Jonas Kaufmann besingt das Wiener Lebensgefühl mit komödiantischer Spielfreunde, Genuss und einer guten Portion schwarzem Humor

Wien, 9. Juli 2026

An diesem lauen Sommerabend sind die Stühle im Theater im Park des Belvedere fast bis auf den letzten Platz besetzt und das Abendrot scheint durchs Blätterdach, als Jonas Kaufmann beschwingt im dunkelblauen Anzug mit weißem Hemd und leger offenstehendem Kragen die Bühne betritt und von freudigem Applaus empfangen wird. Zusammen mit seinem langjährigen Klavierbegleiter Helmut Deutsch präsentiert der Startenor an diesem Abend einen Streifzug durch die Wiener Musikgeschichte von der schwelgerischen Operette bis zum Lied mit kabarettistischem Einschlag.

Theater im Park. Foto: Arabella Meran.
Eine langjährige musikalische Partnerschaft: Helmut Deutsch und Jonas Kaufmann. Foto: Lena Wunderlich, Sony Music.
Teil 1: Operette

Im ersten Teil huldigt der Tenor musikalisch der Schönheit der Donaumetropole und der Wienerinnen mit dem Operettenstück „Grüß mir mein Wien“ (von Emmerich Kálmán aus „Gräfin Mariza“), gefolgt von „Draußen in Sievering“ (von Johann Strauss) und schwärmt mit „Es muss was Wunderbares sein“ von der Liebe. Dabei versteht es Kaufmann bestens, seine goldene Stimme geschmeidig einzusetzen und an passenden Stellen tenorale Stahlkraft aufblitzen zu lassen.

Im melancholischen „Zwei Märchenaugen“ (von Emmerich Kálmán aus „Die Zirkusprinzessin“) besingt er ergreifend die Flüchtigkeit und den Schmerz der Liebe, wobei der Tenor sich in der Mitte des Operettenstücks im Text vertut und unterbrechen muss (mit Bitte an den Tontechniker, ihm mehr Rückschall aus den Boxen auf der Bühne zu geben, damit er sich selbst besser hören könne) und dann wieder einsetzt, als wäre nichts gewesen. Einen Vollprofi wie Kaufmann bringt jedoch so schnell nichts aus der Ruhe, er bleibt gutgelaunt und locker.

Zwischen den Liedern moderiert er souverän. So schickt er dem Stück „Gern hab‘ ich die Frau’n geküsst“ (von Franz Lehár aus „Paganini“) voraus, dass der Text heutzutage „nicht mehr politisch korrek“ sei und er hoffe, dass die Leute auch bis in die letzte Reihe verstünden, dass er diesen mit einem Augenzwinkern singe und der Inhalt nicht ernst gemeint sei. Sonst befürchte er, am nächsten Tag eine Anzeige zu bekommen. Denn dort wird ein sexuell übergriffiges Verhalten eines Mannes gegenüber einer Frau in verharmlosender Weise beschrieben:

Gern hab′ ich die Frau’n geküsst,
hab′ nie gefragt, ob es gestattet ist;
dachte mir: nimm sie dir,
küss sie nur, dazu sind sie ja hier!“

In Kaufmanns gesanglicher Interpretation kommt dieses angekündigte Augenzwinkern charmant rüber. „Zur Versöhnung“ gibt er dann quasi als Zugabe (was nicht auf dem Programmzettel steht) noch „Du bist die Welt für mich“ (von Richard Tauber), um seinen tiefen Respekt für die Frauen auszudrücken.

In diesem ersten Teil des Programms kämpfen die Akteure noch ein wenig mit technischen Schwierigkeiten: So klappt das elektronische Notenwenden nicht remote wie bei der Probe, sodass ein Notenassistent neben dem Pianisten Platz nehmen muss, um das Blättern händisch auf den Tabletts durchzuführen. Da zeigt sich die moderne Technik doch anfälliger für Pannen, als die althergebrachten Notenblätter auf Papier, die unter freiem Himmel höchstens dem Verwehen durch den Wind ausgesetzt waren. Doch Kaufmann rettet diese kleinen Hänger mit seinem Charme und das Verständnis des Publikums ist ihm und seinen Mitspielern gewiss.

Bühne mit Piano und Mikrofonen im Theater im Park. Foto: Arabella Meran.
Jonas Kaufmann wurde am 10. Juli 1969 in München geboren. Mittlerweile lebt er mit seiner Familie in Salzburg und hat neben der deutschen auch die österreichische Staatsbürgerschaft. Foto: Gregor Hohenberg, Sony Music.
Teil 2: Lieder von Georg Kreisler

Der zweite Teil steht ganz im Zeichen der Lieder von Georg Kreisler (1922-2011, österreichischer Komponist, Pianist, Sänger und Dichter). Dessen kabarettistischen Lieder bietet der Tenor mit schalkhafter Freude und bester Diktion mit Wienerischem Einschlag dar. Im „Frühlingslied“ geht das lyrische Ich seinem morbiden Hobby des Taubenvergiftens nach und in „Mein Weib will mich verlassen“ träumt er davon, dass seine grässliche Ehefrau ihn endlich verlässt. Was für einiges Amüsement im Publikum sorgt. Danach stellt Kaufmann jedoch ganz ernst fest: „Das ist nicht von mir“, was man als indirekt Liebeserklärung an seine Ehefrau Christiane Lutz verstehen kann, denn mit der Opernregisseurin ist er seit 2018 nach eigenem Bekunden glücklich verheiratet.

Umso makabrer geht es in den weiteren Liedern zu, in denen der Sänger zunächst von „Wien ohne Wiener“ fabuliert und in einem weiteren Stück seinen sämtlichen Freundinnen den Tod an den Hals wünscht.

Das aberwitzige Highlight unter diesen schwarzhumorigen Liedern ist jedoch „Opernboogie“, in dem der Sänger sämtliche Opernklischees lustvoll durch den Kakao zieht und seine selbst komponierte „Große Oper in drei Akten: Der Ritter und die Ritterin haben einen Schwips oder: Kiss me, Kater“ mit hanebüchender Handlung vorträgt, einschließlich der Pausen („Manche geh′n nach Hause, Manche essen jause“) mit dem Geraunze des Publikums, das es genießt „in einen Käse zu beißen und gleichzeitig Opern zu verreißen!“:

Was sagen Sie nur zu dem Tenor?
Der kommt mir wirklich schrecklich vor
Was reden Sie da? Der ist wunderbar!
Aber nicht so gut, wie er einmal war!
Was halten Sie von seinem hohen C?
Das war doch kein C, das war ein B!“

Was besonders witzig ist, da Kaufmann es mit solchem Schalk und Selbstironie vorträgt, der als Tenor sicherlich selbst schon die Zielscheibe solcher Kritik gewesen ist. Der Sänger gerät während des Stücks so sehr in Fahrt, dass er zwischen dem 2. und 3. Akt mit dem Klavier außer Takt gerät und über den Hinweis zum Rauchverbot im Text stolpert („Das gibt es heute gar nicht mehr“, wirft er ein) und dann spontan einen Witz einbaut, sein Pianist spiele so schnell, er sei schon im 3. Akt. Helmut Deutsch lächelt milde dazu. Er untermalt die Lieder den ganzen Abend über einfühlsam und spielt sich nicht in den Vordergrund (anders im Schubert-Repertoire, wo der Pianist stärker als musikalischer Dialogpartner des Tenors in Erscheinung tritt). Neustart für den dritten Akt und dann rauscht Kaufmann durch bis zum fulminanten Finale mit einem wahren Zungenbrecher in hohem Tempo:

Na, ist das nicht besser als Liszt und Puccini
Chopin, Schostakowitsch, Ravel, Paganini
Gounod, Debussy oder Leoncavallo
Und Smetana, Schubert, Suppé und De Falla
Menotti, Rossini, Rachmaninoff, Händel
Vivaldi und Weber, Scarlatti und Mendelssohn
Gluck, Donizetti, Glinka und Delius
Bruckner, Respighi, Tschaikowsky, Sibelius?“

Was der Tenor jedoch virtuos und textverständlich meistert. Der Text sorgt für einiges Gelächter im Publikum. Hier kann Kaufmann sein komödiantisches Talent voll ausspielen, was bei seinen überwiegend dramatischen Rollen auf den großen Opernbühnen meist ungenutzt bleibt.

Jonas Kaufmann gehört zu den gefragtesten Tenören seiner Generation und ist auf den besten Opernbühnen der Welt zuhause. Foto: Gregor Hohenberg, Sony Music.
Teil 3: Wien und Wein 

Nach der Pause preist Kaufmann musikalisch die Kaffeehauskultur Wiens („In einem kleine Café in Hernals“ von Hermann Leopoldi) und besingt die „Mehlspeis“ (von Ralph Benatzky) und die Powidltatschkerln“ (ebenfalls von Leopoldi) so herrlich, dass einem beim Zuhören das Wasser im Mund zusammenläuft und man gleich seine Bestellung aufgeben möchte.

Nach diesen Gaumenfreuden lädt der Tenor zu einem Spaziergang im Helenental ein („Ich kenn ein kleines Wegerl im Helenental“ aus Steinbrechers Operette „Brillanten aus Wien“).

Die ultimative Liebeserklärung an Wien gibt es im beschwingten „Heut‘ kommen d’Engerln auf Urlaub nach Wien“ (von Franz Josef Hub und Franz Ferry Wunsch), in dem es der größte Wunsch der Engel ist, Urlaub in Wien zu machen, was ihnen glücklicherweise von Petrus per Urlaubsschein gewährt wird.

Zugaben

In der ersten von fünf Zugaben schlägt Kaufmann einen sanft-melancholischen Ton an in „Wenn der Herrgott net will, nutzt es gar nix“ von Hans Moser, um sich in den nächsten vier Liedern ganz dem alkoholischen Rausch hinzugeben: Nach dem „Bier ist das liebste mir“ bringt ein eifriger Kellner dem Tenor ein Bier auf die Bühne, damit der seine Kehle anfeuchten kann. Kaufmann trinkt einige Schlucke und meint: „Da kommt der Münchner in mir durch“.

Im nächsten Lied wackelt der Dackel seinem betrunkenen Herrn auf dem Heimweg führend voran. Der nächste Trinker meint, ein guter Tropfen sei die beste Medizin und es sei „praktisch, du saufst heut‘ profilaktisch“. Den trunkenen Höhepunkt bildet „Ich bin a stiller Zecher“ (von Leopoldi), den Kaufmann zunehmend lallend und leicht torkelnd darbietet und das Publikum damit zum Lachen und Mitklatschen bringt.

Dann ist es 22 Uhr und die akustische Sperrstunde hat geschlagen. Kaufmann sagt, er habe noch vier weitere Zugaben geplant, aber die dürfe er nun nicht mehr anstimmen, sonst würden sich die Nachbarn beschweren wie zuvor im Lied des stillen Zechers besungen. So endet das Konzert unter jubelndem Applaus und die Leute gehen mit einem Lächeln auf den Lippen nach Haus.

Das Konzert wurde für das Fernsehen aufgezeichnet und wird am 26. Juli um 20:15 Uhr auf ORF III ausgestrahlt.

Die Kameras des ORF. Foto: Arabella Meran.

Ein Interview des ORF mit Jonas Kaufmann im Vorfeld des Liederabends kann man sich hier ansehen: Dort spricht er über seine Vorliebe für das Wiener Lied und den legendären Schmäh.

