Maiglocke

MAIGLOCKE

Warten auf den Glockenton

der das Grün aus seinen Knospen treibt

der die Vögel singen lässt bei Nacht

und den Schläfer neckt zum träumen

 

Warten auf den Maiverbleib

der die Zeit in der Sonne dehnt

der vom Schweigen uns erlöst

in einer Explosion der Klänge

 

Mitschwingen im Blätterrausch

der jungen Triebe

mitlachen im kindlichen Übermut

auf dem Spielplatz der Wagnisse

 

Trinken aus dem Glockenkelch

der Maiversuchung

im weißen Unschuldskleide

das nichts ahnen lässt vom Gift

 

Endlich alte Hüllen abstreifen

alles probieren

nichts versäumen

lasst Maiheit erklingen

Von Milchmomenten und einer sanften Wunderwaffe

Ich habe mal meine Wörterschatztruhe ausgeleert und vor mir ausgebreitet und schon haben sich Imaginationsfäden zu Gedichtcollagen verwoben.

Hier mein Wörterfundus – den ich aus Zeitschriften aus Drogeriemarkt und Bioladen ausgeschnitten habe – es sind Wörter und Halbsätze, die mich irgendwie angesprochen haben.

Daraus ist dieses Gedicht entstanden.

Collage 1 (im Original): Ungezähmte Seele

Nach dem Fotostudio:

Collage 2 (im Original): Wenn wir mutig wären

Nach einer Farbkur:

Welche Gedanken ruft dieser Wörterreigen in euch hervor?

Ein Kuss mit Folgen – Judas in der Gruppentherapie

Ein Zimmer in einer Therapieklinik, fünf Stühle stehen im Kreis, darauf sitzen DR. THERAPY, JUDAS, BRUTUS, BATMAN und MEGHAN.

DR. THERAPY: Heute möchten wir ein neues Mitglied in unserer Gruppe willkommen heißen. Möchtest du dich uns vorstellen?

JUDAS (erhebt sich von seinem Stuhl und schaut in die Runde):

Mein Name ist Judas – und ich bin ein Verräter.

STIMMENGEMURMEL: Hallo Judas.

BRUTUS: Moment mal, mein Freund. Die Trademark „Verräter“ habe ich mir schon 75 Jahre vor dir eintragen lassen.

DR. THERAPY: Macht dich das gerade wütend, Brutus?

BRUTUS (hebt seine Hände in einer versöhnlichen Geste, dabei klingeln viele Goldarmbänder um seine Handgelenke): Sorry, nichts für ungut. Also ich bin Brutus und ich bin der berühmteste Verräter der Welt. Der Urvater des Verrats! Fragt nur Dante und Shakespeare. Und guckt mal auf meinem Instagram-Account vorbei: BRUTUS*THE*TRAITOR ™.

DR. THERAPY: Und warum bist du hier, Brutus?

BRUTUS: Weiß nicht. Das Gelabere hier ist Zeitverschwendung.

(Er presst einen Wutball in seiner Faust.)

BATMAN: Ich bin Batman und leide unter dem „Fallen-Hero-Syndrom“. Alle Welt hasst mich. Mein Leben ist sinnlos.

(Er lässt seinen Kopf hängen und guckt trübsinnig auf den Teppich.)

JUDAS: Warum hassen sie dich? Ich dachte, du rettest ständig die Welt.

BATMAN: Das liegt an diesem verdammten Virus. Seit irgendwelche Wissenschaftler behauptet haben, das Virus sei von einer Fledermaus auf den Menschen übergesprungen, hassen die Leute Fledermäuse – also auch mich.

MEGHAN: Ich weiß wovon du sprichst, Batman. Ich bin Meghan und ich werde von der Pressemeute verleumdet und gehetzt. Nur weil ich reich und berühmt bin und meinen Traumprinzen geheiratet habe. Die Leute sind so voller Neid und Missgunst.

(Sie wischt sich eine unsichtbare Träne aus dem Augenwinkel.)

JUDAS: Deine Probleme hätte ich gerne.

MEGHAN: Du hast doch keine Ahnung, wie es ist, in meinen Schuhen zu laufen.

BRUTUS (schaut auf Meghans Schuhe): Jimmy Choo. Kann sich nicht jeder von uns leisten.

MEGHAN: Was willst du damit sagen? Bist du neidisch auf meine Schuhe?

DR. THERAPY: Meghan, wie geht es dir damit, was Judas und Brutus gesagt haben?

MEGHAN: Ihr beiden seid so was von „White Trash“.

DR. THERAPY: Meghan, bitte in Ich-Botschaften sprechen.

MEGHAN (verdreht die Augen): Ich habe den Eindruck, ihr seid so was von „White Trash“.

(Dr. Therapie hebt ermahnend ihren Zeigefinger.)

JUDAS: Können wir mal auf mein Problem zurückkommen? Heute Abend bin ich zu einer Dinner Party mit meinen Kumpels eingeladen. Aber ich weiß jetzt schon, dass sie mir keinen Wein und kein Brot anbieten werden und ich am Katzentisch sitzen muss. Das ist jedes Mal die totale Zurückweisung.

BRUTUS: Ja, das ist Verräter-Diskrimierung. Aber du musst das locker sehen. Du musst deine Identität als Verräter umarmen. So wie ich das mache. Sei stolz auch dich, Bruder! Du bist der zweitberühmteste Verräter der Welt.

(Brutus hebt seine Hand für ein „High-Five“, Judas schlägt nicht ein.)

DR. THERAPY: Judas, wie geht es dir damit?

(Judas runzelt seine Stirn und überlegt.)

MEGHAN: Ihr wisst gar nicht, was Diskriminierung bedeutet. Für euch ist das nur ein Wort, ich erlebe das ständig am eigenen Leib. Hier, diese Nachricht habe ich heute vom neuen „Diversity Czar“ vom Buckingham Palace bekommen: „Eine neue All-colours-welcome-Initiative der Royal Family wird dafür sorgen, dass es bald Pflaster in allen Farbschattierungen im United Kingdom geben wird, damit sich Menschen mit dunklerer Hautfarbe im Drogeriemarkt nicht mehr diskriminiert fühlen, weil es nur helle Pflaster gibt.

BATMAN: Alle hassen mich.

(Er fängt an, ein Mandala auszumalen.)

MEGHAN: Jetzt kommt es – der Czar fragt mich: „Wissen Sie schon, welche Hautfarbe Ihr zweites Kind bekommen wird? Wir möchten eine Pflasterfarbe nach ihm benennen. Den hellsten Farbton haben wir schon nach Archie benannt. Wie Sie sehen, ist der Buckingham Palace jeder Hautfarbe gegenüber aufgeschlossen.“

BRUTUS: Diesem Czar würde ich einen Dolch in die Brust jagen – und der ganzen verlogenen Palast-Bande auch.

DR. THERAPY: Macht dich das gerade wütend, Brutus?

MEGHAN: Brutus, ich finde deine Kommentare total prollig. Du musst mal wieder zum Anger Management.

DR. THERAPY: Bitte Meghan – nur in Ich-Botschaften sprechen.

(Meghan winkt ab und wählt Speeddial 1 für Oprah.)

JUDAS: Ständig lenkt ihr von meinem Problem ab. Ich will nur mal klarstellen: Ich bin kein Verräter! Jesus war mein bester Kumpel. Er hat mich darum gebeten, dass ich ihn an die Römer verrate. Nur so konnte er den Willen seines Vaters ausführen. Was von Markus, Matthäus, Lukas und Johannes über mich geschrieben wurde, ist alles falsch – sie haben mich zum habgierigen Verräter gemacht. Ihr müsst mal die Apokryphen lesen, dort steht die Wahrheit.

BRUTUS: Halleluja! Jetzt hast du es. Das ist der Stoff für eine gute Image-Kampagne. Ich promote dich über mein Instagram.

BATMAN: Alle hassen mich (murmelt er und malt weiter Mandalas).

MEGHAN: Batman, ich finde es super respektlos, dass du hier malst, während wir unsere Seelen entblößen.

DR. THERAPY: Batman, wie geht es dir damit, was Meghan gesagt hat?

BATMAN: Alle hassen mich. Selbst Meister Proper ist beliebter als ich. Dabei hat der gar keine Superkräfte. Nicht mal ein Auto.

JUDAS: Meister Proper macht eben alles strahlend sauber. Aber du machst die Stimmung düster, Batman.

MEGHAN: Ich glaube, Batman braucht eine andere Medikation, Dr. Therapie.

BRUTUS: Wollen wir ein Selfie für meine Insta-Story „Twin-Traitors“ machen, Judas?

(Brutus zückt sein iPhone und die beiden rücken zusammen. Judas gibt Brutus einen Kuss. Sofort stürmen drei Männer in weißen Kitteln herein und reißen Brutus zu Boden und geben ihm eine Spritze. Als sie ihn hinaustragen, steckt einer der Kittelträger Judas ein Tütchen mit Happy Pills zu.)

DR. THERAPY: Nächste Woche machen wir eine Familienaufstellung. Wer möchte seine Familie dargestellt bekommen?

MEGHAN: Ich (meldet sich und bucht sofort einen Fotografen für diesen Tag).

DR. THERAPY: Wer ist bereit, eine Stellvertreterrollen einzunehmen?

JUDAS: Ich bin Harry.

BRUTUS: Verräter (schreiend vom Gang)!

Schlussakkord für meinen Wien-Roman

Was hat meine Romanheldin Johanna/Jo als Dirigent in Wien in den letzten 64 Tagen nicht alles gekämpft, gelitten, geliebt und gewonnen? Dienstagnacht habe ich ihr letztes Kapitel geschrieben und gestern noch meinen Merkzettel abgearbeitet und punktuell inhaltliche Ergänzungen gemacht. Heute ist Jos Geschichte zu Ende erzählt – mein Herzensprojekt aus der Opernwelt in der ersten Fassung abgeschlossen.

Meine Anspannung will aber partout nicht von mir abfallen. Zur Belohnung für meine täglichen Anstrengungen seit dem 1. November 2020 wollte ich mir am Mittwoch ein Stück Sachertorte gönnen – mein Lieblingskuchen, den auch Jo in Wien gerne verspeist hat – aber in keiner der 4 Bäckereien in Karlshorst war ein solches aufzutreiben. Also musste ich mit Käsekuchen vom Blech Vorlieb nehmen – eine klebrig-süße Enttäuschung. Entweder muss ich mir selbst eine Sachertorte backen oder schnellstmöglich wieder nach Wien reisen (aber erst, wenn in der Oper wieder der Vorhang aufgeht).

Traum
Wirklichkeit

In meinem Roman „Die Dirigentin im Herrenrock“ gibt es natürlich nicht nur Kaffeehausidylle im Dreivierteltakt, sondern im Mittelpunkt steht eine starke Frau, die für ihren Traum kämpft, Dirigentin in dieser Männerwelt der klassischen Musik zu werden, entgegen aller gesellschaftlichen Konventionen – dabei kommt ihr die Liebe in den Weg und es entwickelt sich ganz große Gefühlsoper.

Das Schicksal meiner Heldin hat im Laufe des Schreibens einen wahren Wellenritt vollführt – immer, wenn sie gerade einen kleinen Höhepunkt erklommen hat, habe ich ihr einen Stock in die Speichen geworfen, sie ist gestürzt und musste sich geschunden wieder aufrappeln und von neuem den Berg hinauf klettern.

Ouvertüre:

Eine begabte junge Frau aus Norddeutschland, so groß wie ein Leuchtturm, zieht an einem grauen Novembertag im Jahr 1925 in die alte Kaiserstadt ein, um als Dirigentin am berühmtesten Opernhaus Europas Fuß zu fassen. Dort wird sie jedoch als Frau rigoros abgewiesen. Entschlossen schnürt sie sich die Brust ein und versucht es am nächsten Tag erneut – als Mann verkleidet – und wird prompt als Dirigent (auf einer Assistentenstellen) engagiert.

Erster Akt:

Ihre Karriere nimmt Fahrt auf und sie begeistert die kritischen Musiker und das Wiener Publikum mit ihrem Können, aber gleichzeitig verliebt sie sich in ihren brasilianischen Dirigenten-Kollegen Martin Breuer, der verheiratet ist. Obwohl alles dagegen spricht, stürzt sie sich in eine leidenschaftliche Liebesnacht mit ihm. Am nächsten Tag lässt sie ihn abblitzten und will ihre weiblichen Neigungen zukünftig besser unterdrücken. Als sie wenige Wochen später erschrocken feststellt, dass sie schwanger ist, fangen ihre Probleme erst richtig an. Sie ist hin und her gerissen, ob sie das Kind bekommen soll. Sie bekommt den gesellschaftlichen Druck zu spüren, als ihre Vermieterin sie zu einer „Engelmacherin“ schickt und in Aussicht stellt, sie hinauszuwerfen, falls sie als ledige Frau ihr Kind zur Welt bringen sollte. Jo entscheidet sich trotzdem für ihr Baby und sucht händeringend nach einem Ausweg, der nur darin bestehen kann, passende Pflegeeltern für ihr Kind zu finden.

In dieser Phase wird sie von der Salonièren Eugenie Schwarzwald, der Schulleiterin einer Mädchen-Schule, eingeladen und lernt in deren Salon einige selbständige Frauen kennen, u.a. Anna Freud, die sich als Psychoanalytikerin mühsam aus dem großen Schatten ihres Vaters zu befreien versucht.

Dritter und Vierter Akt:

Es folgen viele dramatische Szenen, etwa, wenn Jo beim Dirigieren beinahe eine Fehlgeburt erleidet, wenn sie kurz darauf Martin endlich gesteht, dass sie sein Kind erwartet, die Niederkunft und ihr schmerzlicher Abschied von ihrer neugeborenen Tochter.

Fünfter Akt:

Zum Ende ihrer Reise muss Jo sich aus dem Korsett, in das sie sie selbst eingeschnürt hat, wieder befreien – sie muss sich ihre Weiblichkeit und Mutterschaft zurückerobern. Im Finale zieht sie aus, um ihr Kind und den Mann, den sie liebt, zurück zu gewinnen.

Ich muss gestehen, dass ich zu Beginn meiner Schreibreise ein anderes Ende vor Augen hatte – ein realistisches, in dem meiner Heldin vieles versagt bleibt, in der sie sich zwischen Karriere und privatem Glück entscheiden muss. Aber nachdem ich sie über 400 Seiten und fast 4 Handlungsjahre lang habe leiden lassen, habe ich ihr schließlich doch ein fast vollständiges Happy End gegönnt. Ich hoffe, meinen Leser*innen danken mir das.

Wiener Opernstars aus den 1920er Jahren und Zeitkolorit

Die Geschichte von Jo ist natürlich eingebettet in viele historische Details – insbesondere das Aufführungsgeschehen an der Wiener Oper habe ich gründlich recherchiert. Viele meiner Lieblingsopern lasse ich vorkommen und ihre Inhalte spiegeln oft das dramatische Geschehen auf der Erzählebene. Die schillernden Gesangsstars dieser Zeit wie Lotte Lehmann, Maria Jeritza, Jan Kiepura und Richard Tauber haben alle ihren Auftritt, natürlich auch Richard Strauss, der als Komponist und Operndirektor diese Zeit geprägt hat.

Maria Jeritza
Lotte Lehmann und Jan Kiepura

Als beruflicher Gegenspieler fungiert Jos herrischer Kollege Robert Heger, ein historischer Dirigent aus dieser Zeit (der sich später den Nazis zugewendet hat). In Liebesdingen ist die Ehefrau von Martin ihre Antagonistin. Zusätzliche Hürden im Streben meiner Heldin nach Glück und Erfolg stellen die gesellschaftlichen Konventionen und Vorurteile gegenüber Frauen dar.

Meine Erzählung in die 1920er Jahre einzufügen, erschien mir nicht allzu schwer. Aber die Details haben sich hin und wieder als Stolpersteine bemerkbar gemacht: So habe ich im Schreibeifer moderne Dinge wie Kühlschränke und Türklingeln mit Gegensprechanlage eingebaut. Zum Glück habe ich mir dann selbst auf die Finger geklopft und schnell Wikipedia konsultiert. Hinsichtlich der historischen Korrektheit gibt es also einiges zu beachten. Ich hoffe, ich habe keine Klopper mehr drinnen.

