Mondschein-Serenade

Mondschein-Serenade

Wenn die sinkende Sonne

die Hoffnung mit sich in die Tiefe zieht

steigt der Mond und eröffnet unverhofft

einen Blick in deine Augen die

den Himmel klein erscheinen lassen

wir sprechen und schauen

„Wie heißt du?“ möchtest du wissen

 

unsere Hände finden zueinander

in einer Choreografie der Wohlerzogenheit

keine Zeit für Zärtlichkeit

ein kurzes Umschließen und

eine Bewegung auf und ab

dann lassen wir beide los

keine Sekunde später als höflich

 

wir wenden uns voneinander ab

du bleibst und ich gehe hinaus

in die Nachtluft die mich umfängt

in ihrem Mantel aus Dunst

im U-Bahntunnel trifft grelles Licht

auf meine Pupillen die noch geweitet sind

von der Helligkeit deines Lächelns

 

meine Schritte folgen dem Pulsschlag

der mein Blut in heißen Bahnen kreisen lässt

jetzt nicht stehenbleiben

will traumwandeln auf vertrauten Pfaden

breitgetreten von der Phantasie

unberührt vom Fußabdruck der Wirklichkeit

der Traum trägt viel auf seinen Schultern

 

schwer wiegen die Erwartungen an dieses

„wir“ was es vielleicht geben könnte

ausgepolstert mit Vertrauen und Verlangen

umspannt vom Netz verknüpfter Ideale

angepasster Gewohnheiten und geteilter Gedanken

und dem Gefühl endlich angekommen

zu sein im Mittelpunkt des Seins

 

ich will noch eine Weile träumen

von der Möglichkeit und deinen Augen

will vergessen dass meine Traumbilder

längst als Illusionen in den

Ecken meines Lebens hängen

und der feine Staub sie sichtbar

macht im milden Mondenschein

Nach den vielen Prosa-Texten der letzten Zeit habe ich mich in diesen Tagen mal wieder zu einem Gedicht inspiriert gefühlt. Ich hoffe, es gefällt euch.

Das Lachverbot

Es war einmal ein Königreich, in dem ein König und eine Königin voller Selbstsucht regierten. Sie bauten sich ein riesiges Schloss ganz aus Glas, damit alle Welt ihren Reichtum bestaunen konnte.

Die Gemächer des Schlosses waren mit den feinsten Möbeln aus purem Gold ausgestattet, die Sitzkissen und Bettlaken aus bestickter Seide. Sie feierten rauschende Feste von den Steuergeldern des schwer arbeitenden Volkes. Sie hatten eine einzige Tochter, die sie verwöhnten. Am 13. Geburtstag der Prinzessin fand wieder ein überschwängliches Fest statt. Als eine Gruppe armer Leute vor die Königsfamilie trat und dem Geburtstagskind ein Geschenk überreichte – es war ein Pferdchen aus Stroh gebunden – lachten der König und die Königin aus vollem Halse und machten sich über das bescheidene Geschenk und die zerrissene Kleidung der armen Leute lustig, auch die Prinzessin stimmte in das Lachen ihrer Eltern ein.

Da trat eine alte Magierin aus den Reihen der Gäste und sprach einen Zauberspruch. Augenblicklich krümmte sich die lachende Prinzessin vor Schmerzen auf dem Boden und die Eltern erstarrten zu Glasfiguren. Voller Entsetzten flohen die Gäste aus dem gläsernen Schloss.

Die Prinzessin lebte fortan alleine im Kristallpalast. Die Glasfiguren ihrer Eltern standen gekrümmt vor Lachen mitten im Ballsaal. Auch das Schloss selbst hatte die Magierin mit einem Zauber belegt. Auf jedem Stockwerk herrschte ein anderes Jahrzehnt. Die Magierin selbst stieg sieben Etagen hinab bis in den Keller und als sie unten ankam, war sie in ein einjähriges Kleinkind zurück verwandelt. Die Prinzessin fürchtete sich, in die Vergangenheit hinab zu steigen, deshalb blieb sie in ihrem Zimmer im Turm. Nur noch drei treue Diener lebten im Schloss und verrichteten ihre Arbeit schweigend. Die Bevölkerung fühlte sich mehr denn je vom Schloss aus Glas angezogen und zu jeder Tages- und Nachtzeit schlichen Leute um den Palast und reckten ihre Hälse, um einen Blick auf die Prinzessin im Turm zu werfen.

Der Fluch der Magierin lastete schwer auf der Prinzessin. Jedes Mal, wenn sie lachte, spürte sie Schmerzen, als würden tausend Dolche in ihren Körper gestoßen. Deshalb gewöhnte sie sich das Lachen ab.

In ihrer Einsamkeit langweilte sie sich. Regelmäßig lud sie Theatertruppen, Zirkusleute, dressierte Tiere, Geschichtenerzähler und Dichter zur Unterhaltung ins Schloss ein. Allerdings mussten die Schausteller das Verbot beachten: Niemand durfte die Prinzessin zum Lachen bringen! Deshalb spezialisierten sich alle Künstler auf Dramen und Trauerspiele. Selbst die dressierten Tiere durften nicht drollig sein, sondern waren alt und krank.

Die Darbietungen fanden im Innenhof des Glaspalastes statt. Die Prinzessin blickte von oben zu ihnen hinunter. Wenn sie mit einem roten Taschentüchlein winkte, war das ein Zeichen, dass ihr die Vorführung nicht gefiel und die Schausteller wurden ohne Gage vom Hof gejagt. Wenn ihr die Vorstellung gefiel, winkt sie mit einem grünen Tuch. Dann gab es ein Säcklein Gold als Gage. Und wenn die Prinzessin zu Tränen gerührt war, dann wischte sie sich mit einem weißen Spitzentaschentuch die Augen. Das war das höchste Lob.

Dann durften die Darsteller hinauf in den Turm und der Prinzessin die Hand küssen. Sie bekamen den Orden der Traurigkeit verliehen, den die Prinzessin mit einer Träne benetzte. Danach wurde drei Tage lang ein Fest mit üppigem Mahl für Jedermann gefeiert, bei dem jedoch niemand lachen durfte.

So vergingen 7 Jahre und das ganze Volk wurde immer leiser, langsamer und trauriger. Das Lachen verschwand aus dem ganzen Königreich.

Als die Prinzessin 20 Jahre alt wurde, erkannte sie, dass es so nicht weitergehen konnte. Sie musste etwas unternehmen, um sich und das Volk vom Zauber zu befreien. Also raffte sie all ihren Mut zusammen und stieg die gläsernen Stufen hinab in den Keller, um die alte Magierin zu suchen. Bei jedem Schritt hallte ein schrilles, gespenstisches Lachen durch das Schloss, das die Glaswände zum Zittern brachte, so dass überall Risse und Sprünge entstanden.

Im Innern der Prinzessin fühlte es sich an, als würden all diese Glassplitter sie stechen und schneiden. Trotz dieser Schmerzen stieg die Prinzessin weiter hinab. Als sie in den Keller kam, fand sie ein Kleinkind auf dem Strohpferdchen sitzen, das ihr einst die armen Leute geschenkt hatten. Das Kind brabbelte, sabberte und lachte vergnügt, aber seine Augen schauten die Prinzessin aufmerksam an, denn die Seele der Magierin war alt und weise geblieben, nur ihr Körper hatte sich verjüngt.

„Wo ist die Magierin?“, fragte die Prinzessin.

Das Baby kicherte und sabberte. Dann zeigte es mit seinen dicken Fingerchen auf sich selbst.

„Alle Menschen in meinem Land sind traurig. Mir tut das Lachen schrecklich weh. Kannst du uns das unbeschwerte Lachen zurück geben?“, fragte die Prinzessin.

Das Baby schaute ernst und wiegte sein rundes, haarloses Köpfchen. Dann rutschte es vom Strohpferdchen hinab und zeigte darauf. Die Prinzessin wusste nicht, was das bedeuten sollte.

Plötzlich wurde das Pferdchen lebendig. Es scharrte mit seinen Hufen aus Stroh und wieherte mit trockener Stimme. Das weise Baby sabberte und brabbelte. Dann zeigt es nochmal auf das Strohpferdchen. Dieses wurde immer unruhiger und sprang um die Prinzessin herum. Da verstand die Prinzessin. Sie schwang sich auf den Rücken des Pferdchens und schon galoppierte es die Stufen hinauf und ins Freie.

Das Strohpferdchen trug die Prinzessin auf seinem Rücken durch das ganze Land. Als die Leute die Reiterin in ihren feinen Kleidern und mit Krönchen auf dem struppigen Strohpferdchen sahen, brachen sie unwillkürlich in schallendes Gelächter aus. Sie hielten sich die Bäuche vor Lachen und Lachtränen rannen ihnen über die Wangen. Das Lachen klang durch das ganze Land, es sammelte sich und fegte wie ein Sturm über den Glaspalast. Als der Sturm von Gelächter am brüchigen und rissigen Glas rüttelte, zersprangen mit einem hellen Klirren alle Wände, Decken, Treppen und Böden entzwei und das Schloss stürzte in sich zusammen und begrub alle seine Schätze unter sich, ebenso wie den erstarrten König und die Königin, die immer noch in ihren Glashüllen steckten, wie in einem Sarg. Dieses Glas war das einzige, das nicht zersplittert war.

Als das Strohpferdchen nach seinem langen Rundritt zum Schloss zurück kehrte, sah die Prinzessin den gläsernen Scherbenhaufen vor sich. In den zersplitterten Scherben erblickte sie ihr eigenes Spiegelbild, ganz zerstückelt. Ihre Nase saß auf der Stirn und ihr Mund dort, wo ein Ohr sein sollte. Das sah so absurd aus, dass die Prinzessin nun selbst in ein helles Lachen ausbrach – und zum ersten Mal seit 7 Jahren bereitete ihr das Lachen keine Schmerzen mehr. Sie war so froh über das unbeschwerte Lachen, dass sie immer weiter lachte und lachte. Da gab es einen Knall wie eine Explosion – das Lachen der Prinzessin hatte die Glashüllen ihrer Eltern gesprengt. Diese wurden nun wieder lebendig und krochen verwirrt aus den Scherben des Palasts zu ihrer Tochter.

Nun ließ die Königsfamilie ein neues Schloss bauen – dieses Mal aus Stein und nicht mehr so protzig. Das Lachverbot im Land war selbstverständlich aufgehoben. Zur Einweihung des Schlosses lud die Königsfamilie das ganze Volk zu einem siebentägigen Fest ein und jeder durfte etwas vorsingen, vortanzen oder vorspielen – Hauptsache, es war lustig.

Die Magierin im Körper des Babys ward nie wieder gesehen. Das Strohpferdchen blieb bei der Prinzessin und sie ritt jeden Tag mit ihm aus. Jetzt schämte sie sich nicht mehr für die bescheidene Gestalt des Pferdchens und sie lachte auch die armen Leute nie mehr aus.

Dieses Märchen ist im Rahmen meiner Masterarbeit entstanden. In meinem dort entwickelten heilsamen Schreibprogramm habe ich mir zur Aufgabe gesetzt, ein Märchen zu schreiben, in dem der Schmerz eine Rolle spielt. Vielleicht ist es euch auch schon aufgefallen: In vielen Märchen müssen die Protagonisten Schmerzen ertragen – und das nicht ohne Grund. Der Schmerz im Märchen hat eine wichtige Funktion: Er stellt eine Charakterprüfung dar und fordert die Figur zur Selbstüberwindung heraus und ermöglicht eine Verwandlung.

Für das obige Märchen habe ich mir als Schreibimpuls 4 Handlungs-Elemente zugelost (1. Figur, 2. Ereignis/Schicksalsschlag, 3. Schauplatz, 4. Auslöser bzw. Form des Schmerzes – die Losungen habe ich mir selbst ausgedacht) und aufbauend darauf meine Geschichte entwickelt.

Figur: ein Weiser in Babygestalt

Ereignis/Schicksalsschlag:  verirrt sich in ein anderes Jahrhundert

Schauplatz:  ein Schloss aus Glas

Schmerz: beim Lachen

Mit solchen Schreibimpulsen ein Märchen zu entwerfen macht wirklich Spaß. Versucht es doch auch einmal.

Menschenbetrachtungen – Schwäbischer Kunstsommer (Teil 2)

Nachdem wir uns in der Prosa-Meisterklasse zuerst den Tieren und Pflanzen zugewendet haben, stehen in der zweiten Schreibaufgabe von Katja Lange-Müller die Menschen im Fokus unserer Betrachtungen. Es gilt, einen hässlichen (abstoßenden) Menschen mit Empathie zu beschreiben oder alternativ einen unsympathischen Menschen mit Spott, Hohn oder Zorn zu portraitieren. Das Portrait soll in wenigen Sätzen gezeichnet werden (nicht länger als eine halbe Seite). Da ich mich zwischen den Möglichkeiten nicht entscheiden konnte, habe ich beide umgesetzt.

Hier nun meine Texte. Ihr dürft gerne raten, welche Figur aus welcher Aufgabe hervorgegangen ist.