Startenor Jonas Kaufmann

Dank Jonas Kaufmann springt der Funke der Operette über und reißt das Publikum in der Alten Oper Frankfurt von den Sitzen

Frankfurt, 9. Mai 2026

Im fulminanten Abschlusskonzert seiner Operetten-Tournee erweist sich Star-Tenor Jonas Kaufmann als wahrer Botschafter dieses Repertoires, das heutzutage fast in der Versenkung verschwunden ist. Das mitreißende Programm mit Stücken von ungarischen Komponisten wie Emmerich Kálmán, Franz Lehár, Karl Goldmark und Paul Abraham bietet eine große Bandbreite von Gefühlen. Mal wird in melancholischen Tönen die Heimatliebe besungen, dann übernimmt die Sehnsucht nach einem Ort der rosaroten Glückseligkeit. Zudem schwelgen Tenor und Sopran mit einigem Herzschmerz in der Liebe und nicht zuletzt jubilieren und tanzen sie voller Ausgelassenheit und vermitteln pure Lebensfreude, wobei das Publikum begeistert mitgeht.

Malin Byström und Jonas Kaufmann. Foto © Andreas Etter.

Dabei wird das ungarisches Flair spürbar, so wie es die damaligen Komponisten in nostalgischer Verklärung ihrer Heimat gezeichnet haben. Denn sie wollten sich mit ihrer Musik gegen die kulturelle Dominanz der Donaumonarchie behaupten. Gleich die erste Arie „Mondd meg, hogy imádom a pesti nőket“ (Wenn es Abend wird / Grüß mir mein Wien) singt Jonas Kaufmann mit schwärmerischer Samtigkeit auf Ungarisch.

Danach begrüßt der Tenor sein Publikum und erklärt, warum gerade dieses Stück in seiner Ursprungssprache dargeboten werden müsse, weil es eine Hommage an Budapest und die ungarischen Frauen sei, anders als in der deutschen Übersetzung, in der das Loblied der Donaumetropole und den reizenden Frauen aus Wien gilt. Eloquent und einnehmend vermittelt Kaufmann seine Begeisterung für das Operetten-Repertoire, dem er sein neues Album „Magische Töne“ gewidmet hat. Die dazu passende Tournee hat ihn und seine musikalische Begleitung in diesen Wochen durch 13 Städte in Europa geführt. Frankfurt ist an diesem Abend das letzte Konzert und der Tenor bekennt, dass ihn heute einige Wehmut überkommt und er sein geliebtes Operetten-Repertoire vermissen wird und sich gleichzeitig schon auf seine nächste Tournee freut (die er im Frühjahr 2027 mit einem Verdi-Programm bestreiten wird).

Jonas Kaufmann. Magische Töne Album. Foto: Sony Classical 2026_c_Dario Acosta

Lebensfreude und Feierlaune versprühen die dargebotenen Arien und Duette, die in eine sorgenfreie Welt entführen „wo die Rosen blühn“ („Komm mit nach Varasdin“), wo Kaufmann und seine Bühnenpartnerin, die Sopranistin Malin Byström verspielt dazu tanzen – mit Bewegungen, die an den Charleston erinnern. Die Tanzfreude setzt sich fort im Duett „Tanzen möcht ich … Tausend kleine Engel singen“, bei dem Tenor und Sopran schwungvoll im Walzertakt über die Bühne zu fegen. In der letzten Zugabe „Die Juliska aus Budapest“ hüpfen und klatschen beide ausgelassen und Kaufmann nimmt am Ende sogar den Platz des Dirigenten Jochen Rieder ein, der zuvorkommend sein Podest geräumt hat, und dirigiert die finalen Takte des Orchesters mit jungenhaftem Vergnügen.

Auch den Musizierenden der Philharmonie Baden-Baden merkt man an, dass der Enthusiasmus von Kaufmann und die mitreißende Musik im Laufe der Tournee auf sie übergesprungen ist: So erheben sich die ersten Geiger bei den Tanzeinlagen der Solisten ebenfalls von ihren Stühlen und schwingen mit in dieser Feierlaune.

Malin Byström und Jonas Kaufmann. Foto © Andreas Etter.

Mit dieser musikalisch zelebrierten Glückseligkeit trifft Kaufmann auch den Nerv seines Publikums. In der heutigen Zeit, in der wir täglich mit Nachrichten von Kriegen und Katastrophen konfrontiert werden, kommt eine solche Weltflucht gerade gelegen. Wer möchte nicht für kurze Zeit seine Sorgen vergessen?

So ist es nicht verwunderlich, dass dieses Repertoire seine Glanzzeit im Nachkriegsdeutschland und im Österreich der 1950er und 60er Jahre erlebt hat. Diese Stücke dürften einigen Menschen von den Schallplatten von Rudolf Schock bekannt sein, der sie seinerzeit zu Gassenhauern gemacht hat. Auch heute zaubert diese Musik den Zuhörenden ein Lächeln auf die Lippen.

Doch es gibt auch leise und innige Momente an diesem Abend. Besonders ergreifend interpretiert Jonas Kaufmann „Immer nur lächeln“, was den Zwiespalt zwischen der Sehnsucht nach Glück und Zufriedenheit und der Realität bestens zum Ausdruck bringt. Geht es in dem Lied nur um eine Frau, deren Liebe der Sänger nicht gewinnen kann, so dringt das Gefühl der Melancholie und einer bitteren Wahrheit jedoch tiefer.

Wenn es im Text heißt: „Lächeln trotz Weh und tausend Schmerzen, Doch wie’s da drin aussieht, geht niemand etwas an“, dann wundere ich mich nicht, dass dieses Lied geradezu als Lebensmotto der Menschen von damals gelten konnte, die vom 2. Weltkrieg traumatisiert waren und über ihre schlimmen Erinnerungen und ihre Schuld möglichst den Mantel des Schweigens gehüllt haben. Da kamen diese gutgelaunten Lieder mit viel Zuckerguss gerade recht. Man wollte eine heile Welt beschwören, die es nie gegeben hat – auch nicht, als diese Musik entstanden ist. Denn wenn man genau hinhört, schwingt auch viel Traurigkeit in diesen Stücken mit.

So macht Kaufmann im „Wolgalied“ (Allein, wieder allein) die Einsamkeit eines Soldaten, der auf verlorenem Posten für sein Vaterland kämpft auf eindringliche Weise spürbar. Dabei zeigt Kaufmann die vielen Schattierungen seiner Stimme, die in der Mittellage balsamisch weich und warm klingt.

Zwischen den Stücken erweist sich Kaufmann als spontaner und charmanter Moderator. Das Stück „Mint száműzött, ki vándorol … Hazám, hazám, te mindenem“ sei quasi die inoffizielle Nationalhymne der Ungarn, das Wort „Hazám“ bedeute „Heimat“ erklärt er. Diese Musik drücke das Selbstverständnis der Ungarn als eigenständiges Land aus, auch wenn es sich damals als Königreich in der Donaumonarchie dem mächtigen Kaiserreich Österreich unterordnen musste. Was wir heute über diese Zeit wüssten, stamme aus dem „Bildungsfernsehen mit Romy Schneider“ witzelt der Tenor und sorgt damit für einige Lacher bei den Leuten, die wohl alle mit den schnulzigen „Sissi“-Filmen groß geworden sind.

Das Programm bietet auch große romantische Gefühle, so in der schwärmerischen Arie eines frisch verliebten Jünglings „O Mädchen, mein Mädchen“ aus Friederike. Hier stellt Kaufmann in der Anmoderation den Bezug zu Frankfurt her, denn der Held dieser Operette ist kein geringerer als Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe, ein Kind dieser Stadt, dessen erste große Liebe hier für „süße“ Unterhaltung sorge.

Ein besonders magischer Moment des Abends ist die Arie „Magische Töne, berauschender Duft“ aus Die Königin von Saba, die Kaufmann zart und betörend mit Kopfstimme singt und dabei in eine sphärische Welt aus Goldstaub entführt. Begleitet wird der Tenor dabei von den himmlischen Klängen der Harfe.

Jonas Kaufmann beweist an diesem Abend seine Vielseitigkeit als Interpret und setzt seine Stimmfarben und sein goldenes Timbre schmeichlerisch und gefühlvoll ein, doch auch die schwungvollen und heroischen Momente gelingen ihm bestens.

Auch die Schwedin Malin Byström vermag mit ihrem dramatischen Sopran das Publikum zu begeistern. An der Seite von Kaufmann erweist sie sich als selbstbewusste und stimmstarke Duettpartnerin. Zwar wirkt das ungarische Temperament auf mich ein wenig aufgesetzt. Doch mit der letzten Arie „Meine Lippen, sie küssen so heiß“ gelingt ihr ein feuriger Höhepunkt.

Jonas Kaufmann (Tenor), Malin Byström (Sopran) und Jochen Rieder (Dirigent) beim Schlussapplaus. Foto © Andreas Etter.

Der Star-Tenor und die Sopranistin bieten einen mitreißenden und bewegenden Musikgenuss auf höchstem Niveau, auch die Philharmonie Baden-Baden unter der Leitung von Jochen Rieder trägt ihren Teil zu diesem gelungenen Abend bei. Das Publikum in der Alten Oper Frankfurt gibt begeisterte Standing Ovations und wird mit fünf Zugaben belohnt.

PROGRAMM

Emmerich Kálmán (1882–1953)

Ouvertüre

Wenn es Abend wird (Grüß mir mein Wien) / Mondd meg, hogy imádom a pesti nőket

aus: Gräfin Mariza

Franz Lehár (1870–1948)

Hör’ ich Cymbalklänge

aus: Zigeunerliebe

Franz Lehár

Allein, wieder allein (Wolgalied)

aus: Der Zarewitsch

Emmerich Kálmán

So verliebt kann ein Ungar nur sein (Tief wie der Bergsee)

aus: Der Teufelsreiter

Johann Strauß (Sohn) (1825–1899)

Einzugsmarsch

aus: Der Zigeunerbaron

Emmerich Kálmán

Komm mit nach Varasdin

Komm, Zigány

aus: Gräfin Mariza

Ferenc Erkel (1810–1893)

Mint száműzött, ki vándorol … Hazám, hazám, te mindenem

aus: Bánk bán

Pause nach ca. 45 Minuten

Franz Lehár

Ouvertüre

Immer nur lächeln

Wer hat die Liebe uns ins Herz gesenkt

aus: Das Land des Lächelns

Franz Lehár

O Mädchen, mein Mädchen

aus: Friederike

Karl Goldmark (1830–1915)

Nacht-und Festmusik

Magische Töne, berauschender Duft

aus: Die Königin von Saba

Emmerich Kálmán

Heia, heia, in den Bergen ist mein Heimatland

Tanzen möcht ich … Tausend kleine Engel singen

aus: Die Csárdásfürstin

ZUGABEN

Paul Abraham, Will dir die Welt zu Füßen legen, aus: Die Blume von Hawaii
Franz Lehár, Meine Lippen, die küssen so heiß, aus: Giuditta
Franz Lehár, Schön wie die blaue Sommernacht, aus: Giuditta
Paul Abraham, Nur ein Mädel gibt es auf der Welt, aus: Viktoria und ihr Husar
Fred Raymond, Die Juliska aus Budapest, aus: Maske in Blau

Jonas Kaufmann begeistert sein Hamburger Publikum mit „Magischen Tönen“ aus der ungarischen Operette

Laeiszhalle Hamburg, 11. April 2026

An diesem Abend gibt Star-Tenor Jonas Kaufmann den Auftakt seiner „Magische Töne“-Tournee, die sein soeben erschienenes Album begleitet und mit berühmten Operetten- und Opern-Melodien aus der Ära der Österreich-Ungarischen Doppelmonarchie (1867–1918) von Komponisten wie Emmerich Kálmán, Franz Lehár, Karl Goldmark und Paul Abraham aufwartet.

Jonas Kaufmann (Foto von Dario Acosta)

In der fast ausverkauften Laeiszhalle herrscht erwartungsvolle Vorfreude. Zur Einstimmung spielt die Philharmonie Baden-Baden unter der Leitung von Jochen Rieder (seit Jahren ein treuer Begleiter von Kaufmann auf allen seinen Tourneen) die Ouvertüre aus Gräfin Mariza von Emmerich Kálmán (1882–1953), die schwungvoll auf den Abend einstimmt.

Dann betritt Jonas Kaufmann im festlichen Frack die Bühne. Wie immer ist er ganz präsent und Herr im Haus, hat alles im Blick, in diesem Fall einige Zuspätkommenden, die sich in den ersten Reihen im Parkett hereinschlängeln. Spontan ergreift er das Wort und bittet um einen Moment Geduld. Er wartet, bis alle sitzen und Ruhe eingekehrt ist, bis er seine erste Arie anstimmt. Auf ungarisch singt er „Mondd meg, hogy imádom a pesti nőket“ (ebenfalls aus Gräfin Mariza), was den Zuhörenden in der deutschen Fassung „Wenn es Abend wird (Grüß mir mein Wien)“ bestens bekannt ist (zumindest der Dame neben mir, die lautstark mitsummt). Kaufmann interpretiert das Stück weich und schwelgerisch, passend zur Lobpreisung der Donaustadt mit ihren schönen Frauen. In der letzten Strophe wechselt er ins Deutsche. Das Publikum applaudiert am Ende des Liedes begeistert und man spürt, dass der Funke übergesprungen ist.

Kaufmann gibt nun charmant eine Anekdote zum Besten, mit der er die Auswahl des ungarischen Repertoires erklärt: Vor einigen Jahren hat er einen Liederabend in Budapest gegeben und wollte dort als Zugabe das soeben dargebotene „Grüß mir mein Wien“ vortragen. Da hat ihn ein Kenner der ungarischen Sprache darauf hingewiesen, dass der Text im Original nicht die reizenden Frauen aus Wien preist, („Grüss mir die süßen, die reizenden Frauen im schönen Wien. Grüss mir die Augen, die lachenden blauen im schönen Wien…“), sondern die reizenden Frauen aus Budapest. Um diesen gerecht zu werden, hat der Tenor dann über Nacht zumindest den Refrain auf Ungarisch gelernt und im Konzert dargeboten, um seinem Budapester Publikum die Schönheit ihrer eigenen Frauen und ihrer eigenen Stadt vorzuhalten. Das sei der Anstoß für ihn gewesen, weitere musikalische Perlen aus dem ungarischen Operetten-Repertoire für sich zu entdecken und für die Bühne zu erarbeiten.

Als nächstens präsentiert sich Malin Byström, die Kaufmann auf dieser Tournee begleitet, mit „Hör’ ich Cymbalklänge“ aus Zigeunerliebe von Franz Lehár (1870–1948). Die schwedische Sopranistin hat eine kräftige Stimme, die eindeutig für das dramatische Repertoire geeignet ist, das sie auch auf den internationalen Opernbühnen singt (Tosca, Salome und Minnie gehören zu ihren Lieblings-Partien). Für die Operette fehlt ihr jedoch die Leichtigkeit und Flexibilität. Auf seinem Album singt Kaufmann die Duette zusammen mit Nikola Hillebrand, die mit ihrem leichten Sopran und mädchenhaftem Klang bestens zu diesem Repertoire passt. Schade, dass diese Sopranistin ihn nicht auch auf der Tournee begleitet, das hätte mir persönlich viel besser gefallen.

Jonas Kaufmann (Foto von Dario Acosta)

Liedhaft sanft interpretiert Kaufmann sodann „Allein, wieder allein (Wolgalied)“ aus Der Zarewitsch von Franz Lehár. Hierbei kommt bei den leisen Tönen das dunkle Timbre des Tenors bestens zur Geltung. Seine Stimme ist zartschmelzend wie Schokolade und hüllt einen weich und wohlig in einen Mantel aus Melancholie ein.

Im nächsten Stück zeigt Kaufmann ganz andere Farben seiner Stimme. Kraftvoll und kernig bietet er „So verliebt kann ein Ungar nur sein (Tief wie der Bergsee)“ aus Der Teufelsreiter von Emmerich Kálmán dar. Draufgängerisch beschwört er einen Flirt zu einer flotten Tanzmusik.

Übrigens frage ich mich spätestens jetzt, warum das Konzert durch zwei Mikrofone verstärkt wird. Der Gesang wird durch zwei Boxen seitlich auf der Bühne verstärkt und hat dadurch nicht mehr den unmittelbaren Klang der menschlichen Stimme, die sich in einem Saal entfaltet. Tenor und Sopran haben beide starke Stimmen, die keine Mikros brauchen, um zu tragen. Das Repertoire des Abends fordert oft die dramatische Opernstimme und selbst in den zarten und liedhaften Tönen ist insbesondere Kaufmann bestens in der Lage, genügend Volumen zu erzeugen. Zuletzt hat er in der Laeiszhalle einen Liederabend mit Diana Damrau gegeben (2022), ohne Verstärkung und mit bester Akustik. Es bleibt mir ein Rätsel, warum und wer hier meint, Mikros einsetzen zu müssen.

Bühne mit Mikrofonen und Notenständern

Als weiteres Hilfsmittel hat Kaufmann Notenständer mit zwei elektronischen Readern vor sich (wie er es in den letzten Jahren bei Konzerten angewöhnt hat). Er scheint sich nicht mehr allein auf sein Gedächtnis zu verlassen, sondern blickt immer wieder in die Noten und tippt dezent mit dem Finger auf die Touchscreens, um die Seiten zu wechseln. Die Sopranistin Malin Byström hingegen singt ihre Stücke auswendig.

Als nächstes steht Johann Strauß (Sohn) (1825–1899) auf dem Programm. Das Orchester spielt den Einzugsmarsch aus Der Zigeunerbaron. Jochen Rieder dirigiert das Stück schmissig.

Im nächsten Duett „Komm mit nach Varasdin“ aus Gräfin Mariza von Emmerich Kálmán versprühen Tenor und Sopran viel Lebensfreude und geben sogar eine kleine Tanzeinlage zum Besten. Bei allem Esprit fällt jedoch negativ auf, dass die Sopranistin nicht wirklich textverständlich singt und ihr opernhaft kraftvoller Ton zu schwer für das spritzige Lied wirkt.

Aus derselben Operette bietet Kaufmann sodann „Komm, Zigány“ mit charmantem Wienerischem Klang und mit bestens verständlichem Text dar.

In der ungarischen Mundart singt der Tenor dann „Mint száműzött, ki vándorol … Hazám, hazám, te mindenem“ aus Bánk bán von Ferenc Erkel (1810–1893). Hierbei zeigt er sich wieder als gefühlvoller Interpret, der zuerst bittend und flehend und zum Ende hin dramatisch das Leiden eines Mannes im Exil, der sich verzweifelt nach seiner Heimat sehnt, spürbar macht. Dabei zeigt Kaufmann die vielen Schattierungen seiner Stimme, die in der Mittellage balsamisch weich und warm klingt und dann feurig aufflammt zu kraftvollen Höhen.

Laeiszhalle Hamburg (Foto: Ulrike Arabella Meran)

PAUSE

In der Ouvertüre aus „Das Land des Lächelns“ von Franz Lehár klingen bekannte Melodien auf. Im anschließenden Solo singt Kaufmann mit traurigem Ernst „Immer nur lächeln“, was besonders bei der Passage „Lächeln trotz Weh und tausend Schmerzen, Doch wie’s da drin aussieht, geht niemand etwas an“ mit viel echter Lebenserfahrung eines Mannes in reiferen Jahren, dessen „Seele schon einige Narben gesammelt hat“ (wie Kaufmann kürzlich in einem Interview sagte) herüberkommt.

Es folgt ein Duett aus derselben Operette: „Wer hat die Liebe uns ins Herz gesenkt“. Hierbei wirken Tenor und Sopran trotz einigem Bemühen steif, es mag keine echte Chemie zwischen dem Bühnenliebespaar entstehen, auch wenn Kaufmann seine Gesangspartnerin nach jedem Stück mit kollegialer Herzlichkeit anstrahlt und sie umarmt. Auch gesanglich sind sie nicht immer synchron. Vielleicht spielen sie sich im Laufe der Tournee noch mehr aufeinander ein.

Ein gefühlvolles Aufwogen bietet Kaufmann mit der schwärmerischen Arie „O Mädchen, mein Mädchen“ aus Friederike von Franz Lehár, in der er den jungen Goethe darstellt, der frisch verliebt ist.

Für mich ein Highlight des Abends ist die Arie „Magische Töne, berauschender Duft“ aus Die Königin von Saba von Karl Goldmark (1830–1915), die Kaufmann zart und betörend mit Kopfstimme singt und dabei in eine sphärische Welt aus Goldstaub entführt, in der es nach blumiger Liebe duftet. Begleitet wird der Tenor von den zauberhaften Klängen der Harfe.

Jonas Kaufmann (Foto von Dario Acosta)

Im Kontrast dazu kommt das Solo der Sopranistin „Heia, heia, in den Bergen ist mein Heimatland“ aus Die Csárdásfürstin von Emmerich Kálmán sehr bodenständig herüber. Für das schwungvolle Lied fehlt der Schwedin nach meinem Eindruck das Temperament.

Den fulminanten Abschluss des offiziellen Programms bietet das Duett „Tanzen möcht ich … Tausend kleine Engel singen“ aus derselben Oper. Hier springt vor allem von Seiten von Kaufmann die Freude an dieser Musik herüber und er schwenkt seine Partnerin in einem schwungvollen Walzer über die Bühne.

Jochen Rieder, Malin Byström und Jonas Kaufmann beim Schlussapplaus

Das Publikum ist mitgerissen und spendet begeisterten Applaus mit Standing Ovations. Dies wird mit vier Zugaben belohnt:

Kaufmann singt bestens aufgelegt „Frag nur dein Herz was Liebe ist“ aus Die ungarische Hochzeit von Nico Dostal und „Will dir die Welt zu Füßen legen“ aus Die Blume von Hawaii von Paul Abraham.

Malin Byström kann das Publikum mit „Meine Lippen, sie küssen so heiß“ aus Giuditta von Franz Lehár erfreuen, wobei es ihr zugute kommt, dass die mitreißende Arie ein Selbstläufer ist.  Für mein Empfinden kann die Sängerin mit ihrer unterkühlten Darbietung das im Text beschworene „heiße“ Gefühl mit dem Versprechen von Leidenschaft nicht glaubwürdig erzeugen. 

