Mias Blog-Adventkalender 2018 – Weihnachten und andere Monsta – Türchen 11

Willkommen zu Mias Blog-Adventkalender 2018 – Weihnachten und andere Monsta. Auch in diesem Advent gibt es wieder eine spannende Gemeinschaftsgeschichte. Was bisher geschah (in kursiv):

Und da war es, das erste Türchen. Für das hatte sie sich als Ideengeberin natürlich verantwortlich gefühlt. So ein Anfangstürchen gibt die Richtung vor. Zack, da ist sie!  Zumindest für den ersten Raum, den die Menschen betreten, wenn sie mit den ersten Worten mitten hineingeführt werden. Sie bekommen vielleicht ein Gefühl dafür, was das für ein Raum ist, in dem sie sich befinden.

„Es duftet nach Kakao“, sagt Monsta und folgt dieser süßen Spur. „Da, ein Tannenbaum mit geschnitzten Holzfiguren!“, ruft Max und läuft dorthin. Roland malt ein Bild von dem Raum, Scrabbie hängt ihren Boxsack in die Ecke, Gustav gibt ihr Klugscheißer-Ratschläge und Lysander unterhält sich mit Otte.

Viele weitere Türchen werden sich bestimmt öffnen. Nicht immer an dem Tag, an dem wir sie brauchen. Das ist dann wie im Leben. Manchmal sehen wir zu lange auf eine geschlossene Tür, bis wir merken, dass eine andere längst geöffnet ist. „Du kannst ja einfach das Fenster nehmen!“, grinst Monsta und zeigt mir, wie das geht.ch rüttelte ihn unsanft wach. Er hatte es schließlich versprochen, hoch und heilig hatte er es versprochen. Ich hätte es besser wissen müssen. Ich versuchte ihm den Teebeutel unter dem Arm wegzuziehen.

„Hey, du bist dran!“, rief ich noch einmal. „Was, was ist los?“, fragte er, noch völlig verschlafen und von nix eine Ahnung. „Du bist dran mit dem 2. Türchen und das schon seit Stunden!“, schimpfte ich. „Aber, ich entspanne doch gerade so schön mit meinem Teebeutel!“, beschwerte sich Monsta und gähnte. „O.k., ich bin ja gar nicht so. Also, ich öffne jetzt das 2. Türchen und dann kann es endlich losgehen mit der Geschichte, oder?“ Er ließ seinen Teebeutel in der Tasse, stieg teenass aus der Tasse und kletterte, kleine Pfützen hinterlassend, durch das Fenster. „Ich mache das Türchen von der anderen Seite auf!“, rief er und rüttelte an dem 2. Türchen, Nichts. Er rüttelte weiter. „Es klemmt!“ Rütteln. Nichts. Rütteln. Nichts.

„Vorsicht, ich nehme Anschwung. Geh lieber zur Seite!“ Ein lauter Knall und Monsta flog mit dem zweiten Türchen herüber zu mir. „So, das Türchen wäre soweit!“, grinste er und schüttelte sich. Ich lachte. Die Geschichte brauchte noch ein wenig, um sich von dem Schreck zu erholen, als sie so plötzlich im Raum stand, aber bis morgen wird sie sich erholt haben.

Wenn eine Tür zu klemmt oder sich nur mit ganz großer Kraftanstrengung öffnen lässt, ist es besser, sie geschlossen zu lassen und eine andere zu öffnen. Das passt doch besonders gut in die Adventszeit. Da entlanggehen wo es leicht ist… stattdessen machen wir uns das Leben oft schwer. Adventszeit heisst doch still werden, das Gute erwarten, behutsam vorangehen. Und was machen wir? Wir kämpfen immer mal wieder gegen das was ist. Nun ja, Monsta wollte nun mal unbedingt dieses Türchen öffnen. Und ja, es war dann ja auch genau richtig. Manchmal lohnt sich ja zu kämpfen. Genau hinter diesem Türchen verbarg sich nämlich eine Wortwolke, die wie geschaffen schien, um daraus eine wunderbare Geschichte für alle Monstas und Mias und alle anderen kleinen und großen Menschen zu erzählen.

Da standen in krakliger Schrift viele gute Zutaten für eine wirkliche Adventskalendergeschichte:

Wünsche, Advent, Weihnachten, Liebe, Frieden, Sehnsucht, Türen, Engel, strahlen, Freundschaft, Mysterium. „Schnee“ und „Winter“ lies sich nur ganz knapp entziffern. Einige weitere Worte waren gänzlich verwischt, man konnte sie nicht entziffern. Auch wenn Monsta sich noch so anstrengte… Aber er hatte ja selbst noch so viele Ideen mehr… 

 Monsta und Mia schauten mit aufgerissenen Augen auf ihren Gast, der sich in einer geschmeidigen Bewegung aus der Teepfütze erhob und nun in Form einer Kartoffel vor ihnen saß. Sein Körper sah aus wie ein durchsichtiger Wackelpudding, in dessen Innern kleine Lichtpünktchen in Grün und Gold aufblinkten, wie bei einer phosphoreszierenden Alge.

„Haaatschiiiii“, machte das Wesen und schoss dabei in die Höhe wie eine Gurke und blinkte hellgrün auf. Dann sackte es wieder in sich zusammen und sah jetzt wie eine zitternde Birne aus. „Entschuldigung, dass ich hier so mit dem Türchen ins Haus gefallen bin. Darf ich mich vorstellen: Ich bin das Mysterium“, sagte das Mysterium. „Ah, bist du unsere Adventsgeschichte?“, wollte Monsta wissen und grinste verschmitzt mit allen seinen fünf Zähnen. „Ich bin die Pointe der Geschichte“, sagte das Mysterium und leuchtete golden auf. „Aber ich habe mich leider in der Tür geirrt und bin viel zu früh dran. Ihr hattet es so eilig.“ „Was machen wir nun mit dir?“, fragte Mia.

„Ihr könnt mir helfen, die anderen Figuren der Geschichte suchen zu gehen. Sie sind beim schwungvollen Türchen öffnen von der Fensterbank nach unten in den Schnee gefallen.“  „Nach wem sollen wir denn Ausschau halten?“, fragte Monsta und strubbelte sich voller Tatendrang mit seinen kleinen Händen im Zottelhaar. „Der Prolog hatte schon seinen Auftritt, den müsst ihr nicht mehr suchen. Haltet die Augen auf nach Fräulein Freundschaft und Kammersängerin Sehnsucht. Herr Winter hat ziemlich frostige Manieren, aber vielleicht findet ihr noch heraus, was man tun muss, damit er auftaut.“

„Bin schon unterwegs“, rief Monsta und wollte losfliegen … „Halt!“, rief das Mysterium aufgeregt. „Eile mit Weile, liebes Monsta. Und überlege, in welcher Reihenfolge ihr die Figuren suchen müsst, derweil ich mich wieder in das letzte Türchen quetsche und meinen wohlverdienten Adventsschlaf weiterführe.“ „Wie? Du willst Mia und mir gar nicht helfen? Was ist denn, wenn wir nicht weiterkommen oder etwas falsch machen?“

„Papperlapp. Ihr habt Angst, nicht weiterzukommen, da lachen ja die Rentiere. Ich glaube, ihr seid umgeben von Menschen und Traumgestalten, die nur darauf warten, euch zu unterstützen. Manchmal müsst ihr einfach fragen. Mehr Mut zum Wort, sage ich!“  Monsta schüttelte seine strubbeligen Haare und guckte das Mysterium verständnislos an. Dann wandte es sich lieber an Mia. „Ach Mia, wäre das nicht schön, wenn …“ „Die Sehnsucht! Monsta, das ist es, du hast dich doch gerade nach etwas gesehnt. Nach was ist jetzt ganz egal. Du kannst es mir später erzählen. Ich möchte es auch unbedingt wissen, aber ich glaube, die Sehnsucht, die Kammersängerin Sehnsucht ist die Erste, die wir suchen müssen.“  Monsta sprang vor Freude in die Höhe und das Mysterium lächelte still vor sich hin, bereit in sein Schlafgemach zu klettern. „Zieh dir die Schneeschuhe an Mia, es geht los. Wenn du dich an mir festhältst, können wir sogar durch verschlossene Türen gehen.“ „Jetzt echt?“ Mia tippte sich verstohlen an die Stirn. Sie musste doch gleich mal an Monstas Teebeutel schnuppern. 

 „Fast. Du musst nur ganz fest an deine größte Sehnsucht denken.“

Mia schloss die Augen und versuchte sich zu erinnern. Es war so Gott verdammt lange her, dass sie an ihre Sehnsucht gedacht hatte. Sehnsucht hatte irgendwas mit Träumen zu tun, daran erinnerte sie sich vage und Träume hatte sie längst aus ihrem Leben gestrichen. Wären Monsta & Co. nicht ihre Kumpels und Kumpelinen hätte sie sie wahrscheinlich komplett vergessen, aber so? Keine Chance und schon stupste Monsta sie ungeduldig von hinten an: „Auf geht´s, ab geht die wilde Fahrt! Scrabbie hat mir vorhin noch zugerufen, wo wir die Kammersängerin Sehnsucht finden können.“ „ Jaaaaa, totenhunderprozentigseelensicher… sie wohnt dort, wo der Osten auf einmal zum Westen wird, an jener feinen Grenze passt sie auf, dass ja keine Sehnsüchte die Welt verlassen können. Und wenn eine doch herunterzupurzeln droht, hilft ihr Max Erfindung des Sehnsuchtsfangnetzes (übrigens in sattem Magenta!) sie doch hier auf Erden zu behalten.”

Zisch, plitsch, braus, – Monsta und Mia waren nun nicht mehr aufzuhalten und sausten im Dunkel der Nacht davon…

Durch die Nacht also, flogen Monsta, Mia, Max, Scrabbie und Roland, auf der Suche nach Kammersängerin Sehnsucht, landeten sanft aufgefangen vom Sehnsuchtsfangnetz am Hain und sahen vor sich eine schier endlose Schlange Wartender. „Das wird ewig dauern“, seufzte Monsta, „wenn wir überhaupt reinkommen…“  „Ist Max nicht viel zu jung, Mia?“  „Keine Sorge, Scrabbie hat uns noch an jedem Türsteher der Stadt vorbeigebracht!“ „Ich will endlich tanzen!“, puffte Roland Nebelwölklein in die Kälte.

Nach drei endlosen Stunden standen sie endlich ganz vorne. Gerade wollte der Zerberus zu einem „Heute nicht…“ und einer abweisenden Geste ausholen, als eine engelsgleiche Stimme erklang, fanfarenbegleitet, und in güldenem Licht die Kammersängerin Sehnsucht herniederfuhr, den Türsteher umarmte und so lange küsste, bis die Sehnsüchtigen endlich begriffen, dass sie in den Tempel der Unschuld schlüpfen konnten, huschhusch, raschrasch.

Kaum drin, standen sie schon ungeduldig in der nächsten Schlange, vor den Klos, zwischen leichtbekleideten Tätowierten, wenigstens war es hier feuchtwarm und nicht feuchtkalt. „Worauf habt ihr den Lust?“, fragte Scrabbie in die Runde. „Tee!“, verlangte Monsta. „Lebkuchen!“, forderte Roland. „Zimtsterne!“, wünschte Mia. „Stollen!“, wollte Max. „Eierpunsch!“, orderte Scrabbie.

„Es gibt Puderzucker für alle!“,

zwitscherte Madame Sehnsucht und zwängte sich mit der Ziehgruppe in die enge Kabine. Roland versuchte sich in eine Ecke der Kabine zu drücken und so wenig Körperkontakt zu den anderen zuzulassen wie möglich. Scrabbies Blick hing an den langen Wimpern von Madame Sehnsucht. ‚Ob die wohl echt waren?‘ Monsta verstrubbelte sich mal wieder seine Haare. Das war ihm jetzt eigentlich alles ein bisschen zu viel Gewusel. Mia, die Praktische, fragte: „Frau Kammersängerin, was machen wir hier?“ Samantha Sehnsucht lachte glockenhell auf: „Wir üben für den Weihnachtschor der himmlischen Heerscharen. Der braucht für das Weihnachtskonzert noch Verstärkung und ich sehne mich nach Eurer Unterstützung.“ Monsta plusterte sich auf: „Da brauche ich vorher nicht nur einen Tee, sondern ein ordentliches Käsebrot, sonst geht gar nix.“ Scrabbie quietschte: „Ich kann nicht singen, ich bin im Stimmbruch“. Roland sagte nichts, aber sein Gesicht lief rot an. Mia dagegen blickte strahlend in die Runde: „So lasst es uns doch wenigstens einmal versuchen. Ich wollte schon immer mal singen.

„Vielleicht schlummern in uns verborgene Talente.“

Samantha Sehnsucht freute sich sichtlich: „Das ist die richtige Haltung.“ Sie trat an das Schränkchen in einer der Ecken der Kabine und öffnete die beiden Flügeltüren … Auf dem Weg sahen sie ihn, den dicken Herrn Wunsch, der sich kaum auf den Beinen halten konnte, ob der wohl hinter dem nächsten Türchen steckte?

Ja, es stimmte, Herr Wunsch steckte hinter dem nächsten Türchen. Aber er wollte einfach seine Ruhe haben, er war so müde und konnte sich wirklich kaum mehr auf den Beinen halten. Er hatte genug. Alle hatten sie Wünsche über Wünsche, wollten dies und wollten das oder doch lieber was anderes. Das ganze Jahr ging es so, Geburtstagsgeschenke, Ostergeschenke, Valentinsgeschenke und was es nicht noch für Gelegenheiten, um etwas zu schenken und sich etwas zu wünschen. Es wurde jedes Jahr schlimmer und im Advent war es ganz, ganz furchtbar. Es quietschte und pfiff in seinen Ohren. Das waren die Stimmen und Gedanken der Menschen, die sich gerade etwas wünschten. Herr Wunsch stemmte sich von innen gegen die Tür, damit ja niemand hereinkam. Auch wenn er wusste, dass ihm das nichts nützen würde. Sich selbst konnte er keinen Wunsch erfüllen, sonst hätte er sich schon lange mindestens ein Jahr Pause vom Wunsch erfüllen gewünscht.

Da hörte er das Jauchzen von Scrabbie und irgendwie schien es ihm, dass damit auch das Quietschen in seinen Ohren etwas weniger wurde. Er lächelte in sich hinein und fühlte sich gleich nicht mehr gar so verzagt. Vielleicht würde ja doch noch ein Wunder geschehen und irgendwer sich etwas wünschen, das von Herzen kam, allen Menschen diente und nichts mit Materiellem zu tun hatte.

Da klopfte es an seine Tür. Sollte er öffnen? Oder sollte er sich einfach hinter das 24. Türchen schleichen und sich dort bis Weihnachten verstecken? Mhmm, das war nun die Frage. Nein, das konnte Herr Wunsch niemanden antun, er war ja gewissenhaft und pflichtbewusst. So richtet er seinen Anzug, fuhr sich nochmals durch sein Haar, öffnete die Tür einen Spalt und stand Scrabbie gegenüber.

Türchen 11:

„Sind Sie Herr Wunsch?“, fragte Scrabbie und blinzelte. Vor ihr stand ein rundlicher Herr in einem Anzug aus Lametta. Das einzige an ihm, was nicht silbrig, golden, rot und blau glitzerte, waren seine riesigen rosa Elefantenohren.

„Ja, der bin ich“, sagte er und schlackerte mit seinen Ohren, als wolle er lästige Fliegen vertreiben.

„Dieses Wunschgesumme macht mich noch wahnsinnig“, murmelte er.

„Aber auch dir werde ich mein Ohr leihen, mein Kind. Flüstere nur deinen Wunsch hinein“, sagte er mit tiefer Bauchstimme. Scrabbie beugte sich vor bis ihre Lippen fast sein linkes Ohr berührten, das aus der Nähe wie ein platter Marshmellow aussah. Sie flüsterte ihren Wunsch in dieses rosa Ohr. Herr Wunsch verzog keine Miene, aber sein Ohr wedelte – vielleicht vor Freude.

„Die Zeit ist um, ihr müsst gehen, die nächsten Wunsch-Besteller sind an der Reihe“, drang plötzlich eine scharfe Stimme durch die Kabine. Scrabbie drehte sich erschrocken um und da stand eine Frau mit der Figur einer Sanduhr. Sie war ganz in Schwarz gekleidet, ihre Brust war eine Glasvitrine und im Innern sah man anstelle des Herzens das runde Ziffernblatt einer Uhr, deren Zeiger sich so schnell wie eine Karussell drehten.

„Aber meine anderen Freunde haben ihre Wünsche noch gar nicht sagen können“, protestierte Mia.

„Wer sind Sie überhaupt?“

„Ich bin Helga Hektik. Ich sorge für die Wunsch-Optimierung“, sagte die Uhrenfrau.

„Mir wird ganz schlecht von dem Minutenzeiger, der hat sich schon 7 Mal um sich selbst gedreht“, jammerte Monsta und raufte sich sein strubbeliges Bauchhaar. Herr Wunsch legte seine Ohren an und verkroch sich wieder hinter seinem Türchen Nr. 10.

„Ihr hättet ein Online-Ticket für die Wunschsprechstunde lösen müssen“, sagte Helga Hektik mit Automatenstimme.

„Wenn ihr euch für den Newsletter vom Advents-Adventure-Land registriert hättet, würdet ihr sogar einen Extra-Wunsch (ohne Umtauschrecht) bekommen. Aber hier einfach so herein zu platzen…“

„Wir sind für das Weihnachtkonzert eingeladen“ verteidigte Scrabbie ihre Freunde. Sie blickte sich suchend um, aber wo zuvor Kammersängerin Sehnsucht geschwebt hatte, hing nur noch eine Puderzuckerwolke in der Luft.

„Hinaus mit euch! Schnell schnell, die Zeit hält nicht für euch an“,

„Deine Uhr läuft zu schnell“, plärrte Monsta während die Uhrenfrau ihn unsanft aus der Kabine drängte und die Tür zuknallte.

Die Freunde fanden sich in einer dämmrigen Eingangshalle mit zerbrochenen Fensterscheiben wieder, durch die der Wind einige Schneeflocken herein blies.

„Wo ist Roland?“, rief Scrabbie. Die Freunde blickten sich um, aber Roland war nirgends zu sehen.

Und hier, bei Anneliese – öffnet sich morgen das 12. Türchen.

 

Mias Blog-Adventkalender 2018 – Weihnachten und andere Monsta – Türchen 4

Willkommen zu Mias Blog-Adventkalender 2018 – Weihnachten und andere Monsta. Auch in diesem Advent gibt es wieder eine spannende Gemeinschaftsgeschichte. Was bisher geschah (in kursiv):

Ich rüttelte ihn unsanft wach. Er hatte es schließlich versprochen, hoch und heilig hatte er es versprochen. Ich hätte es besser wissen müssen. Ich versuchte ihm den Teebeutel unter dem Arm wegzuziehen.
„Hey, du bist dran!“, rief ich noch einmal.
„Was, was ist los?“, fragte er, noch völlig verschlafen und von nix eine Ahnung.
„Du bist dran mit dem 2. Türchen und das schon seit Stunden!“, schimpfte ich.
„Aber, ich entspanne doch gerade so schön mit meinem Teebeutel!“, beschwerte sich Monsta und gähnte. „O.k., ich bin ja gar nicht so. Also, ich öffne jetzt das 2. Türchen und dann kann es endlich losgehen mit der Geschichte, oder?“ Er ließ seinen Teebeutel in der Tasse, stieg teenass aus der Tasse und kletterte, kleine Pfützen hinterlassend, durch das Fenster.
„Ich mache das Türchen von der anderen Seite auf!“, rief er und rüttelte an dem 2. Türchen, Nichts. Er rüttelte weiter.
„Es klemmt!“ Rütteln. Nichts. Rütteln. Nichts.
„Vorsicht, ich nehme Anschwung. Geh lieber zur Seite!“ Ein lauter Knall und Monsta flog mit dem zweiten Türchen herüber zu mir. „So, das Türchen wäre soweit!“, grinste er und schüttelte sich.
Ich lachte. Die Geschichte brauchte noch ein wenig, um sich von dem Schreck zu erholen, als sie so plötzlich im Raum stand, aber bis morgen wird sie sich erholt haben.

Wenn eine Tür zu klemmt oder sich nur mit ganz großer Kraftanstrengung öffnen lässt, ist es besser, sie geschlossen zu lassen und eine andere zu öffnen. Das passt doch besonders gut in die Adventszeit. Da entlanggehen wo es leicht ist… statt dessen machen wir uns das Leben oft schwer. Adventszeit heisst doch still werden, das Gute erwarten, behutsam vorangehen. Und was machen wir? Wir kämpfen immer mal wieder gegen das was ist. Nun ja, Monsta wollte nun mal unbedingt dieses Türchen öffnen. Und ja, es war dann ja auch genau richtig. Manchmal lohnt sich ja zu kämpfen. Genau hinter diesem Türchen verbarg sich nämlich eine Wortwolke, die wie geschaffen schien, um daraus eine wunderbare Geschichte für alle Monstas und Mias und alle anderen kleinen und großen Menschen zu erzählen. Da standen in krakliger Schrift viele gute Zutaten für eine wirkliche Adventskalendergeschichte: Wünsche, Advent, Weihnachten, Liebe, Frieden, Sehnsucht, Türen, Engel, strahlen, Freundschaft, Mysterium. „Schnee“ und „Winter“ lies sich nur ganz knapp entziffern. Einige weitere Worte waren gänzlich verwischt, man konnte sie nicht entziffern. Auch wenn Monsta sich noch so anstrengte… Aber er hatte ja selbst noch so viele Ideen mehr…

Türchen 4:

Monsta und Mia schauten mit aufgerissenen Augen auf ihren Gast, der sich in einer geschmeidigen Bewegung aus der Teepfütze erhob und nun in Form einer Kartoffeln vor ihnen saß. Sein Körper sah aus wie ein durchsichtiger Wackelpudding, in dessen Innern kleine Lichtpünktchen in Grün und Gold aufblinkten, wie bei einer phosphoreszierenden Alge.

„Haaatschiiiii“, machte das Wesen und schoss dabei in die Höhe wie eine Gurke und blinkte hellgrün auf. Dann sackte es wieder in sich zusammen und sah jetzt wie eine zitternde Birne aus.

„Entschuldigung, dass ich hier so mit dem Türchen ins Haus gefallen bin. Darf ich mich vorstellen: Ich bin das Mysterium“, sagte das Mysterium.

„Ah, bist du unsere Adventsgeschichte?“, wollte Monsta wissen und grinste verschmitzt mit allen seinen fünf Zähnen.

„Ich bin die Pointe der Geschichte“, sagte das Mysterium und leuchtete golden auf.

„Aber ich habe mich leider in der Tür geirrt und bin viel zu früh dran. Ihr hattet es so eilig.“

„Was machen wir nun mit dir?“, fragte Mia.

„Ihr könnt mir helfen, die anderen Figuren der Geschichte suchen zu gehen. Sie sind beim schwungvollen Türchen öffnen von der Fensterbank nach unten in den Schnee gefallen.“

„Nach wem sollen wir denn Ausschau halten?“, fragte Monsta und strubbelte sich voller Tatendrang mit seinen kleinen Händen im Zottelhaar.

„Der Prolog hatte schon seinen Auftritt, den müsst ihr nicht mehr suchen. Haltet die Augen auf nach Fräulein Freundschaft und Kammersängerin Sehnsucht. Herr Winter hat ziemlich frostige Manieren, aber vielleicht findet ihr noch heraus, was man tun muss, damit er auftaut.“

„Bin schon unterwegs“, rief Monsta und wollte losfliegen…

Und hier, bei Sonja, öffnet sich morgen das 5. Türchen.

Am Tag 26 im National Novel Writing Month – Auf einer Kitschwelle ins Ziel

Heute ist Tag 26 und ich bin auf der Zielgeraden! Gestern kurz vor Mitternacht habe ich die 45.992 Wörter voll geschrieben. Also nur noch 4.008 Wörter (sagt mein treuer Freund der Taschenrechner) bis ins Ziel am Freitag. Zum Glück bin ich seit meinem letzten Blogeintrag vor zwei Wochen besser in den Schreibfluss gekommen und musste mich nicht mehr ganz so stark antreiben – obwohl das Wörterpensum jeden Tag aufs Neue eine Herausforderung ist.

Alle Höhepunkte meiner Geschichte sind erzählt. Natasha und Robert haben sich aus dem Aufzug befreit, in dem sie zusammen feststeckten – dabei gab es Wortduelle und körperliche Annäherung (okay, „Räuberleiter“ ist jetzt nicht der Inbegriff von Erotik, aber immerhin). In ihren Szenen sind die Widersacher – der unsympathische Personaler Waidemann und Roberts diktatorischer Chef Herr von Auerstedt zwar aufgetreten – aber eher als zahnlose Tiger. Hollywood Bösewichter gehen anders…

Die Millionärsgattin Gabriele, die den Stromausfall genutzt hat, um ein Dessous zu stehlen, wurde im Parkhaus vom 17-jährigen Fahrradkurier Yul (und Gelegenheitsdrogendealer) gestellt und erpresst. Später sind sie sich im Rothschildpark schicksalhaft ein zweites Mal begegnet – dieses Mal in umgedrehtem Machtverhältnis – Blut und Tränen sind gelaufen.

Jetzt bleibt mir nur noch, das rührselige Finale für mein Liebespaar zu schreiben – Kitsch-Alarm!

Eigentlich ist Jane Austen mein großes Vorbild in romantischer Romanliebe, aber ich fürchte, mein Paar hatte zu wenige Hindernisse auf dem Weg zum Happy End. Ich habe den Verdacht, bei mir klingt es mehr nach Rosamunde Pilcher, wo man schon von der ersten Sekunde an weiß, wer zusammen kommt. Aber da Millionen von Leserinnen zu Pilcher geseufzt haben, ist das Strickmuster vielleicht nicht das Schlechteste.

Bei Gabriele und Yul schwebt mir für den Ausklang vor, dass sie durch ihre Begegnung verändert und geläutert sind. Noch mehr gefühliges Pathos.

Meine größte Sorge ist, dass ich nicht mehr genug Stoff habe und spätesten am Mittwoch alles überdeutlich ausgewalzt und nichts mehr zu erzählen habe. Wie fülle ich bloß die Seiten? Immerhin bleibt mir noch meine Nebenfigur, der Wiener Herr im weißen Anzug, der Briefe an seine „Geliebte Claudette“ schreibt. Den hatte ich in letzter Zeit links liegen bzw. in der U-Bahn feststecken lassen, kurz vor dem Zoo – vielleicht kann ich noch einen Raubtierangriff einbauen für ein bisschen mehr Spannung oder wenigstens ein possierliches Tierchen durch die Szenerie hüpfen lassen. Ihm kann ich noch einen Schreibtag widmen.

Außerdem habe ich eine Rubrik „Aus dem Äther“ – Mikrogeschichten aus den Nachrichten, die sich die Leute schicken. Diese habe ich immer mal zwischen den Kapiteln geschrieben, wenn ich einen „Kater“ von einer dramatischen Szene hatte und mich zu nichts Neuem aufraffen konnte.

Heute Abend tippe ich also weiter auf der Tränendrüse herum.

Hier eine Leseprobe – ein Wiedersehen mit Waidemann und Zeichen aus dem Äther:

Sie erreichte die Kante, ließ ihren Oberkörper darauf gleiten, Robert hielt sie fest und sie zog ihre Beine nach. Geschafft. Keuchend blieben sie einen Moment nebeneinander auf dem Boden sitzen.

„Was zum Teufel machen Sie denn hier“, hörte sie plötzlich eine Männerstimme über ihrem Kopf sagen.

Natasha blickte auf. Marcus Waidemann stand mit einer überdimensionalen Taschenlampe in der Hand im Türrahmen eines Büros, hinter ihm war eine zweite Person zu erkennen, der eine gelbe Weste mit Reflexionsstreifen wie ein Schülerlotse trug. Waidemann sah vom Unglück unberührt aus in seinem blauen Anzug, das Sakko spannte immer noch über seinem Bauch und die Krawatte saß untadelig unter seinem Gurgelknopf. Robert und Natasha beeilten sich, auf die Beine zu kommen, wie zwei ertappte Kinder, die verbotenerweise im Matsch gespielt hatten.

„Sind Sie da etwa ohne Aufsicht heraus geklettert?“, fragte Waidemann und seine Stimme hob sich in fast hysterische Höhen, dabei schaute er überwiegend Natasha an.

„Wir hielten es für das beste, uns selbständig zu befreien“, sagte Robert mit fester Stimme.

„Herr Waidemann, nicht wahr“, fügte er hinzu.

„Ja“, sagte dieser und zwang sich zu einem Lächeln, „Sie sind aus der Abteilung von Herrn von Auerstedt, wenn ich mich nicht täusche?“. Robert nickte.

„Sie haben es bestimmt nicht mitbekommen, aber alle Mitarbeiter sind aufgefordert worden, aus Sicherheitsgründen das Gebäude unverzüglich zu verlassen. Über die Treppenhäuser.

„Das leuchtet ein“, sagte Robert. Waidemann trat an die halb geöffneten Fahrstuhltüren heran und leuchtet mit seiner Taschenlampe in den Schacht.

„Das ist ziemlich gefährlich, was sie gemacht haben. Sie hätten wirklich auf die Feuerwehr oder den Hausmeisterdienst warten sollten“, sagte Waidemann.

„Dann würden wir morgen früh noch da unten hocken“, sagte Natasha.

„Es hat sich auch niemand darum gekümmert, uns zu helfen“, fügte sie hinzu.

„Da irren Sie sich, Frau Tschur“, sagte Waidemann, „die Haustechnik ist informiert und ist gerade dabei, ein Rettungsszenario zu erstellen“.

„Es sind fast drei Stunden seit dem Stromausfall vergangen. Es ist kein Hexenwerk, die Türen von außen mit dem richtigen Gerät auf zu drücken. Dazu braucht man kein „Szenario“. Ich sehe hier keine Retter“, sagte Natasha mit zunehmender Erregung. Sie spürte, wie Robert sie kurz am Ellbogen antippte und sie von der Seite ansah. Wahrscheinlich wollte er sie beschwichtigen.

„Was ist mit den anderen Aufzügen?“, wollte Natasha wissen und schlenkerte mit ihrem Ellbogen nach hinten, um Roberts Zügelung abzuschütteln und trat einen Schritt auf den Besserwisser zu.

„Wissen Sie, wo noch Leute feststecken? Warum ist die Haustechnik nicht schon längst dort?“, verlangte sie zu wissen.

„Hören Sie, ich bin hier für die geordnete Evakuierung der Mitarbeiter verantwortlich. Ich schulde Ihnen keine Antwort. Ich muss Sie beide nun auffordern, unverzüglich den Abstieg über das Treppenhaus anzutreten“, sagte Waidemann und schaute Natasha mit seinen runden kleinen Vogelaugen an.

„Ich gehöre nicht zu Ihrem Personal, wie Sie ja wissen. Mein Arbeitgeber hat mir keine Weisung erteilt, dass ich nach Hause gehen darf. Vielleicht sollen wir die Zeit der leeren Büros nutzen, um mal ungestört die Fenster zu putzen. Dafür bracht man keinen Strom“, sagte Natasha störrisch.

„Ihre Putzmoral in allen Ehren, aber wir sind hier nicht auf Hawaii, wo jeder macht, was ihm gefällt. Die EZB hat hier Hausrecht“, beharrte Waidemann und machte pickende Bewegungen mit seiner Nase.

„Ja, wir machen uns gleich auf den Weg nach unten“, ergriff Robert das Wort und trat neben Natasha, kurz streifte seine Schulter die ihre.

„Wir wollen Sie nicht weiter aufhalten. Sie müssen sicherlich noch etliche Büroräume kontrollieren“, Robert nickte in Richtung der Taschenlampe, die hier im Flur nicht erforderlich war. Durch die vielen geöffneten Türen drangen Sonnenstrahlen ein.

„Waren Sie schon eine Etage höher?“, wollte Robert wissen.

„Ja, wir durchkämmen den Südturm von oben nach unten. Unsere Kollegen tun dasselbe im Nordturm“, sagte Waidemann widerstrebend.

„Ist auf der 33 also niemand mehr?“

„Herr von Auerstedt und einige andere Senior Manager sind noch vor Ort… Bei Ihnen ist es ein Sonderfall“, gab Waidemann zu. Robert nickte.

„Vielen Dank für diese Informationen. Wir gehen dann mal“, sagte Robert und steuerte auf die Tür des Treppenhauses rechts neben dem Fahrstuhl zu. Dabei legte er seine Hand kurz auf Natasha Rücken und gab ihr einen kleinen Anschub.

Aus dem Äther:

Habe was im Angebot. 25 Mickeys für 200. Rothschildpark. No cops. Paradies.

Hi Jule, wo bist du? Sarah und ich sitzen im E-Kino in „Mamma Mia! Here we go again“ und zack – Licht aus, Leinwand schwarz. Wir haben unsere Handys angemacht und rum geleuchtet. Die Jungs drei Reihen hinter uns haben uns mit Popcorn beworfen, Alter, mir klebt das Zeug immer noch in den Haaren. LOL. Irgendwann kam jemand von der Kasse rein und hat gesagt, wir sollen rausgehen. Bin in der Sonne fast blind geworden. Vampire-Eyes. Treffen wir uns beim Häagen Dazs bei dir um die Ecke? Die geben ihr Eis gratis aus, weil alles schmilzt.

An alle Vorstandsmitglieder, bitte wählen Sie sich zu einer außerordentlichen Sitzung ein. Einwahlcode: 116523. Mobilfunknummer im Anhang. DAX weiterhin auf Minuskurs. Gegenmaßnahmen müssen abgestimmt werden.

Wo bist du? Fucking Stau auf allen Straßen. Hab mein Auto am Eschenheimer Tor stehen gelassen. Man kommt nur noch zu Fuß voran. Oder mit dem Fahrrad, wenn man eins hat. Inliner wären auch cool. Vorhin bin ich an einem Juwelier vorbei, da haben sie die Gitter runter gelassen. Beim Rewe wollte ich eine Cola kaufen, die haben gesagt, die verkaufen nichts mehr, wegen Kasse zu und so, obwohl ich das Geld passend abgezählt hatte. Scheiße, hab voll den Durst.

Dr. Wagner-Lebitz in Bereitschaft, bitten um sofortigen Dienstantritt in der Notaufnahme.

Hey Sina, Sören, Anna und Maik, wir machen eine Grillparty auf dem Balkon. Die Tiefkühltruhe läuft aus. Jetzt kommen die dicken Steaks auf den Grill und alles, was wir sonst noch im Kühlschrank haben. Bringt Bier mit, wenn ihr habt. Gruß und Kuss

Einsatzwagen W-559 an Zentrale. Haben einen Code 025, möglicherweise Code 038 und Code 022. Verdächtige sind flüchtig auf der Zeil Richtung Konstablerwache. Wir haben die Verfolgung aufgenommen. Brauchen Unterstützung. Code 01, bitte bestätigen.

Code 01 bestätigt, freie Streife nimmt an.

Mutti, wo bist du? Kannst du Liam bitte aus der Kita abholen? Ich schaffe es nicht. Sitze in der U4 zwischen Konsti und Zoo fest.

Endstation. Bitte alle Fahrgäste aussteigen.

Am Tag 12 im National Novel Writing Month – Wörter wo seid ihr? Blackout im Zwang der Zahlen

Ein Drittel des Weges auf meinem NaNoWriMo-Schreibabenteuer habe ich bewältigt – mit Hängen und Würfen! Noch nie waren 1.667 Wörter (das durchschnittlich zu erringende Tagespensum, damit ich in 30 Tagen auf die Romanlänge von 50.000 Wörtern komme – so ist die Challenge dieses Wettbewerbes mit mir selbst) so schwer zu finden. Wo seid ihr Wörterwellen und Schreibrausch?

Ich frage mich, wie ich das im letzten Jahr so locker geschafft habe, mit Überschuss jeden Tag und leichtem Fluss (zumindest im November – meine Schreibreise ging ja dann noch drei Monate weiter, da wurde der Weg noch steinig).

In der ersten Woche musste ich mich oft mit Stoppuhr (10 Minuten schaffst du, dann Pause) von Etappe zu Etappe hecheln. Auch der Extras-Button (zum Wörter zählen) und mein Taschenrechner sind im Dauereinsatz: „Oh mein Gott, wie viel noch, habe ich es endlich geschafft???“

Liegt es am vielleicht Stoff?

Blackout“ nenne ich meinen Roman. Ich fürchte, dieser Titel ist in meinen Schreibprozess durchgesickert und zieht dort schwarze Fäden in meinen Gedanken.

Meine Geschichte baut auf den 15 Romanseiten auf, die ich im August in der Romanwerkstatt im Studium geschrieben habe. Die Handlung spielt an einem heißen Julitag – am Freitag, den 13. (den gab es wirklich dieses Jahr) in Frankfurt am Main – kurz nach 14 Uhr fällt in der ganzen Stadt der Strom aus (für mehrere Stunden). Der neue EZB-Wolkenkratzer ist einer der dramatischen Handlungsorte.

Inspiriert zu diesem Romansetting hat mich der große Stromausfall am 13. Juli 1977 in New York City – eine der dunkelsten Stunden der Stadt mit Plünderei und Gewaltausbrüchen. Ich finde es sehr reizvoll, Figuren unterschiedlicher Gesellschaftsschichten und Temperamente in dieser menschlichen und zivilisatorischen Extremsituation aufeinander prallen zu lassen. Wer handelt heldenhaft, wer schurkenhaft?

In meiner Geschichte wird zwar auch Blut fließen, aber im Zentrum steht die Romantik. Im Moment des Stromausfalls führt das Schicksal (ich) die schlagfertige Putzfrau Natasha und den zurückhaltenden Banker Robert im Fahrstuhl zusammen. Sie müssen sich aus der Falle befreien und kommen sich dabei näher.

Außerdem gibt es noch die Milionärsgattin Gabriele von Auerstedt, die im Moment des Stromausfalls in einer Umkleidekabine steht und spontan zur Dessous-Diebin wird. Dabei wird sie vom Fahrradkurier Yul beobachtet, ein 17-jähriger lebenshungriger Junge aus dem Rotlichtmilieu, der von einem besseren Leben träumt.

Dann gibt es noch den älteren Herrn aus Wien im weißen Anzug (bankrott und bigott), der die Asche seiner toten Frau in einer Lebkuchendose mit sich herum trägt und einen fatalen Plan verfolgt. Soweit, so gut.

Als ich am  1. November mit dem Schreiben begonnen habe, wollte ich nicht dort fortsetzen, wo meine Romanseiten endeten (im Moment des Stromausfalls), sondern noch eine wenig zurück gehen und mir mehr Zeit zur Einführung meiner Figuren geben. Die fertigen Seiten (die ich nicht in meinen NaNoWriMo-Wordcount mit einrechne – das ist Ehrensache) sind wie der Rohbau – dort habe ich sehr konzentriert auf wenig Raum die Charaktere aufgebaut – den ich in den letzten 11 Tagen von innen ausgestattet habe – zuweilen mit viel Detailliebe und überflüssigem Stuck.

Ich hatte das Gefühl, dass ich meine Figuren erst noch in ihrem Alltag zeigen möchte, bevor ich sie in die Ausnahmesituation des Stromausfalls stürze.

Also habe ich mich ausschweifend jeder Figur zugewandt: Natasha beim abendlichen Putzen (u.a. tauscht sie versteckte romantische Zettelbotschaften mit dem Inhaber eines der Büros aus, beide wissen nicht, wer der geheimnisvolle Schreiber ist – Spoiler Alert: es ist Robert), Robert beim Frühstücken und mit dem Fahrrad zur Arbeit fahrend, dem Wiener anreisend und Gabriele im Schönheitssalon.

Das klingt so, als wäre mir das leicht von der Hand gegangen. Fehlanzeige. Ständig ermahne ich mich beim Schreiben „show, dont’t tell“. Diese goldene Regel habe ich tausendmal gebrochen. Ich bin eine echte Plaudertasche und erkläre ständig die Gedanken und Motivationen meiner Figuren, auch wenn ich versuche, sie wenigstens in Dialogen (wenn schon nicht mit Handlungen) zu zeigen.

Als Erzählperspektive habe ich den Personalen Erzähler gewählt und wechsele zwischen der Sicht von Natasha, Robert, Yul und Gabriele. Ich drifte gefährlich nahe an den Allwissenden Erzähler, was ich vermeiden möchte.

Für den Wiener im weißen Anzug (der in den Action-Szenen aus der Sicht Dritter gezeigt wird und eher unsympathisch rüber kommt) habe ich mir den Trick überlegt, dass ich seine Innenwelt in Briefform sichtbar mache. Wieder ganz und gar „telling“ – er sitzt im Zug und schreibt einen langen Brief an „Meine geliebte Claudette“ – das habe ich an Tag 3 geschrieben, als ich um jedes Wort gerungen habe, um meinen Wordcount zu schaffen (habe nach 557 Wörter kapituliert).

Ja, die Statistik sitzt mir im Nacken. Die Disziplin ist das oberste Gebot. Ich zwinge mich, an jedem Tag zu schreiben (meistens zwischen 21 Uhr und Mitternacht, wenn es kein „später“ mehr gibt). Ich lasse keine Ausreden gelten. „Heute lasse ich es sein, dann schreibe ich morgen eben das Doppelte“, gibt es nicht. Die Aufholjagt ist Stress pur – selbst, wenn mir nur ein paar hundert Wörter fehlen. An Tag 3 und Tag 7 habe ich mich zu 557 und 432 Wörtern gequält (immerhin), dafür an anderen Tagen 2.400 Wörter geschafft. Ich versuche jedoch, den Durchschnittslevel zu halten (1.700 pro Tag wären ideal, mit Mini-Polster).

Hier meine aktuelle Statistik. In der Zeile „At This Rate You Will Finish On“ steht nun endlich der 30. November. Bis vor 2 Tagen war es der 3. Dezember – too late! – Panikaufwallung.

Genug der Worte? Mein obiges Lamento hat 899 Wörter (das wäre schon über die Hälfte meines heutigen Tagespensums) – ach, ich glaube, ich leide an einer word-count-compulsion – einem Schriftstellerzwangsstörungszahlensyndrom…

Jetzt möchte ich euch noch eine Leseprobe gönnen. Ich hatte letzte Woche ein intensives Vorstellungsgespräch und habe daraus jede Menge Tintensaft gesogen. Die Fragen des Interviewers sind mir echt so gestellt worden – ihr werdet sehen, wie meine Romanheldin Natasha damit klar kommt.

Übrigens neben dem Briefschreiben eine weitere Selbstaustricksung: Wenn ich meiner Erzählerstimme schon das Schwafeln verbiete (show show show), dann lasse ich meine Figur im Job Interview einfach ihre Lebensgeschichte erzählen. Mein innerer Kritiker soll sich halt bei Natasha beschweren.

Viel Spaß mit:

(Tag 9 und 10: ) Ein Vorstellungsgespräch zerbröselt

Natasha saß in ihrem weißen T-Shirt im kleinen Gesprächszimmer wie in einer Gefriertruhe. An ihren Armen hatte sich eine Gänsehaut gebildet und sie war froh, dass sie einen gut ausgepolsterten BH-Trug. Ein Vorstellungsgespräch mit Nipple-Alarm hätte ihr gerade noch gefehlt. Ihren Putzkittel hatte sie im Umkleideraum im Keller gelassen. Die Tür ging auf und zwei Männer kamen herein. Der erste war groß, hielt seinen Kopf leicht vorgeschoben, als müsse er sich unter dem Türrahmen hindurch bücken, trug einen marineblauen Anzug, so wie es die Stars zurzeit auf dem Roten Teppich trugen, an diesem Mann wirkte das Kleidungsstück aber seltsam unmodisch, es spannte über dem Bauch und die Ärmel waren einen Hauch zu kurz. Die senffarbene Krawatte ließ seinen Teint gelblich-blass wirken. Er war glattrasiert und eine großflächige Brille dominierte sein Gesicht mit hoher Stirn, das von spärlichem braunen Haar eingerahmt wurde.

„Marcus Waidmann mein Name, Senior Recruiter“, sagt er aus schmalen Lippen, die ein Zigarettenaroma in ihre Richtung hauchten. Dabei streckte er ihr energisch seine Hand entgegen, dabei blitzte eine goldener Manschettenknopf kurz im Licht auf. Seine Hand fühlte sich wie eine Fischflosse an. Er wies auf den Mann hinter sich.

„Das ist Herr Mohamed Boulez, Senior Assistent to Head of Office Management“. Der Vorgestellte gab ihr lächelnd seine warme Hand. Ein schwarzer gepflegter Schnurrbart stand über seinen vollen Lippen und weißen Zähnen, seine Haare sahen ein bisschen verstrubbelt aus. Er trug ein weißes Hemd mit rosa Streifen und darüber ein graues Kordjackett, das er bestimmt nur zu diesen förmlichen Anlässen hervor kramte.

„Guten Tag Frau Tschur“, sagte Mohamed. Sie kannte ihn vom Namen her, denn er war die Kontaktperson für ihrer Putzfirma. Ihre Kolonnenchefin Amsah war per Du mit Herrn Boulez, nannte ihn Mo und tauschte sich gerne mit ihm über marokkanische Rezepte aus.

„Soll ich die Klimaanlage ein wenig herunter drehen, es ist ziemlich kalt hier drinnen“, sagte Mohamed, dem offenbar ihre kalten Finger beim Händeschütteln aufgefallen waren. Sie nickte dankbar.

„Nehmen Sie doch Platz, Frau Tschur,“ übernahm der Personaler wieder die Gesprächsführung und deutete auf den Platz an der langen Seite des Tisches mit der Tür im Rücken und dem Blick auf die blinden Fenster mit herunter gelassener Jalousie, er selbst setzte sich an den Kopf des Tischs rechts von ihr. Er wies auf die Auswahl von kalten Getränken und einen Teller mit Keksen links von ihr. Natasha schenkte sich ein Glas stilles Wasser ein. Nachdem Mohamed einige Knöpfe auf der Schaltfläche für die Klimaanlage bei der Tür bedient hatte, nahm er Natasha gegenüber Platz.

„Haben Sie gut hierher gefunden?“, fragte der Personaler in einem Singsang, der nach einer gut trainierten Telefonstimme klang. Er schien seine Standardplatte abzuspielen.

„Ich habe den Aufzug genommen, es waren 25 Stockwerke“, sagte Natasha. Der Personaler schlug die Pappmappe mit ihren Bewerbungsunterlagen auf.

„Sie arbeiten zurzeit bei Office Clean, unserem Subunternehmen, nicht wahr“, stellt er fest.

„Und jetzt wollen Sie in unser Office Management einsteigen. Wir wollen ja offen und ehrlich in unserem Gespräch sein. Obwohl Sie bereits in unseren Räumlichkeiten tätig sind, kann ich Ihre Bewerbung nicht als „Inhouse“ betrachten, da sie ja bei einem externen Arbeitgeber beschäftigt sind“, sagte er mit gespieltem Bedauern. Natasha nickte. Was wollte er damit sagen? Dass sie sich unbemerkt als „intern“ einschmuggeln wollte und er sie bei einem Täuschungsmanöver ertappt habe? Irgendwie fühlte sie sich in die Defensive gedrängt.

„Das ist mir klar“, antwortete sie.

„Aber es ist sicher von Vorteil, dass Frau Tschur mit den Büroräumlichkeiten und gewissen Abläufen schon vertraut ist“, warf Mohamed ein.

„Sie kommen also gerade vom Putzen hoch?“, fragte der Personaler und sein Kopf machte eine wippende Bewegung, die ihn mit seiner gebogenen scharfen Nase wie einen nach Körnern pickenden Vogel wirken ließ. Er deutet mit der Nase auf ihr schlichtes weißes T-Shirt, das scheinbar nicht seinen Vorstellungen des Dress Codes für ein Bewerbungsgespräch entsprach.

„Ja, ich hatte heute schon Frühschicht. Im Moment, also von Zwölf bis Vier, habe ich Mittagspause“, sagte Natasha. Schon wieder hatte sie das Gefühl, sie müsse sich verteidigen.

„Wir werden das Gespräch in drei Abschnitten durchführen“, sagte der Personaler, „zuerst werde ich Ihnen meine Fragen stellen – sie sehen, ich habe noch viele freie Felder in meinem Fragebogen – dann wird Herr Boulez Ihnen die Aufgaben der ausgeschriebenen Stelle näher erläutern und im dritten Teil können Sie Ihre Fragen stellen, die Sie bestimmt vorbereitet haben“. Natasha hatte keineswegs Fragen vorbereitet. Wollte der Personaler sie einschüchtern mit seinem strengen Ablaufplan und seiner Erwartungshaltung? Sie nickte und schielte zum Gebäckteller. Sie hatte plötzlich großen Appetit auf einen Schokoladenkeks.

„Dann fangen wir mal an“, sagte der Personaler. Es hätte sie nicht gewundert, wenn er mit einer Trillerpfeife den Start des Fragenparcours eingeläutet hätte.

„Erzählen Sie bitte kurz und knapp ihre biografischen Eckpunkte und die Stationen ihrer Ausbildung seit ihrem Schulabschluss“, forderte er sie auf.

„Ich bin am 25. Januar 1982 in Bratislava geboren und habe vier jüngere Geschwister. Meine Großmutter ist Deutsche, deshalb wollte meine Familie, dass ich gut Deutsch lerne.“

Natasha merkte, wie sich ausgerechnet ich diesem Satz ein starker Akzent hörbar machte. Sie straffte ihren Rücken und sprach mit sorgfältiger Artikulation weiter.

„Ich bin auf die Deutschen Schule in Bratislava gegangen und habe dort mein Abitur gemacht, das war im Jahr 2000. Dann habe ich an der Comenius Universität von Bratislava vier Semester lang Medizin studiert. Ich wollte Zahnärztin werden. Aber ich habe meine Meinung geändert. Ich habe danach eine Ausbildung zur Dolmetscherin und Übersetzerin für Deutsch, Slowakisch und Russisch abgeschlossen. Danach habe ich in einem Übersetzungsbüro gearbeitet. Als ich 26 Jahre alt war, bin ich nach Deutschland gezogen, zuerst nach Berlin, wo ich als Dolmetscherin beim Sprachendienst des Auswärtigen Amts gearbeitet habe. Vor einem Jahr bin ich nach Frankfurt gezogen. Seitdem arbeite ich bei Office Clean und zusätzlich freiberuflich als Übersetzerin.“

Während sie sprach hing der Personaler mit seiner Nase über ihrem Lebenslauf und machte mit seinem Kugelschreiber kleine Häkchen und Fragezeichen an den Rand.

„Das ist schon ein ungewöhnlicher Werdegang“, hakte er ein, „Sie haben mit einem Stipendium Medizin studiert und arbeiten jetzt als Reinigungskraft.“

Er schaute sie durch seine Brille starr an. Natasha blickte zurück, hielt dem Augenduell stand und schwieg.

„Ich meine ja nur, aufgrund Ihrer Fähigkeiten hätten Sie Zugang zu einem akademischen Grad und damit zu einem ganz anderen Segment auf dem Arbeitsmarkt haben können“, stellte er in den Raum. Natasha zuckte mit den Schultern und griff nach einem rechteckigen Butterkesks mit dunklem Schokoladenbezug und biss hinein. Krümel rieselten auf die Tischplatte, hastig steckte sie auch die zweite Hälfte in den Mund. Sie würde ihm keinesfalls verraten, dass sie im zweiten Semester im Praktikum bei einer Zahnärztin plötzlich eine schwindelerregende Angst vor spitzen Instrumenten entwickelt hatte (dafür gab es sogar eine medizinischen Namen: Aichmophobie), von Schweißausbrüchen und Schlafstörungen geplagt gewesen war. Nach dem vierten Semester hatte sie das Handtuch geworfen. Sie musste sich eingestehen, dass der Beruf der Zahnärztin einfach nicht der Richtige für sie war.

„Aus Ihrer Bewerbung schließe ich, dass Sie nicht für immer in der Reinigungsbranche bleiben wollen“, insistierte der Personaler. Natasha kaute angestrengt, nickte und schluckte.

„Gut, gehen wir zur nächsten Frage über…“

Natasha räusperte sich und fiel ihm ins Wort.

„Meinen Kopf benutze ich im Moment bei den Übersetzungen. Das macht mir Spaß und fordert mich heraus, aber ich arbeite freiberuflich, also sind die Aufträge unregelmäßig. Als festes Einkommen habe ich den Lohn für das Putzen. Da kann ich mich körperlich einsetzten. So ergänzen sich beide Jobs. Aber ein bisschen eintönig ist das Putzen schon, deshalb habe ich mich auf die interessante Stelle im Office Management beworben.“ Der Personaler hob seine flache Hand wie ein Verkehrspolizist.

„Lassen Sie mich die Fragen stellen. Wir kommen noch zu Ihrer Motivation“, sagte er. Natasha spürte Ärger über diese Zurechtweisung in sich aufsteigen. Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust und lehnt sich hart gegen die Stuhllehne. Ihr Blick streifte über das Gesicht von Mohamed, der ihr gegenüber saß. Er schaute sie aus dunklen Augen scheinbar beschwichtigend an und deutet ein Lächeln an.

„Also“, hob der Personaler streng an und verlas die zweite Frage aus seinem Fragebogen:

„Was war Ihr größtes Erfolgserlebnis im Jahr 2017?“

Natasha durchkämmte ihr Gedächtnis. Ihr eindrucksvollstes Erlebnis war ihr dreiwöchiger Arbeitsaufenthalt auf einer familiären Kakaoplantage auf Hawaii, wo sie alle Prozesse vom Abschlagen der Schoten vom Stamm, dem Ausnehmen der Schote, dem Fermentieren und Rösten der Bohnen bis zur Herstellung der Schokolade mitgemacht hatte. Abends war sie hundemüde auf ihre Strohmatratze gefallen, mit herum wirbelnden Gedanken und dem Geschmack ihrer Zukunft auf der Zunge.

Doch die Frage des Personalers zielte bestimmt auf einen konkreten beruflichen Erfolg ab.

„Als ich eine E-Mail vom Chef des Übersetzungsbüros vom Slowakischen Konsulats bekommen habe, in der er mir für meine gute und zuverlässige Arbeit gedankt hat.“

Der Personaler blätterte in den Unterlagen.

„Haben Sie diese E-Mail beigefügt?“, fragte er.

„Nein, es ist ja kein Zeugnis. Glauben Sie mir etwa nicht“, fragte Natasha. Sie spürte wie das Blut in ihren Fingerkuppen und Lippen pulsierte. Jetzt war ihr nicht mehr kalt. Der Personaler runzelte die Stirn und machte sich eine Notiz. Bestimmt war es ein Negativeintrag.

„Was war Ihr schlechtestes Erlebnis in 2017“, fuhr er stur fort.

Schade, dass er nicht nach diesem Jahr fragte. Da hätte dieses Gespräch gute Chancen auf das Siegertreppchen. Negative Erfahrungen am Arbeitsplatz gab es mehr als genug. Urheber waren immer machtgeile Kerle, die ihre Finger nicht bei sich behalten konnten. Pograpscher und feuchtzüngige Bemerkungen pflasterten ihren Weg. Erst heute morgen wieder im Konferenzraum. „Auf meinem Schoß ist noch ein Plätzchen frei“, hatte der Anzugtäter zu ihr gesagt. Ihr Magen brannte und sie biss ihre Backenzähne aufeinander. Aber davon würde sie hier nicht sprechen. Sie nahm einen Schluck aus dem Wasserglas und zwang sich, ihre Hände in scheinbar entspannter Pose in den Schoß zu legen.

„Da fällt mir spontan nichts zu ein“, sagte sie und fixierte die Kekskrümel, die vor ihr auf der weißen Tischplatte lagen.

„Dann wollen wir mal in die Zukunft gehen“, fuhr der Personaler routiniert fort.

„Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“

Jetzt wäre der geeignete Zeitpunkt, sich anzubiedern. Sie könnte sagen:

„Ich arbeite bei Ihnen im Office Management und bin gerade zur Teamleiterin befördert worden.“

Stattdessen hört sie sich sagen:

„Ich lebe auf Hawaii und bewirtschafte meine eigene Kakaoplantage.“

Hatte er nicht zu Beginn des Gesprächs was von „offen und ehrlich“ gesagt? Das konnte er haben. Sie schaute dem Fragebogentypen trotzig ins Gesicht.

„Aha. Das scheint mir angesichts Ihres bisherigen Werdegangs eine ziemliche Richtungsänderung zu sein“, stellte der Personaler pedantisch fest. Natasha hatte keine Lust, ihm ihre Pläne genauer auseinander zu legen.

„Man wird ja wohl noch träumen dürfen“, gab sie ein wenig schnippisch zurück. Ja, träumen konnte sie gut. Aber ihr Traum war kein bloßes Luftschloss. Sie war vor zwei Jahren auf Hawaii gewesen und hatte sich dort Plantagen angesehen. Sie wusste, dass man mit einem Startkapital und einem Kredit eine kleine Farm kaufen konnte. Sie hatte viele Bücher über die Bewirtschaftung des Landes und die Herstellung von Kakao gelesen. Auf der Bank lagen 10.000 Euro, die sie von ihrer Großtante geerbt hatte, dieselbe Summe hatte sie in den letzten Jahren mit viel Disziplin zusammen gespart. Aktuell schaffte sie es, mit ihrem miesen Putzjob und dem Übersetzungslohn, jeden Monat 300 Euro beiseite zu legen. Ja, in fünf Jahren würde sie ihren Traum in die Tat umsetzen. Kein engstirniger Besserwisser würde sie davon abhalten.

„Was ist dieses Gespräch nach ihrem Eindruck bisher verlaufen?“, ging der Personaler zum Punkt auf seinem Fragebogen über. Diese Frage solle sie wohl aus dem Konzept bringen. Gab es darauf überhaupt eine gute Antwort. Wenn sie die Schwachstellen ansprach, zeigte sie zwar Selbstreflexion und Kritikfähigkeit, aber sie machte sie selbst unnötig schlecht. Wenn sie sich selbst lobte, könnte das eingebildet und ignorant wirken – besonders, wenn es so geholpert hatte, wie in ihrem Gespräch – aber auch selbstbewusst und optimistisch.

„Gut“, sagte Natasha knapp und zwang sich zu einem Lächeln.

„Und was denken Sie ist mein Eindruck von unserem bisherigen Gespräch?“, fragte er weiter. Das was eindeutig eine Fangfrage. Mit dem Perspektivwechsel sollte sie wohl dazu gebracht werden, doch etwas Negatives zu sagen und sich selbst abzuwerten.

„Gut“ sagte Natasha erneut. Sie würde ihm nicht den Gefallen tun, sich in langen Sätzen zu verheddern und Anknüpfungspunkte für Rückfragen zu geben. Der Personaler schrieb mehr als ein Wort in das Antwortfeld. Wahrscheinlich erstellte er gerade ein Psychogramm von ihr.

„Wie sieht ihr idealer Vorgesetzte bzw. ihre ideale Vorgesetzte aus?“, fragte er weiter.

„Er behandelt mich mit Respekt“, sagte Natasha ein bisschen lauter, als beabsichtigt.

„Er oder sie…“, fügte sie noch hinzu. Sie nahm einen Schluck aus dem Wasserglas.

„War das in der Vergangenheit schon ein Thema für Sie?“, fragte der Spürhund.

„So wie für jede Frau in der Arbeitswelt, denke ich“, sagte Natasha ausweichend.

„Na gut, dann kann Herr Boulez Ihnen jetzt die Aufgaben der Servicekraft im Office Managemant vorstellen“, sagte der Personaler. Dieser richtete sich in seinem Stuhl auf.

„Die Aufgaben der Servicekraft beinhalten, alle Büros bedarfsgemäß mit Büromaterialien auszustatten, ebenso die Küchen und Kopierräume. Außerdem ist die Bewirtung bei Meetings ein wichtiger Bestandteil, d.h. das Eindecken der Tische und das Bereitstellen der Getränke und Speise.“

Herr Boulez machte eine Pause in seiner Erklärung und blickte sie aufmunternd an.

„Der Wäscheservice gehört bestimmt auch dazu, oder?“, fragte sie, um ihre Einblicke und ihr Engagement zu zeigen.

„Ja, das stimmt. Wie Sie ja wissen, bietet die EBZ ihren Beschäftigten diesen Wäscheservice an. Die Reinigung der Anzüge und Hemden wird zwar extern vorgenommen, aber das Einsammeln, Übergeben und Rückführen der Kleidungsstücke erfolgt in Koordination mit den jeweiligen Persönlichen Assistenten der Manager und der Reinigungsfirma.“

Natasha nickte eifrig.

„Und was ist mit der Pflege der Pflanzen und der Wartung der Kopiergeräte?“, hakte Natasha beflissen nach.

„Sie denken ja gut mit“, sagte Mohamed, „im Office Management sind wir außerdem noch zuständig für die Koordination der Subunternehmen, wie die zum Beispiel die Reinigungsfirma, die Pflanzenpflegefirma und die Leasingfirma für die Drucker. Das fällt jedoch nicht in den Aufgabenbereich der ausgeschriebenen Stelle.

„Können Sie sich vorstellen, diese Aufgaben zu übernehmen“, schaltet sich der Personaler wieder ein.

„Ja, das würde mich sehr reizen“, sagte Natasha formelhaft.

„Herr Boulez vergaß zu erwähnen, dass im Meeting-Catering auch ein direkter Kontakt zu den Konferenzteilnehmern besteht, da die Servicekraft auch vor Ort serviert. Deshalb sind ein diskretes und entgegenkommendes Auftreten von größter Wichtigkeit“, sagte der Personaler mit schmalen Augen. Natasha spürte, wie ihr rechtes Augenlid einmal zuckte. Sie schlug die Augen nieder. Der Spürhund hatte ihre Achillesverse entdeckt und zugebissen.

„Das ist eine willkommene Herausforderung“, sagte Natasha mit fadem Klang und erst als der Satz schon über ihre Lippen gewabert war, wünschte sie sich, sie hätte ihn mit scharfer Ironie gewürzt.

„Haben Sie noch weitere Fragen?“, wollte der Personaler wissen.

Natasha versuchte, einen Gedanken zu greifen, aber diese versteckten sich in einem Nebelmeer. Sie schüttelte den Kopf.

„Vielleicht kann ich Ihnen ein paar Worte zu den Arbeitsbedingungen sagen“, sprang Mohamed ein. Er erläuterte ihr kurz die Regelungen des Tarifvertrags. Natasha kannte diesen und wusste schon Bescheid über die Arbeitsstunden, Lohn und Urlaub. Sie nickte artig zu allem.

„Dann habe ich noch eine letzte Frage“, sagte der Personaler und klappte die Bewerbungsmappe zu, als habe er schon längst mit ihr abgeschlossen.

„Welche Vorteile sehen Sie in der Stelle der Servicekraft OM im Vergleich zu Ihrer jetzigen Stelle bei Office Clean?“

Natasha biss sich auf die Zunge, um nicht zu sagen, was offensichtlich war – man verdiente deutlich mehr Geld und wer wollte nicht lieber Kaffee kochen und Kekse platzieren anstatt Klos zu schrubben?

„Die Aufgaben sind abwechslungsreicher und ich sehe in dieser Tätigkeit mehr Potential, meine Fähigkeiten zu entfalten“, rezitierte Natasha einen Satz aus den Job Interview Tutorials, die sie auf Youtube angeschaut hatte. Sie zog ihre Mundwinkel in ein künstliches Lächeln und hielt dem Blick des Personalers stand, der sie hinter seinen Brillengläsern wie ein Fisch aus dem Aquarium anstarrte. Er schien einen Augenblick zu überlegen, ob er sein Opfer noch weiter traktieren wollte, gab sich dann einen Ruck und stand auf.

„Vielen Dank, dass Sie zu uns gekommen sind“, spulte er sein Verabschiedungsprogramm herunter.

„Wir melden uns bei Ihnen“. Herr Boulez gab ihr die Hand, der Personaler machte die Tür des Zimmerchens auf und ging voran.

„Ich bringe Sie noch zum Aufzug“, sagte der Gesprächsprofi. Natasha wusste, dass jetzt der ominöse Doorknob-Moment kommen würde, wenn der Bewerber denkt, das Interview sei schon vorbei und er im Weggehen zu einer spontanen Aussage und evtl. zu einem Fauxpas verleitet werden sollte. Die Fahrstuhltür öffnete sich.

„Geht es jetzt nach Hause?“, fragte der Personaler.

„Nein, ich werde mein Hawaiihemd anziehen und zwei Dutzend Klos putzen“, sagte Natasha und trat mit einer schwungvollen Drehung in den Aufzug, der sie zurück ins Untergeschoss trug.

Gespenstersolitüde

Winde heulen

eine Diele knarrt

eine Tür schlägt zu

im Schloss von Tudory

 

Eine Uhr schlägt Zwölf

ein Vorhang bläht sich

ein Gespenst erwacht

im Schloss von Tudory

 

Seine Kunst ist ausgefeilt

griffbereit sind seine Requisiten

es senkt den Schauerschleier das

Gespenst von Tudory

 

Es klappern gelbe Zähne

ohne Lippen ohne Blut

Bühne frei für das

Gespenst von Tudory

 

Im Mondschein glitzert Staub

auf geheimen Gängen

geht mit Kettenrasseln das

Gespenst von Tudory

 

Es lässt die Kerzen flackern

mit seinem kalten Hauch

wer spürt es voller Furcht

im Schloss von Tudory

 

Versteinerte Gesichter

zeigen keine Regung

auf der Ahnengalerie

im Schloss von Tudory

 

Grausig tut es seine Pflicht

geistert Nacht um Nacht

doch niemand sieht es das

Gespenst von Tudory

 

Längst verhallt sind

schrille Schreckensschreie

der Marquise von Albury

im Schloss von Tudory

 

Längst verblichen sind

Grimassen des Entsetzens

vom Gesicht des Grafen Ginsbury

im Schloss von Tudory

 

Sehnend lauschend schleppend

zieht es durch leere Gemäuer

sein Kostüm in Fetzen das

einsame Gespenst von Tudory

Ricky ruiniert aus Langeweile

Seine Lehrzeit ist zu ende,

Farbkleckse zieren seine Hände.

Pinseln, Streichen und Lackieren,

damit kann er sich nicht blamieren.

Ricky hat es gelernt und weiß,

Arbeit geht nicht ohne Schweiß.

Ricky trägt den Rucksack voller Geld

der ist schwer, was ihm nicht gefällt.

Er ist kein Räuber und kein Strolch,

doch die Scheine stechen wie ein Dolch.

Für sieben Jahre Arbeit sind sie sein Lohn,

ist jetzt Geselle und reif für weitere Fron.

Seine Scheine muss er gut bewachen,

das ist gar nicht mehr zum Lachen.

„Soll dein Vermögen Zinsen tragen,

musst du es an der Börse wagen.“

Solche Ratschläge bekommt er zu Hauf,

so was nimmt ein reicher Mann in Kauf.

