vermute ich, dass es Guy Galonska ist, einer der Gründer), ich erkläre ihm mein Interesse für Gärten und Grünanbau in Berlin. Das Café gibt es leider nicht mehr, hier ist nur der Arbeitsort, sagt er mir freundlich auf Englisch. Ja, ein paar Fotos dürfe ich machen, müsse aber später die Erlaubnis für die Veröffentlichung einholen. Offizielle Fotos könnt ihr hier ansehen.

Damit hat sich das Gespräch für seinen Geschmack erschöpft und er geht. Ich schaue mich noch kurz um, aber zu den Brutkästen im anderen Raum kann ich wohl nicht einfach so gehen. Dann muss eben ein Foto von außen durch die Scheibe reichen.

Die Erzeugnisse von Infarm kann man im Restaurant Good Bank probieren. Das mache ich demnächst auf jeden Fall.

LITERARISCHE ERNTE

Fünf Köpfe bringen einen guten Salat zustande:
Ein Geizhals, der den Essig träufelt,
ein Verschwender, der das Öl gibt,
ein Weiser, der die Kräuter sammelt,
ein Narr, der sie durcheinander rüttelt,
ein Künstler, der den Salat serviert.

Jean Anthelme Brillat-Savarin (1755 – 1826), französischer Schriftsteller, Jurist und Gastronom, Lehrbuch der Gastronomie und Tafelfreuden

AM WEGESRAND

Auf dem Weg zur U-Bahn durchwandere ich den „Görli“ – aber so nett, wie dieser Kosename klingt, ist der Park nicht. Entlang des Zauns auf dem Außengehweg lungern überall Gestalten herum. Auf dem tunnelartigen Zuweg in den Park muss ich an einer Gruppe junger Männer vorbei, die hier Spalier stehen. Alle paar Meter werde ich angesprochen („Wie geht’s“ und „schöne Haare“), ich bin mir nicht sicher, was außer Drogen hier sonst noch angeboten wird. Ich fühle mich sehr unwohl.

Endlich komme ich vom baumbeschatteten „Randgebiet“ des Parks weg. Eine große, sonnenbeschienene Wiese liegt als Mittelstreifen wie eine harmlose Insel zwischen den umgebenden Schattenwelten. Hier sind Spaziergänger, Sportler und viele Kinder mit Begleitpersonen unterwegs. Ich komme an einigen Spielanlagen und sogar einem kleinen Zoo mit Ziegen vorbei.

Der Grund für meinen Besuch sind jedoch die Apfelbäume eines engagierten Bürgerprojekts. Ihr Ziel ist es, den Görlitzer Park vom Drogen-Dorado in einen Gemeinschaftsgarten für die ganze Nachbarschaft zu verwandeln.

Schließlich finde ich auch die Obstbäume, leider sind die Früchte schon geerntet. Das Schild der Baumpflanzer ist mit Graffiti beschmiert, aber die jungen Bäume sind scheinbar unversehrt.

Ein Paradies nach dem Sündenfall?

Der Park mit seinen finsteren Ecken und Lichtblicken hinterlässt einen sehr zwiespältigen Eindruck bei mir.

BiU-topia nach Ende der großen Koalition?

Graue (oder besser gesagt: braune) Stimmung am Montag nach der Wahl. Jetzt ist es Nachmittag und ich gehe nach meinen Sonnenblumen schauen – denn immerhin werden sie bald vom Plakatschatten befreit. Ich denke daran, ein Schild zu ihrem Schutz mit der Bitte um Rücksichtnahme aufzustellen.

Beim Gießen am 18.09.2017

Ich biege um die Kurve und traue meinen Augen nicht: Gähnende Leere auf dem Rondell – das Riesenplakat ist schon weg!

Heute

Ich eile näher – und atme auf – die duldsamen Blumen stehen noch. Allerdings hat es schon wieder die 2 armen Randsteher mit größter Nähe zum Aufsteller getroffen – trotz unübersehbarer Stütze durch zwei Stöcke sind sie von den Plakatabbauern (ob externe Firma oder CDU-ler weiß ich nicht) rücksichtslos niedergetrampelt.

Aber das kennen sie ja schon. Und sie sind wahre Stehauf-Blumen. Ich bohre die Stützstöcke wieder in den sandigen Boden, richte die langen Zarthälse auf und befestige sie mit Grasband an ihren hölzernen Partnern.

Bei meiner 1. Hilfestellung am 10.09.2017
Zu Zeiten der „Großen Koalition“

Die eine Niedergetretene hat nach meiner Aufstehhilfe noch ein geneigtes Köpfchen, aber das wird schon wieder.

Trotz Schatten und kühler Witterung haben die Sonnenblumen in den letzten Wochen einige Knospen hervorgebracht. Selbst die Kleinsten unter ihnen streben ihrer Bestimmung zu.

Die Größte ist mir schon über den Kopf gewachsen.

Die Älteste zeigt schon fast ihr schönes gelbes Blütenkleid.

Jetzt, wo ihre unfreiwillige große Koalition mit dem CDU-Vertreter und mit den Cannabis-Aktivisten in der Opposition beendet ist, kommen sie wieder in den Genuss der Morgen- und Mittagssonne und weniger Fußverkehr.

Wenn ich mir das Rondell so anschaue, sieht es halb wie ein Kuchendiagramm aus. Die Machtverhältnisse und Sitzverteilung in diesem Parlament scheint sich zugunsten der Sonnenblumen verbessert zu haben. Nur wer wird den frei geräumten Raum des Plakats einnehmen? An dieser Stelle kann jetzt jedes („alternative“) Kraut wuchern…

Aber im tiefsten Herzen bin ich doch eine Träumerin und möchte das Rondell – jetzt wo es vom Polit-Schatten befreit ist – umwidmen in eine utopische Insel. Eine Insel der Fantasie.

Mir kommen die Textzeilen aus einer meiner Lieblingsopern – „Don Quichotte“ von Jules Massenet – in den Sinn: Im Sterben liegend macht Don Quijote seinem treuen Gefährten Sancho Panza ein besonderes Geschenk. Zu Beginn ihrer gemeinsamen Reise und ihrer Abenteuer hatte Don Quijote seinem Begleiter als Belohnung eine eigene Insel versprochen.

DON QUICHOTTE
richtet sich mit übermenschlicher Anstrengung auf
Ja! ich war der erste derer, die Gutes säten!
Ich habe für das Recht gekämpft,
ich habe einen guten Krieg geführt!
er fällt zurück… ringt nach Luft
Ach! Sancho…
Sancho, ich habe dir einst
grüne Hügel, Burgen versprochen,
sogar eine blühende Insel…

SANCHO
Es war nur ein Inselchen,
was ich haben wollte!

DON QUICHOTTE
Nimm deine Insel,
denn es liegt immer noch in meiner Macht,
sie dir zu schenken!
Tiefblaue Wellen brechen sich an ihren Ufern,
sie ist schön, freundlich…
und es ist die Insel der Träume!

DON QUICHOTTE
„Prends cette île qu’il est toujours en mon pouvoir
De te donner!
Un flot azuré bat ses grèves…
Elle est belle, plaisante? et c’est l’île des Rêves!

Und hier ein kleiner Eindruck mit Bild und Ton (Ferruccio Furlanetto als Don Quichotte).