Zum Schluss lässt Kaufmann „Die Juliska aus Budapest“ aus Maske in Blau von Fred Raymond geradezu übermütig und mit einem Lachen in der Stimme und auf dem Gesicht erklingen. Beim tosenden Applaus hüpft er sogar freudig auf und ab wie ein Bub vor dem Weihnachtsbaum und wirkt mit seinem jugendlichen Enthusiasmus sehr sympathisch.

Es war ein wundervoller Abend, der die Zuhörenden aus den Sorgen des Alltags in die musikalische Welt der Operette entführt hat, eine gelungene Mischung aus Wiener Melancholie und ungarischem Temperament, ein Wellenritt aus sanfter Schwermut und mitreißender Leichtigkeit.

Jonas Kaufmann hat seine stimmliche Wandelbarkeit gezeigt und mit seiner unvergleichlich warmen und farbenreichen Stimme auf der Klaviatur der Gefühle gespielt und mitten ins Herz getroffen.

Ich gehe mit einem Lächeln auf den Lippen und einigen Melodien im Ohr heim.

Nach dem Konzert hat Jonas Kaufmann seinen treuen Fans am Bühnenausgang freundlich Autogramme gegeben und bereitwillig für Fotos posiert.

Jonas Kaufmann am Bühnenausgang, Hamburg, 11. April 2026
Jonas Kaufmann gibt Autogramme, Hamburg, 11. April 2026
Jonas Kaufmann posiert mit seinen Fans für Fotos, Hamburg, 11. April 2026
Jonas Kaufmann bestens gelaunt nach einem gelungenen Konzert am Bühnenausgang, Hamburg, 11. April 2026

Die „Magische Töne“-Tournee geht in den nächsten Wochen weiter und führt das Ensemble nach München, Nürnberg, Paris, Wien, Budapest, Hannover, Essen, Freiburg, Stuttgart, Luzern, Mannheim und Frankfurt am Main. Die genauen Termine kann man dem Kalender auf der Homepage von Jonas Kaufmann entnehmen.

Jonas Kaufmann verführt und lässt sich verführen – umjubelte Puccini-Gala in Bremen

Die Glocke – Das Bremer Konzerthaus, 6. November 2024

Die Klassikwelt feiert 2024 den Meister der vertonten Leidenschaft: Giacomo Puccini, der in diesem Jahr vor 100 Jahren starb. Kein Wunder also, dass Startenor Jonas Kaufmann zum Jubiläum eine musikalische Hommage an den genialen Komponisten in Form eines Duett-Albums herausgebracht hat. In „Puccini: Love Affairs“ besingt der Tenor zusammen mit sechs namhaften Sopranistinnen alle Höhen und Tiefen der Beziehung zwischen Mann und Frau. In seiner Herbsttournee „Viva Puccini!“ mit 10 Stationen im deutschsprachigen Raum und in Paris darf man sich auch live vom Gefühlsrausch umfangen lassen.

Startenor Jonas Kaufmann. Foto © Gregor Hohenberg / Sony Music

Am heutigen Abend gastiert der weltberühmte Tenor zusammen mit der italienischen Sopranistin Valeria Sepe im Bremer Konzerthaus „Die Glocke“, es ist die 9. Station auf der Puccini-Tournee, die ein wahrer Triumph ist, in allen Städten sind die Säle ausverkauft, so auch hier.

Jonas Kaufmann beginnt den Abend mit Auszügen aus „Tosca“. Die Rolle des idealistischen Malers Mario Cavaradossi, der mit seiner Geliebten Tosca, einer eifersüchtigen Gesangsdiva, in die Fänge des sadistischen Polzeichefs Scarpia gerät, gehört zu den absoluten Lieblingsrollen des Tenorissimo, die er in seiner langen Karriere mit Abstand am häufigsten verkörpert hat. In der Auftrittsarie „Recondita armonia“ lässt Kaufmann seine goldene Stimme warm strömen und zeigt, dass er die italienische Legato-Kultur bestens beherrscht. Wie ein Maler mit seiner Palette bringt er verschiedene Stimmfarben zum Einsatz. Auch die Höhen sind kraftvoll, wobei Kaufmann diese sogar sanft an- und abschwellen lassen kann – ein stimmtechnisches Meisterstück, das nicht viele Tenöre beherrschen.

Jonas Kaufmann und Valeria Sepe interpretieren ein Duett aus „Tosca“. Foto von Patric Leo.

Im nachfolgenden Liebesduett zwischen Mario und Tosca bietet Puccini eine große emotionale Bandbreite aus Koketterie, Verführung und Eifersucht, die der Spielfreude der Interpreten viel Raum lässt. Zwischen Tenor und Sopran spürt man in der Interaktion große kollegiale Vertrautheit, die im Laufe der Tournee gewachsen ist. Durch ihr intensives Zusammenspiel mit ausdrucksstarker Mimik und Gestik wird die Szene lebendig und man kann ganz eintauchen in die Situation. Valeria Sepe gibt eine temperamentvolle Tosca, eine Diva, die ihren Mario spielend um den kleinen Finger wickelt.

Die Sopranistin hat eine kraftvolle Stimme, die mir stellenweise ein bisschen scharf ins Ohr dringt. Vergleichsweise klingt Maria Agresta (die ich auf dieser Tournee in Frankfurt gehört habe, sie hat Kaufmann bei 4 Terminen begleitet) weicher und lieblicher. Sepe versteht es bestens, ihre weiblichen Reize in ihrer Rollendarstellung auszuspielen. In ihrem lachsfarbenen Kleid sieht die junge Italienerin bildschön aus. Auch der 55-jährige Kaufmann gibt in festlichem Frack und mit seinen graumelierten Locken ebenfalls eine attraktive Erscheinung ab.

Die berühmte Arie „Vissi d’arte“ interpretiert Valeria Sepe mit einem feurigen Aufbegehren gegen die Ungerechtigkeit Gottes und ihres Schicksals. Mir persönlich fehlt in diesem Gebet ein bisschen die Innerlichkeit.

Foto von Patric Leo

Im Vorspiel vom 3. Akt von Tosca erweist sich die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung von Jochen Rieder als niveauvoller Klangkörper. Dirigent Rieder begleitet Kaufmann seit vielen Jahren auf seinen Tourneen und die beiden sind ein eingespieltes Team. Im Instrumentalen zeigt sich die besondere atmosphärische Kraft von Puccinis Komposition: Durch das Glockengeläut fühlt man sich auf das Dach der Engelsburg in Rom versetzt, sieht die Sonne aufgehen und die melancholischen Klänge von Cello und Klarinette künden vom nahenden Tod für Mario und Tosca.

Ein erstes inniges Highlight gelingt dem Tenor in seiner intensiven Interpretation der Arie, „E lucevan le stelle“, in der Cavaradossi in sehnsuchtsvoller Erinnerung schwelgend Abschied vom Leben nehmen muss. Das Publikum belohnt Kaufmann mit einem begeisterten Applaus.

Foto von Patric Leo

Als nächstes taucht man ein in die Welt des Poeten Rodolfo und der Näherin Mimì aus „La Bohème“, bei deren Kennenlernen aus einem Kerzenlicht bald ein Feuer der Leidenschaft entbrennt. Hier trumpft Kaufmann im Schlusston des Liebesduetts „O soave fanciulla“ mit einem Spitzenton am Ende aus dem Off auf, bei dem man staunt, dass der Tenor sich trotz des fordernden Programms nicht zu schonen scheint.

Nach der Pause blühen und glühen beide Sänger voll auf im leidenschaftlichen Duett der Hochzeitsnacht aus „Madama Butterfly“. Die Sopranistin trägt nun ein schwarzes Kleid und hat sich die breiten Bänder ihrer rückseitigen Schleife über die Arme und Hände gehängt, die sie wie eine Geisha in einem traditionellen Kimono hält. Sie schlüpft auch gesanglich ganz in die Haut der unschuldigen Cio-Cio-San, die mit zarten Tönen in ihrem frisch vermählten Ehemann Pinkerton heißes Begehren auflodern lässt. Wenn sie die Stoffbänder schüchtern von ihren Armen streift und damit ein Entkleiden der Braut andeutet, reagiert ihr Tenor-Partner mimisch und vokal mit drängender Leidenschaft („vieni…vieni“). Das Duett schaukelt sich ekstatisch hoch bis zum Höhepunkt, in dem Puccini die Liebe als geradezu orgastisches Feuerwerk in Musik verwandelt hat. Die wunderbaren Stimmen von Kaufmann und Sepe erstrahlen mit voller Leuchtkraft und auch das Bremer Publikum ist von der Hitze der Gefühle entflammt und applaudiert begeistert.

Einen weiteren furiosen Höhepunkt bieten Tenor und Sopran im Duett „Tu, tu, amore? Tu?“ aus „Manon Lescaut“, in dem die Stimmung aufgeladen ist von Begehren und zorniger Eifersucht. Dieses Duett ist eine gesangliche Tour-de-Force, bei der Kaufmanns Stimme ein klein wenig ermüdet klingt, wenn er hier ständig „Vollgas“ geben muss.

In der ersten Zugabe lässt der Tenor in „Ch’ella mi creda“ (aus „La fanciulla del West“) seine Stimme wieder im weichen Nougatschmelz erklingen, der zu einem sanften Verführer passt, und schafft am Ende helle Glanzpunkte, bei denen er wieder ganz frisch klingt.

Herzerweichend und lyrisch zart singt Valeria Sepe das liebevolle Flehen von Liù „Signore, ascolta“ (aus „Turandot“), was von Kaufmann als Calaf eine ebenso zartfühlende Antwort im tröstlichen „Non piangere, Liù“ erfährt. Sodann begeistert Sepe mit einer schönen Interpretation von „O mio babbino caro“ (aus „Gianni Schicchi“).

Nach anhaltendem Jubel mit Standing Ovations, Bravo-Rufen und Fußgetrappel beschenkt der Tenor das Publikum mit der Parade-Arie „Nessun dorma“ (aus „Turandot“), ohne die eine Puccini-Gala nicht komplett wäre. Auch wenn der finale hohe Ton („Vincerò!“) zu Beginn nicht ganz anspringt und Kaufmann ein bisschen nachdrücken muss, um den Ton in kraftvolle Höhen zu bringen, verfehlt er nicht seine Wirkung – frenetischer Jubel brandet auf!

Foto von Patric Leo

Das Bremer Publikum ist derartig begeistert, dass sich Kaufmann sogar zu einer 6. Zugabe überreden lässt (was auf dieser Tournee nur ganz selten vorkam). Wenn er gelöst in den Zuschauerraum strahlt und mit einem spielerischen Gestus die weiße Fliege seines Fracks aufbindet, dann springt dieser besondere Kaufmann-Charme über, der seit Jahren die Herzen seiner weiblichen Fans höherschlagen lässt. „Non di scordar di me“ (von De Curtis) ist der zartschmelzende musikalische Abschiedsgruß des Tenorissimo, der alle Wünsche erfüllt, die man an einen Künstler haben kann.

Ja, es war wirklich ein Abend, den man nicht vergisst – ein Feuerwerk aus Gefühlen, wie es nur Puccini zu entzünden vermag, transportiert von zwei traumhaften Stimmen auf höchstem Niveau.

Konzerthaus „Die Glocke“ im Herzen von Bremen. Foto privat.

Die nächsten Auftritte von Jonas Kaufmann finden Sie im Kalender seiner Homepage.

