Grünraums Blogadventkalender 2019 – Türchen 3

Willkommen zu Grünraums Blogadventkalender 2019. Auch in diesem Advent gibt es wieder eine spannende Gemeinschaftsgeschichte. Was bisher geschah (in kursiv):

Scheiß Verspätung immer!“, schimpfte Henni und trat von einem Bein auf das andere. Es war bereits dunkel und dazu noch typisch nasskaltes Dezemberwetter. Zu allem Überfluss hatte sie auch noch keine Zigaretten mehr. Ihre ehemals wasserfeste Winterjacke, ein Geschenk von Uwe, dem alten Haudegen, hatte ihre besten Jahre auch hinter sich.
„Ach Henni!“, seufzte sie. Nur ihre Mutter rief sie mit ihrem vollem Namen Henriette. „Wir sind schon ganz schön alt geworden, wir beide.“ Sie merkte gar nicht mehr, dass sie mit sich selbst sprach.
Der Junge, der neben ihr im Buswartehäuschen stand, schaute sie irritiert an. Sie zuckte mit den Schultern und entdeckte in dem Moment auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine beleuchtete Leiter, die an einen Baum gelehnt war.

„Junge, sieht du das auch?“, fragte sie. Er drehte demonstrativ seinen Kopf zur Seite. Henni seufzte erneut. Wo war sie nur hingegangen, die Phantasie der Menschheit, ihre Traumbereitschaft, ihr Wunsch, leuchtenden Leitern in den Himmeln zu folgen und dort wem auch immer zu begegnen. Sollte sie vielleicht noch einen Vorstoß wagen?

„Hast du mal eine Zigarette für mich?“ fragte sie vorsichtig den von ihr abgekehrten schmalen Rücken in seiner viel zu großen Felljacke. Ob er wohl glaubte, dass er eines Tages in diese Jacke hineinwüchse? Vielleicht führte die Leuchtleiter direkt zu seinem Ziel, dabei fiel Henni das Monopoly Spiel ein und den Spruch, den sie tausendmal zu Hause gesagt hat: „Gehen Sie direkt ins Gefängnis, gehen Sie nicht über Los!“

Der junge Mann drehte sich verwundert um…

Türchen 3:

Er zog den Stöpsel des In-ear-wireless-Kopfhörers aus seinem linken Ohr – Henni sah, dass seine Ohrmuschel sehr groß und an den Rändern ganz rot vor Kälte war.

“Wie bitte?”, fragte der Junge mit den großen Ohren. Henni führte ihre zwei zigarettenlosen Finger in einer Rauchergeste zum Mund. Der Junge verstand und schüttelte bedauernd den Kopf. In diesem Moment kam der verspätete Bus um die Ecke und rollte in gemächlichem Tempo auf die Haltestelle mit den zwei Wartenden zu. Der Junge kramte in den tiefen Taschen seiner Felljacke nach dem Fahrschein.

“Jetzt bist du gleich im Warmen, Henni”, murmelte Henni. Sie hatte keine Zeit sich zu wundern, warum der Bus an diesem geschäftigen Adventsabend im Innern dunkel war und ohne Passagiere zu fahren schien – und was hatten die gelb leuchtenden Buchstaben “L-E-V” in der Zielanzeige über der Windschutzscheibe zu bedeuten? Der Bus kam direkt vor ihrer Nase zu einem Halt und die Türen öffneten sich  mit einem hydraulischen Seufzen. Eine Frau in einer gelben Weste mit Reflexionsstreifen stieg aus und verstellte ihr den Weg zum Einsteigen. Die Türen des Busses schlossen sich zischend und das Gefährt verschwand in der regennassen Nacht.

“Was soll das?”, wollte der Junge wissen und stapfte ungeduldig von einem Fuß auf den anderen.

“Heute haben wir Leiter-Ersatz-Verkehr”, verkündete die Frau und deutete auf den Baum, an dem die leuchtende Leiter lehnte.

Bus, Bushaltestelle, Straße, Anschlag

Morgen öffnet sich Törchen 4 bei  Michaela und dort geht die Geschichte weiter.

(Das Titelfoto stammt von Anne Winckler)

Mit einer Hochzeit über die Ziellinie im NaNoWriMo

Es ist vollbracht – ich habe mich 30 Tage lang der Schreib-Challenge des NaNoWriMo unterworfen und dies ist meine Bilanz (Stand 30.11.2019, 22:30 Uhr – die Zeit bis Mitternacht habe ich mit einer Ehrenrunde um den Häuserblock verbracht):

42.242 Wordcount total

2053 mein höchster Wordcount an einem Tag

1408 mein durchschnittlicher Tages-Wordcount (für die 50k hätte ich 1667 schaffen müssen)

1001 x gedacht: „In einer halben Stunde fange ich wirklich an!“

252 mein niedrigster Wordcount an einem Tag

179 Normseiten mit Carolines Briefen gefüllt

91 Schokoladenstücke (mit 70 % Kakaoanteil) beim Schreiben genascht

59 Spaziergänge (27 davon nach Mitternacht)

51 x mich beim Namen „Klarius“ vertippt: Klarisu

32 x Lebensmittel und Leckereien eingebaut (inkl. Recherche norwegischer Rezepte)

27 Tage, an denen ich mindestens ein Wort für meinen Roman geschrieben habe

23,58 die Uhrzeit, an der ich meinen Tages-Wordcount in die NaNoWriMo-online Statistik eingetragen habe (da kein Rückdatieren möglich)

21 x das Wort „Kuss“ verwendet

11 Namen für die Geschwister von Caroline ausgesucht: Elin, Liv, Hanne, Smilla, Gunda, Femke, Jaspar, Tjark, Finn, Mads und Jan (4 fehlen mir noch)

3 Tage, an denen ich genullt habe (d.h. kein einziges Wort zustande gebracht)

0 x die NaNoWriMo-Challenge verflucht

Nachtrag 1

1 x fälschlicherweise behauptet, ich hätte niemals die NaNoWriMo-Challenge verflucht

Nachtrag 2

Nicht quantifizierbar:

x Freude über die Geschichte, die entstanden ist

x ermutigendes und belohnendes Feedback aus meinem Familienkreis und von meinen treuen Blogleserinnen (DANKE an euch alle!)

Luftballons, Feier, Farben, Gummi

Nun möchte ich euch eine letzte Leseprobe (in diesem Jahr – keine Sorge, im Januar schreibe ich weiter) mit Feierlaune schenken:

Leseprobe:

Frederikshavn, 5. April 1934

Meine liebe Elin,

heute schreibe ich dir zum ersten Mal als verheiratete Frau. Ich kann dir noch gar nicht sagen, ob ich mich wirklich anders fühle, als gestern und vorgestern. Ich bin immer noch traurig, dass du nicht bei unserer Hochzeit dabei sein konntest – ich hoffe sehr, dass dein Fieber bald abklingt und du schnell wieder auf die Beine kommst. (…)

Wie du ja weißt, hat sich Mutter mit großem Eifer in die Hochzeitsvorbereitungen gestürzt (sie war übrigens seit meiner Verlobung wie ausgewechselt und hat mich mit Nettigkeiten überschüttet – was sie aber nicht davon abgehalten hat, mich auf eine strenge Diät zu setzen, damit ich in das seidene Hochzeitskleid von Cousine Lily passen würde).

«Du musst bis zu Hochzeit zehn Pfund abnehmen», hatte Mutter verkündet (das war Anfang Januar).

Marzipankartoffeln, Marzipan, Süßware

«Auf deine Windbeutel und andere Naschereien musst jetzt erstmal verzichten». Das habe ich bis Ende Februar auch getan (obwohl ich gestehe, dass doch die eine oder andere Marzipankartoffel in meinen Mund gewandert ist – Gemüse hatte Mutter mir schließlich nicht verboten). Anfang März passte ich immer noch nicht ins Brautkleid. Ich hatte nur 700 Gramm abgenommen – wie die unbestechliche Waage in der Apotheke gezeigt hat – natürlich haben sämtliche Kundinnen in der Apotheke vom Drama meines Übergewichts mitbekommen – sogleich wurde ich von der Heerschar von Damen umringt und jede von ihnen hatte einen guten Ratschlag, wie ich innerhalb der nächsten fünf Wochen die hinderlichen Pfunde abnehmen könnte (von Sauerkrautsaft bis Körperwickel).

Knäckebrot, Brot, Knusprig, Lebensmittel

Seitdem gab es für mich nur noch Knäckebrot mit Hering zum Frühstück und Gemüsesuppe zum Abendessen, Mittags einen Apfel. Ich habe noch nie so viel Magenknurren gehabt! Nachts habe ich von Torten und Schololadenbrunnen geträumt – aber ich bin standhaft geblieben (was mir sicher nicht geglückt wäre, wenn Mutter nicht sämtliche Süßigkeiten aus dem Haus verbannt hätte, angefangen beim Depot in meinem Nachtschränkchen). (…)

Übrigens verriet mir Vater, dass der Kapitän eine stattliche Summe zur Hochzeit beigesteuert hatte. Ich wusste gar nicht, wie teuer so eine Hochzeit ist (…). Das Menü (alleine die Hochzeistorte beim Konditor kostete so viel, wie ich in zwei Wochen verdiene), dann der Alkohol (hier hat Onkel Rasmus sich als großzügiger Sponsor hervorgetan – alle Getränke gehen auf ihn), die Kleider der Brautjungfern (immerhin bekam ich mein Brautkleid umsonst) – das alles verschlingt Unsummen. Bei vielen meiner Freundinnen gab es im Festsaal auch eine kleine Musikkapelle, damit man tanzen konnte (ein Hochzeit ohne Tanz kann ich mir nicht vorstellen), aber nachdem wir die Abendgagen von drei dieser Kapellen gehört hatte, sagte Mutter:

«Es ist ja nicht so, als würdest du Prinz Frederik heiraten» (das wurde einer ihrer Lieblingssätze, immer wenn etwas zu teuer war).

Eine große Hilfe bei der Hochzeitsplanung war Tante Gunda – so zum Beispiel auch bei der Suche nach einer bezahlbaren Kapelle. Nachdem ich mich strikt geweigert hatte, dass die Marschkapelle der freiwilligen Feuerwehr engagiert wird (wobei das Wort «Kapelle» zu hoch gegriffen ist für drei Trompeter, einen Posaunisten und einen Paukenspieler – die maximal fünf Trinklieder spielen können), schlug Tante Gunda vor, bei der Musikhochschule nachzufragen. Dort fanden wir ein Streich-Quartett, das eigentlich auf Beerdigungen spezialisiert ist, aber die Musiker versicherten uns, dass nirgendwo so gut getanzt werden würde, wie nach einem Leichenschmaus. Nach einer Hörprobe von Tanzliedern waren wir überzeugt (übrigens spielt in diesem Quartett eine Studentin die Erste Geige, was mir gut gefällt, die anderen drei sind junge Männer, die wie Brüder aussehen – vielleicht weil sie alle so dünn sind – ob die Musik wirklich eine brotlose Kunst ist?). Auf jeden Fall vereinbarten wir, dass sie zusätzlich zur Gage auch freie Getränkwahl bei der Feier haben würden («kein Freiessen», rief Mutter, «sonst bleibt nichts für unsere Gäste übrig»).

(…)

Eine Woche vor dem großen Tag war dann die finale Anprobe vom Hochzeitskleid – und siehe da, die Knöpfe auf meinem Rücken ließen sich schließen (was ich sofort mit einer Marzipankartoffel feierte). Meine Brautjungfern (Cousine Nora, Fräulein Olsen und Helga) kamen auch zur Anprobe – ihre Kleider waren einheitlich aus zart violettem Chiffon, schlicht geschnitten mit hübschen gestickten Verzierungen in rosé mit floralen Mustern.

«Ich komme mir vor, wie eine Blumenelfe», rief Helga.

«Und ich wie alte Zuckerwatte. Und dieser Schnitt… Da ist ja selbst mein Nachthemd eleganter», sagte Fräulein Olsen säuerlich (das Lila des Kleides biss sich leider auch ziemlich mit der Rotfärbung ihres Haares – sie würde vor der Hochzeit noch zum Frisör gehen). Der Schneider stach ihr beim Abstecken des Ärmels aus Rache in die Handgelenke (der Saum musste umgenäht werden).

Zwei Tage vor der Hochzeit kamen also Klarius und seine Mutter nach Frederikshavn (sie waren bei Onkel Rasmus und Tante Gunda zu Gast – nur für unsere Hochzeitsnacht war ein Hotelzimmer reserviert). Es war ein seltsames Gefühl, mich mit Klarius nach über drei Monaten vor dem Pfarrer wieder zu sehen – einerseits sah er unverändert aus (nur seine Haare waren über den Ohren und an den Schläfen militärisch kurz geschnitten, er was offenbar frisch vom Frisör) – ob er meine hart erkämpfte Gewichtsabnahme von neun Pfund bemerkte, weiß ich nicht – aber ein wenig fremd war er mir zunächst trotzdem. Wir lächelten uns an, tauschten höfliche Worte aus, aber waren beide ziemlich angespannt.

Dann gingen wir heim – inzwischen hatte Mutter mit den Nachbarinnen den Ehrenbogen aus Kiefernzweigen vor der Haustür unseres Elternhauses errichtet – mich überkam ein fast lächerliches Gefühl von Stolz, dass dieser Ehrenbogen mir galt (und nicht wie sieben Mal zuvor einer meiner Schwestern).

