Folge 3: Allmende Kontor – Formenfreiheit auf dem Flugfeld – Krummes Gemüse und Pflanzen aus dem Schuh

STANDORT UND BODENVERHÄLTNISSE

Ich spaziere über die Asphaltbahn des Tempelhofer Feldes mit freiem Blick in alle Richtungen, bunte Drachen flattern am Himmel vor dramatischen Wattewolken und ein Schwarm Lerchen kreist in dunkler Formation über den Wiesen.

Am heutigen Sonntag herrscht reges Treiben – Flaneure, Fahrradfahrer, Jogger, Drachendompteure und Wiesenspieler – alle tummeln sie sich in der Sonne und verlieren sich dabei in der Weite des Feldes.

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Heute zieht es mich zum „Allmende Kontor“ – nicht nur die grüne Gartengemeinschaft, sondern auch eine kulinarische Aktion lockt mich an.

Schon von weitem kann ich die pflanzenumrankten Holzkonstruktionen und Fahnen entdecken, die wie kleine Boote zusammen einen lebendigen Hafen bilden. Es gibt keine Zäune, die wabenartigen Beete bilden wie von selbst gewachsen alle Formen und Launen der menschlichen Natur ab und sind nach außen hin offen.

Im Eingangbereich muss ich über ein Schuhregal schmunzeln – hier sprießt rebellisches Grünzeug aus alten Tretern und sogar aus einem Radio.

Wie der Name „Allmende“ (= Gemeindegut) schon sagt, gehört der Garten der Gemeinschaft, er wurde 2011 von 20 engagierten Gärtnern gegründet und ist seitdem zu einem Verein mit über 500 Mitgärtnerinnen gewachsen.

Die interkulturelle und ökologische Ausrichtung des Gartens lerne ich heute sofort kennen.

Auf dem Dorfplatz stehen Sebastiano, Alessandro und Catja an der Theke und bereiten aus „hässlichen“ Lebensmittel liebevoll Leckereien zu. Es ist eine Aktion gegen Lebensmittelverschwendung – Obst und Gemüse, das nicht dem „Schönheitsideal“ entspricht, ist (oft) unverkäuflich und wird tonnenweise weggeworfen.

Allesandro brutzelt mir einen Kräuterknödel aus geretteten Bio-Zutaten (extra ohne Nüsse für mich) auf einer Herdplatte, die ihren Strom vom Windrad gegenüber bezieht. Ich frage ihn nach seinem Beet und er erzählt mir ein bisschen auf Deutsch und auf Englisch zu seinen Pflanzen und rät mir, was ich zu dieser Jahreszeit noch auf meinem Balkon anbauen könnte (Kohl, Kräuter).

Catja richtet dazu in einer Holzbarke einen Salat aus Gurken, wilden Kräutern und Brombeeren an.

Meine Schwester Leonie ist heute übrigens auch wieder mit dabei (ihr kennt sie schon aus dem Spree-Park). Auf dem Dorfplatz unter dem Zeltdach spielt ein junge Mann mit Gitarre zum Essen auf.

BLICKFANG

Nach der genüsslichen Stärkung erkunde ich den Garten. Kleine Wege führen im Zickzack durch die ulkigen Gärten. Jedes Beet ist individuell gestaltet.

Hier werde ich zum Blütennaschen ermutigt – lecker.

Dort dient eine Badewanne als Pflanzenkübel.

Warum nicht einen Einkaufswagen als Beetbegrenzung benutzen?

Überall sind selbst gezimmerte Sitzgelegenheiten, in den grünen Nischen sitzen die Gärtner und Gäste im entspannten Gespräch – einige verschiedene Sprachen dringen an mein Ohr.

Dort pflegt eine Frau fleißig ihr Beet und tauscht sich mit ihrer Nachbarin über ihre Ernte aus.

Anderswo basteln zwei Männer an der Erweiterung ihres Beets – ich frage sie, wie man hier Gärtner wird, sie erzählen, dass die Beete jedes Jahr neu zugeteilt werden, sie selbst haben ein Spielzeuggeschäft und kümmern sich gemeinschaftlich um ihr Beet.

Übrigens kommen auch Kinder hier auf ihre Kosten: Mitten im Grün steht ein hölzernes Flugzeug und ein Verschlag wie ein Kaufmannsladen verspricht „Flugtickets“. Die Kleinen sind eindeutig in Reiselaune.

LITERARISCHE ERNTE

Was sagt eigentlich Goethe dazu?

Wie ihr vielleicht wisst, war auch Goethe ein großer Gartenreisender, Botaniker und Gärtner.

Die Pflanze gleicht den eigensinnigen Menschen,
von denen man alles erhalten kann,
wenn man sie nach ihrer Art behandelt.
Ein ruhiger Blick
eine stille Konsequenz,
in jeder Jahreszeit,
in jeder Stunde
das ganz Gehörige tun,
wird vielleicht von niemand mehr
als vom Gärtner erwartet.

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

AM WEGESRAND

Auf dem Tempelhofer Feld war gerade „Wiesenmahd“ und die Heuballen versetzen mich sofort zurück in meine Jugendtage auf dem Lande. Ganz klar, dass ich auf einen Heuballen springen muss.

Eilmeldung – Sonnenblumen-Rondell von Wahlplakat annektiert

Karlshorst, 8. August 2017, 22:07 Uhr

Mit der Gießkanne in der Hand nähere ich mich im Dunkeln meinen Zöglingen und erstarre: Ein überdimensionales Wahlplakat ragt mitten aus dem Rondell. Dann eile ich näher und bin erleichtert – die tapferen Sonnenblumen stehen noch unversehrt beieinander und wiegen nervös ihre langen Hälse.

Heute morgen schaue ich mir die Szenerie bei Tageslicht an – nein, es war kein Nachtspuk.

Mein kleines Banner mit dem Bekenntnis zur Sonnenblumenliebe wirkt durch das riesenhafte Plakat erdrückt.

Ich sollte dort ein weiteres Schild aufstellen:

Wahlrecht für Sonnenblumen!

Sie hatten offenbar keine Wahl, ob sie ihr Rondell mit dem Politiker teilen wollen. Jetzt müssen sie aber das Beste aus ihrer Koexistenz machen…

Der ungebetene Mitbewohner lächelt scheinbar wohlwollend auf sie herab – stellt sie aber ziemlich in den Schatten.

Er thront hier erst seit wenigen Stunden – zur Mittagszeit bin ich dort vorbei spaziert und da herrschte noch unschuldiger Sonnenschein – und am selben Abend schon hat jemand dem Anzugträger „Volksverräter“ auf die Stirn geschrieben.

Ich hoffe sehr, dass der Wahlkampf nicht zwischen meinen Sonnenblumen ausgetragen wird. Immerhin steht dort kein AfD-Plakat – das hätte die entmündigten Blumen bestimmt in den Untergrund oder ins Exil getrieben.

Ich muss den Plakataufstellern zugute halten, dass sie die mächtige Konstruktion so im Boden verankert haben, dass die Sonnenblumen davor ihr kleines Reservat behalten haben und auch nicht während der baulichen Maßnahme nieder getrampelt wurden. Rücksichtnahme oder Zufall.

Aber was passiert, wenn die Pflanzen dem Herrn über den Kopf wachsen? Werden sie dann um den selbigen kürzer gemacht?

Hier noch ein kleiner Rückblick:

Erst am Montag nach meiner Rückkehr aus dem Urlaub war ich erleichtert, meine Schützlinge frisch und stolz hochgeschossen wieder zu finden.

Allerdings musste ich schmerzliche Verluste beklagen. Ein Blumenfeind hat 2 Blumen rabiat umgeknickt, für sie kam jede Intensivmaßnahme zu spät. Ein drittes Opfer lag auch am Boden, aber weil der Stiel unverletzt war, konnte ich die Angeschlagene wieder hoch päppeln.

Widerstandsfähige Grüße aus dem Sonnenblumen-Reservat Karlshorst.

Folge 2: London – Olympisches Gemüse und Ophelias Todesblumen

STANDORT UND BODENVERHÄLTNISSE

Wir sind immer noch in London.

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Es ist Nachmittag und ich schaukele in einem Doppeldeckerbus von meinem Hotel bei Earls Court zur Kensington Station – dort gibt es nämlich ein besonderes Gartenprojekt zu bestaunen.

Im Olymp des Gemeinschaftsgartens

Tatsächlich – auf einem Nebengleis des Bahnhofs Olympia liegt ein Obst- und Gemüsegarten, der von Anwohnern bewirtschaftet wird. Bunte Kübel auf dem unwirtlichen Asphalt haben das Areal in einen Garten verwandelt. Hier und dort ragen kleine Bäumchen, Blumen und Früchte hervor.

Leider hält mich auch hier ein Zaun zurück, zwischen den Pflanzen spazieren zu gehen (und vielleicht eine Beere zu kosten?). Ein Schild am Eingang besagt, dass der „Community Kitchen Garden“ Samstags geöffnet ist und man hier Kräuter und Setzlinge kaufen kann. Eine nahrhafte Oase gleich neben den ratternden Zügen. Nur ein bisschen schade, dass gerade keine Gärtner zum Gemüse-Talk da ist.