Text 1:

Alexanders großartiger Sieg

Alexander saß auf dem dritten Sessel linker Hand des Abteilungsleiters am Konferenztisch und lauerte hinter gesenkten Lidern auf den richtigen Moment, um seinen präzisen und eleganten Todesstoß zu vollführen. Ein aberratio ictus war ihm noch nie unterlaufen – seine Geschosse trafen zuverlässig das richtige Ziel. Heute hieß das Ziel Peter der Große – diesen Beinamen verdankte er solum seiner Körpergröße von 1,92 Metern und war mitnichten auf Intelligenz oder strategisches Geschick zurückzuführen. Peter ergoss sich in einem unendlichen Redeschwall von Trivialitäten und täuschte Kompetenz vor. Alexander frohlockte innerlich, wie Peter seine rechtlichen Ausführungen als “de lege artis” bezeichnete, wo jener de facto mit seinem Vortrag bewies, dass er keinesfalls die Regeln der Kunst beherrschte. De facto verstrickte der tölpelhafte Schwätzer sich in Widersprüche und tappte in jede Falle, die Alexander ihm voller Raffinesse gestellt hatte.

“Attacke”, sagte der General in seinem Kopf und Alexander erhob sich zu seiner vollen Größe von 1,61 Metern.

“Mein geschätzter Kollege scheint übersehen zu haben, dass im vorliegenden Fall ein Empfangsbekenntnis der Partei vorliegt, Blatt 8 der Akte. Somit dürfte ihm ein saltus in demonstrando unterlaufen sein.”

Der Abteilungsleiter warf einen verächtlichen Blick auf Peter. Alexander – der wahrlich Große – spürte den Triumph warm durch seine Brust rauschen.

Text 2:

Schönheit und Sorgen am Morgen

Alba richtete sich ächzend auf und tastete mit ihren krummen Zehen auf dem Teppichboden nach Halt. Unter ihren Fußsohlen spürte sie das harte Granulat vom Hamsterfutter – vielleicht waren auch ein paar Köttel ihrer Lieblinge mit dabei. Die Hamster Max und Moritz hockten auf dem zerrupften Polster vom Lehnsessel beim Fenster und schliefen. Draußen war es noch dunkel, aber Alba konnte nicht mehr schlafen. Ihr Rücken schmerzte und ihre Gelenke auch. Ihre schmale Hand mit den dicken Venen tastete nach dem Off-Knopf der Fernbedienung und das körnige Bild im Flimmerkasten erlosch. Sie griff nach ihrem Holzstock und rappelte sich hoch, schlurfte langsam in die Küche und zur Kaffeemaschine. Sie presste den spitzen, brüchigen Nagel ihres Zeigefingers in eine Öffnung im Plastikgehäuse, wo einst die Einschalttaste saß. Die Maschine erwachte gurgelnd zum Leben und heiße Tropfen fielen in großen Abständen in den Filter mit dem Kaffeepulver von Gestern. Alba nickte zufrieden und drehte das Radio auf.

“Juuu ahhhr soooo bjutifuul tu miiii”, stimmte sie zahnlos und heiser in den Gesang der Frau aus dem Radio ein. Sie öffnete das Fensterglas im knirschenden Holzrahmen und streute Sonnenblumenkerne für die Spatzen auf den Fenstersims; dabei musste sie sich mühevoll hochrecken, ihr buckliger Rücken sträubte sich. Sofort kam die fette Taube mit dem Klumpfuß aus dem Kirschbaum der Liebermanns angeflogen und wollte die Körner picken.

“Der Winter bringt Hunger und Sorgen”, schmatzte Alba und ließ die Taube gewähren.

Von Menschen und Kühen – Schwäbischer Kunstsommer 2019

Ein zweites Mal lasse ich mich im Schwäbischen Kunstsommer im Kloster Irsee von den Musen umgarnen. Dieses mal bin ich in der Meisterklasse Prosa bei Katja Lange-Müller. Schon beim Abendessen am Samstag sehe ich einige bekannte Gesichter aus dem letzten Jahr – zwei Dichterinnen sind wieder in der Lyrik-Klasse und wir frischen alte Erinnerungen auf.

Klosterpark

Am Sonntagmorgen um neun Uhr sitze ich im Kapitelsaal unter Stuck und Freskomalerei – es ist derselbe Raum, wie letztes Jahr in der Lyrik, aber ein Déja-vu erlebe ich nicht.

Die Meisterin Katja Lange-Müller setzt sich nicht an das Kopfende des Tischs, aber das Zepter hält sie trotzdem in der Hand. In der Vorstellungsrunde beäuge ich meine Prosa-Gefährt*innen für die nächsten sieben Tage. Neun Frauen (eine davon aus Österreich) und ein Mann (aus der Schweiz), alle zwischen 60 und 75 Jahre alt bis auf ein junges Mädel (22), die einen Schwäbischen Nachwuchsliteraturpreis gewonnen hat (in Form eines Stipendiums für den Kunstsommer). Alle verbindet die Leidenschaft für das Schreiben und das Lesen („Im Schreiben wirken Lebenserfahrung und Leseerfahrung zusammen – wobei auch Leseerfahrung Lebenserfahrung sein kann“ – so die Meisterin). Einige haben einen Hintergrund als Lehrerin, sind nun im Ruhestand, bei allen ist das Interesse an Bildung und Kultur groß. Eine hat früher schon ein Kinderbuch veröffentlicht, alle anderen bewegen sich noch in den Sphären von Schriftstellerei ohne Veröffentlichungen mit vielen Texten in der Schublade („Ein Text ist erst fertig, wenn es zwischen zwei Buchdeckeln steckt.“).

Katja Lange-Müller (Jahrgang 1951) nimmt das Leben in vollen Zügen (nicht nur beim Rauchen) in sich auf, ist eine echte Berlinerin (erst im Osten, dann im Westen – aber auch sonst viel in der Welt herumgekommen) und als Linkshänderin mit Rechtsschreibeverbot hat sie sich dem Schreiben schon aus purer Rebellion zugewandt, sie schreibt immer gegen Widerstände und mit viel Empathie für die unterdrückten Menschen (sie hat z.B. viele Jahre als Krankenschwester in der Psychiatrie gearbeitet) und die missverstandenen Tiere, dabei mit viel skurrilem Humor. Von ihrem unvergleichlichen Witz bekommen wir in der Klasse viel ab, sie haut Sätze raus, die uns zum Lachen bringen (und die wir bald schon eifrig als Zitate für die Ewigkeit notierten).

Zeichnung und Schrift stammen von Gabriele Vogt

Das Thema der Meisterklasse ist die schreibende Beobachtung von etwas Lebendem (Pflanze, Tier, Mensch). Zum Einstieg liest Katja uns Auszüge aus „Bummel durch Europa“ von Mark Twain vor, wo er urkomisch und ironisch zwei Ameisen bei ihrer sinnlosen Aktivität beschreibt. „Das Fliegenpapier“ von Robert Musil erschüttert mit seiner detaillierten Annäherung an den Todeskampf. Zur Vorbereitung auf die Klasse habe ich (auf Empfehlung der Meisterin) die Grauen erweckenden Erzählungen von Patricia Highsmith und die von Katja selbst („Die Enten, die Frauen und die Wahrheit“) gelesen, um mich auf das Genre der Erzählung einzustimmen. Wir kommen auf Kafkas „Verwandlung“ zu sprechen und auf seine genaue Beschreibung des Käfers, der sich für den informierten Biologen als Kakerlake entpuppt. Im Stundentakt machen wir Pause, weil Katja rauchen gehen muss (50 pro Tag) – von diesem Laster will/kann sie sich trotz Dauerhusten nicht lösen.

Für den Nachmittag bekommen wir die Aufgabe, einen Spaziergang in die Natur zu unternehmen und etwas Lebendiges (es darf auch ein phantastisches Wesen sein) zu beobachten und zu beschreiben – aber nicht (nur) äußerlich, sondern wir sollen das Wesen erfassen. Am Montagvormittag wollen wir uns wieder treffen und kurz berichten, ob jede etwas gefunden hat, ab 16 Uhr soll Vorleserunde sein.

Damit starten die ersten zwei Tage schreiberisch eher geruhsam. Ich mache einen langen Spaziergang durch den Klostergarten und in die Felder (die mir aus dem letzten Sommer noch angenehm vertraut sind), hocke mich an einen Teich und beobachte Fliegen, die auf dem Wasser schweben (nein, es sind Wasserläufer, wie ich später in der Klasse aufgeklärt werde – leider bin ich ein ziemlicher Biologie-Depp und weiß fast nie, wie die Pflanzen und Tiere heißen) und Frösche, die wie tot im Wasser tümpeln.

Zum Glück treffe ich noch auf sechs Jungkühe (seit meiner Kindheit meine Lieblingstiere), die am Zaun Futter suchen und die ich eine Viertelstunde lang Aug in Aug beobachte (inklusive Fliegengeschwirre und ein paar Mückenstichen).

Stürmische Begrüßung

Meinen Kuh-Text schreiben ich dann vor dem Abendessen innerhalb einer Viertelstunde per Hand (am nächsten Morgen tippe ich es auf dem PC ab und mache ein paar Änderungen). Zu den Wasserläufern schreibe ich auch eine halbe Seite, aber die Tierchen sind für mich nicht so ergiebig.

Die Musen halten mich ganz schön auf Trapp. Das Programm ist voll und ich gehe zu jeder Veranstaltung. So sieht mein Tagesablauf aus:

07:00 Uhr: Aufstehen

08:00 Uhr: Frühstück

09:00-12:00 Uhr: Arbeit in der Meisterklasse (bzw. Schreibzeit)

12:00-13:30 Uhr: Mittagessen (plus Spaziergang)

13:30-14:15 Uhr: Werkstattgespräch (die Meister der bildenden Künste – 2x Malerei, Illustration, Textilkunst – stellen sich und ihre Werke vor)

15:00-18:00 Uhr: Arbeit in der Meisterklasse (bzw. Schreibzeit)

18:00 Uhr: Abendessen

20:00-21:00 Uhr: Abendwerkstatt (Einblicke in Tanz, Chor, Kammermusik, Lesungen Prosa und Lyrik)

21:00-22:00 Uhr: Spaziergang

22:00 Uhr: Bettruhe

Hierbei sammele ich jede Menge Inspiration. Beim Essen gibt es neben den Gaumenfreuden am reichhaltigen Buffet auch viel Gelegenheit, mit anderen Teilnehmenden ins Gespräch zu kommen. In den ersten Tagen tragen alle Namensschilder mit Klassen-Angabe – aber mit der Zeit lerne ich, die Menschen anhand ihres Aussehens ihrer Kunstform zuzuordnen – die Tänzerinnen sind aufgrund von Jugend und Schönheit leicht zu erkennen, die Maler sind mit Farbklecksen verziert, die Chorsänger sind öfters rund.

Am Montagnachmittag lesen wir erste Texte in der Klasse vor. Zu meinen Kühen gesellen sich eine Wespenfliege (die ein Florentiner Porträt bekrabbelt), eine gemeine Ackerwinde, Wasserläufer, ein Elch, eine Staublaus in einem Schweizer Labor und eine Raupe im grauen Bus auf dem Weg in den Tod (die jüngste Teilnehmerin überrascht mit einem Faible für schwere Themen und hat die Euthansie-Verbrechen der Nazis aufgegriffen, die im Kloster Irsee stattgefunden haben – es gibt hier eine Gedenkstätte).

Bei der Besprechung unserer Texte zeigt sich Katja als sehr interessiert, zugewandt und direkt. Sie nimmt auch kein Blatt vor den Mund, wenn sie etwas zu kritisieren hat (“Da hast du mit dem Schinken nach der Wurst geworfen” – bei einer Anhäufung von Klischees). Sie verbündet sich mit dem Text, notfalls auch gegen die Autorin („Das war aber so, ist kein literarisches Argument“), aber mit Herzlichkeit und Humor. Es zeigt sich auch ihre frühere Ausbildung zur Textsetzerin – sie nimmt die Texte auf Punkt und Komma unter die Lupe („Jeder Literaturliebhaber freut sich, wenn er mal wieder einem Semikolon begegnet“), auch der Schrifttyp (bitte mit Serifen) und Zeilenabstände (groß genug, einzeilig ist ein no-go) müssen stimmen, sonst vergehe der Leserin von vorneherein die Lust am Text.

Auch die Mitschreibenden geben sich sehr wertschätzend und konstruktiv Feedback. Mein Kuh-Text stößt auf viel positive Resonanz, was mich natürlich freut (vielleicht liegt es auch an den Tieren, die die meisten so sympathisch finden).

Nur die Zeit hat Katja nicht im Blick, da wird schon mal eine Stunde lang ein einziger Text auf jedes Wort hin abgeklopft. Eine Teilnehmerin übernimmt dankenswerterweise die Rolle der Strukturwächterin und macht die Meisterin auf die Uhrzeit und andere organisatorische Belange aufmerksam.

