Ricky ruiniert aus Langeweile

Seine Lehrzeit ist zu ende,

Farbkleckse zieren seine Hände.

Pinseln, Streichen und Lackieren,

damit kann er sich nicht blamieren.

Ricky hat es gelernt und weiß,

Arbeit geht nicht ohne Schweiß.

Ricky trägt den Rucksack voller Geld

der ist schwer, was ihm nicht gefällt.

Er ist kein Räuber und kein Strolch,

doch die Scheine stechen wie ein Dolch.

Für sieben Jahre Arbeit sind sie sein Lohn,

ist jetzt Geselle und reif für weitere Fron.

Seine Scheine muss er gut bewachen,

das ist gar nicht mehr zum Lachen.

„Soll dein Vermögen Zinsen tragen,

musst du es an der Börse wagen.“

Solche Ratschläge bekommt er zu Hauf,

so was nimmt ein reicher Mann in Kauf.

„Ach, würde das Geld einem anderen gehören,

das würde mich ganz und gar nicht stören!“,

ruft Ricky, auf dem sein Vermögen lastet.

Wer viel hat, der hadert und hastet.

Ohne Geld wäre ich arm, doch ohne Sorgen.

Was er wirklich wünscht, bleibt ihm verborgen.

Ricky zieht es heim an Mutters Ofen.

Er hat kein Auto, also muss er loofen.

Auf der Straße trifft er einen Mann mit Mofa,

damit käme er schneller hin auf Mutters Sofa.

So tauscht er seinen Rucksack voller Knete

gegen das Zweirad und düst los wie ’ne Rakete.

Bald pfeift sein Gefährt auf dem letzten Loch,

der Tank ist leer und Rickys Magen ooch.

Gähnend leer sind seine Taschen,

doch den Zweifler kann er überraschen.

Schon tauscht er Mofa gegen Stulle

und trampt heim mit leerer Schatulle.

Rickys Mutter wiegt ihn weinend im Arm,

Ricky ist froh und hat keinen Plan.

Er steht am Morgen auf ganz tatenlos,

schlurft umher, ist niemals atemlos.

Er schlürft Suppe und kaut Brot,

müd und müder wird er ohne Not.

Ricky lässt Pinsel und Rolle ruhen,

wendet sich ab von Farben und Konsum.

Für Konzerte hat Ricky kein Geld,

es gibt gratis Musik, die ihm gefällt.

Lerche und Meise singen im Wald,

das nimmt ihm keiner so bald.

Ricky sitzt am Fenster bei Tag,

schaut sinnend hinaus und fragt:

Was soll ich tun in diesem Einerlei?

Wünsche mir alte Sorgen herbei.

Ohne Last spüre ich keine Gewichtung.

Ziellos sein hat keine Richtung.

Die Moral von der Geschicht:

Freiheit hat ein zweites Gesicht.

Alles zu können ist Labsal.

Nichts zu müssen ist Qual.

Träumen ist deine Pflicht,

die zu großen Taten dich sticht.

 

Nachwort:

Das war vielleicht eine schwere Geburt! Die ganze Woche über habe ich lose Gedanken in meinem Kopf hin und her bewegt, wie ich die „Hans im Glück“-Geschichte neu interpretieren könnte. Worin besteht eigentlich sein Glücklichsein? Es wäre zu einfach, es auf Besitzlosigkeit und materielle Zwanglosigkeit zu reduzieren. Auch widerstrebt es mir, die Armut als idyllisch zu verklären. Das geht an der Realität vorbei.

Entsteht Glücklichsein aus der Freiheit von Zwängen, Aufgaben, Verantwortung, moralischen Lasten (z.B. Schuld)? Ja. Aber? Warum fällt mir keine wahrhaftige Geschichte dazu ein? Warum kann ich den Protagonisten nicht greifen? Meine Fantasie prescht immer voran und fragt mich, was nach dem Ende der Geschichte passiert. Hans sitzt im Haus seiner Mutter, hat kein Geld, und vor allem keine Beschäftigung…

Im meinem vorangehenden Beitrag habe ich Hans zur Lichtgestalt für alle gestressten Menschen mit Aussteigerphantasien stilisiert. Ganz klar, an Burn-out wird dieser Hans niemals leiden. Aber was ist mit Bore-out?

Ja, es ist diese Leere, die mich stört. Es genügt nicht, frei von Belastendem zu sein. Diesen Freiraum gilt es zu füllen. Mit Ideen, Wünschen, Zielen und Taten, die darauf ausgerichtet sind.

Was wünscht sich die Figur, über die ich schreiben will? Ich muss an die Redewendung „wunschlos glücklich“ denken und protestiere innerlich. Für mich ist das ein Paradoxon. Wer wunschlos ist, hat keinen Lebensantrieb mehr – das ist jedenfalls meine Überzeugung (siehe auch mein Gedicht „wunschfrei„).

Ich jedenfalls brauche jeden Tag ein Ziel, auch wenn es nur eine kleine Aufgabe ist, die ich erfüllen möchte. So habe ich mir die Aufgabe gesetzt, eine neue Version des „Hans im Glück“ zu schreiben. Daran halte ich mich auch, trotz beträchtlicher innerer Widerstände. Meine vorherigen Märchen sind mir so leicht aus der Feder geflossen. Jetzt bröckelt es trocken daher. Sonntagabend fange ich einen Prosatext über Ronny (heute habe ich ihn in „Ricky“ umgetauft) an, der mit schwerem Geldrucksack zum Bahnhof geht und seinen Zug verpasst. Er denkt über den Geruch von Geld nach. Langweilig. Welche Handlung will ich erzählen und vor allem: Welche Botschaft soll das Ganze haben???

Am heutigen Montagmorgen rette ich mich in die Reimform (denke dabei an Max und Moritz von Wilhelm Busch), in der Hoffnung, durch dieses sprachliche Korsett gestützt zu werden und auch durch die Verdichtung an die Essenz zu gelangen.

Ob es mir gelungen ist? Ich hoffe jedenfalls, dass ihr zu eigenen Gedanken angeregt seid, was es braucht, um glücklich zu sein.

Hans im Glück – eine Aussteigergeschichte über heitere Besitzlosigkeit

Hans im Glück ist kein typischer Märchenheld, denn er sammelt weder Schätze noch Ruhm an und gewinnt auch nicht das Herz einer schönen Frau. Nein, er ist ein Trottel, der seinen Verdienst der letzten sieben Jahre in kürzester Zeit durch dumme Tauschgeschäfte verliert und mit leeren Händen zu seiner Mutter zurück kehrt – mittellos, aber glücklich. Ist er gerade deshalb ein Vorbild in unserem Zeitalter des Konsumzwangs und der Erfolgsversessenheit?

Seine Geschichte ist schnell erzählt:

Hans war sieben Jahre in der Lehre eines Handwerkers. Zum Abschluss erhält er seinen Lohn in Form eines Goldklumpens von der Größe seines Kopfes. Auf dem Weg nach Hause wird ihm das Tragen beschwerlich und so tauscht er sein goldenes Vermögen gegen ein Pferd ein. Er folgt also einem momentanen Impuls (Bequemlichkeit) und stellt bei diesem Tauschgeschäft keine übergeordnete Wertkalkulation an.

Auf seinem weiteren Weg tauscht er das Pferd gegen eine Kuh, die Kuh gegen ein Schwein, das Schwein gegen eine Gans und die Gans gegen einen Schleifstein. Wir als Leser*innen merken sofort, dass er mit jedem Tauschgeschäft einen herben Verlust macht. Aber Hans ist jedes Mal sehr zufrieden damit.