Jonas Kaufmann. Foto © Gregor Hohenberg / Sony Music

Titelbild: © Patric Leo

Jonas Kaufmann und Maria Agresta lassen die Leidenschaft hell aufglühen in der Puccini-Gala in der Alten Oper Frankfurt

Alte Oper Frankfurt, 22. Oktober 2024: Jonas Kaufmann – Viva Puccini!

Das Klassik-Jahr 2024 steht ganz im Zeichen von Giacomo Puccini, der mit seinen leidenschaftlichen Kompositionen wie kein anderer im ausgehenden 19. Jahrhundert die neue Ära des italienischen „Verismo“ geprägt hat. In Puccinis Opern stehen nicht mehr Adelige im Zentrum der Geschichte, sondern die Menschen von nebenan: Studenten, Künstler, Grisetten. In ihren Sehnsüchten und Gefühlsstürmen aus Liebe und Eifersucht offenbart sich das „wahre Leben“, ungeschminkt und mit großer Intensität. Die betörende Sogwirkung von Puccinis Musik fasziniert auch 100 Jahre nach seinem Tod und seine drei berühmtesten Opern „La Bohème“ (1896), „Tosca“ (1900) und „Madama Butterfly“ (1904) gehören fest ins Repertoire eines jeden Opernhauses.

Jonas Kaufmann © Gregor Hohenberg / Sony Music

Kein Wunder also, dass Startenor Jonas Kaufmann zum Jubiläum eine musikalische Hommage an den genialen Komponisten in Form eines Duett-Albums herausgebracht hat. In „Puccini: Love Affairs“ besingt der Tenor zusammen mit sechs namhaften Sopranistinnen alle Höhen und Tiefen der Beziehung zwischen Mann und Frau. In seiner Herbsttournee mit 10 Stationen im deutschsprachigen Raum und in Paris darf man sich also live vom Gefühlsrausch emportragen lassen. Kaufmann wird hierbei abwechselnd von den italienischen Sopranistinnen Maria Agresta (die auf seiner CD als Madama Butterfly zu hören ist) und Valeria Sepe begleitet. Nachdem der Tenor das erste Konzert in Paris wegen seiner erneuten Corona-Infektion verschieben musste, ist der Startschuss am 13. Oktober in Wien fulminant geglückt und die Alte Oper Frankfurt ist nun die 4. Station auf der ambitionierten Tournee.

Die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung von Jochen Rieder in der Alten Oper Frankfurt © Andreas Etter / Pro Arte Frankfurt

Wie in allen Städten zuvor ist auch in Frankfurt der Konzertsaal ausverkauft und das Publikum erwartet voller Spannung, ob der preisgekrönte Sänger, Medienliebling und Frauenschwarm seinem Ruf als „begehrtester Tenor der Welt“ gerecht werden kann.

Jonas Kaufmann beginnt den Abend mit Auszügen aus „Tosca“. Die Rolle des idealistischen Malers Mario Cavaradossi, der mit seiner Geliebten Tosca, einer eifersüchtigen Gesangsdiva, in die Fänge des sadistischen Polzeichefs Scarpia gerät, gehört zu den absoluten Lieblingsrollen des Tenorissimo, die er in seiner langen Karriere mit Abstand am häufigsten verkörpert hat. Die Partie liegt ihm bestens in der Kehle und in seiner Auftrittsarie „Recondita armonia“ kann er seine Stimme in der goldenen Mittellage warm strömen und auch die Höhen kraftvoll anschwellen lassen.

Im nachfolgenden Liebesduett zwischen Mario und Tosca bietet Puccini eine große emotionale Palette aus Koketterie, Verführung und Eifersucht, die der Spielfreude der Interpreten viel Raum lässt. Kaufmann gibt den Maler vielleicht ein bisschen zu routiniert, wohingegen seine Partnerin Maria Agresta die Diva mit viel stimmlicher Präsenz darbietet und zudem in ihrem marineblauen Kleid auch optisch ein Hingucker ist. Kaufmann in festlichem Frack und mit seinen graumelierten Locken gibt ebenfalls eine attraktive Erscheinung ab.

Jonas Kaufmann und Maria Agresta © Andreas Etter / Pro Arte Frankfurt

Zwischen Tenor und Sopran spürt man in der Interaktion kollegiale Vertrautheit – die beiden haben bereits im Jahr 2017 bei Kaufmanns grandiosem Debüt als Otello am Royal Opera House in London gemeinsam auf der Bühne gestanden, Agresta war seinerzeit seine Desdemona.

Ein erstes Highlight gelingt Kaufmann in seiner intensiven Interpretation der Arie, „E lucevan le stelle“, in der Cavaradossi in sehnsuchtsvoller Erinnerung schwelgend Abschied vom Leben nehmen muss. Hier bringt er seine italienische Legatokultur beim Singen bestens zum Einsatz und besonders die leisen Töne berühren mit ihrer Innerlichkeit. Im Vorspiel sorgt die Solo-Klarinette für Melancholie und die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung von Jochen Rieder erweist sich als niveauvoller Klangkörper. Rieder begleitet Kaufmann seit vielen Jahren auf seinen Tourneen und die beiden sind ein eingespieltes Team.

Als nächstes taucht man ein in die Welt des Poeten Rodolfo und der Näherin Mimì aus „La Bohème“, bei deren Kennenlernen aus einem Kerzenlicht bald ein Feuer der Leidenschaft entbrennt. Hier trumpft Kaufmann im Schlusston des Liebesduetts „O soave fanciulla“ mit einem Spitzenton am Ende aus dem Off auf, bei dem man staunt, dass der Tenor sich trotz des fordernden Programms nicht zu schonen scheint. Das Publikum applaudiert freundlich, aber so richtig scheint der Funke noch nicht übergesprungen zu sein.

Maria Agresta © Andreas Etter / Pro Arte Frankfurt

Nach der Pause blüht Maria Agresta im leidenschaftlichen Duett der Hochzeitsnacht aus Madama Butterfly“ zwischen der unschuldigen Geisha Cio-Cio-San und dem rücksichtslosen Seemann Pinkerton förmlich auf. Hier überflügelt die Sopranistin mit ihrer vor Gefühl flirrenden Interpretation sogar ihren Partner. Kaufmann gelingt es jedoch, diese Figur, die er auf der Bühne nie dargestellt hat, weil sie ihm zu unsympathisch ist (wie der Tenor in Interviews bekennt), mit drängender Leidenschaft („vieni…vieni“) auszustatten, die schon die Zerstörung der zarten Flügel des Schmetterlings erahnen lässt. Jetzt wird auch das Publikum von der Hitze der Gefühle entflammt und zeigt sich begeistert.

Einen furiosen Höhepunkt bieten Kaufmann und Agresta im Duett „Tu, tu, amore? Tu?“ aus Manon Lescaut“, in dem die Stimmung aufgeladen ist von Begehren und zorniger Eifersucht, die Kaufmann kernig und leidenschaftlich darbietet, und von der Sopranistin mit selbstbewusster Weiblichkeit befeuert wird.

Begeisterung im Saal und auf der Bühne © Andreas Etter / Pro Arte Frankfurt

In der ersten Zugabe lässt der Tenor in „Ch’ella mi creda“ (aus La fanciulla del West) seine Stimme wieder im weichen Nougatschmelz erklingen, der zu einem sanften Verführer passt.

© Andreas Etter / Pro Arte Frankfurt

Herzerweichend und lyrisch zart singt Maria Agresta das liebevolle Flehen von Liù „Signore, ascolta“ (aus „Turandot“), was von Kaufmann als Calaf eine ebenso zartfühlende Antwort im tröstlichen „Non piangere, Liù“ erfährt.

© Andreas Etter / Pro Arte Frankfurt
© Andreas Etter / Pro Arte Frankfurt

Den Abend beschließt der Tenor mit der obligatorischen Parade-Arie „Nessun dorma“ (aus „Turandot“), die nun auch den letzten im Publikum vom Sitz reißt und mit einer Standing Ovation belohnt wird, auch wenn der finale hohe Ton („Vincerò!“) von der gesanglichen Tour de Force des Abends geschwächt klingt und wohl auch wegen des gerade überstandenen Infekts (zwischendurch musste der Tenor einige Male husten) nicht so kraftvoll und schillernd gelingt, wie man es eigentlich von Jonas Kaufmann gewohnt ist. Aber live ist live und am Ende strahlt der Tenor erleichtert und offensichtlich froh, dass die Musik von Puccini zielsicher ins Herz der Menschen getroffen und die Zuhörenden bewegt hat.

Jonas Kaufmann, Maria Agresta und Jochen Rieder freuen sich über Standing Ovations des Frankfurter Publikums. © Andreas Etter / Pro Arte Frankfurt

Ein Konzert mit einem Feuerwerk aus Gefühlen, wie es nur Puccini zu entzünden vermag, transportiert von zwei wunderbaren Stimmen auf höchstem Niveau.

Die nächsten 6 Stationen der Puccini-Tournee von Jonas Kaufmann finden Sie im Kalender seiner Homepage.

Mit Jonas Kaufmann weht ein Hauch von Hollywood durch den Kurpark Wiesbaden – ein kontrastreiches Konzert mit Melodien aus berühmten Filmen

Wiesbaden, 18. Juli 2024

Am Donnerstagabend beginnt die Open-Air-Konzertreihe des Rheingau Musik Festivals im Wiesbadener Kurpark direkt mit einem Höhepunkt: Startenor Jonas Kaufmann bietet passend zum diesjährigen Themenschwerpunkt Hollywood eine musikalische Reise durch einige der schönsten Melodien aus 100 Jahren Filmgeschichte – von leiser Melancholie eines Ennio Morricone bis zu Blockbuster-Dramatik aus „Gladiator“.

Jonas Kaufmann, Salzburg, Sony Classical

Auf seinem neusten Album „The Sound of Movies“ hat der vielseitige Tenor sein Repertoire um eine weitere Facette erweitert und präsentiert diese beliebten Film-Ohrwürmer nun live vor Publikum.

Jonas Kaufmann bekennt sich als echter Kinofan, der in den vielen Jahren seiner Karriere oft in den Metropolen dieser Welt – sei es in London, Paris oder New York – fern von der Familie allein in seinem Hotelzimmer saß und sich zwischen den Auftritten die Zeit vertreiben musste – dann habe es ihn stets in die Lichtspielhäuser gezogen.

Man braucht viele Stimmen für dieses Repertoire“, sagt Jonas Kaufmann heute zu seinem sängerischen Ausflug in die Filmmusik.

Dass der Startenor ein wahres Stimm-Chamäleon ist, stellt er an diesem Abend eindrucksvoll unter Beweis.

Foto: Ansgar Klostermann / Rheingau Musik Festival

Bei abendlichem Sonnenschein sind die Reihen vor der Konzertmuschel im Kurpark voll besetzt und die Vorfreude ist groß. Einen mitreißenden Einstieg liefert die Deutsche Radio Philharmonie unter der Leitung von Jochen Rieder mit der geradezu ikonischen Fanfare der 20th Century Fox, bei der sich vor dem geistigen Augen der Vorhang vor der großen Kinoleinwand öffnet. Schwungvoll weiter geht es instrumental mit dem Marsch aus „Superman“.

Dann betritt Jonas Kaufmann die Bühne. Der 55-Jährige bringt in seinem dunkelblauen Dreiteiler mit Fliege die Eleganz eines Cary Grant mit. Der Tenor singt den Blues-Titel „What a Wonderful World“ (aus „Good Morning Vietnam“) schwelgerisch mit einem Hauch von Melancholie, wobei er seine Stimme sanft und schmeichlerisch einsetzt – ganz Stilecht in der Tradition des „Crooning“ eines Bing Crosby oder Frank Sinatra.