Katja selbst kämpft mit dem Berg loser Blätter (wir kopieren unsere Texte immer für alle, damit jeder ein Mitleseexemplar hat) bis sie schließlich davon träumt, sie hätte die Büroklammer erfunden. Eine ganze Schachtel dieser Drahtwunder kapert sie sich Mitte der Woche aus dem Hotelbüro, um das Blätterchaos zu bändigen. Am Dienstag ist sie völlig überrascht, dass sie am Abend mit einer Lesung auf dem Programm steht (ein Organisationsgenie ist sie wahrlich nicht, dafür umso spontaner).

Am Donnerstag scheint die Sonne höchst sommerlich (übrigens ist das Wetter keineswegs so verregnet, wie im Wetterbericht angedroht – was mich am Abend meiner Abreise dazu brachte, erschrocken noch schnell ein Regencape in meinen Koffer zu den Röcken und Sandalen zu stopfen, das ich dann doch nicht gebraucht habe) und wir halten unsere Vorleserunde im Park ab.

Hierbei raucht Katja unaufhörlich und nach zwei Stunden stehen ihre Füße in einem Berg von Zigarettenstummeln. Inzwischen haben wir eine zweite Schreibaufgabe bekommen: Wir sollen einen Menschen auf einer halben Seite beschreiben, entweder einen Hässlichen mit Empathie oder einen Unsympathen mit Spott, Zorn, Ironie. Ich bearbeite beide Varianten (meine Texte dazu teile ich nächste Woche mit euch). Hier bin ich wieder über die stilistische Bandbreite und den Einfallsreichtum meiner Mitschreiber*innen erstaunt. Auch wenn in der ganzen Woche nur zwei Texte von mir besprochen wurden und ich weniger Text produziert habe, als ich mir gewünscht hätte, sind der Lerneffekt und die Anregung aus den Fremdtexten doch ziemlich groß.

Die große Kunstsommernacht am Samstag rückt näher und wir müssen unsere Lesung vorbereiten. Die Prosa bekommt zwei Zeitblöcke zu je 30 Minuten zugeteilt. Katja legt fest, dass im ersten Block fünf Autorinnen ihre Tier-Texte lesen werden und im zweiten fünf Autorinnen ihre Menschen-Texte. Wer was vorlesen soll/möchte, entscheidet sich einvernehmlich (ich will meinen Kuh-Text vorlesen). Wir sollen kürzen und proben (Freitag).

Als Werbung für unsere Lesungen (in der Kunstsommernacht finden immer drei Veranstaltungen gleichzeitig statt, so dass man Konkurrenz hat) druckt eine Teilnehmerin, die ein talentiertes Zeichenhändchen hat, ihre Illustrationen zu Katja-Zitaten auf grünes Papier, das wir den Besuchern austeilen und auslegen werden.

Am Samstag um 19:30 Uhr ist der große Moment unserer Lesung gekommen. In den Fluren des Klosters wimmelt es von kunstinteressierten Besuchern aus nah und fern. In unserem Lesesaal haben sich etwa 50 Zuhörer versammelt.

Katja Lange-Müller (erste Reihe links im schwarz-weißen Kleid)

Katja spricht einleitende Worte, in denen sie die Aufgabenstellung für unsere Texte erklärt. Ich komme als Zweite dran (wir lesen in alphabetischer Reihenfolge) und trage meinen Text vor, bemühe mich langsam zu sprechen und gut zu betonen und ernte sogar einige kleine Lacher für meine Kuh-Komposition (mit Proben ist es nun das vierte Mal, dass ich den Text vor Publikum vorlese und ich denke, ich konnte mich in der Interpretation steigern – bin ja im Vorlesen eher verhalten). Auch meine Mitleser*innen laufen zu Höchstform auf und interpretieren ihre Texte wunderbar verschroben, pedantisch, zornig. Je öfter ich die Texte höre, umso mehr treten deren sprachlichen Stärken und die Persönlichkeiten der Verfasserinnen hervor.

Unsere Lyrik-Kollegen erhasche ich nur im dritten Teil ihrer Lesung – in der Kunstsommernacht gibt es so viel zu erleben, dass man kaum alles schaffen kann – ich höre ein eindrucksvolles Chorkonzert mit einer Uraufführung der Vertonung des Dietrich Bonhoeffer Gedichts „Wer bin ich“, erlebe den zeitgenössischen Tanz, die Kammermusik und die Bilderausstellung in den Fluren und Ateliers (Pressebilder von der Kunstsommernacht hier). Während der Woche habe ich natürlich mit großem Interesse bei meinen alten Bekannten nachgehorcht, wie es ihnen dieses Jahr so in der Lyrik-Klasse ergeht. Auch die Lesung ihres Meisters Mirko Bonné habe ich angehört, ein kühler Hamburger, der neben seiner Dichtertätigkeit auch Prosa schreibt und sich als Übersetzer (z.B. von Emily Dickinson) einen Namen gemacht hat. Die Lyriker hatten ein höchst konträres Programm zu unserer Prosa-Klasse. Seminarartige Informationsfülle (einige historische Gedichte wurden analysiert), strenge Vorgaben vom Meister, der zuweilen auch hart mit einigen Gedichten seiner Schülerinnen ins Gericht ging, wenig Werkstattcharakter (vor Ort haben sie zwar auf Schreibimpulse kurze Gedichte geschrieben, die aber eher als Entwürfe verstanden wurden und auch in der Lesung nicht zu Gehör gebracht wurde, stattdessen Gedichte, die schon zuvor entstanden waren). Da hätte ich nicht tauschen wollen. Unsere herzlich-impulsiv-chaotische Katja war der ganzen Klasse ans Herz gewachsen und umgekehrt.

So nun dürft ihr zu guter Letzt auch meine Kühe kennenlernen (die ich übrigens jeden Tag beim Spazierengehen besucht habe und die immer hoffnungsvoll zum Zaun gelaufen kamen, obwohl ich sie mit leeren Händen enttäuschen musste, was sie am nächsten Tag verziehen oder vergessen hatten…).

Mein Lesetext:

Ich kriege was, was du auch kriegst“

Sechs Kühe stehen dicht nebeneinander, eine Herde wie in Scheiben geschnitten, lange Seite an langer Seite, ihre Bäuche und Flanken berühren sich. Fünf Köpfe schauen in eine Richtung, eine Kuh ist falsch herum eingeklemmt und guckt in die Gegenrichtung. Im linken Ohr hat jede ein gelbes Nummernschild mit einem Knopf angetackert wie bei einem Plüschtier.

Die Weide ist groß und doch stehen sie hier dicht an dicht. Auf wenigen Quadratmetern reiben sie sich aneinander, wedeln im selben Rhythmus mit ihren langen Ohren, um die Fliegen zu vertreiben, die sie unablässig umschwirren und sich auf ihren feuchten Nüstern, in den Augen und auf dem braunen Fell niederlassen. Dazu zucken die Kühe mit der Haut und wedeln mit den Schwänzen, aber es ist ein sinnloser Kampf. Jedes Zucken lässt die Fliegen aufsteigen, die sich wenige Sekunden später an anderer Stelle auf dem Kuhkörper erneut niederlassen. Die Kühe können nicht gewinnen. Sie könnten sich das Zucken und Wedeln sparen. Aber es ist ein Reflex, nicht zu unterdrücken.

Seite an Seite suchen sie Futter. Nicht auf der grünen Wiese, sondern im Kiesschotter unter den zwei elektronischen Drähten des Zauns. Hier hat die Bäuerin etwas für sie hingeworfen. Salzbonbons vielleicht. Hier suchen sie nun mit ihren langen Zungen den Kiesboden ab. Bauch an Bauch schiebt sich die eine neben der anderen her. Sie arbeiten nicht zusammen, aber auch nicht gegeneinander. Jede versucht, einen Salzkrümel für sich zu finden, jede folgt der Bewegung ihrer Nachbarin. Eine Kuh quetscht sich beharrlich zwischen zwei andere, streckt ihren Kopf in die Höhe, reibt ihren faltigen Hals auf dem Nacken der anderen. Ihr gefällt der Körperkontakt. Vielleicht ist es eine Art von Zärtlichkeit. Jedenfalls ist sie hier im Zentrum des Geschehens. Hier entgeht ihr nichts.

Eine andere Kuh ist die Anführerin. Wenn eine Stelle abgesucht und abgeleckt ist, drängt sie entschlossen mit ihrem kräftigen Körper gegen die Körper ihrer Gefährtinnen. Wie eine Welle geht der Anstoß durch die Fleischmasse der anderen fünf Kühe. 24 Beine stampfen und straucheln im leicht abschüssigen Kiessand. Der Tross schaukelt sich wie in einer einzigen Bewegung einige Meter zur Seite und dort senken sich die Köpfe und Zungen wieder zur Nahrungssuche.

Die Kühe schnaufen, die Fliegen summen. Sonst ist es still.

Ein Plätschern kommt dazu. Eine der Kühe hat den Schwanz gehoben und lässt einen dicken Strahl gelber Pisse zu Boden stürzen. Die Artgenossin daneben kaut ungerührt und ihr Maul vollzieht dabei kreisende Bewegungen.

Dicht an dicht bewachen sie jeden Bissen der anderen mit gutmütigem Futterneid. So bekommt jede gleich viel vom Gleichen. Man könnte es Kuhkommunismus nennen.

So ist eine intensive Woche voller Prosa und Kunst wie im Fluge vorbei gegangen. Ich bin bestimmt nicht zum letzten Mal dort gewesen.


Mein neues Romanprojekt führt mich von Australien über Norwegen bis zum Südpol – alles kreist um Caroline Mikkelsen – die erste Frau in der Antarktis (1935)

Gestern habe ich alle Unterlagen (Exposé und die ersten 22 Romanseiten) für das Arbeitsstipendium 2020 für Literatur des Berliner Kultursenats abgesendet – ich bewerbe mich mit meinen neusten Romanprojekt mit dem Arbeitstitel: „Das Lachen der Pinguine“.

Als kleiner Teaser hier Teil 1 meines Exposés:

Kurzinhalt

Die erste Frau, die 1935 den Südpol betritt, steht 60 Jahre lang im Schatten männlicher Heldengeschichten und ist der Welt unbekannt. Erst als 1995 eine australische Journalistin öffentlich nach ihr sucht, bricht die Norwegerin Caroline Mikkelsen ihr Schweigen und nimmt ihren rechtmäßigen Platz in der Geschichte ein. Die Spurensuche führt auf einem Walfänger durch das Eis der Antarktis bis hin zum hektischen Zeitungsbetrieb in Sydney. Wenn sich die bescheidene Südpol-Pionierin und die ehrgeizige Journalistin begegnen, prallen ihre unterschiedlichen Wertvorstellung aufeinander und beide Frauen stellen sich die Frage, ob eine Lebensleistung ohne Anerkennung einen Wert hat. Der gründlich recherchierte Roman gibt erstmalig Einblicke in die facettenreiche Biografie der Pionierin Caroline Mikkelsen und schlägt über die fiktive Figur der Journalistin eine Brücke in die Lebenswelt von Frauen in der heutigen Zeit, die sich gesellschaftlich immer noch gegenüber männlicher Dominanz behaupten müssen.

Falls ihr euch fragt, wie ich auf diesen Stoff gekommen bin:

Alles fing im April diesen Jahres an, als ich das Internet nach einem neuen Romanstoff durchforstet und „erste Frau“ in Google eingegeben habe auf der Suche nach einer historischen Persönlichkeit, die etwas Interessantes vollbracht hat, aber in der Literatur noch nicht (erschöpfend) behandelt worden ist. Meine zweite Suchidee war nach einer Hochstaplergeschichte, irgendwas mit Lebenslüge und Verheimlichen. Zuerst bin ich auf die erste Frau im Weltall (eine sowjetische Kosmonautin) gestoßen, habe einige Artikel über sie gelesen und Videos angeschaut, aber irgendwie hat es bei mir nicht „klick“ gemacht.

Als irgendwann in den Suchergebnissen die Schlagzeile auftauchte: „Lange geheim: Die erste Frau am Südpol. 1935 war Caroline Mikkelsen am Südpol – als Begleiterin ihres Mannes. Wegen ihres zweiten Mannes schwieg sie lang darüber“ war ich sofort Feuer und Flamme.

Zum einen interessiert mich der Südpol schon seit 2011, als ich eine Dokumentation zum 100. Jahrestag der Erstbetretung des Südpols gesehen habe. Das Wettrennen zwischen dem Norweger Roald Amundsen (der Sieger) und dem Engländer Robert Falcon Scott (der Zweitplatzierte, der mit seinem Leben bezahlte) ist echtes Heldendrama. Im Nachgang zur TV-Doku habe ich noch ein Sachbuch über das Wettrennen zum Südpol gelesen. Anlässlich des Jubiläums wurde sogar die Oper „Southpole“ komponiert und im Januar 2016 an der Bayerischen Staatsoper uraufgeführt (habe ich mit Faszination im TV angesehen). Außerdem mag ich Pinguine sehr gerne und habe vor Jahren den Film „Die Reise der Pinguine“ im Kino gesehen und war ganz ergriffen. Mein Bezug zur Antarktis liegt also auf der Hand.

Aber richtig hinein gezogen hat mich die Frage: Warum hat Caroline Mikkelsen 60 Jahre lang über ihr Erlebnis geschwiegen? Das berührt auch meinen zweiten Ansatz, nämlich die Sache mit der „Lebenslüge“ oder vielleicht eher ein Familiengeheimnis.