Sehr genüsslich habe ich Wienerische Redensarten eingebaut. Dafür werde ich ein kleines Wörterbuch in den Anhang des Romans stellen. Jetzt werde ich mich mal ins Gwand haun und einen Mulatschak zur Fertigstellung meines Werks feiern. Baba.

Meine Schreibnächte

Was meinen Schreibprozess angeht, so bin ich bei meinem vierten Roman wirklich gut in Schwung gekommen und hatte keine Durchhänger, wie im letzten Jahr bei meinem Antarktis-Roman. Ich habe das Gefühl, mich in diesem Stoff richtig freigeschrieben zu haben – was zum einen daran liegt, dass ich für die Opernwelt total brenne und es mir beim Schreiben immense Freude bereitet hat, darin zu schwelgen. Aber auch die Freiheit bei der Figurenentwicklung hat mich beflügelt, denn bei Johanna und Martin habe ich mich nicht durch eine historische Vorlage einengen lassen.

Ich habe einen guten Arbeitsrhythmus gefunden: Eine Abendschicht von 1 ½ bis 2 Stunden im Zeitfenster von 19 bis 22 Uhr und eine Nachtschicht von nochmals 1 ½ bis 2 Stunden in der Zeit zwischen 23 und 2 Uhr nachts. Ich kann am besten arbeiten, wenn es draußen dunkel ist, die Welt in Schlaf versinkt und mich nichts mehr ablenken kann – am Tage muss ich Einkäufe erledigen, will das Tageslicht zum Spazierengehen nutzen usw.

Die späten Morgenstunden sind quasi mein Feierabend, in denen ich mich ausruhe. Ab Nachmittag fängt mein Motor dann so langsam zu laufen an – ich bereite das Geschriebene vom Vorabend gedanklich nach und überlege, wie es in der Nacht weitergehen soll. So komme ich auf ein reines Schreibpensum von 3 bis 4 Stunden pro Tag. Die Erholungsphasen am Tag und zwischen den beiden Schreibeinheiten sind notwendig, damit sich die Inspiration und Schaffenskraft wieder aufladen kann.

Da ich irgendwie ein Statistik-Typ bin, trage ich meine Uhrzeiten und den Worcount täglich in eine Tabelle ein.

 

Hier mein Roman-Werk in Zahlen:

114.200 Wörter

484 Normseiten

64 Schreibtage (vom 1. November 2020 bis 13. Januar 2021, mit einer Woche Weihnachtsferien)

1.800 Wörter pro Tag im Durchschnitt

3.006 Rekord-Wörteranzahl an einem Tag

Wie geht es nun weiter? Heute ist Ruhetag. Ab Freitag beginne ich mit dem Korrekturlesen des Manuskripts. Wenn ich damit durch bin (Ende Januar) entlasse ich mein Werk mit viel Spannung an meine Testleserinnen (zwei habe ich schon, wer sonst noch gerne möchte, bitte bei mir melden) und freue mich auf deren Feedback. Aufbauend darauf geht es dann in die nächste Überarbeitungsrunde. Im Frühling schwimme ich also glücklich weiter auf der Opern-Welle.

Hier kommt nun eine Leseprobe – ich hoffe, ihr habt Lust darauf.

Es handelt sich um die Salon-Szene (gekürzt). Jo ist schwanger, Martin weiß noch nichts davon. Er hat Liebeskummer, weil sie ihn hat abblitzen lassen.

Kapitel 18: Im Salon von Frau Doktor Schwarzwald

Wien, 14. Juli 1926

Am Mittwochabend stieg Jo kurz nach Sonnenuntergang aus dem Taxi und stand ratlos vor dem schmucklosen Bürgerhaus Nummer 28 mit der abgeblätterten Farbe und dunklen Fensterhöhlen in der Josefstraße. Sie hielt die Visitenkarte fest umklammert wie einen magischen Schlüssel in eine andere Welt. (…) Dann entdeckte sie inmitten der Ranken ein Gartentürchen aus Metall, das gerade quietschend ins Schloss zurück fiel.  Jo drückte das Türchen auf, dessen Angeln ihren Eintritt lautstark ankündigten. Vor ihr lag ein geschlängelter Weg, der von flackernden Windlichtern auf beiden Seiten eingefasst war und sie zwischen duftenden Blumen und Büschen, in denen die Grillen zirpten, auf ein prächtiges Gartenhaus zuführte. Mit seinen weißen Säulen und großen Fenstern sah es wie die Orangerie eines Palastes aus. Die Eingangtür aus grün lackiertem Holz war nur angelehnt.

Jo trat in einen breiten Flur. An der linken Wand hingen Hirschgeweihe, an denen einige der Besucher ihre Hüte aufgespießt hatten. Darunter standen zwei Polstersessel, die über und über mit Sommermänteln und Capes bedeckt waren, die dort lässig darüber geworfen worden waren. Am Ende des Flures öffnete sich ein Türbogen eingerahmt von zwei roten Samtvorhängen wie zu einer Theaterbühne.

„Johann Osterkamp, was für eine schöne Überraschung“, klang eine wohltönende Stimme an ihr Ohr. Durch den Bogen mit den Samtvorhängen kam Lotte Lehmann auf sie zu. Die Sopranistin hatte ihre dunklen Haare mit einem bunten Turban umwickelt und ihre blassblauen Augen mit Kajalstift dramatisch ummalt. Sie sah aus wie eine persische Prinzessin aus Tausendundeiner Nacht.

„Kommen Sie doch an unseren Tisch“, sagte die Lehmann und zeigte ihre kleinen weißen Zähne. Jo folgte ihr in den Salon. Dieser Raum war hoch und fünfeckig wie ein Turmzimmer, ein Lüster mit buntem Muranoglas hing im Zentrum und warf einen Lichtkegel auf die Mitte des Raums, wo das Parkett frei war wie eine Tanzfläche. Rundherum standen an den Wänden fünf kleine Tische mit vielen Stühlen darum herum – alle Tische waren besetzt mit Gästen, die angeregt miteinander sprachen. Im Raum schwirrten die Stimmen wie Nachtfalter um das Licht, es summte und brummte vor Lebendigkeit. Ein Ruhepol war der mächtige Marmorkamin, der im Juli natürlich nicht brannte. Darüber hing ein großer Spiegel, ebenso wie an weiteren Stellen im Raum zwischen den Fenstern – so bekam man den Eindruck, der kleine Raum sei doppelt so groß.

Lotte Lehmann ging auf ein Tischchen bei den bodentiefen Fenstern zu und zog einen freien Stuhl vom Nebentisch für Jo heran. So saß sie nun dicht an dicht um das runde Tischchen zwischen zwei jungen Frauen.

„Darf ich vorstellen: Herr Johann Osterkamp, seines Zeichens Dirigent am Wiener Operntheater“, stellte Lotte sie der Tischrunde vor, „das ist Dorothy Thompson, sie ist Auslandskorrespondentin für den Philadelphia Public Ledger.“

Die Amerikanerin mit schwarzem Bubikopf rechts von ihr sagte:

„How do you do“, und musterte Jo mit unverhohlener Neugier,

„may I call you Jo?“

Sie nickte. Es war hier wohl üblich, sich beim Vornamen zu nennen, aber zu Siezen, solange man sich noch nicht besser kannte.

„Das ist Karen Michaelis, sie ist eine Schriftstellerin aus Dänemark. Und gegenüber sitzt Lajos Hatvany, er stammt aus Budapest und ist Schriftsteller und Literaturkritiker.“

„Ich war letzte Woche im Lohengrin, als Sie dirigiert haben. Das war sehr beeindruckend“, sagte die Dänin und lächelte Jo aus ihrem runden Gesicht mit grauen Augen freundlich an.

„Ein Jammer nur, dass die Reimkünste von Richard Wagner so unterirdisch sind. Eine Wagner-Oper genießt man am besten, wenn man kein Deutsch versteht“, meldete sich der Literaturkritiker zu Wort.

„You are so bad – Sie haben eine böse Zunge, Lajos“, lachte Dorothy und klopfte dem Kritiker mit ihrem Fächer ermahnend auf das Knie.

„Aber die Musik ist einfach überirdisch. Und erst die Stimme von unserer Lotte“, schwärmte Karen. Sie hatte einen dänischen Akzent und Jo musste sofort an Muscheln und Dünen denken. Am Hafen von Wangerooge hörte man öfters Seeleute aus Dänemark und Skandinavien.

„Darf ich Ihnen Tee einschenken?“, fragte Lotte und griff nach dem runden Metalltopf mit Ausgussschnabel, der in der Mitte des Tischs stand.

„Das ist indischer Tee mit Gewürzen. Sehr belebend. Dazu ein bisschen Mich und Honig. Von den Häppchen bedienen sie sich einfach selbst.“

Jo nickte. Neben dem schlichten Teepott stand eine filigrane Etagere aus Metall mit drei Porzellantellern, die mit belegten Schnitten und Küchlein bestückt war. Sie nahm sich ein Gurkenschnittchen mit Radieschen in Blütenform.

„Milk first“, sagte Dorothy und goss einen Schuss Milch in die zarte Porzellantasse. Dann füllte ein leuchtend roter Teestrahl die Tasse, der rosé schimmerte und nach Zimt und Nelken duftete. Die Dänin zog einen Apothekerkasten aus Holz unter dem Tisch hervor, in dem eine Sammlung kleiner Fläschchen aufgereiht waren und abenteuerlich klirrten.

„Noch einen Schuss Likör oder Schnaps dazu?“, fragte Karen und zwinkerte ihr zu.

„Unsere Gastgeberin Genia verwöhnt uns in jeder Hinsicht, nur Alkohol ist für sie tabu. Auch das Rauchen haben wir ihr nicht angewöhnen können.“

Jo hob ablehnend ihr Handfläche.

„Sind Sie auch abstinent?“, wollte Lotte wissen.

“Sie wirken immer so durch und durch tugendhaft und konzentriert.“

„Man darf sich beim Dirigieren nicht ablenken lassen“, sagte Jo ein wenig defensiv. Wenn die Damen wüsste, wie es mit ihrer Tugendhaftigkeit in Wahrheit bestellt war.

Ein Raunen ging durch den Raum und Jo suchte den Auslöser der freudigen Erregung. Die Gastgeberin Genia Schwarzwald war im Türbogen erschienen. Zusammen mit einem zierlichen Hausmädchen in Schürze trug sie einen Wäschekorb, der mit bunt eingepackten Päckchen beladen war. Sie gingen zu einer Nische neben dem Kamin, wo der Korb vor ein Marmorbänkchen auf einem persischen Teppich gestellt wurde. Genia machte eine Runde an allen Tischen vorbei und begrüßte die Neuankömmlinge, die meisten bekamen Küsse auf die Wangen.

„Oh, welche Freude, Sie hier zu sehen, Maestro Johann“, sagte die Gastgeberin und tätschelte Jo mit ihrer fleischigen Hand die Schulter.

„Ich sehe, Sie sind gut versorgt. Nachher komme ich an Ihren Tisch, dann können wir in Ruhe plaudern.“

Genia Schwarzwald nahm in ihrer Nische Platz und die Stühle kratzten auf dem Boden, als ihre Gäste ihr Stühle rückten, um sich ihr zuzuwenden.

„Meine lieben Freunde und Gäste, ich habe mir erlaubt, einige Kleinigkeiten für Sie und euch zusammenzustellen. Wie eine gute Freundin kürzlich zu mir gesagt hat: Schenken heißt, einem anderen etwas geben, was man am liebsten selbst behalten möchte. In diesem Sinne habe ich hübsche und nützliche Gaben für jeden ganz nach meinem eigenen Geschmack ausgesucht – in der Hoffnung, dass sie beim Empfänger auch auf Gefallen stoßen. Mal schauen“, sie beugte sich vor und hob das erste Geschenk aus dem Korb. (…)

Plötzlich nahm Jo aus dem Augenwinkel eine Bewegung im Türbogen wahr – eine Gestalt mit bärtigem Gesicht, blauen Augen und blonden Haarwellen. Verdammt! Was machte er bloß hier?

Lotte schwenkte ihren Arm und winkte zu ihm herüber.

„Hier ist noch Platz“, formte ihr Mund. Jo rührte in ihrem rosa Tee und drehte dem Neuankömmling den Rücken zu.

„Guten Abend zusammen“, sagte Martin Breuer und seine Stimme klang wie Honig, dabei hatte sie sich solche Süßigkeiten doch strengstens verboten. Er legte seine Hand auf die Rückenlehne ihres Stuhls – und dann strich der unverschämte Kerl mit seinem Daumen über ihr Schulterblatt, viel zu lange, als dass es ein Versehen hätte sein können. Ein Schauder jagte ihre Wirbelsäule hinab. Sie schüttelte sich wie ein Hund, der aus dem Wasser kam. Martin holte sich einen Stuhl und quetschte sich zu ihnen an den Tisch – Karin und Dorothy rückten ein Stück zurück und erweiterten ihren Zirkel für ihn. Martin nahm sich Tee und die Dänin gab ihm einen Schuss Rum aus ihrem Apothekenköfferchen dazu. Jo wollte sich gerade von diesem Tisch verabschieden, als plötzlich ihr Name fiel und ihr ein Geschenk überreicht wurde. Sie nickte der Gastgeberin dankend zu. Es schien üblich zu sein, die Präsente sofort zu öffnen. In ihrem fand sie ein wunderschönes seidenes Einstecktuch mit japanischen Motiven – Kirschblüten und Schriftzeichen – und musste an Madame Butterfly denken.

„Das kann man sicher auch als Halstuch verwenden,“ sagte Martin und gab ihr unter dem Tisch einen Stups mit seinem Fuß. Sie warf ihm einen grollenden Blick zu. Er grinste. Weitere Geschenke wurden verteilt. (…)

„Auf Genias Schwarzwaldschule geht es ganz anders zu“, sagte Karin, „dort werden die Mädchen dazu erzogen, dass sie dieselben Fähigkeiten und Talente haben wie Jungs und dieselben Chancen und Rechte einfordern sollen.“

„Das finde ich richtig“, sagte Jo, „auf meinem Gymnasium in Wilhelmshaven war man weit von solch einer fortschrittlichen Sichtweise entfernt. In meiner Klasse hat nur ein einziges Mädchen das Abitur gemacht hat.“

Sie verschwieg natürlich, dass sie selbst dieses Mädchen gewesen war.

„Die anderen Mädchen sind nach der neunten oder zehnten Klasse abgegangen, haben noch einen Kochkurs gemacht und sich dann einen Ehemann gesucht.“

„Ich finde es toll, wenn eine Frau gut kochen kann“, sagte Martin und nahm sich ein Gebäckstück, „backen auch. Das sind echte weibliche Tugenden.“

Jo ballte ihre rechte Hand unter dem Tisch zu einer Faust.

„Jetzt wollen Sie uns aber necken, was Martin?,“ sagte Lotte lachend und zwinkerte dem Störenfried zu.

„Oh, er meint das sicher ernst. Wie steht es denn um die Kochkünste Ihrer Ehefrau?“, frage Jo und schaute ihn herausfordernd an.

„Na ja, zum Glück gibt es Frauen, die mehr als ein Talent besitzen“, sagte er und lächelte süffisant.

„Das will ich meinen, wir Sängerinnen müssen doch zusammen halten“, sagte Lotte fröhlich, „ich übe beim Kochen immer meine Tonleitern und studiere meine Partien ein. Mein Mann sagt immer, meine Gerichte schmecken nach Puccini. Letztens hat er mir einen Hirsch von der Jagd mitgebracht – ich habe das Fleisch à la verismo zubereitet – blutig.“

„Ah, wenn im Dezember ihre Turandot wie Rehragout klingt, dann weiß ich warum“, sagte Martin und die beiden grinsten sich an und auch Jo musste schmunzeln. (…)

„Werden manche von den Schwarzwald-Schülerinnen auch Musikerinnen?“, wollte Jo wissen.