BLICKFANG

The Phoenix Garden

Ich bin schon öfters im Theaterviertel, dem berühmten Londoner West End, spazieren gegangen, aber diese versteckte Gartenoase entdecke ich (dank vorheriger Internetrecherche) heute zum ersten Mal.

Es ist Mittagszeit und hinter dem Phoenix Theatre und dem Odeon Cinema fällt mein Blick zuerst auf eine helle Mauer mit dem Gartennamen. Auch Zaun und Grünes sehe ich, aber wo geht es hier hinein? Brauche ich etwa wieder Genehmigung und Schlüssel?

Ich gehe am Zaun entlang und tatsächlich, im baumverhangenen Schatten tut sich eine kleine Öffnung auf, durch die Menschen in Anzug und Kostüm oder eher legerem Dress rege hinein strömen – meist mit einem Sandwich oder einer Plastikschale mit Salat in der Hand.

Ich betrete den Garten und fühle mich sofort in eine andere Welt versetzt. Kleine verschlungene Wege führen auf winzige Plätze, wo man sich auf eine Bank oder auf einen Stein umrankt von Zweigen und Blättern setzen kann. Ich folge dem Weg und hinter jeden Biegung taucht eine weitere kleine Überraschungsnische auf.

Obwohl hier viele Menschen sitzen und im Grünen ihr Mittagessen genießen, strahlt der Garten doch etwas Geheimnisvolles und Intimes aus.

Es ist übrigens ein Gemeinschaftsgarten, der von Anwohnern liebevoll gepflegt wird und ökologischen Prinzipien folgt (und von Spenden finanziert wird) und für JEDEN geöffnet ist, der sich nach einer Atempause im Grünen sehnt.

Im hinteren Teil suche ich mir eine Bank im Schatten und genieße einige Brombeeren, die mir der Strauch dahinter großzügig anbietet.

Ein friedlicher und lebendiger Ort.

LITERARISCHE ERNTE

Das letzte Mal habe ich Jane Austen geehrt, aber wenn es um englische Literatur geht, darf einer nicht fehlen:

Was sagt eigentlich William Shakespeare dazu?

In Hamlet windet Ophelia unter einem Weidenbaum am Bach sitzend eine Blumengirlande und sinkt mit ihr hinab ins Wasser und ertrinkt.

„Es neigt ein Weidenbaum sich übern Bach

Und zeigt im klaren Strom sein graues Laub,

Mit welchem sie phantastisch Kränze wand 

Von Hahnfuß, Nesseln, Maßlieb, Kuckucksblumen.“

aus: Hamlet, 4. Aufzug, 7. Szene

Dieses eindrucksvolle Gemälde „Ophelia“ von John Everett Millais habe ich in der Tate Britain bewundert.

Die Verse von Shakespeare und das Gemälde sind ein wunderbares Beispiel dafür, wie Pflanzen in Literatur und Malerei als Symbole eingesetzt werden.

Im Bild von Ophelia könnt ihr folgende symbolträchtige Pflanzen und Blumen entdecken:

Trauerweide – verlassene Liebe

Mohnblume – Schlaf und Tod

Stiefmütterchen – Trauer

Butterblume – Undankbarkeit und Kindlichkeit

Nessel – Schmerz und Kummer

Gänseblume – Unschuld

Rose (pink) – Jugend, Liebe, Schönheit (Ophelia wird von ihrem Bruder „Rose of May“ genannt)

Veilchen (Girlande um Hals) – Treue, Keuschheit und früher Tod

AM WEGESRAND

Nach so viel Melancholie nun noch etwas Heiteres. Die Briten legen viel Wert auf Regeln und Etikette.

So gibt es auch Benimmregeln für Parkbesucher. Im St. James’s Park beim Buckingham Palace ist mir dieses Schild ins Auge gefallen. Dabei hätte ich doch so gerne ein paar Enten über den Rasen gejagt.

Die Entenliebe geht noch weiter. So dürfen im Londoner Untergrund minderjährige Ducklings mit ihrer Entenmutter kostenlos mit der Tube fahren.

London hat die grüne Messlatte also Baumhoch gehängt. Jetzt bin ich gespannt, was mir in Berlin so alles blühen wird.

Folge 1: London – Julia küsst und Mr. Collins wird in den Garten verbannt

STANDORT UND BODENVERHÄLTNISSE

Ich bin für eine Woche in London und halte meine Augen offen für die bekannten und versteckten grünen Oasen. Schließlich ist England in der ganzen Welt berühmt für seine Gärten und London gilt als Keimzelle der Guerilla Gardening-Bewegung.

Come with me…

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Die privaten Nachbarschaftsgärten

Ich habe am Nachmittag in meinem Hotel im Royal Borough of Kensington & Chelsea eingecheckt. Jetzt flaniere ich im Sonnenschein durch die gepflegten Straßen und bewundere die fürstlichen Fassaden. Es ist eine Gegend der Reichen, aber weil sich kaum einer mehr die Grundstückspreise und Mieten leisten kann, ist hier fast jedes Haus ein Hotel. Die Hotelzimmer haben erschwingliche Preise, mit winzigen Kämmerlein, in denen ein Kleiderhaken schon eine Luxusausstattung ist.

Jedes Haus hat ein Souterrain, die tiefliegenden Vorgärten sind mal liebevoll gestaltet, mal minimalistisch genutzt und ganz selten mal auch ein wenig vernachlässigt.

Das Gartenleben spielt sich in den „Garden Squares“ ab, die von allen vier Seiten von Reihenhäusern eingerahmt werden.

Städtebaulich setzte Covent Garden (1777) in Anlehnung an die Renaissance den Grundstein für diese Gartenplätze.

„Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Gestalt des Gartenplatzes vollendet. Das beste Beispiel ist der Bedford Square, der im Jahre 1783 fertig gestellt wurde. Man erkannte damals, dass der private aber zugleich gemeinschaftliche Garten nicht nur die Lebenswelt der Bürger verbesserte, sondern auch die Wirtschaft und die Gesellschaft der Stadt förderte.

Im 19. Jahrhundert wurde der Gartenplatz zu einem charakteristischen Element bei der Erbauung neuer Wohnbezirke. Zur selben Zeit entwickelte sich das Reihenhaus zum wichtigsten Beitrag Großbritanniens zur europäischen Stadtplanung.“

Auf meinem Spaziergang komme ich an einigen dieser Gärten vorbei, aber ich muss mich damit begnügen, durch den Zaun zu lugen. Hier schaue ich in den Nevern Square Garden.

Denn die Gärten sind exklusiv nur den Anwohnern vorbehalten. Schilder machen auf allerlei Regeln aufmerksam und es gibt bürokratische Anforderungen dafür, einen Schlüssel für den Garten zu bekommen.

Die Glücklichen, die sich im Innern tummeln, fühlen sich aber offensichtlich wohl in ihrem privaten Paradies – dem Gemeinschaftsgarten.

Dem Reiz des Verbotenen und des Geheimnisvollen eines solchen Gartens sind seinerzeit schon Julia Roberts und Hugh Grant in „Notting Hill“ erlegen – schaut es euch an – seufz!

Leider bin ich bei Tageslicht hier und weit und breit ist kein augenplinkernder Buchhändler in Sicht.

BLICKFANG

Kew Gardens

Am meinem zweiten Tag führt mich mein Weg in den Königlichen Botanischen Garten (Kew Gardens) im Südwesten von London. Nachdem ich 30 Minuten in der prallen Sonne in der Ticketschlange gebrutzelt habe – ich wusste gar nicht, dass es in England überhaupt einen richtigen Sommer gibt, aber heute ist der Himmel blau und es sind fast 30 Grad Celsius – zieht es mich zuerst in das viktorianische Gewächshaus, das imposant an einem künstlichen See liegt.

Im „Palm House“ (errichtet von 1841-1849) schlägt mir feucht-warme Luft entgegen und ich bewundere allerlei Palmen und Bananen – die früher übrigens auch „Paradiesfeigen“ genannt wurden.

Dann steige ich die gusseiserne Wendeltreppe für den Rundweg unter dem Dach hinauf – und jetzt verstehe ich, warum vor dem Besuch gewarnt wird, wenn man Herz-Kreislauf-Schwierigkeiten hat – mit jeder Stufe nimmt die Wärme zu, bis sie sich oben zu nebliger Hitze staut – eine intensive Erfahrung.

Als ich später wieder in den Sonnenschein trete, sauge ich dankbar den kühlen Luftzug ein.

Der Botanische Garten ist weitläufig und bietet mehr, als ich an einem Tag erkunden kann. Hier möchte ich euch meine Key-Kew-Moments vorstellen.