Wenn Hans selbst seine Geschichte erzählt, klingt sie ganz anders – nämlich so, als seien ihm alle seine Besitztümer geschenkt worden (weil er sie nicht kaufen musste). Das zeigt eindrücklich: Erfolg oder Misserfolg, Glück oder Unglück – sie sind keine festen Messwerte, sondern Variablen, die alleine von der Perspektive abhängen, aus der man sie betrachtet.

Scherenschleifer: »Aber wo habt ihr die schöne Gans gekauft?«

Hans: »Die hab ich nicht gekauft, sondern für mein Schwein eingetauscht.« »Und das Schwein?« »Das hab ich für eine Kuh gekriegt.« »Und die Kuh?« »Die hab ich für ein Pferd bekommen.« »Und das Pferd?« »Dafür hab ich einen Klumpen Gold, so groß als mein Kopf, gegeben.« »Und das Gold?« »Ei, das war mein Lohn für sieben Jahre Dienst. (…) Hans lud den Stein auf und ging mit vergnügtem Herzen weiter; seine Augen leuchteten vor Freude, »ich muß in einer Glückshaut geboren sein«, rief er aus, »alles was ich wünsche, trifft mir ein, wie einem Sonntagskind

Zu Schluss fällt Hans der Schleifstein (der für ihn im Übrigen auch keinen Nutzwert hat, da er dieses Handwerk gar nicht gelernt hat) in einen Brunnen.

»Hans, als er sie mit seinen Augen in die Tiefe hatte versinken sehen, sprang vor Freuden auf, kniete dann nieder und dankte Gott mit Thränen in den Augen, daß er ihm auch diese Gnade noch erwiesen und ihm auf eine so gute Art und ohne daß er sich einen Vorwurf zu machen brauchte, von den schweren Steinen befreit hätte; das einzige wäre ihm nur noch hinderlich gewesen. »So glücklich wie ich«, rief er aus, »gibt es keinen Menschen unter der Sonne.« Mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter war.«

Da kann ich nur Staunen und Schmunzeln. „Frei von aller Last“ hallt in mir nach. Ja, das ist ein Wunsch, der wohl in so manchem zeitgenössischen Menschen rumort. Leistungsdruck, Burn-Out, Statussymbole, Konsumterror – das sind die Zeichen unserer Zeit.

Hans ist die Gegenfigur dazu – seine Geschichte die Mutter aller Aussteigerphantasien.

Ja, der naive Hans taugt als Lichtgestalt für alle Menschen, die sich von den Fesseln des Materialismus und der persönlichen Versklavung im Dienste der Karriereleiter befreien möchten.

Geschichten über die menschliche Sinnsuche sind heute allgegenwärtig.

Kürzlich habe ich den Film Into the wild“ (2007) gesehen – ein Zivilisationsflucht-Drama, das auf einer wahren Geschichte basiert: Der 22-jährigen Student Christopher McCandless (er nennt sich „Alexander Supertramp“) verlässt nach dem Collegeabschluss 1990 seine Familie, sagt sich von allem Besitz los (spendet sein Vermögen), lässt sein Auto zurück, behält nur die Kleidung auf seinem Körper und einen Rucksack, er wandert und trampt zwei Jahre lang quer durch die USA, dabei begegnet er einigen Menschen, die ihm Formen des Zusammenlebens anbieten, aber für ihn ist die Einsamkeit die erstrebte Lebensform.

Schließlich findet er in der Wildnis von Alaska einen verlassenen Campingbus, in dem er überwintert. Abgeschnitten von der Zivilisation denkt er über den Sinn des Lebens und das Glück nach (braucht man andere Menschen, um glücklich zu sein?). Aber die materiellen Bedürfnisse des Menschen werden ihm zum Verhängnis: Er leidet Hunger und stirbt im Laufe des Winters an Auszehrung und an einer Lebensmittelvergiftung (1992). Aus seinen Tagebuchaufzeichnungen geht hervor, dass er kurz vor seinem Tod zu der Erkenntnis gelangt sei, dass man nur glücklich wird, wenn man das Glück mit Anderen teilen kann.

Demnächst kommt der Film „100 Dinge“ (von und mit Florian-David Fitz und Matthias Schweighöfer) ins Kino, in dem zwei Männer aufgrund einer Wette alle ihre Besitztümer aufgeben und jeden Tag eines davon zurück bekommen können. In diesem Experiment lernen sie den wahren Wert von Glück kennen. Hier geht es um Besitzlosigkeit, Konsumverweigerung und die Frage, was der Mensch für sein Glück braucht. Die zwei Typen hätten Hans im Glück bestimmt in ihre WG aufgenommen.

Unser Hans jedoch stürzt sich nicht völlig ins materielle Nichts – er kehrt heim an den warmen Ofen seiner Mutter. Diese stelle ich mir als gutmütiges Weiblein vor, die halb blind bei Kerzenschein bis tief in die Nacht Handarbeiten macht, um ihren trotteligen Sohnemann zu ernähren.

„Hans im Glück“ lässt uns nachdenken darüber, was du und ich brauchen, um glücklich zu sein. Welche materiellen und immateriellen Dinge sind es? Im Fall von Hans scheint es seine optimistische Weltsicht zu sein, sein Leben im Augenblick und sein Vertrauen in ein liebevolles soziales Umfeld. Er ist frei von Erwartungsdruck. Hans‘ Glück entspringt seiner inneren Einstellung.

Wie ihr euch denken könnt, juckt es mir in den Fingern, zu diesem Thema meine eigene Märchen-Interpretation zu schreiben.

Holla – da ist mein Märchen schon fertig: Sieben Seiten gefüllt mit Buchstaben. Puh, dauert das Korrigieren aber lang. Ein komischer Vogel besucht mich und bietet mir an, meinen Text gegen einen Tweet zu tauschen. Super: 140 Zeichen leichtes Leseglück. Dann knurrt mein Magen. Kollege Knorr kommt des Wegs und bietet mir an, den Tweet gegen eine Buchstabensuppe zu tauschen. Ein Handel ganz nach meinem Geschmack: In meiner Suppe schwimmen Dutzende von Buchstaben, ich werde satt davon. Wie schön, dass ich mein Märchen jetzt gestärkt noch mal schreiben darf!

Die Buchstaben bleiben dann hoffentlich in meinem Besitz, so dass ihr sie nächste Woche hier lesen könnt.

Der geföhnte Pudel oder Mit Siebenmeilenstiefeln zur wahren Größe

Es war einmal ein Schusterjunge. Er war 21 Jahren alt, hatte aber nur die Körpergröße eines 14-jährigen Knaben. Wenn er durch die Straßen seiner Stadt ging, übersahen die Leute ihn und grüßten nicht, die frechen Buben kicherten und warfen Erbsen nach ihm. So ging er stets mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern, was ihn noch kleiner wirken ließ. Er war der einzige Sohn seines Vaters und bei dessen Tod erbte er die bescheidene Schusterei und die Stiefel seines Vaters. Diese waren schon ganz abgelaufen und außerdem viel zu groß, also warf er sie weg.

Wie er da so traurig neben der Tonne auf dem Rinnstein hockte, kam ein Pudel vorbei, der in der Stadt unbekannt war. Sein schwarzes Fell mit verfilzten Locken war dicht wie bei einem Schaf. Seine Haare wucherten dem Pudel so vor die Augen, dass er kaum noch sehen konnte. So rannte er gegen die Beine des Schusterjungen.

„Das schwarze Lamm kommt mir gerade gelegen in meinem Unglück“, rief der junge Schuster und packte das Tier bei den Beinen.

„Mit diesem Fell kann ich meine Jacke für den Winter füllen und mit seinem zarten Fleisch meinen Bauch.“

„Mein Herr, bin weder Lamm, noch fromm“, sprach der Pudel, „mein Fleisch lasst mir an den Knochen. Mein Fell aber sollt Ihr haben. Doch holt mir einen guten Barbier, damit er mir eine rechte Frisur scheidet, damit ich mich wieder unter Leuten zeigen kann. Es soll euer Schaden nicht sein.“

Der Schusterjunge überlegte noch, als der Barbier vorbei spaziert kam.

„Ich werde deine Bitte erfüllten. Dafür versprichst du, mir von nun an zu dienen“, sagte der Schusterjunge.

„Auf dieser Erde werde ich dein Diener sein“, versprach der Pudel und zwinkerte dem Jüngling unter seinen schwarzen Lockenbüscheln zu.

So gab der Schuster seinen letzten Taler dem Barbier, der den Pudel scherte. Nun sah das Tier wie ein Pudelprinz aus, mit buschigen Stiefeln und Schulterfell, die Locken auf seinem Kopf waren zu einer runden Haube geföhnt, die er wie eine Krone trug. Sein Rücken und Bauch aber waren glatt rasiert, so dass seine elegante Figur zur Geltung kam. Der Pudel richtete sich auf seine Hinterbeine auf und stolzierte hoch gestreckt wie ein Mensch einher. Jeder, der ihn sah, wendete sich um nach ihm um und bestaunte ihn.

„Du hast mir meinen Wunsch erfüllt“, sprach der Pudel zum Schuster.

„Jetzt nenne mir deinen Wunsch.“

„Ich will ein großer Mann werden und dass alle Menschen zu mir aufschauen“, sagte der Schuster. Er war es leid, wegen seiner kleinen Statur ständig verspottet zu werden. Weil er nicht angesehen war in seinem Städtchen, kauften die Leute auch selten in seinem Geschäft ein. Oft kam tagelang kein einziger Kunde. Die handgefertigten Lederstiefel in den Regalen waren von Staub bedeckt. Nur hin und wieder kam ein Knecht vorbei, der sich ein Loch in der Sohle stopfen oder einen abgetretenen Absatz erneuern ließ.

„Ist das alles?“, fragte der Pudel.

Der Schuster überlegte einen Moment, dann sagte er:

„Ich will der Größte in meiner Stadt sein! Ansehen, Erfolg und Liebe werden mir dann von ganze alleine zufliegen.“

Der Pudel schmunzelt.

„Ich werde deinen Wunsch erfüllen und dir zu deiner wahren Größe verhelfen. Wenn drei Tage und drei Nächte vergangen sind, wirst du der größte Mann dieser Stadt sein!“, versprach der Pudel.

So ging der Schuster abends zu Bett und fiel sofort in einen tiefen Schlaf. Der Pudel jedoch holte als erstes die Stiefel des Vaters aus der Tonne und stellte sie in einen Topf mit kochendem Wasser. Dort schrumpfte das Leder der Stiefel und noch bevor die Sonne aufging, passten sie genau auf die kleinen Füße des Schusterjungen. Der Pudel hatte außerdem vom Barbier eine gute Schere stibitzt und kürzte damit die Hosenbeine und Ärmel der Tageskleidung seines Herrn um eine Handbreite.

Als der junge Schuster am Morgen erwachte und sich ankleidete, erlebte er eine große Überraschung.

„Was ist mit meinen Armen geschehen?“, rief er, „meine Handgelenke werden nicht mehr vom Ärmel bedeckt.“

„Eure Arme sind gewachsen“, erwiderte der Pudel. Als der Schuster in seine Hose stieg, war auch diese ihm zu kurz.

„Was ist mit meinen Beinen geschehen?“, rief er abermals, „meine Knöchel werden nicht mehr vom Hosenbein bedeckt.“

„Eure Beine sind gewachsen, mein Herr“, sagte der Pudel. Dann reichte er ihm die Stiefel des Vaters.

„Probiert nun, ob ihr hinein gewachsen seid“, forderte er den Schuster auf. Der tat, wie ihm geheißen. Seine Füße schlüpften in die Stiefel und sie passten ihm wie angegossen.

„Endlich habe ich große Füße“, rief er aus und lachte übers ganze Gesicht. Mit großer Fröhlichkeit machte er sich an diesem Tag an seine Arbeit und stellte ein Dutzend neuer Stiefel her.

Währenddessen belud der Pudel sich mit allen Schuhkartons, die er im Laden finden konnte, und stolzierte zum Postamt. Dort ließ er die Kartons in die nächste große Stadt schicken. Als der Postmeister sich darüber wunderte, sprach der Pudel:

„Mein Herr der Schuster hat viele Kunden in der anderen Stadt. Er schickt ihnen seine Meisterstiefel“.

Der Postmeister staunte sehr und erzählte diese Nachricht jedem weiter, den er traf. Niemand ahnte, dass die Schuhkartons in Wirklichkeit leer waren.

In der zweiten Nacht sägte der Pudel alle Tisch- und Stuhlbeine in der Stube um eine Elle ab. Als der Schuster am Morgen erwachte und sich umsah, rieb er sich verwundert die Augen. Er ging zum Tisch, der nun tiefer als seine Hüfte stand, und beugte sich kopfschüttelnd zu diesem hinunter. Er setzte sich auf den Stuhl und seine Knie stachen dabei in die Höhe.

„Bin ich denn eine wahrer Riese geworden?!“, rief er aus.

„Ihr seid über Nacht wieder gewachsen“, sagte der Pudel, der zufrieden beim Ofen saß.

„Ich will auf die Straße laufen, damit alle Leute sehen können, dass ich ein großer Mann bin. Jetzt wird mich niemand mehr auslachen.“

Er setzte seinen Hut auf und eilt zur Tür. Der Pudel aber stellte sich ihm in den Weg.

„Wartet noch bis morgen, bis ihr hinaus geht. Dann sollt Ihr Euch beim Sieben-Meilen-Rennen mit allen Burschen der Stadt messen. Ihr werdet sehen, euren langen Beine und großen Füße werden euch zum schnellsten Läufer machen“, sprach der Pudel. Der Schuster nickte und setzte sich an seine Werkbank. Mit einen lustigen Lied auf den Lippen fertigte er an diesem Tag wieder ein Dutzend neuer Stiefel an.

Unterdessen stand der Pudel im Ladenlokal hinter dem Verkaufstresen und machte eine gute Figur. Die Passanten blickten neugierig durch die Scheiben, denn sie hatten von der Schuhlieferung in die andere Stadt gehört. Am Nachmittag trat die schöne Tochter des Bürgermeisters ein. Der junge Schuster war schon seit langem in sie verliebt, aber sie übersah ihren kleinen Verehrer. Das Mädchen blickte sich im Laden um und nahm mal den einen, mal den anderen Schuh in die Hand. Neben den Stiefeln war der Schuster auch in der Anfertigung graziler Damenpantoffeln sehr geschickt. Während das Mädchen in die Betrachtung der bunten Pantöffelchen vertieft war, versprühte der Pudel großzügig Rosenduft im Raum. Das Mädchen schnupperte mit ihrer feinen Nase in die Luft.

„War heute schon eine Kundin hier?“, fragte sie den Pudel.

„Keine Kundin, meine Gnädigste,“ antwortet der Pudel. „vielmehr eine junge Dame, die meinem Herrn dem Schuster sehr zugetan ist“. Der Pudel zwinkerte dem Mädchen geheimnisvoll zu.

„So, so“, sagte sie spröde und ging hinaus. Sie wusste wohl, dass der kleine Schusterjunge sie verehrte. Dass sie nun offenbar eine Konkurrentin hatte, gefiel ihr gar nicht.