„Vielleicht spielt eine von ihnen eines Tages bei unseren Wiener Philharmonikern mit.“

„Da fließen eher die Flüsse aufwärts“, sagte Lotte.

„Johann hätte wohl gerne ein paar Frauen im Orchester, was?“, sagte Martin, „Gleich und gleich gesellt sich gern.“

Jo gab ihm unter dem Tisch einen Tritt ins Schienbein. Martin biss sich auf die Lippe, grinste aber immer noch.

„Warum sollte eine Frau nicht genauso gut ein Instrument beherrschten, wie ein Mann“, sagte Jo und schaute herausfordernd in die Runde und blieb auf Lotte liegen.

„Wahrscheinlich schon“, sagte diese unsicher.

„Sie sind doch als Sängerin ihrem Bühnenpartnern ebenbürtig. Ein Tenor singt nicht besser, als ein Sopran“, beharrte Jo.

„Aber der Tenor bekommt mehr Geld und mehr Applaus“, sagte Lotte zog ihren Mund in ein schiefes Lächeln, „so ist die Welt nun einmal.“

„Außerdem steht es in der Partitur, dass eine Oper Sängerinnen braucht“, fuhr sie fort, „beim Orchester steht es nicht dabei. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die Herren Philharmoniker eine Frau in ihren Reihen dulden würden.“

„Ich habe in meinem Studium in Berlin einige sehr gute Musikerinnen kennengelernt“, platzte es aus Jo heraus, „eine davon könnte problemlos die Erste Geige bei den Wiener Philharmonikern spielen.“

„Nie und nimmer“, sagte Lotte leichthin und Lachgrübchen zeichneten sich in ihre runden Wangen ein, „die Geiger würden der Dame niemals folgen. Die Herren Musiker lassen sich nicht von einer Frau anführen. Und wahrscheinlich haben sie Recht damit.“

Jo krampfte ihre Hände ineinander. Der Zorn brannte heiß in ihren Venen. Wenn diese Leute wüssten, dass die Herren Philharmoniker seit Monaten einer Frau am Pult gefolgt sind – und das mit großem musikalischen Erfolg – dann würden sie ihre Vorurteile wohl über Bord werfen müssen? Oder nicht? Und dass selbst Lotte Lehmann ihren Geschlechtsgenossinnen so wenig zutraute, ärgerte sie am meisten.

„Trinken Sie noch einen Tee, bevor Sie die Revolution ausrufen“, sagte Martin und schob ihr die Tasse hin wie einem Kleinkind, das man mit einer Süßigkeit ablenken konnte. Jo stand abrupt auf. (…)

An der Haustür regte sich etwas, ein Neuankömmling wurde begrüßt. Jo folgte ihr mit etwas Abstand und war plötzlich in der Küche gelandet. Hier stand eine dicke Köchin am Herd und rührte in einem riesigen Topf. Eintopf, eindeutig.

„Ich habe einen Bärenhunger“, sagte die gerade eingetroffene Frau mit dem schmalen und energischen Gesicht. Sie trug gestreifte Matrosenhosen und eine kurzärmelige Bluse und setzte sich rittlings auf einen der Holzstühle, die Arme lässig auf die Lehne gestützt. Sie ließ sich von der Köchin einen Teller füllen und schnitt sich selbst eine dicke Scheibe Brot ab. Sie schien in dieser Küche wie daheim zu sein.

„Möchten Sie auch“, fragte die Köchin und Jo nickte.

„Eine kleine Kelle, bitte.“

Mit ihrem Teller setzte sie sich an den Küchentisch, dessen hölzerne Tischplatte voller Rillen und Kerben war, als habe er schon hundert Jahren in einer Schenke gedient.

„Anna Freud – und bevor Sie fragen: Ja, bin verwandt mit dem Meister der Psychoanalyse“, sagte ihre Tischnachbarin und streckte ihr die Hand hin. Ein fester Griff für so eine schmale Person. Auch Jo stellte sich vor.

„Sie sind zum ersten Mal hier“, stellte Anna fest, „und sie suchen Hilfe.“

„Sind Sie hellseherisch begabt?“, fragte Jo.

„Nein, nur Analytikerin. Entschuldigen Sie, Berufskrankheit. Ich sehe in jedem Menschen einen potentiellen Patienten.“

„Ist Sigmund Freud ihr – Vater?“, wollte Jo wissen.

„Ja, ich bin seine Tochter, Assistentin, Sekretärin, Krankenschwester, Lektorin, Patientin – suchen Sie sich was aus.“

Die Küchentür ging auf und Dorothy kam herein gesegelt.

„My darling“, sagte sie und gab Anna einen schmatzenden Kuss, „hast du dich endlich aus der Psycho-Bibliothek loseisen können.“

„Jeden Mittwochabend hält mein Vater eine Gesprächsrunde mit Kollegen in unserer Bibliothek ab“, erklärte Anna.

„Sind Sie auch Psychoanalytikerin“, wollte Jo wissen.

„Ja.“

„Ich finde das alles unheimlich spannend. Manchmal denke ich, ich würde mich auch gerne analysieren lassen“, sagte Jo beinahe schüchtern.

„Das sollten Sie. Es gibt keine größeren Geheimnisse auf der Welt, als unsere verborgenen Ängste, Wünsche, Sehnsüchte und Träume.“

„Vielleicht könnte ich mal zu ihnen kommen“, sagte Jo. Die unverblümte Art der jungen Frau weckte ihr Vertrauen.

„Ich habe mich auf die Analyse von Kindern spezialisiert“, sagte Anna, „aber ich kann Ihnen eine gute Kollegin empfehlen, Eva Rosenfeld, wir machen bald eine Praxis zusammen auf.“

Anne betrachtet Jo eingehend. Sie hatte das Gefühl, diese Frau könne mühelos hinter ihre Maskerade blicken. Sie verschränke die Arme vor der Brust.

„Die meisten Leute wollen nicht zur Schülerin, wenn sie stattdessen zum Meister gehen können. Und eine Frau als Analytiker ist ihnen sowieso suspekt. Aber Sie – haben eine Schwäche für Frauen, oder?“

Jo wusste nicht, wie das gemeint war. Sie zuckte mit den Schultern.

„Ich denke, eine Frau kann in jedem Beruf genauso gut sein, wie ein Mann“, sagte Jo. „vielleicht sogar besser, weil sie mehr kämpfen und härter dafür arbeiten musste, an der gleichen Stelle anzukommen.“

„Well said!“, rief Dorothy und klopfte auf den Tisch, so wie es an der Universität üblich ist, um seinem Professor Respekt zu zollen. Sie löffelten eine Weile schweigend ihren Eintopf.

Die Küchentür schwang auf und einer der Herren aus der Bibliothek kamen herein.

„Der Teufel ist ein Optimist, wenn er glaubt, dass er die Menschen schlechter machen kann“, verkündete der Mann mit der napoleonischen Gedächtnisfrisur und dem gramerfüllten Zug um den Mund.

„Oh, Karl, wenn du Hunger hast, scheint dir die Welt immer von Grunde auf böse“, sagte Anna lachend und die Köchin füllte ihm einen Teller mit Eintopf. Karl setzte sich zu ihnen an den Tisch und versenkte seinen Löffel in die dicke Suppe. Zu seinem Schmatzen gesellten sich auf einmal lieblichere Klänge. Ein Piano und eine Sopranstimme klangen gedämpft durch die Wände.

„Ah, Lotte gibt einige Lieder zum Besten“, sagte Anna.

Jo zog es nun in das Musikzimmer, das gut gefüllt war. Der Schläfer auf dem Sofa saß nun aufrecht, um ihn herum tummelten sich Zuhörer auf den Kissen.

Lottes Stimme schwebte durch den Raum:

„Am Brunnen vor dem Tore
Da steht ein Lindenbaum:
Ich träumt’ in seinem Schatten
So manchen süßen Traum.“

Ihr Körper wiegte sich wie ein Schlitten in sanfter Hügelfahrt, ihre Ketten und Armringe klirrten leise dazu wie gefrorener Schnee – passend zur Winterreise von Schubert. Aber wer griff da so schrecklich falsch in die Tasten? Jo bewegte sich einen Schritt zur Seite, um den Pianisten zu sehen, der von der Sängerin verdeckt war.

Martin! Er schien ganz versunken in sein Spiel, warf ab und zu einen Blick in die Noten und auf die Sängerin. Nach dem Lied gab es Applaus und Martin griff nach einem Glas, das neben den Noten stand, und nahm einen tiefen Zug von der goldigen Flüssigkeit – Kräutertee? Er schwankte bedenklich, als er seinen Kopf in den Nacken legte. Entweder war er ein lausiger Pianist – oder betrunken. Lotte raunte ihm etwas zu, er hantierte umständlich in den Noten, dann spielte er atonal an.

„Ich träumte von bunten Blumen“, stimmte Lotte den Frühlingstraum an, ein weiteres Lied aus der Winterreise.

„Unsere Lotte ist solch ein Schatz, sie lässt sich nicht lange bitten“, sagte eine Dame mit Doppelkinn neben Jo, „als vor einigen Wochen Maria Jeritza hier war, hat sie es trotz eindringlicher Bitten abgelehnt, für uns zu singen.“

„Ja, genau“, flüsterte eine andere Frau, „die Jeritza hat sich damit entschuldigt, dass sie nur singen könne, wenn sie zuvor fünf Stunden lang nichts gegessen habe, sonst bekomme sie Sodbrennen beim Singen.“

„Dabei hatte die Jeritza hier keinen einzigen Happen gegessen“, sagte die dicke Dame geradezu empört, „sondern sich den ganzen Abend über an ihrem Glas Ananassaft festgehalten – eine Diät für ihre schlanke Bühnenfigur.“

„Lotte Lehmann ist eine Frau, mit der man Pferde stehlen kann“, sagte Karl. „mit Maria Jeritza geht man Pferde kaufen. Aber nur solche, die einen Stammbaum haben.“

Die umstehenden nickten und applaudierten umso stürmischer für die bodenständige Lotte.

Lotte sang Zueignung und Morgen mit viel Wärme und Gefühl in der Stimme. Das Spiel von Martin allerdings wurde immer unsicherer. Selbst für ein ungeübtes Ohr musste hörbar sein, dass er sich in den Tönen vergriff und ständig Tempo und Dynamik wechselte – mal aufbrausend, dann wieder abschwellend bis schleppend – was beim Liedgesang gar nicht passte. Lotte ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Jo wurde es immer heißer und sie spürte, wie ein Rinnsal von Schweiß zwischen ihren flach gedrückten schmerzenden Brüsten hinab rann. Sie zupfte an ihrem Halstuch und sah sich im Raum nach einem Ausweg um. Dann fiel ihr ein, was sie tun konnte.

Sie ging in der nächsten Gesangspause entschlossen zum Piano und setzte sich einfach neben Martin auf den Schemel und drängte ihn beiseite.

„Es wäre mir eine Ehre, wenn ich Sie auch einmal begleiten dürfte“, sagte sie. Lotte schaute sie erstaunt an, dann glitt ein dankbares Lächeln über ihr Gesicht und sie zwinkerte Jo zu. Martin blieb neben ihr sitzen – der Mann verstand wirklich keinen Wink mit dem Zaunpfahl – und schmiegte sich auch noch an ihre Seite, sein Kopf lag fast auf ihrer Schulter. Sie presste ihm ihren spitzen Ellbogen in die Rippen, was aber nur ein Schnauben seinerseits hervorrief. Also begleitete sie Lotte bei zwei weiteren Strauss-Liedern. Ihre geübten Pianistinnenfinger flogen mühelos über die Tasten. Währenddessen zog die Hitze von Martins Körper in sie hinein und der unverkennbare Geruch von Alkohol. Ihre Handinnenflächen würden feucht und sogar ihre Fingerspitzen, die einige Male von den schmalen schwarzen Tasten abrutschten und die Halbtöne atemlos klingen ließen. An diesem Abend würde sie für ihr Spiel sicher keinen Preis gewinnen – aber für eine solide Liedbegleitung reichte es. Endlich beendete Lotte ihr Salon-Konzert. Der Raum leerte sich.

„Ich rufe Ihnen ein Taxi“, sagte Jo und stand brüsk auf, Martin kippte fast zur Seite, erwischte sie aber mit seiner Hand an der Hüfte und versuchte, sie wieder zu sich heran zu ziehen.

„Aber nur, wenn du mit mir nach Hause kommst“, murmelte er mit schwerer Zunge.

„Ja, das mache ich“, sagte sie und ging ein Telefon suchen. Natürlich würde sie ihn vor seiner Haustür abliefern und keinesfalls in sein Bett begleiten. Dorothy kam ihr zur Hilfe und tätigte den Anruf.

„That’s not the first time – das ist nicht das erste Mal“, lachte sie. Jo fragte sich, ob sie damit betrunkene Gäste im Allgemeinen oder Martin Breuer im Besonderen meinte.

Als sie wieder ins Musikzimmer kam, war Martin deutlich belebter. Er hatte eine Kaffeetasse in der Hand und scherzte mit den beiden Tänzerinnen, die ihm die Mappe mit ihren freizügigen Fotos zeigten. Eine von ihnen lag vertraulich an seine Schulter gelehnt und fuhr mit ihrem Zeigefinger über sein lockiges Brusthaar, das zwischen seinem halb aufgeknöpften Hemd hervorschaute. Er grinste deppert und seine Zähne blitzten auf. Dann flüsterte er der Tänzerin etwas ins Ohr und sie kicherte aufreizend.

„Das Taxi ist gleich vor der Tür. Die Nachtluft wird Ihren Kopf hoffentlich abkühlen“, sagte Jo und kam sich wie eine Gouvernante vor. Einfach albern. Warum kümmerte sie sich überhaupt um diesen Mistkerl? Sollte er sich doch vor allen Leuten lächerlich machen, das war doch nicht ihr Problem!

Martin stand mit Mühe auf und schenkte auch ihr sein Don- Juan-Lächeln.

„Meine süße Sittenwächterin“, murmelte er. Sie legte ihm den Finger auf den Mund und zog ihn wütend hinter sich her. Im Flur blieb er vor den Hirschgeweihen stehen und tat so, als würde er eine Flinte anlegen.

„Pchhhowww“, machte er, „Weidmannsheil – Weidmansdank“, und er tippte sich mit der Hand an den Kopf zum Jägergruß.

„Volltreffer“, sagte Jo, „hier geht es hinaus“, und sie zog die Haustür auf.

„Mein Hut“, er zog einige Hüte von den Geweihen und hätte beinahe eines mit von der Wand gerissen. Jo kam ihm zur Hilfe und reckte sich nach dem Hut, auf den er zeigte. Plötzlich umarmte er sie von hinten und küsste ihren Hals und seine Hände öffneten erstaunlich geschickt ihren obersten Blusenknopf und fuhren von ihrem Schlüsselbein herunter auf ihre Brust, wobei seine Finger sich von oben in ihr Korsett drängten.

„Mein schö-scheunes Reh“, hauchte er heiser in ihr Ohr.

Sie boxte ihm mit ihrem Ellbogen in den weichen Bauch, wand sich aus seiner Umarmung und gab ihm eine schallende Ohrfeige. Hektisch flogen ihre Blicke durch den Flur – hatte jemand sie gesehen? Karl und noch jemand steckten ihre Köpfe aus der Bibliothek, offenbar durch das klatschende Geräusch aufmerksam geworden. Jo machte am Absatz kehrt und rannte zur Tür hinaus. Auf dem Gartenweg knöpfte sie mit zitternden Händen ihre Bluse wieder zu. Im Tunnel blieb sie stehen und holte tief Luft, ließ die kühle Nachtluft über ihre heißen Wangen streichen. Sie lehnte sich an die Wand, als eine Welle von Schwindel über sie hinweg rollte. Dann hob sich ihr Magen und sie kotzte in den Rinnstein. Der Eintopf hatte sich optisch nicht sehr verändert.