Bei einem Rundweg in den Baumwipfeln („Treetop Walkway“) rauscht das Blattwerk der altehrwürdigen Bäume um mich herum und wird übertönt von trappelnden Füßen der Schulkindern in Uniform und anderen Besuchern – es erinnert mich daran, dass der Mensch sich zu oft als Herrscher über die Natur aufschwingt.

Im außergewöhnlichen Kunstwerk „The Hive“ hat ein Mensch versucht, die Natur zu imitieren: Ein begehbares Gerüst aus Glas und Aluminium mit Sound- und Lichtinstallation rekonstruiert die geheimnisvollen Flugwege der Bienen, man soll sich wie in einem Bienenstock fühlen.

Beim Herangehen sieht die Konstruktion wie eine Simulation eines Tornados aus, der sein Zentrum verloren hat.

Ich stehe in der Mitte und sehe durch Glas den Boden mit dunklen Menschenschatten unter mir und den Himmel über mir.

Die Metallstäbe vermitteln ein rätselhaftes Chaos. Die Welt der Bienen scheint mir unergründlich und wunderbar.

Richtig naturverbunden wird mir am See zumute – hier sitze ich auf einer Bank im Schatten und beobachte die Entenfamilien mit ihrem putzigen Nachwuchs.

Im Kew Palace fühle ich mich in die Zeit von Jane Austen zurück versetzt – an der Tür steht eine zierliche Frau im historischen Kostüm und in den Innenräumen erklärt mir ein junger „Footman“, wie bequem seine Garderobe mit den langen Rockschößen und weiß bestrumpften Waden sei.

Meine Schwester Dorit auf Zeitreise

Hier lebten King George III (der sich sehr für Landwirtschaft interessierte und von manchen Zeitgenossen als „Farmer“ verlacht wurde) mit seiner Ehefrau Charlotte bis 1818 und ihren 15 (!) Kindern.

Faszinierend ist der Kräutergarten des Palasts. Hier lerne ich, dass Kräuter nicht nur zur Herstellung heilender Elixiere verwendet wurden, sondern auch in Zeiten der Pest und anderer Seuchen in die Kleidung eingenäht wurden, weil die Menschen meinten, manche Kräutergerüche hielten die Krankheiten fern.

In abendlicher Stimmung zurück beim Palm House entdecke ich am Ufer mein neues Lieblingsgewächs:

Die Mammutblatt-Pflanze (Gunnera manicata). Ich komme mir wie Däumelinchen in Andersens Märchen vor, die aus einer Blüte geboren wird und später auf einem Seerosenblatt auf Reisen geht – allerdings fühlen sich die Mammutblätter ziemlich stachelig für eine Behausung an.

Die Pflanze stammt ursprünglich aus Südamerika (Chile). Dort werden die kräftigen Blätter übrigens als Regenschirme verwendet. Kein Wunder, dass die Engländer sie auf ihre Insel importiert haben.

LITERARISCHE ERNTE

Was sagt eigentlich Jane Austen dazu?

Gärten spielen in den Romanen von Jane Austen eine wichtige Rolle. So macht während eines Spaziergangs im Grünen Mr. Darcy in „Pride and Prejudice“ Elisabeth seinen 2. Heiratsantrag, den sie nun endlich annimmt.

Aber ein Garten ist auch praktisch, wenn man seinen nervtötenden Ehemann aus dem Haus haben will. So vertraut Charlotte, die kürzlich den Pfarrer Mr. Collins geheiratet hat, ihrer Freundin Elisabeth an:

„I encourage him to be in his garden as often as possible. Then he has to walk to Rosings nearly every day. … I admit I encourage him in that also.”

AM WEGESRAND

Gartenliebe

Zum Ausklang hier noch ein Garten, mit einem Manifest für die Liebe (und gegen den Kapitalismus). Ich habe ihn beim Spazierengehen in einer Straßen in Kensington (bei Earls Court) entdeckt.

„LOVE MORE Love is wealth“

To be continued…

Folge 0.1: Sonnensprösslinge und eine geheimnisvolle Einladung

Ich habe freudige Nachrichten für euch: Es haben sich tatsächlich einige zarte grüne Köpfchen aus der Erde geschoben. Zuerst konnte ich es am Samstagabend im Dämmerlicht nicht glauben – „Das ist bestimmt wildes Kraut“, habe ich gedacht.

Aber am Sonntag gehe ich wieder zu meinem Rondell und tatsächlich – zwischen den Pferdeäpfeln recken sich einige (mit dem Zählen tue ich mich schwer, aber es sind 5-8) Sprösslinge mit grün-rötlichem Stiel und einem Doppelblatt hervor – sie sind die Einzigen ihrer Art auf dem Terrain, können es meine Sonnenblumen sein?

Und noch etwas fällt mir in den Blick: Ein Zettel liegt am Rand des Rondells. Darauf steht: „Join uns for a bite – Fra F SL“. Eine Einladung zum Essen?

Hat bestimmt jemand von den Bahnhofgängern hier verloren. Ich mache aus einem Impuls heraus ein Fotos davon, dann bricht plötzlich ein Wolkenbruch herunter und ich rette mich unter das Glasdach der Fahrradständer. Ich vertreibe mir die Wartezeit mit dem Ansehen meiner Fotos.

Auf dem Zettel entdecke ich unter der Schrift noch eine Zeichnung von einem Haus mit Kreuzmarkierung (das Haus gegenüber ist doch noch im Bau oder wohnt da schon jemand?) und einer Blume, die gerade begossen wird. Hat mich jemand auf meinen Gieß-Gängen an 3 Abenden der letzten Woche gesehen? Ist die Nachricht vielleicht an mich gerichtet?

Als der Regenguss vorbei ist, gehe ich den Zettel holen (vielleicht steht noch etwas auf der Rückseite) – aber die Schrift ist verlaufen und kaum noch zu lesen.

Ein rätselhafter und ein bisschen zauberhafter Fund!

Wieder zuhause schaue ich im Internet nach Bildern von Sonnenblumensprösslingen. Sieht doch genauso aus, oder? Was sagt ihr dazu?

Motiviert von diesem Wunder der Natur beschließe ich, meinen Balkon in eine kleine Aufzuchtstation zu verwandeln und meine restlichen Sonnenblumensamen ins Leben zu schicken.

In meinem Keller habe ich Blumenkästen meiner Vormieterin entdeckt, die zwar nach Kellerschimmel riechen, aber nach einem Schaumbad in meiner Dusche wieder frisch für ihren Einsatz sind.

Hier also die „Nachzügler“ meiner kleinen Sonnenblumenfamilie – wenn sie groß genug sind, werde ich sie zu ihren Geschwistern auf das Rondell bringen und miteinander bekannt machen.

Am heutigen Montagmorgen wird die Aktivistin in mir wach und ich bastele ein kleines Transparent und stecke es zu meinen Schützlingen in die Erde. Ich hoffe, es sorgt dafür, dass niemand auf ihnen herum trampelt.

Und die Träumerin in mir hofft, dass vielleicht ein geheimnisvoller Dialog mit anderen Sonnenblumenliebhabern entsteht…

Folge 0: Prolog – Grüne Fee mit zwei linken Daumen

Willkommen zur 2. Saison auf meinem Blog. Passend zum Sommer gehe ich in Berlin auf Entdeckungsreise zu Gärten aller Art.

#Botanischer Garten #Obstgarten #urban gardening #Dachgarten

#guerilla gardening #Schrebergarten #Philosophischer Garten

#Geheimer Garten #Kräutergarten #Gemeinschaftsgarten

Bin gespannt, wo mich mein Weg überall hinführt. Ich freue mich, wenn ihr mich begleitet.

Mit diesem Prolog sollen jedoch nicht nur Worte die Saat für eine blühende Blog-Saison sein, sondern ich habe echte Samen meiner Lieblingsblume – der Sonnenblume – gesät und bin ab heute eine taufrische Guerilla Gärtnerin.

Mein kleines Abenteuer möchte ich euch in phänologischen Phasen erzählen – ein bisschen Botanik kann nicht schaden – insbesondere, da ich selbst überhaupt keine Ahnung davon habe.

Vorfrühling

Als Kind habe ich im elterlichen Garten Unkraut gejätet und noch lieber in großen Mengen Johannisbeeren geerntet und verspeist. Das ist mein ganzer Erfahrungsschatz.

Ach ja, Zimmerpflanzen brauchen unter meiner Pflege einen starken Überlebenswillen.

Erstfrühling

Heute habe ich mich auf meinen neuen Lebensabschnitt als Guerilla Gärtnerin vorbereitet.

Ich habe Saatgut und eine kleine Gartenschaufel gekauft (bei Rossmann – gibt es etwas, was  man in diesem Laden nicht bekommt?). Gießkanne und Eimer habe ich schon.

Ich habe die Aussaatbeschreibung auf den Samentüten eingehend studiert und bin bereit für große Taten. Ende Juni ist zwar ein wenig spät, aber da drücken die Sonnenblumen hoffentlich ein Auge zu.

Jetzt fehlt mir nur noch ein Fleckchen Erde für mein Gartenprojekt. Für Guerilla Gardening brauche ich eine brachliegende Fläche im öffentlichen Raum und meine Bepflanzung soll möglichst auch andere Menschen erfreuen.