Wir aßen gemeinsam zu Mittag. Unsere Mutter redete ohne Pause und weihte meinen Verlobten in die wichtigsten Punkte der Feierlichkeiten ein (wobei sie es sich nicht verkneifen konnte, immer wieder auf die halsabschneiderischen Geschäftsleute zu schimpfen, die den Brauteltern die letzten Kronen aus der Tasche zogen – was ich ziemlich peinlich fand, da Klarius ja einen Großteil der Hochzeitskosten aus seiner Tasche bezahlte). Vater brummte ein paar Mal und gab Mutter unter dem Tisch einige Stubser mit dem Fuß, die ihren Redeschwall aber nicht stoppen konnten.

Am Tag vor der Hochzeit haben mein Bräutigam und ich uns nicht gesehen (so wie es Tradition ist), stattdessen kam seine Mutter zu uns nach Hause, um die norwegische Erbensuppe für die Nach-Mitternachts-Stunde zu kochen. Frau Mikkelsen hielt sich nicht lange mit Plauderei auf, sondern marschierte beladen mit zwei Körben und drei Taschen voller Zutaten in unsere Küche und verlangte, den größten Kochtopf zu sehen, den wir im Hause hatten. Mutter zeigte ihr unseren Suppentopf, aber Frau Mikkelsen schüttelte den Kopf (immerhin sollte die Suppe für über 70 Gäste reichen) und zeichnete mit Händen und Armen einen Topf von der Größe eines Waschzubers in die Luft. Mutter überlegte kurz und lief dann durch den Garten zu Frau Jakobsen und kam kurze Zeit mit dieser zusammen wieder, beide schleppten eine riesigen Metalltopf (der früher mal beim Roten Kreuz im Einsatz war und aus dem schon so manche Kompanie satt worden war). Der Topf war so riesig, dass er die gesamte Kochstelle (vier Gasflammen, die wir später auch allesamt anließen) überdeckte. Frau Jakobsen blieb gleich da, um mitzuhelfen. Unter dem Kommando von Frau Mikkelsen schälten und schnitten wir kiloweise Kartoffeln, Zwiebeln und Suppengrün, was wir in viel Öl andünsten und mit schwarzem Pfeffer würzten. Dann gaben wir tütenweise getrocknete gelbe Schälerbsen in den Topf, gossen alles mit viel Wasser auf, Petersilie und einige Loorbeerblätter sowie Salz und (noch mehr) Pfeffer kamen hinzu.

Dann blubberte unser Werk in dem gigantischen Topf über eine Stunde vor sich hin und verbreitete einen Appetit anregenden Duft (mein Magen meldete sich knurrend, war ich froh, dass meine Brautkleid-Diät ab übermorgen vorbei sein würde). Mutter schenkte uns allen Kirschlikör aus und allmählich löste sich die Zunge von Frau Mikkelsen und sie verriet mir, dass die Erbsensuppe für das Brautpaar ein Symbol sei für Fruchtbarkeit (als sie sich den Bauch rieb, dachte ich zuerst, sie meine nur den Genuss beim Essen) und Reichtum (die Geste des Fingerreibens erkannte ich sofort). Als die Suppe fertig gekocht war, kam noch ein riesiger Schinkenknochen für zusätzliches Aroma hinein (der bis zum Servieren morgen Nacht dort drinnen ziehen würde). Zu Dritt hievten wir den Topf (der nun mit einem Deckel luftdicht verschraubt und so schwer war wie ein ausgewachsener Seeteufel) auf den Küchentisch und ich fragte mich, wer dieses Monstrum morgen zum Festsaal transportieren würde und wie.

«Den Topf ziehen Lars und Jan mit dem Leiterwagen», betimmte Mutter. Frau Mikkelsen nickte zufrieden.

(…)

Dann war der große Tag gekommen. Obwohl ich hätte ausschlafen können, war ich mit dem ersten Licht des Tages wach und konnte vor Aufregung nicht mehr still liegen. Also habe ich ein ausführliches Bad genommen und bin dann in die Küche hinunter, die nach dem Polterabend wie ein Schlachtfeld aussah, es stapelte sich ungewaschenes Geschirr und überall standen Gläser und leere Bierflaschen herum, nur der riesige Topf mit der Erbsensuppe thronte unberührt vom Chaos auf dem Küchentisch. Ich machte mir eine heiße Schokolade und aß dazu zwei Knäckebrote (ohne Hering, den konnte ich nicht mehr ertragen).

Gegen 9 Uhr hörte ich ein Getöse von oben – ein sicheres Zeichen, dass Mutter wach war und ihr Hochzeitsmotor auf vollen Touren lief. Bald trampelte sie die Treppe hinunter, noch im Morgenmantel und mit Nachthaube. (…)

Um 13 Uhr fuhren die Wagen vor, um die Familie zur Kirche zu bringen – Mutter sah in ihrem grünen Samtkleid mit den roten Schleifen den Ketten wie ein Weihnachtbaum aus, Vater trug seinen bewährten Brautvateranzug (der nach jahrelangem Einsatz einen leicht abgewetzten Anblick bot, aber die glänzenden Lackschuhe und die frische Tulpe im Knopfloch machten einiges wieder gut).

Die Braut («das bin wirklich ich», ging es mir immer wieder durch den Kopf – ich konnte es kaum glauben) wurde eine halbe Stunde später abgeholt, damit die Festgemeinde genügend Zeit hatte, sich zu begrüßen und Platz zu nehmen. Meine Brautjungfern Fräulein Olsen und Helga (du liebe Elin wärst ja meine Nummer Eins gewesen, wie sehr habe ich dich in diesem Moment vermisst!) waren inzwischen eingetroffen und warteten mit mir.

«Du siehst aus wie ein Prinzessin», schwärmte Helga.

«Wie Greta Garbo», bekräftigte nochmals Fräulein Giese, die unaufhörlich an meinen Haaren und an meinem Kleid zupfte. In meinem weißen Kleid fühlte ich mich wirklich wie eine Göttin (die allerdings ein wenig den Bauch einziehen musste, damit die Knöpfe nicht zu sehr unter Spannung gerieten).

Blumenstrauß, Hochzeit

FORTSETZUNG FOLGT…

Wie gefallen euch die Hochzeitsvorbereitungen?

Verlobung auf dänisch-norwegisch (NaNoWriMo)

In der dritten Woche  bin ich in einen guten Schreibschwung gekommen. Ich schaffe an den meisten Tagen zwischen 1.700 und 1.900 Wörtern – liege damit über dem Tagespensum von 1.667 Wörter – aber um meinen  schwachen Start  der ersten zwei Wochen aufzuholen, reicht es nicht aus – aber mein neues Ziel lautet ja sowieso 40.000. Zurzeit liege ich bei 33.000 Wörtern (144 Normseiten) – ich kann das also in den nächsten 6 Tagen gut schaffen.

Inhaltlich bin ich immer noch bei Caroline im Winter 1933 bis Frühling 1934 und ihrem Kennenlernen mit dem Kapitän. Am Freitag hatte ich einen echt guten Lauf mit dem Erzählen ihres Verlöbnisses.

Als nächstes steht natürlich die  Hochzeitsfeier an (dazu habe ich dänische Hochzeitsbräuche recherchiert – wirklich witzig, was es da alles gibt – zum Beispiel schneidet die Braut ihrem Bräutigam die Zehenspitze der Socken ab – früher musste sie diese dann wieder annähen und den Hochzeitsgästen damit ihre hausfraulichen Fähigkeiten  beweisen). Aber am Samstag war ich dann so blockiert vor der Aufgaben, die Hochzeit nun als kleinen dramaturgischen Höhepunkt besonders toll zu beschreiben, dass ich an diesem Tag kein einziges Wort zu Papier gebracht habe (was meiner Wörter-Statistik einen weiteren Tiefpunkt verschafft hat).

Am Sonntag ging es dann wieder (habe mich schreibend in Hochzeitskleid-Diät und andere Vorbereitungen gestürzt)  heute ist der Polterabend dran – ich zögere das große Ereignis ein bisschen heraus…

Seil, Knoten, Gebunden, Verdreht, Boot, Nautik, Meer

Leseprobe (aus Tag 22, Freitag):

Situation: Der Kapitän Klarius Mikkelsen hat um Carolines Hand angehalten. Sie hat zugestimmt, obwohl sie ihn nicht wirklich gut kennt, aber schon ein bisschen verliebt ist (sie hat ihn für 2 Tage in Sandefjord, Norwegen besucht, dort hat er ihr einen Kuss gegeben, ihr ein Parfüm geschenkt und ein Foto von ihr machen lassen, danach haben sie sich kurze Postkarten geschrieben). An diesem Tag ist der Kapitän in Frederikshavn (Dänemark) eingelaufen und will am Abend die Eltern von Caroline um ihre Zustimmung zur Heirat bitten.

Frederikshavn, 14. Dezember 1933

Meine liebe Elin,

jetzt muss ich dir doch noch einmal schreiben, bevor wir uns in 8 Tagen wieder sehen. Du kannst dich schon im Backen eines Kranzkuchens üben, denn im Frühling steht eine Hochzeit ins Haus! Ja, liebe Schwester, ich habe mich heute mit Klarius verlobt! Das ging nun doch schneller, als erwartet, aber ich bin glücklich. (…)

Als ich nach Feierabend nach Hause kam (gegen 18 Uhr), war das Haus in heller Aufregung – besser gesagt Mutter, die genauso viel Wirbel machte, wie eine ganze Mannschaft. Aus der Küche zog mir der Geruch von Kräuterbrot und Fischsuppe in die Nase, im Wohnzimmer saß Vater in seinem Ohrensessel wie eine Wachsfigur, während Mutter mit einem Staubwedel in der einen Hand und einem Möbelpoliturtuch in der anderen Hand um ihn herum schwirrte und die gesamte Wohnzimmereinrichtung abwechselnd mit beiden Händen auf Vordermann brachte – wobei es mich nicht gewundert hätte, wenn sie auch die Glatze von Vater poliert hätte.

“Hol den Weihnachtsstern aus der Küche und stelle ihn hier auf die Anrichte”, rief sie mir zu, als sie mich sah.

“Nein, geh zuerst auf dein Zimmer und zieh dir was Hübscheres an. Und deine Haare sind auch ganz zerzaust!”

Ich tat, wie mir geheißen. Zu diesem besonderen Anlass legte ich mir sogar die Perlenkette um, die ich beim ersten Abendessen mit dem Kapitän getragen hatte (wobei er das bestimmt inzwischen vergessen hat – Männer achten im Allgemeinen nicht auf solche Details).

Als ich wieder hinunter kam, sah ich Frau Jakobsen durch den Flur in die Küche stürmen (das zeitweilige Zerwürfnis zwischen Mutter und unserer Nachbarin war seit kurzem gekittet – du erinnerst dich, es ging um die Pflaumen, die vom Baum der Jakobsens immer in unseren Garten fielen und angeblich die vielen Schnecken angelockt hatten). Ich folgte der Besucherin und fand in der Küche zu meinem Erstaunen noch drei weitere Nachbarinnen vor (Frau Solberg, Frau Norup und die Alte Bendtsen), denen Mutter offensichtlich vom kurzfristigen Besuch des Brautwerbers erzählt und die jede eine Gabe für das Verlobungsessen beigesteuert hatte – auf dem Küchentisch standen dicht gedrängt einige Vorspeisenplatte (u.a. Kräcker mit Räucherlachs, Schwarzbrot in quadratische Stücke geschnitten und mit einem Käsewürfel und einem Radieschen zusammen mit einem Zahnstocher zu Reitern aufgerichet), ein Blechkuchen mit Äpfeln, Rosinen, Nüssen und Sträuseln eingedeckt und diverse Kännchen und Terrinen, deren Inhalt ich auf die Schnelle nicht erkennen konnte. Das Kräuterbrot aus dem Ofen sah gefährlich dunkelbraun aus und die Fischsuppe blubberte.

“Raus aus der Küche”, rief Mutter und fuchtelte mit der Hand als würde sie nach Mücken schlagen, “deine Haare sollen nicht nach Fisch riechen”.

Also verzog ich mich schleunigst. Dann fiel mir das Parfüm ein und ich lief noch mal nach oben auf mein Zimmer und tupfte mir das Pariser Liebesparfüm (mit Walfischsubstanzen), das Klarius mir geschenkt hatte, hinter die Ohren.

In diesem Moment läutete es an der Haustür. Ich hörte ein aufgeregtes Gegacker aus der Küche, dann ging die Hintertür auf und ich sah die Schar der Nachbarinnen durch unseren dunklen Garten tippeln und durch das Hintertörchen in die Garagengasse verschwinden.

Vom Absatz im ersten Stock aus spinkste ich durch das Treppengeländer in unseren Flur hinunter und sah Mutter zur Haustür rauschen wie eine Walküre auf Siegeszug (ihre Schürze hatte sie abgelegt, dafür ihre Theater-Stola aus Fuchspelz um ihre runden Schultern gelegt). Ich hörte die tiefe Stimme von Klarius, der meiner Mutter einen guten Abend wünschte und ihre einen Strauß Tulpen (die zu dieser Jahreszeit sicherlich ein halbes Vermögen gekostet hatten – auch wenn sie aus dem Gewächshaus in Holland kamen). Mutter überschüttete ihn mit einem Schwall von Willkommensworten und führte ihn ins Wohnzimmer zu Vater, der den Gast dann gelassen übernahm (bei sieben verheirateten Töchtern war er in dieser Art von Gespräch ja bestens geübt). Jetzt würde Vater mit dem Kapitän das Finanzielle besprechen (dass ich keine Mitgift hatte, nur eine kleine Aussteuer, würde den Kapitän hoffentlich nicht vom Kurs abbringen – aber ich wusste ja andererseits, dass er selbst gut situiert war, was er meinem Vater seinerseits auch darlegen würde).

Mutter winkte mich hinunter und wir trugen die Vorspeisen ins Esszimmer (hier hingen einige Bilder schief, die vorhin bestimmt mit Mutters Stauchwedel in Berührung gekommen waren). Mutter hatte den Tisch schon eingedeckt mit dem Tafelsilber von Erbtante Isolde – was teilweise schon ein wenig angelaufen war.

“Guck nicht so”, zischte sie, als sie sah, wie ich eine Gabel mit fast schwarzen Zinken ins Licht hielt, “das Silberputzen ist doch deine Aufgabe.”

Die Servietten waren jedenfalls tadellos gebügelt (was wohlgemerkt meine Aufgabe ist). Mutter stellte den Tulpenstrauß auf den Tisch und zusammen mit den zwei großen Kerzen in den silbernen Haltern sah alles ganz festlich aus.

Das Gespräch im Wohnzimmer schien ewig zu dauern, Mutter verschwand immer wieder, um an der Tür zu horchen, ich nutzte diese Gelegenheiten, um mir erst eines und dann noch ein zweites Glas Kirschlikör einzuflößen, was mich immer heiterer werden ließ.

Nach einer Dreiviertelstunde öffnete sich die Tür und Vater winkte uns herein. Im Zimmer war es diesig vom Pfeiffen- und Zigarrenrauch (die Zigarre musste zum Kapitän gehören) und auf dem Beistelltisch stand eine halb leere Flasche Brandy, beide Herren waren glänzender Laune. Vater nahm meine linke Hand und legte sie in die rechte Hand von Klarius (die sich warm und weich anfühlte und mir ein Gefühl von Vertrauheit gab).

“Auf eine gute Verbindung”, sagte er dröhnend und klopfte dem Kapitän kräftig auf die Schulter. Dieser grinste wie ein Schulbub und gab mir einen Kuss auf die Wange. Mutter drängte sich nun dazu und gratulierte dem Kapitän zu seiner guten Wahl.

“Sie werden merken, unsere Caroline ist eine wahre Perle (das hörte ich zum ersten Mal aus ihrem Mund), “und einen Kapitän als Schwiegersohn wollten wir schon immer haben (in Wirklichkeit hatten sie ja auch schon drei von dieser Sorte), selbst einen Norweger”, rief sie.

Vater klatschte in die Hände und sagte, jetzt wollten wir mit gutem Essen feiern. Beim Abendessen saß ich meinem Verlobten gegenüber und achtete darauf, dass sein Teller und sein Glas nie leer wurden. Wir schmausten zusammen – dank der Zugaben der Nachbarinnen waren die Speisen wirklich ein Genuss – das Kräuterbrot mit der schwarzen Kruste ließ ich unauffällig verschwinden (das bekamen morgen die Vögel).

Mein Verlobter und Vater sagten uns, dass sie besprochen hätten, dass unsere Trauung im nächsten April stattfinden soll. Klarius würde von Januar bis März auf einer längeren Expedition im Atlantik unterwegs sein (was mir neu war).

Als es um die Planung der Feierlichkeiten ging, war Mutter ganz in ihrem Element. Natürlich müsse die Braut aus dem Hause ihres Vaters ins neue Leben aufbrechen, das heißt die Heirat solle auch in Fredikshavn stattfinden (wo alle meine Verwandten und insbesondere Brautjunfern wohnten), nach dänischer Sitte. Ich hatte mir ehrlich gesagt um die Zeremonie selbst noch gar keine Gedanken gemacht (auch wenn es üblich ist, dass die Familie der Braut die Feierlichkeiten ausrichtet). Klarius war ohne Widerrede mit der Hochzeit in Frederikshavn einverstanden – er habe nur wenige Verwandte in Sandfjord, da sei es praktischer, wenn nicht so viele Gäste anreisen müssten, als im umgekehrten Fall (Mutter erweckte den Eindruck, als wäre ich mit halb Frederikshavn verwandt oder zumindest befreundet, was irgendwie auch stimmte). Und was die Hochzeitsbräuche anging werde er sich gerne von den dänischen Sitten überraschen lassen. Auf jeden Fall werden wir gleich morgen gemeinsam zum Standesamt und zu unserem Pfarrer gehen und unser Aufgebot bestellen. Mutter wollte unbedingt auch eine kleine Verlobungsanzeige in die Kirchenzeitung bringen, aber Vater sagte: “Das spricht sich auch so herum.”

Liebe Elin, nun habe ich dir von diesen aufregenden Tag so gut wie möglich erzählt. Mein Kopf schwirrt vor Glück und vor Kirschlikör. Ich werde nun zu Bett gehen. Du musst mir nicht antworten (obwohl ich mich – wie du weißt – riesig über jeden Brief von dir freue), denn wir sehen uns ja in wenigen Tagen zu Weihnachten wieder, dann können wir über alles von Angesicht zu Angesicht sprechen.

Sei umarmt und geküsst liebe Schwester,

Deine Caroline «Mikkelsen» (meinen zukünftigen Familiennamen werde ich nun bei jeder Gelegenheit ausschreiben, um mich so schnell wie möglich an ihn zu gewöhnen)

PS: Ich werde morgen in den Buchladen gehen und mir eine Sprachfiebel in Norwegisch beschaffen. Bis April will ich fleißig meine neue Heimatsprache lernen.

Dieses Brautkleid aus dem Jahr 1930 habe ich für Caroline ausgesucht.

Ich bin gespannt, wie euch diese Szene gefällt und freue mich sehr über Feedback.

Halbzeit im NaNoWriMo – Eiszeit für Wörter – 40 ist die neue 50

Zum dritten Mal stelle ich mich im November wieder der Herausforderung des National Novel Writing Month (NaNoWriMo) – einen Roman mit mindestens 50.000 Wörter in 30 Tagen zu schreiben – und heute ist Halbzeit (Tag 15). Meine Bilanz: Ich trage hechelnd die rote Laterne und habe den Anschluss ans Feld verloren. Mein täglicher Wordcount kommt an vielen Tagen kaum über 500 Wörter hinaus, an zwei Tagen habe ich genullt. Manchmal schaffe ich die 1.667 Wörter des Tagespensums – lege mich zufrieden ins Bett (nach Mitternacht – denn ich schaffe den Kraftakt des Schreibens meistens erst nach 20 Uhr) – nur damit der Wörterkampf am nächsten Morgen wieder von vorne anfängt. Hinzu kommt, dass ich ständig mit meinen körperlichen Beschwerden (starke Kopfschmerzen) zu kämpfen habe, was die Schreiblust nicht gerade erhöht.

Für das Soll-Pensum brauche ich 2 ½ bis 3 Stunden reines Schreiben. Meistens versuche ich, vor dem Mitagessen eine 45 Minuten-Session zu machen – wenigsten 600-800 Wörter, damit ich am Abend innerhalb von 2 Stunden die fehlenden 1000 Wörter hinbekomme. In der Zwischenzeit gehe ich viel spazieren und denke ein bisschen über meine Geschichte nach (aber meistens entwickelt sich die Handlung beim Schreiben selbst).

Und worüber schreibe ich: Meinen Antarktis-Frauenroman habe ich schon im Mai diesen Jahres entworfen und eine Exposé plus 20 Romanseiten für das Berliner Autorenarbeitsstipendum eingereicht (bisher noch nichts gehört, ich rechne mit einer Absage). Vielleicht ist es ja dieser Umstand, dass ich das Konzept schon recht gut ausgearbeitet habe, was mich jetzt so hemmt – ich habe jedenfalls keine Lust, meinen „Fahrplan“ abzuarbeiten.

Also habe ich am ersten Tag einfach mit einem Brief der jungen Caroline Mikkelsen an ihre Lieblingsschwester begonnen (diese habe ich Elin genannt – übrigens ist die Webseite für dänische Vornamen die am häufigsten von mir aufgerufene – ich brauche ständig neue Namen – am zweit häufigsten suche ich nach Rezepten, denn meine Heldin nascht gerne süße Sachen und muss auch für ihre Schwiegermutter ein nordisches Fischgericht zubereiten). So beginnt der Brief: Sandefjord (Norwegen) im Sommer 1934, die 27-jährige Dänin Caroline ist frisch mit Kapitän Mikkelsen verheiratet (den sie kaum kennt und der 19 Jahre älter ist als sie) und muss sich in ihrer neuen Heimat zurecht finden.

In der Briefform ist es mir recht leicht gefallen, die Stimme dieser jungen Frau zu finden, die vertrauensvoll ihrer Schwester von ihren Gefühlen und Eindrücken erzählt (ich habe mich im Briefschreiben auch davon befreit gefühlt, „literarisch“ zu schreiben, Caroline schreibt von der Seele weg, sprunghaft, mit Zwischeneinschüben in Klammern und vielen Gedankenstrichen).

Dieses Konzept habe ich beibehalten und ich bin immer noch briefeschreibend bei Caroline, auch wenn ich mich immer wieder ermahnen muss, nicht von meinem Stil der ersten Tage abzuweichen (je länger ich schreibe, umso reflektierter drückt sich Caroline aus, ich streiche zwischendurch immer wieder zu „gehobene“ Vokabeln und Formulierungen).

In den ersten drei Tagen habe ich die Begegnung von Caroline mit der Familie Christensen beschrieben, die ihre Antarktisexpediton von 1935 beauftragen. In dieser Brieferzählung kam der Kapitän nur am Rande vor und obwohl ich Caroline mit (naiver) Bewunderung über ihn schreiben lasse, klingt doch sein herrisches Temperament durch und ich habe einen Geizkragen aus ihm gemacht (so kontrolliert er zum Beispiel Carolines Haushaltskasse).

Am Tag 4 habe ich mir überlegt, dass man so nicht nachvollziehen kann, warum Caroline diesen Mann geheiratet hat. Also bin ich zeitlich in das Jahr 1933 zurück gesprungen, nach Frederikshavn (Dänemark) und habe mich ausführlich in die Begegnung des Paares vertieft: Sie arbeitet im Büro ihres Onkels, der einen Fischgroßhandel betreibt, der Kapitän ist Zulieferer und kommt als Geschäftsparter ins Büro und so kreuzen sich ihre Wege. Dann gibt es ein erstes „Date“, außerdem taucht eine Konkurrentin in Person der Bürovorsteherin Fräulein Olsen auf.

In den letzten Tagen habe ich beschrieben, wie Caroline (mit zwiespältigen Gefühlen) die Einladung des Kapitäns auf einen Besuch in seine Heimatstadt annimmt (der seine Heiratspläne klar zu verstehen gibt, die Mutter von Caroline drängt ihre Tochter, auf das Werben des Norwegers einzugehen). Heute habe ich eine Szene begonnen, in der Caroline ihrer skeptischen Schwiegermutter in spe etwas vorkochen soll (was gründlich schief geht).

Bei alledem habe ich mich alleine von meiner Fantasie leiten lassen – die biografischen Informationen über Caroline Mikkelsen (später Mandel), die ich von ihrem Sohn und aus diversen Zeitungsartikeln gewonnen habe, sparen diese frühe Phase ihres Lebens aus.

In vielen Details fehlt es mir an historischem Wissen (z.B. wie waren die Häuser in Norwegen in den 1930er ausgestattet, wie war die Infrastruktur von Sandefjord, wie fuhren die Autos, welche Musik wurde gehört, welche kitschigen Frauenbücher wurden gelesen – meine Suche hierzu bei Google hat keine Treffer ergeben) und von der Ausstattung eines Walfängers ganz zu schweigen. Aber im Moment will ich mich davon nicht aufhalten lassen (ich schreibe einfach auf Geratewohl), die historisch korrekten Details muss ich dann in der Überarbeitungsphase einfügen bzw. berichtigen.

Ich werde nun erstmal so weiter machen und nicht versuchen, meinen Plot-Plan abzuarbeiten. Im Moment habe ich keine Lust (und keine Inspiration), zu meiner zweiten Protagonistin Jesse zu wechseln, der Journalistin in Australien, die sich im Jahr 1995 auf die Suche nach der ersten Antarktis-Betreterin macht.

Völlig klar ist, dass ich bis Ende November die Romanhandlung nicht (annähernd) zuende schreiben kann. Und den 50.000 Wörtern will ich auch nicht mehr hinterher hecheln (ich könnte es bei einem Tagespensum von ca. 2.100 Wörtern noch schaffen). Ich sage mir: 40 ist die neue 50.

Mein neues Ziel sind 40.000 Wörter (das kann ich mit dem regulären Tagespensum von 1.667 Wörtern schaffen – das ist schwer genug).

Meine ernüchternde Statistik

PS: Die 925 Wörter dieses Blog-Artikels füge ich als Autorinnenreflexion in mein Romandokument ein – diese werden gnädig für heute mitgezählt.

Hier nun zu meiner (und eurer) Aufmunterung eine kleine Leseprobe (das nächste Mal lernt ihr dann Kapitän Mikkelsen und die Schwiegermutter kennen):

Sandefjord, 10. Juni 1934

Meine liebe Elin,

du möchtest bestimmt wissen, wie es deiner Schwester in der neuen Heimat geht. Klarius hat ein solides Haus direkt am Hafen von Sandefjord für uns gekauft, es ist aus Holz und hat einen roten Anstrich und weiße Fensterrahmen. Jetzt im Sommer haben wir nur in der Küche den Ofen an, aber Klarius sagt, auch im Winter werden wir es warm haben. Wir haben uns schon gut aneinander gewöhnt.