Sie hörte Rufe „macht’s gut“ und „bis bald“ und Lachen an der Haustür und knirschende Schritte auf dem Gartenweg und das Quietschen vom Mauertörchen. Hastig trippelte sie über das Kopfsteinpflaster aus dem Tunnel zur Straße, die menschenleer vor ihr lag. Sie wollte niemandem mehr begegnen, also ging sie im dunklen Hauseingang in Deckung.

Da leuchteten zwei Scheinwerfer in der Dunkelheit auf und um die Ecke bog das für Martin bestellte Taxi und näherte sich. Sie wollte gerade hervortreten, als zwei Gestalten aus dem Tunnel auftauchten – Martin mit seinem Arm um die Tänzerin gelegt, halb auf sie gestützt, hutlos, lachend. Die Tänzerin winkte dem Taxi, das am Bordstein stehen blieb. Zwei schöne Beine stöckelten neben einem Hinkebein, stiegen ins Auto und verschwanden in der Nacht.

Wie gefällt euch diese Szene? Ich freue mich sehr über Feedback.

Lyrischer Jahreswechsel 2020/2021

Ich hoffe, ihr seid alle gut und gesund ins Jahr 2021 gerutscht. Zumindest an Wünschen und Hoffnungen wird es im neuen Jahr nicht mangeln. Habe mich an eine lyrische Rückschau und Vorschau gewagt:

2020/2021

Kann es kaum erwarten

das Kalenderblatt zu wenden

doch vor dem Nimmerwiedersehen

verschwende einen Blick zurück

 

Nicht nur die Jugend ist lost

im endlosen Erdenjammer

sauge Nachrichten wie Nektar

süchtig nach Schauderschrecken

 

Beim Homeschooling kochen

vor dem Bildschirm in Serie sitzen

grüne Daumen wachsen lassen

Fenster offen und hoffen und zoffen

 

Bin eine Mondscheinjägerin

verschollen im sengenden Sonnenschein

gestrandet im Homeoffice mit Echohall

gefangen im Raster der Rettungsroutine

 

Zoom-out 2020

Zoom-in 2021

 

Willkommen Hoffnungsjahr

Gib mir

einen Ölwechsel für den Optimismus

Gib mir

eine Spritze zur Gemütsaufklarung

Gib mir

eine Armverlängerung zur Weltumarmung

 

Lass mich emporflügeln und übermüpfig

die Lichtgrenze überfliegen

lass mich ins Fantastische spekulieren

und Wundergesundland anpeilen

 

Lass mich froherschrocken

dem Blütenschaum entgegen segeln

und die Masken fallen lassen

bin immun gegen meinen Mutverfall

 

Hennis Blog-Adventkalender 2020 – Türchen 18

Ich folge erneut der Einladung von Sabine und trage meinen Teil zur Adventskalendergeschichte bei. In den letzten 17 Tagen hat sich die Adventsgeschichte um Henni überraschend und gefühlvoll entwickelt. Was bisher geschah, könnt ihr in diesem pdf nachlesen.

Das vorherige Türchen 17 zum Einstieg:

„Da muss ich dran gehen“, murmelte Henni Richtung Julius, Jana und Ferkelchen.

Henni ging in die Küche hinüber, setzte sich auf den nächstgelegenen, wackeligen Küchenstuhl und hauchte in ihr Handy: „Hallo Lars…“

„Ja, es tut mir leid, dass ich mich nicht gemeldet habe.“

„Nein, ich habe deinen Geburtstag nicht vergessen.“ Henni schnaubte innerlich, was glaubte dieser eingebildete Tölpel, dass sie sich nach ihrem ersten Date sofort melden würde? Sie war sich noch gar nicht ihrer Gefühle zu ihm sicher. Wieder einen Mann in ihr Leben lassen? Das ging ihr alles zu schnell.

Sie dachte an Uwe. Bei ihm war es anders gewesen, da hatte sie sofort gewusst, dass er der Richtige für sie war. Und der Einzige?

„Was, du möchtest mich zum Adventsessen einladen? Okay, ja.“

„12.30 Uhr passt. Ja, ist gut. – Nein ich bringe nicht wieder Ulla mit.“

Henni legte auf. Ulla war doch ihre Freundin. Sie brauchte sie in so brenzligen Situationen. Aber sie wusste auch, dass Lars mit ihr allein sein wollte.

Sie hatte Angst, dass…

Türchen 18:

Lars sie mit seinem Hundeblick emotional erpressen und sie sich schlecht fühlen würde, “nein” zu sagen. Jetzt hatte sie schon zum Essen zugesagt, weil ihr so schnell keine Ausrede eingefallen war. Lars erinnerte sie an einen Teddy mit seinem weichen Bauch und den Haaren auf den Fingern. Ein lieber Kerl. Aber er hatte seltsame Angewohnheiten – er wischte die Kuchenkrümel mit dem Zeigefinger vom Teller und leckte ihn dann schmatzend ab und trug Socken mit Comic-Figuren drauf. Wo es doch für Henni völlig klar war, dass außer Ringelsocken nur noch rote Punkte in Betracht kämen. Und dann hatte er ihr zum Abschied auch noch einen Kuss aufs Ohr gedrückt. Nein, das ging gar nicht.

Henni hatte sich in den letzten Jahren gut in ihrem Leben alleine eingerichtet – mit Freundin Ulla und ihren Hühnern. Niemand machte ihr Vorschriften. Sie konnte mit ihrem Regenmantel unter die Dusche gehen und in ihren Gummistiefeln ins Kino.

Das Ferkelchen hoppelte grunzend aus dem Wohnzimmer und zwischen den Beinen ihres Küchenhockers hindurch, so dass dieser bedenklich wackelte, und riss sie aus ihren Gedanken.

“Aber wer sagt denn, dass wir wirklich alleine zum Essen mit Lars gehen müssen?”, murmelte Henni und machte sich auf die Suche nach…

Morgen öffnet Michaela das Türchen 19.

Hennis Blog-Adventkalender 2020 – Türchen 3

Traditionsgemäß schreibe ich wieder bei Sabines Blog-Adventskalender mit.

Ich wünsche euch allen eine geruhsame Adventszeit mit viel Vorfreude – auch auf die Advents-Geschichte, die mit jedem Türchen ein Stück weitergeschrieben wird.

Was bisher geschah steht in kursiv.

Sie hält das Streichholz, mit der sie die erste Kerze auf dem Adventskranz angezündet hat, noch in der Hand. Wie früher bei der Mutprobe mit ihrem älteren Bruder. Wer konnte das Streichholz länger in der Hand halten? Sie beobachteten beide die heiße Flamme, wie sie sich ihren Fingern näherte. Wurde es zu heiß, ließen sie das Streichholz fallen. Ihr Bruder konnte das Streichholz immer eine Sekunde länger halten als sie. Erst Jahre später hatte er ihr verraten, dass er seine Finger vorher mit Vaseline eingeschmiert hatte. Er hatte sie getäuscht und nicht nur dieses eine Mal.
Sie schaut aus dem Fenster. Wird er heute kommen?

Henni hatte das Streichholz wie damals auch immer nicht schnell genug fallen gelassen. Eine erbsengroße Brandblase bildete sich sofort an ihrem Daumen.

„Ich hasse dich. Warum kann ich selbst heute, nach gut einem halben Jahrhundert nicht besser aufpassen?“

Die erste Kerze an ihrem Adventskranz brannte. War es und er das wert?

Sie rannte in die Küche und ließ kaltes Wasser über ihre Finger laufen. Dabei überhörte sie, dass es klopfte.

Er war gekommen. Würde er jetzt aufgeben und wieder gehen?

Hennis Blick fiel auf den Kühlschrank. Mit einem Marienkäfermagneten – denn sie liebte Punkte – hatte sie dort die Postkarte mit dem Leuchtturm festgemacht. Der Leutturm war rot-weiß gestreift und sah aus, als habe er Ringelsocken an. Ihr Bruder hatte ihr die Leuchtturmkarte geschickt.

“Vielleicht komme ich dich an Weihnachten besuchen”, lautete der letzte Satz. Ihr Bruder lebte seit über 20 Jahren am Nordseestrand in einem Haus – mit Strohdach vielleicht. Sie wusste es nicht. Sie hatten sich so viele Jahre nicht gesehen.

“Vielleicht.”

Das Wort schmeckte wie Pampelmuse auf Hennis Zunge.

“Wir müssen uns vorbereiten”, murmelte sie, “ja, das müssen wir.”

Wie es weitergeht, erfahrt ihr morgen bei Anneliese.

 

 

Tag 22 in NaNoWriMo – mein erstes Mal – eine Sexszene schreiben

Am Sonntag ist es soweit – meine Dirigentin Jo und ihr brasilianischer Kollege haben ihren ersten Kuss gelandet und nun geht es ins Bett. Aber wie schreibe ich eine Sexszene. Das ist absolut neu für mich. Ich weiß, dass ich als Leserin solche Szenen eigentlich ganz gerne habe, aber unterschiedlich gut gelungen finde. Bei Stephen King zum Beispiel geht es immer ziemlich deftig zu, in Frauenromanen romantisch bis kitschig, die „Kamera“ hat meistens einen rosa-rot Filter drauf und faded aus, wenn es konkret wird.

Ich suche im Internet nach Artikel „wie schreibe ich eine gute Sexszene“ und stoße zunächst auf die Seite der britischen Zeitung „The Guardian“: Deren Literaturkritiker vergeben jedes Jahr „Britain’s most dreaded literary prize“ – nämlich einen Preis für die schlechteste Sexszene („outstandingly awful sexual scene“) in der Literatur. Unter Schriftstellern ist das Schreiben einer erotischen Szene nämlich nicht ohne Grund gefürchtet, denn das ist die Kür mit Dreifach-Axel auf sehr glattem Eis und man kann böse auf dem Hintern landen. In diesem Artikel sind auch wunderbare Zitate von preiswürdig peinlichen Beschreibungen zu finden – sehr lesenswert.

Damit wächst mein Respekt vor meiner Aufgabe umso mehr. Aber ich will es trotzdem wagen. Zum Glück finde ich noch einen hilfreichen Ratgeber-Artikel. Hier lerne ich, dass es bei einer gut geschriebenen Sexszene auf drei Dinge ankommt: 1. wechselseitiges Agieren, 2. die Balance physischer und psychischer Darstellung und 3. das Vokabular.

In meiner Bettszene beschreibe ich das Geschehen aus der weiblichen Sicht von Jo, aber ich werde nun darauf achten, auch den Mann im Wechsel vorkommen zu lassen. Wie bei einem Tanz: beide Partner vollführen ihre Bewegungen in Reaktion aufeinander, es gibt ein harmonisches Zusammenspiel der Körper. Nicht einer ist der Alleintänzer und der andere die passive Puppe.

Meinen besonderen Fokus werde ich auch auf die emotionale und psychologische Komponente legen und die Liebesnacht in den dramaturgischen Bogen der Handlung einbetten (ins Himmelbett natürlich). Als Leserin soll man nachempfinden können, warum Jo ihre eigenen Regeln bricht (Karriere statt Beziehung), warum sie sich hinreißen lässt, was es für sie bedeutet, ihre Männerverkleidung abzulegen und wieder Frau sein zu dürfen und schließlich warum sie im Nachklang wieder einen Riegel vorschiebt und das Liebespaar nicht ins Happy End einläuft, sondern die Komplikationen und die Gefühlsturbulenzen jetzt erst so richtig losgehen.

Dann stellt sich die Frage des Vokabulars. Es gibt ja eine erstaunliche Bandbreite von Ausdrücken für die weiblichen und männlichen Körperteile, von vulgär, derb über medizinisch, neutral, verniedlichend und metaphorisch. Entscheidend für mich ist, dass ich die Sprache von meiner Protagonistin finde, denn aus ihrer Sicht ist die Szene schließlich beschrieben – also müssen die Vokabeln zu ihrem sonstigen Sprachduktus passen. Ich kann also auf einige musikalische Vergleiche und Metaphern zurückgreifen, aber abgesehen davon hat sie eine nordische Klarheit in ihrer Sprache und nennt die Dinge eher sachlich beim Namen. Also wird es die „Paradiespforte“ in meinem Text nicht geben, auch will hier kein „purpur behelmten Krieger ins gelobte Land“ – wie Bodo Wartke in seinem genialen Lied „Mir fehlen die Worte“ zu diesem Thema vorschlägt.

Ich mache mich also mit Feuereifer ans Schreiben meiner Sexszene – und es macht mir unglaublich viel Spaß. Ich schreibe zwar etwas langsamer als sonst, weil ich öfters über die beste Wortwahl nachdenke – wie zum Beispiel soll sich das Brusthaar von Martin für Jo anfühlen? „flauschig“? Hm. Das klingt nach einem Küken. Ich hole mir Hilfe im Synonym-Wörterbuch und entscheide mich für „wollig“. Insgesamt geht es mir erstaunlich leicht von der Hand.

Nun ist das Werk vollbracht – die Szene dauert ganze 6 Seiten an – und ich bin zufrieden.

Ich bin sehr gespannt, ob und wie meinen zukünftigen Testleserinnen diese Sexszene gefällt – sicherlich kann man nicht jeden Geschmack treffen. Ihr könnt euch jetzt schon darauf freuen – ab Seite 163 geht es los.

Übrigens liege ich gut im Wordcount, schreibe jeden Abend und jede Nacht meine dreieinhalb Stunden und habe ein kleines Wörterpolster aufgebaut. Ich liege gut in der Zielkurve, nun kommt der lange Endspurt. Bin zuversichtlich.

Als Leseprobe gibt es (leider) nicht die pikante Szene – dafür aber das „Vorspiel“.

Kapitel 10: Winterstürme wichen dem Wonnemond

Wien, 05. Mai 1926

Das Nachspiel zur „Walküre” fand in der Bar des Hotels Bristol gegenüber des Opernhauses an der Ringstraße statt. Die Hotelbar Hoffmanns war der informelle Treffpunkt der Künstler nach der Vorstellung, wenn man nicht groß Essen gehen wollte, aber noch gesellig mit Kollegen den Abend ausklingen lassen wollte. Hier wurde der Klatsch gepflegt, wo man an den winzigen runden Tischen seine Köpfe zusammensteckte, die Worte gedämpft vom dicken Schafswollteppich und den mit rotem Samt bespannten Wänden, im Mantel des Dämmerlichts. Die einzige Lichtquelle kam von den Kerzen auf den Tischen und von den erleuchteten Spiegelvitrinen rundum und hinter der Bar, in der hunderte Glasflaschen in den verschiedensten Farben und Formen aufgereiht standen und deren alkoholischen Elixiere die Musengeister entließen, ganz so wie in „Hoffmanns Erzählungen”1.Gluck, Gluck, Gluck! Ich bin der Wein. Gluck, Gluck, Gluck! Ich bin das Bier”, sangen die Flaschengeister vielstimmig von den Wänden und Kleinzack höchstpersönlich hockte mit seinem Buckel und der Nase schwarz von Schnupftabak in irgendeiner schummrigen Ecke an einem Tisch und machte Crick, Crack. In dieser Gesellschaft erzählte man sich flüsternd von Liebeskummer und von Eifersucht, im nächsten Moment wurde exstatisch gelacht, denn im Nachhall der Kunst spürte man die Vergänglichkeit. Jede Nacht und jedes Lachen könnte das letzte sein.

Nach der Vorstellung hatte Jo vor der Garderobentür auf Breuer gewartet. Als Breuer in frischer Kleidung und aufgebürsteten Haaren aus seiner Garderobe kam, legte er schwungvoll seinen Arm und ihre Schultern und nahm ihr die Partitur weg, die sie halb aufgeschlagen bereit hielt, ihm sofort musikalischen Bericht zu erstatten.

Das heben wir uns für morgen auf. Jetzt gehen wir feiern”, sagte er und zog sie mit sich mit. Er schien in Hochstimmung zu sein.

Als sie ins Hoffmanns kamen, war der Tresen schon voll besetzt mit Musikern und die meisten der Tische. Breuer steuerte auf einen freien Zweiertisch in der Mitte des schummrigen Raumes zu und sie setzten sich einander gegenüber. Zwischen ihnen flackerte das Teelicht in einem grünen Glas. Breuer bestellte für jeden ein Krügerl Bier. Ihre Knie berührten sich unter dem Tisch und über dem Tisch hätte sie sich nur ein bisschen vorlehnen müssen, und dann wären ihre Nasen zusammengestoßen. Oder ihre Münder. Aber auch rückseitig rieb man sich beinahe an dem Rücken seines Hintermannes, so dass von Zweisamkeit keine Rede sein konnte – man saß eingekeilt in einer Gruppe – und auch die Gespräche wurden über die Tische hinweg geführt.

„Habt ihr’s gesehen, wie die Olczewska gespuckt hat? Hat sie die Mizzi getroffen? Konnte leider nicht sehen, wo die Spucke gelandet ist”, sagte der Souffleur in den Raum hinein.

„Da hat die Jeritza wohl eine Sprühdusche abgekommen. Das geschieht der Diva recht, wenn sie bei ihrer Kollegin dazwischen blökt”, meinte ein Cellist. Es wurde gelacht. (…) Das gibt mehr als eine Rewaunsch.”

Da waren sich alle einig. Dann wurden Anekedoten erzählt zu Streitigkeiten zwischen Sängern hier und auf anderen Bühnen. Sie saßen kaum zwanzig Minuten beisammen, da entschuldigte sich Breuer bei Jo, er wolle mal zum Rauchen nach draußen gehen. Er ging. Und blieb weg. Sie saß alleine an dem Tisch, vor sich die zwei halb vollen Bierkrüge. Sie hörte den anderen bei ihren Gesprächen zu.

Zu Händels Zeiten gab es noch handfeste Schlägereien auf der Bühne”, erzählte der Souffleur (…)

Breuer, wo war den Ihre Schlachtenmusik heute Abend?”, rief jemand quer durch den Raum.

Genau, wir hätten den Walkürenritt wiederholen sollen”, lachte ein anderer.

Wo ist unser Maestro eigentlich”, fragte ein dritter. Der Stuhl von Breuer war immer noch leer und Jo saß wie ein wachsames Hündchen davor. Wo blieb Breuer nur? Hatte er sie hier einfach sitzen gelassen?

Hat sich der Breuer über die häusa haun”3, fragte der Oboist, der Rücken an Rücken mit Jo saß.

Wollen Sie sich zu uns an den Tisch setzen, Herr Osterkamp?”, bot der Musiker an.

Sie schüttelte den Kopf. Gleich würde sie ohnehin nach Hause gehen. Ein paar Minuten würde sie noch warten, ob Breuer wiederkäme. Oder sollte sie nachschauen, was er draußen so lange machte oder ob er überhaupt noch da war?

Jo stand auf und schlängelte sich zwischen den Tischen und Stühlen zum Ausgang aus dem schummrigen Spiegelkabinett. Im Foyer des Hotels musste sie zunächst blinzeln unter dem Kristallleuchter, der sein elektrisches Licht auf die Schaubühne für die illustren Hotelgäste warf. Ein roter Teppich führte von der herrschaftlichen Treppe auf den Hautpeingang zu, wo eine goldene Drehtür für einen königlichen Entré sorgte. Durch das Glas sah sie draußen eine wohlbekannte blonde Haarpracht im Wind wehen. Sie ließ sich durch die Drehtür nach draußen tragen wie ein Würfel im Roulette. Brauer stand mit dem Rücken zum Eingang auf dem roten Teppich augenscheinlich in ein Gespräch versunken mit keiner geringeren als Maria Jeritza. Die Sopranistin trug ein fließendes Seidenkleid, durch das sich ihre prallen Brüste deutlich abzeichneten, offensichtlich trug sie kein Korsett. Der kühle Abendhauch des warmen Frühlingstages tat den Rest, um alle Details ihrer weiblichen Anatomie sichtbar zu machen. Um ihre runden Schultern hing lose ein Cape in derselben matt-weißen Farbe wie ihr Gewand. Ihr blondes Haar lag in weichen Locken um ihren Kopf bis auf Kinnhöhe. Sie sah aus wie eine Mond-Göttin. Breuer schaute sie wie gebannt an, als habe sie eben den Tanz der sieben Schleier für ihn getanzt. Gerade lachte sie glockenhell und legte dabei ihren Kopf in den Nacken und ihre Hand vertraulich auf den Arm des Dirigenten. Jo stellte sich brüsk neben das Turtelpärchen.

Guten Abend, Frau Baronin”, sagte Jo. Es konnte nicht schaden, die Dame daran zu erinnern, dass sie verheiratet war.  Die Primadonna warf Jo einen erstaunten Blick zu.

Nicht dass Sie sich an der Nachtluft verkühlen”, sagte Jo wie ein Kavalier und ließ ihren Blick für einen ausgibigen Moment auf die berühmten Aphrodite-Brüste der Sängerin gleiten – was sicherlich alles andere als wohlerzogen wirkte, „es wäre eine Schande, wenn Sie sich einen Schnupfen zuzögen und wir auf Ihre herrliche Stimme in der nächten Vorstellung verzichten müssten.”

Jo hob den Blick und starrte der Sängerin nun beinahe kampfeslustig in die blauen, stark geschminkten Puppenaugen. Jeritza zog sich ihr Cape dichter um die Schultern und verhüllte ihre prominenten Brüste notdürftig. Jo sah aus dem Augenwinkel, wie Breuer schmunzelte.

Das ist sehr aufmerksam von Ihnen, Herr Oberkampf”, säuselte die Primadonna. Dass sie Jos Namen nicht richtig kannte, ärgerte sie ein wenig.

Nun, dann werde ich Gute Nacht sagen”, sie reichte Breuer graziös ihre Hand, der sich für einen galanten Handkuss hinab beugte, dann drehte sie sich auf ihren hohen Hacken um, ohne „Oberkampf” eines weiteren Blickes zu würdigen, und stolzierte zu einer geparkten Limousine. Ein Fahrer in Uniform sprang heraus und hielt ihr die Tür auf. Offensichtlich ihr Privatchauffeur. Sie rauschte in die Nacht davon.

Ich gehe auch nach Hause”, sagte Jo, „ich habe lange genug alleine an diesem Tisch gesessen. Ihr Bier müssen Sie nun ohne mich austrinken – und meines meinetwegen auch.”

Jo wollte sich abwenden, da spürte sie eine warme Hand an ihrem Oberarm, die sie festhielt.

Sie sind ganz schön empfindlich, mein lieber Oberkampf”, sagte Breuer und grinste, „lassen Sie uns wieder reingehen und ich bestelle uns Cocktails.”

Nein, danke. Man muss einen klaren Kopf behalten.”

Nicht immer…”, sagte Breuer.

Was ich Ihnen noch sagen wollte,” hob Jo in strengem Ton an, „der Übergang im Ersten Aufzug von der Streicherpassage zu den Hörnern in der Arie Winterstürme wichen dem Wonnemond war von der Dynamik völlig misslungen.”

Sie erklärte ihm ganz präzise, was er alles falsch gemacht hatte, sang ihm die Instrumentenstimmen vor und formte mit ihrer linken Hand Ausdruck und Artikulation der Töne in die Luft. Breuer schaute sie währenddessen intensiv an, aber er schien ihr trotzdem nicht richtig zuzuhören. Sein Gesichtausdruck meanderte zwischen Aufmerksamkeit und Amüsement, seine meeerblauen Augen wanderten über ihr Gesicht, hingen besonders an ihren Lippen – was sie noch schneller sprechen ließ.

Haben Sie verstanden?”, fragte sie zornig.

Sie fallen wohl nie aus der Rolle, was Osterkamp? Immer der Dirigent. Nehmen Sie Ihren Taktstock auch mit ins Bett? Oder darf da sonst noch wer bei Ihnen liegen?“

Er lächelte sie herausfordernd an und Lachfalten fächerten sich um seine Augen herum auf. Seine vollen Lippen teilten sich und zeigten seine schönen Zähne. Ihr Kopf war plötzlich wie leergefegt und ihr fiel keine Erwiderung ein.

Jetzt ist Feierabend. Machen Sie sich mal locker.”

Und in einer zielgenauen Bewegung, bevor sie begriff, was er tat und einschreiten konnte, zog er an einem Ende ihres Halstuchs und die Schleife löste sich. Er zog ihr das Tuch vom Hals, das eine heiße Schleifspur auf ihrer Haut zurückließ. Sie schnappt nach Luft und reckte ihr Kinn reflexartig vor, um zu protestieren und fasste nach dem Tuch, um es ihm aus der Hand zu reißen. Breuer nahm mit seiner anderen Hand ihr Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger und sie erstarrte unter dieser Berührung wie ein hypnothisiertes Beutetier. Der leichte Druck seines Daumens löste sich von ihrem Kinn und sein Finger glitt ihren entblößten Hals hinab, über ihre Gurgel – sie wagte nicht zu schlucken, nicht zu atmen – bis zu ihrem Schlüsselbein. Seine warme Berührung jagte einen Schauder durch ihren ganzen Körper. Sie warf einen blitzschnellen Blick in sein Gesicht. Er hatte seine Augen fast geschlossen und schien sich ganz auf das Spüren zu konzentrieren.

Ein Lufstrom und ein Stimmengewirr weckte sie aus ihrer Erstarrung. Breuer trat einen Schritt zurück und ließ das Halstuch los, das nun schlaff in ihrer Hand hing. Ihre magische Verbindung war unterbrochen. Einige Gestalten kamen aus der Drehtür und zogen an ihr vorbei wie Schattten.

Wir haun uns in die hapfn”4, sagte einer der Musiker.

Gute Nacht”, hörte sie Breuer sagen. Ob zu den Musikern oder zu ihr, wusste sie nicht. Er wendete sich ab und ging durch die goldene Drehtür zurück in die Hotellobby.

Jo ging wie eine Traumwandlerin nach Hause. Ihre Beine kannten den Weg. Gedankenfetzen jagten durch ihren Kopf. Sie fühlte sich, als ginge sie unter Wasser. Ihre Ohren waren taub gegen die Geräusche der Straße. Das einzige, was sie in ihren Ohrmuscheln hörte, war das Rauschen des Blutes im Rhythmus ihres Herzschlages – Staccatissimo – Prestissimo5.

Fußnoten

1„Hoffmanns Erzählungen“ (frz. Originaltitel: „Les contes d’Hoffmann“) ist eine Phantastische Oper von Jacques Offenbach. Uraufgeführt am 10. Februar 1881 in Paris.

3Wienerisch für einen Abgang machen, verschwinden

4Wienerisch für ins Bett gehen, schlafen gehen

5Äußerst abgehackt und schnell

Halbzeit im NaNoWriMo – Kurzhaarschnitt und Korsett für die Dirigentin (Leseprobe)

Heute ist Halbzeit und ich habe die magische Marke von 25.000 Wörtern (111 Normseiten) gestern um kurz nach 1 Uhr nachts überschrieben. Ich habe im Schreiben meinen guten Rhythmus gefunden (eine Abendschicht und eine Nachtschicht von je 1 ½ Stunden) und schaffe meinen täglichen Wordcount.

Aber ach, die zweite Woche bringt so manche Sorgen, wie ich die Geschichte entwickeln soll. Die Figuren sind eingeführt, die Szenerie ist aufgebaut – und nun muss der Handlungsbogen nach oben gehen und auf einen dramatischen Höhepunkt zusteuern. Aber worin genau soll dieser bestehen? Es genügt nicht, dass meine Dirigentin immer wieder mit dem fiesen Kapellmeister Heger zusammenprallt und immer wieder knapp einer Entlarvung entkommt – das wiederholt sich zu sehr. Auch meine vielen Anekdoten und Details zu Angewohnheiten der Sänger, kleinen Bühnen-Pannen, Klatsch und Tratsch, die ich aus meinem tollen Opern-Buch habe, und Schwelgen in der Musik bilden zwar eine gute Würze, sind aber nicht handlungstragend.

Am Mittwoch habe ich ein langes Telefonat mit meiner Literaturagentin (meinen Antarktis-Roman hat sie einem Dutzend Verlage auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt, nun heißt es Geduld haben, es liegen noch keine Rückmeldungen vor, auch wenn die Lektoren vor Ort wohl positiv auf ihren Pitch reagiert haben). Sie fragt mich nach meinem neuen Romanprojekt und ich erzähle es ihr. Sie findet zwar das Thema „Frau in einer Männerdomäne“ gut und auch Wien als Sehnsuchtsort, fragt dann aber: „Wo ist der Höhepunkt? Warum und wie scheitert sie?“

Damit hat sie natürlich den Finger in die Wunde gelegt – ich weiß es noch nicht so richtig. Dann äußert sie eine grundsätzliche Skepsis: Aus Erfahrung weiß sie, dass Lektoren beim Thema Musik und Film in Romanen zurückhaltend seien, erst recht klassische Musik wäre nicht massentauglich und hat den Ruf, nur für ein intellektuelles Publikum zu sein. Es könnte also sein, dass ich mein Werk in hunderten Stunden harter Arbeit schreibe und die Verlage es dann nicht mal mit der Kneifzange anfassen. Ich halte dem entgegen, dass ich für meinen Stoff brenne und diesen Roman auf jeden Fall schreiben werde, auch wenn er vielleicht erst mal (oder für immer) in der Schublade landet. Meine Agentin betont, sie wolle mein Feuer auf keinen Fall löschen und ich solle weiterschreiben.

Am Mittwochabend und Donnerstag bin ich dann doch ziemlich deprimiert, raffe mich trotzdem zum Weiterschreiben auf. Ich hoffe einfach, dass sich doch eine Leserschaft für meinen Roman – auch für die von mir so geliebte Opernwelt – begeistern wird und meine geschriebene Stimme nicht vor leeren Rängen verhallt.

Gleichzeitig überlege ich intensiv, wo das Drama für meine Figur herkommen könnte und wie ihre Heldenreise genau aussehen könnte. Dann kommt mir eine Erleuchtung: „Madame Butterfly!“ Danke Puccini! Eine Liebesgeschichte wollte ich sowieso einflechten (inklusive erotischer Liebesszene – bin sehr gespannt, ob ich das hinbekomme, habe so etwas noch nie zu Papier gebracht), aber nun wird sie auch schwanger werden und dann steht sie vor der Entscheidung: Kind oder Karriere. Mehr verrate ich nicht.

Habe nun jedenfalls die dramatische Entwicklung der Geschichte besser vor Augen und habe wieder Freude am Fantasieren und Schreiben.

Hier nun die Leseprobe:

Johanna wurde an der Opernpforte telefonisch vom Kapellmeister Heger abgewiesen, weil er es für einen schlechten Witz hält, dass eine Frau dirigieren könne.

In ihrem Innern kochte der Zorn. Sie stürmte los ohne rechts und links zu schauen, ließ ihre langen Beine ausgreifen, stemmte ihre Stirn gegen den Wind als sei er eine Mauer, die sie einreißen wollte. Als sie irgendwann wieder aufblickte, fand sie sich vor der güldenen Statue von Johann Strauss wieder. Ihre Füße waren unwillkürlich den selben Weg vom Vortag gegangen und hatten sie in den Stadtpark getragen.

„Solche Problem hattest du nicht, Johann“, rief sie in das güldene Gesicht des Geigers, der selig lächelte.

„Wenn ich nicht dieses “a” am Ende meines Namens hätte, würden diese verknöcherten Kerle mich einlassen in die Welt der Musiker – dieser männlichen Überklasse“, sie spie die Worte nur so aus. Johann Strauss gab ihr keine Antwort. Sie marschierte weiter. Von Statue zu Statue – jedem Komponisten klagte sie ihr Leid. Aber was verstanden die schon davon – sie waren schließlich allesamt männlich – die Kronen der Schöpfung. Ha!! Warum gab es eigentlich keine weiblichen Komponisten? Die Welt war so ungerecht. In diesem Moment durfte einer der Dirigenten seinen Stab schwingen – vielleicht der blasse Brillenträger, der in der Schlange vor ihr gestanden hatte oder der Schnurrbarttyp. Sie verfügten über den wichtigsten Stab in diesem Wettbewerb – den Penis. Wenn Johanna doch ihr „a“ verlieren könnte und sich einen Schnurrbart wachsen lassen. (…)

Als sie dann in ihrer Kammer stand und in den Spiegel blickte, wurde sie ernst. Lange schaute sie in das Gesicht, das ihr fragend entgegen blickte. Sie traf einen Entschluss. Bedächtig holte sie eine Schere aus dem Kulturbeutel und umfasste mit der linken Hand ihren Zopf. Mit der rechen Hand führte sie die Schere. Mühsam, aber beharrlich bahnte sich die Schneide ihren Weg durch das dicke blonde Haar. Dann hielt Johanna ihren Zopf in der Hand wie eine Trophäe. Sie blickte wieder in den Spiegel. Kurze Haarsträhnen hingen ihr wirr über die Ohren und kitzelten sie im Nacken. Ihre grünen Augen leuchteten.

Kapitel 5: Kostümwechsel

Johanna musste schnell handeln, wenn sie ihre Verwandlung bis morgen früh vollenden wollte. Sie brauchte einen richtigen Herrenhaarschnitt und die dazu passende Kleidung – unter der sie ihre verräterischen weiblichen Kurven verbergen konnte – und vielleicht andere männliche Merkmale hinzufügen? Als erstes müsste sie ihre Brust plätten. Zum Glück waren ihre Brüste nicht sehr groß – ein Umstand, den sich als Jugendliche bedauert hatte. Als die Oberweiten ihren Mitschülerinnen verführerisch anschwollen, zeigten sich auf ihrer Brust nur kleine Hügelchen, die man fast übersehen konnte. Besonders bei ihren breiten Schultern und ihrem langen Torso wirkten ihre Venusformen doch ein wenig verloren. Passend zu ihrem verhassten Spitznamen „Leuchtturm“ zogen ihre leuchtend grünen Augen alle Aufmerksamkeit auf sich, die, obwohl nicht sehr groß und katzenhaft schräg stehend, ihr markantes Gesicht mit den hohen Wangenknochen, der geraden Nase und den temperamentvoll geschwungen Lippen dominierten. Niemand hatte sie je als hübsch oder gar schön bezeichnet.

„Du siehst so gesund und kräftig aus“, war das größte Lob, zu dem sich ihre Mutter hinreißen ließ. Als burschikos war sie auch oft bezeichnet worden. (…)

Als verräterischstes Merkmal war aber zuerst ihre Brust dran. Sie streifte ihr schwarzes Dirigentenhemd ab und befreite sich aus dem Büstenhalter. Womit könnte sie ein Korsett improvisieren? Sie schnappte sich das Bettlaken und schnitt es kurzentschlossen in drei lange Stoffbahnen. Sie wickelte erst eine, dann eine zweite Stoffbahn um ihren Oberkörper und zurrte fest an den Enden, aber ihr Busen hoben sich immer noch trotzig hervor. Ganz so winzig waren ihre Brüste anscheinend doch nicht. Wenn sie darum herum aufpolsterte, dann müsste es gehen. Sie holte eines ihrer wollenen Unterhemden aus dem Schrank und faltete es einige Male, so dass es an einer Seite dicker war und zur andern dünner wurde. Mit der dickeren Seite platzierte sie den Stoff unter ihren Brüsten, um den Übergang zwischen Erhebung und flachem Bauch möglichst fließenden zu gestalten. Dann wickelten sie die Tuchstreifen wieder unter einigen Mühen um sich herum und befestigte die Enden mit Sicherheitsnadeln. Sie schlüpfte wieder in das Oberhemd und betrachtete das Ergebnis kritisch. Ihre Brust sah jetzt ein wenig wie bei einem Gockel aus: stolz geschwollen – wie man im Volksmund sagte – und das war eindeutig männlich. Mit einem Jackett darüber oder gar im Frack würde diese Rundung der Brust sicher noch unauffälliger sein.

Was sie oben herum flach gepresst hatte, musste sie unten herum ausbauen. Was konnte sie bloß in ihre Unterhose stopfen, das wie die Wölbungen von Hoden und Penis aussah? Sie durchsuchte ihren Kleiderschrank. Da, das Stoffsäckchen mit dem getrockneten Lavendel gegen die Motten. Das passte von Form und Größe ganz gut, war formbar und auch nicht so schwer. Ob sie unten in der Küche vielleicht ein Wiener Würstchen im Kühlschrank finden würde? Sie schmunzelte bei diesem Gedanken, zog ihren Morgenmantel über und wickelte sich ein Handtuch wie einen Turban um den Kopf, um ihre kurzen Haare zu verdecken, und schlich hinunter. Sie fand die Küche wieder verlassen vor und inspizierte den Kühlschrank. Enttäuscht musste sie feststellen, dass es hier kein einziges Würstchen gab. Die aufgereihten Eier im Türregel lachten sie an, aber für diese männliche Anatomie hatte sie ja schon eine Attrappe. Sie wollte schon aufgeben, als ihr Blick auf die unterste Gemüseschublade fiel, sie zog das Fach auf. Bingo. Ein Haufen loser Möhren und eine Gurke lagen dort unschuldig und bereit, für ihren pikanten Zweck verwendet zu werden. Sie entschied sich für eine dicke Möhre, etwas so lang wie ihr Handteller. Das müsste von der Größe ungefähr hinkommen. Es würde sicherlich keiner nachmessen. Gerade wollte sie sich mit ihrem Fundstück von dann machen, als sie Schritte hinter sich hörte. Sie ließ die Möhre in ihrer Manteltasche verschwinden und dreht sich um. In der Tür stand die Concierge mit einem Gesicht, als hätte sie eben in eine Zitrone gebissen.

„Grüß Gott Frau Dabjanszki“, sagte Johanna zuvorkommend.

„Haben Sie Feuerholz aus der Kiste vor dem Bad im vierten Stock genommen?“, fragte die Concierge unwirsch.

„Ja, ein kleines Bündel“, gab Johanna zu, „steht der Korb nicht dort, damit man sich daraus etwas für seinen Ofen holen kann?“

„Dieses Holz ist nur für das Bad bestimmt. Wenn Sie Brennholz oder Briketts für Ihren Zimmerofen brauchen, müssen Sie es bei mir kaufen. Ein Schilling kostet das Bündel.“

„Tut mir leid, das wusste ich nicht. Ich kaufe nachher einige Bündel bei Ihnen und lege wieder eines zurück in den Korb“, beeilte sich Johanna zu versichern. Frau Dabjanszki nickte und ließ ihren Kontrollblick durch die Küche schweifen, als suche sie nach weiteren Verstößen gegen die Hausordnung. Wenn sie wüsste, dass sich eine stibitzte Möhre in Johannas Tasche befand, gäbe es sicher ein Donnerwetter, vielleicht sogar einen Rausschmiss für die Doppeldiebin. Sie würde spätestens morgen Lebensmittel einkaufen gehen und die Möhre ersetzen. Der strenge Blick der Concierge kehrte zur neuen Mieterin zurück, ein zweites säuerliches Nicken und Johanna war aus dem Verhör entlassen.

Wieder oben in ihrer Kammer arrangierte sie den Lavendelbeutel und die Möhre in ihrer Unterhose in möglichst lebensechter Nachahmung der männlichen Anatomie. Verdammt, die Gegenstände verrutschten, sobald Johanna einige Schritte tat. Vor allem die Möhre war widerspenstig und zeigte wie ein Kompass in magnetischer Verwirrung in alle möglichen Richtungen und drückte sich vorwitzig durch den Stoff in den Vordergrund. Das ging gar nicht. Sie befand, dass das falschen Hodensäckchen zunächst genügen musste. Es sorgte dafür, dass sie beim Auf- und Abschreiten im Flur vor ihrer Kammer einen anderen Gang annahm: breitbeinig mit diesem Säcklein geballten Männlichkeit zwischen ihren Schenkeln.

In Hemd und Hose unter ihrem Mantel und in den flachen derben Stiefeln, die sie nicht als Frau verrieten, marschierte sie zu einem Herrenfrisör, den sie mit ihrem Leuchtturmblick in einer belebten Geschäftszeile am Graben entdeckte. Hier musste sie ihren ersten Test als brandneu geformter Adam – besser gesagt: Johann – bestehen. Nach kurzer Wartezeit wurde „er“ in einen der Stühle vor den Spiegeln gebeten.

„Waschen und Schneiden, mein Herr?“, fragte der Frisör, ein kleiner Mann mit Buckel und dichtem grauen Haar. Er war so diskret, nicht danach zu fragen, wer seinem Kunden zuletzt diese Zottelfrisur geschnitten hatte.

„Ja, bitte. Mit Seitenscheitel rechts und im Nacken bitte ausrasieren“, sagte Johann(a) mit Brustton. Ihre Stimme besaß von Natur aus einen vollen, eher tiefen klang.

Beim Haarewaschen legte sie ihren Kopf nach hinten überstreckt in das kleine Waschbecken. Ihr Hals fühlte sich exponiert an, sie mochte diese Haltung nicht.

„Gehen Sie auf einen Kostümball, meine Dame?“, fragte der Frisör beim Einschäumen. Johanna hob erschrocken ihren Kopf und das Haarshampoo lief ihr brennend in die Augen.

„Wie kommen Sie darauf, dass ich eine Frau bin?“, fragte sie ein wenig kleinlaut.

„Sie haben keinen Adamsapfel“, sagte der Frisör und tippte mit seinem dicken Zeigefinger auf den Gurgelknopf seines eigenen Halses. Noch keine halbe Stunde als Mann unterwegs und schon ertappt. Aber besser heute als morgen. An den Adamsapfel hatte sie überhaupt nicht gedacht. Da hatte sie so viel Mühe darauf verwandt, sich unter der Gürtellinie männlich auszustatten und dabei die wahre Achillesferse des Fraudātor glatt vergessen.

Der Frisör machte sich flink ans Werk, seine Schere tanzte durch ihre feuchten Haare, ein elektrischer Rasieren fuhr ihren Nacken hoch und schon schüttelte der Haarkünstler das Schutzcape aus und präsentierte ihr den Schnitt mit einem Spiegel von allen Seiten. Johanna staunte. Mit dem gewachsten Seitenscheitel, dem Bubikopf und dem ausrasieren Nacken sah sie wirklich wie ein junger Mann aus, fast schon militärisch. Sie könnte als träumerischer Offizier durchgehen – über ihren vollen Lippen fehlte eindeutig ein Schnurrbart für die perfekte Verwandlung. (Sie verwandelt sich von Johanna in “Jo“.)

Kapitel 7: Mit viel Hertz und Taktgefühl beim Vorspielen

Jo stand an eine Säule der Arkaden gelehnt, ihren Blick fixiert auf den Bühneneingang. Auf dem Weg zum Opernhaus hatte sie sich sehr männlich und kampfbereit gefühlt, war mit ausgreifenden Schritten und erhobenem – wenn auch streichelzartem – Kinn gegangen. Mit ihrer stolzen Hahnenbrust, dem bübischen Kurzhaarschnitt unter dem Hut und dem angeklebten Bärtchen über der Oberlippe war sie das Abbild eines Jünglings. Jetzt, wo der Moment der Entscheidung gekommen und die erste Hürde sich vor ihr auftürmte, klammerte sich sich an ihre Notentasche und hoffte, Joseph Haydn werde seine schützende Hand über sie halten. (…)

Nun erschien ein junger Mann in dunklem Mantel und einer Notenmappe unter dem Arm am anderen Ende der Arkaden. Mit jedem Schritt, den er näher kam, wurde sie sich sicherer, dass er ein Dirigenten-Anwärter war. Als er gerade die Pforte des Bühneneingangs aufzog, schoss Jo hervor und heftete sich wie ein Schatten an die Fersen ihres Kollegen. Er war fast einen Kopf kleiner als sie, so dass sie beim Betreten der Vorraums sofort sah, dass derselbe Pförtner vom Vortrag auf dem Wachposten saß. Allerdings war er gerade damit beschäftigt, ein Paket vom Postboten entgegenzunehmen. Eine Welle des Optimismus durchströmte sie. Jetzt müsste sie mit Schwung ihren Durchbruch machen, wie ein General mit fliegenden Fahnen einmarschieren und dabei eine selbstverständliche Berechtigung ausstrahlen, so dass der Torwächter nicht auf den Gedanken käme, sie aufzuhalten.

„Ich komme zum Vorspielen für Herrn Kapellmeister Heger“, sagte ihr Schutzschild mit heller Stimme. Der Pförtner warf ihm einen flüchtigen Blick zu und schob die ominöse Liste auf dem Empfangstresen herüber. Ihre Vorhut unterzeichnete im Feld bei seinem Namen.

„Ich auch“, sagte Jo mit Bruststimme und griff sich den Stift wie ein Feldherr. In ihrem Kopf hörte sie eine Trompete zum Angriff blasen. Schwungvoll machte sie in der letzten Zeile bei dem Namen eines anderen ein unleserliches Handzeichen und schon glitt sie durch die Schwingtür in den Flur ins Innere der Festung. (…)

Um elf Uhr sollte das Vorspielen beginnen. Genau in dem Moment, als der große Zeiger der Uhr auf die volle Stunde sprang, öffnete sich die Tür und vier Herren marschierten ein – das Raunen und Rascheln im Raum verstummte augenblicklich und alle Blicke richteten sich auf die Eingetretenen. Jo erkannte an der Spitze des Komitees sofort den sehr filigran-eleganten Herrn von heute Morgen wieder, der einer der ersten an der Pforte war.

„Das ist Direktor Schalk“, raunte ihr Dominic zu.

Der Mann hinter ihm wirkte vergleichsweise massiv in seinem grauen Anzug mit den breiten Schultern und dem stampfenden Gang. Sein Gesicht war langgezogen und erinnerte Jo an eine Gurke. Eine saure Gurke, wenn man seine schmalen Lippen mit den herunter gezogenen Mundwinkeln miteinbezog. Er hatte braun-gräuliches Haar, das seinen Oberkopf nur spärlich bedeckte, aber über den Ohren noch dicht war. In der rechten Hand trug er einen Taktstock wie ein Zepter. Das musste Kapellmeister Robert Heger sein. Hinter ihm ging ein Mann, dessen blonde Wallemähne sofort ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Er hielt seinen Kopf mit der Eleganz eines Schwans und wäre als Sänger sicher die Idealbesetzung für Lohengrin gewesen. Ein kurzer Bart bedeckten sein Kinn und seine weich geformten Wangen. Seine dunkelblauen Augen streiften kurz über die Schar der aufgereihten Dirigenten und er nickte aufmunternd in ihre Richtung. Erst jetzt fiel ihr auf, dass der Schwanenritter mit dem linken Bein hinkte als hätte er ein steifes Knie. Vielleicht eine Kriegsverletzung? Nein, für einen Mann in seinen 40ern war er für den Wehrdienst wahrscheinlich schon zu alt gewesen. Ob er auch ein Dirigent war? (…)

„Der Herr mit den langen blonden Haaren ist Martin Breuer. Er ist fest engagierter Dirigent am Haus.“

Das grell bunte Stimmenwirrar verstummte und die erste Oboe gab dem Orchester das „a“ an und alle Instrumente stimmten sich darauf ein. (…) Umso erstaunter war sie, als sie nun den höheren Kammerton auf 443 Hertz hörte.

(… Mittagspause nach dem Vorspiel der ersten beiden Kandidaten…)

In der Kantine setzten sie sich an denselben Tisch mit den Kandidaten, die eben auf dem Pult gebrutzelt hatten. Der Engländer bestellte ein Bier und schüttete es in einem Zug hinunter. Sie sprachen sich gegenseitig Mut zu und echauffierten sich über den Kapellmeisters.

„Wie soll ick zeigen, was ick kann, wenn der Maestro mich alle paar Takte unterbricht?“, klagte der Engländer sein Leid.

Jo aß schweigend ihren Gulasch mit einer Semmel und trank ein Kracherl, beim Essen versuchte sie, ihren Mund so wenig wie möglich zu bewegen, damit der Kleber ihres Oberlippenbarts nicht zu sehr strapaziert wurde. Zu den Gesprächen nickte sie freundlich und musste sich ermahnen, nicht ständig an ihrem Halstuch herum zu nesteln, das ihren fehlenden Adamsapfel kaschieren sollte.

Bevor es weiter ging, musste sie noch zur Toilette. Auf der Suche nach dem Örtchen ging sie alleine durch die langen Gänge des Hauses, hier eine Treppe hoch und dort wieder herunter. Sie genoss die Stille und suchte in ihrem Kopf nach den wahren Klängen von Haydn, die durch die vielen Misstöne in der Probe störend überlagert worden waren. Schließlich fand sie das WC. Beim Händewaschen musterte sie sich kritisch im Spiegel. Der Seitenscheitel von Johann saß ordentlich und seine hohe Gestalt im Dreiteiler war fast schon Dandy-haft. Jetzt musste sie sich aber beeilen, zurück in den Probenraum zu kommen.

Als sie aus der Tür des Badezimmers stürmte, stieß sie mit einem Mann zusammen. Erschrocken blickte sie in ein tiefblaues Augenpaar.

„So aufgeregt?“, fragte Martin Breuer mit sanfter Stimme und ein Lächeln zog über sein Gesicht wie ein Sonnenstrahl.

„Die Damen werden es Ihnen verzeihen“, sagte er und zwinkerte Jo zu. Sie starrte ihn verwirrt an. Er zeigte auf das Schild an der Tür, aus der sie gerade gekommen war. Dort war in einem Messing-Relief die Figur einer Frau im Kleid abgebildet. Oh nein, Johann war auf die Damentoilette gegangen!

„Oh, ein Versehen“, stammelte Johann mit seiner tiefsten Stimme. Martin Breuer klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter und sagte:

„Dann zeigen Sie gleich mal, was Sie können, junger Mann“, und ging voran in Richtung Probenraum.

WIE JO SICH WOHL IM CASTING SCHLÄGT? FORTSETZUNG FOLGT.

Ahnt ihr schon, wer ihr “love interest” sein wird?

 

Schon 7 Tage im NaNoWriMo mit meiner Dirigentin in Wien

Es ist eine dunkle und stürmische Nacht im November – und schon wieder sitze ich Nacht für Nacht vor dem blauen Licht meines Bildschirms bis die Glocken zwölf Mal schlagen – zur Geisterstunde werden meine Schreibgeister erst so richtig munter. Seit 7 Tagen stelle ich mich zum 4. Mal in Folge dem NaNoWriMo – der Challenge, jeden Tag mindestens 1.667 Wörter meines Romans zu schreiben, bis ich am 30. November die Ziellinie von 50.000 Wörter überschreibe – mit dieser Länge darf sich ein Text mit gutem Gewissen Roman nennen. Dass an diesem Rohentwurf noch einiges zu überarbeiten und zu schleifen sein wird, versteht sich. Aber das Textfundament ist damit gelegt.

Mein Romanprojekt in diesem Jahr heißt: „Die Dirigentin im Herrenrock“. Meine Protagonistin kommt am 1. November 1925 nach Wien und will sich an der Oper als Assistentin des Kapellmeisters bewerben – aber alleine der Umstand, dass sie eine Frau ist, verwehrt ihr jede Chance. Also verwandelt sie sich in einen Mann und siehe da – sie darf dirigieren. Aber kann und will sie diese Maskerade aufrecht erhalten?

Von meiner Recherche-Reise nach Wien Anfang Oktober habe ich euch schon erzählt. In der Zwischenzeit habe ich drei junge Dirigentinnen via Skype interviewed – die mir auf Anfrage der Dozent des Masterstudiengangs für Orchesterdirigieren an der Universität der Künste Berlin freundlicherweise vermittelt hat. Von diesen beeindruckenden jungen Frauen habe ich einiges über die individuellen und oft verschlungenen Wege einer Musikerin hin zur Dirigentin erfahren und welche Herausforderungen einer Frau in diesem Beruf begegnen und welche Eigenschaften sie mitbringen sollte, um zu reüssieren. Außerdem habe ich einige Dokumentationen angeschaut, z.B. über den Solti-Dirigentenwettbewerb 2015 in Frankfurt und über die großen Rivalen Furtwängler und Toscanini in den 1920er bis 40er Jahre. Zudem habe ich noch 2 hochinteressante Bücher über die Wiener Oper und Frauen in Salon und Kaffeehaus im Wien der 1920er Jahre entdeckt – die ich noch nicht ganz gelesen habe (hatte in den letzten Oktoberwochen eine faule Phase – aber Relaxen vor dem Schreib-Marathon ist wohl auch wichtig), aus denen ich noch viel Honig für meinen Roman saugen kann.

Als ich letzten Sonntagabend (1. November 2020) vor meinem Computer sitze, fühle ich mich trotz meiner Recherche ziemlich unvorbereitet, habe zwar eine Vision und eine Idee davon, was ich ausdrücken möchte, aber von einem Plot oder Storyboard bin ich weit entfernt. Ich weiß noch nicht einmal, wie meine Heldin Johanna (der Name ist mir zugeflogen, auch eine Homage an die junge Dirigentin Joana Mallwitz, die aktuell die Flagge der neuen Generation von Dirigentinnen hoch hält) mit Nachnamen heißen soll und wie ihre Vorgeschichte ist. Eigentlich gehört es zur Vorarbeit eines Romans, für jede Figur eine Biografie zu entwerfen. Aber ich bin keine große Planerin, sondern lasse mich beim Schreiben treiben und die Figuren und ihre Entwicklung unter meinen Händen während des Tippens entstehen. Mir gefällt diese Arbeitsweise, ich gehe auf Entdeckungsreise in meine Fantasie und überrasche mich selbst, anstatt einen vorgefertigten Plan abzuarbeiten.

Tatsächlich habe ich es Tag für Tag geschafft, meine Figuren zu formen und für ihren Weg in der Geschichte in Stellung zu bringen. In den ersten 3 Kapiteln – die ihr zum Abschluss auszugsweise als Leseprobe findet – bin ich also auf Spurensuche nach meiner Hauptfigur gegangen.

Auch einen wichtigen Gegenspieler habe ich gefunden: den (hist.) Dirgenten Robert Heger, dessen Assistentin Johanna wird. Er ist ein ziemlicher Kotzbrocken (später auch ein Nazi), der von der natürlichen Überlegenheit von Männern gegenüber Frauen überzeugt ist und Johanna bei ihrer ersten Bewerbung abblitzen lässt.

Was meinen Schreibprozess angeht, so bin ich (leider) die totale Aufschieberin – den ganzen Tag über mache ich einen weiten Bogen um meine Schreibdokumente – gehe spazieren, schaue meine Lieblings-Opern-Videos an und esse Lebkuchen dazu. Erst wenn es dunkel ist und es keine Ausreden mehr gibt, setze ich mich gegen 19 Uhr an meinen Schreibtisch und lege meine erste Schreib-Session ein. Meistens schaffe ich in 1 – 1 ½ Stunden ca. 900 Wörter. Dann mache ich eine Pause. Gegen 22 oder 23 Uhr raffe ich mich dann zur zweiten Runde auf und komme meist gut in Schwung, so dass ich die fehlenden 800 Wörter bis zur magischen Zwischenlinie schaffe – gegen 1 Uhr nachts mache ich dann aufgekratzt den Computer aus und gehe noch ein Stündchen in den nebelig-verlassenen Straßen meiner Wohnsiedlung spazieren und sage den Füchsen gute Nacht.

Meine Bilanz der ersten 7 Tage: 12.551 Wörter (57 Normseiten). Meine Statistik sieht also zurzeit gut aus – bin voll im Soll. Ich hoffe, das geht so weiter.

Hier nun die Leseprobe:

Kapitel 1: Wien, Wien nur du allein sollst stets die Stadt meiner Träume sein

Wien, 01. November 1925

Als der Nachtzug aus Berlin kurz vor sechs Uhr in der Frühe in den Wiener Hauptbahnhof einrollte, saß Johanna bereits auf ihrem dickbäuchigen Lederkoffer im Stiegenbereich der Tür und reckte ihren langen Hals nach vorne, um den ersten Blick auf die Stadt ihrer Träume zu erhaschen. Die Sonne konnte sich noch nicht recht entschließen, aufzugehen und den grauen Dunst der Nacht zu vertreiben. Die Müdigkeit in Johannas Gliedern wurde von einer Welle von Adrenalin weggespült, als sie ihren Fuß in festen Schnürstiefeln aus Kalbsleder auf den Bahnsteig setzte und den Koffer mit beiden Händen und vor Anstrengung angezogenen Schultern über die Trittbretter des Wagons auf den Boden herunter zerrte. Eine blonde Haarsträhne löste sich aus ihrem nachlässig zusammengesteckten Haarknoten und fächerte sich über ihre Stirn aus. Sie pustete sich den Haarschleier von den Augen und richtet sich zu ganzer Größe auf, um über die Köpfe der Leute hinwegzublicken und einen Kofferträger zu erspähen. „Leuchtturm Johanna“ hatten ihre Schulkameraden sie halb neckend, halb neidisch ihre Jugendjahre hindurch gerufen. Als Kind der Nordsee waren die Leuchttürme allgegenwärtig – und auf Wangerooge gab es sogar zwei davon, den alten und den neuen. Im Alter von dreizehn Jahren hatte ihr Körper beschlossen, ungebremst in die Höhe zu schießen. Jedes Jahr wuchs sie über zehn Zentimeter, wie Vaters Bleistiftstriche im Türrahmen belegten. Zum Glück hatte sie mit Siebzehn ihren Höchststand von 1,78 Metern erreicht.

„Sonst guckt unser Meitje noch aus dem Schornstein in die Wulkje“, sagte Vater.

„Albert, unser Meitje braucht schon wieder neue Schoo“, rief ihre Mutter händeringend zu jeder Jahreszeit und nähte ständig neue Verlängerungen aus Stoffresten an die Sleves der Pullover und Hosenbeine ihrer Tochter.

„Deine Hosenbeine sehen aus wie eine Ziehharmonika“, sagte Greta aus der Parallelklasse, während sie sich über den weißen Spitzenkragen ihres Blumenkleidchens strich. Johanna hörte sie kaum, denn in ihrem Kopf spielte gerade Beethovens Siebte Symphonie.

Johanna war, soweit sie sich erinnern konnte, nie ein normales Mädchen gewesen. Im Alter von drei Jahren hatte sie das Meeresrauschen in den Muscheln entdeckt. Sie presste sich die große Muschel über ihr linkes Ohr, tänzelte barfuß auf dem Sand im rhythmischen auf- und abfließenden Meeresstrom und fuchtelte mit ihrem rechte Ärmchen in den windigen Himmel, um die Schreie der Möwen zu einem Konzert zu vereinen.

Im Alter von vier Jahren entdeckte sie die Orgel in der St. Nikolai-Kirche beim alten Leuchtturm. Wenn Mutter Freitagabend beim Gemeindetreffen war, schlich sie sich in das verlassene Kirchenschiff, stieg die knarrenden schwarzen Holzstufen der Wendeltreppe zur Empore hinauf und kletterte auf den Hocker des Organisten – Herr Lundt war ein steinalter Greis mit Buckel und krummen Fingern, der im Gottesdienst immer so langsam spielte, dass Johanna beim Singen unweigerlich gähnen musste. Wenn ihre langen schmalen Finger die weißen und schwarzen Tasten der Orgel anschlugen, bereitet der Klang der Pfeifen ihr ein wohliges Kribbeln im Nacken und sie konnte die Töne auf der Zunge schmecken. Das tiefe C schmeckte wie Lakritze und das hohe H wie Brombeeren. Wenn der Küster sie spielen hörte, kam er hinkend angerannt und schüttelte aus der Tiefe zornig seinen Zeigefinger gegen sie.

„Die Orgel ist kein Spielzeug, sondern ein Instrument Gottes!“

Wenn die Musik von Gott kam, dann hatte Johanna einen direkten Draht zu ihm. Aber das verstanden die Großen nicht.

Als sie in die Schule kam, war der Musikunterricht ihr liebstes Fach. Auch wenn Frau Buttfanger die Instrumente – eine Triangel, ein Xylophon und drei Blockflöten – viel zu selten aus der Vitrine holte. Johanna war meistens nicht schnell genug, um eines der begehrten Instrumente zu ergattern und musste sich damit begnügen, den Rhythmus mit zu klatschen – was sie inbrünstig tat.

„Nicht so laut, Fräulein Osterkamp“, ermahnte sie die Musiklehrerin. Meistens sangen sie deutsche Volkslieder wie „Hänschen klein“, „Das Wandern ist des Müllers Lust“, „Alle Vögel sind schon da“, „Hab den Wagen voll geladen“, „Grün, grün, grün sind alle meine Kleider“ – wobei Frau Buttfanger immer schrecklich schräg sang und Johanna jedes Mal Zahnschmerzen davon bekam.

„BORIS GODUNOW“, rief ein Halbwüchsiger Johanna gellend ins Ohr, „heute Abend im Operntheater am Ring. Mit Emil Schipper in der Titelpartie. Am Pult Maestro Robert Heger. Letzte Restkarten hier, letzte Restkarten hier!“

Der Rufer trug eine zu kleine rote Uniformjacke mit goldenen Schultertrosseln und glänzenden Knöpfen wie ein Lakai aus dem untergegangenen Habsburger Königs- und Kaiserreich. Er hielt eine handvoll Opernbillets aufgefächert in der rechten Hand in die Höhe und wedelte damit wie ein Pfau. Tatsächlich drängten sich zwei Damen in Pelzmänteln zu dem Kartenverkäufer und sicherten sich die begehrten Opernplätze.

Johanna fühlte eine anregende Wärme durch ihre Adern rauschen. Würde irgendwann ein solcher Junge auch ihren Namen über die Wiener Straßen und Plätze rufen?

“Am Pult des Wiener Operntheaters: Johanna Osterkamp“ – und würden sich die Leute um die Karten zu ihren Vorstellungen reißen? Das waren alles Träume, Illusionen…

(…) Schon dreht die Straßenbahn nach rechts ab und sie war am Opernplatz. Ihr Herz hämmerte, als sie sich an den Passagieren mit den Regenmänteln vorbei presste und ausstieg. Sie war endlich hier.

Das Wiener Operntheater saß als dicke Diva auf ihrem ersten Platz an der Ringstraße – dabei trug sie die Hausnummer 2, aber das würde ihr niemand vorhalten – jenem Boulevard den Kaiser Franz Josef ab 1860 auf den Spuren der alten Stadtmauer erbauen und von Prachtbauten säumen ließ, die der Donaumonarchie ein repräsentatives neues Gesicht gaben. Eines dieser Vorzeigebauten war das Neues Haus, bald K. k. Hof-Operntheater genannt, das im Jahr 1869 im Beisein des Kaiserpaares mit der Oper „Don Juan“ von Mozart feierlich eröffnet wurde. Johanna kannte die historischen Bilder und Beschreibungen aus ihrem Bildband und Wien-Reiseführer. Aber nun, da sie selbst vor dieser „versunkenen Kiste“ stand, wie die Zeitgenossen den Neubau damals schmähten, verschlug ihr die Erhabenheit des Baus den Atem. Die steinerne Diva saß tatsächlich tief im Fundament, schien sich nur behäbig aus den Steinplatten der umgebenden Plätze zu erheben, dafür aber umso mächtiger, breiter, unverrückbarer, als ein graziler Bau es vermocht hätte. So raumgreifend und imposant war die massive Hülle dieser Diva, die trotz ihrer vielen Fenster etwas von einer Festung hatte, in die es kein Eindringen gab, dass Johanna sie mit einem Blick gar nicht vollständig erfassen konnte.  (…)

Kapitel 2: Eine Dachkammer am Franziskanerplatz – ein Künstlerleben wie bei Puccini

(…) Die Weihburggasse war eng und von dreistöckigen schmalen Wohnhäusern gesäumt, das Tageslicht kam kaum bis zum Trottoir hinunter. Hausfrauen schüttelten Bettdecken aus, irgendwo klang ein Radio durch ein geöffnetes Fenster, zwei Hunde kläfften zweistimmig im Konzert (in F-Dur) und an den Straßenlaternen roch es nach Urin.