„Ach, würde das Geld einem anderen gehören,

das würde mich ganz und gar nicht stören!“,

ruft Ricky, auf dem sein Vermögen lastet.

Wer viel hat, der hadert und hastet.

Ohne Geld wäre ich arm, doch ohne Sorgen.

Was er wirklich wünscht, bleibt ihm verborgen.

Ricky zieht es heim an Mutters Ofen.

Er hat kein Auto, also muss er loofen.

Auf der Straße trifft er einen Mann mit Mofa,

damit käme er schneller hin auf Mutters Sofa.

So tauscht er seinen Rucksack voller Knete

gegen das Zweirad und düst los wie ’ne Rakete.

Bald pfeift sein Gefährt auf dem letzten Loch,

der Tank ist leer und Rickys Magen ooch.

Gähnend leer sind seine Taschen,

doch den Zweifler kann er überraschen.

Schon tauscht er Mofa gegen Stulle

und trampt heim mit leerer Schatulle.

Rickys Mutter wiegt ihn weinend im Arm,

Ricky ist froh und hat keinen Plan.

Er steht am Morgen auf ganz tatenlos,

schlurft umher, ist niemals atemlos.

Er schlürft Suppe und kaut Brot,

müd und müder wird er ohne Not.

Ricky lässt Pinsel und Rolle ruhen,

wendet sich ab von Farben und Konsum.

Für Konzerte hat Ricky kein Geld,

es gibt gratis Musik, die ihm gefällt.

Lerche und Meise singen im Wald,

das nimmt ihm keiner so bald.

Ricky sitzt am Fenster bei Tag,

schaut sinnend hinaus und fragt:

Was soll ich tun in diesem Einerlei?

Wünsche mir alte Sorgen herbei.

Ohne Last spüre ich keine Gewichtung.

Ziellos sein hat keine Richtung.

Die Moral von der Geschicht:

Freiheit hat ein zweites Gesicht.

Alles zu können ist Labsal.

Nichts zu müssen ist Qual.

Träumen ist deine Pflicht,

die zu großen Taten dich sticht.

 

Nachwort:

Das war vielleicht eine schwere Geburt! Die ganze Woche über habe ich lose Gedanken in meinem Kopf hin und her bewegt, wie ich die „Hans im Glück“-Geschichte neu interpretieren könnte. Worin besteht eigentlich sein Glücklichsein? Es wäre zu einfach, es auf Besitzlosigkeit und materielle Zwanglosigkeit zu reduzieren. Auch widerstrebt es mir, die Armut als idyllisch zu verklären. Das geht an der Realität vorbei.

Entsteht Glücklichsein aus der Freiheit von Zwängen, Aufgaben, Verantwortung, moralischen Lasten (z.B. Schuld)? Ja. Aber? Warum fällt mir keine wahrhaftige Geschichte dazu ein? Warum kann ich den Protagonisten nicht greifen? Meine Fantasie prescht immer voran und fragt mich, was nach dem Ende der Geschichte passiert. Hans sitzt im Haus seiner Mutter, hat kein Geld, und vor allem keine Beschäftigung…

Im meinem vorangehenden Beitrag habe ich Hans zur Lichtgestalt für alle gestressten Menschen mit Aussteigerphantasien stilisiert. Ganz klar, an Burn-out wird dieser Hans niemals leiden. Aber was ist mit Bore-out?

Ja, es ist diese Leere, die mich stört. Es genügt nicht, frei von Belastendem zu sein. Diesen Freiraum gilt es zu füllen. Mit Ideen, Wünschen, Zielen und Taten, die darauf ausgerichtet sind.

Was wünscht sich die Figur, über die ich schreiben will? Ich muss an die Redewendung „wunschlos glücklich“ denken und protestiere innerlich. Für mich ist das ein Paradoxon. Wer wunschlos ist, hat keinen Lebensantrieb mehr – das ist jedenfalls meine Überzeugung (siehe auch mein Gedicht „wunschfrei„).

Ich jedenfalls brauche jeden Tag ein Ziel, auch wenn es nur eine kleine Aufgabe ist, die ich erfüllen möchte. So habe ich mir die Aufgabe gesetzt, eine neue Version des „Hans im Glück“ zu schreiben. Daran halte ich mich auch, trotz beträchtlicher innerer Widerstände. Meine vorherigen Märchen sind mir so leicht aus der Feder geflossen. Jetzt bröckelt es trocken daher. Sonntagabend fange ich einen Prosatext über Ronny (heute habe ich ihn in „Ricky“ umgetauft) an, der mit schwerem Geldrucksack zum Bahnhof geht und seinen Zug verpasst. Er denkt über den Geruch von Geld nach. Langweilig. Welche Handlung will ich erzählen und vor allem: Welche Botschaft soll das Ganze haben???

Am heutigen Montagmorgen rette ich mich in die Reimform (denke dabei an Max und Moritz von Wilhelm Busch), in der Hoffnung, durch dieses sprachliche Korsett gestützt zu werden und auch durch die Verdichtung an die Essenz zu gelangen.

Ob es mir gelungen ist? Ich hoffe jedenfalls, dass ihr zu eigenen Gedanken angeregt seid, was es braucht, um glücklich zu sein.

Hans im Glück – eine Aussteigergeschichte über heitere Besitzlosigkeit

Hans im Glück ist kein typischer Märchenheld, denn er sammelt weder Schätze noch Ruhm an und gewinnt auch nicht das Herz einer schönen Frau. Nein, er ist ein Trottel, der seinen Verdienst der letzten sieben Jahre in kürzester Zeit durch dumme Tauschgeschäfte verliert und mit leeren Händen zu seiner Mutter zurück kehrt – mittellos, aber glücklich. Ist er gerade deshalb ein Vorbild in unserem Zeitalter des Konsumzwangs und der Erfolgsversessenheit?

Seine Geschichte ist schnell erzählt:

Hans war sieben Jahre in der Lehre eines Handwerkers. Zum Abschluss erhält er seinen Lohn in Form eines Goldklumpens von der Größe seines Kopfes. Auf dem Weg nach Hause wird ihm das Tragen beschwerlich und so tauscht er sein goldenes Vermögen gegen ein Pferd ein. Er folgt also einem momentanen Impuls (Bequemlichkeit) und stellt bei diesem Tauschgeschäft keine übergeordnete Wertkalkulation an.

Auf seinem weiteren Weg tauscht er das Pferd gegen eine Kuh, die Kuh gegen ein Schwein, das Schwein gegen eine Gans und die Gans gegen einen Schleifstein. Wir als Leser*innen merken sofort, dass er mit jedem Tauschgeschäft einen herben Verlust macht. Aber Hans ist jedes Mal sehr zufrieden damit.

Wenn Hans selbst seine Geschichte erzählt, klingt sie ganz anders – nämlich so, als seien ihm alle seine Besitztümer geschenkt worden (weil er sie nicht kaufen musste). Das zeigt eindrücklich: Erfolg oder Misserfolg, Glück oder Unglück – sie sind keine festen Messwerte, sondern Variablen, die alleine von der Perspektive abhängen, aus der man sie betrachtet.

Scherenschleifer: »Aber wo habt ihr die schöne Gans gekauft?«

Hans: »Die hab ich nicht gekauft, sondern für mein Schwein eingetauscht.« »Und das Schwein?« »Das hab ich für eine Kuh gekriegt.« »Und die Kuh?« »Die hab ich für ein Pferd bekommen.« »Und das Pferd?« »Dafür hab ich einen Klumpen Gold, so groß als mein Kopf, gegeben.« »Und das Gold?« »Ei, das war mein Lohn für sieben Jahre Dienst. (…) Hans lud den Stein auf und ging mit vergnügtem Herzen weiter; seine Augen leuchteten vor Freude, »ich muß in einer Glückshaut geboren sein«, rief er aus, »alles was ich wünsche, trifft mir ein, wie einem Sonntagskind

Zu Schluss fällt Hans der Schleifstein (der für ihn im Übrigen auch keinen Nutzwert hat, da er dieses Handwerk gar nicht gelernt hat) in einen Brunnen.

»Hans, als er sie mit seinen Augen in die Tiefe hatte versinken sehen, sprang vor Freuden auf, kniete dann nieder und dankte Gott mit Thränen in den Augen, daß er ihm auch diese Gnade noch erwiesen und ihm auf eine so gute Art und ohne daß er sich einen Vorwurf zu machen brauchte, von den schweren Steinen befreit hätte; das einzige wäre ihm nur noch hinderlich gewesen. »So glücklich wie ich«, rief er aus, »gibt es keinen Menschen unter der Sonne.« Mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter war.«

Da kann ich nur Staunen und Schmunzeln. „Frei von aller Last“ hallt in mir nach. Ja, das ist ein Wunsch, der wohl in so manchem zeitgenössischen Menschen rumort. Leistungsdruck, Burn-Out, Statussymbole, Konsumterror – das sind die Zeichen unserer Zeit.

Hans ist die Gegenfigur dazu – seine Geschichte die Mutter aller Aussteigerphantasien.

Ja, der naive Hans taugt als Lichtgestalt für alle Menschen, die sich von den Fesseln des Materialismus und der persönlichen Versklavung im Dienste der Karriereleiter befreien möchten.

Geschichten über die menschliche Sinnsuche sind heute allgegenwärtig.

Kürzlich habe ich den Film Into the wild“ (2007) gesehen – ein Zivilisationsflucht-Drama, das auf einer wahren Geschichte basiert: Der 22-jährigen Student Christopher McCandless (er nennt sich „Alexander Supertramp“) verlässt nach dem Collegeabschluss 1990 seine Familie, sagt sich von allem Besitz los (spendet sein Vermögen), lässt sein Auto zurück, behält nur die Kleidung auf seinem Körper und einen Rucksack, er wandert und trampt zwei Jahre lang quer durch die USA, dabei begegnet er einigen Menschen, die ihm Formen des Zusammenlebens anbieten, aber für ihn ist die Einsamkeit die erstrebte Lebensform.

Schließlich findet er in der Wildnis von Alaska einen verlassenen Campingbus, in dem er überwintert. Abgeschnitten von der Zivilisation denkt er über den Sinn des Lebens und das Glück nach (braucht man andere Menschen, um glücklich zu sein?). Aber die materiellen Bedürfnisse des Menschen werden ihm zum Verhängnis: Er leidet Hunger und stirbt im Laufe des Winters an Auszehrung und an einer Lebensmittelvergiftung (1992). Aus seinen Tagebuchaufzeichnungen geht hervor, dass er kurz vor seinem Tod zu der Erkenntnis gelangt sei, dass man nur glücklich wird, wenn man das Glück mit Anderen teilen kann.

Demnächst kommt der Film „100 Dinge“ (von und mit Florian-David Fitz und Matthias Schweighöfer) ins Kino, in dem zwei Männer aufgrund einer Wette alle ihre Besitztümer aufgeben und jeden Tag eines davon zurück bekommen können. In diesem Experiment lernen sie den wahren Wert von Glück kennen. Hier geht es um Besitzlosigkeit, Konsumverweigerung und die Frage, was der Mensch für sein Glück braucht. Die zwei Typen hätten Hans im Glück bestimmt in ihre WG aufgenommen.

Unser Hans jedoch stürzt sich nicht völlig ins materielle Nichts – er kehrt heim an den warmen Ofen seiner Mutter. Diese stelle ich mir als gutmütiges Weiblein vor, die halb blind bei Kerzenschein bis tief in die Nacht Handarbeiten macht, um ihren trotteligen Sohnemann zu ernähren.

„Hans im Glück“ lässt uns nachdenken darüber, was du und ich brauchen, um glücklich zu sein. Welche materiellen und immateriellen Dinge sind es? Im Fall von Hans scheint es seine optimistische Weltsicht zu sein, sein Leben im Augenblick und sein Vertrauen in ein liebevolles soziales Umfeld. Er ist frei von Erwartungsdruck. Hans‘ Glück entspringt seiner inneren Einstellung.

Wie ihr euch denken könnt, juckt es mir in den Fingern, zu diesem Thema meine eigene Märchen-Interpretation zu schreiben.

Holla – da ist mein Märchen schon fertig: Sieben Seiten gefüllt mit Buchstaben. Puh, dauert das Korrigieren aber lang. Ein komischer Vogel besucht mich und bietet mir an, meinen Text gegen einen Tweet zu tauschen. Super: 140 Zeichen leichtes Leseglück. Dann knurrt mein Magen. Kollege Knorr kommt des Wegs und bietet mir an, den Tweet gegen eine Buchstabensuppe zu tauschen. Ein Handel ganz nach meinem Geschmack: In meiner Suppe schwimmen Dutzende von Buchstaben, ich werde satt davon. Wie schön, dass ich mein Märchen jetzt gestärkt noch mal schreiben darf!

Die Buchstaben bleiben dann hoffentlich in meinem Besitz, so dass ihr sie nächste Woche hier lesen könnt.

Der geföhnte Pudel oder Mit Siebenmeilenstiefeln zur wahren Größe

Es war einmal ein Schusterjunge. Er war 21 Jahren alt, hatte aber nur die Körpergröße eines 14-jährigen Knaben. Wenn er durch die Straßen seiner Stadt ging, übersahen die Leute ihn und grüßten nicht, die frechen Buben kicherten und warfen Erbsen nach ihm. So ging er stets mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern, was ihn noch kleiner wirken ließ. Er war der einzige Sohn seines Vaters und bei dessen Tod erbte er die bescheidene Schusterei und die Stiefel seines Vaters. Diese waren schon ganz abgelaufen und außerdem viel zu groß, also warf er sie weg.