Jedenfalls habe ich dann fieberhaft das Internet nach weiteren Zeitungsartikeln abgesucht (und wenige gefunden), auch Wikipedia nach Personen und Fakten durchsucht. Eine Schlüsselfigur in der „Entdeckung“ von Caroline Mikkelsen anlässlich des 60. Jubiläums der Landung ist Diana Patterson, die Leiterin der Davis Station (eine Forschungsstation an der antarktischen Ostküste nahe der Landungsstelle der Norweger im Jahr 1935), die 1995 die Suche nach der ersten Frau in der Antarktis voran trieb. Schließlich meldete sich Caroline im November 1995 auf eine Suchanzeige in einer norwegischen Zeitung. Im Nachgang gab es einige Zeitungsinterviews mit ihr und sie wurde offizielle ins Guinness Buch der Rekorde eingetragen.

Im Mai war ich mit 4 Freundinnen und Kommilitoninnen zur Schreibwoche in Winterberg und habe mich dort ganz in die Imagination der Charaktere und des Plots auf zwei Zeitebenen vertieft und meine ersten 12 Seiten des Romans geschrieben. Ich stelle mir Caroline als bescheidene junge Frau vor, die von ihrem 20 Jahre älteren Kapitänsehemann auf die Expedition mitgenommen wurde und sich ihm (und dem männlich dominierten Heldenverständnis) unterordnete und nach der Rückkehr nicht darauf bestanden hat, die öffentliche Anerkennung für ihre Erstbetretung einzufordern. Der Kapitänsmann starb im zweiten Weltkrieg und 1944 heiratete Caroline erneut: einen Gärtner aus Tønsberg. Aus Rücksicht auf seine Gefühle schwieg sie während der Ehe über ihr Antarktiserlebenis (so vage stand es im Zeitungsartikel). Das gibt meiner Fantasie jedoch viel Stoff, um über die Charaktere der Eheleute und deren Beziehungsdynamik nachzudenken. Ich stelle mir den Gärtner Johan als schüchtern vor (das komplette Gegenteil zum ersten Ehemann), der sich im Vergleich zum Abenteurer-Kapitän minderwertig gefühlt hat, weil er seiner Frau keine exotischen Reisen ermöglichen konnte. Caroline zeigte viel Einfühlungsvermögen und Rücksichtnahme als Ehefrau, den zweiten Mann seine „Schwäche“ nicht spüren zu lassen.

Der historischen Figur stelle ich die fiktive Journalistin (die ich in Sydney ansiedele, wegen des Australien-Bezugs der Davis Station), die sich auf die Suche nach Caroline macht.

Ich habe jedoch gemerkt, dass es mich reizt, selbst auf Spurensuche nach Caroline (die 1998 im Alter von 91 Jahren gestorben ist) zu gehen, um dem Menschen näher zu kommen und an mehr biografische Informationen zu gelangen. Das Internet ist in dieser Hinsicht wirklich toll. Meine Freundin Hedda hat noch in Winterberg über ihr LinkedIn-Profil (was ich selbst nicht habe) mit Diana Patterson Kontakt aufgenommen. Die Australierin hat mir sehr freundlich und hilfsbereit zurück gemailt. Ich habe sie zur ihren Eindrücken zu Caroline aus ihrem Treffen im Jahr 1995 befragt und eine gute Beschreibung zurück bekommen.

Noch näher dran würde ich natürlich kommen, wenn ich Kontakt zu den Kindern (zumindest von einem Sohn weiß Diana) von Caroline bekommen könnte, um sie zu befragen (und auch den „Segen“ für mein Romanprojekt zu bekommen). Diana hat keine Kontaktdaten zur Familie Mandel, gibt mir jedoch den Tipp, es bei Susan Barr (vom Norwegischen Polarinstitut) zu versuchen, die seinerzeit beim Interview dabei war und schon damals den Kontakt hergestellt hatte. Im Internet finde ich sogar eine E-Mail-Adresse von Susan und schreibe sie an. Prompt bekomme ich eine sehr nette und hilfsbereite Antwort und die Adresse eines Johan Mandel (der Sohn heißt vielleicht wie der Vater) aus Tønsberg – in Norwegen findet man Personennamen, Adressen und Telefonnummern (sogar mit Satellitenbild vom Haus) online. Es handelt sich um eine Festnetznummer, so dass sms oder whatsapp ausscheiden. Also schreibe ich einen Brief an den mutmaßlichen Sohn (stelle mich vor, erkläre kurz mein Romanprojekt und frage, ob er der Sohn von Caroline sei, bitte um Rückmeldung, gebe meine Blog-Seite als Referenz und meine E-Mail-Adresse an) und schicke ihn per Post ab.

Auch die Jahrhunderte alten Kommunikationswege haben noch ihren Wert! Etwa 10 Tage später entdecke ich eine E-Mail in meinem Postfach: Johan Mandel hat mir geantwortet: In wackeligem Englisch bestätigt er, dass er der Sohn von Caroline ist und mir gerne weiter hilft. Ich bin begeistert! Ich formuliere 10 Fragen rund um Carolines Biografie – zunächst auf Englisch, dann jage ich den Text durch den Google-Translator und füge die norwegische Übersetzung bei und schreibe, Johan möge mir gerne in seiner Muttersprache antworten. Wenige Tage später bekomme ich eine freundliche und sehr interessante Antwort auf Norwegisch (tolle Sprache – langsam verstehe ich einige Wörter!) und erfahre viel Neues. Mein Bild von Caroline wird immer runder – sie war eine sehr vielseitige Frau, aus einer kinderreichen dänischen Familien stammend, mit Ausbildungszeit in Hollywood (zur Näherin), Designerin, Geschäftsfrau. Sie ist keinesfalls ein verhuschtes Mädel unter dem Kommando ihrer Ehemänner, sondern eine starke Frau, die trotzdem zeitlebens sehr bescheiden war und ihr Licht unter den Scheffel gestellt hat, um den (zweiten) Ehemann nicht in den Schatten zu stellen. Diese Widersprüche sind für meinen Roman äußerst reizvoll.

Ich habe noch eine zweite Mail an meinen norwegischen Brieffreund (der Sohn müsste in seinen 70ern sein) geschickt mit weiteren Nachfragen. Er will mir nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub darauf antworten.

Am letzten Freitag finde ich einen Umschlag mit norwegischen Briefmarken im Briefkasten und siehe da – Johan hat mir einige Zeitungsartikel und Originalfotos von der Antarktisreise geschickt! Das ist wie Weihnachten! Bin immer noch total begeistert und auch berührt über das Vertrauen.

Die norwegischen Zeitungsartikel aus 1995/96 enthalten noch viele weitere biografische Details (wie meine ersten Übersetzungen hervorgebracht haben), die ich in den nächsten Wochen auswerten werde.

Am Freitag (12. Juli) war ich von der Sendung aus Norwegen so euphorisiert, dass ich meine Schreibblockade überwinden konnte (seit Anfang Juli habe ich mich jeden Tag damit gequält, dass mir noch 5-10 Romanseiten für meine Stipendiumsbewerbung fehlen, aber ich konnte mich nicht zum Schreiben aufraffen). Zaghaft habe ich eine Szene in der Redaktion des Sydney Morning Herolds mit meiner fiktiven Journalistin Jesse entworfen, die ihren Kollegen die Antarktis-Story verkaufen will. Da ich beim Schreiben immer großen Wert auf gute Recherche lege, habe ich mich zunächst über New-Themen (Politik/Gesellschaft) aus Februar 1995 in Australien und über die Zeitungs- und Journalistenwelt in Australien informiert (welche Zeitungen gibt es, welche Journalisten und Themen haben 1994/95 den Walkley-Award – wie Pulitzer-Preis in Amerika – gewonnen?).

So konnte ich am Samstag und Sonntag doch in einen kleinen Schreibrausch kommen und habe 10 neue Seiten produziert. Neben der Redaktionssitzung (1995) auch eine Szene mit Caroline im Walfänger vor der Antarktisküste (1935).

Meine Schwester Dorit hat mir wertvolles Last-minute-Feedback gegeben (wie immer super hilfsbereit), so dass ich am Montagabend alle Texte einreichen konnte (immerhin 1 Tag vor Fristende – ich brauche scheinbar ein gewisses Maß an Termindruck, um in die Gänge zu kommen).

Drückt mir die Daumen für das Stipendium – die Chancen stehen allerdings 300 (Bewerbungen) : 17 (Stipendien) – so steht es jedenfalls im Antragsmerkblatt.

Unabhängig vom Stipendium werde ich im November im „National-Novel-Writing-Month“ (NaNoWriMo) auf jeden Fall wieder in den Roman einsteigen und (hoffentlich) eine erste Fassung schreiben. Freue mich schon darauf.

Nun möchte ich euch einen Eindruck aus meinem Romananfang geben.

Viele Spaß beim Lesen! Wie gefällt euch der Stoff und meine Umsetzung?

Prolog: Die Stimme der Antarktis

Ich liege außerhalb deiner Reichweite, in unermesslicher Entfernung – und doch streckst du deine Hand nach mir aus, willst mich berühren, deinen Fuß auf meine weiße Haut setzen, deine Fahne in meine eisigen Tiefen rammen. Mich in Besitz nehmen – für deine Nation, für deinen Ruhm, für deine Unsterblichkeit. Ich liege vor deinem Auge, so weiß, dass du blind davon wirst. So weit, dass die Distanz ihre Bedeutung verliert. Du hörst meine Stimme. Sie führt dich über das Meer. Dein Schiff bahnt sich einen Weg zwischen den Eisspalten mit ihren scharfen Kanten, die wie Säbel in deinen Bug schneiden. Du gibst nicht auf. Deine Schritte führen dich über meine Oberfläche aus Fels und Eis. Meine weiße Haut trinkt das Öl aus deinen Schlittenmotoren und das Blut deiner Hunde. Ich bewahre deine schmutzigen Spuren auf in meinen gefrorenen Kammern der Jahrhunderte, abgedeckt durch neue Schichten meiner Reinheit. Ich bleibe unberührt. Ich erneuere mich und du verlierst dich in mir. Dein Atem geht schnell, meine Atem geht im Rhythmus der Jahreszeiten, steigt auf und ab mit Licht und Dunkelheit. Die Kälte lässt meine Stimme in deinen Ohren klirren. Weiter, immer weiter zieht sie dich zu meinem Mittelpunkt, der im unsichtbaren Irgendwo liegt. Vielleicht findest du diesen Punkt, der dich zum Eroberer macht. Du willst belohnt werden für deine Entbehrungen, deine Opfer, deinen Mut. Du wirst ein Kreuz auf deiner Landkarte machen und all meinen Wölbungen einen Namen geben. Rufst du mich mit diesen Namen, bleibe ich stumm. Ich bleibe Niemandsland. Der Niemand, der bist du.

Kapitel 3: Picknick mit Pinguinen

20. Februar 1935 – Im Indischen Ozean vor der Ostküste der Antarktis

Caroline saß unter Deck in der Messe des Walfängers MS Thorshavn an einem langen Holztisch und bereitete das Picknick vor. Heute war der große Tag gekommen, an dem sie an Land gehen würden. Nun waren sie schon seit drei Wochen auf See und Caroline hatte sich an das ständige Schwanken gewöhnt. Die Qualen der ersten Tage waren fast vergessen – da hatte sie im Bett der Kapitänskammer gelegen und sich die Seele aus dem Leib gespuckt.

„Seebeine wachsen aus dem Bauch“, hatte ihr Mann Kapitän Klarius gesagt und den Matrosen Otso angewiesen, alle zwei Stunden den Metalleimer mit ihrem Mageninhalt in die See auszuleeren. Als Schwindel und Übelkeit endlich vergangen waren, machte sie vorsichtige Gehversuche auf den Schiffsplanken. An die Enge der Kajüten hatte sie sich schnell gewöhnt und auch an die vom Wind gegerbten Gesichter der Besatzung, die sie unter ihren Bärten schüchtern anlächelten. Besonders der junge Finne Otso mit den vielen Narben im Gesicht kümmerte sich rührend um sie. Mehrmals am Tag brachte er ihr einen Becher gezuckerten schwarzen Tee, klopfte ihr mit seiner Bärenpranke sanft auf die Schulter und murmelte melodisch „hölleken kölleken“ dazu – was wohl eine Art guter Wunsch auf Finnisch war.

Kapitän Klarius zeigte ihr jeden Morgen auf der Seekarte, wo sie sich befanden. Sie steuerten die Ostküste der Antarktis an, wo sich an der Nordseite des Sørsdal-Gletschers ein Gebiet von felsigen Küstenhügeln befinden solle – so hatten es jedenfalls die früheren Schiffsexpeditionen ihres Auftraggebers Christensen berichtet. Im Sommer würde dort kein Schnee liegen und das Gelände flach ansteigen, so dass man dort gut an Land gehen könne.

Caroline lenkte ihre Gedanken wieder auf ihre Aufgabe. Der Duft des frisch gebackenen Graubrots stieg ihr wohlig in die Nase. Der Koch Peer hatte zur Feier des Tages einen festen runden Brotlaib gebacken – eine willkommene Abwechslung zum Schiffszwieback. Aber über das Essen wollte sie sich nicht beschweren. Die Eintöpfe von Peer waren sehr nahrhaft und das gepökelte Robbbenfleisch gegen die Mangelerkrankung Skorbut musste man halt gut kauen. Umso mehr würden die Matrosen heute Nachmittag die Sandwiches genießen. Caroline schnitt dicke Scheiben vom Brotlaib ab und belegte sie sorgfältig mit Käse und Gewürzgurkenscheiben und strich ein wenig Senf darüber. Auf Salatblätter müssten sie verzichten, aber dafür würde sie die einzigartige Landschaft entschädigen. Die Antarktis – diese schneeweiße Königin – war unwirtlich, sie ließ kein Grün entstehen. Aber war sie nicht doch die Urmutter des Lebens, die das Geheimnis von Jahrtausenden in ihrem Eis einschloss?

Caroline griff zum weißen Butterbrotpapier und wickelten jedes der sieben Sandwiches sorgsam darin ein, als wären es Weihnachtsgeschenke. Dann faltete sie die hellblauen Servietten und strich mit ihren Fingern versonnen über die Stickerei an den Rändern. Die Servietten gehörten zu ihrer Aussteuer. Mit geröteten Wange und flinken Fingern hatte sie in den Monaten vor ihrer Hochzeit unzählige Tischtücher, Taschentücher, Servietten und Bettzeug bestickt. Das Design hatte sie selbst entworfen. Es waren gelb-weiße Margeriten, die Nationalblumen ihres Geburtslandes Dänemark, deren Konturen sie mit silbrigen Fäden eingefasst hatte.

Nun stand Caroline in ihrem dicken Mantel an der Reling. Sie hatte den Pelzkragen hochgeschlagen und ihre schwarze Wollmütze tief in die Stirn gezogen, die mit der silbernen Stecknadel mit den Engelsflügeln aus ihrer Zeit an der Nähschule in Los Angeles geschmückt war. Wenn man der majestätischen Antarktis einen Besuch abstattete, war es angebracht, sich schön zu machen. Der kräftige Wind schnitt ihr ins Gesicht. Weiße Gischtkronen tanzten auf den Wellen der aufgewühlten See. Vereinzelt ragten kleine Eisspitzen aus dem Wasser und hier und dort schwamm eine Eisscholle. Im Februar war die Haube aus Eis, die das Meer in dieser Region unschiffbar machte, aufgebrochen.

Kapitän Klarius stand neben ihr. Er trug seine weiße Kapitänsmütze und blickte entschlossen auf den dunklen Küstenstrich, der vor ihnen lag. Caroline hatte sich die Antarktis als eine unberührte weiße Landschaft vorgestellt, so wie der vereiste Kanal zwischen Frederikshavn und Göteborg in den Wintern ihrer Kindheit. Das Eis ließ die Umtriebigkeit der Welt erstarren und der Schnee hüllte die Landschaft in Stille ein. Aber die Küste, die vor ihr lag, war weder weiß, noch still. Die Wellen des Ozeans schlugen heftig an den Bug des Schiffes. In dieses Klatschen mischte sich ein Geräusch, das sie noch nie zuvor vernommen hatte und das von der Küste herüber wehte. Es war ein schnatterndes Stimmengewirr, das sie an die Bahnhofshalle von Oslo erinnerte. Ihre Augen glitten über das schroffe Felsengestein der Küste, das von einer gelblichen Schicht überzogen war. Davon hob sich eine Heerschar schwarz-weißer Körper in watschelnden Bewegungen ab. Pinguine! Hunderte von Pinguinen! Es war ihre Sprache, die unverständlich in ihre Ohren drang. War ihr Ruf ein Willkommen oder eine Warnung?

„Wir werden die Ersten sein, die diese jungfräuliche Küste betreten und für Norwegen einnehmen werden“, hatte Kapitän Klarius ihr mit Brustton erklärt.

Aber die Antarktis war kein unberührtes Land. Es gab schon Bewohner. Lebewesen, die der Kälte und dem Meer einen Lebensraum abtrotzten. In ihrem Gefieder sahen sie aus wie Frackträger. Aber waren sie die Diener der Menschen? Oder sind sie die Herrscher über dieses Land?

„Lasst das Beiboot zu Wasser“, wies Kapitän Klarius seine Mannschaft an. Als Caroline die Strickleiter ins Boot hinab kletterte, war sie sich nicht sicher, ob die Aufregung oder die schwankende Leiter ihre Knie zum Zittern brachte.


Sommerpanorama auf O

Die Sommersonne hat meine Vokale eingeschmolzen zu einem endlosen „o“. Domot losst soch ooch got dochton…

Sommerpanorama auf O

Oh Sommer, Sonne, Sohlenglühen

ob schattenlose Tropen oder Großstadtpflaster

gehorchen offenkundig vor Hitzedominanz

Orchideen oder Osterglocken

wogen farbenfroh bevor trockener

Torf sinnloses Pflanzenopfer fordert

Wo Fußsohlen rote Flipflops lose kosen

wo Anton ohne Socken ohne Sorgen

salopp Cola-Limo-Dosen poppt

wo Ottilie rigoros große Melonen rollt

wo Leopold Zitronen konsumiert

schmollt Olga vor Wacholderschorle

Ottos Ohren horchen andachtsvoll

oktavenreichem Orchestersolo voller Bravo

Onkel Moritz monologisiert orientierungslos

ohne Boot vor kolossalem Ozean

tobt bodenlose Wellenwoge

wo Albatrosse unverfroren flogen

Entflohen vor Sonnenstichkoma

von wolkenlosem Könighimmelblau

folgen Kosmonauten, Hottentotten, Matadore

tosenden Kommandos vor Honolulu

stoppen ohne Seenot atemlos vor Loreley

prosten sonderbaren Wodkatrunk

Wo Poeten methodisch Vokale stornieren

dort holen Sportler hochspielend Pokale

wo mobile Bustouristen on-off-hoppen

offenbaren Omas Locken vor Frisörsalon

wo hüllenlose Badekörper voller Wonne tollen

toppt Sonnenbrandtattoo große Mode

Wetterorakel prophezeit Hoch von Morgen

so wollen Sonnenfetischisten hoffen

Windstoß vor Orkan überrollt

moderne Großstadtschluchten

doch Donnertrommeln locken

Mondenschein und Sternentrost

Wenn ihr Lust habt, könnt ihr gerne im Kommentar eigene o-vokale Verse hinzufügen – gerne auch aus dem obigen Wörterfundus. Die “contrainte” (selbstbestimmte Sprachregel) lautet: In jedem Wort muss mindestens ein “o” vorkommen. Freue mich auf noch mehr Sooooooooommerlyrik.

Meine Weggefährtin Momo führt mich vor die Kamera der “Kulturzeit”

Wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich mal die Protagonistin eines Beitrags in meiner Lieblingssendung “Kulturzeit” auf 3sat werden würde, hätte ich das für reine Fantasie gehalten. Aber vor ein paar Tagen ist dieser unwirkliche Fall wirklich eingetreten.

Ende März 2019 sehe ich auf facebook einen Aufruf der “Kulturzeit“, dass die Moderatorin Vivian Perkovic für die Serie “Was liest du?” demnächst nach Berlin kommen wird. Wenn man ihr erzählen möchte, welches Buch einen so richtig begeistert, dann soll man sich bewerben. Ich schreibe sofort eine E-Mail an die Redaktion und stelle mein langjähriges Lieblingsbuch “Momo” von Michael Ende vor.

Einen Monat später bekomme ich eine E-Mail von der Regisseurin Viola Löffler, in der sie sich für mein Interesse an der Mitwirkung bedankt und um Rückruf bittet, damit wir die Details besprechen könnten. Ich denke, es geht schon um die Details der Dreharbeiten, aber das Telefonat verwandelt sich unversehens in ein Interview zu den Inhalten von Momo – ich soll spontan erzählen, was mich an Momo so begeistert. Da sprudele ich nur so los. An den Fragen merke ich, dass es in dem Beitrag nicht um eine Literaturanalyse gehen soll, sondern meine persönliche Beziehung zu dem Buch herausgestellt werden soll und wie die Inhalte in meinem Leben wirken. Die Regisseurin kommt zu dem Ergebnis, dass ich wirklich ein Super-Fan des Buches bin. In der Redaktionssitzung des Teams Anfang Mai wird sie meine Momo-Beziehung vorstellen, dann werden sie sich für 3 Bücher und Protagonisten für Berlin entscheiden.

Als dann am 14. Mai der Anruf kommt, dass ich für “Was liest du?” ausgewählt bin, mache ich Freudensprünge. Das ist endlich mal ein Erfolgserlebnis im Gegensatz zu den vielen Absagen, die ich für die Einsendungen meiner Texte zu Wettbewerben und an Literaturzeitschriften wegstecken muss. Wie schön, dass meine Literaturbegeisterung hier auf Interesse stößt, auch wenn ich nur Rezipientin und nicht Schreiberin bin.

Die Regisseurin schlägt als Drehort ein Yogastudio vor (passend zum Thema der inneren Ruhe), ich nenne ihr den Namen des Studios bei mir in der Nachbarschaft, wo ich einige Schnupperkurse besucht habe (sie will dort anfragen). Sie sendet mir Links zu den Beiträge aus Leipzig und Bielefeld, die ich mir sofort in der Mediathek der Kulturzeit anschaue (sehr sehenswert!). Ein Beitrag dauert 6 Minuten, für jede Person stehen 2 Minuten zur Verfügung. Ich werde also einige Zeilen aus Momo vorlesen müssen (ich denke sofort an die weisen Sätze von Beppo Straßenkehrer) und dann folgt das Interview der Moderatorin (die übrigens meine Favoritin unter den 4 Kulturzeit-Moderator*innen ist – freue mich sehr darauf, sie kennenzulernen).

Dann markierte ich mir Mittwoch, den 29. und Donnerstag, 30. Mai im Kalender und freue mich auf eine ganz neue Erfahrung.

Am Montag der Drehwoche telefoniere ich nochmal mit Viola und wir verabreden die Zeiten für den Dreh. Mit dem Yogastudio Bamboo hat es geklappt.

Mittwoch, 1. Drehtag:

Am Abend zuvor hat mich mein Momo-Hörbuch eingestimmt (das ich seit ca. 6 Jahren regelmäßig mit großer Aufmerksamkeit höre und fast schon mitsprechen könnte – aber die Geschichte, Figuren und Sprache sind so wunderbar facettenreich, dass ich mich nicht daran überhöre).

Gut ausgeschlafen mache ich mich zu Fuß auf den Weg ins “Bamboo” einige Straßen entfernt von mir. Meine Nervosität hält sich einigermaßen in Grenzen. Ich habe die letzten Tage im Kopf durchgespielt, was ich alles über Momo erzählen könnte. Für den guten optischen Auftritt habe ich auch gesorgt: War vor ein paar Tagen beim Frisör und habe eine neue Bluse an. Make-up habe ich keines aufgelegt (mache ich sonst auch nie), nur etwas Lippenstift. Ich gehe davon aus, dass ich vor Ort von einer Maskenbildnerin geschminkt werde. Das kenne ich von einem Fotoshooting, das ich mal beruflich vor vielen Jahren hatte, außerdem sind die Leute im Fernsehen doch immer ganz dick geschminkt. Eine Fehleinschätzung, wie sich herausstellen wird.

Pünktlich um 12:30 Uhr steige ich die schmale Holztreppe der ehemaligen Molkerei in einem Hinterhof hoch ins Yogastudio. Die Inhaberin Birge begrüßt mich freundlich (ich kenne sie vom Hatha-Yoga-Soft-Kurs), das Fernsehteam ist noch nicht da, sie rufen an und sagen, dass sie ein bisschen später kommen. Birge öffnet an diesem Nachmittag extra für die Dreharbeiten die Türen und stellt ihre Räume kostenlos zur Verfügung. Ihrem Wunsch, den Namen des Yogastudios zu nennen, kann nicht entsprochen werden, da 3sat als öffentlich-rechtlicher Sender keine Werbung machen darf. Sie nutzt die Zeit zum Putzen und Aufräumen und plaudert ein wenig mit mir. Sie erzählt, dass sie auch als Schauspielerin arbeitet, sie spielt im Schlosstheater Steglitz in Boulevardstücken. Daher kommt vielleicht ihre Aufgeschlossenheit und Großzügigkeit gegenüber den Kulturschaffenden vom Fernsehen.

Um Viertel vor Eins trifft das Drehteam ein: Die Regisseurin Viola begrüßt mich gutgelaunt (wir verständigen uns bald auf’s “Du”, sind ungefähr im gleichen Alter), der Kameramann Andy und Tontechniker Ben geben mir höflich die Hand, während sie taschenweise Ausrüstung hoch schleppen.

Dann steht mir die Moderatorin Vivian gegenüber, sie kommt mir aus den Kulturzeit-Sendungen vertraut vor, ist aber viel zierlicher, als ich vermutet hätte. Auch sie begrüßt mich freundlich und hat eine sympathisch-natürliche Art. Sie erzählt, dass sie gerade vom Treptower Park kommen. Dort waren sie im Tretboot auf dem Wasser (im vorgestellten Roman geht es ums Wasser) und sind alle ein bisschen durchgefröstelt.

Tontechniker Ben und Regisseurin Viola

Ich sitze auf dem großen Sofa im Foyer, wo auch die Yoga-Schauspielerin am Tresen steht und Tee für uns kocht. Das Produktionsteam erkundet die Räumlichkeiten. Im großen Yoga-Saal breitet Viola bunte Matten am Boden aus und macht mit Vivian Sitzprobe im Lotussitz und in Strümpfen – ach ja, wir sollten alle unsere Schuhe unten an der Treppe ausziehen – ich werfe einen skeptischen Blick auf meine weißen Sportsöckchen unter dunkelblauer Jeans (hoffentlich kommen die nicht ins Bild). Der Kammermann baut sein Stativ und eine Beleuchtungsanlage vor ihnen auf, sie sind aber mit den Lichtverhältnissen und dem eintönigen Hintergrund nicht zufrieden. Zwischenzeitlich verkabelt mich Ben (hinten im Hosenbund ein Sender, vorne am Kragen wird ein kleines Mikro angeklebt). Ich warte – und warte noch ein bisschen mehr. Birge zitiert den Schauspieler Anthony Hopkins, der sagte, dass er seine Gage fürs Warten bekomme.

Plötzlich soll es losgehen. Vivian zieht ihren Lippenstift nach (sie trägt Make-up im Gesicht, aber dezent, ihre Frisur mit Zopf und Ponyfransen ist alltagstauglich, auch die Kleidung eher leger mit Bluse und roter Hose). Ich zücke mein Handspiegelchen und prüfe nach, ob mir nicht die Haare zu Berge stehen (auf maskenbildnerische Gestaltung muss ich wohl verzichten, aber Kameramann Andy sagt etwas von Weichzeichner, so dass ich auf digitale Verschönerung hoffen darf) und dann soll ich in den Umkleideraum kommen – dort haben sie (ohne, dass ich es mitbekommen habe) im kleinen Vorflur zwei Sessel neben ein Tischchen mit hölzerner Buddhafigur gerückt. Ich soll mit meiner gelben Bluse auf den dunkelbraunen Sessel für guten Farbkontrast. Vivian nimmt neben mir Platz (im westlichen Sitzmodus ziehen wir auch unsere Schuhe wieder an, auch wenn man es wohl nicht sieht). Wir ruckeln unsere Stühle dichter zusammen. Zwei Meter entfernt steht die Kamera auf einem Stativ, das armlange Raum-Mikro (das zusätzlich zu den beiden Personen-Mikros zum Einsatz kommt) wird von Ben mit einer Stange über uns gehalten. Soll jetzt eine Probe stattfinden?

Vivian verwickelt mich in ein Gespräch (fragt nach meinem Beruf und wo ich herkomme). Ich werde ein bisschen lockerer (halte mich aber mit beiden Händen am Momo-Buch auf meinem Schoß fest, dabei soll ich im Interview gar nicht daraus vorlesen). Die Regisseurin sitzt vor uns auf dem Boden und gibt das Startsignal.

Vivian sagt die erste Klappe an und schon sind wir mitten im Interview. Ich konzentriere mich ganz auf meine Gesprächspartnerin und bekomme von Kamera und Mikro kaum etwas mit.

Vivian stellt mir einige Fragen (die sie auf ihrem Smartphone vorbereitet hat), aber sie nimmt sehr spontan auf, was ich ihr gerade erst gesagt habe (dass ich früher als Juristin gearbeitet habe – “Sie selbst haben mal im grauen Anzug gesteckt” – wie die Grauen Herren in Momo von der Zeit getrieben) – man merkt, dass sie Erfahrung in live-Interviews hat.

Ich werde von ihren Fragen überrascht (z.B. zur Kapitalismuskritik von Michael Ende), finde aber spontan Antworten darauf (nur auf die Frage, wem ich “Momo” denn schon geschenkt habe, druckse ich herum, weil ich das Buch noch nie verschenkt habe). Es entwickelt sich ein lebendiges Gespräch (ich spreche von Beppo und seiner Philosophie des Straßenkehrens: ein Atemzug, ein Besenstrich – wende ich auf mein Leben an bei Leistungsdruck und Gefühl der Überforderung; mit Gigi dem Geschichtenerzähler habe ich zu meiner verschütteten Kreativität und der Lust zum Schreiben zurück gefunden).

Nach ca. 10 Minuten haben wir einen runden Gesprächsbogen geschlagen. Ich finde ganz salbungsvolle Abschlussworte, was ich aus Momo gelernt habe (achtsam und in Verbindung mit sich selbst sein, dann ist es auch möglich, sich anderen Menschen aufmerksam zuzuwenden und ihnen gut zuzuhören).

Regisseurin Viola ist sehr zufrieden. Allerdings hat sie sich notiert, dass bei einer bestimmten Frage draußen eine S-Bahn vorbei gefahren ist (was der Tontechniker bestätigt, bildtechnisch hat uns einmal eine Fliege gestört). Das müssen wir wiederholen.

Vivian fragt mich nochmal: “Momo führt eine Revolution an. Auch Sie haben in Ihrem Leben eine regelrechte Revolution erlebt” – und ich erzähle von meiner beruflichen Umorientierung und Neustart in Berlin) – allerdings komme ich bei der Wiederholung total ins Stocken, suche nach den Wörtern von vorhin, die mir nicht mehr einfallen.

“Das habe ich vorhin irgendwie besser gesagt”, murmele ich.

“Nicht so schlimm. Wir machen das nochmal. Unterhalte dich einfach mit mir.”

Also stellt mir Vivian die Frage ein drittes Mal und ich versuche eine frische Antwort mit neuen Worten.

Nach insgesamt ca. 15 Minuten ist alles im Kasten. Die Regisseurin sagt, dass sie total gefesselt zugehört hat und am liebsten eine längere Version des Interviews für eine Online-Version machen würde (dazu kommt es vermutlich nicht, weil zu aufwendig). Ich freue mich sehr über das enthusiastische Feedback. Bin echt gespannt, wie sie das Interview letztendlich schneiden wird (bei 1 Minute Redezeit muss leider vieles wegfallen).

Jetzt soll ich noch einige Yoga-Übungen auf den Matten machen. Im großen Saal vollführe ich mein Mini-Repertoire an Übungen (aus dem Sonnengruß – keine Ahnung, wie die Figuren alle heißen), der Kameramann macht Großaufnahmen und Slow-Motions von meinen Bewegungen (oh Schreck, als Yoga-Vorturnerin mache ich überhaupt keine gute Figur, das darf gerne der Schere zum Opfer fallen). Vivian bereitet sich schon mit Smartphone auf Schiller vor, gleich treffen sie am Gendarmenmarkt im Theater einen alten Schauspieler – ihre dritte und letzte Station heute (ganz schön intensiver Tag für das Team).

Draußen drehen sie noch einige Bilder, wie die Moderatorin ins Haus geht, ihre Schuhe auszieht und die Treppe hoch geht.

Gegen 15:30 Uhr verabschieden wir uns. Ich mache mit Vivian noch ein Erinnerungsfoto (bei den morgigen Dreharbeiten wird sie nicht mehr dabei sein).

Donnerstag, 2. Drehtag:

Heute wollen wir uns schon um 12 Uhr treffen. Diesmal bereite ich mich auf die Großaufnahme mit ein wenig Concealer unter den Augen, Wimperntusche und Lidstrich vor. Für die optische Kontinuität ziehe ich dieselbe Bluse und Hose von gestern an.

Gerade gehe ich im Sonnenschein über die Ampel, als es hinter mir hupt und jemand meinen Namen ruft. Ich springe ins weiße Auto aus Mainz und fahre die letzten 500 Meter mit meinem TV-Team zum Yogastudio. Heute morgen haben sie schon am Müggelsee gedreht (im Kamerastativ knirscht der Sand). Die Regisseurin hat den Schlüssel für die Räume bekommen und wir haben den Drehort für uns.

Heute bin ich entspannter und bekomme auch mehr von Andy und Ben und ihrer engagierten Arbeit mit. Auf meinen Wunsch drehen wir zuerst mein Vorlesen. Die Textstelle, die ich mir ausgesucht habe, muss ich auf wenige Sätze kürzen (auf max. 15 Sekunden).

Kameramann Andy (Anfang 30, lange schwarze Haare im Zopf) ist sehr wählerisch, was den Bildhintergrund angeht, er achtet auf Farben, Strukturen und das Licht. Er sucht das grüne Holztor auf roter Backsteinwand draußen im Innenhof aus. Einige Vögel singen und die S-Bahn rauscht regelmäßig vorbei, aber für den Ton finden wir einige Moment der Stille. Ben verkabelt mich wieder. Er ist ein stiller Typ mit Mütze, trägt gerne Grün – und kennt sich auch mit Momo und Michael Ende aus.

Ich stehe mit dem Buch in der Hand vor dem Tor, die Kamera ist auf mich gerichtet, Andy und Viola probieren den Faltreflektor (Alu auf der einen Seite, weißer Stoff auf der anderen) in unterschiedlichen Distanzen aus – das Sonnenlicht wird intensiv auf mein Gesicht geworfen, je nach Lichtstärke muss auch der Filter der Linse verändert werden – das Ganze dauert ein bisschen, bis Andy zufrieden ist.

Dann soll ich 10 Sekunden direkt in die Kamera blicken, meine Sätze vorlesen, dabei immer wieder aufschauen (es dem Zuschauer erzählen), danach wieder 10 Sekunden den Blick in die Kamera halten.

Ich starre ins Objektiv, bekomme Blinzelreflex, dann lese ich los:

“Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst Du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, den nächsten Atemzug, den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur den nächsten. Dann macht es Freude; das ist wichtig.”

Kameramann Andy hält in 15 Meter Entfernung den Lichtreflektor in die Höhe, der vom milden Wind wie ein Segel erfasst wird und gar nicht so leicht still zu halten ist. Ben hält das riesige Mikro mit dem grauen Fell über mich. Ohne es zu merken, habe ich beim Lesen instinktiv zur Regisseurin geschaut, die neben der Kamera steht. Ich soll nur in die Kamera blicken. Ich wiederhole das Vorlesen noch 2 Mal, dann sind alle zufrieden.

Als nächstes filmen wir die Spiegel-Sequenz, die meine Idee war. Wie in der Szene vom Frisör Fusi, der von einem Grauen Herrn besucht wird, schreibe ich einen Tagesablauf in Sekunden auf einen Spiegel.

Praktischerweise hängt im Umkleideraum ein langer Spiegel im Goldrahmen, Viola hat Kreidestifte mitgebracht. Auch hier erfordert das Einrichten der Kamera (Winkel) und des Lichts (diesmal Matte mit Glühbirnchen an einem Ständer) einiges an Präzision. Andy erzählt mir von den verschiedenen Filtern. Er lässt die Menschen vor seiner Linse immer gut aussehen. Besonders schmeichelhaft sind blaue Glitzersterne. Andy arrangiert Licht und Filter so, dass meine Augen schön leuchten.

Für diese Aufnahme brauchen wir keinen Ton. Aber Tonmann Ben übernimmt die Aufgabe des Souffleurs und liest mir die langen Zahlenreihen aus meinem Buch vor. Ich schreibe in Türkis auf den Spiegel:

Schlaf 441 504 000 Sek.

Arbeit 441 504 000 “

Nahrung 110 376 000 “

Mutter 55 188 000 “

Einkauf usw. 55 188 000 “

Freunde, Singen usw. 165 564 000 “

——————————————————

Zusammen: 1.103 760 000 Sekunden

Wir kürzen die Original-Liste aus dem Buch um einige Positionen (Wellensittich, Fenster, Geheimnis) und Ben ermittelt die neue Summe auf seinem Handy (falls ein Zuschauer auf “Pause” drückt und nachrechnet).

Dabei zoomt der Kameramann mal auf die Schrift, mal auf mein Gesicht – ich weiß nicht so genau, was die Kamera gerade im Bild hat, aber ich führe die Bewegungen aus und konzentriere mich darauf, mich nicht zu verschreiben. Andy ist ganz begeistert von der Optik – der Spiegel erzeuge eine tolle Wirkung.

Zum Abschluss setzen wir Violas Idee um: Ich soll aus einer Buchseite eine Lotusblüte falten. Dazu schneidet sie einige Seiten quadratisch zu und ich studiere die Faltanleitung auf ihrem Handy. Leider bin ich im Origami-Basteln total unerfahren und kapiere nicht sofort, wie das gehen soll. In der Zwischenzeit bauen Andy und Ben ein neues Set im großen Yoga-Saal auf: Neben einem weißen Buddha und einer Paillettenstehlampe in der Ecke. Die Kamera guckt diesmal von oben auf mich herab.

Es geht los und meine Finger fühlen sich dick und ungeschickt beim Falten an. Bei den letzten Knickschritten hilft mir Viola, dann kommt tatsächlich eine erstaunliche Blüte zum Vorschein, die ich dann dem Buddha in den Schoß lege.

Um 14 Uhr sind alle Bilder im Kasten. Die vielen Utensilien werden wieder ordentlich verstaut und in den Kofferraum geschleppt, gleich werden sie alles im Theater wieder auspacken.

Viola, Andy und Ben verabschieden sich herzlich von mir. Wirklich ein tolles Team (auch mit Moderatorin Vivian), bei dem jede und jeder seine Leidenschaft und Perfektion einbringt für das bestmögliche Ergebnis. Es war eine schöne und einmalige Erfahrung für mich, für 2 Tage in dieses Kreativteam mit aufgenommen zu werden.

Bin natürlich sehr gespannt auf den Berliner “Was liest du?”-Beitrag. Es ist schon erstaunlich, wie viel Aufwand in einen 6-minütigen Film gesteckt wird – aber das ist halt Qualitätsfernsehen. Der Beitrag soll noch vor der Sommerpause gesendet werden und wird danach auch in der Kulturzeit-Mediathek zu sehen sein. Ich füge den Link hier ein, wenn es soweit ist.

Ich hoffe, ich konnte euch mit meinen Eindrücken vom Dreh gut unterhalten.

Meine Origami-Lotusblüte

Update 25. Juni 2019: Der Beitrag ist heute Abend gesendet worden. Hier könnt ihr ihn euch anschauen: Was liest du, Berlin?

Sieben Streiche Leben – mein Text auf der Lesebühne “SoNochNie”

Es ist soweit: Mein lang erwarteter Auftritt als “Themenbeauftragte” auf der Pankower Lesebühne “SoNochNie” steht bevor. Das Thema meines Texts wurde mir im März beim 10-jährigen Jubiläum zugelost und lautet: “Sieben Streiche Leben”.

Am Montagmorgen überfällt mich ein Anflug von Panik, denn ich habe am Sonntagabend gerade mal die erste Seite geschafft. Aber Zeitdruck scheint meine Kreativität durchaus zu fördern, denn ich komme beim Schreiben gut in Schwung und um 13 Uhr steht mein Text.

Angelehnt an die Streiche von Max und Moritz nenne ich meine Hauptfigur Moritz. Die Sieben ist eine typische Märchenzahl, also nimmt meine Geschichte auch die Züge eines urbanen Märchens an. Für das Schlüsselereignis (eine Frau gibt einem Cafétischnachbarn ihre Sachen in Obhut und verschwindet) habe ich mich vom Text meines geschätzten Blog-Kollegen Urs inspirieren lassen und den Dialog aus seiner Zürcher Erzählung in meinen Text importiert. Vielen Dank dafür!

Am Abend bin ich also bereit, dem interessierten Publikum meinen Text vorzulesen. Ich bekomme einiges an positivem Feedback und ein paar Fragen. Zum Schluss überreicht mir Leovinus (Moderator und Stammautor der Lesebühne) eine Ehrenurkunde. So macht Vorlesen Spaß!

Danke an Michael Wäser für die beiden Fotos!

Jetzt wünsche ich euch viel Vergnügen beim Nachlesen meines Texts.

Sieben Streiche Leben

Tag 1: Müßiggang ist so alt wie die Zeitung von gestern

Moritz sitzt am dreibeinigen Tisch vor dem Café Degas und nimmt einen Schluck von seinem Cappuccino. Er wischt sich den Schaumbart von der Oberlippe und vertieft sich ins Feuilleton seiner Zeitung. Im Gorki Theater spielen sie “Übermut muss leiden” – ohne Text und textilfrei. Das Papier raschelt, als er umblättert. Ein Pappbecher taucht in seinem Gesichtsfeld auf, in dem Geldmünzen klirren. Er hebt den Blick. Der Pappbecher wird von einer blassen Hand gehalten, die an einem ebenso blassen Arm mit grünen Tätowierungen hängt. Drachen und Schlingpflanzen. Dazu gehört ein sehniger Körper in einem T-Shirt mit Löchern am Kragen. Rissige Lippen formen stumme Worte, eine Baseballmütze legt einen Schatten über die Augen. Im Pappbecher rasseln wieder die Münzen. Moritz kramt in seiner Jackentasche nach einem Euro und wirft ihn in den Becher. Der Bettler schlurft weiter und Moritz fühlt sich erleichtert. Ein Euro ist ein kleiner Preis für die sanfte Gewissensruhe. Er liest weiter. Die Abendsonne wirft einen rosa Lichtkegel auf die Buchstabenreihen der Zeitung und lässt den Geruch von Druckerschwärze in seine Nase steigen. Im Wirtschaftsteil liest er von K.I.’s, die in China gebaut werden und bald die Menschheit unterwerfen werden. Moritz bestellt einen Aperol Spritz beim Kellner mit Vollbart, der barfuß geht. Sein Smartphone vibriert und auf dem Display erscheint eine Terminerinnerung: “19:30 Uhr Workout Superfit”. Moritz seufzt und wischt die Einblendung weg. Er legt einige Münzen auf den Tisch, rollte die Zeitung zusammen und steht auf.

Auf der Karl-Marx-Straße bahnt er sich einen Weg zwischen Obstständen und Ramschkörben hindurch, die den Bürgersteig zum Hindernisparcours machen. An der Ampel muss er warten. Ein Bagger reißt Furchen in den Asphalt und das Motorenbrummen deckt seine Gedanken zu. Sein Blick schweift über den Metallmast der Ampelanlage. Jemand vermisst seine Katze Miau, schwarz-weißes Fell und auf einem Auge blind. Ein altes Ehepaar sucht eine Wohnung im Parterre im Tausch gegen ihre Loftwohnung. Dazwischen Aufkleber. Ein Berliner Bär liegt in einer Hängematte und darunter steht: “Der Faule lacht am besten”. Moritz lächelt. T

Wer wissen möchte, wie es weiter geht – meine Erzählung ist in einer Anthologie erschienen: “Den Wellen gegenüber: Blaue Erzählungen und Gedichte”.

Man kann das Buch z.B. hier kaufen: https://www.amazon.de/Den-Wellen-gegen%C3%BCber-Erz%C3%A4hlungen-Gedichte/dp/3748166966


Keine Hochzeit ohne Himbeertorte

Ich habe mich wieder von einem Märchen meiner Schwester Leonie aus Kindertagen (sie war ca. 12 Jahre alt, als sie es geschrieben hat) inspirieren lassen und eine Fortsetzung zu ihrer Geschichte “Der falsche Mond” geschrieben. Ich hoffe, ihr bekommt beim Lesen Appetit.

Leonie und ich 2006

Wer Prinzessin Leonore als Kind kannte, der weiß, dass sie den ganzen Hofstaat mit ihren Wünschen auf Trapp hielt. Ständig musste der König den Oberhofmarschall einberufen und ihm die Bestellungen seines Töchterchens diktieren. Die Gärtner pflückten die schönsten Blumen, die Jäger fingen die exotischsten Tiere, sogar den legendären Feuervogel, und der Hofbackmeister buk jeden Tag eine köstliche Himbeertorte. Bis zu dem Tag, als Prinzessin Leonore sich an der Himbeertorte überfressen hatte und krank wurde. Ihr erinnert euch sicher, wie sie sich den Mond vom Himmel herab wünschte und der Zauberer Ambra-Kandra ihr einen falschen Mond brachte.

Prinzessin Leonore erkannte die Täuschung und wurde auch ohne Mond gesund. Sie hatte gelernt, dass manche Wünsche unerfüllbar waren und dass sie es mit ihrer Geschenke-Sucht übertrieben hatte.

Aber auch die hellste Erleuchtung ist nicht gegen das Verblassen durch die Zeit gefeit, die Läuterung verhallt und alte Laster kehren zurück. Die Prinzessin wuchs heran und als sie 22 Jahre alt wurde, war ein neuer Wunsch in ihr heran gereift. Sie wollte heiraten. Aber es sollte ein Jüngling sein, der ihr jeden Herzenswunsch erfüllen konnte. Sie wollte die Heiratsanwärter auf die Probe stellen. Nur demjenigen mit dem besten Liebesbeweis würde sie ihr Herz und ihre Hand schenken. Da sie seit zwölf Jahren keine Himbeertorte mehr gegessen hatte, verspürte sie ein unbändiges Verlangen danach. Ihr die köstlichste Himbeertorte zu bringen sollte die Aufgabe für die Heiratskandidaten sein.

Also rief der König den Oberhofmarschall zu sich. Dieser war in den Jahren der Untätigkeit träge und unkonzentriert geworden, selbst wenn seine Frau ihn mit ihrer Einkaufsliste zum Markt schickte, verwechselte er regelmäßig Kartoffeln mit Karotten oder brachte Eier statt Milch mit.

“Mache im ganzen Königreich bekannt, dass Prinzessin Leonore heiraten will und denjenigen zum Mann nimmt, der ihr die köstlichste Himbeertorte bringt. Jeder Mann darf um sie werben, er muss nicht einmal ein Prinz sein.”

Diese Kunde verbreitete sich wie ein Lauffeuer im ganzen Land und alle unverheirateten Buben, Männer und sogar Greise wollten um die Prinzessin werben. Die meisten taten das nicht aus Zuneigung zur Prinzessin, denn sie kannten das Mädchen gar nicht, sondern weil sie gerne ein sorgenfreies Leben im Schloss führen wollten.

Innerhalb kürzester Zeit waren im ganzen Land alle Himbeeren aufgekauft. Auch die Milch für die Sahnecreme war nur noch unter Mühen zu bekommen.

Der Kaufmannssohn Magnus machte keine halben Sachen. Er kaufte sämtliche Himbeeren auf und ließ die überzähligen zu Saft zerquetschen, damit seine Konkurrenten keine Chance mehr haben sollten. Er engagierte den berühmtesten Konditor und ließ ihn eine mehrstöckige Himbeertorte von der Größe eines Ochsen herstellen. Die Torte gelang, sah herrlich aus und wurde auf einem Leiterwagen zum Königsschloss gebracht, der Kaufmann stolzierte in seinem Sonntagsanzug nebenher.

Es gab noch einen zweiten Kandidaten, der sich Prinzessin Leonore präsentierte. Es war der Student Stultus, der im 14. Semester Philosophie, Altgriechisch und Latein studierte und mit der realen Welt nicht sehr vertraut war. Torten backen konnte er nicht. Er hatte auch kein Geld, um einen Konditor zu bezahlen. Aber er hatte Vertrauen in Dinge, die man nicht begreifen kann und so wandte er sich an den Zauberer Ambra-Kandra. Dieser sollte eine große und schmackhafte Himbeertorte herbei zaubern – zum Lohn würde er ihm ein Lexikon aller Zaubersprüche schreiben. Wie ihr wisst, ist der Zauberer Ambra-Kandra kein echter Zauberer, sondern ein Trickkünstler.

Die Täuschung mit dem Mond für die Prinzessin war ihm vor zwölf Jahren misslungen. Aber an die Tortenzauberei machte er sich mit großem Eifer. Er baute ein siebenstöckiges Tortengestell aus Draht und Pappe von der Größe eines Elefanten. Er kleidete das Gestell in eine Schicht von Gips ein, die aus der Distanz wie Sahnecreme aussah. Für die Himbeeren blies er rote Luftballons auf. So stand der Student Stultur nun neben der gigantischen Himbeertorte des Zauberers im Innenhof des Schlosses und Prinzessin Leonore blickte vom Balkon herab.

Gleich neben ihm stand ein hübscher Bursche mit einer Gitarre über der Schulter. Die Prinzessin erkannte ihn als den Hofmusikanten Anton, der ihr mit seiner schönen Stimme schon so manches Lied vorgesungen hatte. Anton hielt ein Himbeertörtchen vor sich, das nicht viel größer als seine Handfläche war. Er hatte die Himbeeren im Wald gepflückt und die Milch für die Sahnecreme von der einzigen Kuh seiner Eltern geholt.

Im Hof hatten sich noch viele andere Heiratskandidaten versammelt. Der Oberhofmarschall inspizierte ihre prächtigen Torten. Aber aus Mangel an Himbeeren hatten sich die Männer mit Brombeeren und Erdbeeren beholfen und das war gegen die Regeln. Sie wurden alle weg geschickt.

So blieben nur noch der Kaufmannssohn Magnus, der Student Stultus und der Musikant Anton stehen. Zuerst deutete die Prinzessin auf die Riesentorte. Feierlich schritt der Oberhofmarschall mit einem Messer so groß wie eine Mistgabel auf das Zauberwerk zu. Als er ein Stück abschneiden wollte, glitt die Messerspitze von der harten Oberfläche ab und stach in eine der Riesenhimbeeren und es knallte laut, denn es war ja nur ein Luftballon, der nun zerplatzte. Die Zuschauer auf dem Balkon lachten und Zauberer Ambra-Kandra schlich auf Zehenspitzen davon. Der Student murmelte “ingratum trahit orbis terrarum” vor sich hin und schlurfte nach Hause.

