Ricky ruiniert aus Langeweile

Seine Lehrzeit ist zu ende,

Farbkleckse zieren seine Hände.

Pinseln, Streichen und Lackieren,

damit kann er sich nicht blamieren.

Ricky hat es gelernt und weiß,

Arbeit geht nicht ohne Schweiß.

Ricky trägt den Rucksack voller Geld

der ist schwer, was ihm nicht gefällt.

Er ist kein Räuber und kein Strolch,

doch die Scheine stechen wie ein Dolch.

Für sieben Jahre Arbeit sind sie sein Lohn,

ist jetzt Geselle und reif für weitere Fron.

Seine Scheine muss er gut bewachen,

das ist gar nicht mehr zum Lachen.

„Soll dein Vermögen Zinsen tragen,

musst du es an der Börse wagen.“

Solche Ratschläge bekommt er zu Hauf,

so was nimmt ein reicher Mann in Kauf.

„Ach, würde das Geld einem anderen gehören,

das würde mich ganz und gar nicht stören!“,

ruft Ricky, auf dem sein Vermögen lastet.

Wer viel hat, der hadert und hastet.

Ohne Geld wäre ich arm, doch ohne Sorgen.

Was er wirklich wünscht, bleibt ihm verborgen.

Ricky zieht es heim an Mutters Ofen.

Er hat kein Auto, also muss er loofen.

Auf der Straße trifft er einen Mann mit Mofa,

damit käme er schneller hin auf Mutters Sofa.

So tauscht er seinen Rucksack voller Knete

gegen das Zweirad und düst los wie ’ne Rakete.

Bald pfeift sein Gefährt auf dem letzten Loch,

der Tank ist leer und Rickys Magen ooch.

Gähnend leer sind seine Taschen,

doch den Zweifler kann er überraschen.

Schon tauscht er Mofa gegen Stulle

und trampt heim mit leerer Schatulle.

Rickys Mutter wiegt ihn weinend im Arm,

Ricky ist froh und hat keinen Plan.

Er steht am Morgen auf ganz tatenlos,

schlurft umher, ist niemals atemlos.

Er schlürft Suppe und kaut Brot,

müd und müder wird er ohne Not.

Ricky lässt Pinsel und Rolle ruhen,

wendet sich ab von Farben und Konsum.

Für Konzerte hat Ricky kein Geld,

es gibt gratis Musik, die ihm gefällt.

Lerche und Meise singen im Wald,

das nimmt ihm keiner so bald.

Ricky sitzt am Fenster bei Tag,

schaut sinnend hinaus und fragt:

Was soll ich tun in diesem Einerlei?

Wünsche mir alte Sorgen herbei.

Ohne Last spüre ich keine Gewichtung.

Ziellos sein hat keine Richtung.

Die Moral von der Geschicht:

Freiheit hat ein zweites Gesicht.

Alles zu können ist Labsal.

Nichts zu müssen ist Qual.

Träumen ist deine Pflicht,

die zu großen Taten dich sticht.

 

Nachwort:

Das war vielleicht eine schwere Geburt! Die ganze Woche über habe ich lose Gedanken in meinem Kopf hin und her bewegt, wie ich die „Hans im Glück“-Geschichte neu interpretieren könnte. Worin besteht eigentlich sein Glücklichsein? Es wäre zu einfach, es auf Besitzlosigkeit und materielle Zwanglosigkeit zu reduzieren. Auch widerstrebt es mir, die Armut als idyllisch zu verklären. Das geht an der Realität vorbei.

Entsteht Glücklichsein aus der Freiheit von Zwängen, Aufgaben, Verantwortung, moralischen Lasten (z.B. Schuld)? Ja. Aber? Warum fällt mir keine wahrhaftige Geschichte dazu ein? Warum kann ich den Protagonisten nicht greifen? Meine Fantasie prescht immer voran und fragt mich, was nach dem Ende der Geschichte passiert. Hans sitzt im Haus seiner Mutter, hat kein Geld, und vor allem keine Beschäftigung…

Im meinem vorangehenden Beitrag habe ich Hans zur Lichtgestalt für alle gestressten Menschen mit Aussteigerphantasien stilisiert. Ganz klar, an Burn-out wird dieser Hans niemals leiden. Aber was ist mit Bore-out?

Ja, es ist diese Leere, die mich stört. Es genügt nicht, frei von Belastendem zu sein. Diesen Freiraum gilt es zu füllen. Mit Ideen, Wünschen, Zielen und Taten, die darauf ausgerichtet sind.

Was wünscht sich die Figur, über die ich schreiben will? Ich muss an die Redewendung „wunschlos glücklich“ denken und protestiere innerlich. Für mich ist das ein Paradoxon. Wer wunschlos ist, hat keinen Lebensantrieb mehr – das ist jedenfalls meine Überzeugung (siehe auch mein Gedicht „wunschfrei„).

Ich jedenfalls brauche jeden Tag ein Ziel, auch wenn es nur eine kleine Aufgabe ist, die ich erfüllen möchte. So habe ich mir die Aufgabe gesetzt, eine neue Version des „Hans im Glück“ zu schreiben. Daran halte ich mich auch, trotz beträchtlicher innerer Widerstände. Meine vorherigen Märchen sind mir so leicht aus der Feder geflossen. Jetzt bröckelt es trocken daher. Sonntagabend fange ich einen Prosatext über Ronny (heute habe ich ihn in „Ricky“ umgetauft) an, der mit schwerem Geldrucksack zum Bahnhof geht und seinen Zug verpasst. Er denkt über den Geruch von Geld nach. Langweilig. Welche Handlung will ich erzählen und vor allem: Welche Botschaft soll das Ganze haben???

Am heutigen Montagmorgen rette ich mich in die Reimform (denke dabei an Max und Moritz von Wilhelm Busch), in der Hoffnung, durch dieses sprachliche Korsett gestützt zu werden und auch durch die Verdichtung an die Essenz zu gelangen.

Ob es mir gelungen ist? Ich hoffe jedenfalls, dass ihr zu eigenen Gedanken angeregt seid, was es braucht, um glücklich zu sein.

Please follow and like us: