Tag 22 in NaNoWriMo – mein erstes Mal – eine Sexszene schreiben

Am Sonntag ist es soweit – meine Dirigentin Jo und ihr brasilianischer Kollege haben ihren ersten Kuss gelandet und nun geht es ins Bett. Aber wie schreibe ich eine Sexszene. Das ist absolut neu für mich. Ich weiß, dass ich als Leserin solche Szenen eigentlich ganz gerne habe, aber unterschiedlich gut gelungen finde. Bei Stephen King zum Beispiel geht es immer ziemlich deftig zu, in Frauenromanen romantisch bis kitschig, die „Kamera“ hat meistens einen rosa-rot Filter drauf und faded aus, wenn es konkret wird.

Ich suche im Internet nach Artikel „wie schreibe ich eine gute Sexszene“ und stoße zunächst auf die Seite der britischen Zeitung „The Guardian“: Deren Literaturkritiker vergeben jedes Jahr „Britain’s most dreaded literary prize“ – nämlich einen Preis für die schlechteste Sexszene („outstandingly awful sexual scene“) in der Literatur. Unter Schriftstellern ist das Schreiben einer erotischen Szene nämlich nicht ohne Grund gefürchtet, denn das ist die Kür mit Dreifach-Axel auf sehr glattem Eis und man kann böse auf dem Hintern landen. In diesem Artikel sind auch wunderbare Zitate von preiswürdig peinlichen Beschreibungen zu finden – sehr lesenswert.

Damit wächst mein Respekt vor meiner Aufgabe umso mehr. Aber ich will es trotzdem wagen. Zum Glück finde ich noch einen hilfreichen Ratgeber-Artikel. Hier lerne ich, dass es bei einer gut geschriebenen Sexszene auf drei Dinge ankommt: 1. wechselseitiges Agieren, 2. die Balance physischer und psychischer Darstellung und 3. das Vokabular.

In meiner Bettszene beschreibe ich das Geschehen aus der weiblichen Sicht von Jo, aber ich werde nun darauf achten, auch den Mann im Wechsel vorkommen zu lassen. Wie bei einem Tanz: beide Partner vollführen ihre Bewegungen in Reaktion aufeinander, es gibt ein harmonisches Zusammenspiel der Körper. Nicht einer ist der Alleintänzer und der andere die passive Puppe.

Meinen besonderen Fokus werde ich auch auf die emotionale und psychologische Komponente legen und die Liebesnacht in den dramaturgischen Bogen der Handlung einbetten (ins Himmelbett natürlich). Als Leserin soll man nachempfinden können, warum Jo ihre eigenen Regeln bricht (Karriere statt Beziehung), warum sie sich hinreißen lässt, was es für sie bedeutet, ihre Männerverkleidung abzulegen und wieder Frau sein zu dürfen und schließlich warum sie im Nachklang wieder einen Riegel vorschiebt und das Liebespaar nicht ins Happy End einläuft, sondern die Komplikationen und die Gefühlsturbulenzen jetzt erst so richtig losgehen.

Dann stellt sich die Frage des Vokabulars. Es gibt ja eine erstaunliche Bandbreite von Ausdrücken für die weiblichen und männlichen Körperteile, von vulgär, derb über medizinisch, neutral, verniedlichend und metaphorisch. Entscheidend für mich ist, dass ich die Sprache von meiner Protagonistin finde, denn aus ihrer Sicht ist die Szene schließlich beschrieben – also müssen die Vokabeln zu ihrem sonstigen Sprachduktus passen. Ich kann also auf einige musikalische Vergleiche und Metaphern zurückgreifen, aber abgesehen davon hat sie eine nordische Klarheit in ihrer Sprache und nennt die Dinge eher sachlich beim Namen. Also wird es die „Paradiespforte“ in meinem Text nicht geben, auch will hier kein „purpur behelmten Krieger ins gelobte Land“ – wie Bodo Wartke in seinem genialen Lied „Mir fehlen die Worte“ zu diesem Thema vorschlägt.

Ich mache mich also mit Feuereifer ans Schreiben meiner Sexszene – und es macht mir unglaublich viel Spaß. Ich schreibe zwar etwas langsamer als sonst, weil ich öfters über die beste Wortwahl nachdenke – wie zum Beispiel soll sich das Brusthaar von Martin für Jo anfühlen? „flauschig“? Hm. Das klingt nach einem Küken. Ich hole mir Hilfe im Synonym-Wörterbuch und entscheide mich für „wollig“. Insgesamt geht es mir erstaunlich leicht von der Hand.

Nun ist das Werk vollbracht – die Szene dauert ganze 6 Seiten an – und ich bin zufrieden.

Ich bin sehr gespannt, ob und wie meinen zukünftigen Testleserinnen diese Sexszene gefällt – sicherlich kann man nicht jeden Geschmack treffen. Ihr könnt euch jetzt schon darauf freuen – ab Seite 163 geht es los.

Übrigens liege ich gut im Wordcount, schreibe jeden Abend und jede Nacht meine dreieinhalb Stunden und habe ein kleines Wörterpolster aufgebaut. Ich liege gut in der Zielkurve, nun kommt der lange Endspurt. Bin zuversichtlich.

Als Leseprobe gibt es (leider) nicht die pikante Szene – dafür aber das „Vorspiel“.

Kapitel 10: Winterstürme wichen dem Wonnemond

Wien, 05. Mai 1926

Das Nachspiel zur „Walküre” fand in der Bar des Hotels Bristol gegenüber des Opernhauses an der Ringstraße statt. Die Hotelbar Hoffmanns war der informelle Treffpunkt der Künstler nach der Vorstellung, wenn man nicht groß Essen gehen wollte, aber noch gesellig mit Kollegen den Abend ausklingen lassen wollte. Hier wurde der Klatsch gepflegt, wo man an den winzigen runden Tischen seine Köpfe zusammensteckte, die Worte gedämpft vom dicken Schafswollteppich und den mit rotem Samt bespannten Wänden, im Mantel des Dämmerlichts. Die einzige Lichtquelle kam von den Kerzen auf den Tischen und von den erleuchteten Spiegelvitrinen rundum und hinter der Bar, in der hunderte Glasflaschen in den verschiedensten Farben und Formen aufgereiht standen und deren alkoholischen Elixiere die Musengeister entließen, ganz so wie in „Hoffmanns Erzählungen”1.Gluck, Gluck, Gluck! Ich bin der Wein. Gluck, Gluck, Gluck! Ich bin das Bier”, sangen die Flaschengeister vielstimmig von den Wänden und Kleinzack höchstpersönlich hockte mit seinem Buckel und der Nase schwarz von Schnupftabak in irgendeiner schummrigen Ecke an einem Tisch und machte Crick, Crack. In dieser Gesellschaft erzählte man sich flüsternd von Liebeskummer und von Eifersucht, im nächsten Moment wurde exstatisch gelacht, denn im Nachhall der Kunst spürte man die Vergänglichkeit. Jede Nacht und jedes Lachen könnte das letzte sein.

Nach der Vorstellung hatte Jo vor der Garderobentür auf Breuer gewartet. Als Breuer in frischer Kleidung und aufgebürsteten Haaren aus seiner Garderobe kam, legte er schwungvoll seinen Arm und ihre Schultern und nahm ihr die Partitur weg, die sie halb aufgeschlagen bereit hielt, ihm sofort musikalischen Bericht zu erstatten.

Das heben wir uns für morgen auf. Jetzt gehen wir feiern”, sagte er und zog sie mit sich mit. Er schien in Hochstimmung zu sein.

Als sie ins Hoffmanns kamen, war der Tresen schon voll besetzt mit Musikern und die meisten der Tische. Breuer steuerte auf einen freien Zweiertisch in der Mitte des schummrigen Raumes zu und sie setzten sich einander gegenüber. Zwischen ihnen flackerte das Teelicht in einem grünen Glas. Breuer bestellte für jeden ein Krügerl Bier. Ihre Knie berührten sich unter dem Tisch und über dem Tisch hätte sie sich nur ein bisschen vorlehnen müssen, und dann wären ihre Nasen zusammengestoßen. Oder ihre Münder. Aber auch rückseitig rieb man sich beinahe an dem Rücken seines Hintermannes, so dass von Zweisamkeit keine Rede sein konnte – man saß eingekeilt in einer Gruppe – und auch die Gespräche wurden über die Tische hinweg geführt.

„Habt ihr’s gesehen, wie die Olczewska gespuckt hat? Hat sie die Mizzi getroffen? Konnte leider nicht sehen, wo die Spucke gelandet ist”, sagte der Souffleur in den Raum hinein.

„Da hat die Jeritza wohl eine Sprühdusche abgekommen. Das geschieht der Diva recht, wenn sie bei ihrer Kollegin dazwischen blökt”, meinte ein Cellist. Es wurde gelacht. (…) Das gibt mehr als eine Rewaunsch.”

Da waren sich alle einig. Dann wurden Anekedoten erzählt zu Streitigkeiten zwischen Sängern hier und auf anderen Bühnen. Sie saßen kaum zwanzig Minuten beisammen, da entschuldigte sich Breuer bei Jo, er wolle mal zum Rauchen nach draußen gehen. Er ging. Und blieb weg. Sie saß alleine an dem Tisch, vor sich die zwei halb vollen Bierkrüge. Sie hörte den anderen bei ihren Gesprächen zu.

Zu Händels Zeiten gab es noch handfeste Schlägereien auf der Bühne”, erzählte der Souffleur (…)

Breuer, wo war den Ihre Schlachtenmusik heute Abend?”, rief jemand quer durch den Raum.

Genau, wir hätten den Walkürenritt wiederholen sollen”, lachte ein anderer.

Wo ist unser Maestro eigentlich”, fragte ein dritter. Der Stuhl von Breuer war immer noch leer und Jo saß wie ein wachsames Hündchen davor. Wo blieb Breuer nur? Hatte er sie hier einfach sitzen gelassen?

Hat sich der Breuer über die häusa haun”3, fragte der Oboist, der Rücken an Rücken mit Jo saß.

Wollen Sie sich zu uns an den Tisch setzen, Herr Osterkamp?”, bot der Musiker an.

Sie schüttelte den Kopf. Gleich würde sie ohnehin nach Hause gehen. Ein paar Minuten würde sie noch warten, ob Breuer wiederkäme. Oder sollte sie nachschauen, was er draußen so lange machte oder ob er überhaupt noch da war?

Jo stand auf und schlängelte sich zwischen den Tischen und Stühlen zum Ausgang aus dem schummrigen Spiegelkabinett. Im Foyer des Hotels musste sie zunächst blinzeln unter dem Kristallleuchter, der sein elektrisches Licht auf die Schaubühne für die illustren Hotelgäste warf. Ein roter Teppich führte von der herrschaftlichen Treppe auf den Hautpeingang zu, wo eine goldene Drehtür für einen königlichen Entré sorgte. Durch das Glas sah sie draußen eine wohlbekannte blonde Haarpracht im Wind wehen. Sie ließ sich durch die Drehtür nach draußen tragen wie ein Würfel im Roulette. Brauer stand mit dem Rücken zum Eingang auf dem roten Teppich augenscheinlich in ein Gespräch versunken mit keiner geringeren als Maria Jeritza. Die Sopranistin trug ein fließendes Seidenkleid, durch das sich ihre prallen Brüste deutlich abzeichneten, offensichtlich trug sie kein Korsett. Der kühle Abendhauch des warmen Frühlingstages tat den Rest, um alle Details ihrer weiblichen Anatomie sichtbar zu machen. Um ihre runden Schultern hing lose ein Cape in derselben matt-weißen Farbe wie ihr Gewand. Ihr blondes Haar lag in weichen Locken um ihren Kopf bis auf Kinnhöhe. Sie sah aus wie eine Mond-Göttin. Breuer schaute sie wie gebannt an, als habe sie eben den Tanz der sieben Schleier für ihn getanzt. Gerade lachte sie glockenhell und legte dabei ihren Kopf in den Nacken und ihre Hand vertraulich auf den Arm des Dirigenten. Jo stellte sich brüsk neben das Turtelpärchen.

Guten Abend, Frau Baronin”, sagte Jo. Es konnte nicht schaden, die Dame daran zu erinnern, dass sie verheiratet war.  Die Primadonna warf Jo einen erstaunten Blick zu.

Nicht dass Sie sich an der Nachtluft verkühlen”, sagte Jo wie ein Kavalier und ließ ihren Blick für einen ausgibigen Moment auf die berühmten Aphrodite-Brüste der Sängerin gleiten – was sicherlich alles andere als wohlerzogen wirkte, „es wäre eine Schande, wenn Sie sich einen Schnupfen zuzögen und wir auf Ihre herrliche Stimme in der nächten Vorstellung verzichten müssten.”

Jo hob den Blick und starrte der Sängerin nun beinahe kampfeslustig in die blauen, stark geschminkten Puppenaugen. Jeritza zog sich ihr Cape dichter um die Schultern und verhüllte ihre prominenten Brüste notdürftig. Jo sah aus dem Augenwinkel, wie Breuer schmunzelte.

Das ist sehr aufmerksam von Ihnen, Herr Oberkampf”, säuselte die Primadonna. Dass sie Jos Namen nicht richtig kannte, ärgerte sie ein wenig.

Nun, dann werde ich Gute Nacht sagen”, sie reichte Breuer graziös ihre Hand, der sich für einen galanten Handkuss hinab beugte, dann drehte sie sich auf ihren hohen Hacken um, ohne „Oberkampf” eines weiteren Blickes zu würdigen, und stolzierte zu einer geparkten Limousine. Ein Fahrer in Uniform sprang heraus und hielt ihr die Tür auf. Offensichtlich ihr Privatchauffeur. Sie rauschte in die Nacht davon.

Ich gehe auch nach Hause”, sagte Jo, „ich habe lange genug alleine an diesem Tisch gesessen. Ihr Bier müssen Sie nun ohne mich austrinken – und meines meinetwegen auch.”

Jo wollte sich abwenden, da spürte sie eine warme Hand an ihrem Oberarm, die sie festhielt.

Sie sind ganz schön empfindlich, mein lieber Oberkampf”, sagte Breuer und grinste, „lassen Sie uns wieder reingehen und ich bestelle uns Cocktails.”

Nein, danke. Man muss einen klaren Kopf behalten.”

Nicht immer…”, sagte Breuer.

Was ich Ihnen noch sagen wollte,” hob Jo in strengem Ton an, „der Übergang im Ersten Aufzug von der Streicherpassage zu den Hörnern in der Arie Winterstürme wichen dem Wonnemond war von der Dynamik völlig misslungen.”

Sie erklärte ihm ganz präzise, was er alles falsch gemacht hatte, sang ihm die Instrumentenstimmen vor und formte mit ihrer linken Hand Ausdruck und Artikulation der Töne in die Luft. Breuer schaute sie währenddessen intensiv an, aber er schien ihr trotzdem nicht richtig zuzuhören. Sein Gesichtausdruck meanderte zwischen Aufmerksamkeit und Amüsement, seine meeerblauen Augen wanderten über ihr Gesicht, hingen besonders an ihren Lippen – was sie noch schneller sprechen ließ.

Haben Sie verstanden?”, fragte sie zornig.

Sie fallen wohl nie aus der Rolle, was Osterkamp? Immer der Dirigent. Nehmen Sie Ihren Taktstock auch mit ins Bett? Oder darf da sonst noch wer bei Ihnen liegen?“

Er lächelte sie herausfordernd an und Lachfalten fächerten sich um seine Augen herum auf. Seine vollen Lippen teilten sich und zeigten seine schönen Zähne. Ihr Kopf war plötzlich wie leergefegt und ihr fiel keine Erwiderung ein.

Jetzt ist Feierabend. Machen Sie sich mal locker.”

Und in einer zielgenauen Bewegung, bevor sie begriff, was er tat und einschreiten konnte, zog er an einem Ende ihres Halstuchs und die Schleife löste sich. Er zog ihr das Tuch vom Hals, das eine heiße Schleifspur auf ihrer Haut zurückließ. Sie schnappt nach Luft und reckte ihr Kinn reflexartig vor, um zu protestieren und fasste nach dem Tuch, um es ihm aus der Hand zu reißen. Breuer nahm mit seiner anderen Hand ihr Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger und sie erstarrte unter dieser Berührung wie ein hypnothisiertes Beutetier. Der leichte Druck seines Daumens löste sich von ihrem Kinn und sein Finger glitt ihren entblößten Hals hinab, über ihre Gurgel – sie wagte nicht zu schlucken, nicht zu atmen – bis zu ihrem Schlüsselbein. Seine warme Berührung jagte einen Schauder durch ihren ganzen Körper. Ihr Augenlider flatterten und sie warf einen blitzschnellen Blick in sein Gesicht. Er hatte seine Augen fast geschlossen und schien sich ganz auf das Spüren zu konzentrieren.

Ein Lufstrom und ein Stimmengewirr weckte sie aus ihrer Erstarrung. Breuer trat einen Schritt zurück und ließ das Halstuch los, das nun schlaff in ihrer Hand hing. Ihre magische Verbindung war unterbrochen. Einige Gestalten kamen aus der Drehtür und zogen an ihr vorbei wie Schattten.

Wir haun uns in die hapfn”4, sagte einer der Musiker.

Gute Nacht”, hörte sie Breuer sagen. Ob zu den Musikern oder zu ihr, wusste sie nicht. Er wendete sich ab und ging durch die goldene Drehtür zurück in die Hotellobby.

Jo ging wie eine Traumwandlerin nach Hause. Ihre Beine kannten den Weg. Gedankenfetzen jagten durch ihren Kopf. Sie fühlte sich, als ginge sie unter Wasser. Ihre Ohren waren taub gegen die Geräusche der Straße. Das einzige, was sie in ihren Ohrmuscheln hörte, war das Rauschen des Blutes im Rhythmus ihres Herzschlages – Staccatissimo – Prestissimo5.

Fußnoten

1„Hoffmanns Erzählungen“ (frz. Originaltitel: „Les contes d’Hoffmann“) ist eine Phantastische Oper von Jacques Offenbach. Uraufgeführt am 10. Februar 1881 in Paris.

3Wienerisch für einen Abgang machen, verschwinden

4Wienerisch für ins Bett gehen, schlafen gehen

5Äußerst abgehackt und schnell

Halbzeit im NaNoWriMo – Kurzhaarschnitt und Korsett für die Dirigentin (Leseprobe)

Heute ist Halbzeit und ich habe die magische Marke von 25.000 Wörtern (111 Normseiten) gestern um kurz nach 1 Uhr nachts überschrieben. Ich habe im Schreiben meinen guten Rhythmus gefunden (eine Abendschicht und eine Nachtschicht von je 1 ½ Stunden) und schaffe meinen täglichen Wordcount.

Aber ach, die zweite Woche bringt so manche Sorgen, wie ich die Geschichte entwickeln soll. Die Figuren sind eingeführt, die Szenerie ist aufgebaut – und nun muss der Handlungsbogen nach oben gehen und auf einen dramatischen Höhepunkt zusteuern. Aber worin genau soll dieser bestehen? Es genügt nicht, dass meine Dirigentin immer wieder mit dem fiesen Kapellmeister Heger zusammenprallt und immer wieder knapp einer Entlarvung entkommt – das wiederholt sich zu sehr. Auch meine vielen Anekdoten und Details zu Angewohnheiten der Sänger, kleinen Bühnen-Pannen, Klatsch und Tratsch, die ich aus meinem tollen Opern-Buch habe, und Schwelgen in der Musik bilden zwar eine gute Würze, sind aber nicht handlungstragend.

Am Mittwoch habe ich ein langes Telefonat mit meiner Literaturagentin (meinen Antarktis-Roman hat sie einem Dutzend Verlage auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt, nun heißt es Geduld haben, es liegen noch keine Rückmeldungen vor, auch wenn die Lektoren vor Ort wohl positiv auf ihren Pitch reagiert haben). Sie fragt mich nach meinem neuen Romanprojekt und ich erzähle es ihr. Sie findet zwar das Thema „Frau in einer Männerdomäne“ gut und auch Wien als Sehnsuchtsort, fragt dann aber: „Wo ist der Höhepunkt? Warum und wie scheitert sie?“

Damit hat sie natürlich den Finger in die Wunde gelegt – ich weiß es noch nicht so richtig. Dann äußert sie eine grundsätzliche Skepsis: Aus Erfahrung weiß sie, dass Lektoren beim Thema Musik und Film in Romanen zurückhaltend seien, erst recht klassische Musik wäre nicht massentauglich und hat den Ruf, nur für ein intellektuelles Publikum zu sein. Es könnte also sein, dass ich mein Werk in hunderten Stunden harter Arbeit schreibe und die Verlage es dann nicht mal mit der Kneifzange anfassen. Ich halte dem entgegen, dass ich für meinen Stoff brenne und diesen Roman auf jeden Fall schreiben werde, auch wenn er vielleicht erst mal (oder für immer) in der Schublade landet. Meine Agentin betont, sie wolle mein Feuer auf keinen Fall löschen und ich solle weiterschreiben.

Am Mittwochabend und Donnerstag bin ich dann doch ziemlich deprimiert, raffe mich trotzdem zum Weiterschreiben auf. Ich hoffe einfach, dass sich doch eine Leserschaft für meinen Roman – auch für die von mir so geliebte Opernwelt – begeistern wird und meine geschriebene Stimme nicht vor leeren Rängen verhallt.

Gleichzeitig überlege ich intensiv, wo das Drama für meine Figur herkommen könnte und wie ihre Heldenreise genau aussehen könnte. Dann kommt mir eine Erleuchtung: „Madame Butterfly!“ Danke Puccini! Eine Liebesgeschichte wollte ich sowieso einflechten (inklusive erotischer Liebesszene – bin sehr gespannt, ob ich das hinbekomme, habe so etwas noch nie zu Papier gebracht), aber nun wird sie auch schwanger werden und dann steht sie vor der Entscheidung: Kind oder Karriere. Mehr verrate ich nicht.

Habe nun jedenfalls die dramatische Entwicklung der Geschichte besser vor Augen und habe wieder Freude am Fantasieren und Schreiben.

Hier nun die Leseprobe:

Johanna wurde an der Opernpforte telefonisch vom Kapellmeister Heger abgewiesen, weil er es für einen schlechten Witz hält, dass eine Frau dirigieren könne.

In ihrem Innern kochte der Zorn. Sie stürmte los ohne rechts und links zu schauen, ließ ihre langen Beine ausgreifen, stemmte ihre Stirn gegen den Wind als sei er eine Mauer, die sie einreißen wollte. Als sie irgendwann wieder aufblickte, fand sie sich vor der güldenen Statue von Johann Strauss wieder. Ihre Füße waren unwillkürlich den selben Weg vom Vortag gegangen und hatten sie in den Stadtpark getragen.

„Solche Problem hattest du nicht, Johann“, rief sie in das güldene Gesicht des Geigers, der selig lächelte.

„Wenn ich nicht dieses “a” am Ende meines Namens hätte, würden diese verknöcherten Kerle mich einlassen in die Welt der Musiker – dieser männlichen Überklasse“, sie spie die Worte nur so aus. Johann Strauss gab ihr keine Antwort. Sie marschierte weiter. Von Statue zu Statue – jedem Komponisten klagte sie ihr Leid. Aber was verstanden die schon davon – sie waren schließlich allesamt männlich – die Kronen der Schöpfung. Ha!! Warum gab es eigentlich keine weiblichen Komponisten? Die Welt war so ungerecht. In diesem Moment durfte einer der Dirigenten seinen Stab schwingen – vielleicht der blasse Brillenträger, der in der Schlange vor ihr gestanden hatte oder der Schnurrbarttyp. Sie verfügten über den wichtigsten Stab in diesem Wettbewerb – den Penis. Wenn Johanna doch ihr „a“ verlieren könnte und sich einen Schnurrbart wachsen lassen. (…)

Als sie dann in ihrer Kammer stand und in den Spiegel blickte, wurde sie ernst. Lange schaute sie in das Gesicht, das ihr fragend entgegen blickte. Sie traf einen Entschluss. Bedächtig holte sie eine Schere aus dem Kulturbeutel und umfasste mit der linken Hand ihren Zopf. Mit der rechen Hand führte sie die Schere. Mühsam, aber beharrlich bahnte sich die Schneide ihren Weg durch das dicke blonde Haar. Dann hielt Johanna ihren Zopf in der Hand wie eine Trophäe. Sie blickte wieder in den Spiegel. Kurze Haarsträhnen hingen ihr wirr über die Ohren und kitzelten sie im Nacken. Ihre grünen Augen leuchteten.

Kapitel 5: Kostümwechsel

Johanna musste schnell handeln, wenn sie ihre Verwandlung bis morgen früh vollenden wollte. Sie brauchte einen richtigen Herrenhaarschnitt und die dazu passende Kleidung – unter der sie ihre verräterischen weiblichen Kurven verbergen konnte – und vielleicht andere männliche Merkmale hinzufügen? Als erstes müsste sie ihre Brust plätten. Zum Glück waren ihre Brüste nicht sehr groß – ein Umstand, den sich als Jugendliche bedauert hatte. Als die Oberweiten ihren Mitschülerinnen verführerisch anschwollen, zeigten sich auf ihrer Brust nur kleine Hügelchen, die man fast übersehen konnte. Besonders bei ihren breiten Schultern und ihrem langen Torso wirkten ihre Venusformen doch ein wenig verloren. Passend zu ihrem verhassten Spitznamen „Leuchtturm“ zogen ihre leuchtend grünen Augen alle Aufmerksamkeit auf sich, die, obwohl nicht sehr groß und katzenhaft schräg stehend, ihr markantes Gesicht mit den hohen Wangenknochen, der geraden Nase und den temperamentvoll geschwungen Lippen dominierten. Niemand hatte sie je als hübsch oder gar schön bezeichnet.

„Du siehst so gesund und kräftig aus“, war das größte Lob, zu dem sich ihre Mutter hinreißen ließ. Als burschikos war sie auch oft bezeichnet worden. (…)

Als verräterischstes Merkmal war aber zuerst ihre Brust dran. Sie streifte ihr schwarzes Dirigentenhemd ab und befreite sich aus dem Büstenhalter. Womit könnte sie ein Korsett improvisieren? Sie schnappte sich das Bettlaken und schnitt es kurzentschlossen in drei lange Stoffbahnen. Sie wickelte erst eine, dann eine zweite Stoffbahn um ihren Oberkörper und zurrte fest an den Enden, aber ihr Busen hoben sich immer noch trotzig hervor. Ganz so winzig waren ihre Brüste anscheinend doch nicht. Wenn sie darum herum aufpolsterte, dann müsste es gehen. Sie holte eines ihrer wollenen Unterhemden aus dem Schrank und faltete es einige Male, so dass es an einer Seite dicker war und zur andern dünner wurde. Mit der dickeren Seite platzierte sie den Stoff unter ihren Brüsten, um den Übergang zwischen Erhebung und flachem Bauch möglichst fließenden zu gestalten. Dann wickelten sie die Tuchstreifen wieder unter einigen Mühen um sich herum und befestigte die Enden mit Sicherheitsnadeln. Sie schlüpfte wieder in das Oberhemd und betrachtete das Ergebnis kritisch. Ihre Brust sah jetzt ein wenig wie bei einem Gockel aus: stolz geschwollen – wie man im Volksmund sagte – und das war eindeutig männlich. Mit einem Jackett darüber oder gar im Frack würde diese Rundung der Brust sicher noch unauffälliger sein.

Was sie oben herum flach gepresst hatte, musste sie unten herum ausbauen. Was konnte sie bloß in ihre Unterhose stopfen, das wie die Wölbungen von Hoden und Penis aussah? Sie durchsuchte ihren Kleiderschrank. Da, das Stoffsäckchen mit dem getrockneten Lavendel gegen die Motten. Das passte von Form und Größe ganz gut, war formbar und auch nicht so schwer. Ob sie unten in der Küche vielleicht ein Wiener Würstchen im Kühlschrank finden würde? Sie schmunzelte bei diesem Gedanken, zog ihren Morgenmantel über und wickelte sich ein Handtuch wie einen Turban um den Kopf, um ihre kurzen Haare zu verdecken, und schlich hinunter. Sie fand die Küche wieder verlassen vor und inspizierte den Kühlschrank. Enttäuscht musste sie feststellen, dass es hier kein einziges Würstchen gab. Die aufgereihten Eier im Türregel lachten sie an, aber für diese männliche Anatomie hatte sie ja schon eine Attrappe. Sie wollte schon aufgeben, als ihr Blick auf die unterste Gemüseschublade fiel, sie zog das Fach auf. Bingo. Ein Haufen loser Möhren und eine Gurke lagen dort unschuldig und bereit, für ihren pikanten Zweck verwendet zu werden. Sie entschied sich für eine dicke Möhre, etwas so lang wie ihr Handteller. Das müsste von der Größe ungefähr hinkommen. Es würde sicherlich keiner nachmessen. Gerade wollte sie sich mit ihrem Fundstück von dann machen, als sie Schritte hinter sich hörte. Sie ließ die Möhre in ihrer Manteltasche verschwinden und dreht sich um. In der Tür stand die Concierge mit einem Gesicht, als hätte sie eben in eine Zitrone gebissen.

„Grüß Gott Frau Dabjanszki“, sagte Johanna zuvorkommend.

„Haben Sie Feuerholz aus der Kiste vor dem Bad im vierten Stock genommen?“, fragte die Concierge unwirsch.

„Ja, ein kleines Bündel“, gab Johanna zu, „steht der Korb nicht dort, damit man sich daraus etwas für seinen Ofen holen kann?“

„Dieses Holz ist nur für das Bad bestimmt. Wenn Sie Brennholz oder Briketts für Ihren Zimmerofen brauchen, müssen Sie es bei mir kaufen. Ein Schilling kostet das Bündel.“

„Tut mir leid, das wusste ich nicht. Ich kaufe nachher einige Bündel bei Ihnen und lege wieder eines zurück in den Korb“, beeilte sich Johanna zu versichern. Frau Dabjanszki nickte und ließ ihren Kontrollblick durch die Küche schweifen, als suche sie nach weiteren Verstößen gegen die Hausordnung. Wenn sie wüsste, dass sich eine stibitzte Möhre in Johannas Tasche befand, gäbe es sicher ein Donnerwetter, vielleicht sogar einen Rausschmiss für die Doppeldiebin. Sie würde spätestens morgen Lebensmittel einkaufen gehen und die Möhre ersetzen. Der strenge Blick der Concierge kehrte zur neuen Mieterin zurück, ein zweites säuerliches Nicken und Johanna war aus dem Verhör entlassen.

Wieder oben in ihrer Kammer arrangierte sie den Lavendelbeutel und die Möhre in ihrer Unterhose in möglichst lebensechter Nachahmung der männlichen Anatomie. Verdammt, die Gegenstände verrutschten, sobald Johanna einige Schritte tat. Vor allem die Möhre war widerspenstig und zeigte wie ein Kompass in magnetischer Verwirrung in alle möglichen Richtungen und drückte sich vorwitzig durch den Stoff in den Vordergrund. Das ging gar nicht. Sie befand, dass das falschen Hodensäckchen zunächst genügen musste. Es sorgte dafür, dass sie beim Auf- und Abschreiten im Flur vor ihrer Kammer einen anderen Gang annahm: breitbeinig mit diesem Säcklein geballten Männlichkeit zwischen ihren Schenkeln.

In Hemd und Hose unter ihrem Mantel und in den flachen derben Stiefeln, die sie nicht als Frau verrieten, marschierte sie zu einem Herrenfrisör, den sie mit ihrem Leuchtturmblick in einer belebten Geschäftszeile am Graben entdeckte. Hier musste sie ihren ersten Test als brandneu geformter Adam – besser gesagt: Johann – bestehen. Nach kurzer Wartezeit wurde „er“ in einen der Stühle vor den Spiegeln gebeten.

„Waschen und Schneiden, mein Herr?“, fragte der Frisör, ein kleiner Mann mit Buckel und dichtem grauen Haar. Er war so diskret, nicht danach zu fragen, wer seinem Kunden zuletzt diese Zottelfrisur geschnitten hatte.

„Ja, bitte. Mit Seitenscheitel rechts und im Nacken bitte ausrasieren“, sagte Johann(a) mit Brustton. Ihre Stimme besaß von Natur aus einen vollen, eher tiefen klang.

Beim Haarewaschen legte sie ihren Kopf nach hinten überstreckt in das kleine Waschbecken. Ihr Hals fühlte sich exponiert an, sie mochte diese Haltung nicht.

„Gehen Sie auf einen Kostümball, meine Dame?“, fragte der Frisör beim Einschäumen. Johanna hob erschrocken ihren Kopf und das Haarshampoo lief ihr brennend in die Augen.

„Wie kommen Sie darauf, dass ich eine Frau bin?“, fragte sie ein wenig kleinlaut.

„Sie haben keinen Adamsapfel“, sagte der Frisör und tippte mit seinem dicken Zeigefinger auf den Gurgelknopf seines eigenen Halses. Noch keine halbe Stunde als Mann unterwegs und schon ertappt. Aber besser heute als morgen. An den Adamsapfel hatte sie überhaupt nicht gedacht. Da hatte sie so viel Mühe darauf verwandt, sich unter der Gürtellinie männlich auszustatten und dabei die wahre Achillesferse des Fraudātor glatt vergessen.

Der Frisör machte sich flink ans Werk, seine Schere tanzte durch ihre feuchten Haare, ein elektrischer Rasieren fuhr ihren Nacken hoch und schon schüttelte der Haarkünstler das Schutzcape aus und präsentierte ihr den Schnitt mit einem Spiegel von allen Seiten. Johanna staunte. Mit dem gewachsten Seitenscheitel, dem Bubikopf und dem ausrasieren Nacken sah sie wirklich wie ein junger Mann aus, fast schon militärisch. Sie könnte als träumerischer Offizier durchgehen – über ihren vollen Lippen fehlte eindeutig ein Schnurrbart für die perfekte Verwandlung. (Sie verwandelt sich von Johanna in “Jo“.)

Kapitel 7: Mit viel Hertz und Taktgefühl beim Vorspielen

Jo stand an eine Säule der Arkaden gelehnt, ihren Blick fixiert auf den Bühneneingang. Auf dem Weg zum Opernhaus hatte sie sich sehr männlich und kampfbereit gefühlt, war mit ausgreifenden Schritten und erhobenem – wenn auch streichelzartem – Kinn gegangen. Mit ihrer stolzen Hahnenbrust, dem bübischen Kurzhaarschnitt unter dem Hut und dem angeklebten Bärtchen über der Oberlippe war sie das Abbild eines Jünglings. Jetzt, wo der Moment der Entscheidung gekommen und die erste Hürde sich vor ihr auftürmte, klammerte sich sich an ihre Notentasche und hoffte, Joseph Haydn werde seine schützende Hand über sie halten. (…)

Nun erschien ein junger Mann in dunklem Mantel und einer Notenmappe unter dem Arm am anderen Ende der Arkaden. Mit jedem Schritt, den er näher kam, wurde sie sich sicherer, dass er ein Dirigenten-Anwärter war. Als er gerade die Pforte des Bühneneingangs aufzog, schoss Jo hervor und heftete sich wie ein Schatten an die Fersen ihres Kollegen. Er war fast einen Kopf kleiner als sie, so dass sie beim Betreten der Vorraums sofort sah, dass derselbe Pförtner vom Vortrag auf dem Wachposten saß. Allerdings war er gerade damit beschäftigt, ein Paket vom Postboten entgegenzunehmen. Eine Welle des Optimismus durchströmte sie. Jetzt müsste sie mit Schwung ihren Durchbruch machen, wie ein General mit fliegenden Fahnen einmarschieren und dabei eine selbstverständliche Berechtigung ausstrahlen, so dass der Torwächter nicht auf den Gedanken käme, sie aufzuhalten.

„Ich komme zum Vorspielen für Herrn Kapellmeister Heger“, sagte ihr Schutzschild mit heller Stimme. Der Pförtner warf ihm einen flüchtigen Blick zu und schob die ominöse Liste auf dem Empfangstresen herüber. Ihre Vorhut unterzeichnete im Feld bei seinem Namen.

„Ich auch“, sagte Jo mit Bruststimme und griff sich den Stift wie ein Feldherr. In ihrem Kopf hörte sie eine Trompete zum Angriff blasen. Schwungvoll machte sie in der letzten Zeile bei dem Namen eines anderen ein unleserliches Handzeichen und schon glitt sie durch die Schwingtür in den Flur ins Innere der Festung. (…)

Um elf Uhr sollte das Vorspielen beginnen. Genau in dem Moment, als der große Zeiger der Uhr auf die volle Stunde sprang, öffnete sich die Tür und vier Herren marschierten ein – das Raunen und Rascheln im Raum verstummte augenblicklich und alle Blicke richteten sich auf die Eingetretenen. Jo erkannte an der Spitze des Komitees sofort den sehr filigran-eleganten Herrn von heute Morgen wieder, der einer der ersten an der Pforte war.

„Das ist Direktor Schalk“, raunte ihr Dominic zu.

Der Mann hinter ihm wirkte vergleichsweise massiv in seinem grauen Anzug mit den breiten Schultern und dem stampfenden Gang. Sein Gesicht war langgezogen und erinnerte Jo an eine Gurke. Eine saure Gurke, wenn man seine schmalen Lippen mit den herunter gezogenen Mundwinkeln miteinbezog. Er hatte braun-gräuliches Haar, das seinen Oberkopf nur spärlich bedeckte, aber über den Ohren noch dicht war. In der rechten Hand trug er einen Taktstock wie ein Zepter. Das musste Kapellmeister Robert Heger sein. Hinter ihm ging ein Mann, dessen blonde Wallemähne sofort ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Er hielt seinen Kopf mit der Eleganz eines Schwans und wäre als Sänger sicher die Idealbesetzung für Lohengrin gewesen. Ein kurzer Bart bedeckten sein Kinn und seine weich geformten Wangen. Seine dunkelblauen Augen streiften kurz über die Schar der aufgereihten Dirigenten und er nickte aufmunternd in ihre Richtung. Erst jetzt fiel ihr auf, dass der Schwanenritter mit dem linken Bein hinkte als hätte er ein steifes Knie. Vielleicht eine Kriegsverletzung? Nein, für einen Mann in seinen 40ern war er für den Wehrdienst wahrscheinlich schon zu alt gewesen. Ob er auch ein Dirigent war? (…)

„Der Herr mit den langen blonden Haaren ist Martin Breuer. Er ist fest engagierter Dirigent am Haus.“

Das grell bunte Stimmenwirrar verstummte und die erste Oboe gab dem Orchester das „a“ an und alle Instrumente stimmten sich darauf ein. (…) Umso erstaunter war sie, als sie nun den höheren Kammerton auf 443 Hertz hörte.

(… Mittagspause nach dem Vorspiel der ersten beiden Kandidaten…)

In der Kantine setzten sie sich an denselben Tisch mit den Kandidaten, die eben auf dem Pult gebrutzelt hatten. Der Engländer bestellte ein Bier und schüttete es in einem Zug hinunter. Sie sprachen sich gegenseitig Mut zu und echauffierten sich über den Kapellmeisters.

„Wie soll ick zeigen, was ick kann, wenn der Maestro mich alle paar Takte unterbricht?“, klagte der Engländer sein Leid.

Jo aß schweigend ihren Gulasch mit einer Semmel und trank ein Kracherl, beim Essen versuchte sie, ihren Mund so wenig wie möglich zu bewegen, damit der Kleber ihres Oberlippenbarts nicht zu sehr strapaziert wurde. Zu den Gesprächen nickte sie freundlich und musste sich ermahnen, nicht ständig an ihrem Halstuch herum zu nesteln, das ihren fehlenden Adamsapfel kaschieren sollte.

Bevor es weiter ging, musste sie noch zur Toilette. Auf der Suche nach dem Örtchen ging sie alleine durch die langen Gänge des Hauses, hier eine Treppe hoch und dort wieder herunter. Sie genoss die Stille und suchte in ihrem Kopf nach den wahren Klängen von Haydn, die durch die vielen Misstöne in der Probe störend überlagert worden waren. Schließlich fand sie das WC. Beim Händewaschen musterte sie sich kritisch im Spiegel. Der Seitenscheitel von Johann saß ordentlich und seine hohe Gestalt im Dreiteiler war fast schon Dandy-haft. Jetzt musste sie sich aber beeilen, zurück in den Probenraum zu kommen.

Als sie aus der Tür des Badezimmers stürmte, stieß sie mit einem Mann zusammen. Erschrocken blickte sie in ein tiefblaues Augenpaar.

„So aufgeregt?“, fragte Martin Breuer mit sanfter Stimme und ein Lächeln zog über sein Gesicht wie ein Sonnenstrahl.

„Die Damen werden es Ihnen verzeihen“, sagte er und zwinkerte Jo zu. Sie starrte ihn verwirrt an. Er zeigte auf das Schild an der Tür, aus der sie gerade gekommen war. Dort war in einem Messing-Relief die Figur einer Frau im Kleid abgebildet. Oh nein, Johann war auf die Damentoilette gegangen!

„Oh, ein Versehen“, stammelte Johann mit seiner tiefsten Stimme. Martin Breuer klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter und sagte:

„Dann zeigen Sie gleich mal, was Sie können, junger Mann“, und ging voran in Richtung Probenraum.

WIE JO SICH WOHL IM CASTING SCHLÄGT? FORTSETZUNG FOLGT.

Ahnt ihr schon, wer ihr “love interest” sein wird?

 

Schon 7 Tage im NaNoWriMo mit meiner Dirigentin in Wien

Es ist eine dunkle und stürmische Nacht im November – und schon wieder sitze ich Nacht für Nacht vor dem blauen Licht meines Bildschirms bis die Glocken zwölf Mal schlagen – zur Geisterstunde werden meine Schreibgeister erst so richtig munter. Seit 7 Tagen stelle ich mich zum 4. Mal in Folge dem NaNoWriMo – der Challenge, jeden Tag mindestens 1.667 Wörter meines Romans zu schreiben, bis ich am 30. November die Ziellinie von 50.000 Wörter überschreibe – mit dieser Länge darf sich ein Text mit gutem Gewissen Roman nennen. Dass an diesem Rohentwurf noch einiges zu überarbeiten und zu schleifen sein wird, versteht sich. Aber das Textfundament ist damit gelegt.

Mein Romanprojekt in diesem Jahr heißt: „Die Dirigentin im Herrenrock“. Meine Protagonistin kommt am 1. November 1925 nach Wien und will sich an der Oper als Assistentin des Kapellmeisters bewerben – aber alleine der Umstand, dass sie eine Frau ist, verwehrt ihr jede Chance. Also verwandelt sie sich in einen Mann und siehe da – sie darf dirigieren. Aber kann und will sie diese Maskerade aufrecht erhalten?

Von meiner Recherche-Reise nach Wien Anfang Oktober habe ich euch schon erzählt. In der Zwischenzeit habe ich drei junge Dirigentinnen via Skype interviewed – die mir auf Anfrage der Dozent des Masterstudiengangs für Orchesterdirigieren an der Universität der Künste Berlin freundlicherweise vermittelt hat. Von diesen beeindruckenden jungen Frauen habe ich einiges über die individuellen und oft verschlungenen Wege einer Musikerin hin zur Dirigentin erfahren und welche Herausforderungen einer Frau in diesem Beruf begegnen und welche Eigenschaften sie mitbringen sollte, um zu reüssieren. Außerdem habe ich einige Dokumentationen angeschaut, z.B. über den Solti-Dirigentenwettbewerb 2015 in Frankfurt und über die großen Rivalen Furtwängler und Toscanini in den 1920er bis 40er Jahre. Zudem habe ich noch 2 hochinteressante Bücher über die Wiener Oper und Frauen in Salon und Kaffeehaus im Wien der 1920er Jahre entdeckt – die ich noch nicht ganz gelesen habe (hatte in den letzten Oktoberwochen eine faule Phase – aber Relaxen vor dem Schreib-Marathon ist wohl auch wichtig), aus denen ich noch viel Honig für meinen Roman saugen kann.

Als ich letzten Sonntagabend (1. November 2020) vor meinem Computer sitze, fühle ich mich trotz meiner Recherche ziemlich unvorbereitet, habe zwar eine Vision und eine Idee davon, was ich ausdrücken möchte, aber von einem Plot oder Storyboard bin ich weit entfernt. Ich weiß noch nicht einmal, wie meine Heldin Johanna (der Name ist mir zugeflogen, auch eine Homage an die junge Dirigentin Joana Mallwitz, die aktuell die Flagge der neuen Generation von Dirigentinnen hoch hält) mit Nachnamen heißen soll und wie ihre Vorgeschichte ist. Eigentlich gehört es zur Vorarbeit eines Romans, für jede Figur eine Biografie zu entwerfen. Aber ich bin keine große Planerin, sondern lasse mich beim Schreiben treiben und die Figuren und ihre Entwicklung unter meinen Händen während des Tippens entstehen. Mir gefällt diese Arbeitsweise, ich gehe auf Entdeckungsreise in meine Fantasie und überrasche mich selbst, anstatt einen vorgefertigten Plan abzuarbeiten.

Tatsächlich habe ich es Tag für Tag geschafft, meine Figuren zu formen und für ihren Weg in der Geschichte in Stellung zu bringen. In den ersten 3 Kapiteln – die ihr zum Abschluss auszugsweise als Leseprobe findet – bin ich also auf Spurensuche nach meiner Hauptfigur gegangen.

Auch einen wichtigen Gegenspieler habe ich gefunden: den (hist.) Dirgenten Robert Heger, dessen Assistentin Johanna wird. Er ist ein ziemlicher Kotzbrocken (später auch ein Nazi), der von der natürlichen Überlegenheit von Männern gegenüber Frauen überzeugt ist und Johanna bei ihrer ersten Bewerbung abblitzen lässt.

Was meinen Schreibprozess angeht, so bin ich (leider) die totale Aufschieberin – den ganzen Tag über mache ich einen weiten Bogen um meine Schreibdokumente – gehe spazieren, schaue meine Lieblings-Opern-Videos an und esse Lebkuchen dazu. Erst wenn es dunkel ist und es keine Ausreden mehr gibt, setze ich mich gegen 19 Uhr an meinen Schreibtisch und lege meine erste Schreib-Session ein. Meistens schaffe ich in 1 – 1 ½ Stunden ca. 900 Wörter. Dann mache ich eine Pause. Gegen 22 oder 23 Uhr raffe ich mich dann zur zweiten Runde auf und komme meist gut in Schwung, so dass ich die fehlenden 800 Wörter bis zur magischen Zwischenlinie schaffe – gegen 1 Uhr nachts mache ich dann aufgekratzt den Computer aus und gehe noch ein Stündchen in den nebelig-verlassenen Straßen meiner Wohnsiedlung spazieren und sage den Füchsen gute Nacht.

Meine Bilanz der ersten 7 Tage: 12.551 Wörter (57 Normseiten). Meine Statistik sieht also zurzeit gut aus – bin voll im Soll. Ich hoffe, das geht so weiter.

Hier nun die Leseprobe:

Kapitel 1: Wien, Wien nur du allein sollst stets die Stadt meiner Träume sein

Wien, 01. November 1925

Als der Nachtzug aus Berlin kurz vor sechs Uhr in der Frühe in den Wiener Hauptbahnhof einrollte, saß Johanna bereits auf ihrem dickbäuchigen Lederkoffer im Stiegenbereich der Tür und reckte ihren langen Hals nach vorne, um den ersten Blick auf die Stadt ihrer Träume zu erhaschen. Die Sonne konnte sich noch nicht recht entschließen, aufzugehen und den grauen Dunst der Nacht zu vertreiben. Die Müdigkeit in Johannas Gliedern wurde von einer Welle von Adrenalin weggespült, als sie ihren Fuß in festen Schnürstiefeln aus Kalbsleder auf den Bahnsteig setzte und den Koffer mit beiden Händen und vor Anstrengung angezogenen Schultern über die Trittbretter des Wagons auf den Boden herunter zerrte. Eine blonde Haarsträhne löste sich aus ihrem nachlässig zusammengesteckten Haarknoten und fächerte sich über ihre Stirn aus. Sie pustete sich den Haarschleier von den Augen und richtet sich zu ganzer Größe auf, um über die Köpfe der Leute hinwegzublicken und einen Kofferträger zu erspähen. „Leuchtturm Johanna“ hatten ihre Schulkameraden sie halb neckend, halb neidisch ihre Jugendjahre hindurch gerufen. Als Kind der Nordsee waren die Leuchttürme allgegenwärtig – und auf Wangerooge gab es sogar zwei davon, den alten und den neuen. Im Alter von dreizehn Jahren hatte ihr Körper beschlossen, ungebremst in die Höhe zu schießen. Jedes Jahr wuchs sie über zehn Zentimeter, wie Vaters Bleistiftstriche im Türrahmen belegten. Zum Glück hatte sie mit Siebzehn ihren Höchststand von 1,78 Metern erreicht.

„Sonst guckt unser Meitje noch aus dem Schornstein in die Wulkje“, sagte Vater.

„Albert, unser Meitje braucht schon wieder neue Schoo“, rief ihre Mutter händeringend zu jeder Jahreszeit und nähte ständig neue Verlängerungen aus Stoffresten an die Sleves der Pullover und Hosenbeine ihrer Tochter.

„Deine Hosenbeine sehen aus wie eine Ziehharmonika“, sagte Greta aus der Parallelklasse, während sie sich über den weißen Spitzenkragen ihres Blumenkleidchens strich. Johanna hörte sie kaum, denn in ihrem Kopf spielte gerade Beethovens Siebte Symphonie.

Johanna war, soweit sie sich erinnern konnte, nie ein normales Mädchen gewesen. Im Alter von drei Jahren hatte sie das Meeresrauschen in den Muscheln entdeckt. Sie presste sich die große Muschel über ihr linkes Ohr, tänzelte barfuß auf dem Sand im rhythmischen auf- und abfließenden Meeresstrom und fuchtelte mit ihrem rechte Ärmchen in den windigen Himmel, um die Schreie der Möwen zu einem Konzert zu vereinen.

Im Alter von vier Jahren entdeckte sie die Orgel in der St. Nikolai-Kirche beim alten Leuchtturm. Wenn Mutter Freitagabend beim Gemeindetreffen war, schlich sie sich in das verlassene Kirchenschiff, stieg die knarrenden schwarzen Holzstufen der Wendeltreppe zur Empore hinauf und kletterte auf den Hocker des Organisten – Herr Lundt war ein steinalter Greis mit Buckel und krummen Fingern, der im Gottesdienst immer so langsam spielte, dass Johanna beim Singen unweigerlich gähnen musste. Wenn ihre langen schmalen Finger die weißen und schwarzen Tasten der Orgel anschlugen, bereitet der Klang der Pfeifen ihr ein wohliges Kribbeln im Nacken und sie konnte die Töne auf der Zunge schmecken. Das tiefe C schmeckte wie Lakritze und das hohe H wie Brombeeren. Wenn der Küster sie spielen hörte, kam er hinkend angerannt und schüttelte aus der Tiefe zornig seinen Zeigefinger gegen sie.

„Die Orgel ist kein Spielzeug, sondern ein Instrument Gottes!“

Wenn die Musik von Gott kam, dann hatte Johanna einen direkten Draht zu ihm. Aber das verstanden die Großen nicht.

Als sie in die Schule kam, war der Musikunterricht ihr liebstes Fach. Auch wenn Frau Buttfanger die Instrumente – eine Triangel, ein Xylophon und drei Blockflöten – viel zu selten aus der Vitrine holte. Johanna war meistens nicht schnell genug, um eines der begehrten Instrumente zu ergattern und musste sich damit begnügen, den Rhythmus mit zu klatschen – was sie inbrünstig tat.

„Nicht so laut, Fräulein Osterkamp“, ermahnte sie die Musiklehrerin. Meistens sangen sie deutsche Volkslieder wie „Hänschen klein“, „Das Wandern ist des Müllers Lust“, „Alle Vögel sind schon da“, „Hab den Wagen voll geladen“, „Grün, grün, grün sind alle meine Kleider“ – wobei Frau Buttfanger immer schrecklich schräg sang und Johanna jedes Mal Zahnschmerzen davon bekam.

„BORIS GODUNOW“, rief ein Halbwüchsiger Johanna gellend ins Ohr, „heute Abend im Operntheater am Ring. Mit Emil Schipper in der Titelpartie. Am Pult Maestro Robert Heger. Letzte Restkarten hier, letzte Restkarten hier!“

Der Rufer trug eine zu kleine rote Uniformjacke mit goldenen Schultertrosseln und glänzenden Knöpfen wie ein Lakai aus dem untergegangenen Habsburger Königs- und Kaiserreich. Er hielt eine handvoll Opernbillets aufgefächert in der rechten Hand in die Höhe und wedelte damit wie ein Pfau. Tatsächlich drängten sich zwei Damen in Pelzmänteln zu dem Kartenverkäufer und sicherten sich die begehrten Opernplätze.

Johanna fühlte eine anregende Wärme durch ihre Adern rauschen. Würde irgendwann ein solcher Junge auch ihren Namen über die Wiener Straßen und Plätze rufen?

“Am Pult des Wiener Operntheaters: Johanna Osterkamp“ – und würden sich die Leute um die Karten zu ihren Vorstellungen reißen? Das waren alles Träume, Illusionen…

(…) Schon dreht die Straßenbahn nach rechts ab und sie war am Opernplatz. Ihr Herz hämmerte, als sie sich an den Passagieren mit den Regenmänteln vorbei presste und ausstieg. Sie war endlich hier.

Das Wiener Operntheater saß als dicke Diva auf ihrem ersten Platz an der Ringstraße – dabei trug sie die Hausnummer 2, aber das würde ihr niemand vorhalten – jenem Boulevard den Kaiser Franz Josef ab 1860 auf den Spuren der alten Stadtmauer erbauen und von Prachtbauten säumen ließ, die der Donaumonarchie ein repräsentatives neues Gesicht gaben. Eines dieser Vorzeigebauten war das Neues Haus, bald K. k. Hof-Operntheater genannt, das im Jahr 1869 im Beisein des Kaiserpaares mit der Oper „Don Juan“ von Mozart feierlich eröffnet wurde. Johanna kannte die historischen Bilder und Beschreibungen aus ihrem Bildband und Wien-Reiseführer. Aber nun, da sie selbst vor dieser „versunkenen Kiste“ stand, wie die Zeitgenossen den Neubau damals schmähten, verschlug ihr die Erhabenheit des Baus den Atem. Die steinerne Diva saß tatsächlich tief im Fundament, schien sich nur behäbig aus den Steinplatten der umgebenden Plätze zu erheben, dafür aber umso mächtiger, breiter, unverrückbarer, als ein graziler Bau es vermocht hätte. So raumgreifend und imposant war die massive Hülle dieser Diva, die trotz ihrer vielen Fenster etwas von einer Festung hatte, in die es kein Eindringen gab, dass Johanna sie mit einem Blick gar nicht vollständig erfassen konnte.  (…)

Kapitel 2: Eine Dachkammer am Franziskanerplatz – ein Künstlerleben wie bei Puccini

(…) Die Weihburggasse war eng und von dreistöckigen schmalen Wohnhäusern gesäumt, das Tageslicht kam kaum bis zum Trottoir hinunter. Hausfrauen schüttelten Bettdecken aus, irgendwo klang ein Radio durch ein geöffnetes Fenster, zwei Hunde kläfften zweistimmig im Konzert (in F-Dur) und an den Straßenlaternen roch es nach Urin.

Endlich trat sie auf den Franziskanerplatz hinaus, der immer noch im Schatten lag, beinahe viereckig und mit einem Brunnen in der Mitte. Ihre Augen suchten die Fassaden ab, konnte aber weder Hausnummern noch Namensschilder entdecken. Ein Mütterchen in Schürze fegte tief gebeugt vor ihrer Haustür.

„Grüß Gott“, sprach Johanna die Alte an, „ich suche die Pension Anna.“

„Im Orellischen Haus“, krächzte die Alte und deutete mit einem krummen Finger auf das stattliche Haus an der Einmündung der Weihburggasse. Sie bedankte sich bei der Frau und ging auf die grüne Flügeltür des Hauses zu, das mit seinen vier Stockwerken und sechs grün gerahmten Doppelfenstern auf jeder Etage wie ein Weihnachtskalender mit 24 Türchen wirkte.

Johanna drückte die schwere Messingklinke herunter und trat in einen dunklen Flur mit Steinboden, der nach Rauch und Gallseife roch. Links lag die Wohnung der Concierge, die an ihrem zum Flur offenen Fenster mit einer Zeitschrift saß und gemächlich heraus schlurfte, als sie den Neuankömmling sah. Johanna reichte der Concierge den Zettel des Pförtners und fragte nach einem Zimmer für einige Nächte.

„Wir vermieten nur wochenweise“, sagte die Concierge, die sich ihr nicht vorstellte und die Fremde misstrauisch von oben bis unten beäugte. Ihr Blick blieb an Johannas robusten knöchelhohen Männerstiefeln aus schwarzem Leder mit roten Schnürsenkeln hängen – bei einer Schuhgröße von 41 passten die meisten Damenschühchen ihr nicht und selbst im modisch extravaganten Berlin wurde Johanna meistens nur in den Regalen für Herren fündig, vor allem, weil sie hohe Absätze verabscheute und lieber robustes Schuhwerk trug, so wie sie es als Kind gewohnt war – im Watt war man ohne kniehohe Stiefel verloren.

„Wo kommen Sie her, Fräulein…?“, fragte die Concierge.

„Osterkamp. Ich komme aus Berlin.“

„Ah. Die Preußen sind Papageien“, sagte die Hauswächterin und rieb ihren von Druckerschwärze eingefärbten Zeigefinger an ihrer fleischigen Nase, die von einer imposanten Warze geziert wurde. Johanna wusste nicht, was sie von dieser Aussage halten sollte. Sprach die Frau von den Preußen im Allgemeinen oder von ihrem Gegenüber im Besonderen? Sie ließ ihre Glupschaugen wieder an Johannas Figur hoch und runter streifen. Was war denn bloß auszusetzen an ihrer farbenfrohen Kleidung? Johannas grau-rot karierter Rock endete kurz über dem Stiefelbund und ließ schwarze Strümpfe sehen. Mit ihrem tannengrünen Wollmantel, dem senfgelben Schal und der roten Baskenmütze trug sie die Farben des Herbstlaubs.

„Und was machen Sie in Wien?“, wollte die Concierge wissen.

„Ich spreche morgen im Operntheater für eine Anstellung vor“, sagte Johanna.

„Ah, Sie wollen in die Kostümabteilung?“, sagte die Frau und ihre trägen Augenlider hoben sich in einer Welle der Erkenntnis. Johanna nickte. Sie sah keinen Grund, das Weltbild dieser Frau ins Wanken zu bringen. Wahrscheinlich dachte sie, die Papageienfrau aus Berlin können allenfalls eine Nadel schwingen, aber einen Taktstock? Niemals!

„Die Pension ist fast vollständig besetzt. Alles anständige Frauen, die in Lohn und Brot stehen.“

Wie aufs Stichwort hörte man Schritte die Stiege hinab trappeln und eine junge Frau mit Pausbacken, langen Zöpfen und einem schlichten grauen Mantel, der sie wie eine Klosterschülerin aussehen ließ, kam in den Flur.

„Guten Morgen Frau Dabjanszki“, grüßte sie die Concierge gutgelaunt und nickte Johanna zu.

„Denken Sie daran, Fräulein Babadov, keine Essensreste in den Papierkorb und kein Radio nach 10 Uhr abends“, ermahnte die Concierge die Mieterin.

„Jawohl“, sagte die junge Frau ungerührt und schlüpfte durch die Tür nach draußen.

„Diese Bulgaren haben eine dicke Haut wie Elefanten. Alles muss man drei Mal sagen, bis was ankommt“, schimpfte die Concierge mit gedehnten Vokalen und scharfen S-Lauten, was verriet, dass Wiener-Deutsch auch nicht ihre Muttersprache war.

„Die meisten Bewohnerinnen in unserer Pension arbeiten am Operntheater. Das Fräulein Babadov von eben ist da Perückenmacherin.“

„Haben Sie noch ein Zimmer frei für mich?“, wollte Johanna wissen. Frau Dabjanszki guckte sie wieder mit ihrem abschätzenden Blick an.

„Wie lange wollen Sie denn bleiben?“

„Einen Monat“, behauptete Johanna. Sie müsste in einigen Tagen wieder abreisen, wenn sie die Assistentenstelle nicht bekam. Wenn sie aber Erfolg hatte, würde sie mindestens eine Spielzeit lang bleiben.

„Bezahlt wird wöchentlich im Voraus“, sagte die Concierge streng und nannte den Preis in Schilling. Die österreichischen Papierkronen waren wegen der rapiden Inflation der letzte Jahre im März ersetzt worden mit zehntausend Papierkronen zu einem Schilling. Johanna rechnete im Kopf zur deutschen Mark um. Die Miete war ganz schön happig. Aber in Berlin teilte sich Johanna die Miete mit drei anderen Musikerinnen, was günstiger war, als ein Einzelzimmer.

„Darf ich das Zimmer besichtigen?“, fragte sie. Die Concierge nickte unwirsch und schlurfte in ihre Wohnung, um den Schlüssel zu holen. In ihren Filzpantoffeln stieg sie die enge Holzstiege Windung für Windung nach oben und schnaufte dabei wie eine Dampflok. Auf der dritten Etage machte sie Halt und stütze sich auf das Geländer.

„Einen Aufzug haben wir nicht“, schnauzte die Concierge, wohl eher im Bedauern für ihre eigenen Mühen, als für den Komfort der Pensionsgäste.

„Körperliche Bewegung ist doch ganz gesund“, sagte Johanna begütigend. Frau Dabjanszki warf ihr einen giftigen Blick zu.

„Wenn man jung ist…“, murrte sie. Es ging höher und immer höher. Im Flur der vierten Etage steuerte die Concierge auf eine weiß angestrichene Holztür zu, die aussah, als gehöre sie zu einem Wandschrank.

„Putzen müssen Sie das Zimmer selbst“, schnaufte die Frau.

Sie öffnete die kleine Schranktür, zweifelsohne, um der neuen Mieterin die Besenkammer zu zeigen. Sie knipste ein spärliches Licht einer nackten Glühbirne an und nun sah Johanna, dass hier eine schiefe hölzerne Wendeltreppe hinauf ging.

„Die Dachkammern sind oben. Ihr Zimmer ist das letzte im Gang“, sagte Frau Dabjanszki und hielt Johanna den Schlüssel mit dem Holzklotz mit der Nummer 5 unter die Nase. Offensichtlich wollte sie sich den letzten Aufstieg ersparen. Johanna griff beherzt zu und kletterte die Wendeltreppe hinauf und fühlte sich zurück versetzt zur Stiege hinauf zur Orgel in St. Nikolai. Diese hier ächzte unter jedem ihrer Schritte und schien dem Zusammenbruch nahe zu sein. Oben angekommen streckte sich ein schmaler Gang vor ihr aus, der sich an der Dachschräge entlang schmiegte. Die drei Liegendfenster spendeten ein fades Licht, das die Staubspuren auf den groben Dielen nicht verbergen konnte. Ein kalter Wind pfiff durch die Ritzen der Dachziegel. Mit eingezogenem Kopf ging sie zur letzten Tür auf dem Gang und sperrte auf. Ein Kämmerlein nicht viel größer, als das Zugabteil zeigte sich ihr. Links unter der Dachschräge stand ein schmales Bett mit einer zerschlissenen Wolldecke und eine Kommode. Neben dem Bett ein Holztisch und ein Stuhl vor einem winzigen Fenster. Daneben ein rußschwarzer Standofen mit Abzugsrohr nach draußen. Feuerholz: Fehlanzeige.

Rechts ein Bauernschrank mit verzogenen Türen, die nicht richtig schlossen. Darin hingen sieben Drahtbügel und einige Mottenkugeln kullerten herum. Daneben ein Frisiertisch mit Spiegel, über den sich ein Riss zog. Auf dem Tisch stand eine halb heruntergebrannte Kerze in einem Teller mit Haltegriff. Unwillkürlich musste Johanna lächeln. Sie war unversehens im Dachkämmerlein von Mimi gelandet – wenn sie in der Kammer nebenan klopfen würde, stände ihr der Dichter Rodolfo gegenüber, er würde ihr Feuer für ihre erloschene Kerze geben und ihr eiskaltes Händchen zärtlich in seinen Händen wärmen. „Che gelida manina“ summte sie und in ihrem Kopf schwoll das Orchester zu Puccinis leidenschaftlichen Liebesklängen an. Ja, als echte „Bohème“ musste man Lebenskünstler sein und sich nicht von solch profanen Dingen wie fehlender Ofenwärme oder schäbigem Mobiliar stören lassen.

Beim Hinausgehen sah sie neben der Tür ein weiteres Kleinod dieser Dachkammer: Dort hing ein gerahmtes Bildnis in Öl, das Kaiser Franz Josef mit imposantem grauen Backenbart und in blauer Garde-Uniform zeigte – vermutlich vom Trödelmarkt oder es hing hier schon seit der Kaiserzeit.

Johanna seufzte. Es war schließlich nur für einige Nächte, dann würde sie sich eine behaglichere Wohnstatt suchen.

Als sie wieder eine Etage tiefer vor der Concierge stand und sich die Spinnweben aus dem Gesicht strich, fragte sie nach dem Badezimmer.

„Dort ist das Gemeinschaftsbad. Klosett ist nebenan.“

Johanna inspizierte diese Räume, die sehr abgenutzt, aber funktional und einigermaßen sauber zu sein schienen.

„Ein Bettlaken und zwei Handtücher pro Woche sind inbegriffen“, erklärte die Concierge. „Im Keller ist eine Waschmaschine, die Sie gegen Gebühr benutzen können. Leinen zum Aufhängen sind auch da. Bügeleisen und -brett auch. Im Parterre gibt es eine Gemeinschaftsküche. Dort finden Sie einen Gasherd, einen Kühlschrank und alles, was man so braucht. Für Ihre Vorräte haben Sie ein eigenes Regal im Schrank. Schreiben Sie Ihren Namen auf die Lebensmittel drauf, damit sich die hungrigen Mäuse nicht des Nachts drüber hermachen“, leierte die Concierge lustlos herunter. Mit den Mäusen meinte sie wohl hungrige Mitbewohner. Johanna lächelte höflich über diesen Witz, aber die Frau guckte an ihr vorbei.

„Nehmen Sie nun das Zimmer oder haben Sie meine Zeit verschwendet?“, wollte Frau Dabjanszki wissen.

„Ich nehme es“, sagte Johanna kleinlaut.

Wieder im Erdgeschoss ließ die Concierge ihre neue Mieterin wie eine unartige Schülerin vor der Tür warten, bis sie mit einem mehrseitigen Vertrag und der Hausordnung heraus kam, sich beides unterschreiben ließ und schließlich mit einem zufriedenen Grunzen ihre dicke Hand zum Empfang des Geldes ausstreckte.

Kapitel 3: Im Stadtpark mit den Komponisten und Mokka mit vielen Namen

(…)

Sie verstaute ihre wenigen Kleidungsstücke im Schrank und stapelte ihre kostbaren Partituren darin zu einem Turm – Monteverdi und Mozart bildeten das Fundament und ihr geliebter Gustav Mahler die Spitze. Die restlichen Habseligkeiten reihte sie ordentlich auf dem Frisiertischchen auf – einige Toilettenartikel. Aber anstelle von Wimperntusche und Kajalstiften gab es bei ihr nur Bleistifte und Buntstifte für die Notizen in den Noten. Aber ein Gegenstand brauchte einen besonderen Platz. So wie manche Menschen ein Kreuz oder einen siebenarmigen Leuchter aufstellten, baute sie einen kleinen, aufklappbaren Notenständer aus dunklem Metall auf, den ein Straßenkünstler am Berliner Gendarmenmarkt ihr verkauft hatte. Darauf breitete sie eine Miniatur-Partitur aus – es war ein Notizheftchen mit Notenlinien, das sie als sechsjähriges Mädchen zwei Wochen lang in ihrem Krankenbett geführt hatte, als sie das Fieber der Spanischen Grippe schüttelte. Dort hatte sie die Melodien aus ihren wirren Träumen eingefangen und niedergeschrieben. Ihre erste Komposition. Sie nannte sie „Lied der Gezeiten“. Dieses Lied hatte sie in der 4. Klasse sogar einmal mit ihren Schulkameraden aufgeführt – mit Glockenspiel, Blockflöten, Xylophon und Trommel – sie hatte dirigiert. Das Publikum bestand aus den Möwen am Strand und dem stinkenden alten Beppo, der zum Schluss jaulte – was entweder Bravo oder Buh bedeuten mochte. Ihr „Lied der Gezeiten“ war die Geburt ihres Traumes gewesen, Musik zum erklingen zu bringen. Behutsam strich sie mit ihrem Zeigefinger über die gewellten Seiten des Papiers und die ausgeblichenen Noten, die trotzig den letzten 22 Jahren standgehalten hatten.

Zuletzt holte sie die längliche schwarze Lederschatulle hervor. Auf dem Deckel befand sich mit Silberfäden eingenäht das Wappen einer Adelsfamilie, die sich wohl irgendwo in den Ritzen der Geschichte verloren hatte. Mit einem dumpfen Plopp gab der Deckel dem Druck ihrer Finger nach und sprang auf. Das Innere der Schatulle war mit rotem Samt ausgeschlagen und duftete nach Edelholz und Orangenschalen. Früher war darin ein funkelndes Collier aufbewahrt worden – das stellte Johanna sich jedenfalls vor. Sie hatte diese Schatulle auf einem Flohmarkt auf der Museumsinsel in Berlin entdeckt. Nun enthielt sie den größten Schatz, den es für sie gab, kostbarer als Schmuck und Geschmeide: ihren Dirigentenstab. Für sie war es kein bloßer Taktstock – sie lehnte diese Bezeichnung ab – denn es ging um viel mehr, als dem Chor oder Orchester ein menschliches Metronom zu sein. Der Dirigentenstab war ein Zauberstab, der aus dem Klangkörper jene Musik herausholte, die in den unbeschreiblichen Sphären zwischen den Noten und ihrer Vision schwebte. Sie nahm den Stab in die Hand, ließ ihre Fingerkuppen über das glatt polierte Weißbuchenholz streichen, von der hellen Spitze bis zum Schaft, der in einem birnenförmigen Filzkopf endete, der sich in ihre hohle Hand schmiegte wie eine Nuss in ihre Schale. Der Dirigentenstab war eine Verlängerung ihrer Hand, so natürlich zu ihr gehörend wie jeder ihrer Finger. Sie hob ihre Arme, schloss die Augen und ließ die ersten Takte der Haydn Sinfonie No. 49 erklingen, der Stab tanzte geschmeidig durch die Luft und gab dem Schrank, dem Spiegel und Kaiser Franz Josef ihr Einsätze. Nach dem Adagio legte sie den Stab mit einem zufriedenen Lächeln wieder auf sein samtiges Lager.

WIE ES WEITER GEHT, erfahrt ihr nächste Woche hier.

Zu den US-Wahlen: Ein EGO-Trip

Heute ist nicht nur ein wichtiger Tag für Amerika, sondern für die ganze Welt. Ich hoffe, dass in dieser Präsidentschafts-Wahl die Demokratie siegen wird.

Hier das Ego-Statement des Mannes, der sich an seine Macht klammert:

“ICH HABE EINEN NAMEN DEN JEDER KENNT

ICH HABE EINE SPRACHE DIE JEDER FÜHLT

ICH HABE EINE MACHT DIE NIEMAND STIEHLT

ICH BIN ABSOLUT ICH

ICH TRAGE KEINE MASKE

ICH BIN DIE EINZIGE WAHL

ICH BAUE EINE MAUER

ICH BERUFE RICHTER

ICH FEUERE VERRÄTER

ICH BEGNADIGE FREUNDE

ICH WEIß DASS

ICH ALLES WEIß

ICH SCHREIE BETRUG

ICH HABE GELDTÜRME

ICH HABE ATOMWAFFEN

ICH HALTE DIE BIBEL HOCH

ICH BIN MENTAL FIT

ICH BIN CHARMANT

ICH GRAPSCHE FRAUEN

AN DIE PUSSY

ICH HASSE DIE PRESSE

ICH ERFINDE FAKE NEWS

ICH BESIEGE

CHINA UND SEIN VIRUS

ICH SAGE WAS GILT

ICH BLEIBE EWIG

ICH BIN AMERIKA

ICH BIN NICHT

FÜR JEDERMANN

TRAURIG”

Ein Abgesang – hoffentlich!

Blogparade: „It was a dark and stormy night…“ – Schreiben mit Snoopy

Zufällig bin ich in der „Kulturzeit“ auf Snoopy von den Peanuts gestoßen – in diesem Porträt der kultigen amerikanischen Comic-Serie von Charles M. Schulz ist mir dieser liebenswert-entspannte Hund begegnet, der am liebsten auf dem Rücken auf seiner Hundehütte liegt. Und er hat eine große Leidenschaft: Er schreibt! Allerdings teilt er das Schicksal unzähliger Schriftsteller*innen – seine Texte sind unveröffentlicht und der große Durchbruch lässt auf sich warten. Trotzdem verfolgt er sein großes Ziel, einen Roman zu schreiben, unermüdlich über die Jahre. Sein (Misserfolgs-) Geheimnis: Er beginnt jeden seiner Texte mit dem Eingangssatz:

It was a dark and stormy night.“ – „Es war eine dunkle und stürmische Nacht.“

Snoopys Karriere als „world famous author“ beginnt am 12. Juli 1965, als er eine Schreibmaschine auf das Dach seiner Hundehütte stellt und eifrig lostippt. Seine Texte gibt er seinen Freunden Lucy und Linus zu lesen, die ihm gute Tipps geben, wie er seine Geschichten verbessern kann – allerdings ist Snoopy ein ziemlich unbelehrbarer Autor.

So kritisiert Linus (der Junge mit der Schmusedecke) einmal, dass alle Geschichten mit dessen Lieblingssatz: „It was a dark and stormy night“ beginnen.

Snoopy beweist daraufhin seine schriftstellerische Flexibilität und beginnt den nächsten Text so:

„It was a stormy and dark night.“

Als Lucy ihm vorschlägt, seinen Geschichten mit „Once upon a time“ (Es war einmal) einen märchenhafteren Einstieg zu geben, schreibt Snoopy:

„Once upon a time it was a dark and stormy night.“

Als Snoopy zum Muttertag einen Brief an seine Mutter schreibt, lautet er so:

„Dear Mom, I remember when I was born. It was a dark and stormy night.“

Weitere Variationen seines geliebten Eingangssatzes sind:

„It was a dark and stormy noon“ (Es war ein dunkler und stürmischer Mittag)

und „He was a dark and stormy knight“ (Er war ein dunkler und stürmischer Ritter).

Diese schriftstellerische Beharrlichkeit amüsiert mich sehr und ich habe mich inspiriert gefühlt, Snoopys Lieblingssatz auch einmal selbst auszuprobieren.

Ich würde mich sehr freuen, wenn auch ihr Lust bekommen habt, einen Text mit dem kultigen Eingangssatz von Snoopy zu schreiben. Ihr könnt natürlich auch die Variationen (Mittag oder Ritter) aufgreifen. Der Text darf ruhig kurz sein, Prosa und Lyrik, gerne auch Wörter-Collagen und alles, was euch sonst noch einfällt – jede Stilart und jedes Genre sind willkommen.

Ich bin gespannt auf eure Beiträge. Die Blogparade läuft bis zum 30. November 2020.

Wer keinen eigenen Blog hat, kann ihren/seinen Text auch in den Kommentar posten oder mir per Mail senden, ich füge ihn dann gerne in diesen Blogbeitrag ein.

Hier ist nun mein dunkler und stürmischer Text – den ich in einem spontanen Freewriting niedergeschrieben und danach noch sprachlich hier und da überarbeitet habe:

Es war eine dunkle und stürmische Nacht. Dunkel war die Nacht. Und stürmisch. Der Sturm peitschte tote Blätter über den glänzenden Asphalt. Ihre Schritte waren unhörbar. Schritte auf hohen Hacken über welkes Laub. Das welke Laub eines warmen Oktobertages, der sich in einem Regenguss ausschüttete, als die Dunkelheit kam. Eine unvollständige Dunkelheit. Lichtkugeln schwebten auf ihren Stelzen über dem Asphalt wie Leuchttürme, die der Suchenden den Weg wiesen. Aber sie suchte nicht nach Erleuchtung, denn sie kannte den Weg. Vom Bahnhof zu ihrer Wohnung waren es 631 Schritte, wenn sie um den Park herum ging. Der Sturm zerrte an ihrem Regenschirm, warme Regentropfen liefen ihre Wangen hinab wie Tränen. Wenn sie durch den Park hindurch ginge, wäre sie gleich vor ihrer Haustür. Nur 99 Schritte, vorbei an der Tischtennisplatte und den zwei Schaukeln. Die Tischtennisplatte war ein See. In seiner gekräuselten Oberfläche spiegelte sich der zuckende Mond. Eine der Schaukeln schwang auf und ab im Rhythmus des Windes. Die andere Schaukel hing unbeweglich nach unten. Eine schwarze Masse machte sie schwer gegen den Wind. Die schwarze Masse war eine Gestalt. Die Gestalt hatte ein Gesicht, das im Glimmen einer Zigarette kurz aufleuchtete. Sie sah das Glimmen in ihrem Augenwinkel. Sie beschleunigte ihre Schritte. Ihre hohen Hacken klangen dumpf auf den glitschigen Herbstblättern. Sie drehte den Kopf zur Schaukel. Ihre Augen suchten nach dem roten Glimmen der Zigarette. Ein Aufglimmen wie das Auge eines Drachens. Der Drache war aufgestanden – es kam in ihre Richtung, hinter ihr her. Sie sollte rennen. Zur Haustür rennen, in die Sicherheit des Lichtkegels über den Briefkästen. Sie lief. Ihre Finger fischten in der Handtasche nach dem Haustürschlüssel. Sie hörte das Schnaufen ihres Verfolgers hinter sich, dicht an ihrem rechten Ohr. Sie rutschte, sie stürzte, sie schlug auf. Ihre Knie und ihre Ellbogen prallten auf den modrigen Asphalt und ein greller Schmerz strahlte durch ihren Körper. Sie schrie. So leise. Sie spürte einen festen Griff unter ihren Achseln. Sie wurde hochgehoben wie eine Puppe. Ihr wurde schwindelig. Verschwommen war die Gestalt im schwarzen Regenmantel, die Kapuze tauchte das Gesicht in ihren Schatten. Ein rotes Glimmen markierte den Mund. Tabakrauch stieg ihr beißend in die Nase. Sie bekam keine Luft mehr. Sie riss ihren Mund auf für Atemluft und für einen Schrei. Kalte Luft im Hals und Stille. Der Schatten wendete sich ab – und verschwand. Sie schritt wie auf Gummibeinen zur Haustür, ein zittriger Schlüssel fand das Schloss. Die Tür öffnete und schloss sich. Draußen blieb die Nacht alleine. Dunkel und stürmisch.

Hier läuft die Parade weiter…

Im folgenden Text von Fabiennne treibt der Sturm einen erschöpften Stadtwanderer vom Weg ab in einen verwunschenen Garten:

Es war eine dunkle und stürmische Nacht. Der Wind heulte um die Häuser, zerrte mit aller Gewalt an den Blättern der Bäume und trieb Regen mit sich her. Ludwig kämpfte sich durch das raue Wetter. Er ging gerade an einem schon lange unbewohnten Grundstück entlang. Es war nicht mehr weit bis zum Haus. Den Mantelkragen hochgeschlagen, die Schultern angezogen, versuchte er dem eisigen Wind zu trotzen. Er befand sich auf dem Rückweg von der Arbeit und war dementsprechend müde. Die Brust und der Rücken schmerzten vom ausharrenden angespannten Sitzen. Die Serverprobleme zu lösen, hatten ihn viel Zeit gekostet, aber am Ende lief das System wieder reibungslos. Untertags verlor er endlose Zeit an diese künstliche Welt, die alle Bereiche des Lebens zu beherrschen begann und jetzt sah er sich dem lebendigen Wetter ausgesetzt. Er wäre doch lieber vorm PC sitzen geblieben, denn die Stürme dort konnte er bewältigen, den hier draußen nicht. Ihm wurde kalt und das Stechen in der Brust nahm zu.

Der Wind heulte auf, ein vielfaches Rauschen erfüllte um ihn herum die Luft und doch war da noch ein feines anderes Geräusch. Ludwig blieb stehen und lauschte. Nichts außer dem Heulen der zornig anmutenden Windböen, war zu hören. Er ging ein paar Schritte weiter und vernahm wieder dieses andere Geräusch. Es kam irgendwie von dem unbewohnten Grundstück her. Das Grundstück war von einer hohen Hecke aus Thujas umgeben, die schon lange nicht mehr geschnitten worden waren. Wie bedrohliche Wächter ragten sie in den stürmischen Himmel auf. Ludwig ging an der Hecke vor und zurück. Selbst das Gartentor schien von den Thujas eingenommen zu sein. Er drückte die Torklinke, das Tor gab nach und durch einen schmalen Spalt konnte er vorsichtig zwischen den Thujas hindurch spähen. Auf dem Bürgersteig hatten die Straßenlaternen ein mattes Licht gegeben, der Garten jedoch lag in völligem Dunkel vor ihm. Wieder hörte er das Geräusch. Es schien aus der Mitte des Grundstücks zu kommen, dort wo das verfallene Haus stehen musste.

Ludwig quetschte sich durch die Thujas hindurch, die ihn fernzuhalten trachteten. Dann stand er im Garten. Wo eben noch stürmische Nacht geherrscht hatte, umfing ihn jetzt Windstille. Er machte ein paar Schritte von der Hecke weg in das Grundstück hinein. Sanftes Mondlicht erfüllte den Garten auf dieser Seite der Thujahecke. Seine Augen gewöhnten sich schnell an die Situation.

Vorsichtig schritt er voran, verwundert über diesen Wandel in den Naturgewalten. Das Rauschen des Windes war von Ferne zu hören, aber hier im Garten fühlte es sich friedlich an. Ludwig blieb stehen, lauschte, ob er das Geräusch wieder vernahm.

Das alte verfallene Gebäude sah er nicht, das Grundstück war wohl doch größer wie angenommen, dachte er. Stattdessen blickte er auf die glitzernde Oberfläche eines kleinen Teiches. Der war ihm bei Tageslicht noch nie aufgefallen. Aber vielleicht hatten die hohen Thujas ihn auch nur verborgen, den Blicken entzogen. Er sah wie ein Waschbär ins Gebüsch davon schlich.

Ludwig setzte sich an das Wasser, einen Augenblick lang wollte er die unwirkliche Stimmung, die über dem Teich lag, genießen. Vielleicht war er auch einfach zu müde, um wach zu bleiben, aber er merkte, wie eine bleierne Müdigkeit ihm die Augen immer wieder zuzog. An einen Baumstamm gelehnt, gab er dem Einschlafen nach, ein paar Minuten nur, dachte er, dann würde er heimgehen und sich zu Hause in das gemütliche Bett legen. Das Stechen in der Brust wurde besser, von Ferne hörte er noch ein gewaltiges Krachen. Dann wurde es dunkel um ihn herum.

Zwei Tage später stand in der Stadtzeitung: Mann erlitt während des schweren Unwetters einen Herzinfarkt und wurde von umfallender Thuja erschlagen.

Im Text von Caroline aus Berlin, von der Schule des Schreibens, weht der Wind von ganz woanders her:

It was a dark an stormy night, fegt die dunkle Stimme einer bekannten Blues Sängerin durch das Studio.
Melanies lockig frisierten Haare wehen in der Luftströmung einer Windmaschine. Ihr Mund ist trocken, das laszive Lächeln eingetrocknet. Nur noch gehalten von Schichten Make up, die der Maskenbildner Bruno in immer kürzeren Abständen auf ihrem Gesicht verteilt.
In der überdimensionalen Parfümflasche in ihrem Rücken pulsiert im Takt des Werbeliedes Licht in den verschiedensten Farben.
„Und….Cut,” Ronald Frings erhebt sich aus seinem Regiestuhl und reckt sich.
„Leute, es hat sich ausgestürmt für heute. Mir langts erstmal.”
Melanie sackt in sich zusammen „Und mir erst. Nach diesem Set rühre ich nie wieder Parfüm an.”

In Bettinas Text löst die “dunkle und stürmische Nacht” bei der schreibblockierten Schriftstellerin Lucy zunächst nur Widerwillen aus, aber die sonnige Natur um ihre Hütte lässt sie dann doch in einen Schreibfluss kommen, aber was heiter anfängt, kann ja noch stürmisch werden…

In Sabine B‘s Text navigiert die Protagonistin im schwarzen Regencape wie ein bretonischer Leuchtturm ohne Licht, dafür aber mit Brokkoli und Knoblauch in den Taschen, durch das nasse Verkehrsgedränge und würde viel lieber mit dem Hound of Baskerville Gassi gehen und sich von Watson ein Süppchen kochen lassen. Ob sie der dunklen und stürmischen Nacht entkommen kann?

In Heddas Text kommt die Heldin vier Mal an einem Filmplakat mit den Worten “It was a dark and stormy night” vorbei und jedes Mal schlägt das Unglück zu. Womit hat sie diesen Fluch wohl verdient?

Im lyrischen Text von Sabine H erhält die Protagonistin einen geheimnisvollen Brief, der sie vor die Entscheidung stellt, zu bleiben oder zu gehen. Wird die dunkle und stürmische Nacht ihr ein Zeichen geben?

Im Text von Anne ist Elsa in einer dunklen und stürmischen Nacht unterwegs zum Sterbebett ihres Vaters, als ein umgestürzter Baum ihre Fahrt abrupt zum Halt bringt und sie Brünhilde am Straßenrand antrifft – was diese beiden Frauen wohl verbindet?

Im Text von Sonja macht eine Italienerin im Sauerland Rast auf einem Autohof. Ihr kriminalistischer Instinkt wird geweckt, als sie einen heruntergekommenen Lastwagen sieht, mit dem etwas nicht stimmt. Was wird sie entdecken?

Der Text von Dorit nimmt euch mit in eine Fantasy-Welt: Ein dunkler Ritter galoppiert in stürmischer Nacht einer Verwandlung entgegen. Welches Geheimnis verbirgt er unter seiner Rüstung?

Emilia (11 Jahre) nimmt uns in ihrem Text “Die Königin” mit in ein Geisterschloss, in dem die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen. Ihre Erzählung könnt ihr euch im folgenden Audio anhören:

Susanne taucht in ihrem Text in eine Kindheitserinnerung an der Nordsee ein: Der Sturm treibt die Flut auf die Deiche, Menschen schleppen Sandsäcke, derweil sitzt das kleine Mädchen in der warmen Küche und isst mit ihrer Mutter gebratene Leber mit Apfelscheiben bei Kerzenschein.

Im Text von RobAug wird das niederländische Städchen Nijmegen von einer mysteriöse Bedrohung in Atem gehalten, die mit dem Verbot von Licht und Farben bekämpft werden soll. Nur der Lampenanzünder und Nachtwächter Henk Vaneerden darf Licht in die Dunkelheit bringen. Aber was passiert, wenn der Sturm kommt?

Wir sehen uns in Nijmegen

Henk Vaneerden war der Lampenanzünder und Nachtwächter in vierter Generation. Und das in nur einhundert Jahren. Mit diesem Beruf wurde man nicht alt. Seine Aufgaben waren aber andere als bei dem Urgroßvater. Es waren viel mehr geworden. Denn in den Katakomben der Gefängnisse von Amsterdam war überall das Graffiti eingeritzt worden: „‚Wij zien ons in Nijmegen.“ Der Magistraat von Nijmegen hatte reagiert. Die Schlagläden vor allen Fenstern der Stadt mussten entfernt werden. Türen durften nicht mehr verschlossen werden. Vom Eintreten der Dunkelheit bis Sonnenaufgang war Licht in den Wohnungen verboten. Die Prediger in den Kirchen riefen von den Kanzeln: “Gott straft die Heimlichen. Die ewige Seligkeit erwartet den, der nichts zu verbergen hat.”
Henk ging von Lampe zu Lampe durch die stillen Straßen und hielt den Anzünder an die Gaslaternen. Mit seinem Knüppel schlug er die Kinder, die noch auf der Straße spielten, und gegen die Fenster, hinter denen er Licht schimmern sah. Der Magistraat hatte die rote Farbe aus den Nächten der Stadt verbannt. Nur Schwarz und Weiß waren erlaubt. Alle Farben waren verdächtig. Henk schrieb in der Zeit zwischen seinen Rundgängen die Namen von denen auf, die sich durch Farben, durch Reden im Dunklen, durch Herumtreiben in den Gassen verdächtig gemacht hatten.
Es war seine letzte Nacht. Nur noch wenige Straßen waren mit Gas beleuchtet. Sonst überall verbreiteten die elektrischen Lampen ihr kaltes Licht. Henk hatte davor gewarnt. So helles Licht erzeugt dunklen Schatten. In den Häusern machten die Menschen die Nacht zum Tag.
Henk hatte keine Geldsorgen. Seine Vorväter konnten ihr Geld nie ausgeben in den Nächten und an den Tagen, an denen sie schliefen.
Ein gewaltiger Sturm, ein Orkan, raste über die Nordsee auf das Land zu. Niemand wagte sich aus den Häusern. Eine schwarze Gestalt lag auf dem Boden unter dem Strommasten zwischen dem E-Werk und der Stadt. Das Geräusch des Sägens wurde von dem Heulen des Sturms verzehrt. Dann riss der Sturm den Masten um. Nijmegen verschwand in der Schwärze der Nacht. Henk tastete mit sicherem Fuß – gegen den Sturm taumelnd – zu seinem Haus.

Frank Radziwill – Pinakothek der Moderne (München)

Wien – eine Diva lässt ihre roten Samthüllen nicht fallen

Mein neues Romanprojekt schimmert schon verheißungsvoll am Horizont – meine Protagonistin soll die Wiener Staatsoper in den 1920er Jahren sein. In ihren prunkvollen Mauern, zwischen Sternenstaub und Bühnenstaub zum vielstimmigen Klang des Orchesters soll sich mein Figurenreigen auffächern. Ein Mikrokosmos der Gesellschaft – von kapriziösen Gesangsstars, über Highsociety in den Logen und Bravo- und Buh-Rufern auf den Stehplätzen bis zu den rauen Bühnenarbeitern auf dem Schnürboden trifft hier alles zusammen für das Gesamtkunstwerk und Erlebnis Oper. Als langjährige Opern-Enthusiastin habe ich richtig Lust auf dieses Thema und kenne mich auch ganz gut aus – aber hauptsächlich in der Gegenwart.

Die Grande Dame unter den Opernhäusern

Ich mache mich also auf eine Recherche-Reise in die Vergangenheit auf der Suche nach einer historischen Künstlerin (zunächst schwebt mir eine Prima Donna vor) – die ich in den Mittelpunkt meiner Geschichte stellen kann. Ich surfe im world wide web, aber die richtig Großen dieser Zeit waren alles Männer.

Eine der Glanzgestalten dieser Zeit war Richard Tauber. Ich bestelle seine Biografie und lese eifrig darin: Er war der deutsche Caruso mit der goldenen Stimme, ein Pop-Star seiner Zeit mit unzähligen Schallplattenaufnahmen. Er pendelte zwischen Wien und Berlin, wurde in den 1930ern als Halbjude von den Nazis vertrieben und starb 1948 verarmt im Exil in London. Er war ein großzügiger Lebemann mit einer schrecklichen 1. Ehefrau (Sopran / Soubrette), die ihn erpresst und ausgenommen hat: Carlotta Vanconti – sie eignet sich definitiv nicht als Heldin für meinen Roman – höchstens als Gegenspielerin.

Mein Lesestoff zur Einstimmung: Tauber Biografie und Opern-Anekdoten

Irgendwie komme ich dann auf Dirigenten – und stelle fest, dass Frauen damals wie heute eine absolute Ausnahmeerscheinung in diesem Metier sind. Der Funke springt über und ich verfolge diese Fährte weiter, finde Anekdoten zu den wenigen Dirigentinnen, die in den 1920er Jahren an der Berliner Philharmonie den Taktstock geschwungen haben. Aber in Wien? Nulla! Die Australierin Simone Young war die erste Frau am Pult der Wiener Staatsoper – dieses Debüt fand im 21. Jahrhundert statt. Ich stoße auf Joana Mallwitz, die bei den Salzburger Festspielen dieses Jahr (2020!) die erste Frau ist, die mit “Così fan tutte” dort eine Oper dirigieren darf.

Welche Erkenntnis ziehe ich daraus: Eine Dirigentin hätte in den 1920er Jahren niemals das Pult des Staatsopernorchesters betreten dürfen. Ich habe eine Eingebung: Sie müsste sich als Mann verkleiden! Meine Protagonistin ist geboren. Ich knüpfe an die literarische Tradition von Shakespeare an und lasse eine Frau in Männerkleidung Furore machen. Amouröse Verwicklungen inklusive. Da denke ich sofort an einen Mentor (natürlich auch ein Dirigent), in den sie sich verliebt, aber sich nicht als Frau offenbaren darf. Und ein machtgieriger Konkurrent kommt ihrer Maskerade auf die Schliche und erpresst sie. Die Travestie bietet jede Menge Möglichkeiten für Verwicklungen und spannungsreiche Konflikte und sogar Komik.

Nun steht meine Reise nach Wien an – zum einen freue ich mich darauf, endlich wieder in Live-Operngenuss zu kommen – zum anderen bin ich begierig darauf, für meinen Roman zu recherchieren. Ich will das Wien der 1920er Jahre hautnah kennenlernen.

Im Vorfeld schreibe ich eine E-Mail an die Info-Seite der Wiener Staatsoper mit Bitte um Kontakt zum Archivar, da mir viele Fragen zu Frauen an diesem Arbeitsplatz auf den Lippen brennen. Ich erhalte keine Antwort. Auch an ein Wiener Musik-Archiv schreibe ich eine Anfrage, aber meine Mail kommt als unzustellbar zurück. Die digitalen Wege führen ins Leere. Bin gespannt, was ich vor Ort herausfinden kann.

Am Montagabend steige ich in den „Nightjet“ nach Wien (12 Stunden Fahrt). Ich teile das Abteil mit zwei jungen Frauen, mache es mir oben auf dem Bett so gut es geht gemütlich und lese in der Tauber-Biografie. Hier kommt gut zum Ausdruck, welch hohen Stellenwert und gesellschaftliche Anerkennung Opern- und Operettensängern in dieser Zeit hatten (es gab nicht so viele multimediale Alternativen wie heutzutage), auch das Publikum ging mit großer Leidenschaft in die Vorstellungen, jeder redete darüber. Auch zu den Gagen und anderen Details werde ich hier fündig.

Nach einer holprigen Fahrt durch Tschechien und wenig Schlaf auf meiner schmalen harten Liege, reißt der Zugbegleiter morgens um 6 Uhr die Abteiltür auf und serviert mir Pfefferminztee (die trockenen weißen Brötchen verschmähe ich). So gestärkt steige ich um 7 Uhr aus dem Zug. WIEN – hier bin ich.

Palmen vor der Karlskirche

Eine halbe Stunde später komme ich in die Wohnung (sehr zentral an der Karlskirche – nur ein U-Bahn-Tunnel entfernt von der Wiener Staatsoper) meines Airbnb-Gastgebers Christoph – ein Gamben-Spieler (das ist ein historisches Streichinstrument), wie mir das Plakat an der Zimmertür verrät – wie könnte es in dieser Klassik-Hochburg anders sein. In der gemütlichen Altbauwohnung lege ich mich erst mal ein Stündchen ins Bett und starte dann in den Besichtigungstag.

Ich spaziere zuerst zur Staatsoper – diese ausladende Diva, die sich halb versunken als „Erstes Haus am Ring“ seit 1869 breit macht (so dass sie nie komplett auf ein Foto passt), zeigt mir ihr altehrwürdiges Gesicht. Ich war in früheren Jahren schon einige Male hier und habe ein wohliges Wiedersehensgefühl. Im Opernshop unter den Arcaden stöbere ich nach Büchern über die Geschichte des Hause – blättere durch einige und mache Fotos.

Das Highlight des Tages ist der Liederabend von Jonas Kaufmann. Zweieinhalb Stunden vor Beginn stelle ich mich im kalten Wind in die Schlange für die Stehplätze. Dieses Ritual zieht seit 150 Jahren die echten Opernliebhaber an, die hier bei jedem Wetter stundenlang ausharren, um für wenig Geld (3 Euro, es gibt über 500 Stehplätze, in Corona-Zeiten nur noch 156 mit Stuhl für je 10 Euro und auf Abstand) auf den klangschönsten Plätzen ihren Lieblingssängern und Stücken zu lauschen.

Mein standhafter Einsatz wird belohnt und nach einer Stunde halte ich glücklich meine Karte in der Hand (sogar im Parkett).

Das Konzert beginnt um 20 Uhr und ist wunderbar gefühlvoll und nuanciert. Jonas Kaufmann präsentiert mit seinem langjährigen Klavierbegleiter Helmut Deutsch eine Highlights-Zusammenstellung des Liedrepertoires mit teilweise volksliedhaften Stücken (Ännchen von Tharau, Der Mai ist gekommen) und Klassikern des Kunstlieds von Schubert, Schumann, Mozart, Mahler, Strauss und vielen mehr. Eines meiner Favoriten: Die Forelle von Schubert.

Bild von instagram von Jonas Kaufmann

Am Mittwoch besuche ich das Ernst-Fuchs-Museum in der Otto-Wagner-Villa (um 1900 im Jugendstil erbaut) – dort trafen sich die Künstler und gesellschaftliche Elite zum Fin de siècle.

Original Arbeitszimmer von Otto Wagner

In den 1970er Jahren kaufte und sanierte der Maler Ernst Fuchs die Villa. Hier hängen nun seine farbenprächtigen Gemälde im Stil des phantastischen Realismus und jede Menge weiblicher Formen wie im Barock – ganz schön kunstvoller Kitsch. Für meine Roman-Recherche passt diese Epoche zwar nicht, aber vielleicht kann ich mal eine Party-Szene in solch einer Villa spielen lassen.

Sphinx
Opulentes Schlaflager in Muschelform
Farbenprächtige Mosaike am Brunnen

Nach einer Pause in meiner Wohnung – mit Lachsbrötchen und Kuchen – zieht es mich in den nahen Stadtpark. Mein Weg führt mich vorbei am Konzerthaus und am Musikverein (mit seinem berühmten Goldenen Saal) – keine andere Stadt der Welt hat so viele Konzertsäle und bietet täglich ein solch hochkarätiges Defilee an klassischer Musik.

Im Park wandele ich auf idyllischen Wegen zwischen Wiesen und Schwanenteich, an jeder Ecke ragt eine Statue eines Komponisten auf: Johann Strauss in Gold mit Geige, Franz Lehár und Franz Schubert sind nur einige davon. Die Meister der Klassik und ihr musikalisches Vermächtnis sind allgegenwärtig.

Am Abend mache ich einen Spaziergang in den Prunkstraßen (heutzutage Fußgängerzone) zwischen Hofburg, Staatsoper und Stephansdom und lasse den Wiener Flair auf mich wirken. Am Kohlmarkt und am Graben haben sich alle namenhaften Designer der Welt niedergelassen, hier kann man sein Geld verprassen – wie schon zu Sisis Zeiten. Damit die Touristen auch auf ihre Kosten kommen, stehen die Fiaker im Pferdeduft am Steffl bereit und bei Manner kann man sich mit Haselnussschnitten und Mozartkugeln eindecken.

Meine Recherche will nicht so recht in Fahrt kommen. Eigentlich möchte ich die Lehár-Villa besichtigen – Franz Lehár war der Operettenkönig dieser Zeit und hat Richard Tauber die schönsten Melodien in den Mund komponiert, zum Beispiel: „Gern hab ich die Frau’n geküsst“ aus Paganini, „Hab ein blaues Himmelbett” und natürlich den Welterfolg (in zig Sprachen übersetzt) „Dein ist mein ganzes Herz“ aus Das Land des Lächelns. Aber eine alte Dame am Telefon sagt mir, dass es wegen Corona zurzeit keine Führungen gibt.

Anlieferung von Kulissen – mit Grüßen von Hamlet

Persönlicher Einsatz ist angesagt, also überwinde ich meine Bittsteller-Scheu und frage zunächst an der Opernkassa und dann beim Pförtner im Bühneneingang der Wiener Staatsoper nach einer Kontaktmöglichkeit zu deren Archiv. Dass ich mich persönlich im Archiv umschaue, komme leider nicht infrage. Die Oper sei zurzeit eine Festung und wegen Corona komme niemand rein, außer man arbeitet dort. Aber der Pförtner schreibt mir Namen und Telefonnummer der Leiterin des Musikarchivs auf. Am Donnerstagmorgen rufe ich dort an. Nein, sie habe nur Noten, aber Herr Dr. Lang sei wohl der richtige Ansprechpartner. Mit ihm spreche ich, er ist freundlich und gibt mir seine E-Mail-Adresse, ich solle mein Anliegen schriftlich an ihn richten. Das mache ich zu Hause sofort. Bin gespannt, ob ich von dort Informationen erhalte – ich hätte gerne eine Übersicht, in welchen Bereichen Frauen an der Staatsoper in den 1920ern gearbeitet haben und ob z.B. die Gage für eine Sopranistin deutlich niedriger war, als für einen Tenor etc.

Aber es muss in Wien doch irgendeine Ausstellung, ein Museum geben, das mir Eindrücke über die Lebensart der gesuchten Epoche gibt. Ich versuche es im Theatermuseum (auf der Webseite brüsten sie sich mit Künstler-Memorabilia). Nein, zurzeit haben sie nur eine Puppenausstellung.

Ich versuche es beim Wiener Stadtmuseum – dort rühmen sie sich mit einer großen biografischen Theater-Sammlung. Nein, diese sei leider zurzeit geschlossen. Das Wien-Museum hat auch über die Stadt verteilt Komponisten-Wohnungen im Angebot (u.a. Mozart, Beethoven, Schubert), aber die lebten und wirkten alle vor der Epoche meines Interesses.

Es ist wie verhext. Wien zeigt mir seine prunkvollen Fassaden und Schmuckstücke aus der k.u.k. Monarchie, man kann Musiker in historischen Kostümen Mozart musizieren hören, im Fiaker ins Kaiserreich zurück traben, weiße Pferde spanische Hofreitschule vortänzeln sehen und im Kaffeehaus Sachertorte mit Melange genießen. Das Kaiserreich lebt ewig – die 1920er Jahre scheinen im Nebel des Vergessens verschwunden zu sein.

Ich will meine bittere Enttäuschung mit einem Griesstrudel im Griensteidl (im 19. Jahrhundert ein Künstlertreffpunkt) an der Hofburg versüßen – aber ein Blick hinter die Fassade offenbart: Das Traditionshaus ist seit meinem letzten Besuch von einem Damenmodeladen verdrängt worden.

Was ist nur los? Wo finde ich Zeugnisse dieser Ära nach dem Zusammenbruch der Monarchie, die bewegten Jahre der ersten österreichischen Republik, der Inflation und Armut, dem Mut zum Neuanfang, dem Nachhängen der Monarchie? Welche Rolle haben die Künstler in dieser Zeit gespielt? Ich komme ihnen einfach nicht auf die Spur. Wien ist eine keusche Kurtisane, die sich hinter dem schönen Schleier der Vergangenheit verbirgt. Wien ist eine kapriziöse Künstlerin, die ihr Maske niemals absetzt.

Am Donnerstag unternehme ich einen weiteren Versuch: Das Haus der Geschichte Österreichs ab 1918 in der Hofburg scheint eine gute Anlaufstelle zu sein. Diese gigantische Anlage mit Heldenplatz hat schon Hitler 1938 mit winkenden Massen willkommen geheißen.

Heute steht dort immer noch ein mächtiges Reiterstandbild von Prinz Eugen (Feldherr für die Habsburger in den großen Türkenkriegen um 1700) – völlig unreflektiert und in heroischer Verklärung. Ich bin gespannt, wie Österreich in dem Museum mit seiner eigenen Geschichte umgeht. Die Ausstellung setzt sich durchaus selbstkritisch mit der Verstrickung in den Nationalsozialismus auseinander. Es gibt einen Zeitstrahl nach Dekaden von 1918 bis in die Gegenwart mit Werbeplaketen und viel Text zum Lesen. Ich fühle mich ziemlich überfordert angesichts dieser Informationsflut.

Im Bereich der 1920er Jahre schaue ich mich genauer um. Geldscheine und „Betteln und Hausieren Verboten“-Schilder weisen auf die Inflation und Armut hin. Über Künstler entdecke ich fast nichts. Für Frauen war die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg schwierig, denn sie wurden aus ihren Berufen von den heimkehrenden Soldaten oft wieder hinausgedrängt und endeten vielfach in der Prostitution. Der Körperkult mit Turnvereinen kam auf – auch Frauen machten Sport und sollten ihre Körper fit halten – hier kündigte sich schon nationalsozialistische Ideologie an.

Die Ausstellung endet mit Conchita Wurst als Barbiepuppe – sie ist offenbar die Symbolfigur Österreichs für Toleranz und Überwindung von Geschlechterklischees. Wie diese glamouröse Bartträgerin wohl in den 1920er Jahren von den Wiener aufgenommen worden wäre?

Resigniert sehe ich ein, dass ich dem Künstler-Wien der 1920er vor Ort nicht auf die Spur kommen kann. Damit ich diese Epoche wiederauferstehen lassen kann, muss ich wohl doch in Büchern suchen.

Am diesem Donnerstag tröstet mich aber ein anderes Highlight: Heute wird „Don Carlos“ an der Wiener Staatsoper gegeben. Pünktlich um 15 Uhr stehe ich wieder in der Stehplatzschlange (und sehe einige bekannte Gesichter vom Dienstag wieder), dieses Mal sind 30 Leute vor mir, nach eineinhalb Stunden habe ich meine Karte ergattert – dieses Mal in der Galerie.

Um 17:30 Uhr geht es los – über fünf Stunden Verdi in der französischen Urfassung – die Verdi nach der misslungenen Premiere in Paris 1867 gründlich überarbeitete. 1884 feierte Don Carlo dann seinen Durchbruch – auf vier Akte gekürzt und mit italienischem Libretto – das gesungen viel emotionaler klingt. Hier ein schönes Beispiel des berühmten Freundschafts- und Freiheitsschwurs zwischen Carlos und Rodrigue – wie auch in Schillers literarischen Vorlage.

Bild der Wiener Staatsoper (fb)

Es könnte so schön sein, wenn der Regisseur sich nicht nach Kräften bemüht hätte, die Figuren ins Lächerliche zu ziehen. Immerhin begeistert mich wieder Jonas Kaufmann in der Titelpartie.

In den zwei langen Pausen flaniere ich in den Prunkräumen (an jeder Tür stehen Desinfektionsspender und es herrscht natürlich Maskenpflicht und Abstandsgebot).

Während der Aufführung bekomme ich wieder einen Eindruck vom heiligen Ernst, mit dem die Zuschauerinnen und Zuschauer dem Opernereignis beiwohnen – es ist wie ein kirchliches Ritual, das Publikum kennt die Regeln und muss sie einhalten – unter dem wachsamen Blick der Platzpolizei (wehe jemand verlässt seinen zugewiesenen Sitzplatz, dann wird man sofort verhaftet und abgeführt – auch schon vor Corona) und der gegenseitigen Erziehung zu bester Manier – da gehört das „SSSSCHT“-Zischen noch zu den dezenten Methoden. Meine Sitznachbarin (immer mit einem freien Stuhl dazwischen) fängt einen Kleinkrieg mit dem alten Ehepaar hinter sich an, die Greisin hinten will auf den tiefen Untertitelmonitor an der Armstütze der Despotin schauen, die es ihr verbietet („Ihr Monitor ist da oben!“) und extra ihren Schal darüber hängt. Im Dunkeln kommt es zu Handgreiflichkeiten zwischen den älteren Damen.

In der Pause holt die Bevormundete eine Platzanweiserin zur Hilfe, die hilflos über ihre Maske schaut und sagt, sie könne die Despotin nicht zur Raison bringen. Dann kommt ein durchsetzungsstärkerer Kollege hinzu und fordert die Regelpocherin auf, ihre Maske aufzusetzen (sie trägt nur einen Schal halb über dem Mund), sie weigert sich zickig, hinterfragt die Regel („Jetzt geht das Licht aus, da darf ich meine Maske absetzen“), der Platzanweiser will seine Macht ausspielen und fordert sie auf, ihre Karte vorzuzeigen (reine Schikane), die Frau weigert sich, jetzt kommt der Dirigent herein, gleich beginnt die Vorstellung. Um einen Tumult zu vermeiden, zieht sich der Platzanweiser zerknirscht zurück. Die dreiste Dame hat gewonnen und sich erfolgreich mit jedem in ihrer Umgebung angelegt. Sie ruft laut „Buh“ und „Bravo“ in die Stille des vollen Saals (mit 1.250 Plätzen ausverkauft) – was eigentlich gute Tradition und Vorrecht der Kenner auf den Stehplätzen ist, aber in Corona-Zeiten eigentlich unterlassen werden soll, wegen Spucke und Aerosol. „Die will immer auffallen“, flüstert das alte Ehepaar von hinten und wir tauschen vielsagende Blicke aus, es hat sich eine stumme Allianz aus den Beobachtern und Verlierern des Schlagabtauschs gebildet.

Am Freitag steht meine Abreise um 22 Uhr mit dem Nachzug an. Den Tag will ich mir eigentlich mit einem Museumsbesuch (Kunst aus dem 20. Jahrhundert) verschönern, aber schon morgens beim Haarewaschen überkommt mich ein Schwindelanfall – von den heftigen Schmerzen im rechten Arm, die mich seit gestern morgen plagen. Es scheint eine Muskelüberlastung vom Koffertragen auf der Hinreise zu sein. Jede Bewegung des Arms jagt mir Schmerzen wie Messerstiche durch den Körper. Wie soll ich so den Tag herum bringen geschweige denn meinen Koffer zum Bahnhof schleppen und die lange Nacht auf der harten Liege ausharren? Ich beschließe, in die Notaufnahme eines Krankenhauses zu gehen in der Hoffnung auf eine Schmerz stillende Spritze. Vorher bringe ich mühevoll (mit Links) meinen Koffer in ein Schließfach am Hauptbahnhof und schlängele mich gegen 13 Uhr zwischen Notarztwagen zum Aufnahmeraum vom Rudolfstift. Die diensthabende Ärztin bietet mir ein Schmerzmittel per Tropf an. Okay. Ich werde in ein Vorzimmer mit Liegestühlen geführt, eine armer Tropf mit Rückenschmerzen hängt schon am Tropf. Ich dann auch. Nach 10 Minuten bekomme ich einen Kreislaufkollaps – ich alarmiere meinen Sitznachbarn, der nach Hilfe ruft, bevor ich wegkippe. Viele Stimmen um mich herum, ich werden im Stuhl flach gelegt und unter Aufregung („Kollaps“-Rufe) in den Notfallraum gefahren, dort sprechen sie über mich und ich soll auch etwas sagen (ob ich heute schon gegessen und getrunken habe), schaffe das aber nicht. Man misst meinen Blutdruck (extrem niedrig) und nimmt eine Blutprobe. Ich bekomme einen zweiten Tropf mit Flüssigkeit. Nach einigen langen Minuten bin ich wieder ansprechbar.

Den Nachmittag verbringe ich im Ruheraum des Hospitals auf meinem Liegestuhl und zittere vor mich hin. Eine Krankenschwester sieht ab und zu freundlich nach mir – hier sprechen alle Ärzte und Pfleger mit osteuropäischem Akzent – das ist auch so eine Wiener Besonderheit und kommt noch aus der k.u.k.-Zeit – es gibt viele Zuwanderer aus Tschechien, Ungarn und Rumänien. Um 17 Uhr fühle ich mich einigermaßen stabil, obwohl ich mich vor der langen Rückfahrt und meinem unzuverlässigen Körper fürchte. Ich bekomme Entlassungspapiere und einige Paracetamol-Tabletten (das Mittel aus dem Tropf zeigt keine durchschlagende schmerzstillende Wirkung) und auf meinen Wunsch auch Beruhigungstabletten, damit ich die Bahnfahrt durchstehen. Noch 5 Stunden bis zur Zugabfahrt und ich bin heimatlos.

Mir ist nach Natur und frischer Luft, also fahre ich in den Prater – den ich noch nicht kenne. Vom Riesenrad aus spaziere ich im Park umher und entlang der Hauptallee, die mit über 4 Kilometern die längste Kastanienallee Europas ist. Ich sammle zwei Kastanien als Souvenirs auf.

Hier färbt sich das Laub der Bäume schon herbstlich bunt, aber mir summt “Im Prater blüh’n wieder die Bäume” im Ohr herum – eine Wiener Schnulze von Robert Stolz – der mir sogar als steinernes Monument begegnet.

Ich denke darüber nach, wie es wohl für eine Dirigentin sein muss, wenn sie ihren Arm nicht mehr bewegen kann. Dann kann sie ihren Beruf nicht mehr ausüben. Ich muss meine Schmerzen einfach als lebensnahe Recherche betrachten.

Als es dunkel wird, fahre ich zurück ins Zentrum und kehre in meinem Lieblingskaffeehaus Diglas ein (das es zum Glück noch gibt) und lasse mir dort eine warme Kürbissuppe schmecken. Der Kellner hat einen durchsichtigen Plastik-Mundschutz und fragt mich beim Bezahlen: „Brauchen Sie ein Lächeln?“ – was ich gerne annehme, aber eigentlich hat er „Rechnung“ gesagt.

Gegen 21 Uhr mache ich mich auf den Weg zum Hauptbahnhof, gehe zum Abschied noch an meiner alten Bekannten der Staatsoper vorbei, die monumental und divenhaft ihr Geheimnis hütet. Um 22 Uhr fährt der Zug aus. Ich habe ein Abteil für mich alleine und falle auf der schmalen Liege sogar für einige Stunden in einen tiefen Schlaf – dank der Medikamente.

Mein rechter Arm hat sich immer noch nicht erholt und ich tippe diese Zeilen unter Schmerzen – aber das gehört zum Autorinnen-Leben wohl dazu.

Das war also meine Recherchereise – mit vielen Eindrücken und auch einer Portion Drama.

Wien, Wien nur du allein, sollst stets die Stadt meiner Träume sein“, höre ich Richard Tauber mit seiner goldenen Stimme singen.

Schmerz, bring mich zum Lachen! Ist die Schadenfreude in Kindergeschichten pädagogisch wertvoll?

Gerade in Zeiten von geschlossenen Schulen und Kitas sind die Eltern verstärkt gefordert, ihren Kindern Unterhaltung zu bieten und greifen ins heimische Bücherregal, wo noch Klassiker aus alten Tagen schlummern. Dort begegnen uns der Struwwelpeter und seine Leidensgenossen Daumenlutscher und Suppenkaspar. Die bösen Buben Max und Moritz dürfen auch nicht fehlen. In diesen Klassikern der Kinderliteratur ist der Schmerz ein zentrales Motiv. Aber ist solche Quälerei pädagogisch wertvoll und darf man sie heutigen Kindern überhaupt noch zumuten?

Aktuell ist eine Fortsetzung des Heinrich Hoffmann’schen Klassikers aus dem Jahr 1845 erschienen: „Struwwelpeter – Die Abrechnung. Das Kinderbuch für Erwachsene“ von den Brüdern Niklas und Johannes Kizler.

Was gibt es 175 Jahre nach Erscheinen des illustrierten Originals Neues zu entdecken? Mit moderner Sichtweise statten die Autoren die Kinderfiguren mit Hintergrundgeschichten aus – ihre Unglücksgeschichten sind nach Kizlers Deutung die Quittung für das Versagen der Eltern. So lässt sich der pubertierende Struwwelpeter seine Haare und Fingernägel als Ausdruck seiner Individualität wild wachsen und rebelliert damit gegen seine streng konformen Eltern.

Der Struwwelpeter als rebellischer Teenager – illustriert von Christina Mäckelburg

Der Suppenkaspar leidet nicht an Magersucht, wie in der literarischen Diagnose des Arztes und Psychiaters Hoffmann, sondern unter den schlechten Kochkünsten seiner Mutter.

Die 2020er-Version schockiert nicht, sondern wirbt um Verständnis und Mitgefühl für das leidende Kind. Aber mal ehrlich: Wer ist nicht fasziniert vom grausigen Schicksal der klassischen Kinderfiguren? Warum funktionieren diese alten Geschichten immer noch so gut?

„Schmerz, erzieh mich!“

„Wer nicht hören will, muss fühlen!“ Dieser Satz ist noch heute präsent, obwohl er einer Pädagogik aus dem 19. Jahrhundert entspringt. Der Schmerz hat eine erzieherische Funktion: Das unartige Kind wird für seine Fehler grausam mit Schmerz oder Tod betraft. Die Palette der Qualen ist groß: Das Kind wird entweder verspottet, verstümmelt, verbrannt oder verspeist. Kinder, die über diese grausigen Schicksale lesen, sollen vor Angst in ihrem eigenen Leben gehorsam den Regeln der Eltern und der Gesellschaft folgen.

Besonders drastisch ist der Schmerz als Erziehungsmaßnahme in der Sammlung von Kindergeschichten im „Struwwelpeter“. In der “Geschichte vom Daumenlutscher” lässt die Mutter das Kind alleine und es tröstet sich mit Daumenlutschen. Zur Strafe werden ihm beide Daumen mit einer Schere abgeschnitten.

In “Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug” spielt Paulinchen trotz des Verbots der Eltern und der wiederholten Warnungen der zwei Katzen (die als Stimmen von Vater und Mutter fungieren) mit Streichhölzern. Es kommt, wie es kommen muss: das Kinder verbrennt qualvoll.

Vergleichsweise milde kommt der Struwwelpeter davon, der sich weigert, sich die Fingernägel schneiden und die Haare kämmen zu lassen. „Pfui! ruft da ein jeder: Garst’ger Struwwelpeter.“

Diese Verspottungen lassen das Kind seelisch leiden. Hier wirken die Mittel der Demütigung und gesellschaftlichen Ausgrenzung auf das Kind ein. Das psychische Leid erscheint zunächst gegenüber körperlichen Schmerzen weniger grausam. Allerdings wissen wir nach heutigen Erkenntnissen in der Psychologie, dass Mobbing tiefgehende Verletzungen in der Psyche eines jungen Menschen anrichtet.

„Schmerz, bring mich zum Lachen!“

In manchen Geschichten ist das Kind nicht Opfer von Quälerei, sondern Täter. In „Max und Moritz“ (1865 von Wilhelm Busch) traktieren die beiden Spitzbuben die braven Spießbürger und deren Tiere mit schmerzhaften Streichen. Der Text wird von schonungslosen Illustrationen begleitet. Der ironisch-spöttische Ton sorgt für Distanz und gibt dem komischen Element Raum. Ja, beim Lesen entsteht ein unwiderstehlicher Lachreiz. Hier zeigt sich ein unerwartetes und doch willkommenes Produkt des Schmerzes: die Schadenfreude. Wer wünscht den Buben nicht Erfolg bei ihren Streichen? Wer hält nicht gespannt den Atem an und möchte sehen, wie die Witwe Bolte den unschuldigen Hund prügelt, wie der Bauch vom Meister Böck mit einem heißen Bügeleisen malträtiert wird, wie dem Lehrer Lämpel das Schwarzpulver in der Pfeife explodiert? Wir wollen diese Leute leiden sehen und lachen voller Schadenfreude über ihre Misere.

Wenn Max und Moritz am Ende von Bauer Mäcke in der Getreidemühle geschrotet und in Einzelstücken vom Federvieh gefressen werden, empfinden wir genauso wenig Trauer um die Buben, wie die Dorfgemeinschaft – nicht weil wir ihren grausamen Tod als gerecht empfinden, sondern weil der Schmerz jemand anderen getroffen hat.

Innere Entlastung und Befreiung durch Schadenfreude

Was lässt den Schmerz so herrlich freudvoll sein? Wir erleben den in Kindergeschichten dargestellten Schmerz aus einer sicheren Distanz, so dass kein Nähegefühl entsteht. Auch die sprachliche Ironie entlässt uns aus dem Mitleid. Anstelle von Mitgefühl empfinden wir Schadenfreude als Gefühl einer „Reinigung“. Unsere eigenen Ängste werden auflöst und wir werden von unterdrückten Gefühlen befreit. Oft sind es soziale Ungerechtigkeiten, die zu unterdrückten Aggressionen führen. Vergleicht man sich mit anderen, kann ein Gefühl von Ohnmacht und Neid entstehen. Dies ist in der heutigen Gesellschaft, die von Konkurrenzkampf und Konsumbildern geprägt ist, aktueller denn je. Aber durch das Unglück wird die Konkurrentin oder der Konkurrent „einen Kopf kürzer“ gemacht. Die Schadenfreude hat damit eine entlastende Wirkung auf die Psyche und löst im Gehirn ähnlich Reaktionen aus, wie bei einer Belohnung.

Was ist also pädagogisch wertvoll an grausamen Kindergeschichten? Es ist nicht der mahnende Zeigefinger und das abschreckende Beispiel. Vielmehr erlaubt die Schadenfreude, die beim Lesen der schmerzvollen Lehrstücke entsteht, einen befreienden Ausbruch aus genau den rigiden Erziehungsmustern, die in diesen Geschichten für schmerzhafte Bestrafung sorgen.

Eine Fassung dieses Artikels ist am 23.04.2020 in der Rheinpfalz (Zweibrücken) erschienen. Hier als pdf, wer es sich anschauen möchte: Lachen mit Max und Moritz_DIE RHEINPFALZ

Münchhausen feiert seinen 300. Geburtstag und mit ihm die Erfolgsgeschichte der Lüge

Der Ritt auf der Kanonenkugel hat Münchhausen weltberühmt gemacht. Nicht nur seine Zeitgenossen staunen über diesen wagemutigen Soldaten, der die Gesetze der Natur überlistet und auf einer Kanonenkugel über das Schlachtfeld in Richtung feindliche Festung fliegt. Auf halber Strecke bekommt er Zweifel und springt kurzerhand wie ein Voltigierreiter auf die entgegenkommende Kanonenkugel des Feindes über, um wohlbehalten wieder im eigenen Lager zu landen. Kann das wahr sein?

Die haarsträubenden Erlebnisse von Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen (1720-1797) als Soldat im Krieg gegen das Osmanische Reich wurden von verschiedenen Autoren ab 1761 niederschrieben. In Deutschland erschienen die Lügengeschichten des Münchhausen im Jahr 1785.

Seinem windigen Abenteuer auf der Kanonenkugel huldigen unzählige Zeichnungen und Verfilmungen (z.B. mit Hans Albers, D 1943). Niemanden stört es, dass die Geschichte komplett erfunden und erlogen ist. Die Lüge ist so herrlich unterhaltsam und befreit uns aus dem Alltagsgrau, dass wir sie gerne glauben. Und dem Lügner selbst vergeben wir allzu gerne seine Täuschung.

Don Quixote belügt sich selbst und wird so zum Ritter

Kein Wunder, dass Lügner sich zu Hauf in Büchern wiederfinden. Don Quixote, aus der Feder von Miguel des Cervantes (1605 veröffentlicht), könnte als großer Bruder vom Lügenbaron durchgehen. Auch dieser „Ritter von der traurigen Gestalt“ erfindet sich seine eigene Welt, in der er selbst der Held ist. Er ist süchtig nach Ritterromanen und bildet sich bald ein, selbst ein Ritter zu sein und zieht mit seinem gutmütigen Knappen Sancho Panza in die Welt aus, um Abenteuer zu suchen. Auf diesem Ritt kämpft Don Quixote für die Ehre edler Damen, die in Wirklichkeit Prostituierte sind, und gegen Riesen, die eigentlich Windmühlen sind. Die Welt muss sich der Wahrheit von Don Quixote anpassen – aus Wunschfantasie wird Realität. So verschwimmen die Grenzen zwischen Imagination, Selbsttäuschung und Lüge.

Die Erfolgsgeschichte der Lüge im Märchen

„Lügen haben kurze Beine!”, heißt es im Volksmund. Märchen beweisen das Gegenteil! Dort stecken die Lügenbeine in Stiefeln und bringen den Märchenhelden ganz nach oben. So in „Der gestiefelten Kater“. Dieser gut gekleidete Kater ist ein wahres Marketinggenie, von dem PR-Manager des 21. Jahrhunderts noch lernen können. Im Handumdrehen bzw. Zungeumdrehen schafft der pelzige Stiefelträger es, seinen Herrn vom armen Schlucker zum Großgrundbesitzer, Schlossherrn und Prinzgemahl zu erheben.

Zuerst bringt der Kater dem König Rebhühner als Geschenk seines Herrn, den er als “Graf” betitelt, obwohl dieser ein armer Müller ist. Zum Dank sendet der König dem falschen Grafen säckeweise Gold. Dann lässt der Miezemeister der Illusion den Müller nackt in einem See baden und versteckt dessen armselige Kleider. Als der König in seiner Kutsche vorbei gefahren kommt, erzählt der Kater ihm eine Räuberpistole und der König glaubt alles. Er kleidet den ausgeraubten Grafen in prächtige Gewänder und lässt ihn in sein Luxusgefährt einsteigen, wo auch die Prinzessin sitzt, die er alsbald heiraten wird. Zuletzt überlistet der Kater einen Zauberer und lässt den Müller in das ergaunerte Schloss einziehen. So wird der arme Müller schließlich König. Und alles dank Lüge und Täuschung – der PR-Kater würde es allerdings “List” und „Imagepflege” nennen.

Auch in „Das tapfere Schneiderlein“ werden unehrliches Verhalten und Angeberei belohnt. Der Schneider erschlägt sieben Fliegen mit einem handelsüblichen Tuchlappen. Diese Alltagstat bauscht er zur Heldentat auf, indem er sich einen Gürtel anlegt, den er mit der Aufschrift “Sieben auf einen Streich” bestickt. Diese Übertreibung im Dienste der Selbstvermarktung wird fortan sein Wahlspruch. Im Verlauf der Geschichte erliegt so mancher Gegner dieser vorgetäuschten Heldentat und prüft sie nicht auf ihren Wahrheitsgehalt.