Foto: Ansgar Klostermann / Rheingau Musik Festival

Doch anders als so manche Filmidole des Goldenen Hollywoods aus der Mitte des 20. Jahrhunderts hat der sympathische Tenor keinerlei Star-Allüren, sondern begrüßt sein Publikum charmant und freut sich über das schöne Sommerwetter und dass er – anders als im nächsten Song – nicht im Regen singen muss. Mit spielerischer Leichtigkeit swingt er sodann das bekannte „Singing in the Rain“ (aus dem gleichnamigen Musical mit Gene Kelly) und hat am Ende ein gutgelauntes Pfeifen auf den Lippen.

Ganz innig wird es dann mit „Moon River“ aus „Breakfast at Tiffany“. Nur in Begleitung einer Gitarre setzt Kaufmann seine Stimme ein wenig rauchig ein und gibt der Melancholie viel Raum, wobei er an die Zerbrechlichkeit der Original-Interpretation von Audrey Hepburn nicht ganz herankommt.

Foto: Ansgar Klostermann / Rheingau Musik Festival

Im nächsten Instrumentalstück aus „La Strada“ von Nino Rota dreht das Orchester auf und präsentiert einen jazzigen Big Band Sound.

Das erste emotionale Highlight des Abends bietet Kaufmann mit seiner leidenschaftlichen Interpretation von „Maria“ aus „West Side Story“ (von Leonard Bernstein). Hier ist der Sänger ganz in seinem Element, kann seine Tenorstimme voll zum Klingen bringen und zeigt seine Stärke als Interpret: Wie viel Sehnsucht und Farbvielfalt Kaufmann in den sich vielfach wiederholenden Namen der Angebeteten legen kann, lässt einen staunend seufzen. Als das letzte Wort „Maria“ verklungen ist, brandet begeisterter Applaus auf.

Foto: Ansgar Klostermann / Rheingau Musik Festival

Romantisch und mit viel Schmelz gesungen ist „She Was Beautiful“ (aus „The Deer Hunter“), wobei auch hier die Gitarrenbegleitung die Stimmung bestens untermalt.

Instrumental geht es romantisch weiter mit „Scene d’amour“ aus „Vertigo“, wobei sich hier auch die quakenden Enten und die zwitschernden Vögel aus den umstehenden Bäumen in den Orchesterklang miteinbringen – was den besonderen Charme eines Konzerts unter freiem Himmel ausmacht.

Jochen Rieder erweist sich als zuverlässiger Dirigent, unter dessen Stab die Deutsche Radio Philharmonie ihre Vielseitigkeit bestens zeigen kann.

Foto: Ansgar Klostermann / Rheingau Musik Festival

Nun verlassen wir Hollywood und tauchen in das europäische Kino ein. In „Se“ aus „Cinema Paradiso“ beweist der Tenor seine große Musikalität und Stimmbeherrschung in vielen Registerwechseln und atonalen Tönen. Doch Jonas Kaufmann meistert diesen Sprung in ein anderes musikalisches Genre spielend und scheint sich besonders im italienischen Flair und in dieser Sprache besonders wohl zu fühlen.

Im nächsten Stück ist wieder ein komplett anderer Sound zu hören: Im Walzer „The Loveliest Night of the Year“ aus „The Great Caruso“ ist ein Gesangsstil aus der Operette gefragt, den Kaufmann auch mühelos beherrscht und seine Tenorstimme mit mehr Klangfülle einsetzt – neben der Seide blitzt nun auch der Stimmstahl auf.

Nach der Pause lässt das Orchester die opulente Erkennungsmelodie aus „Gone with the Windaufwogen und man spürt die große Dramatik dieses Klassikers aus dem Jahr 1939. Das Stück stammt aus der Feder des Wiener Komponisten Max Steiner, der als „Vater der Filmmusik“ gilt (u.a. King Kong 1933, Casablanca 1940) und den symphonischen Klang der Spätromantik aus Europa nach Amerika brachte.

Um den Verlust der großen Liebe geht aus auch im nächsten Stück aus „Love Story“. „Where do I begin“ interpretiert Kaufmann fast wie eine Opernarie.

Einen absoluten Kontrast bieten die lateinamerikanischen Klänge – stimmungsvoll begleitet von einem Akkordeon – des berühmten Tangos „Por una Cabeza“ aus „Scent of a Woman“ (und in einigen weiteren Filmen erklungen wie „Schindlers Liste“ und „True Lies“ ). Auch hier gelingt es Kaufmann mühelos, in die Haut eines hitzköpfigen Lebemannes zu schlüpfen, der im Spiel sein Glück sucht und gerne den Verführungen der Frauen erliegt. Auch die spanische Sprache rollt dem Sänger leicht über die Zunge.

Einen emotionalen Salto-Rückwärts gibt es dann im nächsten Lied, das von Schwermut getragen wird. In „E più ti penso“ aus „Once Upon a Time in America“ vom Meister der italienischen Filmmusik, Ennio Morricone, gelingt es Kaufmann, eine tief traurige Stimmung zu erzeugen, die sich auch in seiner Mimik zeigt. Der Tenor schafft eine dichte Dramatik, die an seine intensiven Darbietungen des Otello auf der Opernbühne erinnert. Wenn er einen Ton kraftvoll herausschmettert und dann leise abschwellen lässt, dann ist es keine bloße Demonstration seiner einzigartigen Stimmfähigkeiten, sondern steht ganz im Dienst seiner gefühlsintensiven Interpretation.

Mit „Nella fantasia“ aus „The Mission“ bleibt es italienisch und mit „Nelle tue mani“ aus „Gladiator“ (von Hans Zimmer) bieten Tenor und Orchester einen mitreißenden Höhepunkt, der die Zuschauenden von ihren Sitzen reißt. Man hat den Eindruck, dass Kaufmann in diesen italienischen Stücken sowohl in der Sprache als auch im opernhaften Stil ganz zuhause ist, während er im amerikanischen Swing und Musical eher als kundiger Tourist unterwegs ist.

Foto: Ansgar Klostermann / Rheingau Musik Festival

Der offizielle Teil des Programms ist beendet und das Publikum zeigt in Standing Ovations seine Begeisterung. Der Tenor ist sichtlich gelöst und gibt gutgelaunt und großzügig sechs Zugaben.

Bei „Ich küsse Ihr Hand, Madame“ zeigt Kaufmann seinen Charme und seine Spielfreude. Man spürt, wie heimisch der Wahl-Salzburger auch in der Wiener Operette ist, musikalisch und von der Mentalität her.

Nach „Strangers In the night“ singt er „Edelweiss“ (aus „The Sound of Music) nur von der Gitarre begleitet, erstaunlich kitschfrei, eher wie ein liebevolles Schlaflied für seinen 5-jährigen jüngsten Sohn Valentin, der vielleicht mit seiner Mutter und den Großeltern aus Wiesbaden auch im Publikum sitzt.

Ein ergreifendes Highlight ist „A rose has bloomed“ (aus „Romeo und Juliet“ von Franco Zeffirelli), samtig weich gesungen, in dem der Rausch der ersten Liebe bereits mit der Melancholie des nahenden Verblühens und dem unvermeidlichen Tod des Paares anreichert ist.

In „Dreams are my reality“ (aus „La Boum“) darf man in Teeny-Party-Stimmung schwelgen.

Auf einer hoffnungsvollen und erhebenden Note endet das Konzert mit „You’ll never walk alone“ (aus „Carousel“).

Jonas Kaufmann hat in diesem wundervollen Konzert eine beeindruckende stimmliche und stilistische Bandbreite gezeigt und bewiesen, warum er als der beste Tenor der Welt gehandelt wird – auf jeden Fall ist er der Vielseitigste.

Wer mehr Musik aus Hollywood genießen möchte, der wird im Programm des Rheingau Musik Festivals der nächsten Tage noch fündig.

Ulrike Arabella Meran (Foto: privat)

Jonas Kaufmann kehrt im Herbst 2024 mit seinem „Viva Puccini!“-Programm in die Region zurück und ist u.a. im Mannheimer Rosengarten (am 17.10.2024) und in der Alten Oper Frankfurt (am 22.10.2024) zu erleben.

Über die Autorin:

Ulrike Arabella Meran lebt in Berlin, wo sie ihrer Berufung als Autorin und Schreiblehrerin folgt. Im Jahr 2020 hat sie ihren Masterabschluss im Studiengang »Biografisches und Kreatives Schreiben« an der Alice Salomon Hochschule Berlin erworben. Die gebürtige Kölnerin hat sich bereits in jungen Jahren für Literatur begeistert, ebenso wie für die klassische Musik. Sie hat einige Jahre als Posaunistin im Schulorchester und in einer Big Band gespielt. Seit rund 25 Jahren geht sie leidenschaftlich gerne in die Oper. So ist es kein Wunder, dass sie in ihrem neusten historischen Roman „Im Takt ihrer Träume (im Oktober 2023 im Verlag Tinte & Feder erschienen) eine junge Dirigentin an der Wiener Oper in den 1920er Jahren zur Hauptfigur gemacht hat, die sich dort als einzige Frau in der Männerwelt behaupten muss.

Filmmusik kommt in dieser Geschichte übrigens auch vor, wenn Dirigentin Johanna mit ihren Freundinnen ins Stummfilmkino geht – wie damals üblich mit live Orchester-Begleitung.

Ulrike Arabella Meran (Foto: privat)

Titelbild: Ansgar Klostermann / Rheingau Musik Festival

Jonas Kaufmann begeistert in der Waldbühne mit ansteckender Lebensfreude und lässt das Publikum im Operetten-Walzer mittanzen

An diesem heißen Juliabend scheint halb Berlin in die Waldbühne gepilgert zu sein. Das imposante steinerne Rund ist gut gefüllt und die Klassikbegeisterten auf den Rängen werden bei über 30 Grad in der Sonne gebrutzelt, nur im Parkett direkt vor der Bühne hat sich schon ein wohltuender Schatten gebildet. Der Eisverkäufer bietet seine begehrte Erfrischung mit tenorhaftem Gesang an, was ihm Lacher und Applaus einbringt.

Das Publikum ist in bester Laune und freut sich auf den Startenor Jonas Kaufmann, der pünktlich um 19 Uhr die große Bühne betritt und das Publikum in den nächsten 3 Stunden in die schwelgerische Welt der italienischen Oper, der Wiener Operette und der Berliner Schlager aus den 1920er Jahren entführt.

Gleich zu Beginn begrüßt der sympathische Sänger sein Waldbühnen-Publikum und bittet um Nachsicht, dass er ob der Hitze auf Frack und Fliege verzichtet hat. Stattdessen trägt er einen dunkelblauen Anzug und ein weißes Hemd, das am Hals locker geöffnet ist, damit er gut Luft zum Singen bekommt.

Zum Einstieg bietet Kaufmann den „Prolog“ aus der Oper „Pagliacci“ von Ruggero Leoncavallo dar, eine Arie, die eigentlich für einen Bariton geschrieben ist, dem Tenor aber so gut gefällt, dass er sie trotzdem mit einer kenntnisreichen Interpretation zum Besten gibt. Gleich darauf versichert er jedoch, keinen Stimmfachwechsel in die Tiefe im Sinn zu haben und für den Rest des Abends in den Gefilden des Tenor-Repertoires zu bleiben.