Mein Beet habe ich schon vor einigen Wochen fest ins Auge gefasst: Ein trostloses Rondell beim Ausgang der S-Bahnstation Karlshorst, gegenüber ist eine Baustelle, drumherum parken oft Autos und viele Menschen gehen vorbei. Seit ein paar Wochen hat die Sonne einige wilde Blumen hervor gelockt.

Aber wie schön wäre es, wenn in dieser wilden Ödnis im Herbst Sonnenblumen ranken würden?

Ich werde es hier versuchen.

Der Boden auf dieser Insel ist ziemlich sandig. Damit meine Sonnenblumensamen besser aufgehen, möchte ich sie in einigermaßen fruchtbare Erde betten – die werde ich mir in der Natur holen.

Vollfrühling

Mein Fahrrad hat sich sehr gefreut, als ich es aus seinem langen Winterschlaf im Keller geweckt und eine Tour durch die nahe Wuhlheide gemacht habe.

Hier habe ich zu einer Zaubermischung verschiedene Erdsorten gesammelt.

Erde aus schattigem Dickicht, Erde aus einem kleinen Teich – wenn hier nachts nicht sogar ein Wassermann und kleine Meerjungfrauen an die Oberfläche kommen – und sogar saftige Pferdeäpfel sind mir auf dem Weg vor die Reifen gekullert.

Frühsommer

Inzwischen ist es kurz nach 19 Uhr, die Sonne brennt nicht mehr so nieder und gerade strömen Heimkehrer aus dem Regionalexpress zu ihren Autos und Häusern. Sobald der Trubel sich gelegt hat, schreite ich zur Tat.

Zuerst säubere ich das Rondell vom Müll.

Dann verteile ich meinen (kleinen) Eimer Zaubererde in der Mitte und begieße die dunkelbraunen Brocken, in denen schon eifrig Insekten krabbeln.

Auch in den sandigen Bereich um meinen Erdkreis versenke ich einige Samen. Wobei ich die Abstände von 50 cm pro 2-facher Samenstärke nicht einhalte (ich setze sie dichter).

Aber ich vertraue auf die Worte von Jeff Goldblum in Jurassic Park: „Das Leben findet einen Weg“.

Ich hoffe nur, meine Sonnenblumen mutieren nicht zu Karnivoren.

Vorschau: Hochsommer

Ich werde in den nächsten Wochen regelmäßig mit meiner Gießkanne vorbei gehen und schauen, ob dort Grünes aus der Erde klettert. Ich halte euch auf dem Laufenden.

Blogparade #bks11: Digitale Einsamkeit – Papagena im Netz

Das Finale! Der BKS-Jahrgang 11 schließt sein Blog-Projekt mit einer Blogparade ab! In dem Beitrag werden alle Wörter eingebaut, die in der Wortwolke stehen. Die Blogparade startet ab sofort und endet am 11. Juni. Source: Blogparade #bks11: Digitale Einsamkeit

Papagena im Netz

Ich arme Spielerin

trage mein Herz in meinen Augen

gebannt auf schwarzem Bildschirm

mein Berührungsbildschirm

Horst-hot-hot-hot folgt dir jetzt

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poor player

scream

Folge mir, dann folge ich dir

post, klick, post, klick

ich zähle meine follower

Daumen hoch, Stimmungshoch

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Du bist jetzt mit LMacBeth befreundet

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scream

Berühre mich, dann berühre ich dich

ein date im Schattenwald

mit Schattengestalten

im digitalen Dickicht

Vogelfänger1791 lädt dich ein, seine Seite mit „gefällt mir“ zu markieren

BigBang gefällt das

SPAM Postfach: 82 neue Nachrichten

Update, refresh, recharge

touch my screen

poor player

scream

Sei mein Spiegel, mein Spiegel sei du

Buchstaben sind meine Boten

saugen mich ein, saugen mich aus

shitstorm die große Schreibfreiheit

Tim011101 gefällt das

Sieh mich!

hör mich!

post, post, klick, post, post, klick

Herz im Schatten

berühre mich!

post, post, klick, post, post, klick

fang mich!

Datendarling

sei mein Echo nach dem escape button

Logout

Login

_________

 

Hier das Line-Up der BKS11-Parade (wird laufend ergänzt):

Das verlorene Spiegelbild“ von Mia.Nachtschreiberin

„Zwei Einsamkeiten“ von Hedda Lenz

„Planet Romeo (ein Prequel)“ von Urs Kuenzi

Zwischengang mit Abgesang – Elisabeth zu zweit im Netz“ von der Küchenmarie

„Was ist eine Blogparade?“ von Nikolaus W. Ledermann

„Seelenflucht“ von Feodora Blaubart

„Brennen, allein“ von Miss Amy Novice

„Netzraum“ im Raum in mir

„Gestrandet zwischen 0 &1“ bei Mo…Saiks Runen

Woche 12: Abhörstation Teufelsberg – Künstlerkolonie und zeitloses Echo

Warum hier:

Ich kenne die weißen Radarkuppeln der verlassenen Abhörstation bisher nur von Bildern – aber ihre mysteriöse Aura, der Geist der Vergangenheit und die künstlerische Schaffenskraft der Gegenwart ziehen mich magisch an.

In Zeiten des Kalten Kriegs hatten die Amerikaner (NSA) und Briten auf dem Trümmerberg (passend zum nahen See bald „Teufelsberg“ genannt) eine „Field Station“ errichtet und spionierten mit Radarantennen in 4 Radomen jahrzehntelang (ab 1955 bis 1990) den Funkverkehr der DDR und der UDSSR aus.

1992 gaben die Amerikaner das Gelände auf und es folgten wechselhafte Zeiten. Die Pläne von Privatinvestoren für eine Luxusanlage scheiterten. Das Areal wurde als „Lost Place“ ein Pilgerort für Abenteurer und Künstler und blieb auch nicht von Vandalen und Dieben verschont. Jetzt wird der Ort von einer Künstlerkolonie belebt und kann in geregelter Form besucht werden.

Heute mache ich mich also auf Entdeckungsreise in den Grunewald und möchte herausfinden, wie viel von Himmel und Hölle ich heute noch auf dem Trümmerberg finde.

Zur Einstimmung:

„Der Televisor war gleichzeitig Empfangs- und Sendegerät. Jedes von Winston verursachte Geräusch, das über ein ganz leises Flüstern hinausging, wurde von ihm registriert. Außerdem konnte Winston, solange er in dem von der Metallplatte beherrschten Sichtfeld blieb, nicht nur gehört, sondern auch gesehen werden. Es bestand natürlich keine Möglichkeit festzustellen, ob man in einem gegebenen Augenblick gerade überwacht wurde. Wie oft und nach welchem System die Gedankenpolizei sich in einen Privatapparat einschaltete, blieb der Mutmaßung überlassen. (…)

Nun war er im Begriff, ein Tagebuch anzulegen. Das war nicht illegal (nichts war illegal, da es ja keine Gesetze mehr gab), aber falls es herauskam, war er so gut wie sicher, daß es mit dem Tode oder zumindest fünfundzwanzig Jahren Zwangsarbeitslager geahndet werden würde. (…)

Tatsächlich war er nicht mehr gewöhnt, mit der Hand zu schreiben. Abgesehen von ganz kurzen Notizen war es üblich, alles in den Sprechschreiber zu diktieren, aber das war natürlich in diesem Fall unmöglich. (…)

Der erste Federstrich über das Papier war die entscheidende Handlung. In kleinen unbeholfenen Buchstaben schrieb er: 4. April 1984.

Er lehnte sich zurück. Ein Gefühl völliger Hilflosigkeit hatte sich seiner bemächtigt. Zunächst einmal war er sich durchaus nicht sicher, daß jetzt wirklich das Jahr 1984 war.“

Aus: „1984“ von George Orwell

Der Ort:

Heute (Freitag) ist der bisher heißeste Tag des Jahres in Berlin (30°C) und ich wandere auf der Teufelsseechaussee durch den Grunewald – von der S-Bahnstation Heerstraße sollen es laut Google Maps nur 2,6 km bis zu meinem Ziel sein, aber ich habe mich verlaufen. Was auch daran liegt, dass nirgendwo ein Schild auf die Abhörstation verweist. Geheimhaltung ist wohl auch heute noch die Losung. Irgendwann stoße ich auf den „Drachenfliegerweg“. Vor mir schlängelt sich der Weg ins Grüne, ich sehe nichts als Bäume.

Also kraxele ich den künstlichen Drachenberg (kleiner Teufelsberg) hinauf und auf dem Plateau habe ich freie Sicht in alle Richtungen. Ich stehe hier auf einigen Millionen Kubikmetern Trümmerschutt aus dem 2. Weltkrieg, darunter begraben liegt noch das Fundament für ein größenwahnsinniges Bauprojekt der Nazis. Heute ist der Berg ein Freizeitgelände. Junge Leute liegen in der Sonne und Teenager lassen Segelflieger steigen.