In dieser Nacht schlich der Pudel mit Hacke und Spaten hinaus auf das Feld, wo die Rennstrecke lag. Die Tradition dieses Zweikampfes sah vor, dass jeder Läufer eine eigene Strecke auf einem verschlungenen Weg durch Feld und Wald, um Sträucher und über Hecken zurück legen musste. Jeder Weg war durch sieben Meilenschilder markiert. Das siebte Schild war das Ziel und dort trafen die zwei Weg wieder aufeinander. Am Ziel standen die Zuschauer und der Preisrichter. Wer als erster eintraf, hatte gewonnen. Der Pudel schlug den linken Weg der Rennstrecken ein. Nacheinander grub er die sieben Meilen-Schilder aus der Erde und setzte sie an anderer Stelle wieder in den Boden, und zwar so, dass die Strecke nur noch halb so lang war. Dort wo das erste Schild „1 Meile“ anzeigte, hatte der Läufer in Wirklichkeit nur eine halbe Meile zurück gelegt. So machte er es mit jedem der sieben Schilder.

Als der Morgen graute, lag der Pudel wie ein frommes Lämmchen wieder vor dem Ofen, nur seine Frisur war ein wenig zerzaust vom nächtlichen Graben.

Am Morgen des dritten Tages erwachte der Schuster voller Tatendrang. Endlich wollte er seine neue Größe unter Beweis stellen. Es war der Tag des Sieben-Meilen-Rennens. Er polierte das alte Leder der väterlichen Stiefel auf Hochglanz und besserte die schiefgetretenen Absätze aus. Dann zog er sie mit Stolz an und sie passten ihm wie angegossen. Er war bereit für den Lauf seines Lebens.

„Lauft nur ohne mich“, sagte der Pudel, „aber wählt für jedes Rennen den linken Pfad. Ihr werdet sehen, eure Stiefel werden euch leicht über die sieben Meilen tragen. Ich bleibe hier und bereite etwas für eure Rückkehr vor.“ Der Schusterjunge war einverstanden und lief mit frohem Mut zum Feld vor das Stadttor.

Dort waren schon viele Schaulustige und die schnellsten Läufer der Stadt versammelt. Auch der Bürgermeister war da, um über die Zeremonie zu wachen und seine schöne Tochter stand neben ihm, um den Sieger zu küren. Der Schuster bekam Herzklopfen, als er das Mädchen sah.

Die Rennen begannen und immer zwei Läufer traten gegeneinander an. Es gab einen Vorlauf, einen Zwischenlauf und einen Endlauf, wobei immer die jeweiligen Sieger der Zweikämpfe gegeneinander liefen.

Bei seinem ersten Lauf wählte der Schusterjunge die linke Strecke, wie es ihm der Pudel geraten hatte. Er lief mit schnellen kleinen Schritten und seine Stiefel trugen ihn über lehmige Trampelpfade und Wiesen. Das erste Meilenschild passierte er und war noch nicht mal außer Atem. Ehe er es sich versah, war er im Ziel: Als Erster und die Menge jubelte ihm zu.

„Ich bin ein großer Läufer“, dachte er bei sich und sprang mit Zuversicht seinem zweiten Rennen entgegen. Auch hier nahm er wieder den linken Weg. Er rannte leichten Schrittes und die sieben Meilen flogen nur so an ihm vorbei. Nachdem er ein zweites Mal gesiegt hatte, sagte er zu sich:

„Was diese kleinen Schritte doch für eine große Wirkung haben.“

Das dritte Rennen war der Endlauf. Sein Gegner war der Schmied, ein großer Bursche, so kräftig wie ein Pferd, mit breiten Schultern und einem noch breiteren Grinsen, der den Schusterjungen schon seit eh und je verhöhnte.

„Dir werde ich es zeigen! Bin kein Winzling mehr, bin groß und schnell, dein Grinsen wird dir noch vergehen“, dachte der Schuster bei sich und schaute dem behäbigen Schmied mit vorgestrecktem Kinn entgegen.

Der Bürgermeister wies dem Schusterjungen bei diesem Lauf den rechten Weg zu. Seine Tochter nickte ihm aufmunternd zu und schenkte ihm sogar ein Lächeln. Das Herz des Schusters machte einen Hüpfer. Begierig auf den Wettlauf nahm er seine Position auf dem rechten Weg ein. Der Schuster dachte zwar an den Rat vom Pudel, aber seine Zuversicht war mit jedem Lauf gewachsen. Ob es dieser, oder jener Weg war, er würde siegen. Der Pfiff zum Rennen gellte und der Schusterjunge lief mit aller Kraft seines Herzens und seiner Beine. Die Strecke kam ihm länger vor, aber er verzagte nicht. Der Schmied hingegen war sich seiner Überlegenheit sicher und strengte sich nicht sehr an. So näherten sich die Läufer fast gleichzeitig dem Ziel an der Siebenmeilenmarke.

Der Schusterjunge tat eine letzte Anstrengung und seine treuen Stiefel trugen ihn sicher über glitschiges Moos und holprige Steine.

So kam er als Erster ins Ziel und die Menge jubelten ihm zu und rief:

„Der Schuster mit den Stiefeln ist unser neuer Sieben-Meilen-Sieger!“

Die Tochter des Bürgermeisters legte dem jungen Schuster den Siegerkranz aus Blumen um den Hals und errötete dabei.

Als der Schuster nach Hause kam und dem Pudel von seinem Sieg erzählen wollte, war dieser nicht mehr da. An der Stelle neben dem Ofen, wo das Tier nachts gelegen hatte, fand er einen zerbrochenen Zollstock, ein Büschel schwarzer Wolle vom Fell des Pudels und ein neues Firmenschild, auf dem stand: „Siebenmeilenstiefel“.

Der Schuster hängte das Schild über seine Ladentür und nähte einen prächtigen Fellbesatz als Saum um den Schaft seiner siegreichen Stiefel. Den zerbrochenen Zollstock warf er in die Tonne. Er würde sich nie mehr daran messen.

Noch am selben Tag kamen die Leute der Stadt in Scharen in sein Geschäft und wollten ein Paar der legendären Siebenmeilenstiefel haben. Künftig versah er alle seine Stiefel mit einem schwarzen Fellrand und das wurde große Mode. Seine Siebenmeilenstiefel wurden berühmt weit über die Grenzen der Stadt hinaus und sein Geschäft wurden von Käufern bestürmt. Jetzt ging er hoch aufgerichtet durch die Gassen und alle Leute grüßten ihn. Wenn sie ihren Hut vor ihm zogen oder knicksten, schauten sie zu ihm auf.

Bevor das Jahr um war, wurde die Tochter des Bürgermeisters seine Braut. Bald darauf wurde der Schuster selbst zum Bürgermeister ernannt. Wenn jemand fragte, wer der größte Mann dieser Stadt sei, so war die Antwort stets: „Der Schuster mit den Siebenmeilenstiefeln.“

Der Schusterjunge sah den Pudel nie wieder. Erst einige Zeit später verstand er die Worte des Pudels, der gesagt hatte: „Ich werde dir zu deiner wahren Größe verhelfen“.

Wahre Größe misst sich nämlich nicht in Zoll, der Mensch zollt sie sich selbst.

Nachwort:

Wie ihr wisst, habe ich mich bei diesem Märchen von den Gedanken leiten lassen, die ich mir zum „Gestiefelten Kater“ und dem „Tapferen Schneiderlein“ („Sieben auf einen Streich“) gemacht habe. Allerdings hat es mich beim Schreiben immer mehr in eine andere Richtung gedrängt. Anfangs wollte ich von einem Protz mit narzistischen Zügen erzählen, der sich zum Erfolg schummelt und lügt. Aber mein kleiner Schuster wollte sich nicht in dieses Schema pressen lassen. Der Protagonist hat protestiert und mir die Federführung aus der Hand genommen und der Pudel hat sich mit ihm verschworen. So ist er mit seinen Schwächen zum Sympathieträger (für mich) geworden. Jetzt ist es (primär) keine Geschichte mehr über Täuschung und Großmacherei, sondern über Selbstwertgefühl  – und ja, das Mittel der Illusion darf dafür eingesetzt werden.

Die Erfolgsgeschichte der Täuschung – gut gelogen ist halb gewonnen

„Lügen haben kurze Beine!“ Nicht im Märchen! Dort stecken sie in Stiefeln und bringen den Märchenhelden ganz nach oben. So in »Der gestiefelten Kater«. Dieser gut gekleidete Kater ist ein wahres Marketinggenie und sollte jedem Salesman des 21. Jahrhunderts Modell stehen. Im Handumdrehen bzw. Zungeumdrehen schafft der pelzige Stiefelträger es, seinen Herrn vom armen Schlucker zum Großgrundbesitzer, Schlossherrn und Prinzgemahl zu erheben.

Zur Erinnerung: Es war einmal ein Müller, der hatte drei Söhne. Als dieser stirbt, teilen sich die drei Söhne die Erbschaft: der älteste bekommt die Mühle, der zweite den Esel, der dritte den Kater. Der Kater ist gut im Mäuse fangen, aber damit kann der jüngste Sohn wenig anfangen. Er überlegt, sich vom Fell des Katers ein Paar Pelzhandschuhe machen zu lassen. Der Kater ist klug und hält ein Plädoyer um sein Leben:

»Hör, du brauchst mich nicht zu töten, um ein Paar schlechte Handschuhe aus meinem Pelz zu kriegen; laß mir nur ein Paar Stiefel machen, daß ich ausgehen und mich unter den Leuten sehen lassen kann, dann soll dir bald geholfen sein.«

Der Müllerssohn gibt dem Vorschlag aus einem Impuls heraus nach und bald schon marschiert der Kater aufrecht und gestiefelt in die Welt, um für seinen Herrn Werbung zu machen.

Er kümmert sich bestens um die Public Relations, indem er dem amtierenden König Rebhühner als Geschenk seines Herrn bringt, den er als „Graf“ betitelt. Zum Dank sendet der König dem falschen Grafen säckeweise Gold. Aber Zahlungsfähigkeit alleine ist für den Müllersgrafen nur der erste Schritt seines Aufstiegs. Der clevere Kater weiß: Wer ein großer Mann werden will, braucht Statussymbole und eine gesellschaftliche Stellung. „New Money“ hat sich schon immer mittels Ehe in den Hochadel eingekauft.

Wie in einer Reality Soap (selbstverständlich mit Drehbuch) lässt der Miezemeister der Illusion den Müllerssohn nackt in einem See baden und versteckt dessen armseligen Kleider. Als der König in seiner Kutsche vorbei gefahren kommt, erzählt der Kater ihm eine Räuberpistole und der König glaubt alles. Er kleidet den ausgeraubten Grafen (den er als Spender der Rebhühner schätzt) in prächtige Gewänder und lässt ihn in sein Luxusgefährt einsteigen, wo just auch die Prinzessin sitzt.

Jetzt zieht der gestiefelte Kater alle Register einer guten Imagekampagne auf.

So wie Donald Trump sich dreist in die Liste der 400 Superreichen des US-Magazins „Forbes“ geschummelt hat (indem er das Vermögen seines Vaters als sein eigenes deklariert hat), trägt der Kater die Täuschung wie ein Banner vor sich und seinem Herrn her: Er beeinflusst die öffentliche Meinung mittels einer Flüsterkampagne – in Zeiten von Social Media würden seine „alternativen Fakten“ und „fake news“ von unzähligen Followern geteilt werden: Der PR-Kater setzt die Lüge in die Welt, die Wiesen, der Wald, das Schloss (die in Wahrheit alle einem Zauberer gehören) stünden im Eigentum seines Grafen. Die leichtgläubigen Leute geben diese Nachricht ungefiltert an den König weiter, der keine Zweifel an der Echtheit dieser Aussagen hegt.

Mit List bringt der Kater den Zauberer um (als jener sich in eine Maus verwandelt, kann der Kater nochmals auf seine Kernkompetenz zurück greifen) und enteignet ihn somit seiner Habe.

Der Müllerssohn tritt nun als Graf in das unrechtmäßig ergaunerte Gut ein und ist prompt der perfekte Heiratskandidat für die Königstochter. Bald schon ist er selbst König und der gestiefelte Kater wird sein erster Minister.

Was für eine Erfolgsgeschichte! Und alles dank Lüge (der PR-Kater würde es „List“ nennen) und Täuschung („aktive Imagepflege“).

In einigen Märchen finden sich noch weitere Lehrstücke, wie unehrliches Verhalten belohnt wird. So zum Beispiel in »Das tapfere Schneiderlein«. Der Schneider erschlägt sieben Fliegen mit einem handelsüblichen Tuchlappen. Diese Alltagstat bauscht er zur Heldentat auf, indem er sich einen Gürtel (man denke an asiatischen Kampfsport) anlegt, den er mit der Aufschrift „Sieben auf einen Streich“ bestickt.

Diese Übertreibung im Dienste der Selbstvermarktung wird fortan sein Wahlspruch. Im Verlauf der Geschichte erliegt so mancher Gegner dieser vorgetäuschten Heldentat und prüft sie nicht auf ihre Substanz. Stiftung Tapferkeitstest gab es offenbar noch nicht.

Auch die praktische Täuschung beherrscht das „tapfere“ Schneiderlein bestens: Er zerquetscht Käse in seiner Hand, den er für einen Stein ausgibt und er besiegt zwei Riesen, indem er sie gegeneinander aufbringt und sich gegenseitig zerfleischen lässt (so mancher Politiker mag diese Taktik bewundern).

Inspiriert von diesen Lehren gibt es nun mein neustes Märchen:

Der geföhnte Pudel oder Sieben Lügen auf einen Streich

Darin werdet ihr sehen, wie lange die  Lügenbeine tragen und was den Protz zum großen Mann werden lässt…

Ein gewisser Kater schaltet sich ein und übernimmt die Ankündigung:

OUT NOW:  Die sensationelle Neuerscheinung steigt gleich in die TOP 7 der All-time-Märchen-Favoriten ein.

(Räusper) Leider zurzeit nicht lieferbar, da noch nicht geschrieben. Vorbestellung jederzeit möglich.

Coming soon…

Out NOW (really – as of Oct. 7, 2018): 

Der geföhnte Pudel oder Mit Siebenmeilenstiefeln zur wahren Größe

Märchen auf den Kopf gestellt – nicht von guten Eltern

Die Märchenwelt steht Kopf. Marie ist keine schöne Prinzessin, sondern ein ungeliebtes dickes Kind, das mit Vorliebe die Gestalten in ihrem Märchenbuch mit ihren Filzstiften tyrannisiert. Als sie plötzlich selbst in der Märchenwelt landet, wird sie mit ihrer eigenen Not konfrontiert – hierbei sind der hungrige Wolf und der ungeküsste Frosch das kleinste Problem.

„Marie mag keine Märchen“ habe ich gestern fertig geschrieben und bei einem Wettbewerb eingereicht. Die Vorgabe lautete, bekannte Märchen neu zu erzählen („die ganze Wahrheit“).

Bei der Ideensuche für meine Geschichte habe ich die altvertrauten Grimm’schen Märchen wieder gelesen und nach übergreifenden Themen und Verbindungen gesucht. Was treibt die Figuren an und warum kommen sie in Schwierigkeiten?