(…)

Ich greife den Stift wieder auf und muss dir unbedingt erzählen, was ich gestern erlebt habe. Klarius und ich waren bei Familie Christensen zum Abendessen eingeladen. Wie du vielleicht weißt, ist Herrn Lars Christensen der bedeutenste Reeder in Norwegen und hier in Sandefjord die bedeuteste Person der Stadt, nicht nur für die Walfänger und Seeleute. Viele der wichtigsten Expeditonen in die Polarregionen wurden von Herrn Christensen finanziert und angeleitet. Er selbst ist erst in diesem Frühling von einer Antarktis-Expedition zurück gekehrt.

(…)

Also habe ich für den Besuch mein bestes Kleid angezogen (ein dunkelblaues Kleid mit hohem Gürtel und einem selbst gestickten weißen Kragen), auch Klarius hat sich fein gemacht und sein Sonntagsjackett angelegt. Die Christensens wohnen in einen herrschaftlichen Haus (doppelt so groß, wie unseres) oberhalb des Stadtzentrums mit einem Panoramablick auf den Hafen. Ein Hausmädchen hat uns die Tür geöffnet und in einen behaglichen Salon geführt. Ingrid Christensen kam herein, um uns Willkommen zu heißen und hat mit ihrer Persönlichkeit den ganzen Raum ausgefüllt. Sie ist eine kleine, rundliche Dame (knapp über 40 Jahre alt) mit sehr wachen hellen Augen und einem starken Kinn. Ihr Mund dominiert ihr Gesicht, denn er ist ständig in Bewegung. Ihre Lippen kräuseln sich wie die Wellen des Meeres, mal amüsiert, dann ironisch, manchmal abfällig (oder besser gesagt: ärgerlich – man sieht ihr direkt an, wenn ihr etwas nicht behagt – sie mag es zum Beispiel nicht, wenn jemand eine Bemerkung macht wie: “Das ist doch nichts für Frauen” – sie ist nämlich eine Frau, die alles kann und tut, was auch ein Mann vermag), aber am häufigsten öffnen sich ihre Lippen zu einem runden Lachen (das ihre nicht ganz geraden Zähne zeigt) und die Worte sprudeln über ihre Lippen. Sie hat eine Stimme wie eine Glocke – wenn sie spricht, hören alle zu und wer neben ihr spricht, wird übertönt. Sie kam auf mich zu wie ein Dampfschiff in voller Fahrt und hat ihre runde Wange an meine gelegt und mich in einer kräftigen Umarmung an ihren Busen gedrückt.

“Endlich lerne ich die hübsche stille Dänin besser kennen!Warum verstecken Sie Ihre Frau denn so vor uns?”, rief sie und kuffte meinem Mann in die Seite. Dass ich als still gelte – wie schon früher in der Schule – ist bestimmt keine Überraschung für dich, liebe Schwester, aber hier in meiner neuen Heimat bin ich noch fleißig dabei, Norwegisch zu lernen.

(…)

Nach dem Essen haben Herr Christensen und mein Mann sich in die Bibliothek zurück gezogen, um weitere Details der anstehenden Expedition zu planen.

Frau Christensen hat mich ins Damenzimmer gebeten – wieder ein eindruckvoller Raum, vollständig ausgelegt mit exotischen Teppichen (aus Persien und Indien) und ausgestattet mit tiefen weichen Sofas und Sesseln mit Blumenmuster und unzähligen Tischchen verschiedener Größe aus Holz mit Glasplatten, überall Blumenschmuck in verzierten Vasen. Aber neben den typisch weiblichen Elementen gab es auch viele Stücke, die auf die Reiseleidenschaft der Bewohnerin schließen lassen: Holzski und Schneestöcke hängen an der einen Wand, das weiße Fell eines Eisbären liegt vor dem Kamin und in den Glasvitrinen sind Haifischzähne und einige ausgestopfte Vögel zu sehen (zumindest die Möwe habe ich erkannt). Ein Blickfang war die wandfüllende Weltkarte – ich blieb neugierig davor stehen und Ingrid – ja meine Gastgeberin hat mir sobald wir alleine waren das “Du” angeboten und ich bin glücklich, dass wir uns nun vertrauensvoll beim Vornamen anreden – also Ingrid hat mir anhand der vielen Pinnnadeln mit farbigen Holzköpfen (für jede Reise gibt es eine andere Farbe), die in der Weltkarte steckten, die Reiserouten und Orte gezeigt, die sie schon zusammen mit ihrem Mann bereist hat.

Schon drei (!) Mal (1930, 1933 und 1934) war Ingrid mit an Bord der Thorshavn und hat als erste Frau (zusammen mit ihrer Begleiterin Mathilde Wegger, die ich auch bald kennenzulernen hoffe) die Landschaft der Antarktis mit eigenen Augen gesehen. Als wir auf dem Sofa saßen hat Ingrid mir ein Fotoalbum mit erstaunlichen Bilder dieser eisigen Landschaft gezeigt (sie selbst hat diese Fotos gemacht – auch die Kamera hat sie mir später vorgeführt). Wie niedlich diese Pinguine ausschauen! Wie kleine Oberkellner im Frack. Sie hat erzählt, diese Vögel watscheln aufrecht und sehen allzu drollig dabei aus (sie hat mir ihren Gang sogar vorgemacht und ich musste herzhaft lachen), aber sobald die Pinguine im Wasser sind, schwimmen sie mit der Eleganz von Balletttänzern.

Ich habe vor Staunen meinen Mund kaum wieder zu bekommen.

„Hattest du keine Angst vor den Gefahren des Eismeeres, so weit entfernt von der Zivilisation und jeder Hilfe?“, wollte ich wissen.

„Nein!“, hat Ingrid gerufen und ihre Lippen formten wieder das große Rund, „auf dem Schiff meines Mannes bin ich sicher. Mit einem guten Kapitän und einer ordentlichen Mannschaft muss man sich nicht fürchten. Das Schiff ist bestens erprobt und die Seeleute haben große Erfahrung im Beschiffen der Antarktis. Natürlich muss man als Frau auf an Bord auf einigen Komfort verzichten. Aber Mathilde und ich hatten warme Kajüten, auch an das Schwanken des Schiffes gewöhnt man sich nach einigen Tagen – na gut, die Seekrankheit macht einem schon zu Beginn ein wenig zu schaffen, aber das ist auszuhalten. Die Mannschaft war sehr rücksichtsvoll zu uns Damen (Herr Christensen hat ihnen das Fluchen in unserer Gegenwart verboten). Der Koch hat für uns ein extra gutes Essen bereitet. Am Abend haben wir mit den Offizieren Karten gespielt.“

Ich war besonders von einem Foto fasziniert, das Ingrid und Mathilde an Deck des Schiffes zeigt, sie tragen elegante Pelzmäntel und modische Hüte, Ingrid blickt fast kokett in die Kamera – sie sehen aus, als wären sie bereit, auf einen Ball zu gehen.

„Wir haben jeden Nachmittag einen Spaziergang an Deck gemacht und dazu unsere schönsten Pelze angezogen und Schmuck und Lippenstift aufgetragen – auch wenn die Runden entlang der Reling sehr klein waren. Die Mannschaft hat uns bestaunt. Nur weil man am untersten Ende der Welt schippert, muss man sich ja nicht gehen lassen.“ Ingrid lachte wieder aus voller Kehle, was so ansteckend und heiter klingt, dass ich mir wünschte, auch mit ihr auf Reisen gehen zu können.

„Mein Mann hat zu uns gesagt: Für die Erforschung der Antarktis braucht es Tatkraft und Kultiviertheit, wir Männer bringen das Eine und ihr Damen das Andere mit.“

„Ist es dort nicht schrecklich kalt?“, wollte ich wissen.

„Wir sind ja im arktischen Sommer gefahren, dann ist es dort sogar wärmer, als in einem harten norwegischen Winter. Außerdem kommt es auch auf die richtige Kleidung an. Das Wichtigste sind warme Handschuhe“. Ingrid sprang auf und holte ein paar Fäustlinge aus einer Truhe beim Fenster. Ich befühlte sie neugierig – die Fäustlinge waren fast so schwer wie die Boxhandschuhe von Bruder Finn, ein glattes braunes Leder umhüllt das Innere, das mit weicher Lammwolle gefüttert ist. Mir stieg ein herber Geruch in die Nase – der kommt vom Polaröl d.h. Fischtran (wie mir Ingrid verriet), mit dem das Leder regelmäßig eingerieben werden muss, damit es nicht spröde wird. Ich steckte meine rechte Hand hinein und fühlte mich gerüstet für jedes Abenteuer. Ein herrliches Gefühl!

Lyriklaune

Was haben die Apothekenzeitschrift und das Lindt-Weihnachtsmagazin gemeinsam? Es lassen sich so wunderbar seltsame Wörter darinnen finden.

Am Sonntag habe ich aus diesem bunten Wörterfundus Gedicht-Collagen zusammen gefügt. Bin immer wieder erstaunt, welche überraschenden Wortzusammenstellungen hierbei entstehen.

Vielen Dank an Urs (schreiben.rocks) für den guten Impuls.

Lyrische Collage 1:

Lyrische Collage 2:

Making of:

Für meine Wörtersuche habe ich mir die kostenlose Zeitschrift aus der Apotheke geholt – hiermit habe ich zuvor schon gute Erfahrungen gemacht – die Wörter dort sind erstaunlich vielseitig und ergibig (okay, “Reizdarm” und “Rheuma” muss ich ja nicht ausschneiden). Dann hat mich noch im Supermarkt auf meinem Pilgerweg zu den Weihnachtsleckereien das Werbemagazin von Lindt angelacht. Da versteckt sich ein Schatz sinnlicher und genussvoller Wörter drinnen.

Dann ging es ans freudige Durchblättern und Wörter Ausschneiden, die mich angesprochen haben.

Als nächstes habe ich die Wörter sortiert (nach Substantiven, Verben, Adjektiven, Bindewörtern und Satzanfängen) vor mir ausgebreitet und mich schließlich ans spontane Zusammenfügen gemacht, wobei ich gegen Ende doch ziemlich getüftelt habe, um an einigen Stellen das ideale unperfekte Wort zu finden.

Probiert es doch auch mal aus! Es macht wirklich Spaß.

Wer noch andere inspirierende Wörter-Collagen entdecken möchte, dem empfehle ich die kunstvollen Kreationen von Mo, einer Absolventin meines Jahrgangs im Masterstudiengang “Biografisches und Kreatives Schreiben” an der ASH Berlin.

Mondschein-Serenade

Mondschein-Serenade

Wenn die sinkende Sonne

die Hoffnung mit sich in die Tiefe zieht

steigt der Mond und eröffnet unverhofft

einen Blick in deine Augen die

den Himmel klein erscheinen lassen

wir sprechen und schauen

„Wie heißt du?“ möchtest du wissen

 

unsere Hände finden zueinander

in einer Choreografie der Wohlerzogenheit

keine Zeit für Zärtlichkeit

ein kurzes Umschließen und

eine Bewegung auf und ab

dann lassen wir beide los

keine Sekunde später als höflich

 

wir wenden uns voneinander ab

du bleibst und ich gehe hinaus

in die Nachtluft die mich umfängt

in ihrem Mantel aus Dunst

im U-Bahntunnel trifft grelles Licht

auf meine Pupillen die noch geweitet sind

von der Helligkeit deines Lächelns

 

meine Schritte folgen dem Pulsschlag

der mein Blut in heißen Bahnen kreisen lässt

jetzt nicht stehenbleiben

will traumwandeln auf vertrauten Pfaden

breitgetreten von der Phantasie

unberührt vom Fußabdruck der Wirklichkeit

der Traum trägt viel auf seinen Schultern

 

schwer wiegen die Erwartungen an dieses

„wir“ was es vielleicht geben könnte

ausgepolstert mit Vertrauen und Verlangen

umspannt vom Netz verknüpfter Ideale

angepasster Gewohnheiten und geteilter Gedanken

und dem Gefühl endlich angekommen

zu sein im Mittelpunkt des Seins

 

ich will noch eine Weile träumen

von der Möglichkeit und deinen Augen

will vergessen dass meine Traumbilder

längst als Illusionen in den

Ecken meines Lebens hängen

und der feine Staub sie sichtbar

macht im milden Mondenschein

Nach den vielen Prosa-Texten der letzten Zeit habe ich mich in diesen Tagen mal wieder zu einem Gedicht inspiriert gefühlt. Ich hoffe, es gefällt euch.

Das Lachverbot

Es war einmal ein Königreich, in dem ein König und eine Königin voller Selbstsucht regierten. Sie bauten sich ein riesiges Schloss ganz aus Glas, damit alle Welt ihren Reichtum bestaunen konnte.

Die Gemächer des Schlosses waren mit den feinsten Möbeln aus purem Gold ausgestattet, die Sitzkissen und Bettlaken aus bestickter Seide. Sie feierten rauschende Feste von den Steuergeldern des schwer arbeitenden Volkes. Sie hatten eine einzige Tochter, die sie verwöhnten. Am 13. Geburtstag der Prinzessin fand wieder ein überschwängliches Fest statt. Als eine Gruppe armer Leute vor die Königsfamilie trat und dem Geburtstagskind ein Geschenk überreichte – es war ein Pferdchen aus Stroh gebunden – lachten der König und die Königin aus vollem Halse und machten sich über das bescheidene Geschenk und die zerrissene Kleidung der armen Leute lustig, auch die Prinzessin stimmte in das Lachen ihrer Eltern ein.