Pinocchios lange Nase macht die Lüge sichtbar

In der italienischen Kindererzählung „Pinocchio“ (1883 von Carlo Collodi) ist der Bube aus Holz (dessen Name „Dummköpfchen“ bedeutet) zunächst ein sorgloser Schulschwänzer und Faulenzer. Immer wenn er lügt, wächst seine Nase. So kann er seine Ausreden nicht länger verbergen und muss sich schämen. Diese Sichtbarmachung der Lüge hat eine erzieherische Wirkung auf den Jungen, der sich im Laufe der Geschichte durch viele Prüfungen von einer Marionette in einen Menschen aus Fleisch und Blut verwandelt.

Warum wir auf die Lüge nicht verzichten können

Was passiert, wenn wir nicht mehr lügen dürften, muss Jim Carrey im Film „Der Dummschwätzer“ (Originaltitel: „Liar Liar“, USA 1997) leidvoll erleben. Von seinem enttäuschten Sohn dazu verflucht, 24 Stunden lang nicht lügen zu dürfen, stolpert Carrey von einem Fettnäpfchen ins nächste: Als Anwalt verliert er durch die erzwungene Ehrlichkeit einen Prozess und landet wegen Beleidigung des Richters selbst im Gefängnis. Auch im sozialen Umgang stößt er mit schonungsloser Ehrlichkeit seine Mitmenschen vor den Kopf – er nennt sie fett und hässlich – und muss sich unfreiwillig zu jeder Peinlichkeit bekennen (ja, er war der Furzer im Aufzug) und kann sich auf keine Ausrede mehr berufen, um lästige Verpflichtungen abzuschütteln.

Die ungeschönte Wahrheit quillt über seine Lippen wie ein Gift und selbst das größte Grimassieren kann ihm den Mund nicht verschließen. Die Qualen des Mannes zeigen uns: Die Lüge hat gute Seiten, denn sie ist eine Maske der Höflichkeit, die den Menschen einen freundlichen Umgang miteinander erlaubt. Die Lüge ist auch ein Schutzschild, das uns vor Scham und Strafe schützt.

Aber Läuterung muss sein, also lernt der notorische Lügner während seines Wahrheitsfluchs auch, worauf es im Leben ankommt, nämlich ehrliche Liebe und Fürsorge für Frau und Sohn.

Der Film führt uns vor Augen, wie grotesk und schwer erträglich das soziale Miteinander wäre, wenn wir immer ehrlich sein müssten. Die Lüge ist sozial akzeptiert und für den gesellschaftlichen Frieden erforderlich – wenn sie als Form von Höflichkeit, Diskretion und Diplomatie daher kommt.

Lügen erfüllen Sehnsüchte

Was aber fasziniert uns an Lügengeschichten wie die von Baron Münchhausen so sehr? Warum möchten die Menschen an dreiste Erfindungen glauben und lassen sich sehenden Auges einen Bären aufbinden? Die wirklich gute Lügengeschichte lebt davon, dass sie die Normalität aushebelt und die Illusion wie einen schönen Schleier über die öde Alltagswelt legt. Die Lüge als fantastisches Trugbild erfüllt die menschliche Sehnsucht nach Staunen und Wundern.

Froschputtel oder Aschenprinz – Mein Beitrag zum Poetry-Slam-Wettbewerb

Das StudierendenWERK Berlin hat den Wettbewerb “Mix it! Spoken Word & Slam” ausgeschrieben und ich habe die Herausforderungs angenommen. Die Slam Poeten präsentieren ihre Texte wegen Corona nicht in einer Live-Bühnenshow (die für den 23. April angesetzt war), sondern Online. Ein Publikum samt Abstimmung gibt es trotzdem und der oder die Sieger*in zieht ins Finale ein. Ihr dürft mir Hals-und-Reim-Bruch wünschen.

Hier könnt ihr euch das Video mit allen 8 Texten der Slam Poeten anschauen:

Wenn ihr nur meinen Beitrag ansehen möchtet, könnt ihr das auch auf meinem youtube-Kanal tun:

ABSTIMMEN (man kann 2 Stimmen für 2 Favorit*innen vergeben – ich hoffe, eine davon schenkt ihr mir, wenn euch mein Text gefallen hat) könnt ihr H I E R.

ENTSTEHUNGSGESCHICHTE

Irgendwann im März habe ich mir zu mitternächtlicher Stunde Gedanken zu einem möglichen Text gemacht und bin schnell auf eines meiner Lieblingsthemen gekommen: das Märchen. Was passt dazu? Die ewige Suche nach dem Traumprinzen. Aus eigener Online-Dating-Erfahrung kann ich so einigen Honig saugen. Also habe ich in einem Brainstorming (Sprich-) Wörter rund um diese Themen in meinem Inkubations-Journal gesammelt und dort einige Wochen reifen lassen.

Als der Abgabetermin näher rückte, habe ich die Textfragmente dann in ein Dokument eingetippt und einige Abende lang daran gewerkelt. Zunächst eine Struktur mit Strophen und Refrain (der sich 3 Mal wiederholt – wie es sich im Märchen gehört). Im Feinschliff habe ich mir den Text selbst vorgelesen und mit dem Diktiergerät zur Selbstkontrolle aufgenommen und an den Reimen gefeilt.

Schließlich war mein Text fertig. Voilà:

Froschputtel oder Aschenprinz

Bildschirm, Bildschirm in der Hand:

Wer ist der Schönste im ganzen Land?

Tinder hin und Tinder her

alles was ich begehr’

die Guten nach Rechts

die Schlechten nach Links

ob Froschputtel oder Aschenprinz

du bist mein Traumtyp stimmt’s?

Mit den Fingerchen tipp tipp tipp

mit dem Köpfchen nick nick nick

mal macht es BAM

mal heißt es SPAM

viele Kandidaten möglichst schnell

rundherum so geht das Dating Karussell

 

Ich bin nicht wählerisch und schon gar nicht grimmig

will nur in Frau Holles Wolken schweben

meine Träume ausschütteln und Schleier weben

für Mr. Perfect lasse ich mein Haar herunter und reiche ihm die Hand

und folge den Brotkrumen bis zu seinem Schloss aus Sand

 

BLING BLING – ein Match – und digitale Herzen schlagen höher

Nachricht von Strahlemann76:

„Knusper knusper süßes Mäuschen

bin bei deinem Foto ganz aus dem Häuschen“

In seinem Profil ist er nicht allzu bescheiden

kann mich an allerlei Informationen weiden:

„Bin ein toller Mann mit ganz viel drin und dran

völlig behaart wie König Drosselbart

nur ungepaart und sehr apart

im Café treffen wir uns zum Start

dann gerne schnickel-schnackel oder so was ist der Art“

 

Ach, das ist mir viel zu stoppelig und womöglich hoppelig

The search must go on!

 

Bildschirm, Bildschirm in der Hand:

Wer ist der Schönste im ganzen Land?

Tinder hin und Tinder her

alles was ich begehr’

die Guten nach Rechts

die Schlechten nach Links

ob Froschputtel oder Aschenprinz

du bist mein Traumtyp stimmt’s?

Mit den Fingerchen tipp tipp tipp

mit dem Köpfchen nick nick nick

mal macht es BAM

mal heißt es SPAM

viele Kandidaten möglichst schnell

rundherum so geht das Dating Karussell

 

Ich bin nicht wählerisch und schon gar nicht grimmig

ob Banker oder Denker

Bürohengst oder Nachtgespenst

Autofreak oder Fahrraddieb

Traumtänzer oder Schulschwänzer

will frei wählen ohne rasten und rosten

im Abo vom Apfel der Versuchung kosten

 

BLING BLING – ein Match – und digitale Herzen schlagen höher

Nachricht von Do-it-your-self-Nick:

„Hi Prinzessin, wo drückt dir der Schuh

lass uns verschwinden im Nu

hinter den sieben Bergen

in Federbetten statt in gläsernen Särgen

ich komme hoch zu Ross und mit Kondom

befreie dich vom Schneewittchen-Syndrom“

 

Ach, das ist mir viel zu viel zu offensiv und womöglich invasiv

The search must go on!

 

Bildschirm, Bildschirm in der Hand:

Wer ist der Schönste im ganzen Land?

Tinder hin und Tinder her

alles was ich begehr’

die Guten nach Rechts

die Schlechten nach Links

ob Froschputtel oder Aschenprinz

du bist mein Traumtyp stimmt’s?

Mit den Fingerchen tipp tipp tipp

mit dem Köpfchen nick nick nick

mal macht es BAM

mal heißt es SPAM

viele Kandidaten möglichst schnell

rundherum so geht das Dating Karussell

 

Ich bin nicht wählerisch und schon gar nicht grimmig

will Goldmarie heißen und das Pech vergessen

will mit dem bösen Wolf Kreide essen

mich mit Siebenmeilenstiefeln im Wettlauf messen

und wenn sich Dornen in Rosen verwandeln

kann ich mit Bock oder Gärtner anbandeln

 

BLING BLING – ein Match – und digitale Herzen schlagen höher

Nachricht von André Ass:

„Hi Kuschelmaus, traust du dich zu mir hinaus?

Ich bin ein toller Hecht, frag nur Meister Specht

Sollst kein armes Schneiderlein kriegen

kann Finanzriesen besiegen

Steine auspressen und Sterntaler aufwiegen

schenke mir deinen Kuss – das ist leider ein Muss

dann werde ich fröhlich unter den Fröschen dein König“

 

Ach, das ist mir viel zu viel zu historisch und allzu metaphorisch

The search must go on!

 

Mit den Fingerchen tipp tipp tipp

mit dem Köpfchen nick nick nick

mal macht es BAM

mal heißt es SPAM

viele Kandidaten möglichst schnell

rundherum so geht das Dating Karussell

 

BLING BLING – sieben auf einen Streich

ein Hallo von Mr. Lück

ein Ciao von Hans-im-Unglück

ein Hi von StatusX und liebe Grüße von Perhaps

Taufrisch (51) sendet sieben Bilder

Partylöwe (33) mag es offensichtlich wilder

Do-it-your-self-Nick hat Datenstau

und André Ass sucht keine Frau

Alles gibt es auf dem Single-Markt der

Online-Prinzen und der Tinder-Troubadoure:

tätowiert, manikürt, kultiviert, rasiert

manieriert, maskiert, blasiert, triebregiert

epiliert, motiviert, motorisiert, aphrodisiert

mal reserviert, mal erotisiert und selten gut frisiert

Ich bin nicht wählerisch und schon gar nicht grimmig

bin die Prinzessin, die jede Erbse im Rücken spürt

schlafe auf dutzend Matratzen so wie es mir gebührt

aber ist dein Apfel der Versuchung giftig

ist mir jede Ausrede recht und triftig

hilft auch kein Tischlein-Deck-Dich-Zauber

werden aus Topf und Deckel keine Turteltauber

und wenn der Brautschuh mir nicht gefällt

dann gebe ich schleunigst Fersengeld

Flirte inkognito und noch lange nicht in Weiß

Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Aschenputtel heiß

 

The search must go on!

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann daten sie noch heute!

 

Dann kam die nächste Herausforderung: Meine Performance auf Video aufzunehmen. Ich musste als Regisseurin, Kamerafrau und Stylistin in Personalunion in Aktion treten.

MITTWOCH, 22 April

Dazu habe ich am Vorabend der Einsende-Deadline mein Wohnzimmer in ein Filmset verwandelt, oder besser gesagt: händeringend nach einem geeigneten Hintergrund gesucht und mit verschiedenen Lichtquellen experimentiert. Schließlich habe ich mich für die bunten Holztüren meiner Kommode entschieden (vor die ich mich im Schneidersitz auf ein Kissen platzieren musste). Schwierig war es auch, für meine Spiegelreflexkamera (mit Videofunktion) mangels Stativ einen festen Standort in der richtigen Höhe zu finden – dazu musste mein Couchtisch herhalten. Nachdem ich drei Mal mein Outfit gewechselt hatte, saß ich also auf meinem Kissen (nachdem ich vorher auf den “Record”-Knopf gedrückt und eiligst vor die Kamera gehechtet bin) und habe meinen Text vom Smartphone abgelesen  (passt ja zu “Bildschirm Bildschirm in der Hand” in meinem Vortrag) – der mein Gesicht von unten in ein zartes Blaulicht tauchte. Dabei habe ich Blickkontakt mit der Linse gesucht und meinem stummen Beobachter möglichst animiert die Geschichte erzählt. Ich habe drei Durchgänge gemacht – beim Ersten brummte der Kühlschrank geltungssüchtig dazwischen – wobei ich beim Sprechen jedes Mal lebendiger wurde, so dass ich schließlich den dritten “Take” ausgewählt habe.

DONNERSTAG, 23. April

Am nächsten Tag erwartete mich eine wahre Daten-Odysee: Meine Kamera hat die Videos im MOV-Format aufgenommen, in sehr hoher Auflösung, d.h. es galt ein mega schweres Datenpaket von 2,55 GB  zu versenden. “We Transfer” und meine Dropbox traten in Streik – Datenvolumen zu hoch. Versuche, ein kostenloses Programm zum Konvertieren und Verkleinern zu finden, scheiterten. Schließlich gab mir die nette Ansprechpartnerin vom StudierendenWerk (die ich verzweifelt anmailte) den Tipp, es mit dem Schweizer Anbieter “we send it” zu versuchen. Ja, bis 5 GB möglich. Also Video hochladen und los… S E C H S Stunden später und unzählige ruppige Wiedererweckungen meines Laptops, der ständig in seinen Dornröschen-Sleepmodus verfiel, wenn ich ihn mal alleine ließ: “Das Video steht dem Empfänger zum Download zur Verfügung.” Seufz.

Aber der nächste Rückschlag nahte schon. Ich habe dann zum Test das Video selbst auf meinem eigenen (neu eingerichteten) YOUTUBE-Kanal hochgeladen (hat “nur” 3 Stunden gedauert). Das Ergenis: Das Video ist nicht lippensynchron: Je länger es läuft (8 min), desto mehr hängen Lippen und Mimik hinterher. Das kann man sich nicht anschauen! Wenn es beim Upload von den Leuten des StudierendenWERKS auch zu diesem Effekt kommt, dann kann ich mir meinen Slam an den Hut stecken.

Außerdem gibt es beim Abspielen einige Tonausfälle /Kratzer – auch wenn ich das Video von meinem PC abspiele, je nachdem mit welchem Player. UUUUUURRRRRRRGGGGGHHHHHH!!!! Die Technik hat sich gegen mich verschworen. Ich überlege ernsthaft, ein komplett neues Video aufzunehmen, vielleicht mit dem Handy und bei Tageslicht. Aber habe ich dazu die Energie?

OOOOOOHHHHHHMMMMMMMM.

FREITAG, 24. April

Ich finde nun doch ein Konvertierungssprogramm und starte ungezählte (okay, es waren 5) Durchläufe der Umwandlung in mp4, mit unterschiedlichem Erfolg (mal ist die Tonspur verhunzt, mal geht beim Schneiden der letzte Satz verloren). Endlich bekomme ich eine perfekte Version hin – sie wiegt nur noch schlanke 418 MB und alles läuft rund. Sogar das Hochladen auf youtube gelingt ohne Reibungsverluste. Dann nochmal über Wesendit senden (geht innerhalb von 30 Minuten durch). HAAAAALLLLEEEELUUUUUJJJAAAAAA!

Ich freue mich auf die Zeiten eines Live-Auftritts! 8 Minuten, statt 8 Stunden Technik-Qualen.

Blogparade: Osterei-Elfchen mit O + Ei

Liebe Osterfreundinnen und -freunde! Weil die Ostereiersuche in diesem Jahr wegen – ihr wisst schon – nur eingeschränkt stattfinden kann, dürft ihr euch umso freudiger auf Wörtersuche machen. Die Aufgabe lautet: Schreibe ein Elfchen rund um das Osterei mit contrainte, also mit einer selbst auferlegten sprachlichen Beschränkung: Ihr dürft nur Wörter mit den Vokalen “o”, “e” und “i” verwenden, d.h. “a” und “u” sind TABU.

Ich freue mich auf zahlreiche Beiträge von euch! Die Blogparade läuft bis Ostermontag. Wer keinen eigenen Blog hat, der kann seine Kreationen gerne hier als Kommentar posten.

Hier sind meine bunten Wörter-Eier:

Morgensonne

weckt Ostereitoberei

Tochter wie Sohne

entdecken froh im Wiesenversteck

Schokowonne

 

Einerlei

ob Henne

oder Meister Hoppel

eilen ostereischleppend herbei so

regenbogenfroh

 

Hochzeit

dem Wetter

befohlen vom Osterhimmel

weder Gewitter noch Regen

Eiersegen

 

Ooooohweiiiii

Meister Hoppel

in großer Not

im Polizeiverhör wegen Eierliköreigendosis

Hochprozentigdoppelhoppel

Die Parade ist los gehoppelt:

Wo versteckte
der Osterbote
meinen Schokopreis?
Dort schimmert er im Klee!

Ich beiße rein
und schmecke
ollen Eigelbschleim
wo ich Schokoschmelz erhoffte!

Ostern
Frische Wiesen
Hier ein Nest
Fröhlich singen die Kinder
Heiterkeit

Heiterkeit
Helle Vogelstimmen
Begleiten diese Lieder
Seeliges Kindheitsgedenken birgt Frieden
Innerlichkeit

Innerlichkeit
Mein Reichtum
Liebevoll coloriert honoriert
Keimzelle der Freude immer
Ressource

  • Bei Sonja sehnt sich die SchrEIberin nach österlichem Eis:

Oweih,
welch Schreiber-Ei!
Schriftstellers Ostergeschichten
Erfinden lesen schreiben zoomen
Dichten

Spielideen
selbst kreiert
Kein Corona Stoff!
Lieber coole tolle Osterelfchen
schneidern

Osterfest
Eier roh
oder doch kochen?
Pinseln bleu-rot flieder gelb
Osterheld!

Ostern
Kinder Ferienzeit
Kopf geht reisen.
Eier pinseln, Briefe schreiben.
Fröhlichkeit!

Spitzenwetter!
Trotz Kleingeld
ohne Cookie-Eis.
Wo bleibt mein leckerschlecker
Eis r e t t e r ?