Süd-westlich vor mir erheben sich auf dem Teufelsberg weiß in der Sonne schimmernd die fast sakral anmutenden Radar-Kuppeln wie Himmelskörper.

Jetzt kenne ich die Richtung und gelange über eine Treppe zurück auf den Waldweg. Später wieder Weggabelungen ohne Schilder, ich frage zwei Mädchen, sie deuten mir einen kleinen Pfad, wenn ich am umgestürzten Baum vorbei käme, sei ich richtig. Dann endlich treffe ich auf einen dreifachen Zaun mit Stacheldraht.

Ein schwarzer Pitbull springt mir entgegen und leckt an meinem Bein – kein Wachhund, er gehört zu Spaziergängern. Diesmal habe ich ein Ticket in der Tasche und gehe am Zaun entlang auf der Suche nach dem regulären Zugang.

Schließlich finde ich (gegen 17 Uhr) den Eingang. Ein junger Künstler-Typ mit rot-blonden Locken und von Alkoholdunst umgeben, heißt mich willkommen und erklärt mir lachend, von Hinweisschildern würden sie nichts halten, der Ort sei aus Tradition geheim. An einem Kontrollpunkt mit Flair einer Pirateninsel schaut sich ein entspannter Jüngling mit Rasterlocken mein Ticket (für eine „Stille Begehung“) an und ich trage mich in eine Gästeliste ein – vor mir waren heute schon Besucher aus Québec, Paris und Potsdam hier.

Auf dem Gelände haben die Künstler überall ihre Spuren hinterlassen. Mal sehe ich Gerätschaften und Utensilien für eine Arbeit in ihrer Entstehung, dann fällt mein Blick auf eine Serie klobiger TV-Geräte, auf deren blinde Scheiben ein Künstler in Neonfarben Wahrzeichen Berlins gemalt hat.

Ich gehe um eine Wegbiegung und vor mir liegt eine Art Dorfplatz am Fuße des Hauptgebäudes – hier sitzen viele Leute gesellig zusammen, eine Holzkonstruktion dient als Bar und Liegestühle und Sessel laden zum Verweilen ein.

Die meisten hier sind Männer mit langen Haaren und Bärten, einer von ihnen spricht mich freundlich an und erklärt mir, wo ich mir was anschauen kann. Ich frage ihn, ob er schon lange hier wohnt. Er zögert. Ich formuliere um: „lebt und arbeitet“, woraufhin er mit „seit 3 Jahren“ antwortet. Ich fühle mich hier als Gast in dieser kleinen Welt, nicht wie eine Touristin.

Ich schaue mich weiter um, gehe hier und dort hinein. In den flachen, bunkerartigen Nebengebäuden wirkt alles wie im Rohbau, Kabel hängen aus den Decken. Die Räume sind als Atelier oder als Ausstellungsraum genutzt.

Ein großer offener Raum mit Sofas dient offenbar als Gemeinschaftswohnzimmer der Bewohner.

Im Außenbereich sind auch einige Spuren von Verwahrlosung und Zerstörung sichtbar. Neben einem blauen Dixiklo liegt ein Haufen Plastikteile mit Audiokassetten (Abhörbänder?). Ich bin mir nicht sicher, ob das auch Kunst ist.

Ins Hauptgebäude mit dem Trio der höchsten Radome auf dem Dach führt eine knallig bunte Außentreppe. Auf 3 Etagen des skelettartigen Baus sind die halb abgerissenen Mauern mit monumentalen Graffiti gestaltet.

Hier mischen sich werkelnde Künstler mit den zahlreichen Besuchern. Ich sage mal zu allen „Hallo“, weiß nicht so genau, wer hier Bewohner und wer Besucher ist (Letztere outen sich allerdings mit Kamera um den Hals, so wie ich).

Dann endlich trete ich auf das riesige Flachdach in Sonnenschein und Wind. Erhaben und geheimnisvoll wölben sich die Kuppeln über meinem Kopf.

Ich trete ins Innere einer Kugel, eine kleine kreisrunde Erhöhung markiert die Mitte wie in einer Zirkusmanege, rundum spannt sich die weiße Plane um die Stahlkonstruktion wie ein Erdballon auf.

Der weiße Stoff wurde zur Leinwand der farblichen Gestaltung und hat im unteren Bereich viele Löcher, die im Gegenlicht manchmal Formen und Figuren annehmen. Der Wind lässt die Bespannung flattern und bringt sie zum klingen.

In der Mitte reckt sich ein mehrstöckiger schmaler Turm mit der höchsten Kuppel empor. Ich gehe die Treppen ein Stück hinauf, dann wird der Weg finster und ich kehre um.

Ich spaziere eine Weile auf dem Dach umher und genieße den Weitblick – in einer Richtung wogt ein Meer von Bäumen, in der anderen die Zivilisationslandschaft mit ihren Dächern, Schornsteinen und Türmen.

Dann setze ich mich auf den Boden, lehne meinen Rücken gegen eine der warmen Holzpaletten, die hier als Geländer dienen, und hole meinen Schreibblock hervor.

Ich denke an den Kriegstrümmerhaufen unter mir und die ehemals fensterlosen Räume, in denen Tausende von Menschen einer eintönigen Geheimtätigkeit nachgehen mussten, Wächter und Gefangene zugleich.

Blick auf den Trümmerberg „Drachenberg“

Aber von diesen Geistern spüre ich im Moment nichts mehr. Der Ort ist verwandelt worden, befreit von Dunkelheit und Farblosigkeit. Jetzt fluten Licht, Farben und Wind durch die Räume und Kreativität und Lebenslust schwingen umher wie die Schmetterlinge, die ich vor mir in der Abendsonne tanzen sehe. Selbst die Seiten meines Blocks werden vom Wind umgeblättert.

Ich kann denken, sprechen und schreiben, ohne befürchten zu müssen, von einer Orwellschen „Gedankenpolizei“ bestraft zu werden.

Im Westen sinkt die Sonne und im Osten ziehen graue Wolken wie ein Schleier über die Silhouette der Stadt.

Ich würde hier am liebsten noch länger sitzen bleiben, aber ich denke an meine Rückwanderung durch den Grunewald und verlasse schließlich die magische Dachterrasse.

Kurz vor dem Tor kommt mir der rot-blond-gelockte Bohemien entgegen und fragt, ob ich alles gesehen hätte, auch ganz oben? Ich verneine. Kann man da hoch? Im Dunkeln? Man brauche eine Taschenlampe, er will mir eine holen. Wenig später kommt er wieder und gibt mir ein metallenes Monstrum aus dem vorigen Jahrhundert mit großer Leuchtkraft. „Die heißt Robert“, teilt er mir noch mit.

Also spurte ich wieder zurück zum Hauptgebäude und alle Treppen hoch auf die Terrasse, dann in den Turm, hier wieder Treppen, eng und dunkel, aber mit der Taschenlampe namens Robert finde ich meinen Weg.

Schwer atmend betrete ich die düstere Kuppel („dome“), nur eine kleine Öffnung lässt Licht herein – und höre sofort unheimliche Geräusche – dann merke ich, dass es das Echo meines eigenen Atems ist. Die Akustik des Raums ist unbeschreiblich. Vogelschreie von draußen, Stimmen, Flüstern und Schritte von drinnen – alles verbindet sich zu einer surrealen Geräuschkulisse.

Auf der Innenseite der Kuppel ragen düster zwei männliche Gestalten mit strengen Gesichtszügen und ausgebreiteten Armen über mir – jetzt muss ich sofort an Orwells „Big Brother“ denken.

„Auf jedem Treppenabsatz starrte ihn gegenüber dem Liftschacht das Plakat mit dem riesigen Gesicht an. Es gehörte zu den Bildnissen, die so gemalt sind, daß einen die Augen überallhin verfolgen. »Der Große Bruder sieht dich!« lautete die Schlagzeile darunter.“

Aus: „1984“ von George Orwell

Auf meinem Weg nach unten kommen mir die Bemalungen im Treppenhaus gleich viel bedrohlicher vor. So habe ich am Ende doch noch die Beklemmung einer Überwachung spüren können.

In heutigen Zeiten, wo selbst Kinderpuppen gehackt und zur Überwachung eingesetzt werden können, scheint mir die Orwellsche Dystopie doch nicht so fern.

Das gewisse Extra:

Die Akustik in der Kuppel lässt Musik so klingen:

DoubtingThomas – Field Station Berlin Teufelsberg

Meine Sterne-Wertung für den Schreibort:

Produktivität („wordcount“)

★★★★☆

Inspiration

★★★★★

Teufels-Echo-im-Künstler-Himmel-Faktor

★★★★★

Woche 11: Spreepark – Vom stillen Riesenrad und grenzenlosen Zäunen

Warum hier:

Der verlassene Spreepark lockt mich schon seit Langem mit seinem Riesenrad, das geheimnisvoll beim Treptower Park über die Baumwipfel lugt. Der Vergnügungspark liegt heute hinter einem Zaun in einem Dornröschenschlaf. Für mich hält er den Zauber meiner Kindheit – es sind nicht die Fahrgeschäfte, sondern die Entdeckungsfreude und der Optimismus, mich in eine unbekannte Umgebung zu wagen und mich in meiner Fantasie wie die Heldinnen und Helden aus den Romanen meiner Kindertage zu fühlen.