Wie er da so traurig neben der Tonne auf dem Rinnstein hockte, kam ein Pudel vorbei, der in der Stadt unbekannt war. Sein schwarzes Fell mit verfilzten Locken war dicht wie bei einem Schaf. Seine Haare wucherten dem Pudel so vor die Augen, dass er kaum noch sehen konnte. So rannte er gegen die Beine des Schusterjungen.

„Das schwarze Lamm kommt mir gerade gelegen in meinem Unglück“, rief der junge Schuster und packte das Tier bei den Beinen.

„Mit diesem Fell kann ich meine Jacke für den Winter füllen und mit seinem zarten Fleisch meinen Bauch.“

„Mein Herr, bin weder Lamm, noch fromm“, sprach der Pudel, „mein Fleisch lasst mir an den Knochen. Mein Fell aber sollt Ihr haben. Doch holt mir einen guten Barbier, damit er mir eine rechte Frisur scheidet, damit ich mich wieder unter Leuten zeigen kann. Es soll euer Schaden nicht sein.“

Der Schusterjunge überlegte noch, als der Barbier vorbei spaziert kam.

„Ich werde deine Bitte erfüllten. Dafür versprichst du, mir von nun an zu dienen“, sagte der Schusterjunge.

„Auf dieser Erde werde ich dein Diener sein“, versprach der Pudel und zwinkerte dem Jüngling unter seinen schwarzen Lockenbüscheln zu.

So gab der Schuster seinen letzten Taler dem Barbier, der den Pudel scherte. Nun sah das Tier wie ein Pudelprinz aus, mit buschigen Stiefeln und Schulterfell, die Locken auf seinem Kopf waren zu einer runden Haube geföhnt, die er wie eine Krone trug. Sein Rücken und Bauch aber waren glatt rasiert, so dass seine elegante Figur zur Geltung kam. Der Pudel richtete sich auf seine Hinterbeine auf und stolzierte hoch gestreckt wie ein Mensch einher. Jeder, der ihn sah, wendete sich um nach ihm um und bestaunte ihn.

„Du hast mir meinen Wunsch erfüllt“, sprach der Pudel zum Schuster.

„Jetzt nenne mir deinen Wunsch.“

„Ich will ein großer Mann werden und dass alle Menschen zu mir aufschauen“, sagte der Schuster. Er war es leid, wegen seiner kleinen Statur ständig verspottet zu werden. Weil er nicht angesehen war in seinem Städtchen, kauften die Leute auch selten in seinem Geschäft ein. Oft kam tagelang kein einziger Kunde. Die handgefertigten Lederstiefel in den Regalen waren von Staub bedeckt. Nur hin und wieder kam ein Knecht vorbei, der sich ein Loch in der Sohle stopfen oder einen abgetretenen Absatz erneuern ließ.

„Ist das alles?“, fragte der Pudel.

Der Schuster überlegte einen Moment, dann sagte er:

„Ich will der Größte in meiner Stadt sein! Ansehen, Erfolg und Liebe werden mir dann von ganze alleine zufliegen.“

Der Pudel schmunzelt.

„Ich werde deinen Wunsch erfüllen und dir zu deiner wahren Größe verhelfen. Wenn drei Tage und drei Nächte vergangen sind, wirst du der größte Mann dieser Stadt sein!“, versprach der Pudel.

So ging der Schuster abends zu Bett und fiel sofort in einen tiefen Schlaf. Der Pudel jedoch holte als erstes die Stiefel des Vaters aus der Tonne und stellte sie in einen Topf mit kochendem Wasser. Dort schrumpfte das Leder der Stiefel und noch bevor die Sonne aufging, passten sie genau auf die kleinen Füße des Schusterjungen. Der Pudel hatte außerdem vom Barbier eine gute Schere stibitzt und kürzte damit die Hosenbeine und Ärmel der Tageskleidung seines Herrn um eine Handbreite.

Als der junge Schuster am Morgen erwachte und sich ankleidete, erlebte er eine große Überraschung.

„Was ist mit meinen Armen geschehen?“, rief er, „meine Handgelenke werden nicht mehr vom Ärmel bedeckt.“

„Eure Arme sind gewachsen“, erwiderte der Pudel. Als der Schuster in seine Hose stieg, war auch diese ihm zu kurz.

„Was ist mit meinen Beinen geschehen?“, rief er abermals, „meine Knöchel werden nicht mehr vom Hosenbein bedeckt.“

„Eure Beine sind gewachsen, mein Herr“, sagte der Pudel. Dann reichte er ihm die Stiefel des Vaters.

„Probiert nun, ob ihr hinein gewachsen seid“, forderte er den Schuster auf. Der tat, wie ihm geheißen. Seine Füße schlüpften in die Stiefel und sie passten ihm wie angegossen.

„Endlich habe ich große Füße“, rief er aus und lachte übers ganze Gesicht. Mit großer Fröhlichkeit machte er sich an diesem Tag an seine Arbeit und stellte ein Dutzend neuer Stiefel her.

Währenddessen belud der Pudel sich mit allen Schuhkartons, die er im Laden finden konnte, und stolzierte zum Postamt. Dort ließ er die Kartons in die nächste große Stadt schicken. Als der Postmeister sich darüber wunderte, sprach der Pudel:

„Mein Herr der Schuster hat viele Kunden in der anderen Stadt. Er schickt ihnen seine Meisterstiefel“.

Der Postmeister staunte sehr und erzählte diese Nachricht jedem weiter, den er traf. Niemand ahnte, dass die Schuhkartons in Wirklichkeit leer waren.

In der zweiten Nacht sägte der Pudel alle Tisch- und Stuhlbeine in der Stube um eine Elle ab. Als der Schuster am Morgen erwachte und sich umsah, rieb er sich verwundert die Augen. Er ging zum Tisch, der nun tiefer als seine Hüfte stand, und beugte sich kopfschüttelnd zu diesem hinunter. Er setzte sich auf den Stuhl und seine Knie stachen dabei in die Höhe.

„Bin ich denn eine wahrer Riese geworden?!“, rief er aus.

„Ihr seid über Nacht wieder gewachsen“, sagte der Pudel, der zufrieden beim Ofen saß.

„Ich will auf die Straße laufen, damit alle Leute sehen können, dass ich ein großer Mann bin. Jetzt wird mich niemand mehr auslachen.“

Er setzte seinen Hut auf und eilt zur Tür. Der Pudel aber stellte sich ihm in den Weg.

„Wartet noch bis morgen, bis ihr hinaus geht. Dann sollt Ihr Euch beim Sieben-Meilen-Rennen mit allen Burschen der Stadt messen. Ihr werdet sehen, euren langen Beine und großen Füße werden euch zum schnellsten Läufer machen“, sprach der Pudel. Der Schuster nickte und setzte sich an seine Werkbank. Mit einen lustigen Lied auf den Lippen fertigte er an diesem Tag wieder ein Dutzend neuer Stiefel an.

Unterdessen stand der Pudel im Ladenlokal hinter dem Verkaufstresen und machte eine gute Figur. Die Passanten blickten neugierig durch die Scheiben, denn sie hatten von der Schuhlieferung in die andere Stadt gehört. Am Nachmittag trat die schöne Tochter des Bürgermeisters ein. Der junge Schuster war schon seit langem in sie verliebt, aber sie übersah ihren kleinen Verehrer. Das Mädchen blickte sich im Laden um und nahm mal den einen, mal den anderen Schuh in die Hand. Neben den Stiefeln war der Schuster auch in der Anfertigung graziler Damenpantoffeln sehr geschickt. Während das Mädchen in die Betrachtung der bunten Pantöffelchen vertieft war, versprühte der Pudel großzügig Rosenduft im Raum. Das Mädchen schnupperte mit ihrer feinen Nase in die Luft.

„War heute schon eine Kundin hier?“, fragte sie den Pudel.

„Keine Kundin, meine Gnädigste,“ antwortet der Pudel. „vielmehr eine junge Dame, die meinem Herrn dem Schuster sehr zugetan ist“. Der Pudel zwinkerte dem Mädchen geheimnisvoll zu.

„So, so“, sagte sie spröde und ging hinaus. Sie wusste wohl, dass der kleine Schusterjunge sie verehrte. Dass sie nun offenbar eine Konkurrentin hatte, gefiel ihr gar nicht.

In dieser Nacht schlich der Pudel mit Hacke und Spaten hinaus auf das Feld, wo die Rennstrecke lag. Die Tradition dieses Zweikampfes sah vor, dass jeder Läufer eine eigene Strecke auf einem verschlungenen Weg durch Feld und Wald, um Sträucher und über Hecken zurück legen musste. Jeder Weg war durch sieben Meilenschilder markiert. Das siebte Schild war das Ziel und dort trafen die zwei Weg wieder aufeinander. Am Ziel standen die Zuschauer und der Preisrichter. Wer als erster eintraf, hatte gewonnen. Der Pudel schlug den linken Weg der Rennstrecken ein. Nacheinander grub er die sieben Meilen-Schilder aus der Erde und setzte sie an anderer Stelle wieder in den Boden, und zwar so, dass die Strecke nur noch halb so lang war. Dort wo das erste Schild „1 Meile“ anzeigte, hatte der Läufer in Wirklichkeit nur eine halbe Meile zurück gelegt. So machte er es mit jedem der sieben Schilder.

Als der Morgen graute, lag der Pudel wie ein frommes Lämmchen wieder vor dem Ofen, nur seine Frisur war ein wenig zerzaust vom nächtlichen Graben.

Am Morgen des dritten Tages erwachte der Schuster voller Tatendrang. Endlich wollte er seine neue Größe unter Beweis stellen. Es war der Tag des Sieben-Meilen-Rennens. Er polierte das alte Leder der väterlichen Stiefel auf Hochglanz und besserte die schiefgetretenen Absätze aus. Dann zog er sie mit Stolz an und sie passten ihm wie angegossen. Er war bereit für den Lauf seines Lebens.

„Lauft nur ohne mich“, sagte der Pudel, „aber wählt für jedes Rennen den linken Pfad. Ihr werdet sehen, eure Stiefel werden euch leicht über die sieben Meilen tragen. Ich bleibe hier und bereite etwas für eure Rückkehr vor.“ Der Schusterjunge war einverstanden und lief mit frohem Mut zum Feld vor das Stadttor.

Dort waren schon viele Schaulustige und die schnellsten Läufer der Stadt versammelt. Auch der Bürgermeister war da, um über die Zeremonie zu wachen und seine schöne Tochter stand neben ihm, um den Sieger zu küren. Der Schuster bekam Herzklopfen, als er das Mädchen sah.

Die Rennen begannen und immer zwei Läufer traten gegeneinander an. Es gab einen Vorlauf, einen Zwischenlauf und einen Endlauf, wobei immer die jeweiligen Sieger der Zweikämpfe gegeneinander liefen.

Bei seinem ersten Lauf wählte der Schusterjunge die linke Strecke, wie es ihm der Pudel geraten hatte. Er lief mit schnellen kleinen Schritten und seine Stiefel trugen ihn über lehmige Trampelpfade und Wiesen. Das erste Meilenschild passierte er und war noch nicht mal außer Atem. Ehe er es sich versah, war er im Ziel: Als Erster und die Menge jubelte ihm zu.

„Ich bin ein großer Läufer“, dachte er bei sich und sprang mit Zuversicht seinem zweiten Rennen entgegen. Auch hier nahm er wieder den linken Weg. Er rannte leichten Schrittes und die sieben Meilen flogen nur so an ihm vorbei. Nachdem er ein zweites Mal gesiegt hatte, sagte er zu sich:

„Was diese kleinen Schritte doch für eine große Wirkung haben.“

Das dritte Rennen war der Endlauf. Sein Gegner war der Schmied, ein großer Bursche, so kräftig wie ein Pferd, mit breiten Schultern und einem noch breiteren Grinsen, der den Schusterjungen schon seit eh und je verhöhnte.

„Dir werde ich es zeigen! Bin kein Winzling mehr, bin groß und schnell, dein Grinsen wird dir noch vergehen“, dachte der Schuster bei sich und schaute dem behäbigen Schmied mit vorgestrecktem Kinn entgegen.

Der Bürgermeister wies dem Schusterjungen bei diesem Lauf den rechten Weg zu. Seine Tochter nickte ihm aufmunternd zu und schenkte ihm sogar ein Lächeln. Das Herz des Schusters machte einen Hüpfer. Begierig auf den Wettlauf nahm er seine Position auf dem rechten Weg ein. Der Schuster dachte zwar an den Rat vom Pudel, aber seine Zuversicht war mit jedem Lauf gewachsen. Ob es dieser, oder jener Weg war, er würde siegen. Der Pfiff zum Rennen gellte und der Schusterjunge lief mit aller Kraft seines Herzens und seiner Beine. Die Strecke kam ihm länger vor, aber er verzagte nicht. Der Schmied hingegen war sich seiner Überlegenheit sicher und strengte sich nicht sehr an. So näherten sich die Läufer fast gleichzeitig dem Ziel an der Siebenmeilenmarke.

Der Schusterjunge tat eine letzte Anstrengung und seine treuen Stiefel trugen ihn sicher über glitschiges Moos und holprige Steine.

So kam er als Erster ins Ziel und die Menge jubelten ihm zu und rief:

„Der Schuster mit den Stiefeln ist unser neuer Sieben-Meilen-Sieger!“

Die Tochter des Bürgermeisters legte dem jungen Schuster den Siegerkranz aus Blumen um den Hals und errötete dabei.