Es sind Hochmut, Eifersucht, Eitelkeit, Ungehorsam und Übermut, die die Märchenwesen in die Bredouille bringen und die bösen Stiefmütter und Hexen zu ihren Intrigen und Zaubereinen anstacheln.

In „König Drosselbart“ ist die Prinzessin hochmütig, indem sie die Prinzen verspottet und abweist, die um sie werben.

Hänsel und Gretel sowie Rotkäppchen kommen aus Ungehorsam im wahrsten Sinne des Wortes vom Weg ab und müssen dafür bezahlen.

Die Eitelkeit und die Eifersucht treiben die Stiefmutter von Schneewittchen und die Schwestern von Aschenputtel dazu an, diese guten Mädchen ins Unglück zu stürzen.

Sind die Heldinnen und Helden erst einmal in Schwierigkeiten – entweder wegen ihres schlechten Charakters oder durch ihre Neider – müssen sie sich schweren Prüfungen stellen, sich behaupten, Buße tun und geläutert werden, um zum guten Schluss belohnt zu werden.

Ein gutes Beispiel für die Belohnung einer guten Tat findet sich im „Gestiefelten Kater“, wo der jüngste Sohn seinen geerbten Kater nicht zu Handschuhen verarbeitet, sondern das Tier am Leben lässt, das wiederum mit Witz und Betrug dafür sorgt, dass sein Herr zum reichen Landbesitzer und Prinzgemahl wird.

Aber ist das schon das ganze Rezept? Ich drehe und wende die Geschichten und richte meinen Blick auf die Eltern-Figuren. Sind es nicht die nachlässigen Eltern, die Hänsel und Gretel in den dunklen Wald schicken?

Ist es nicht der grausame Vater in „König Drosselbart“, der die Selbstbestimmung seiner Tochter unterdrückt (hat sie nicht das Recht, einen Brautwerber abzulehnen?) und sie zur Strafe dem nächstbesten Bettler mitgibt?

Warum strengt sich der Vater von Dornröschen nicht mehr an, die 13. Fee zum Fest einzuladen (ein zusätzlicher goldenen Teller ließe sich im Königreich doch wohl auftreiben)? Warum setzt sich der Vater von Aschenputtel nicht mehr für seine Tochter ein? Väter schrecken auch nicht davor zurück, ihre Söhne im Kampf um das Erbe gegeneinander antreten zu lassen („Die drei Brüder“, „Die drei Federn“). In „Tischlein deck dich, Goldesel, Knüppelausdemsack“ glaubt der Vater eher dem Lügengemeckere der Ziege, als den wahren Worten seiner drei Söhne und jagt sie einen nach dem anderen mit Schlägen aus dem Haus.

Ganz evident ist das Versagen der Mutter in Rapunzel (die in der psychologischen Deutung mit der Zauberin, die Rapunzel im Turm gefangen hält, identisch ist). Von grausamen Stiefmüttern brauche ich gar nicht erst anzufangen – in „Schneewittchen“ kann man über die fantasievolle Bandbreite an Mordanschlägen auf die Stieftochter staunen (vom Jäger erschießen lassen und Lunge und Leber zum Beweis ausweiden, Erwürgen mit Halskette, mit Apfel vergiften).

Alle Eltern, die in Märchen vorkommen, versagen in ihrer elementaren Aufgabe, ihre Kinder zu beschützen und gut für sie zu sorgen. Oft ist es erst diese Vernachlässigung, die die Kinder in ihre Notsituationen stürzt.

Das bringt mich dazu, die Prämisse des Märchens als Erziehungsstück für Kinder auf den Kopf zu stellen. Wie wäre es, wenn im Märchen mal die Eltern geprüft, geläutert und erzogen würden?

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf lade ich euch nun ein, mein Märchen-Remix von Marie zu lesen. Ihr werdet bestimmt einige bekannte Figuren und Themen wieder erkennen.

Marie mag keine Märchen

Die Leiden der jungen Lyrikerin

Ich war kürzlich beim Schwäbischen Kunstsommer im Oberallgäu und habe dort eine Woche lang die Meisterklasse Lyrik bei Martina Hefter besucht.

Kloster Irsee

Ein einschneidendes Erlebnis in meinem jungen Lyikerinnen-Leben! Ich schreibe erst seit drei Jahren Gedichte (in geringer Anzahl), bin also noch Infantin bei ihren ersten Gehversuchen. Was ich in meiner Lyrikwoche leidvoll erkannt habe: Meine Dichterei taugt nichts! Hier ein Rückblick zur „Trauma“-Verarbeitung. Es fing alles ganz beschaulich an:

Am Sonntagmorgen weckt mich die Sonne in meinem Sommerhaus der Klosteranlage, ich flaniere nach einen üppigen Frühstück durch den Park zu meinem Kursraum – der für die nächsten 7 Tage meine kreative Dichterheimat werden soll – täglich von 9-12 Uhr und von 15 bis 18 Uhr – finde mich an einem prächtigen Mahagoni-Tisch unter Stuckdecke und umgeben von historischen Gemälden zusammen mit 10 anderen Lyrik-Schülern wieder – acht Frauen und zwei Männern, drei davon aus der schönen Schweiz.

Die Meisterin gehört zum elitären Leipziger Lyrik-Zirkel (mit einigen Veröffentlichungen), ist eine Ballerina und Performance-Künstlerin. Am Sonntagabend stellt sie im Künstlergespräch einige ihrer Gedichte vor (trifft nicht so meinen Geschmack). Übrigens finden diese Künstlergespräche jeden Mittag und Abend statt – hier stellen sich die Meister der jeweiligen Disziplinen (Chor, Tanz, Malerei, Photographie, Prosa u.a.) im Interview und mit Kostproben aus ihrem Werk vor – also pralles Programm für mich als Kunstsommerteilnehmerin.

Zurück zu meiner Klasse: Die Meisterin fordert jeden auf, sich mit einem eigenen und einem fremden, zeitgenössischen Gedicht vorzustellen. Da ich überhaupt keine Gegenwartslyrik kenne (ein fataler Fehler!), stelle ich einen Liedtext von Bodo Wartke vor und dann mein „Treppengetrappel“ aus meinem Treppenzyklus. Die schonungslose Reaktion aus dem Plenum hierauf lautet: „Das ist antiquiert! Du klingst wie aus dem 19. Jahrhundert!“. Wohlan, so sei’s – dies zu schlucken gilt’s…

In der Gruppe bildet sich schnell eine spezielle Feedbackkultur heraus, dominiert von einigen Lyrik-Veteraninnen (die schon zum wiederholten Male in der Meisterklasse waren, allerdings mit anderen Meisterinnen, z.B. Nora Gomringer im Jahr 2012), die ganz anders ist, als ich es von der Uni kenne. Knallharte Kritik, teilweise nicht nur am Text, sondern auch an der Person. Ich vermisse hier die Wertschätzung.

Jeden Tag müssen wir ein neues Gedicht produzieren (mit Themenvorgabe, z.B. Natur/Landschaft, Alter/Armut, Beschwerde mit Reimen u.a.). Morgens bekomme ich den Auftrag, am Nachmittag und Abend kratzt meine Schreibfeder übers Papier, am nächsten Morgen eile ich vor Beginn der Klasse zum Kopierer, damit jeder ein Mitleseexemplar hat.