Da trat eine alte Magierin aus den Reihen der Gäste und sprach einen Zauberspruch. Augenblicklich krümmte sich die lachende Prinzessin vor Schmerzen auf dem Boden und die Eltern erstarrten zu Glasfiguren. Voller Entsetzten flohen die Gäste aus dem gläsernen Schloss.

Die Prinzessin lebte fortan alleine im Kristallpalast. Die Glasfiguren ihrer Eltern standen gekrümmt vor Lachen mitten im Ballsaal. Auch das Schloss selbst hatte die Magierin mit einem Zauber belegt. Auf jedem Stockwerk herrschte ein anderes Jahrzehnt. Die Magierin selbst stieg sieben Etagen hinab bis in den Keller und als sie unten ankam, war sie in ein einjähriges Kleinkind zurück verwandelt. Die Prinzessin fürchtete sich, in die Vergangenheit hinab zu steigen, deshalb blieb sie in ihrem Zimmer im Turm. Nur noch drei treue Diener lebten im Schloss und verrichteten ihre Arbeit schweigend. Die Bevölkerung fühlte sich mehr denn je vom Schloss aus Glas angezogen und zu jeder Tages- und Nachtzeit schlichen Leute um den Palast und reckten ihre Hälse, um einen Blick auf die Prinzessin im Turm zu werfen.

Der Fluch der Magierin lastete schwer auf der Prinzessin. Jedes Mal, wenn sie lachte, spürte sie Schmerzen, als würden tausend Dolche in ihren Körper gestoßen. Deshalb gewöhnte sie sich das Lachen ab.

In ihrer Einsamkeit langweilte sie sich. Regelmäßig lud sie Theatertruppen, Zirkusleute, dressierte Tiere, Geschichtenerzähler und Dichter zur Unterhaltung ins Schloss ein. Allerdings mussten die Schausteller das Verbot beachten: Niemand durfte die Prinzessin zum Lachen bringen! Deshalb spezialisierten sich alle Künstler auf Dramen und Trauerspiele. Selbst die dressierten Tiere durften nicht drollig sein, sondern waren alt und krank.

Die Darbietungen fanden im Innenhof des Glaspalastes statt. Die Prinzessin blickte von oben zu ihnen hinunter. Wenn sie mit einem roten Taschentüchlein winkte, war das ein Zeichen, dass ihr die Vorführung nicht gefiel und die Schausteller wurden ohne Gage vom Hof gejagt. Wenn ihr die Vorstellung gefiel, winkt sie mit einem grünen Tuch. Dann gab es ein Säcklein Gold als Gage. Und wenn die Prinzessin zu Tränen gerührt war, dann wischte sie sich mit einem weißen Spitzentaschentuch die Augen. Das war das höchste Lob.

Dann durften die Darsteller hinauf in den Turm und der Prinzessin die Hand küssen. Sie bekamen den Orden der Traurigkeit verliehen, den die Prinzessin mit einer Träne benetzte. Danach wurde drei Tage lang ein Fest mit üppigem Mahl für Jedermann gefeiert, bei dem jedoch niemand lachen durfte.

So vergingen 7 Jahre und das ganze Volk wurde immer leiser, langsamer und trauriger. Das Lachen verschwand aus dem ganzen Königreich.

Als die Prinzessin 20 Jahre alt wurde, erkannte sie, dass es so nicht weitergehen konnte. Sie musste etwas unternehmen, um sich und das Volk vom Zauber zu befreien. Also raffte sie all ihren Mut zusammen und stieg die gläsernen Stufen hinab in den Keller, um die alte Magierin zu suchen. Bei jedem Schritt hallte ein schrilles, gespenstisches Lachen durch das Schloss, das die Glaswände zum Zittern brachte, so dass überall Risse und Sprünge entstanden.

Im Innern der Prinzessin fühlte es sich an, als würden all diese Glassplitter sie stechen und schneiden. Trotz dieser Schmerzen stieg die Prinzessin weiter hinab. Als sie in den Keller kam, fand sie ein Kleinkind auf dem Strohpferdchen sitzen, das ihr einst die armen Leute geschenkt hatten. Das Kind brabbelte, sabberte und lachte vergnügt, aber seine Augen schauten die Prinzessin aufmerksam an, denn die Seele der Magierin war alt und weise geblieben, nur ihr Körper hatte sich verjüngt.

„Wo ist die Magierin?“, fragte die Prinzessin.

Das Baby kicherte und sabberte. Dann zeigte es mit seinen dicken Fingerchen auf sich selbst.

„Alle Menschen in meinem Land sind traurig. Mir tut das Lachen schrecklich weh. Kannst du uns das unbeschwerte Lachen zurück geben?“, fragte die Prinzessin.

Das Baby schaute ernst und wiegte sein rundes, haarloses Köpfchen. Dann rutschte es vom Strohpferdchen hinab und zeigte darauf. Die Prinzessin wusste nicht, was das bedeuten sollte.

Plötzlich wurde das Pferdchen lebendig. Es scharrte mit seinen Hufen aus Stroh und wieherte mit trockener Stimme. Das weise Baby sabberte und brabbelte. Dann zeigt es nochmal auf das Strohpferdchen. Dieses wurde immer unruhiger und sprang um die Prinzessin herum. Da verstand die Prinzessin. Sie schwang sich auf den Rücken des Pferdchens und schon galoppierte es die Stufen hinauf und ins Freie.

Das Strohpferdchen trug die Prinzessin auf seinem Rücken durch das ganze Land. Als die Leute die Reiterin in ihren feinen Kleidern und mit Krönchen auf dem struppigen Strohpferdchen sahen, brachen sie unwillkürlich in schallendes Gelächter aus. Sie hielten sich die Bäuche vor Lachen und Lachtränen rannen ihnen über die Wangen. Das Lachen klang durch das ganze Land, es sammelte sich und fegte wie ein Sturm über den Glaspalast. Als der Sturm von Gelächter am brüchigen und rissigen Glas rüttelte, zersprangen mit einem hellen Klirren alle Wände, Decken, Treppen und Böden entzwei und das Schloss stürzte in sich zusammen und begrub alle seine Schätze unter sich, ebenso wie den erstarrten König und die Königin, die immer noch in ihren Glashüllen steckten, wie in einem Sarg. Dieses Glas war das einzige, das nicht zersplittert war.

Als das Strohpferdchen nach seinem langen Rundritt zum Schloss zurück kehrte, sah die Prinzessin den gläsernen Scherbenhaufen vor sich. In den zersplitterten Scherben erblickte sie ihr eigenes Spiegelbild, ganz zerstückelt. Ihre Nase saß auf der Stirn und ihr Mund dort, wo ein Ohr sein sollte. Das sah so absurd aus, dass die Prinzessin nun selbst in ein helles Lachen ausbrach – und zum ersten Mal seit 7 Jahren bereitete ihr das Lachen keine Schmerzen mehr. Sie war so froh über das unbeschwerte Lachen, dass sie immer weiter lachte und lachte. Da gab es einen Knall wie eine Explosion – das Lachen der Prinzessin hatte die Glashüllen ihrer Eltern gesprengt. Diese wurden nun wieder lebendig und krochen verwirrt aus den Scherben des Palasts zu ihrer Tochter.

Nun ließ die Königsfamilie ein neues Schloss bauen – dieses Mal aus Stein und nicht mehr so protzig. Das Lachverbot im Land war selbstverständlich aufgehoben. Zur Einweihung des Schlosses lud die Königsfamilie das ganze Volk zu einem siebentägigen Fest ein und jeder durfte etwas vorsingen, vortanzen oder vorspielen – Hauptsache, es war lustig.

Die Magierin im Körper des Babys ward nie wieder gesehen. Das Strohpferdchen blieb bei der Prinzessin und sie ritt jeden Tag mit ihm aus. Jetzt schämte sie sich nicht mehr für die bescheidene Gestalt des Pferdchens und sie lachte auch die armen Leute nie mehr aus.

Dieses Märchen ist im Rahmen meiner Masterarbeit entstanden. In meinem dort entwickelten heilsamen Schreibprogramm habe ich mir zur Aufgabe gesetzt, ein Märchen zu schreiben, in dem der Schmerz eine Rolle spielt. Vielleicht ist es euch auch schon aufgefallen: In vielen Märchen müssen die Protagonisten Schmerzen ertragen – und das nicht ohne Grund. Der Schmerz im Märchen hat eine wichtige Funktion: Er stellt eine Charakterprüfung dar und fordert die Figur zur Selbstüberwindung heraus und ermöglicht eine Verwandlung.

Für das obige Märchen habe ich mir als Schreibimpuls 4 Handlungs-Elemente zugelost (1. Figur, 2. Ereignis/Schicksalsschlag, 3. Schauplatz, 4. Auslöser bzw. Form des Schmerzes – die Losungen habe ich mir selbst ausgedacht) und aufbauend darauf meine Geschichte entwickelt.

Figur: ein Weiser in Babygestalt

Ereignis/Schicksalsschlag:  verirrt sich in ein anderes Jahrhundert

Schauplatz:  ein Schloss aus Glas

Schmerz: beim Lachen

Mit solchen Schreibimpulsen ein Märchen zu entwerfen macht wirklich Spaß. Versucht es doch auch einmal.

Menschenbetrachtungen – Schwäbischer Kunstsommer (Teil 2)

Nachdem wir uns in der Prosa-Meisterklasse zuerst den Tieren und Pflanzen zugewendet haben, stehen in der zweiten Schreibaufgabe von Katja Lange-Müller die Menschen im Fokus unserer Betrachtungen. Es gilt, einen hässlichen (abstoßenden) Menschen mit Empathie zu beschreiben oder alternativ einen unsympathischen Menschen mit Spott, Hohn oder Zorn zu portraitieren. Das Portrait soll in wenigen Sätzen gezeichnet werden (nicht länger als eine halbe Seite). Da ich mich zwischen den Möglichkeiten nicht entscheiden konnte, habe ich beide umgesetzt.

Hier nun meine Texte. Ihr dürft gerne raten, welche Figur aus welcher Aufgabe hervorgegangen ist.

Text 1:

Alexanders großartiger Sieg

Alexander saß auf dem dritten Sessel linker Hand des Abteilungsleiters am Konferenztisch und lauerte hinter gesenkten Lidern auf den richtigen Moment, um seinen präzisen und eleganten Todesstoß zu vollführen. Ein aberratio ictus war ihm noch nie unterlaufen – seine Geschosse trafen zuverlässig das richtige Ziel. Heute hieß das Ziel Peter der Große – diesen Beinamen verdankte er solum seiner Körpergröße von 1,92 Metern und war mitnichten auf Intelligenz oder strategisches Geschick zurückzuführen. Peter ergoss sich in einem unendlichen Redeschwall von Trivialitäten und täuschte Kompetenz vor. Alexander frohlockte innerlich, wie Peter seine rechtlichen Ausführungen als “de lege artis” bezeichnete, wo jener de facto mit seinem Vortrag bewies, dass er keinesfalls die Regeln der Kunst beherrschte. De facto verstrickte der tölpelhafte Schwätzer sich in Widersprüche und tappte in jede Falle, die Alexander ihm voller Raffinesse gestellt hatte.

“Attacke”, sagte der General in seinem Kopf und Alexander erhob sich zu seiner vollen Größe von 1,61 Metern.

“Mein geschätzter Kollege scheint übersehen zu haben, dass im vorliegenden Fall ein Empfangsbekenntnis der Partei vorliegt, Blatt 8 der Akte. Somit dürfte ihm ein saltus in demonstrando unterlaufen sein.”

Der Abteilungsleiter warf einen verächtlichen Blick auf Peter. Alexander – der wahrlich Große – spürte den Triumph warm durch seine Brust rauschen.

Text 2:

Schönheit und Sorgen am Morgen

Alba richtete sich ächzend auf und tastete mit ihren krummen Zehen auf dem Teppichboden nach Halt. Unter ihren Fußsohlen spürte sie das harte Granulat vom Hamsterfutter – vielleicht waren auch ein paar Köttel ihrer Lieblinge mit dabei. Die Hamster Max und Moritz hockten auf dem zerrupften Polster vom Lehnsessel beim Fenster und schliefen. Draußen war es noch dunkel, aber Alba konnte nicht mehr schlafen. Ihr Rücken schmerzte und ihre Gelenke auch. Ihre schmale Hand mit den dicken Venen tastete nach dem Off-Knopf der Fernbedienung und das körnige Bild im Flimmerkasten erlosch. Sie griff nach ihrem Holzstock und rappelte sich hoch, schlurfte langsam in die Küche und zur Kaffeemaschine. Sie presste den spitzen, brüchigen Nagel ihres Zeigefingers in eine Öffnung im Plastikgehäuse, wo einst die Einschalttaste saß. Die Maschine erwachte gurgelnd zum Leben und heiße Tropfen fielen in großen Abständen in den Filter mit dem Kaffeepulver von Gestern. Alba nickte zufrieden und drehte das Radio auf.

“Juuu ahhhr soooo bjutifuul tu miiii”, stimmte sie zahnlos und heiser in den Gesang der Frau aus dem Radio ein. Sie öffnete das Fensterglas im knirschenden Holzrahmen und streute Sonnenblumenkerne für die Spatzen auf den Fenstersims; dabei musste sie sich mühevoll hochrecken, ihr buckliger Rücken sträubte sich. Sofort kam die fette Taube mit dem Klumpfuß aus dem Kirschbaum der Liebermanns angeflogen und wollte die Körner picken.