Als nächstes präsentiert Kaufmann das von Enrico Caruso berühmt gemachte Verismo-Stück „Vesti la giubba“ aus derselben Oper, in der er das schmerzliche Seelenleben dieser Figur eindringlich hörbar macht.

Sodann kündigt der Star des Abends galant seine Gesangspartnerin, die amerikanische Sopranistin Rachel Willis-Sørensen an, die mit der Arie der Mimi aus „La Bohème“ den romantischen Teil des Konzerts einleitet. Im darauffolgenden Duett „O soave fanciulla“ können Tenor und Sopran ihre Stimmen in träumerischer Harmonie verschmelzen lassen. Ihr kräftiger und klarer Sopran mischt sich hier bestens mit dem samtigen Timbre des Tenors. Bei den Schlusstönen, die wie üblich als Abschied des Paares aus dem Bühnenhintergrund vernommen werden, kann man die Stimmen einmal ohne Mikrofonverstärkung hören, was eigentlich viel schöner und unmittelbarer klingt, als über die Boxen. Aber bei einer Open-Air-Veranstaltung gehört die technische Verstärkung eben dazu.

Dann bringt Kaufmann die bei Arien-Abenden oft stiefmütterlich behandelte Tenorarie „Non piangere Liu“ aus Puccinis „Turandot“ zu Gehör, die er mit weichen Tönen und viel Stimmschmelz gestaltet.

Als nächstes entführt das Rundfunk-Sinfonieorchester RSB unter der Leitung von Jochen Rieder (der trotz Hitze tapfer einen Frack trägt) in einem Intermezzo in die leidenschaftlichen Welten von Puccinis „Manon Lescaut“. Das Orchester spielt klangschön und harmonisch.

Vor der Pause nimmt sich Kaufmann noch das aufflammende Plädoyer („Improvviso“) des Dichters Andrea Chénier aus der gleichnamigen Oper vor, das ihn stimmlich sehr fordert und durch das er klug navigiert.

Nach der Pause geht es mit der „leichten Muse“ in Gestalt der Operette weiter. Kaufmann hat sein weißes Hemd gegen ein dunkelblaues getauscht und trägt nun sportliche Sneaker mit hellen Sohlen.

„Mit leichtem Schuhwerk wird der Weg einfacher“, scherzt der Tenor, der jedes Mal zwischen seinen Auftritten einen ziemlich langen Weg rund um das halbe Orchester in seine Erholungsstation hinter einem Sichtschutz zurücklegen muss – was er nun umso beschwingter tut.

Leicht und süffig wird nun auch Kaufmanns Gesang. Die bekannten Stücke von Operettenkönig Franz Lehár wie „Freunde, das leben ist lebenswert“ und das Duett „Wiener Blut“ mit Willis-Sørensen versprühen jede Menge Lebensfreude und Koketterie.

Der Tenor ist bestens gelaunt und zu Späßen aufgelegt. Bei der instrumentalen Polka „Leichtes Blut“ (Johann Strauß, Sohn) tanzt er verspielt hinter seinen Wandschirm. Auch durch seine spontanen Zwischenmoderationen wirkt der Klassikstar sehr nahbar und gewinnt alle Sympathien des Publikums.

Voll ausspielen kann der Tenor – der mit seinen fast 54 Jahren und leicht ergrauter Lockenpracht immer noch verdammt gut aussieht – seine stimmlichen Verführungskünste und seinen unvergleichlichen Charme in „Treu sein, das liegt mir nicht“ (aus der Operette „Eine Nacht in Venedig“), im Film-Chanson „Ich küsse Ihre Hand, Madame“ von Ralph Erwin und im gesäuselten „Hab ein blaues Himmelbett“ aus der Operette „Frasquita“ von Lehár.

Die Sopranistin sorgt mit dem Vilja-Lied aus der „Lustigen Witwe“ für gute Stimmung und im anschließenden Duett „Lippen schweigen“ wird es wieder romantisch. Man spürt, dass Kaufmann und Willis-Sørensen sich gut leiden können und auf der Bühne schon ein eingespieltes Team sind.

Inzwischen ist die Sonne hinter den Baumwipfeln verschwunden, von Sternenhimmel zwar noch keine Spur, doch das sommerliche Abendrot sorgt für eine magische Atmosphäre in der Waldbühne. Zur Naturkulisse gehören auch die majestätisch vorüberziehenden Reiher am Himmel, die manchmal ihre Ruf unter den Orchesterklang mischen, und leider auch unzählige Insekten, die nach Sonnenuntergang durch die Luft schwirren.

Beim Schmachtfetzen „Dein ist mein ganzes Herz“ (aus „Das Land des Lächelns“) muss der Tenor eine lästige Mücke zwischen seinen Händen erschlagen, die drohte, ihm in den Mund zu fliegen, was für einige Lacher sorgt.

Tenor und Sopran beglücken ihr Publikum mit sechs Zugaben, darunter natürlich das Tenorglanzstück „Nessun Dorma“ von Puccini, was wie zu erwarten mit frenetischem Jubel und Standing Ovations belohnt wird.

Beim den weiteren Operetten-Zugaben wird mitgesungen und geschunkelt. Nicht nur Kaufmann und Willis-Sørensen fegen in einen ausgelassenen Wiener Walzer über die Bühne, sondern auch einige Paare aus dem Publikum schwingen in dem Kreis um das Parkett herum das Tanzbein.

Zum Abschied singen Tenor und Sopran noch gemeinsam die nostalgische Canzone „Non ti scordar di me“- Vergiss mich nicht (von De Curtis). Ja, es war wirklich ein unvergesslicher Konzertabend. Während die Menschenmassen mit einem seligen Lächeln auf den Lippen den Ausgängen entgegenströmen, summen sie vor sich hin. Die sehnsuchtsvollen bis amüsanten Melodien und Eindrücke werden sicher noch eine Weile wohlig nachhallen.

Jonas Kaufmann begeistert mit großen Gefühlen und italienischer Gesangskultur in der Alten Oper Frankfurt

Startenor Jonas Kaufmann präsentierte am Sonntag bestens disponierte ein vielseitiges und mitreißendes Arien-Programm aus Opern von Giuseppe Verdi und aus dem italienischen Verismo

Schon mit seiner Auftrittsarie „Celeste Aida“ aus Verdis Nil-Oper „Aida“ zeigt Kaufmann (53) seine langjährige Erfahrung im italienischen Fach und zaubert mit warmen Stimmfarben und langen Legatobögen ein verführerisches Klangerlebnis und beweist mit seinem leise an- und abschwellenden letzten Ton, wie perfekt er sein Instrument beherrscht. Aber der Tenor stellt seine Stimme immer in den Dienst der Musik und vor allem der Emotion, die er mit seinem Gesang seelenvoll zu transportieren versteht.

Tenor Jonas Kaufmann – Foto: Ansgar Klostermann/Pro Arte © Ansgar Klostermann

Anrührend und mit zarten Tönen bis hin zu dramatischen Ausbrüchen gestaltet er die Arie des Rodolfo aus „Luisa Miller“ und die des Riccardo aus „Un ballo in maschera“ – Figuren, die er bisher noch nie auf der Bühne verkörpert hat. Doch in seiner Interpretation werden die darzustellenden Männer mit ihren Liebesnöten sofort lebendig.

 

Zwischen den Arien des Tenors sorgen die aus den jeweiligen Opern stammenden Preludios für eine musikalische Einstimmung. Die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung von Jochen Rieder spielt wohlklingend auf. Mit dem Dirigenten verbindet Kaufmann eine langjährige Zusammenarbeit, er ist sein Stammdirigent auf allen Tourneen. In den Arien merkt man, dass die beiden Musiker bestens harmonieren und Rieder den Orchesterklang einfühlsam den Bedürfnissen des Tenors anpasst.

Foto: Ansgar Klostermann/Pro Arte © Ansgar Klostermann

Einen grandiosen Höhepunkt vor der Pause liefert der Monolog des Otello aus der gleichnamigen Verdi-Oper. Wenn Kaufmann „Dio! mi potevi scagliar tutti i mali“ flüstert, so lastet hier die tiefe Verzweiflung des Otello auf jeder Silbe, jedem gehauchten Vokal, und man vergisst, dass ein Tenor im Frack auf der Bühne steht und wird hineingetragen in eine zutiefst ergreifende Seelenschau.

 

Beim Otello kann Kaufmann bereits auf drei Bühnenproduktionen zurückblicken (sein umjubeltes Rollendebüt gab er im Sommer 2017 am Royal Opera House in London), in denen er in die Haut dieses von Eifersucht Getriebenen geschlüpft ist und diesen eindringlich verkörpert hat – der gebürtige Münchner ist auch darstellerisch ein Ausnahmetalent. All diese Emotionen kann der Tenor innerhalb weniger Sekunden aus dem luftleeren Raum in sich heraufbeschwören und in der Alten Oper auf die Konzertbühne bringen. Das Publikum im fast ausverkauften Haus ist vollkommen mitgerissen und applaudiert enthusiastisch.

Jonas Kaufmann und Jochen Rieder – Foto: Ansgar Klostermann/Pro Arte © Ansgar Klostermann

Nach der Pause präsentiert der Sänger Glanzstücke aus dem Verismo. Ähnlich intensiv wie der Otello gelingt ihm das „Vesti la giubba“ des gebrochenen Clowns Canio aus „I Pagliacci“.

 

Eine erstaunliche Wandlung der Stimmung und auch der Stimmfarbe vollführt Kaufmann im darauffolgenden Stück, dem „Lamento des Federico“ aus der Oper „L‘ Arlesiana“ von Francesco Cilea. Dieser Federico ist das italienische Pendant zum französischen Werther (nach Goethes literarischer Vorlage), beide sind junge Männer, die sich aus Kummer über die unerfüllte Liebe zu einer Frau das Leben nehmen. Hier gelingt es Kaufmann, die Reife vieler Jahre von seiner Stimme abzuwerfen und klingt mit lyrischen Tönen tatsächlich wie ein Jüngling. Mit fast liedhafter Stimmführung zeichnet er die Pein des Verliebten nach, die erst zum Ende hin seinen stimmgewaltigen Ausbruch findet. Hier kann Kaufmann mit kraftvollen Spitzentönen aufwarten.

 

Vor dem letzten Stück auf dem Programmzettel, dem bekannten und schon oft von ihm dargebotenen „Mamma! Quel vino è generoso“ des Turridu aus „Cavalleria rusticana“ (von Pietro Mascani), gibt es einen auflockernden Moment, als Kaufmann mit gelöster weißer Fliege und offenem Hemdkragen die Bühne betritt, dann lachend seinen derangierten Aufzug bemerkt und sich schnell wieder adrett herrichtet – hier springt auch der menschliche Funke ins Publikum über und der Startenor wird nahbar, der zuvor ein wenig reserviert und eher in sich gekehrt gewirkt hatte.

Foto: Ansgar Klostermann/Pro Arte © Ansgar Klostermann

Das Publikum zeigt sich von der Arie begeistert und gibt stehende Ovationen, die der bescheiden lächelnde Kaufmann mit vier Zugaben belohnt, darunter zwei italienische Canzonen, ein sehr sanftes und inniges „Ombra di Nube“ (Licinio Refice) und „Amor ti vieta“ aus Fedora (Umberto Giordano).