Wie Winnetou und Old Shatterhand in der Prärie umher schleichen oder wie Momo und Gigi Fremdenführer im alten Amphitheater ferne Welten imaginieren.

Zur Einstimmung:

Die ganze Welt ist eine große Geschichte, und wir spielen darin mit.“

Aus „Momo“ von Michael Ende

Der Ort:

Im Schatten der Bäume spaziere ich mit meiner jüngeren Schwester Leonie in Richtung Riesenrad – wir können es von hier aus nicht sehen, aber ich versichere ihr, dass es ganz bestimmt da ist.

Vor uns taucht ein stabiler Metallzaun auf. In regelmäßigen Abständen warnen Schilder vor dem unbefugten Betreten und drohen Verfolgung durch Hunde und Strafgerichte an – vor den Hunden fürchte ich mich mehr. Aber als echte Indianerin will ich mich jeder Mutprobe stellen. Also gehen wir auf dem Spazierweg am Zaun entlang. Bald funkelt links von uns das Spreewasser, auf dem Boote schaukeln. Viele Radfahrer und Spaziergänger drehen auf dem Uferweg ihre Runden.

Durch den Zaun kann ich ein rot-gelbes Zelt sehen, dann einen kleinen hölzerner Bahnhof mit Uhr. Dichtes Gras wuchert über die schmalen Gleise, auf denen schon lange keine Bimmelbahn mehr gefahren ist.

Bestens instand gehalten ist jedoch der Zaun. Am Boden sind an vielen Stellen Betonschwellen und Stahlstifte mit Draht von innen angebracht, um ein Untergraben des Zauns zu verhindern.

Hier gibt es kein Durchkommen. Auch die Bäume nehmen wir genau in Augenschein – hier und da könnte ein Stamm und ein Ast das Herüberklettern ermöglichen, aber die Metallspitzen auf dem oberen Rand haben einiges Verletzungspotenzial – das Risiko ist uns zu groß.

Aber so schnell geben wir nicht auf. Und schließlich sehen wir das Riesenrad durch den Zaun, wie es in stiller Würde einen perfekten Kreis in den Himmel malt.

Wir haben das Gelände schon fast umrundet und sind auf dem Rückweg, als Leonie eine Stelle mit weichem Erdboden am Zaun entdeckt und zunächst spielerisch mit Stock und Fuß eine kleine Mulde gräbt.

„Aber da passen wir nie und nimmer durch“, sage ich.

„Wenn der Kopf durchpasst, dann geht auch der Rest des Körpers durch. Das hat ja auch schon bei unserer Geburt geklappt“, sagt Leonie. Und sie vermisst prompt mit ihrem Stock die Mulde und meinen Kopf – passt.

Ich halte entgegen, dass sich meine Körpermaße seit meiner Geburt nicht nur absolut, sondern auch proportional verändert hätten.

Aber sind wir nicht Mitspielerinnen in einem Abenteuerroman? Wer kann schon sagen, ob die nachfolgende Erzählung Fiktion oder Realität ist? Gigi Fremdenführer wird sie sicherlich gefallen.

Bevor noch mehr Spaziergänger neugierig unsere Grabungsarbeiten begutachten und ein selbsternannter Ordnungshüter auftaucht, lege ich mich kurzentschlossen auf den Boden und schiebe meinen Kopf mit zusammengekniffenen Augen unter dem Metallrand des Zauns hindurch (eine Erdbehandlung für meine Haare inklusive) – und tatsächlich, auch Oberkörper und Beine kann ich mit Luftanhalten unter dem Zaun durch quetschen. Auch Leonie gelingt die enge Passage – ganz ohne Hebamme.

Wir suchen erst mal Deckung in einem nahen Betonschuppen, hier begrüßt uns ein toter Vogel. Dann pirschen wir weiter Richtung Riesenrad, müssen aber an einem Verwaltungshaus in der Mitte vorbei, dort steht ein kleines Auto vor der Tür. Plötzlich kommt ein mächtiger Typ ganz in Schwarz um die Ecke: „Security“. Wir hechten hinter die nächste Hauswand. Hoffentlich hat er uns nicht gesehen.

Mit einigem Herzklopfen tasten wir uns weiter ins Gelände vor, zwischen den Bäumen hindurch und stoßen dann auf die Bahngleise. In bester Westernmanier folgen wir den Gleisen, jetzt können wir im Laufschritt voran kommen und bald finden wir Sichtschutz vor dem gefürchteten Sicherheitsmann. An die Hunde wollen wir jetzt nicht denken.

Vor uns erhebt sich das herrliche Riesenrad – es steht still wie die Zeit – umgeben von einem ausgetrockneten See. Ein längliches Holzschiff mit frech aufgerolltem Bug ruht von seinen Abenteuerfahrten aus.

Am Ufer des Sees erhebt sich eine bunte Häuserzeile – ein Geisterdorf, das uns ganz alleine gehört. Dort hängt eine Brezel über der Tür – vielleicht war hier früher eine Bäckerei… Hier könnten wir Kaufmannsladen spielen.

Ich fühle mich zurück versetzt in meine Kindheit – das Spielen mit meinem Schwestern, bei dem jeder Ort in etwas Magisches verwandelt werden konnte und Raum und Zeit den Regeln unserer Fantasie folgten.

Gerne würde ich hier länger bleiben und jeden Winkel dieser abgeblätterten Zauberwelt erkunden, aber eine atemlose Unruhe schwingt immer mit. Jeden Moment könnten wir entdeckt werden. Aber auch dieses Gefühl von ominöser Gefahr und Vergänglichkeit des Spiels macht seinen besonderen Reiz aus.

Schließlich treten wir den Rückzug über die Gleise an.

Was ich von diesem abenteuerlichen Ausflug mit nach Hause nehme, ist mehr, als die Erde in den Gesäßtaschen meiner Jeans. Es sind diese Eindrücke von Selbstüberwindung und Wunscherfüllung.

Oft geht es mir so, dass ich in meiner Fantasie und insbesondere auch beim Schreiben Orte erkunden und erschaffen kann, die für mich körperlich nicht erreichbar sind. Schreibend kann ich jede Begrenzung überwinden (außer im paradiesischen Schreibland geht ein böser Zauber namens Schreibblockade um).

Heute habe ich es mal umgekehrt gemacht und mich den physischen Grenzen eines realen Ortes gestellt. Diese Sinneseindrücke und die Expedition ins Unbekannte sind Dinge, die ich auf mein Schreiben übertragen möchte. Auch in meiner imaginären Welt möchte ich Neuland entdecken.

Das gewisse Extra:

Eine letzte Fahrt auf dem Riesenrad.

Meine Sterne-Wertung für den Schreibort:

Produktivität („wordcount“)

☆☆☆☆☆

Inspiration

★★★★★

Keine-Riesenra(d)tlosigkeit-bei-Zaunzensur-Faktor

★★★★★

Woche 10: Kapitulationssaal in Karlshorst – Kriegsende und schreibend Frieden finden

Warum hier:

Schon oft bin ich am Deutsch-Russischen-Museum in meiner Wohngegend vorbei spaziert. Aber ich habe mich nie dazu animiert gefühlt, hinein zu gehen. Das liegt wahrscheinlich an den Panzern im Vorgarten. Nach meinem Aquariumsbesuch hatte ich mir schon einen Entdeckungsort für meine Woche 10 im Blog ausgesucht, aber als ich am Dienstag wieder an dem grauen Museums-Haus vorbei gehe, fängt das rote Banner „8. Mai“ meinen Blick ein.

Zuhause sehe ich auf der Homepage des Museums, dass in diesem Gebäude die deutsche Kapitulationserklärung unterzeichnet wurde.

Wenn mein Blog-Montag schon auf diesen historischen Tag fällt und in meiner Nachbarschaft Geschichte geschrieben wurde – dann nehme ich das als Zeichen an und widme mich also heute diesem Thema.

Mein hauptsächliches Interesse gilt aber nicht der Nacherzählung durch die Historiker, sondern ich möchte Menschen zu Wort kommen lassen, die ihre Erlebnisse aus diesen Tagen schriftlich festgehalten und verarbeitet haben – im Tagebuch und in Briefen.

Zur Einstimmung:

Als ich 2015 als Touristin in Berlin war, wurde an einigen Orten in der Stadt an das Kriegsende am 8. Mai 1945, also vor 70 Jahren erinnert.

Seinerzeit habe ich in einem Antiquariat in Kreuzberg das Buch „Eine Frau in Berlin – Tagebuchaufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945“ von Anonyma entdeckt. Auf der Bahnfahrt nach Hause habe ich sofort mit dem Lesen begonnen.