“Der Winter bringt Hunger und Sorgen”, schmatzte Alba und ließ die Taube gewähren.

Von Menschen und Kühen – Schwäbischer Kunstsommer 2019

Ein zweites Mal lasse ich mich im Schwäbischen Kunstsommer im Kloster Irsee von den Musen umgarnen. Dieses mal bin ich in der Meisterklasse Prosa bei Katja Lange-Müller. Schon beim Abendessen am Samstag sehe ich einige bekannte Gesichter aus dem letzten Jahr – zwei Dichterinnen sind wieder in der Lyrik-Klasse und wir frischen alte Erinnerungen auf.

Klosterpark

Am Sonntagmorgen um neun Uhr sitze ich im Kapitelsaal unter Stuck und Freskomalerei – es ist derselbe Raum, wie letztes Jahr in der Lyrik, aber ein Déja-vu erlebe ich nicht.

Die Meisterin Katja Lange-Müller setzt sich nicht an das Kopfende des Tischs, aber das Zepter hält sie trotzdem in der Hand. In der Vorstellungsrunde beäuge ich meine Prosa-Gefährt*innen für die nächsten sieben Tage. Neun Frauen (eine davon aus Österreich) und ein Mann (aus der Schweiz), alle zwischen 60 und 75 Jahre alt bis auf ein junges Mädel (22), die einen Schwäbischen Nachwuchsliteraturpreis gewonnen hat (in Form eines Stipendiums für den Kunstsommer). Alle verbindet die Leidenschaft für das Schreiben und das Lesen („Im Schreiben wirken Lebenserfahrung und Leseerfahrung zusammen – wobei auch Leseerfahrung Lebenserfahrung sein kann“ – so die Meisterin). Einige haben einen Hintergrund als Lehrerin, sind nun im Ruhestand, bei allen ist das Interesse an Bildung und Kultur groß. Eine hat früher schon ein Kinderbuch veröffentlicht, alle anderen bewegen sich noch in den Sphären von Schriftstellerei ohne Veröffentlichungen mit vielen Texten in der Schublade („Ein Text ist erst fertig, wenn es zwischen zwei Buchdeckeln steckt.“).

Katja Lange-Müller (Jahrgang 1951) nimmt das Leben in vollen Zügen (nicht nur beim Rauchen) in sich auf, ist eine echte Berlinerin (erst im Osten, dann im Westen – aber auch sonst viel in der Welt herumgekommen) und als Linkshänderin mit Rechtsschreibeverbot hat sie sich dem Schreiben schon aus purer Rebellion zugewandt, sie schreibt immer gegen Widerstände und mit viel Empathie für die unterdrückten Menschen (sie hat z.B. viele Jahre als Krankenschwester in der Psychiatrie gearbeitet) und die missverstandenen Tiere, dabei mit viel skurrilem Humor. Von ihrem unvergleichlichen Witz bekommen wir in der Klasse viel ab, sie haut Sätze raus, die uns zum Lachen bringen (und die wir bald schon eifrig als Zitate für die Ewigkeit notierten).

Zeichnung und Schrift stammen von Gabriele Vogt

Das Thema der Meisterklasse ist die schreibende Beobachtung von etwas Lebendem (Pflanze, Tier, Mensch). Zum Einstieg liest Katja uns Auszüge aus „Bummel durch Europa“ von Mark Twain vor, wo er urkomisch und ironisch zwei Ameisen bei ihrer sinnlosen Aktivität beschreibt. „Das Fliegenpapier“ von Robert Musil erschüttert mit seiner detaillierten Annäherung an den Todeskampf. Zur Vorbereitung auf die Klasse habe ich (auf Empfehlung der Meisterin) die Grauen erweckenden Erzählungen von Patricia Highsmith und die von Katja selbst („Die Enten, die Frauen und die Wahrheit“) gelesen, um mich auf das Genre der Erzählung einzustimmen. Wir kommen auf Kafkas „Verwandlung“ zu sprechen und auf seine genaue Beschreibung des Käfers, der sich für den informierten Biologen als Kakerlake entpuppt. Im Stundentakt machen wir Pause, weil Katja rauchen gehen muss (50 pro Tag) – von diesem Laster will/kann sie sich trotz Dauerhusten nicht lösen.

Für den Nachmittag bekommen wir die Aufgabe, einen Spaziergang in die Natur zu unternehmen und etwas Lebendiges (es darf auch ein phantastisches Wesen sein) zu beobachten und zu beschreiben – aber nicht (nur) äußerlich, sondern wir sollen das Wesen erfassen. Am Montagvormittag wollen wir uns wieder treffen und kurz berichten, ob jede etwas gefunden hat, ab 16 Uhr soll Vorleserunde sein.

Damit starten die ersten zwei Tage schreiberisch eher geruhsam. Ich mache einen langen Spaziergang durch den Klostergarten und in die Felder (die mir aus dem letzten Sommer noch angenehm vertraut sind), hocke mich an einen Teich und beobachte Fliegen, die auf dem Wasser schweben (nein, es sind Wasserläufer, wie ich später in der Klasse aufgeklärt werde – leider bin ich ein ziemlicher Biologie-Depp und weiß fast nie, wie die Pflanzen und Tiere heißen) und Frösche, die wie tot im Wasser tümpeln.

Zum Glück treffe ich noch auf sechs Jungkühe (seit meiner Kindheit meine Lieblingstiere), die am Zaun Futter suchen und die ich eine Viertelstunde lang Aug in Aug beobachte (inklusive Fliegengeschwirre und ein paar Mückenstichen).

Stürmische Begrüßung

Meinen Kuh-Text schreiben ich dann vor dem Abendessen innerhalb einer Viertelstunde per Hand (am nächsten Morgen tippe ich es auf dem PC ab und mache ein paar Änderungen). Zu den Wasserläufern schreibe ich auch eine halbe Seite, aber die Tierchen sind für mich nicht so ergiebig.

Die Musen halten mich ganz schön auf Trapp. Das Programm ist voll und ich gehe zu jeder Veranstaltung. So sieht mein Tagesablauf aus:

07:00 Uhr: Aufstehen

08:00 Uhr: Frühstück

09:00-12:00 Uhr: Arbeit in der Meisterklasse (bzw. Schreibzeit)

12:00-13:30 Uhr: Mittagessen (plus Spaziergang)

13:30-14:15 Uhr: Werkstattgespräch (die Meister der bildenden Künste – 2x Malerei, Illustration, Textilkunst – stellen sich und ihre Werke vor)

15:00-18:00 Uhr: Arbeit in der Meisterklasse (bzw. Schreibzeit)

18:00 Uhr: Abendessen

20:00-21:00 Uhr: Abendwerkstatt (Einblicke in Tanz, Chor, Kammermusik, Lesungen Prosa und Lyrik)

21:00-22:00 Uhr: Spaziergang

22:00 Uhr: Bettruhe

Hierbei sammele ich jede Menge Inspiration. Beim Essen gibt es neben den Gaumenfreuden am reichhaltigen Buffet auch viel Gelegenheit, mit anderen Teilnehmenden ins Gespräch zu kommen. In den ersten Tagen tragen alle Namensschilder mit Klassen-Angabe – aber mit der Zeit lerne ich, die Menschen anhand ihres Aussehens ihrer Kunstform zuzuordnen – die Tänzerinnen sind aufgrund von Jugend und Schönheit leicht zu erkennen, die Maler sind mit Farbklecksen verziert, die Chorsänger sind öfters rund.

Am Montagnachmittag lesen wir erste Texte in der Klasse vor. Zu meinen Kühen gesellen sich eine Wespenfliege (die ein Florentiner Porträt bekrabbelt), eine gemeine Ackerwinde, Wasserläufer, ein Elch, eine Staublaus in einem Schweizer Labor und eine Raupe im grauen Bus auf dem Weg in den Tod (die jüngste Teilnehmerin überrascht mit einem Faible für schwere Themen und hat die Euthansie-Verbrechen der Nazis aufgegriffen, die im Kloster Irsee stattgefunden haben – es gibt hier eine Gedenkstätte).

Bei der Besprechung unserer Texte zeigt sich Katja als sehr interessiert, zugewandt und direkt. Sie nimmt auch kein Blatt vor den Mund, wenn sie etwas zu kritisieren hat (“Da hast du mit dem Schinken nach der Wurst geworfen” – bei einer Anhäufung von Klischees). Sie verbündet sich mit dem Text, notfalls auch gegen die Autorin („Das war aber so, ist kein literarisches Argument“), aber mit Herzlichkeit und Humor. Es zeigt sich auch ihre frühere Ausbildung zur Textsetzerin – sie nimmt die Texte auf Punkt und Komma unter die Lupe („Jeder Literaturliebhaber freut sich, wenn er mal wieder einem Semikolon begegnet“), auch der Schrifttyp (bitte mit Serifen) und Zeilenabstände (groß genug, einzeilig ist ein no-go) müssen stimmen, sonst vergehe der Leserin von vorneherein die Lust am Text.

Auch die Mitschreibenden geben sich sehr wertschätzend und konstruktiv Feedback. Mein Kuh-Text stößt auf viel positive Resonanz, was mich natürlich freut (vielleicht liegt es auch an den Tieren, die die meisten so sympathisch finden).

Nur die Zeit hat Katja nicht im Blick, da wird schon mal eine Stunde lang ein einziger Text auf jedes Wort hin abgeklopft. Eine Teilnehmerin übernimmt dankenswerterweise die Rolle der Strukturwächterin und macht die Meisterin auf die Uhrzeit und andere organisatorische Belange aufmerksam.

Katja selbst kämpft mit dem Berg loser Blätter (wir kopieren unsere Texte immer für alle, damit jeder ein Mitleseexemplar hat) bis sie schließlich davon träumt, sie hätte die Büroklammer erfunden. Eine ganze Schachtel dieser Drahtwunder kapert sie sich Mitte der Woche aus dem Hotelbüro, um das Blätterchaos zu bändigen. Am Dienstag ist sie völlig überrascht, dass sie am Abend mit einer Lesung auf dem Programm steht (ein Organisationsgenie ist sie wahrlich nicht, dafür umso spontaner).

Am Donnerstag scheint die Sonne höchst sommerlich (übrigens ist das Wetter keineswegs so verregnet, wie im Wetterbericht angedroht – was mich am Abend meiner Abreise dazu brachte, erschrocken noch schnell ein Regencape in meinen Koffer zu den Röcken und Sandalen zu stopfen, das ich dann doch nicht gebraucht habe) und wir halten unsere Vorleserunde im Park ab.

Hierbei raucht Katja unaufhörlich und nach zwei Stunden stehen ihre Füße in einem Berg von Zigarettenstummeln. Inzwischen haben wir eine zweite Schreibaufgabe bekommen: Wir sollen einen Menschen auf einer halben Seite beschreiben, entweder einen Hässlichen mit Empathie oder einen Unsympathen mit Spott, Zorn, Ironie. Ich bearbeite beide Varianten (meine Texte dazu teile ich nächste Woche mit euch). Hier bin ich wieder über die stilistische Bandbreite und den Einfallsreichtum meiner Mitschreiber*innen erstaunt. Auch wenn in der ganzen Woche nur zwei Texte von mir besprochen wurden und ich weniger Text produziert habe, als ich mir gewünscht hätte, sind der Lerneffekt und die Anregung aus den Fremdtexten doch ziemlich groß.

Die große Kunstsommernacht am Samstag rückt näher und wir müssen unsere Lesung vorbereiten. Die Prosa bekommt zwei Zeitblöcke zu je 30 Minuten zugeteilt. Katja legt fest, dass im ersten Block fünf Autorinnen ihre Tier-Texte lesen werden und im zweiten fünf Autorinnen ihre Menschen-Texte. Wer was vorlesen soll/möchte, entscheidet sich einvernehmlich (ich will meinen Kuh-Text vorlesen). Wir sollen kürzen und proben (Freitag).

Als Werbung für unsere Lesungen (in der Kunstsommernacht finden immer drei Veranstaltungen gleichzeitig statt, so dass man Konkurrenz hat) druckt eine Teilnehmerin, die ein talentiertes Zeichenhändchen hat, ihre Illustrationen zu Katja-Zitaten auf grünes Papier, das wir den Besuchern austeilen und auslegen werden.

Am Samstag um 19:30 Uhr ist der große Moment unserer Lesung gekommen. In den Fluren des Klosters wimmelt es von kunstinteressierten Besuchern aus nah und fern. In unserem Lesesaal haben sich etwa 50 Zuhörer versammelt.

Katja Lange-Müller (erste Reihe links im schwarz-weißen Kleid)

Katja spricht einleitende Worte, in denen sie die Aufgabenstellung für unsere Texte erklärt. Ich komme als Zweite dran (wir lesen in alphabetischer Reihenfolge) und trage meinen Text vor, bemühe mich langsam zu sprechen und gut zu betonen und ernte sogar einige kleine Lacher für meine Kuh-Komposition (mit Proben ist es nun das vierte Mal, dass ich den Text vor Publikum vorlese und ich denke, ich konnte mich in der Interpretation steigern – bin ja im Vorlesen eher verhalten). Auch meine Mitleser*innen laufen zu Höchstform auf und interpretieren ihre Texte wunderbar verschroben, pedantisch, zornig. Je öfter ich die Texte höre, umso mehr treten deren sprachlichen Stärken und die Persönlichkeiten der Verfasserinnen hervor.