Dann heißt es Vorlesen (das kann ich auch viel schlechter, als die anderen, einige klingen wie CD-Profis – beeindruckend; die Schweizer Herren retten sich in Mundart). Dann beginnt die Rupf-Runde. Ich lasse immer viele Federn. Wenigstens werde ich nach meinem tiefen Einstieg zukünftig stets mit den Worten gelobt: „Das ist immerhin besser, als dein Treppengedicht vom Sonntag.“

Jeder kommt dran. Ich notiere fleißig alle stilistischen Tiefpunkte und Tabus (auch bei den Gedichten der anderen) – das ist schon sehr lehrreich. Wie in der Ballettprobe gilt: Nur durch Training und Schmerz kann man besser werden. Erst nach 15 Jahren hartem täglichen Lyriktraining (durch Lesen und Schreiben) darf man sich evtl. Meisterin nennen – so vermittelt es uns die Ballerina.

Übrigens geht es in der Schwestern-Disziplin Prosa bei (Krimi-) Meister Heinrich Steinfest ganz anders zu – ich habe guten Kontakt zu einigen der Schülerinnen. Der Meister ist Mentor und Motivator, sehr zugewandt, sitzt mit seiner Gruppe beim Essen am selben Tisch, macht mit ihnen morgens Tai-Chi und abends Woddy-Allen-Filmrunde (zu der ich netterweise auch eingeladen bin).

Prosa Meister Heinrich Steinfest stellt seine Klasse am imaginierten Lese-Teich vor.

Alle anderen Meister bleiben unter sich und Lyrikerin Martina verbittet es sich, dass man sie außerhalb unserer Kurszeiten anspricht. Die Prosa-Meisterschüler sind inspiriert, im Schreibfluss, alle Knoten lösen sich. Bei mir verknoten sich die Wörter jeden Tag mehr und mir vergeht die Lust an Lyrik.

Mein Treppengedicht zerschneide ich in Stücke und setze aus einigen Fragmenten eine Neufassung zusammen (bespreche sie mit der Meisterin in einer kurzen Einzelsitzung, sie ringt sich dazu durch, dass mir zumindest eine große Veränderung gelungen sei) :

Am Samstag schließlich der krönende Abschluss: Die Kunstsommernacht.

Die Ruhe vorm Besucher-Sturm: Links der Lyrik-Baum, rechts der Prosa-Teich.
Eröffnung der Kunstsommernacht im Treppenhaus um 17 Uhr

Wir dekorieren einen Baum mit eigenen Gedichten – diese Früchte unserer Arbeit dürfen von den Besuchern geerntet werden – das Ergebnis ist echt schön.  Die Idee hierfür stammt von einer Lyrik-Schülerin.

Da die Gruppendynamik mangels Führungskompetenzen der Meisterin im Laufe der Woche Cliquenbildung und Feindschaften hervorgebracht hat, reist eine Teilnehmerin am Vorabend demonstrativ ab. Sonst sind alle ganz heiß darauf, ihre Gedichte vor Publikum vorzutragen – alle außer mir.

Lyrik Meisterin Martina Hefter stellt ihre Klasse vor.
Zwei meiner Mitschülerinnen tragen „Der Zipferlake“ (orig. „Jabberwocky“ – ein Nonsense-Gedicht von Lewis Carroll) vor.

Ich bleibe Zuschauerin (hänge aber immerhin einige meiner Gedicht in den Baum) und genieße die vielseitigen Ausstellungen und Darbietungen der Kunstsommernacht. So geht eine intensive Woche zu ende.

Motto für die Lesung: „Wir lieben die Dichter“

Sobald ich wieder zuhause bin, bestelle ich mir ein Buch, um mal meine großen Lyrik-Lücken (die Alliteration ist immer noch meine beste Freundin) anzugehen – habe aber wenig Elan, selbst etwas zu schreiben. Meine Unbeschwertheit ist mir abhanden gekommen.

Nun versuche ich trotz allem, meine Eindrücke und Lyrik-Lehren in einem Gedicht auszudrücken:

Lyrikleiden

Oh Natur voller Anmut und Schönheit

warum hast du mir kein Lyrik-Gen geschenkt

Trugschluss wer denkt es hängt am Talent

nur Übung macht den Meister

 

Fehler finden Regeln achten

Stabreime stiften Schande

vorzugsweise blanke Verse

ohne Panther ohne Pathos

 

Reimen kann ich kreuzweise

und auch in Umarmung

Reime sind nicht mehr en vogue

postmodern lautet die Parole

 

Schiller Goethe Rilke imitiert

das ist ganz und gar antiquiert

hilft keine Bürgschaft alter Meister

Ballerina lässt taktlos tanzen

 

Zunge spitzen und Vokale beugen

strecken beugen strecken beugen

Wiederholungen sind willkommen

tauche Federkiel in Wörterwellengang

 

Sinnessegel aufgetakelt flattert

im allmächtigen Alliterationssturm

Kritik braust donnernd im Orkan

bis die Segelfetzen in lauer Flaute hängen

 

Pleonasmus Plage quält das Papier

Oxymoron schreit stumm

Wer belohnt nun meinen Fleiß?

oder ist das alles Hühner***?

 

Abgedroschen leere Hülsen sind tabu

Unendlichkeit weitet meine Zukunft

Herzschmerz steht unter Kitschverdacht

ihm wird der Garaus gemacht

 

Wörtertanz auf Zehen im Tutu

rundherum das ist nicht schwer

Reime sind für Kinderlieder

dem modernen Poeten zuwider

 

Wer bist du ideale Dichtung

suche reine Lyrik Lichtung

sollst Räume öffnen Türen eintreten

überraschen überrumpeln überwältigen

 

Konsenznicken ist zum Wegknicken

bloß kein Betroffenheitsgestammel

werfe marode Metaphern über Bord

Lyrik Funke zündet neuen Ort

C – China – Das Land des überwachten Lächelns

Wie weit weg sind wir noch von der totalen Überwachung? Längst bin ich daran gewöhnt, dass Google, facebook und Co. meine Wünsche besser, als ich selbst voraus sieht, weiß, wen ich kenne und wen ich kennen lernen möchte. Kürzlich habe ich eine neue Bekanntschaft gemacht – natürlich im world wide web – mit einem Artikel über die Gesichtserkennung im Klassenraum in China. In einer Schule in Hangzhou hängen drei Kameras über der Tafel und zeichnen die Mimik der Schüler auf, dabei identifiziert die Software 7 verschiedene Emotionen. Ist ein Kind unaufmerksam, meldet der Computer das der Lehrerin. Diese dystopische Aktualität hat mich zum folgenden Gedicht inspiriert.

Das Land des überwachten Lächelns
(Hangzhou)

Chinesische Kinder sind glücklich

glücklicher, als anderswo

 

Chinesische Kinder sind traurig

trauriger, als anderswo

 

Chinesische Kinder sind verärgert

verärgerter, als anderswo

 

Chinesische Kinder sind abgeneigt

abgeneigter, als anderswo

 

Chinesische Kinder sind überrascht

überraschter, als anderswo

 

Chinesische Kinder sind neutral

neutraler, als anderswo

 

Chinesische Kinder haben Gefühle

sieben Arten, so wie anderswo

 

Ihre Gesichter verraten sie

vermessen und ausgewertet, so wie nirgendwo

 

Drei Kameras wachen über Schüler

überwachsamer, als anderswo

 

Die Erkennungssoftware ist klug

klüger, als anderswo

 

Chinesische Schulen sind fortschrittlich

fortschrittlicher, als anderswo

Noch umfassender ist die Überwachung durch das Sozialkreditsystem in China. Hier steht das Sozialverhalten der Menschen unter Bewertung. Für gutes Betragen gibt es Pluspunkte, für Verfehlungen Punktabzüge. Jeder Mensch ist in eine von 4 Klassen eingeteilt (A bis D), je nach Punktestand. Wer nicht in A ist, wird nicht befördert, wer in C abrutscht, wird zusätzlich kontrolliert und wer auf D abgesunken ist, bekommt keine Wohnung, keine Kredite, keinen Job und darf nicht mehr ins Ausland fliegen. Klingt nach George Orwell reloaded?