 

So verlassen die Musikbegeisterten das Opernhaus bewegt und mit einem Lächeln auf den Lippen und werden draußen von einer mild-mediterranen Frankfurter Frühlingsnacht empfangen, in der die Italianità noch eine Weile in ihnen nachklingen kann.

 

Wer Jonas Kaufmann bei nächster Gelegenheit (wieder oder zum ersten Mal) live auf der Bühne erleben möchte, der kann sich im Terminkalender auf dessen Homepage über alle Auftrittsdaten und Orte informieren: Kalender

Tenor Rolando Villazón verzaubert sein Publikum mit einer musikalischen Weltreise im Kuppelsaal in Hannover

Am Sonntagabend begrüßte der vielseitige Tenor Rolando Villazón sein Publikum im gut gefüllten Kuppelsaal ungewohnt mit Mikrofon, denn Moderator Holger Wemhoff war kurzfristig erkrankt, so dass der Sänger selbst spontan durch sein Programm führte – mit Ernsthaftigkeit und Charme.

So schwelgte die golden-warme Stimme des Tenors in den ersten drei Liedern von Mozart, Schubert und Strauss von der melancholischen Abendstimmung, über die Kunst bis zum Abschied der Seelen. Er interpretierte die deutschen Verse mit sehr guter Textverständlichkeit und großer Ausdruckskraft.

Der nächste Teil war Komponisten aus dem mediterranen Raum gewidmet. In „Coplas de Curro Dulce“ von Fernando J. Obradors zeigte der Mexikaner sein Temperament.

Unter den melodienreichen Liedern der italienischen Komponisten Verdi, Bellini und Rossini stach besonders Villazóns schmerzlich-sehnsuchtsvolle Interpretation von „Vaga luna che inargenti“ (Bellini) heraus.

Nach der Pause präsentierte der Tenor moderne Musik und spannte mit vier Songs von Kurt Weill den Bogen in die Gegenwart mit dem Thema von Krieg und Verlust. Die Texte stammen aus der Feder von Walt Whitman („Oh Captain! My Captain! – das Gedicht ist manchem bekannt aus dem Film „Der Club der toten Dichter“).

Auch die folgenden drei Lieder von Iain Bell forderten die Hörgewohnheiten heraus und gingen nicht sofort ins Ohr, wie andere eingängige Klassikhits.

Der Mexikaner scherzte: „Ich singe dieses Konzert noch acht Mal. Wenn Sie jedes Mal hinkommen, können Sie die Lieder am Schluss mitsingen.“

Zum Abschluss holte der Tenor Lieder der Komponistinnen Gisela Hernández, Inés Halimi und María Grever aus dem Schatten ihrer männlichen Zeitgenossen hervor und bewies, dass diese Kompositionen ihren Platz im Standardrepertoire verdient hätten.

Das Lied „Entre tus manos“ hat Inés Halimi eigens für Villazón komponiert – wie er erzählte als Ergebnis einer Begegnung auf einer Zugfahrt, bei der die beiden ins Gespräch gekommen waren.

Begleitet wurde Rolando Villazón von der kanadischen Pianistin Carrie-Ann Matheson, die es verstand, im musikalischen Dialog die unterschiedlichen Stimmungen der Lieder zu unterstreichen.

Das Publikum dankte dem Tenor den gelungenen Abend mit stehenden Ovationen und wurde mit drei Zugaben belohnt, in denen der Mexikaner wieder den Farbenreichtum seiner Stimme aufblühen ließ und viel Herzenswärme auf den Saal übersprang.

Im blauen Himmelbett mit Jonas Kaufmann beim Rheingau Musik Festival in Wiesbaden

Wiesbaden, 21.08.2022

An diesem idyllischen Sommerabend erwartete die Klassikbegeisterten eines der Highlights des diesjährigen Rheingau Musik Festivals: Startenor Jonas Kaufmann entführte das Publikum im Kurpark Wiesbaden in die schwelgerische Welt der italienischen Oper und der Wiener Operette.

Schöne Atmosphäre für die nahezu ausverkaufte Gala im Kurpark Wiesbaden. Foto: UG
Jonas Kaufmann. Foto: Ansgar Klostermann

Zum Einstieg überraschte Kaufmann, festlich im Frack gekleidet, mit dem „Prolog“ aus der Oper von „Pagliacci“ von Ruggero Leoncavallo, einer Arie, die eigentlich für einen Bariton geschrieben ist. Trotz seines baritonalen Timbres fehlte es dem Tenor hier in den tiefen Lagen an Fülle und er konnte seine stimmlichen Stärken in diesem Stück nicht zur Geltung bringen, was auch mit ziemlich verhaltenem Applaus quittiert wurde. Im Anschluss trat der Star des Abends ans Mikrofon und entschuldigt sich fast schon für seinen Ausflug ins Bariton-Repertoire, aber diese Arie begeistere ihn so sehr, dass er nicht habe widerstehen können, sie auf der Bühne darzubieten. Kaufmann versprach aber, für den Rest des Abends in den Gefilden des Tenor-Repertoires zu bleiben.

Als nächstes präsentierte er das von Enrico Caruso berühmt gemachte Verismo-Stück „Vesti la giubba“ aus der selben Oper. Es ist der verzweifelte Seelenschrei des Clowns Canio, der sich das Lachen aufschminken muss und dem gleichzeitig das Herz vor Liebeskummer bricht. Kaufmann hat diese Rolle bereits bei den Salzburger Osterfestspielen 2015 sehr überzeugend und herzzerreißend dargeboten und hätte sie im Juli diesen Jahres wieder gespielt und zwar am Royal Opera House in London, wenn er nicht wegen seiner zweiten Corona-Erkrankung hätte absagen müssen. Am heutigen Abend scheint Kaufmann das alles nachholen zu wollen. Allerdings ist diese emotionale Tour de Force am Anfang des Programms sowohl für den Sänger, als auch für das Publikum ein ziemlicher Kaltstart und die Wucht des Gefühls mag nicht so recht entstehen, weil der Kontext der Oper fehlt.

Foto: Ansgar Klostermann

Kaufmann setzte seine Moderation fort und kündigte die nächsten Stücke von Giacomo Puccini an. Dass der Tenor gleichzeitig die Rolle des Conferenciers übernahm, schien eine spontane Entscheidung des Sängers zu sein, jedenfalls sprach er frei und las keinen vorformulierten Text ab. Beim ersten Open-Air-Sommerkonzert in diesem Format im Kloster Benediktbeuern hatte es geregnet und das Publikum war zudem nicht mit Programmzetteln ausgestattete gewesen, so dass Kaufmann auf seine flexible und freundliche Art dort die Moderation übernommen und den Abend ein Stück weit gerettet hatte. Anscheinend hat er gefallen an dieser Rolle gefunden, denn obwohl heute Programmzettel vorhanden waren, führte er mit seinen spontanen, die Stücke und Komponisten musikalisch einordnenden Ansagen durch den ganzen Abend, was ihn sehr nahbar machte – und auch fehlbar zeigte, denn hier und da verhaspelte und verbesserte er sich und merkte selbst an, dass die Moderation „nicht sein eigentlicher Beruf“ sei. Seine persönliche Ansprache ans Publikum brachte Kaufmann viele Sympathiepunkte ein, aber vielleicht nahm sie ihm auch ein wenig die Aura des unerreichbaren Stars.

Kaufmann kündigte galant seine Gesangspartnerin, die amerikanische Sopranistin Rachel Willis-Sørensen an, die mit der Arie der Mimi aus „La Bohème“ den romantischen Teil des Konzerts einleitete. Im darauffolgenden Duett „O soave fanciulla“ konnten Tenor und Sopran ihre Stimmen in träumerischer Harmonie verschmelzen lassen. Ihr kräftiger und klarer Sopran mischte sich hier bestens mit dem samtigen Timbre des Tenors.

Foto: Ansgar Klostermann

Dann brachte Kaufmann die stiefmütterlich behandelte Tenorarie „Non piangere Liu“ aus Puccinis „Turandot“ zu Gehör, die er mit weichen Tönen und viel Stimmschmelz gestaltete. Zuvor stellte er dem Publikum jedoch augenzwinkernd – „darüber können wir später noch verhandeln“ – in Aussicht, dass sie später noch in den Genuss von DER Tenorarie aus dieser Oper kommen würden, deren Namen nicht genannt werden muss.

Vor der Pause gab Kaufmann noch das aufflammende Plädoyer des Dichters Andrea Chénier aus der gleichnamigen Oper zum besten, was ihm einiges an Stimmkraft abverlangte.

Nach der Pause – Kaufmann trug nun ein dunkelblaues Jacket auf weißem Hemd und leger offenstehendem Kragen – ging es mit der „leichten Muse“ in Gestalt der Operette weiter, die, so Kaufmann, alles andere als leicht zu singen sei, die Kunst liege darin, es leicht und süffig klingen zu lassen. Dass er diese Kunst beherrscht, zeigte der Tenor dann in den bekannten Stücken von Operettenkönig Franz Lehár wie „Dein ist mein ganzes Herz“ und im Duett „Wiener Blut“ mit Willis-Sørensen, die zusammen einen kleinen Walzer auf die Bühne legten. Inzwischen war auch das Publikum ganz in der Atmosphäre der Sommernacht unter freiem Himmel angekommen und applaudierte begeistert.

Foto: Ansgar Klostermann

Seine stimmlichen Verführungskünste und seinen unvergleichlichen Charme konnte Kaufmann in „Hab ein blaues Himmelbett“ aus der Operette „Frasquita“ von Lehár und im Chanson „Ich küsse Ihre Hand, Madame“ von Ralph Erwin ausspielen. In seinem balsamischen Gesang kommen die große Farbpalette seiner Stimme sowie seine Gestaltungskunst bestens zur Geltung, die der vielseitige Tenor auch als gefragter Liedsänger immer wieder vorführt.

Das WDR Funkhausorchester unter der Leitung von Jochen Rieder, den Kaufmann sich seit vielen Jahren für seine Konzert-Tourneen an die Seite holt, in der Orchestermuschel begleitete den Startenor gefällig und schwungvoll.

Kaufmann beglückte sein Publikum mit vier Zugaben, darunter natürlich das Tenorglanzstück „Nessun Dorma“ von Puccini, was wie zu erwarten mit frenetischem Jubel und Standing Ovations belohnt wurde. Ausklingen ließ der Tenor den Abend mit dem sehnsuchtsvollen „Wien, du Stadt meiner Träume“ von Rudolf Sieczynskis.

So strömten die Massen am Ende dieses Abends mit einem Lächeln auf dem Gesicht dem Ausgang entgegen und kaum jemand merkte, dass der Star-Tenor selbst sich unter ihnen einen Weg von der Bühne zurück in seine Garderobe im Kurhaus bahnen musste.

 

Ausblick auf weitere Klassik-Highlights

Jonas Kaufmann wird im nächsten Mai in die Region zurückkehren und am 21.05.2023 ein Konzert in der Alten Oper Frankfurt geben. Wer nicht solange warten möchte, kann den Tenor in den nächsten Monaten an den Opernhäusern München, Zürich und Wien im italienischen Repertoire erleben. Auf seiner Homepage kann man seinen vollen Terminplan einsehen.

Das Titelbild stammt ebenfalls vom Fotografen Ansgar Klostermann, zur Verfügung gestellt vom Rheingau Musik Festival.

Foto: UG
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