Unsere Lyrik-Kollegen erhasche ich nur im dritten Teil ihrer Lesung – in der Kunstsommernacht gibt es so viel zu erleben, dass man kaum alles schaffen kann – ich höre ein eindrucksvolles Chorkonzert mit einer Uraufführung der Vertonung des Dietrich Bonhoeffer Gedichts „Wer bin ich“, erlebe den zeitgenössischen Tanz, die Kammermusik und die Bilderausstellung in den Fluren und Ateliers (Pressebilder von der Kunstsommernacht hier). Während der Woche habe ich natürlich mit großem Interesse bei meinen alten Bekannten nachgehorcht, wie es ihnen dieses Jahr so in der Lyrik-Klasse ergeht. Auch die Lesung ihres Meisters Mirko Bonné habe ich angehört, ein kühler Hamburger, der neben seiner Dichtertätigkeit auch Prosa schreibt und sich als Übersetzer (z.B. von Emily Dickinson) einen Namen gemacht hat. Die Lyriker hatten ein höchst konträres Programm zu unserer Prosa-Klasse. Seminarartige Informationsfülle (einige historische Gedichte wurden analysiert), strenge Vorgaben vom Meister, der zuweilen auch hart mit einigen Gedichten seiner Schülerinnen ins Gericht ging, wenig Werkstattcharakter (vor Ort haben sie zwar auf Schreibimpulse kurze Gedichte geschrieben, die aber eher als Entwürfe verstanden wurden und auch in der Lesung nicht zu Gehör gebracht wurde, stattdessen Gedichte, die schon zuvor entstanden waren). Da hätte ich nicht tauschen wollen. Unsere herzlich-impulsiv-chaotische Katja war der ganzen Klasse ans Herz gewachsen und umgekehrt.

So nun dürft ihr zu guter Letzt auch meine Kühe kennenlernen (die ich übrigens jeden Tag beim Spazierengehen besucht habe und die immer hoffnungsvoll zum Zaun gelaufen kamen, obwohl ich sie mit leeren Händen enttäuschen musste, was sie am nächsten Tag verziehen oder vergessen hatten…).

Mein Lesetext:

Ich kriege was, was du auch kriegst“

Sechs Kühe stehen dicht nebeneinander, eine Herde wie in Scheiben geschnitten, lange Seite an langer Seite, ihre Bäuche und Flanken berühren sich. Fünf Köpfe schauen in eine Richtung, eine Kuh ist falsch herum eingeklemmt und guckt in die Gegenrichtung. Im linken Ohr hat jede ein gelbes Nummernschild mit einem Knopf angetackert wie bei einem Plüschtier.

Die Weide ist groß und doch stehen sie hier dicht an dicht. Auf wenigen Quadratmetern reiben sie sich aneinander, wedeln im selben Rhythmus mit ihren langen Ohren, um die Fliegen zu vertreiben, die sie unablässig umschwirren und sich auf ihren feuchten Nüstern, in den Augen und auf dem braunen Fell niederlassen. Dazu zucken die Kühe mit der Haut und wedeln mit den Schwänzen, aber es ist ein sinnloser Kampf. Jedes Zucken lässt die Fliegen aufsteigen, die sich wenige Sekunden später an anderer Stelle auf dem Kuhkörper erneut niederlassen. Die Kühe können nicht gewinnen. Sie könnten sich das Zucken und Wedeln sparen. Aber es ist ein Reflex, nicht zu unterdrücken.

Seite an Seite suchen sie Futter. Nicht auf der grünen Wiese, sondern im Kiesschotter unter den zwei elektronischen Drähten des Zauns. Hier hat die Bäuerin etwas für sie hingeworfen. Salzbonbons vielleicht. Hier suchen sie nun mit ihren langen Zungen den Kiesboden ab. Bauch an Bauch schiebt sich die eine neben der anderen her. Sie arbeiten nicht zusammen, aber auch nicht gegeneinander. Jede versucht, einen Salzkrümel für sich zu finden, jede folgt der Bewegung ihrer Nachbarin. Eine Kuh quetscht sich beharrlich zwischen zwei andere, streckt ihren Kopf in die Höhe, reibt ihren faltigen Hals auf dem Nacken der anderen. Ihr gefällt der Körperkontakt. Vielleicht ist es eine Art von Zärtlichkeit. Jedenfalls ist sie hier im Zentrum des Geschehens. Hier entgeht ihr nichts.

Eine andere Kuh ist die Anführerin. Wenn eine Stelle abgesucht und abgeleckt ist, drängt sie entschlossen mit ihrem kräftigen Körper gegen die Körper ihrer Gefährtinnen. Wie eine Welle geht der Anstoß durch die Fleischmasse der anderen fünf Kühe. 24 Beine stampfen und straucheln im leicht abschüssigen Kiessand. Der Tross schaukelt sich wie in einer einzigen Bewegung einige Meter zur Seite und dort senken sich die Köpfe und Zungen wieder zur Nahrungssuche.

Die Kühe schnaufen, die Fliegen summen. Sonst ist es still.

Ein Plätschern kommt dazu. Eine der Kühe hat den Schwanz gehoben und lässt einen dicken Strahl gelber Pisse zu Boden stürzen. Die Artgenossin daneben kaut ungerührt und ihr Maul vollzieht dabei kreisende Bewegungen.

Dicht an dicht bewachen sie jeden Bissen der anderen mit gutmütigem Futterneid. So bekommt jede gleich viel vom Gleichen. Man könnte es Kuhkommunismus nennen.

So ist eine intensive Woche voller Prosa und Kunst wie im Fluge vorbei gegangen. Ich bin bestimmt nicht zum letzten Mal dort gewesen.


Mein neues Romanprojekt führt mich von Australien über Norwegen bis zum Südpol – alles kreist um Caroline Mikkelsen – die erste Frau in der Antarktis (1935)

Gestern habe ich alle Unterlagen (Exposé und die ersten 22 Romanseiten) für das Arbeitsstipendium 2020 für Literatur des Berliner Kultursenats abgesendet – ich bewerbe mich mit meinen neusten Romanprojekt mit dem Arbeitstitel: „Das Lachen der Pinguine“.

Als kleiner Teaser hier Teil 1 meines Exposés:

Kurzinhalt

Die erste Frau, die 1935 den Südpol betritt, steht 60 Jahre lang im Schatten männlicher Heldengeschichten und ist der Welt unbekannt. Erst als 1995 eine australische Journalistin öffentlich nach ihr sucht, bricht die Norwegerin Caroline Mikkelsen ihr Schweigen und nimmt ihren rechtmäßigen Platz in der Geschichte ein. Die Spurensuche führt auf einem Walfänger durch das Eis der Antarktis bis hin zum hektischen Zeitungsbetrieb in Sydney. Wenn sich die bescheidene Südpol-Pionierin und die ehrgeizige Journalistin begegnen, prallen ihre unterschiedlichen Wertvorstellung aufeinander und beide Frauen stellen sich die Frage, ob eine Lebensleistung ohne Anerkennung einen Wert hat. Der gründlich recherchierte Roman gibt erstmalig Einblicke in die facettenreiche Biografie der Pionierin Caroline Mikkelsen und schlägt über die fiktive Figur der Journalistin eine Brücke in die Lebenswelt von Frauen in der heutigen Zeit, die sich gesellschaftlich immer noch gegenüber männlicher Dominanz behaupten müssen.

Falls ihr euch fragt, wie ich auf diesen Stoff gekommen bin:

Alles fing im April diesen Jahres an, als ich das Internet nach einem neuen Romanstoff durchforstet und „erste Frau“ in Google eingegeben habe auf der Suche nach einer historischen Persönlichkeit, die etwas Interessantes vollbracht hat, aber in der Literatur noch nicht (erschöpfend) behandelt worden ist. Meine zweite Suchidee war nach einer Hochstaplergeschichte, irgendwas mit Lebenslüge und Verheimlichen. Zuerst bin ich auf die erste Frau im Weltall (eine sowjetische Kosmonautin) gestoßen, habe einige Artikel über sie gelesen und Videos angeschaut, aber irgendwie hat es bei mir nicht „klick“ gemacht.

Als irgendwann in den Suchergebnissen die Schlagzeile auftauchte: „Lange geheim: Die erste Frau am Südpol. 1935 war Caroline Mikkelsen am Südpol – als Begleiterin ihres Mannes. Wegen ihres zweiten Mannes schwieg sie lang darüber“ war ich sofort Feuer und Flamme.

Zum einen interessiert mich der Südpol schon seit 2011, als ich eine Dokumentation zum 100. Jahrestag der Erstbetretung des Südpols gesehen habe. Das Wettrennen zwischen dem Norweger Roald Amundsen (der Sieger) und dem Engländer Robert Falcon Scott (der Zweitplatzierte, der mit seinem Leben bezahlte) ist echtes Heldendrama. Im Nachgang zur TV-Doku habe ich noch ein Sachbuch über das Wettrennen zum Südpol gelesen. Anlässlich des Jubiläums wurde sogar die Oper „Southpole“ komponiert und im Januar 2016 an der Bayerischen Staatsoper uraufgeführt (habe ich mit Faszination im TV angesehen). Außerdem mag ich Pinguine sehr gerne und habe vor Jahren den Film „Die Reise der Pinguine“ im Kino gesehen und war ganz ergriffen. Mein Bezug zur Antarktis liegt also auf der Hand.

Aber richtig hinein gezogen hat mich die Frage: Warum hat Caroline Mikkelsen 60 Jahre lang über ihr Erlebnis geschwiegen? Das berührt auch meinen zweiten Ansatz, nämlich die Sache mit der „Lebenslüge“ oder vielleicht eher ein Familiengeheimnis.

Jedenfalls habe ich dann fieberhaft das Internet nach weiteren Zeitungsartikeln abgesucht (und wenige gefunden), auch Wikipedia nach Personen und Fakten durchsucht. Eine Schlüsselfigur in der „Entdeckung“ von Caroline Mikkelsen anlässlich des 60. Jubiläums der Landung ist Diana Patterson, die Leiterin der Davis Station (eine Forschungsstation an der antarktischen Ostküste nahe der Landungsstelle der Norweger im Jahr 1935), die 1995 die Suche nach der ersten Frau in der Antarktis voran trieb. Schließlich meldete sich Caroline im November 1995 auf eine Suchanzeige in einer norwegischen Zeitung. Im Nachgang gab es einige Zeitungsinterviews mit ihr und sie wurde offizielle ins Guinness Buch der Rekorde eingetragen.

Im Mai war ich mit 4 Freundinnen und Kommilitoninnen zur Schreibwoche in Winterberg und habe mich dort ganz in die Imagination der Charaktere und des Plots auf zwei Zeitebenen vertieft und meine ersten 12 Seiten des Romans geschrieben. Ich stelle mir Caroline als bescheidene junge Frau vor, die von ihrem 20 Jahre älteren Kapitänsehemann auf die Expedition mitgenommen wurde und sich ihm (und dem männlich dominierten Heldenverständnis) unterordnete und nach der Rückkehr nicht darauf bestanden hat, die öffentliche Anerkennung für ihre Erstbetretung einzufordern. Der Kapitänsmann starb im zweiten Weltkrieg und 1944 heiratete Caroline erneut: einen Gärtner aus Tønsberg. Aus Rücksicht auf seine Gefühle schwieg sie während der Ehe über ihr Antarktiserlebenis (so vage stand es im Zeitungsartikel). Das gibt meiner Fantasie jedoch viel Stoff, um über die Charaktere der Eheleute und deren Beziehungsdynamik nachzudenken. Ich stelle mir den Gärtner Johan als schüchtern vor (das komplette Gegenteil zum ersten Ehemann), der sich im Vergleich zum Abenteurer-Kapitän minderwertig gefühlt hat, weil er seiner Frau keine exotischen Reisen ermöglichen konnte. Caroline zeigte viel Einfühlungsvermögen und Rücksichtnahme als Ehefrau, den zweiten Mann seine „Schwäche“ nicht spüren zu lassen.

Der historischen Figur stelle ich die fiktive Journalistin (die ich in Sydney ansiedele, wegen des Australien-Bezugs der Davis Station), die sich auf die Suche nach Caroline macht.

Ich habe jedoch gemerkt, dass es mich reizt, selbst auf Spurensuche nach Caroline (die 1998 im Alter von 91 Jahren gestorben ist) zu gehen, um dem Menschen näher zu kommen und an mehr biografische Informationen zu gelangen. Das Internet ist in dieser Hinsicht wirklich toll. Meine Freundin Hedda hat noch in Winterberg über ihr LinkedIn-Profil (was ich selbst nicht habe) mit Diana Patterson Kontakt aufgenommen. Die Australierin hat mir sehr freundlich und hilfsbereit zurück gemailt. Ich habe sie zur ihren Eindrücken zu Caroline aus ihrem Treffen im Jahr 1995 befragt und eine gute Beschreibung zurück bekommen.

Noch näher dran würde ich natürlich kommen, wenn ich Kontakt zu den Kindern (zumindest von einem Sohn weiß Diana) von Caroline bekommen könnte, um sie zu befragen (und auch den „Segen“ für mein Romanprojekt zu bekommen). Diana hat keine Kontaktdaten zur Familie Mandel, gibt mir jedoch den Tipp, es bei Susan Barr (vom Norwegischen Polarinstitut) zu versuchen, die seinerzeit beim Interview dabei war und schon damals den Kontakt hergestellt hatte. Im Internet finde ich sogar eine E-Mail-Adresse von Susan und schreibe sie an. Prompt bekomme ich eine sehr nette und hilfsbereite Antwort und die Adresse eines Johan Mandel (der Sohn heißt vielleicht wie der Vater) aus Tønsberg – in Norwegen findet man Personennamen, Adressen und Telefonnummern (sogar mit Satellitenbild vom Haus) online. Es handelt sich um eine Festnetznummer, so dass sms oder whatsapp ausscheiden. Also schreibe ich einen Brief an den mutmaßlichen Sohn (stelle mich vor, erkläre kurz mein Romanprojekt und frage, ob er der Sohn von Caroline sei, bitte um Rückmeldung, gebe meine Blog-Seite als Referenz und meine E-Mail-Adresse an) und schicke ihn per Post ab.