Die Verfasserin beschreibt ihren täglichen Überlebenskampf in den Ruinen Berlins unter Bombenangriffen und dem Einmarsch der Roten Armee mit schonungsloser Detailtreue, ohne Selbstmitleid und mit erstaunlichem Humor. Aber bald reiht sich eine nach der anderen Vergewaltigung der Schreiberin in ihren Tagesablauf. Beim Lesen wurde mir derartig beklommen zumute, dass ich das Buch geschlossen und danach nicht wieder geöffnet habe.

Heute schlage ich das Buch wieder auf – mein Lesezeichen steckt noch auf Seite 82 – und lese gefesselt und unter Anspannung weiter.

Zunächst jedoch der Beginn der Chronik:

„Freitag, 20. April 1945, 16 Uhr

Ja, der Krieg rollt auf Berlin zu. Was gestern noch fernes Murren war, ist heute Dauergetrommel. Man atmet Geschützlärm ein. (…) Zwischendurch Stunden von unheimlicher Lautlosigkeit. Plötzlich fällt einem der Frühling ein. Durch die brandschwarzen Ruinen der Siedlung weht in Schwaden Fliederduft aus herrenlosen Gärten. (…) Gegen drei Uhr fuhr am Kiosk der Zeitungsfahrer vor. Es lauerten ihm schon zwei Dutzend Leute auf. (…) Gar keine richtige Zeitung mehr, bloß noch eine Art Extrablatt, zweiseitig bedruckt und ganz feucht. Im Weitergehen las ich als erstes den Wehrmachtsbericht. Neue Ortsnamen: Müncheberg, Seelow, Buchholz. Klingt verdammt märkisch und nah. (…)

Wieder oben in meiner Dachwohnung. Mein Zuhause ist sie nicht. Ich hab keins mehr. (…) Jetzt, wo alles weg ist und mir nur ein Handkoffer mit Kleiderkram bleibt, fühle ich mich nackt und leicht. Weil ich nichts mehr habe, gehört mir alles. Zum Beispiel diese fremde Dachwohnung. (…) Systematisch habe ich alle Schränke und Schübe nach etwas Brauchbarem abgesucht, das heißt nach Eßbarem, Trinkbarem, Brennbarem. (…)

Eingeklemmt in einer Schubladenritze fand ich einen Brief an den Wohnungsinhaber. Ein verliebter Liebesbrief, hab ihn im Bad weggespült. Herz, Schmerz, Liebe, Triebe. Was für ferne, fremde Wörter. Offenbar setzt ein verfeinertes, wählerisches Liebesleben regelmäßige Mahlzeiten voraus. Mein Zentrum ist, während ich dies schreibe, der Bauch. Alles Denken, Fühlen, Wünschen und Hoffen beginnt mit dem Essen.“

Der Ort:

Heute wird im Deutsch-Russischen-Museum das Museumsfest zum 8. Mai gefeiert. Als ich gegen 14 Uhr im Nieselregen auf der Rheinsteinstraße auf das Gebäude zugehen, ist die Straße zu meinem Erstaunen von mindestens 20 grünen und blauen Polizeibussen gesäumt und es wimmelt vor Uniformierten.

Auf dem Gelände des Museums geht es jedoch ganz friedlich zu. Auf der Wiese sind Essensbuden und Zelte aufgebaut. Es tummeln sich Besucher und auch jede Menge Journalisten.

Ein Blick zurück:

Um den Kapitulationssaal und die Dauerausstellung in Ruhe auf mich wirken zu lassen, habe ich schon am Samstagmittag einen ersten Rundgang im Museum gemacht. Auch einige ältere Herrschaften, die russisch sprechen, und drei junge Amerikaner gehen durch die Ausstellung.

Im Kapitulationssaal umfängt mich andächtige Stimmung. Auf einer Leinwand läuft ein Video (ohne Ton), das die Ankunft der militärischen Repräsentanten und die Unterzeichnung der Urkunden im Saal zeigt. Die Mienen der Männer in Uniform sind vom Ernst und der Tragweite des Augenblicks geprägt – jedoch habe ich einige Schwierigkeiten, auf den schnell geschnittenen schwarz-weiß Bildern die Gesichter einem der Namen von der Infotafel und die jeweiligen Uniformen und Abzeichen dem jeweiligen Land zuzuordnen.

Hier dieselben Videoaufnahmen aus der britischen Berichterstattung – die Kommentare und die unterlegt Musik geben einen subjektiv gefärbten Eindruck. Aber jetzt weiß ich zumindest, wer wer ist…

Die Tische im Saal stehen heute genauso, wie damals. Unter Glas sehe ich mir die Faksimile der Urkunden an: Die bedingungslose Kapitulation der deutschen Streitkräfte auf 3 Seiten. Es wurden drei Exemplare in englischer und je ein Exemplar in russischer und in deutscher Sprache unterzeichnet. Buchstaben und Schriftzüge auf Papier, die das Weltgeschehen verändert haben.

Was hat die Frau aus Berlin an diesem Tag in ihr Tagebuch geschrieben?

„Dienstag, 8. Mai 1945

(…) Es war die Grindige, Frau Wendt, sie hat das Gerücht vernommen, daß Frieden sei. In Süd und Nord soll der letzte ungeordnete deutsche Widerstand zerschlagen sein. Wir haben kapituliert. Die Witwe und ich atmen erleichtert. (…) Unten beim Bäcker drängt sich viel Volk. Dabei gibt es heute noch gar kein Brot, nur Nummern für das Brot für morgen oder übermorgen. (…) Jedenfalls ist die Aussicht auf Brot das erste Zeichen dafür, daß sich oben jemand um uns kümmert. Ein zweites Zeichen klebt unten neben der Haustür: ein Blatt in vervielfältigter Maschinenschrift, ein Aufruf, unterzeichnet von einem Bezirksbürgermeister Dr.Soundso. Der Aufruf fordert zur Rückgabe allen aus Läden und Ämtern gestohlenen Gutes auf (…). Weiter heißt es, daß alle Waffen abgegeben werden müssen. (…)

Donnerstag, 10. Mai 1945

(…) Zum ersten Mal sehen wir an einigen Häusern rote Fahnen, vielmehr Fähnchen – offenbar aus ehemaligen Hakenkreuzfahnen herausgeschnitten. Die Fähnchen sind – wie könnte es anders in unserem Land sein? – von Frauenhand sauber umsäumt. (…)

Montag, 14. Mai 1945

(…) Neben unserer Haustür kleben jetzt gedruckte „Nachrichten für Deutsche“. Das Wort klingt mir in diesem Zusammenhang so fremd in den Ohren, fast wie ein Schimpfwort. Auf dem Blatt ist der Text unserer bedingungslosen Kapitulation zu lesen, unterzeichnet von Keitel, Stumpff, Friedeburg.“

Im Museum zeigt die Dauerausstellung im Nebenraum ein Diorama aus dem Jahr 1967 von Michail Ananjew (aus dem Grekow-Studio für Kriegsmalerei): „Sturm auf den Reichstag“ der Roten Armee am 30.04.1945 mit Kanonendonner und Gefechtsgeräuschen untermalt. Ich fühle mich sehr befremdet von dieser Kriegsverherrlichung. Immerhin gibt es eine Erläuterungstafel, die das Diorama in einen historischen Kontext stellt (ich hätte mir mehr kritische Distanz dazu gewünscht).

Im Treppenhaus auf meinem Weg nach oben leuchtet im bunten Fensterglas eine heroische Statue mit Schwert.

Im Obergeschoss werden in einem Rundgang mit unzähligen Texttafeln, Landkarten, Vitrinen und Fotos die Gräueltaten unter dem Nazi-Regime dargestellt. Ich bin hiervon immer wieder aufs Neue erschüttert.

Anonyma hat hierfür schon in ihrem Tagebucheintrag vom 15. Juni 1945 Worte gefunden:

„Ackerte mich durch einen Band Dramen von Aischylos und entdeckte dabei die Perserklage. Mit ihren Wehschreien der Besiegten paßte sie gut zu unserer Niederlage – und paßte doch gar nicht. Unser deutsches Unglück hat einen Beigeschmack von Ekel, Krankheit und Wahnsinn, ist mit nichts Historischem vergleichbar. Soeben kam durchs Radio wieder eine KZ-Reportage. Das Gräßlichste bei all dem ist die Ordnung und Sparsamkeit: Millionen Menschen als Dünger, Matratzenfüllung, Schmierseife, Filzmatte – dergleichen kannte Aischylos doch nicht.“

Auch die „Schlacht um Berlin“ wird mit Fotos und Texten thematisiert. In einer schmalen Glasvitrine sind stellvertretend für das Schicksal unzähliger deutscher Frauen, die von Soldaten der Roten Armee vergewaltigt worden sind, 4 kleine Krankenblätter aus der Charité Berlin von 1945 ausgestellt.