Endlich trat sie auf den Franziskanerplatz hinaus, der immer noch im Schatten lag, beinahe viereckig und mit einem Brunnen in der Mitte. Ihre Augen suchten die Fassaden ab, konnte aber weder Hausnummern noch Namensschilder entdecken. Ein Mütterchen in Schürze fegte tief gebeugt vor ihrer Haustür.

„Grüß Gott“, sprach Johanna die Alte an, „ich suche die Pension Anna.“

„Im Orellischen Haus“, krächzte die Alte und deutete mit einem krummen Finger auf das stattliche Haus an der Einmündung der Weihburggasse. Sie bedankte sich bei der Frau und ging auf die grüne Flügeltür des Hauses zu, das mit seinen vier Stockwerken und sechs grün gerahmten Doppelfenstern auf jeder Etage wie ein Weihnachtskalender mit 24 Türchen wirkte.

Johanna drückte die schwere Messingklinke herunter und trat in einen dunklen Flur mit Steinboden, der nach Rauch und Gallseife roch. Links lag die Wohnung der Concierge, die an ihrem zum Flur offenen Fenster mit einer Zeitschrift saß und gemächlich heraus schlurfte, als sie den Neuankömmling sah. Johanna reichte der Concierge den Zettel des Pförtners und fragte nach einem Zimmer für einige Nächte.

„Wir vermieten nur wochenweise“, sagte die Concierge, die sich ihr nicht vorstellte und die Fremde misstrauisch von oben bis unten beäugte. Ihr Blick blieb an Johannas robusten knöchelhohen Männerstiefeln aus schwarzem Leder mit roten Schnürsenkeln hängen – bei einer Schuhgröße von 41 passten die meisten Damenschühchen ihr nicht und selbst im modisch extravaganten Berlin wurde Johanna meistens nur in den Regalen für Herren fündig, vor allem, weil sie hohe Absätze verabscheute und lieber robustes Schuhwerk trug, so wie sie es als Kind gewohnt war – im Watt war man ohne kniehohe Stiefel verloren.

„Wo kommen Sie her, Fräulein…?“, fragte die Concierge.

„Osterkamp. Ich komme aus Berlin.“

„Ah. Die Preußen sind Papageien“, sagte die Hauswächterin und rieb ihren von Druckerschwärze eingefärbten Zeigefinger an ihrer fleischigen Nase, die von einer imposanten Warze geziert wurde. Johanna wusste nicht, was sie von dieser Aussage halten sollte. Sprach die Frau von den Preußen im Allgemeinen oder von ihrem Gegenüber im Besonderen? Sie ließ ihre Glupschaugen wieder an Johannas Figur hoch und runter streifen. Was war denn bloß auszusetzen an ihrer farbenfrohen Kleidung? Johannas grau-rot karierter Rock endete kurz über dem Stiefelbund und ließ schwarze Strümpfe sehen. Mit ihrem tannengrünen Wollmantel, dem senfgelben Schal und der roten Baskenmütze trug sie die Farben des Herbstlaubs.

„Und was machen Sie in Wien?“, wollte die Concierge wissen.

„Ich spreche morgen im Operntheater für eine Anstellung vor“, sagte Johanna.

„Ah, Sie wollen in die Kostümabteilung?“, sagte die Frau und ihre trägen Augenlider hoben sich in einer Welle der Erkenntnis. Johanna nickte. Sie sah keinen Grund, das Weltbild dieser Frau ins Wanken zu bringen. Wahrscheinlich dachte sie, die Papageienfrau aus Berlin können allenfalls eine Nadel schwingen, aber einen Taktstock? Niemals!

„Die Pension ist fast vollständig besetzt. Alles anständige Frauen, die in Lohn und Brot stehen.“

Wie aufs Stichwort hörte man Schritte die Stiege hinab trappeln und eine junge Frau mit Pausbacken, langen Zöpfen und einem schlichten grauen Mantel, der sie wie eine Klosterschülerin aussehen ließ, kam in den Flur.

„Guten Morgen Frau Dabjanszki“, grüßte sie die Concierge gutgelaunt und nickte Johanna zu.

„Denken Sie daran, Fräulein Babadov, keine Essensreste in den Papierkorb und kein Radio nach 10 Uhr abends“, ermahnte die Concierge die Mieterin.

„Jawohl“, sagte die junge Frau ungerührt und schlüpfte durch die Tür nach draußen.

„Diese Bulgaren haben eine dicke Haut wie Elefanten. Alles muss man drei Mal sagen, bis was ankommt“, schimpfte die Concierge mit gedehnten Vokalen und scharfen S-Lauten, was verriet, dass Wiener-Deutsch auch nicht ihre Muttersprache war.

„Die meisten Bewohnerinnen in unserer Pension arbeiten am Operntheater. Das Fräulein Babadov von eben ist da Perückenmacherin.“

„Haben Sie noch ein Zimmer frei für mich?“, wollte Johanna wissen. Frau Dabjanszki guckte sie wieder mit ihrem abschätzenden Blick an.

„Wie lange wollen Sie denn bleiben?“

„Einen Monat“, behauptete Johanna. Sie müsste in einigen Tagen wieder abreisen, wenn sie die Assistentenstelle nicht bekam. Wenn sie aber Erfolg hatte, würde sie mindestens eine Spielzeit lang bleiben.

„Bezahlt wird wöchentlich im Voraus“, sagte die Concierge streng und nannte den Preis in Schilling. Die österreichischen Papierkronen waren wegen der rapiden Inflation der letzte Jahre im März ersetzt worden mit zehntausend Papierkronen zu einem Schilling. Johanna rechnete im Kopf zur deutschen Mark um. Die Miete war ganz schön happig. Aber in Berlin teilte sich Johanna die Miete mit drei anderen Musikerinnen, was günstiger war, als ein Einzelzimmer.

„Darf ich das Zimmer besichtigen?“, fragte sie. Die Concierge nickte unwirsch und schlurfte in ihre Wohnung, um den Schlüssel zu holen. In ihren Filzpantoffeln stieg sie die enge Holzstiege Windung für Windung nach oben und schnaufte dabei wie eine Dampflok. Auf der dritten Etage machte sie Halt und stütze sich auf das Geländer.

„Einen Aufzug haben wir nicht“, schnauzte die Concierge, wohl eher im Bedauern für ihre eigenen Mühen, als für den Komfort der Pensionsgäste.

„Körperliche Bewegung ist doch ganz gesund“, sagte Johanna begütigend. Frau Dabjanszki warf ihr einen giftigen Blick zu.

„Wenn man jung ist…“, murrte sie. Es ging höher und immer höher. Im Flur der vierten Etage steuerte die Concierge auf eine weiß angestrichene Holztür zu, die aussah, als gehöre sie zu einem Wandschrank.

„Putzen müssen Sie das Zimmer selbst“, schnaufte die Frau.

Sie öffnete die kleine Schranktür, zweifelsohne, um der neuen Mieterin die Besenkammer zu zeigen. Sie knipste ein spärliches Licht einer nackten Glühbirne an und nun sah Johanna, dass hier eine schiefe hölzerne Wendeltreppe hinauf ging.

„Die Dachkammern sind oben. Ihr Zimmer ist das letzte im Gang“, sagte Frau Dabjanszki und hielt Johanna den Schlüssel mit dem Holzklotz mit der Nummer 5 unter die Nase. Offensichtlich wollte sie sich den letzten Aufstieg ersparen. Johanna griff beherzt zu und kletterte die Wendeltreppe hinauf und fühlte sich zurück versetzt zur Stiege hinauf zur Orgel in St. Nikolai. Diese hier ächzte unter jedem ihrer Schritte und schien dem Zusammenbruch nahe zu sein. Oben angekommen streckte sich ein schmaler Gang vor ihr aus, der sich an der Dachschräge entlang schmiegte. Die drei Liegendfenster spendeten ein fades Licht, das die Staubspuren auf den groben Dielen nicht verbergen konnte. Ein kalter Wind pfiff durch die Ritzen der Dachziegel. Mit eingezogenem Kopf ging sie zur letzten Tür auf dem Gang und sperrte auf. Ein Kämmerlein nicht viel größer, als das Zugabteil zeigte sich ihr. Links unter der Dachschräge stand ein schmales Bett mit einer zerschlissenen Wolldecke und eine Kommode. Neben dem Bett ein Holztisch und ein Stuhl vor einem winzigen Fenster. Daneben ein rußschwarzer Standofen mit Abzugsrohr nach draußen. Feuerholz: Fehlanzeige.

Rechts ein Bauernschrank mit verzogenen Türen, die nicht richtig schlossen. Darin hingen sieben Drahtbügel und einige Mottenkugeln kullerten herum. Daneben ein Frisiertisch mit Spiegel, über den sich ein Riss zog. Auf dem Tisch stand eine halb heruntergebrannte Kerze in einem Teller mit Haltegriff. Unwillkürlich musste Johanna lächeln. Sie war unversehens im Dachkämmerlein von Mimi gelandet – wenn sie in der Kammer nebenan klopfen würde, stände ihr der Dichter Rodolfo gegenüber, er würde ihr Feuer für ihre erloschene Kerze geben und ihr eiskaltes Händchen zärtlich in seinen Händen wärmen. „Che gelida manina“ summte sie und in ihrem Kopf schwoll das Orchester zu Puccinis leidenschaftlichen Liebesklängen an. Ja, als echte „Bohème“ musste man Lebenskünstler sein und sich nicht von solch profanen Dingen wie fehlender Ofenwärme oder schäbigem Mobiliar stören lassen.

Beim Hinausgehen sah sie neben der Tür ein weiteres Kleinod dieser Dachkammer: Dort hing ein gerahmtes Bildnis in Öl, das Kaiser Franz Josef mit imposantem grauen Backenbart und in blauer Garde-Uniform zeigte – vermutlich vom Trödelmarkt oder es hing hier schon seit der Kaiserzeit.

Johanna seufzte. Es war schließlich nur für einige Nächte, dann würde sie sich eine behaglichere Wohnstatt suchen.

Als sie wieder eine Etage tiefer vor der Concierge stand und sich die Spinnweben aus dem Gesicht strich, fragte sie nach dem Badezimmer.

„Dort ist das Gemeinschaftsbad. Klosett ist nebenan.“

Johanna inspizierte diese Räume, die sehr abgenutzt, aber funktional und einigermaßen sauber zu sein schienen.

„Ein Bettlaken und zwei Handtücher pro Woche sind inbegriffen“, erklärte die Concierge. „Im Keller ist eine Waschmaschine, die Sie gegen Gebühr benutzen können. Leinen zum Aufhängen sind auch da. Bügeleisen und -brett auch. Im Parterre gibt es eine Gemeinschaftsküche. Dort finden Sie einen Gasherd, einen Kühlschrank und alles, was man so braucht. Für Ihre Vorräte haben Sie ein eigenes Regal im Schrank. Schreiben Sie Ihren Namen auf die Lebensmittel drauf, damit sich die hungrigen Mäuse nicht des Nachts drüber hermachen“, leierte die Concierge lustlos herunter. Mit den Mäusen meinte sie wohl hungrige Mitbewohner. Johanna lächelte höflich über diesen Witz, aber die Frau guckte an ihr vorbei.

„Nehmen Sie nun das Zimmer oder haben Sie meine Zeit verschwendet?“, wollte Frau Dabjanszki wissen.

„Ich nehme es“, sagte Johanna kleinlaut.

Wieder im Erdgeschoss ließ die Concierge ihre neue Mieterin wie eine unartige Schülerin vor der Tür warten, bis sie mit einem mehrseitigen Vertrag und der Hausordnung heraus kam, sich beides unterschreiben ließ und schließlich mit einem zufriedenen Grunzen ihre dicke Hand zum Empfang des Geldes ausstreckte.

Kapitel 3: Im Stadtpark mit den Komponisten und Mokka mit vielen Namen

(…)

Sie verstaute ihre wenigen Kleidungsstücke im Schrank und stapelte ihre kostbaren Partituren darin zu einem Turm – Monteverdi und Mozart bildeten das Fundament und ihr geliebter Gustav Mahler die Spitze. Die restlichen Habseligkeiten reihte sie ordentlich auf dem Frisiertischchen auf – einige Toilettenartikel. Aber anstelle von Wimperntusche und Kajalstiften gab es bei ihr nur Bleistifte und Buntstifte für die Notizen in den Noten. Aber ein Gegenstand brauchte einen besonderen Platz. So wie manche Menschen ein Kreuz oder einen siebenarmigen Leuchter aufstellten, baute sie einen kleinen, aufklappbaren Notenständer aus dunklem Metall auf, den ein Straßenkünstler am Berliner Gendarmenmarkt ihr verkauft hatte. Darauf breitete sie eine Miniatur-Partitur aus – es war ein Notizheftchen mit Notenlinien, das sie als sechsjähriges Mädchen zwei Wochen lang in ihrem Krankenbett geführt hatte, als sie das Fieber der Spanischen Grippe schüttelte. Dort hatte sie die Melodien aus ihren wirren Träumen eingefangen und niedergeschrieben. Ihre erste Komposition. Sie nannte sie „Lied der Gezeiten“. Dieses Lied hatte sie in der 4. Klasse sogar einmal mit ihren Schulkameraden aufgeführt – mit Glockenspiel, Blockflöten, Xylophon und Trommel – sie hatte dirigiert. Das Publikum bestand aus den Möwen am Strand und dem stinkenden alten Beppo, der zum Schluss jaulte – was entweder Bravo oder Buh bedeuten mochte. Ihr „Lied der Gezeiten“ war die Geburt ihres Traumes gewesen, Musik zum erklingen zu bringen. Behutsam strich sie mit ihrem Zeigefinger über die gewellten Seiten des Papiers und die ausgeblichenen Noten, die trotzig den letzten 22 Jahren standgehalten hatten.

Zuletzt holte sie die längliche schwarze Lederschatulle hervor. Auf dem Deckel befand sich mit Silberfäden eingenäht das Wappen einer Adelsfamilie, die sich wohl irgendwo in den Ritzen der Geschichte verloren hatte. Mit einem dumpfen Plopp gab der Deckel dem Druck ihrer Finger nach und sprang auf. Das Innere der Schatulle war mit rotem Samt ausgeschlagen und duftete nach Edelholz und Orangenschalen. Früher war darin ein funkelndes Collier aufbewahrt worden – das stellte Johanna sich jedenfalls vor. Sie hatte diese Schatulle auf einem Flohmarkt auf der Museumsinsel in Berlin entdeckt. Nun enthielt sie den größten Schatz, den es für sie gab, kostbarer als Schmuck und Geschmeide: ihren Dirigentenstab. Für sie war es kein bloßer Taktstock – sie lehnte diese Bezeichnung ab – denn es ging um viel mehr, als dem Chor oder Orchester ein menschliches Metronom zu sein. Der Dirigentenstab war ein Zauberstab, der aus dem Klangkörper jene Musik herausholte, die in den unbeschreiblichen Sphären zwischen den Noten und ihrer Vision schwebte. Sie nahm den Stab in die Hand, ließ ihre Fingerkuppen über das glatt polierte Weißbuchenholz streichen, von der hellen Spitze bis zum Schaft, der in einem birnenförmigen Filzkopf endete, der sich in ihre hohle Hand schmiegte wie eine Nuss in ihre Schale. Der Dirigentenstab war eine Verlängerung ihrer Hand, so natürlich zu ihr gehörend wie jeder ihrer Finger. Sie hob ihre Arme, schloss die Augen und ließ die ersten Takte der Haydn Sinfonie No. 49 erklingen, der Stab tanzte geschmeidig durch die Luft und gab dem Schrank, dem Spiegel und Kaiser Franz Josef ihr Einsätze. Nach dem Adagio legte sie den Stab mit einem zufriedenen Lächeln wieder auf sein samtiges Lager.

WIE ES WEITER GEHT, erfahrt ihr nächste Woche hier.