Ich frage mich, ob wir in Deutschland vor diesem System wirklich sicher sind – wo die meisten Menschen heute schon freiwillig für ein paar Euro ihre Konsumgewohnheiten preisgeben (Payback) und sogar ihre Biodaten per App an ihre Krankenkassen übermitteln würden, damit sie Prämiennachlässe und Boni für gesundheitsförderliches Verhalten (Ernährung, Sport, präventive Zahnreinigung u.a.) bekommen. Vieles, was eigentlich empörend ist, wird mit einem Schulterzucken hingenommen. Macht halt jeder… Solange ich Vorteile davon habe…

Mein folgendes Gedicht trägt den Titel „Rongcheng“ – diese Küstenstadt im Osten Chinas gilt als Vorzeigeprojekt des Sozialpunktekreditsystems.

Rongcheng

Sammelst du Sozialpunkte?

an der roten Ampel halten

mit dem Fahrrad fahren

Schulden bezahlen

um die Eltern kümmern

Vater Staat schreibt es dir gut

Steigst auf zur Stufe A

bekommst Kredite

gehörst zur Elite

 

Verlierst du Sozialpunkte?

alleine Auto fahren

öffentliches Ärgernis

Beschwerden einhandeln

demonstrieren

der Staat schreibt es dir an

steigst ab zur Stufe D

bleibst am Boden

Beförderung gestrichen

 

Moral ist unsere Marktwirtschaft

Sozial ist unsere Währung

sei vollkommen

sei willkommen

Abweicher auf’s Abstellgleis

Punkte sind unparteiisch

Belohnung und Bestrafung

so funktioniert

die digitale Diktatur

T – Treppenthrillogie

Treppengetrappel

Welche Treppe magst du heut‘ besteigen

welchen Grund will deine Sohle spüren

soll es die knarzend‘ Planke sein

mit abgestoß’nen Stufen

oder sinkt dein Fuß ins Rot

von weichem Teppichsamt

der eisig glatten Marmor deckt

trägst dein Kinn hochgereckt

stolzierst mit Prunk und Gloria

deinen Blick empor gerichtet

himmelshohe Zukunft suchend

 

Das Geländer lädt dich ein

schmiegt sich leicht

in deine fassend‘ Hand

sind die Stufen flach und tief

für schnellen kleinen Schritt

sind die Stufen hoch und kurz

für bedächtig großen Tritt

wenn du nach Atem ringend

inne hältst und stille stehst

keinesfalls um zu verweilen

nur für neuen Schwung im Steilen

 

Drängend aufwärts strebend

fiebernd fortschreitend

zieht es dich zum Ziel

bis zur letzten Stufe

wo es kein Weiter gibt

jeder Weg hinauf

führt dich irgendwann hinab

oben lockt die Übersicht

unten lauert Tiefsicht auf

Schicht für Schicht

tauchst du in Verborgenheit

 

Füße tasten zaghaft

Knie gebeugt und Kopf gesenkt

dein Blick reicht nur

zur nächsten Niederstufe

jetzt bloß nicht

straucheln taumeln stürzen

wo Kellerkälte klirrt

wo Geister gar gastieren

nein hier ist keine Bleibe

bist du erst ganz unten

geht es nur nach oben

 

tritt ein tritt aus

Treppengetrappel

Kein Ort

Die Treppe ist kein Ort

sie ist von andrer Sort‘

wo niemand steht

wo ein jeder geht

 

Mit schnellen Schritten

mit festen Tritten

manche gefasst

manche mit Hast

 

Die Treppe ist kein Ort

sie ist von andrer Sort‘

sie ist ein Seelenschweben

und das nennt man Leben

treppen eindruck

diese stufen

haben manchen

fuß getragen

gebogen sind sie

unter last

von schatten

gebröckelt ist

der tritte spur

auf ihrem weg

nach oben

wo ein weißes licht

endlich ankunft

wem verspricht

farbe blättert

trocknet aus

bleicht erinnerung

ein geländer ohne

hände die sich

daran hielten

wer wagt nun

den schritten

der gespenster

nachzueilen

der verheißung eines

aufstiegs auf

ungewissen stufen

sinkend steinern

ihren standpunkt haltend

unverrückbar

eindrucksvoll

Treppen ABC

Es gibt Treppen

die sind abgewetzt

die sind breit

die sind cineastisch

die sind dauerhaft

die sind elegant

die sind funktional

die sind gerade

die sind hässlich

die sind ideal

die sind jämmerlich

die sind königlich

die sind lang

die sind monumental

die sind niedlich

die sind ominös

die sind pomporös

die sind quadratisch

die sind rustikal

die sind steil

die sind trittfest

die sind universal

die sind vertikal

die sind wacklig

die sind xenophil

die sind ying &yang

die sind zeitlos

die sind ändlos

die sind beispielhaft

die sind charmant

die sind dienlich

Extrastufe:

Wollt ihr Treppen auf der Leinwand sehen

könnt ihr tüchtig auf den Link hier gehen:

Panzerkreuzer Potemkin (1925)

Wer will mehr nach Liebe schmachten

der sieht Rhett nach Scarlett hasten

Vom Winde verweht (1939)

Bonus (18. Juli):

abgründige Treppe

G – Geschichtsgewichtsgedicht

Ich bin mal wieder in Berlin auf Erkundung gegangen und habe den Schwerbelastungskörper entdeckt. Der 1941 von den Nazis errichtete Beton-Druckkörper sollte die Tragfähigkeit des Bodens für einen monumentalen Triumphbogen testen, der Teil eines bombastischen „Germania“-Städtebaukonzepts von Generalbauinspektor Albert Speer war.

Dieses Bauwerk mit Vergangenheit hat einen gewichtigen Eindruck auf mich gemacht und sich dann in diesem Gedicht ausgedrückt.

Schwerbelastungskörper

Gigant Germania

türmst dich auf vor mir

beschwerst meinen Gang

du fesselst meinen Fuß

auf poröser Prachtpromenade

die niemals gebaut

die keiner je geschaut

 

Brunnentiefer Betonkoloss

Burg ohne Bewohner

blockierst meinen Blick

bist gegossener Größenwahn

faschistische Futurfabel

erhebst dich zum grausigen Gruß

aus Zeiten vor meiner Geburt

 

Speerspitze der Architektur

sollte hier entstehen

sagenhafte Säulen für Sieger

dies erstarrte Experiment

verdammt meine Vorväter

euer ewiges Vermächtnis

liegt in diesem Verlies

 

Tragfähigkeit im Test

gestern auf altem Boden

heute auf jungen Schultern

stemmen nun dies Schwergewicht

aus Urtrieb zur Unsterblichkeit

zwanghaft und mit Zwang

erbaut für tausend Jahre

 

Ich gehe tausend Schritte

rechtsherum und linksherum

kreisend ohne Ziel

Brombeerhecken kratzen

nutzlose Narben in fahle Fassade

monumentale Steine schweigen

versunken in Verlassenheit

 

Ich trete ein durch dicke Wände

in diese hohle Höhle

mit stürzendem Schacht

in ungewisse Dunkelheit

runde Fensteraugen

blicken blind ins Grüne

doch Geister gibt es keine

 

Gewissensbisse aus Granit

befallen bußwillige Besucher

Stein der jeder Sprengung trotzt

gemeißeltes Geschichtsgesicht

Gedächtnis in Beton geschlossen

geöffnet in diesem Gedicht

verliere niemals dein Gewicht

 

Schacht in die Tiefe
Fensterhöhle