Auch die Jahrhunderte alten Kommunikationswege haben noch ihren Wert! Etwa 10 Tage später entdecke ich eine E-Mail in meinem Postfach: Johan Mandel hat mir geantwortet: In wackeligem Englisch bestätigt er, dass er der Sohn von Caroline ist und mir gerne weiter hilft. Ich bin begeistert! Ich formuliere 10 Fragen rund um Carolines Biografie – zunächst auf Englisch, dann jage ich den Text durch den Google-Translator und füge die norwegische Übersetzung bei und schreibe, Johan möge mir gerne in seiner Muttersprache antworten. Wenige Tage später bekomme ich eine freundliche und sehr interessante Antwort auf Norwegisch (tolle Sprache – langsam verstehe ich einige Wörter!) und erfahre viel Neues. Mein Bild von Caroline wird immer runder – sie war eine sehr vielseitige Frau, aus einer kinderreichen dänischen Familien stammend, mit Ausbildungszeit in Hollywood (zur Näherin), Designerin, Geschäftsfrau. Sie ist keinesfalls ein verhuschtes Mädel unter dem Kommando ihrer Ehemänner, sondern eine starke Frau, die trotzdem zeitlebens sehr bescheiden war und ihr Licht unter den Scheffel gestellt hat, um den (zweiten) Ehemann nicht in den Schatten zu stellen. Diese Widersprüche sind für meinen Roman äußerst reizvoll.

Ich habe noch eine zweite Mail an meinen norwegischen Brieffreund (der Sohn müsste in seinen 70ern sein) geschickt mit weiteren Nachfragen. Er will mir nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub darauf antworten.

Am letzten Freitag finde ich einen Umschlag mit norwegischen Briefmarken im Briefkasten und siehe da – Johan hat mir einige Zeitungsartikel und Originalfotos von der Antarktisreise geschickt! Das ist wie Weihnachten! Bin immer noch total begeistert und auch berührt über das Vertrauen.

Die norwegischen Zeitungsartikel aus 1995/96 enthalten noch viele weitere biografische Details (wie meine ersten Übersetzungen hervorgebracht haben), die ich in den nächsten Wochen auswerten werde.

Am Freitag (12. Juli) war ich von der Sendung aus Norwegen so euphorisiert, dass ich meine Schreibblockade überwinden konnte (seit Anfang Juli habe ich mich jeden Tag damit gequält, dass mir noch 5-10 Romanseiten für meine Stipendiumsbewerbung fehlen, aber ich konnte mich nicht zum Schreiben aufraffen). Zaghaft habe ich eine Szene in der Redaktion des Sydney Morning Herolds mit meiner fiktiven Journalistin Jesse entworfen, die ihren Kollegen die Antarktis-Story verkaufen will. Da ich beim Schreiben immer großen Wert auf gute Recherche lege, habe ich mich zunächst über New-Themen (Politik/Gesellschaft) aus Februar 1995 in Australien und über die Zeitungs- und Journalistenwelt in Australien informiert (welche Zeitungen gibt es, welche Journalisten und Themen haben 1994/95 den Walkley-Award – wie Pulitzer-Preis in Amerika – gewonnen?).

So konnte ich am Samstag und Sonntag doch in einen kleinen Schreibrausch kommen und habe 10 neue Seiten produziert. Neben der Redaktionssitzung (1995) auch eine Szene mit Caroline im Walfänger vor der Antarktisküste (1935).

Meine Schwester Dorit hat mir wertvolles Last-minute-Feedback gegeben (wie immer super hilfsbereit), so dass ich am Montagabend alle Texte einreichen konnte (immerhin 1 Tag vor Fristende – ich brauche scheinbar ein gewisses Maß an Termindruck, um in die Gänge zu kommen).

Drückt mir die Daumen für das Stipendium – die Chancen stehen allerdings 300 (Bewerbungen) : 17 (Stipendien) – so steht es jedenfalls im Antragsmerkblatt.

Unabhängig vom Stipendium werde ich im November im „National-Novel-Writing-Month“ (NaNoWriMo) auf jeden Fall wieder in den Roman einsteigen und (hoffentlich) eine erste Fassung schreiben. Freue mich schon darauf.

Nun möchte ich euch einen Eindruck aus meinem Romananfang geben.

Viele Spaß beim Lesen! Wie gefällt euch der Stoff und meine Umsetzung?

Prolog: Die Stimme der Antarktis

Ich liege außerhalb deiner Reichweite, in unermesslicher Entfernung – und doch streckst du deine Hand nach mir aus, willst mich berühren, deinen Fuß auf meine weiße Haut setzen, deine Fahne in meine eisigen Tiefen rammen. Mich in Besitz nehmen – für deine Nation, für deinen Ruhm, für deine Unsterblichkeit. Ich liege vor deinem Auge, so weiß, dass du blind davon wirst. So weit, dass die Distanz ihre Bedeutung verliert. Du hörst meine Stimme. Sie führt dich über das Meer. Dein Schiff bahnt sich einen Weg zwischen den Eisspalten mit ihren scharfen Kanten, die wie Säbel in deinen Bug schneiden. Du gibst nicht auf. Deine Schritte führen dich über meine Oberfläche aus Fels und Eis. Meine weiße Haut trinkt das Öl aus deinen Schlittenmotoren und das Blut deiner Hunde. Ich bewahre deine schmutzigen Spuren auf in meinen gefrorenen Kammern der Jahrhunderte, abgedeckt durch neue Schichten meiner Reinheit. Ich bleibe unberührt. Ich erneuere mich und du verlierst dich in mir. Dein Atem geht schnell, meine Atem geht im Rhythmus der Jahreszeiten, steigt auf und ab mit Licht und Dunkelheit. Die Kälte lässt meine Stimme in deinen Ohren klirren. Weiter, immer weiter zieht sie dich zu meinem Mittelpunkt, der im unsichtbaren Irgendwo liegt. Vielleicht findest du diesen Punkt, der dich zum Eroberer macht. Du willst belohnt werden für deine Entbehrungen, deine Opfer, deinen Mut. Du wirst ein Kreuz auf deiner Landkarte machen und all meinen Wölbungen einen Namen geben. Rufst du mich mit diesen Namen, bleibe ich stumm. Ich bleibe Niemandsland. Der Niemand, der bist du.

Kapitel 3: Picknick mit Pinguinen

20. Februar 1935 – Im Indischen Ozean vor der Ostküste der Antarktis

Caroline saß unter Deck in der Messe des Walfängers MS Thorshavn an einem langen Holztisch und bereitete das Picknick vor. Heute war der große Tag gekommen, an dem sie an Land gehen würden. Nun waren sie schon seit drei Wochen auf See und Caroline hatte sich an das ständige Schwanken gewöhnt. Die Qualen der ersten Tage waren fast vergessen – da hatte sie im Bett der Kapitänskammer gelegen und sich die Seele aus dem Leib gespuckt.

„Seebeine wachsen aus dem Bauch“, hatte ihr Mann Kapitän Klarius gesagt und den Matrosen Otso angewiesen, alle zwei Stunden den Metalleimer mit ihrem Mageninhalt in die See auszuleeren. Als Schwindel und Übelkeit endlich vergangen waren, machte sie vorsichtige Gehversuche auf den Schiffsplanken. An die Enge der Kajüten hatte sie sich schnell gewöhnt und auch an die vom Wind gegerbten Gesichter der Besatzung, die sie unter ihren Bärten schüchtern anlächelten. Besonders der junge Finne Otso mit den vielen Narben im Gesicht kümmerte sich rührend um sie. Mehrmals am Tag brachte er ihr einen Becher gezuckerten schwarzen Tee, klopfte ihr mit seiner Bärenpranke sanft auf die Schulter und murmelte melodisch „hölleken kölleken“ dazu – was wohl eine Art guter Wunsch auf Finnisch war.

Kapitän Klarius zeigte ihr jeden Morgen auf der Seekarte, wo sie sich befanden. Sie steuerten die Ostküste der Antarktis an, wo sich an der Nordseite des Sørsdal-Gletschers ein Gebiet von felsigen Küstenhügeln befinden solle – so hatten es jedenfalls die früheren Schiffsexpeditionen ihres Auftraggebers Christensen berichtet. Im Sommer würde dort kein Schnee liegen und das Gelände flach ansteigen, so dass man dort gut an Land gehen könne.

Caroline lenkte ihre Gedanken wieder auf ihre Aufgabe. Der Duft des frisch gebackenen Graubrots stieg ihr wohlig in die Nase. Der Koch Peer hatte zur Feier des Tages einen festen runden Brotlaib gebacken – eine willkommene Abwechslung zum Schiffszwieback. Aber über das Essen wollte sie sich nicht beschweren. Die Eintöpfe von Peer waren sehr nahrhaft und das gepökelte Robbbenfleisch gegen die Mangelerkrankung Skorbut musste man halt gut kauen. Umso mehr würden die Matrosen heute Nachmittag die Sandwiches genießen. Caroline schnitt dicke Scheiben vom Brotlaib ab und belegte sie sorgfältig mit Käse und Gewürzgurkenscheiben und strich ein wenig Senf darüber. Auf Salatblätter müssten sie verzichten, aber dafür würde sie die einzigartige Landschaft entschädigen. Die Antarktis – diese schneeweiße Königin – war unwirtlich, sie ließ kein Grün entstehen. Aber war sie nicht doch die Urmutter des Lebens, die das Geheimnis von Jahrtausenden in ihrem Eis einschloss?

Caroline griff zum weißen Butterbrotpapier und wickelten jedes der sieben Sandwiches sorgsam darin ein, als wären es Weihnachtsgeschenke. Dann faltete sie die hellblauen Servietten und strich mit ihren Fingern versonnen über die Stickerei an den Rändern. Die Servietten gehörten zu ihrer Aussteuer. Mit geröteten Wange und flinken Fingern hatte sie in den Monaten vor ihrer Hochzeit unzählige Tischtücher, Taschentücher, Servietten und Bettzeug bestickt. Das Design hatte sie selbst entworfen. Es waren gelb-weiße Margeriten, die Nationalblumen ihres Geburtslandes Dänemark, deren Konturen sie mit silbrigen Fäden eingefasst hatte.

Nun stand Caroline in ihrem dicken Mantel an der Reling. Sie hatte den Pelzkragen hochgeschlagen und ihre schwarze Wollmütze tief in die Stirn gezogen, die mit der silbernen Stecknadel mit den Engelsflügeln aus ihrer Zeit an der Nähschule in Los Angeles geschmückt war. Wenn man der majestätischen Antarktis einen Besuch abstattete, war es angebracht, sich schön zu machen. Der kräftige Wind schnitt ihr ins Gesicht. Weiße Gischtkronen tanzten auf den Wellen der aufgewühlten See. Vereinzelt ragten kleine Eisspitzen aus dem Wasser und hier und dort schwamm eine Eisscholle. Im Februar war die Haube aus Eis, die das Meer in dieser Region unschiffbar machte, aufgebrochen.

Kapitän Klarius stand neben ihr. Er trug seine weiße Kapitänsmütze und blickte entschlossen auf den dunklen Küstenstrich, der vor ihnen lag. Caroline hatte sich die Antarktis als eine unberührte weiße Landschaft vorgestellt, so wie der vereiste Kanal zwischen Frederikshavn und Göteborg in den Wintern ihrer Kindheit. Das Eis ließ die Umtriebigkeit der Welt erstarren und der Schnee hüllte die Landschaft in Stille ein. Aber die Küste, die vor ihr lag, war weder weiß, noch still. Die Wellen des Ozeans schlugen heftig an den Bug des Schiffes. In dieses Klatschen mischte sich ein Geräusch, das sie noch nie zuvor vernommen hatte und das von der Küste herüber wehte. Es war ein schnatterndes Stimmengewirr, das sie an die Bahnhofshalle von Oslo erinnerte. Ihre Augen glitten über das schroffe Felsengestein der Küste, das von einer gelblichen Schicht überzogen war. Davon hob sich eine Heerschar schwarz-weißer Körper in watschelnden Bewegungen ab. Pinguine! Hunderte von Pinguinen! Es war ihre Sprache, die unverständlich in ihre Ohren drang. War ihr Ruf ein Willkommen oder eine Warnung?

„Wir werden die Ersten sein, die diese jungfräuliche Küste betreten und für Norwegen einnehmen werden“, hatte Kapitän Klarius ihr mit Brustton erklärt.

Aber die Antarktis war kein unberührtes Land. Es gab schon Bewohner. Lebewesen, die der Kälte und dem Meer einen Lebensraum abtrotzten. In ihrem Gefieder sahen sie aus wie Frackträger. Aber waren sie die Diener der Menschen? Oder sind sie die Herrscher über dieses Land?

„Lasst das Beiboot zu Wasser“, wies Kapitän Klarius seine Mannschaft an. Als Caroline die Strickleiter ins Boot hinab kletterte, war sie sich nicht sicher, ob die Aufregung oder die schwankende Leiter ihre Knie zum Zittern brachte.