Als der Schuster nach Hause kam und dem Pudel von seinem Sieg erzählen wollte, war dieser nicht mehr da. An der Stelle neben dem Ofen, wo das Tier nachts gelegen hatte, fand er einen zerbrochenen Zollstock, ein Büschel schwarzer Wolle vom Fell des Pudels und ein neues Firmenschild, auf dem stand: „Siebenmeilenstiefel“.

Der Schuster hängte das Schild über seine Ladentür und nähte einen prächtigen Fellbesatz als Saum um den Schaft seiner siegreichen Stiefel. Den zerbrochenen Zollstock warf er in die Tonne. Er würde sich nie mehr daran messen.

Noch am selben Tag kamen die Leute der Stadt in Scharen in sein Geschäft und wollten ein Paar der legendären Siebenmeilenstiefel haben. Künftig versah er alle seine Stiefel mit einem schwarzen Fellrand und das wurde große Mode. Seine Siebenmeilenstiefel wurden berühmt weit über die Grenzen der Stadt hinaus und sein Geschäft wurden von Käufern bestürmt. Jetzt ging er hoch aufgerichtet durch die Gassen und alle Leute grüßten ihn. Wenn sie ihren Hut vor ihm zogen oder knicksten, schauten sie zu ihm auf.

Bevor das Jahr um war, wurde die Tochter des Bürgermeisters seine Braut. Bald darauf wurde der Schuster selbst zum Bürgermeister ernannt. Wenn jemand fragte, wer der größte Mann dieser Stadt sei, so war die Antwort stets: „Der Schuster mit den Siebenmeilenstiefeln.“

Der Schusterjunge sah den Pudel nie wieder. Erst einige Zeit später verstand er die Worte des Pudels, der gesagt hatte: „Ich werde dir zu deiner wahren Größe verhelfen“.

Wahre Größe misst sich nämlich nicht in Zoll, der Mensch zollt sie sich selbst.

Nachwort:

Wie ihr wisst, habe ich mich bei diesem Märchen von den Gedanken leiten lassen, die ich mir zum „Gestiefelten Kater“ und dem „Tapferen Schneiderlein“ („Sieben auf einen Streich“) gemacht habe. Allerdings hat es mich beim Schreiben immer mehr in eine andere Richtung gedrängt. Anfangs wollte ich von einem Protz mit narzistischen Zügen erzählen, der sich zum Erfolg schummelt und lügt. Aber mein kleiner Schuster wollte sich nicht in dieses Schema pressen lassen. Der Protagonist hat protestiert und mir die Federführung aus der Hand genommen und der Pudel hat sich mit ihm verschworen. So ist er mit seinen Schwächen zum Sympathieträger (für mich) geworden. Jetzt ist es (primär) keine Geschichte mehr über Täuschung und Großmacherei, sondern über Selbstwertgefühl  – und ja, das Mittel der Illusion darf dafür eingesetzt werden.

Die Erfolgsgeschichte der Täuschung – gut gelogen ist halb gewonnen

„Lügen haben kurze Beine!“ Nicht im Märchen! Dort stecken sie in Stiefeln und bringen den Märchenhelden ganz nach oben. So in »Der gestiefelten Kater«. Dieser gut gekleidete Kater ist ein wahres Marketinggenie und sollte jedem Salesman des 21. Jahrhunderts Modell stehen. Im Handumdrehen bzw. Zungeumdrehen schafft der pelzige Stiefelträger es, seinen Herrn vom armen Schlucker zum Großgrundbesitzer, Schlossherrn und Prinzgemahl zu erheben.

Zur Erinnerung: Es war einmal ein Müller, der hatte drei Söhne. Als dieser stirbt, teilen sich die drei Söhne die Erbschaft: der älteste bekommt die Mühle, der zweite den Esel, der dritte den Kater. Der Kater ist gut im Mäuse fangen, aber damit kann der jüngste Sohn wenig anfangen. Er überlegt, sich vom Fell des Katers ein Paar Pelzhandschuhe machen zu lassen. Der Kater ist klug und hält ein Plädoyer um sein Leben:

»Hör, du brauchst mich nicht zu töten, um ein Paar schlechte Handschuhe aus meinem Pelz zu kriegen; laß mir nur ein Paar Stiefel machen, daß ich ausgehen und mich unter den Leuten sehen lassen kann, dann soll dir bald geholfen sein.«

Der Müllerssohn gibt dem Vorschlag aus einem Impuls heraus nach und bald schon marschiert der Kater aufrecht und gestiefelt in die Welt, um für seinen Herrn Werbung zu machen.

Er kümmert sich bestens um die Public Relations, indem er dem amtierenden König Rebhühner als Geschenk seines Herrn bringt, den er als „Graf“ betitelt. Zum Dank sendet der König dem falschen Grafen säckeweise Gold. Aber Zahlungsfähigkeit alleine ist für den Müllersgrafen nur der erste Schritt seines Aufstiegs. Der clevere Kater weiß: Wer ein großer Mann werden will, braucht Statussymbole und eine gesellschaftliche Stellung. „New Money“ hat sich schon immer mittels Ehe in den Hochadel eingekauft.

Wie in einer Reality Soap (selbstverständlich mit Drehbuch) lässt der Miezemeister der Illusion den Müllerssohn nackt in einem See baden und versteckt dessen armseligen Kleider. Als der König in seiner Kutsche vorbei gefahren kommt, erzählt der Kater ihm eine Räuberpistole und der König glaubt alles. Er kleidet den ausgeraubten Grafen (den er als Spender der Rebhühner schätzt) in prächtige Gewänder und lässt ihn in sein Luxusgefährt einsteigen, wo just auch die Prinzessin sitzt.

Jetzt zieht der gestiefelte Kater alle Register einer guten Imagekampagne auf.

So wie Donald Trump sich dreist in die Liste der 400 Superreichen des US-Magazins „Forbes“ geschummelt hat (indem er das Vermögen seines Vaters als sein eigenes deklariert hat), trägt der Kater die Täuschung wie ein Banner vor sich und seinem Herrn her: Er beeinflusst die öffentliche Meinung mittels einer Flüsterkampagne – in Zeiten von Social Media würden seine „alternativen Fakten“ und „fake news“ von unzähligen Followern geteilt werden: Der PR-Kater setzt die Lüge in die Welt, die Wiesen, der Wald, das Schloss (die in Wahrheit alle einem Zauberer gehören) stünden im Eigentum seines Grafen. Die leichtgläubigen Leute geben diese Nachricht ungefiltert an den König weiter, der keine Zweifel an der Echtheit dieser Aussagen hegt.

Mit List bringt der Kater den Zauberer um (als jener sich in eine Maus verwandelt, kann der Kater nochmals auf seine Kernkompetenz zurück greifen) und enteignet ihn somit seiner Habe.

Der Müllerssohn tritt nun als Graf in das unrechtmäßig ergaunerte Gut ein und ist prompt der perfekte Heiratskandidat für die Königstochter. Bald schon ist er selbst König und der gestiefelte Kater wird sein erster Minister.

Was für eine Erfolgsgeschichte! Und alles dank Lüge (der PR-Kater würde es „List“ nennen) und Täuschung („aktive Imagepflege“).

In einigen Märchen finden sich noch weitere Lehrstücke, wie unehrliches Verhalten belohnt wird. So zum Beispiel in »Das tapfere Schneiderlein«. Der Schneider erschlägt sieben Fliegen mit einem handelsüblichen Tuchlappen. Diese Alltagstat bauscht er zur Heldentat auf, indem er sich einen Gürtel (man denke an asiatischen Kampfsport) anlegt, den er mit der Aufschrift „Sieben auf einen Streich“ bestickt.

Diese Übertreibung im Dienste der Selbstvermarktung wird fortan sein Wahlspruch. Im Verlauf der Geschichte erliegt so mancher Gegner dieser vorgetäuschten Heldentat und prüft sie nicht auf ihre Substanz. Stiftung Tapferkeitstest gab es offenbar noch nicht.

Auch die praktische Täuschung beherrscht das „tapfere“ Schneiderlein bestens: Er zerquetscht Käse in seiner Hand, den er für einen Stein ausgibt und er besiegt zwei Riesen, indem er sie gegeneinander aufbringt und sich gegenseitig zerfleischen lässt (so mancher Politiker mag diese Taktik bewundern).

Inspiriert von diesen Lehren gibt es nun mein neustes Märchen:

Der geföhnte Pudel oder Sieben Lügen auf einen Streich

Darin werdet ihr sehen, wie lange die  Lügenbeine tragen und was den Protz zum großen Mann werden lässt…

Ein gewisser Kater schaltet sich ein und übernimmt die Ankündigung:

OUT NOW:  Die sensationelle Neuerscheinung steigt gleich in die TOP 7 der All-time-Märchen-Favoriten ein.

(Räusper) Leider zurzeit nicht lieferbar, da noch nicht geschrieben. Vorbestellung jederzeit möglich.

Coming soon…

Out NOW (really – as of Oct. 7, 2018): 

Der geföhnte Pudel oder Mit Siebenmeilenstiefeln zur wahren Größe

Märchen auf den Kopf gestellt – nicht von guten Eltern

Die Märchenwelt steht Kopf. Marie ist keine schöne Prinzessin, sondern ein ungeliebtes dickes Kind, das mit Vorliebe die Gestalten in ihrem Märchenbuch mit ihren Filzstiften tyrannisiert. Als sie plötzlich selbst in der Märchenwelt landet, wird sie mit ihrer eigenen Not konfrontiert – hierbei sind der hungrige Wolf und der ungeküsste Frosch das kleinste Problem.

„Marie mag keine Märchen“ habe ich gestern fertig geschrieben und bei einem Wettbewerb eingereicht. Die Vorgabe lautete, bekannte Märchen neu zu erzählen („die ganze Wahrheit“).

Bei der Ideensuche für meine Geschichte habe ich die altvertrauten Grimm’schen Märchen wieder gelesen und nach übergreifenden Themen und Verbindungen gesucht. Was treibt die Figuren an und warum kommen sie in Schwierigkeiten?

Es sind Hochmut, Eifersucht, Eitelkeit, Ungehorsam und Übermut, die die Märchenwesen in die Bredouille bringen und die bösen Stiefmütter und Hexen zu ihren Intrigen und Zaubereinen anstacheln.

In „König Drosselbart“ ist die Prinzessin hochmütig, indem sie die Prinzen verspottet und abweist, die um sie werben.

Hänsel und Gretel sowie Rotkäppchen kommen aus Ungehorsam im wahrsten Sinne des Wortes vom Weg ab und müssen dafür bezahlen.

Die Eitelkeit und die Eifersucht treiben die Stiefmutter von Schneewittchen und die Schwestern von Aschenputtel dazu an, diese guten Mädchen ins Unglück zu stürzen.

Sind die Heldinnen und Helden erst einmal in Schwierigkeiten – entweder wegen ihres schlechten Charakters oder durch ihre Neider – müssen sie sich schweren Prüfungen stellen, sich behaupten, Buße tun und geläutert werden, um zum guten Schluss belohnt zu werden.

Ein gutes Beispiel für die Belohnung einer guten Tat findet sich im „Gestiefelten Kater“, wo der jüngste Sohn seinen geerbten Kater nicht zu Handschuhen verarbeitet, sondern das Tier am Leben lässt, das wiederum mit Witz und Betrug dafür sorgt, dass sein Herr zum reichen Landbesitzer und Prinzgemahl wird.

Aber ist das schon das ganze Rezept? Ich drehe und wende die Geschichten und richte meinen Blick auf die Eltern-Figuren. Sind es nicht die nachlässigen Eltern, die Hänsel und Gretel in den dunklen Wald schicken?

Ist es nicht der grausame Vater in „König Drosselbart“, der die Selbstbestimmung seiner Tochter unterdrückt (hat sie nicht das Recht, einen Brautwerber abzulehnen?) und sie zur Strafe dem nächstbesten Bettler mitgibt?

Warum strengt sich der Vater von Dornröschen nicht mehr an, die 13. Fee zum Fest einzuladen (ein zusätzlicher goldenen Teller ließe sich im Königreich doch wohl auftreiben)? Warum setzt sich der Vater von Aschenputtel nicht mehr für seine Tochter ein? Väter schrecken auch nicht davor zurück, ihre Söhne im Kampf um das Erbe gegeneinander antreten zu lassen („Die drei Brüder“, „Die drei Federn“). In „Tischlein deck dich, Goldesel, Knüppelausdemsack“ glaubt der Vater eher dem Lügengemeckere der Ziege, als den wahren Worten seiner drei Söhne und jagt sie einen nach dem anderen mit Schlägen aus dem Haus.

Ganz evident ist das Versagen der Mutter in Rapunzel (die in der psychologischen Deutung mit der Zauberin, die Rapunzel im Turm gefangen hält, identisch ist). Von grausamen Stiefmüttern brauche ich gar nicht erst anzufangen – in „Schneewittchen“ kann man über die fantasievolle Bandbreite an Mordanschlägen auf die Stieftochter staunen (vom Jäger erschießen lassen und Lunge und Leber zum Beweis ausweiden, Erwürgen mit Halskette, mit Apfel vergiften).

Alle Eltern, die in Märchen vorkommen, versagen in ihrer elementaren Aufgabe, ihre Kinder zu beschützen und gut für sie zu sorgen. Oft ist es erst diese Vernachlässigung, die die Kinder in ihre Notsituationen stürzt.

Das bringt mich dazu, die Prämisse des Märchens als Erziehungsstück für Kinder auf den Kopf zu stellen. Wie wäre es, wenn im Märchen mal die Eltern geprüft, geläutert und erzogen würden?

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf lade ich euch nun ein, mein Märchen-Remix von Marie zu lesen. Ihr werdet bestimmt einige bekannte Figuren und Themen wieder erkennen.

Marie mag keine Märchen