Worte einer fremden Sprache

Das Schicksal von sowjetischen Kriegsgefangenen in deutschen Lagern wird ausführlich dargestellt. Ein Deutsch-Russisch-Wörterbuch mit Vokabular für Fabrikarbeit erweckt meine Aufmerksamkeit.

Passend hierzu schrieb Anonyma am 1. Mai 1945 in ihr Tagebuch (die Rote Armee hat Berlin inzwischen eingenommen und russische Soldaten sind in ihr Haus eingefallen):

„Er gab mir ein kleines Heft, ein deutschrussisches Soldatenwörterbuch. (…) Es steht eine Menge sehr nützlicher Vokabeln darin, wie Speck, Mehl, Salz. Andere wichtige Wörter wie „Angst“ und „Keller“ fehlen. Auch das Wort „tot“. Ich ersetze es durch das gut verständliche „kaputt“, das noch für vieles andere passt.“

Ich kann mir gut vorstellen, dass die Kriegserlebnisse die Betroffenen auch in ihrer eigenen Sprache oft ohne Ausdrucksmöglichkeit zurück gelassen haben.

Worte als Waffe

In der Ausstellung werden viele Dokumente der Nazis, wie z.B. ein „Merkblatt zur Bewachung sowjetischer Kriegsgefangener“ gezeigt. Mir fällt wieder der demagogische Einsatz von Sprache auf, wenn ich die menschenverachtenden Befehle im Behördendeutsch lese. Genauso werden Hass und Ideologie durch Wort und Bild auf Postern und anderen Druckerzeugnissen transportiert.

Das Schicksal deutscher Kriegsgefangener in der Sowjetunion nach Kriegsende wird auf einer kleinen Stellwand im Flur abgehandelt.

Im Keller widmet sich ein Raum der Zeit nach dem Krieg und es werden Heimatverlust, Rückkehr und fehlende Aufarbeitung der Geschichte (Verdrängung, einseitige Darstellung, verweigerte Opferentschädigung, Strafverfolgung der deutschen Täter) thematisiert.

Auch die Zahl der Toten und Verletzten des 2. Weltkriegs sind hier aufgeführt. Unvorstellbare Zahlen.

Aber wie erging es dem einzelnen Menschen nach dem Krieg? Millionen von traumatisierten Menschen in ganz Europa und auch in Asien, Amerika und Afrika. Für viele kam die Zeit des Schweigens.

Worte finden

In einer kleinen Vitrine in einer Ecke sehe ich den metallenen Trinkbecher eines deutschen Kriegsgefangenen mit einem Zettel für seinen Enkelsohn.

Wie schwer ist es diesem Mann wohl gefallen, nach all den Jahren diese Zeilen zu schreiben?

Viele Betroffene haben es erst Jahrzehnte später geschafft, ihre Erlebnisse in Worte zu fassen.

Davon zeugen auch die Briefe von sowjetischen Kriegsgefangenen.

Heute höre ich ihren Worten zu. Ich gehe in den Wintergarten.

Ein Mann und eine Frau lesen Briefe aus dem Buch „Ich werde es nie vergessen“ vor. Dieses Buch ist auf Initiative des Vereins „KONTAKTE-KOHTAKTbI“ entstanden. Der Verein setzt sich u.a. für die Entschädigung sowjetischer Kriegsgefangener ein, leistet humanitäre Hilfe und engagiert sich für geschichtliche Aufklärung und Verständigung.

Die Briefe der Betroffenen sind in den Jahren 2004 bis 2006 geschrieben worden (und für das Buch ins Deutsche übersetzt). Die Verfasser der Briefe beschreiben ihre schmerzhaften Erlebnisse während des Kriegs, in Kriegsgefangenschaft als Zwangsarbeiter und ihre Schwierigkeiten nach der Rückkehr in ihre Heimat.

Olga ist jetzt Rentnerin und lebt in Brest. Sie war im Jahr 1941 als Krankenschwester in einem Sanitätsbataillon der Roten Armee eingesetzt und wurde von der deutschen Wehrmacht gefangen genommen. Sie musste tagelang zu Fuß gehen, viele starben bei diesem Marsch. Bis März 1945 musste sie in verschiedenen Lagern arbeiten. Oft gab es nur 200g Brot pro Person morgens, mittags eine Suppe und abends nur Kaffee. Zum Zeitpunkt ihrer Befreiung durch die Rote Armee hatte sie eine 2 Monate alte Tochter namens Vera. Mit dem Säugling wanderte sie über einen Monat lang zu Fuß in ihre Heimat nach Litauen zurück. Ihre Tochter hat überlebt. Sie beendet ihren Brief mit „Teilnehmerin am Großen Vaterländischen Krieg“.

Andrej wurde in Schlesien von der deutschen Wehrmacht gefangen genommen. Er und die anderen Gefangenen lebten monatelang in Erdlöchern, 20 Menschen mussten sich 1 Brot teilen, einmal am Tag bekamen sie Suppe in ihre Feldmütze ausgeschenkt, Essgeschirr gab es nicht.

Später hat er in einem Arbeitslager in einer Zementfabrik gearbeitet. Er erinnert sich an die Suppe einer Köchin, die sie alle „Mutter“ nannten. Er hat diese Frau in guter Erinnerung und möchte auch den Ort wieder aufsuchen, aber auf seine Bitte hat er eine Absage erhalten.

„Damals konnte ich nicht schreiben.“

Vassili ist jetzt 87 Jahre alt. Er geriet 1941 in Kriegsgefangenschaft. Seine Gefangenennummer lautete 131.141, sie hing ihm an einer Schnur um den Hals. Er litt darunter, dass er keine Post nach Hause senden oder empfangen durfte. Er arbeitet in einem Bergwerk in Dortmund und hat dort Kohle befördert. Das Essen war knapp. Er ist nur nicht verhungert, weil er Pantoffeln nähen konnte und diese gegen Brot eingetauscht hat.

„Es ist schwer, mich zu erinnern, noch schwerer, darüber zu schreiben. Aber Frieden kann man wirklich erreichen. Wir sind doch alle Menschen. Ich wünsche mir Frieden und gegenseitiges Verstehen.“

„Iwan“ – so haben ihn die Aufseher genannt, obwohl er anders hieß. Er war 15 Jahre alt, als er von der Roten Armee eingezogen wurde. In Frankreich geriet er in Kriegsgefangenschaft.

„Alles Schlechte ist vorbei und vergangen. Ich erzähle Ihnen von einem guten Menschen. Vom Koch Keck“.

Iwan musste als Küchenhilfe arbeiten. Der Koch Keck hat ihn vor Schlägen der Aufseher beschützt und ihm schwere Arbeit abgenommen (wie Wassertragen), wenn er zu entkräftet dafür war.

„Ich habe beim Briefschreiben Tränen in den Augen. Ich wünsche mir Frieden.“

Ich bin zutiefst berührt, diesen Erinnerungen zuzuhören. Soviel Leid spricht daraus, aber auch Mut und vor allem auch der Wunsch nach Versöhnung und die Fähigkeit, zu vergeben.

Meine Notizen

Nach der Lesung drehe ich eine Runde durch den Garten. Auf der Rückseite des Hauses steht eine Reihe von Panzern, dahinter eine Hüpfburg.

Einige Leute lassen sich mit zwei jungen Männern in historischen (?) Uniformen fotografieren.

Über eine Leiter geleiten einige Eltern ihre kleinen Kinder in einen Panzer. Dieser Anblick verursacht mir Unwohlsein.

Ich trete den Heimweg an. Jetzt wird mir auch klar, warum soviel Polizei vor Ort ist. Gerade haben sich etwa 30 Menschen zu einer Demonstration gegen Neonazis und Rassisten zusammen gefunden. Ein junger Mann spricht vernünftig ins Megafon.

Fünfzig Meter weiter die Straße hinunter auf der Gegenseite stehen 7 Gestalten in Schwarz, mit Deutschlandfahne und einem Banner mit Nazi-Parolen, dazu tönt pathetische Trauermusik aus ihren Boxen. Das einzige, was diesem jämmerlichen Haufen Gewicht verleiht, sind die unzähligen Pressefotografen, die eifrig Bilder machen – und natürlich die Hundertschaft von Polizisten.

Was ich noch sagen möchte

Heute feiern wir den Frieden. Der 8. Mai 1945 markiert das Kriegsende. Wie lange hat es wohl gedauert, bis die betroffenen Menschen aller Nationalitäten inneren Frieden gefunden haben? Mit ihrem erlittenen Leid und auch ihren (Un-) Taten. Manchen ist es vielleicht im Wege des Schreibens gelungen.

Mich lässt der heutige Tag sehr nachdenklich zurück. Und ich bin dankbar für mein Glück, in einem Land in Freiheit und ohne Krieg zu leben. An vielen Orten dieser Welt ist das leider (noch) Utopie.

Das gewisse Extra:

Imagine“ von John Lennon

Meine Sterne-Wertung für den Schreibort

Genauso wenig, wie man menschliches Leiden ermessen oder gegeneinander aufwiegen kann, möchte ich für meine Eindrücke eine skalierte Bewertung abgeben.