Als nächstes nickte die Prinzessin in Richtung der stattlichen Torte des Kaufmannsohnes. Magnus grinste mit stolz geschwellter Brust und war sich seines Sieges sicher. Das lächerliche Törtchen des Musikanten hatte keine Chance. Der Oberhofmarschall schnitt ein Stück aus der prächtigen Himbeertorte und brachte der Prinzessin den Teller. Mit einem goldenen Gäbelchen kostet sie davon und nickte zufrieden.

Nun winkte sie dem Musikanten, er solle herauf kommen. Anton sprang die Stufen hoch zur Galerie und verbeugte sich unelegant vor der Prinzessin, dabei fiel ihm die Gitarre auf den Boden, aber das Törtchen konnte er vorm Absturz retten. Prinzessin Leonore kicherte.

Sie nahm das Törtchen mit den winzigen Waldhimbeeren aus seiner Hand entgegen und biss herzhaft hinein. Es schmeckte köstlich. Sie aß das ganze Törtchen in vier Bissen auf.

“Mein Appetit ist noch nicht gestillt”, sagte die Prinzessin. Der König runzelte seine Stirn und die Zuschauer auf der Galerie tuschelten miteinander. Sie waren sich nicht sicher, ob die Prinzessin den Törtchenbäcker lobte oder tadelte.

“Wenn du heute schon satt davon geworden wärst, würdest du dir nicht wünschen, dass ich morgen wiederkomme”, sagte Anton und lächelte sie an. Prinzessin Leonore lächelte zurück.

“Du sollst morgen wiederkommen”, sagte sie. Anton nickte glücklich.

“Hier ist eine ganze Torte für dich. An der kannst du dich satt essen”, rief Magnus aus dem Hof herauf. Sein Kopf war vor Wut so rot wie eine Himbeere.

“An deinem Überfluss verderbe ich mir den Magen”, sagte die Prinzessin und wedelte mit ihrem Spitzentaschentuch dem Oberhofmarschall zu, damit er den Kaufmannssohn vor die Tür setzen sollte. An diesem Tag schmauste die ganze Hofgesellschaft an der riesigen Torte und die Prinzessin lauschte dem Gesang von Anton.

Anton kam die Prinzessin am nächsten Tag wieder mit einem Törtchen besuchen und sie musizierten zusammen. Und so ging es Tag um Tag, Woche um Woche, bis zu ihrer Hochzeit.

Und wenn sie sich nicht an Himbeeren übergegessen haben, dann lieben sie sich noch heute.

Der un-unheimliche Geist aus Naban – Japan und sein royales Reich

Mir ist letztens ein tolles Fundstück in die Hände gefallen: Drei Märchen aus der Feder meiner kleinen Schwester Leonie, die sie als 12-Jährige geschrieben hat (die Altersangabe ist eine Schätzung, da weder die Befragung der Autorin, noch die Analyse des Dokuments eine eindeutige historische Einordnung zuließen). Leonie hatte schon als Kind – auch dank ihres Lesehungers – eine reichhaltige Fantasie und hat sich ständig Geschichten ausgedacht. Was für ein Glück, dass einige (wenige) davon auf Papier gebannt sind. Meine treuen Blogleser*innen der ersten Stunde kennen Leonie schon als meine Begleiterin bei der Erkundung vom Spreepark und vom Allmende Kontor.

Leonie (als 12-Jährige) und ich (mit meiner Nichte)

Eines ihrer Märchen heißt “Der Geist in der Wanduhr” (lesen lohnt sich!) und spielt in Japan. Diese originelle und witzige Geschichte hat mich zu einem eigenen Märchen inspiriert, das die Vorgeschichte des lieben Geistes erzählt.

Eine Geistergeschichte zum 1. Mai passt gut, denn zum walpurgischen Tanz in den Mai treffen sich nicht nur Hexen, auch andere übersinnliche Gestalten treiben ihr Unwesen. Da verwundert es nicht, dass ein kleiner japanischer Gast durch meinen Blog gegeistert ist. Bin gerade sowieso im Japan-Feeling seit ich in den letzten Tagen einige Dokumentation über das Land angeschaut habe. Außerdem ist gestern der Japanische Kaiser Akihito von seinem Chrysanthementhron gestiegen, um den Platz seinem Sohn Naruhito zu räumen, der heute den Thron besteigt. Ob der als Kind wohl auch den Geschichten vom verwunschenen Reich Naban gelauscht hat?

Der un-unheimliche Geist aus Naban

Fürchtet ihr euch vor Geistern? Das solltet ihr! Geister sind unheimliche Wesen, die durch Schlüssellöcher und Ritzen kriechen wie der Nebel, die nachts die Dielen zum knacken und die Türangeln zum quietschen bringen, die “Huuuuuh” in euer Ohr hauchen, so dass ihr eine Gänsehaut bekommt. Das ist die Regel. Aber was ist, wenn ein Geist das alles nicht kann? Von solch einem Geist möchte ich euch erzählen.

Es war einmal ein kleines Königreich. Es hieß Naban und lag irgendwo in Japan. Vielleicht habt ihr noch nie von diesem Königreich gehört. Das liegt daran, dass dieses Reich schon seit langer Zeit ohne König ist. Alle Menschen haben das Land verlassen.

Es geht die Sage um, im Land Naban hause ein Ungeheuer. Das hat vor Jahrzehnten ein Mann namens Rederade erzählt – ein Geschichtenerfinder, dessen Einfallsreichtum nur von seiner Unzuverlässigkeit übertroffen wurde. Seine Zuhörer aber glaubten ihm und gaben die Kunde vom Ungeheuer weiter.

Naban wurde menschenleer, blieb aber nicht völlig unbewohnt. Eine Sippe von Geistern hat sich dort angesiedelt. Es sind Geister vom Stamm der Yokai-wa-hui. Ihre Bestimmung ist es, Schabernack zu treiben und die Menschen zu erschrecken. Ihre wandelbare Gestalt ist meistens unsichtbar. Wenn sie erscheinen, dann meistens als weiße Nebelgebilde in menschenähnlicher Form. So glauben die Menschen, die Gestalt eines Verstorbenen im weißen Kimono zu sehen.

In der Königsstadt von Naban steht nur noch ein Haus. Das ist das Internat, in dem die jungen Yokai-wa-hui-Geister ausgebildet werden. Einer der Schüler war der kleine Geist He-Sun. Er war sehr verträumt und verpasste oft seine Unterrichtsstunden. Im Fach “Erscheinung” schimpfte seine Lehrerin Rei-Lee oft mit ihm:

“He-Sun, dein Kimono aus Mondstrahlen ist ganz löchrig. Wer soll denn Angst vor so einer Lumpengestalt haben?”

Aber so sehr sich He-Sun anstrengte, er konnte seine Gestalt nicht in ein weißes Geisterkleid hüllen.

Auch in der Geisterkinese-Klasse hatte er seine Schwierigkeiten. Hier lernten die kleinen Schüler, mit der Kraft ihrer Gedanken Gegenstände zu bewegen. Alle anderen konnten schon Möbel umwerfen und Türen zuknallen. Aber Hu-Sun schaffte es gerade mal, ein Essstäbchen zittern zu lassen.

“Wer soll sich bloß vor einem zitternden Essstäbchen fürchten?”, bellte Lehrer Tanuki.

Am besten gelang ihm noch die Geisterphonie. Hier mussten sie einen Lufthauch mit ihrem Geistermund formen und einen unheimlichen Klang erzeugen. Dazu kamen allerlei Hilfsmittel infrage. Manche suchten sich Regenrinnen, Teetöpfe oder Gießkannen. He-Sun fand eine Kaffeekanne aus weißem Porzellan mit blauer Bemalung, die eine Flusslandschaft zeigte. Der Deckel der Kanne war verloren gegangen und im Boden war schon ein kleiner Sprung. Aber der Hals der Kanne war geschwungen wie der Hals eines Schwans. Wenn He-Sun seinen Geistermund an die Öffnung des Kannenhalses legte und ganz fest ans Pusten dachte, geriet die Luft in Schwingung und aus dem Bauch der Kanne klang ein satter Ton wie beim Signalhorn eines Flussdampfers. He-Sun liebte deshalb seine Kaffeekanne und blieb immer in ihrer Nähe. Schließlich war sie sein einziges Grusel-Instrument.

Er quartierte sich in der kaputten Wanduhr ein, gegenüber vom Tisch, auf dem die Kaffeekanne stand. Aus dem Uhrenkasten konnte er seine Kanne gut im Blick behalten und wurde nicht gestört von den anderen kleinen Geistern, die durchs Haus tollten und mit ihrem Türen knallen und Möbel umwerfen um die Wette eiferten. Leider gab es hier keine Menschen, die sie mit ihren Kunststücken erschrecken konnten.

Im Land Naban lebten außer den Geistern auch noch einige Insektenarten, Fische und Vögel. Vielleicht gab es auch giftgrüne Eidechsen so groß wie Elefanten – aber da müsst ihr Rederade fragen. Auf jeden Fall gab es Spinnen in Naban. Das können euch die Geister bestätigen. Die Spinnen und die Geister haben eine ganz besondere Beziehung. Spinnen fürchten sich vor den Yokai-wa-hui-Geistern, weil sie unsichtbar durch die Luft fliegen und die Netze der Spinnen zum Schwingen bringen. Die Spinne denkt, sie hat eine Beute gefangen. Sie krabbelt hin, aber ihr Netz ist leer und zerrissen. Die Geister jedoch lieben es, in die Netze der Spinnen zu fliegen. Dann bleiben nämlich einige der Spinnenfäden an ihrer Aura kleben und so können sie noch weißer schimmern, wenn das Mondlicht auf sie fällt.

Am Tag der Abschlussprüfung musste jeder Geisterschüler drei Disziplinen vorführen und zeigen, dass er den Menschen Angst einjagen konnte.

Der kleine He-Sun wurde vom Poltern geweckt, als seine Kameraden alle Wandschirme im Haus umwarfen. Er hatte seine erste Prüfung verschlafen.

In der zweiten Prüfung mussten die Geisterschüler vor einem Spiegel entlang huschen und dabei in ihrer weißen Totengestalt aufschimmern. He-Sun gab sich alle Mühe, aber seine Gestalt flackerte nur grau auf und er sah aus, wie ein löchriges Putztuch. Die anderen Geister kicherten und seine Lehrer schüttelten ihre weißen Köpfe.

In der dritten Prüfung konnte He-Sun die einzige Kunst zeigen, die er beherrschte: Er pustete in den Hals seiner Kaffeekanne und das ganze Haus vibrierte vom tiefen Ton aus dem Porzellanbauch seines Instruments. Seine Lehrer verneigten sich vor ihm und gaben ihm sein Geister-Diplom.

Alle Geister verließen das Haus, um in der Menschenwelt außerhalb von Naban ihren Spuk zu treiben. Nur He-Sun blieb zurück. Er wäre auch gerne auf Spukreise gegangen, aber er war zu schwach, um seine Kaffeekanne von der Stelle zu bewegen und ohne seine Instrument konnte er nicht spuken. Er flog durchs verlassene Haus und warf sich in alle Spinnennetze. Die Spinnen ergriffen die Flucht und im ganzen Haus gab es bald kein einziges Spinnennetz mehr. He-Sun war nun ganz alleine und vertrieb sich die Zeit mit Träumen in der Wanduhr.

Eines Tages kam Abjoktka, der Ur-ur-ur-ur-Enkel von Rederade, ins Geisterhaus. Ihr kennt bestimmt die Geschichte dieses Helden, der ins Land Naban zog, um das Ungeheuer zu besiegen.

Endlich hatte He-Sun einen Freund gefunden und reiste in der Satteltasche von Abjoktka, der auch die Kaffeekanne für ihn trug, zum Tennō von Japan. Abjoktka kniete vor dem Chrysanthementhron und berichtete dem Herrscher von Japan, dass es kein Ungeheuer in Naban gäbe. Von dem Geisterhaus erzählte er lieber nichts und He-Sun blieb unsichtbar und leise.

So wurde der Held Abjoktka mit der Prinzessin verheiratet und wurde zum neuen König über Naban ernannt. Seitdem lebte der kleine Geist He-Sun mit der Königsfamilie im Palast. Jeder kannte ihn und niemand hatte Angst vor ihm, nicht einmal die Kinder des Königspaares. Um Mitternacht trötete der Geist immer auf seiner Kaffeekanne und das klang gar nicht unheimlich.

Eine wunderliche Begebenheit soll aber noch erzählt werden: Eines Nachts kamen Diebe ins Schloss von Abjoktka. Sie hatten es auf eine goldene Buddha-Figur im Esszimmer abgesehen. Als sie am langen Tisch vorbei schlichen, fiel ihr Blick auf eine Schüssel Reis, die dort noch vom Abendessen stand. Im Reis waren viele Linien gezogen, die ein symmethrisches Muster ergaben. Die Essstäbchen neben dem Teller zitterten ein wenig. Die Diebe starrten auf die Linien im Reis. Es sah aus, wie ein Zen-Garten. Sie konnten ihre Blicke nicht abwenden und versanken in eine tiefe Meditation. Am Morgen wurden sie von einem Diener entdeckt und gefangen genommen. Könnt ihr euch denken, wer dahinter steckte?

Seitdem wünscht sich jede japanische Familie einen lieben Hausgeist.