Am 20. Tag im National Novel Writing Month

In der letzten Woche hat sich viel getan in meiner Geschichte und ich habe so einige Höhen und Tiefen durchwandert. Eine wichtige Erkenntnis ist, dass ich mich auch dann zum Schreiben (jeden Tag mindestens 1.667 Wörter) hinsetzen muss, wenn ich mich gar nicht inspiriert fühle – erstaunlicherweise kommen mir beim Tippen nach der zähen ersten Seite doch irgendwelche Ideen und es entsteht ein brauchbares Kapitel.

Nach dem dramatischen Komplex mit Philipp und Silva plätscherte die Handlung um Elise so vor sich hin. Vor allem habe ich ihre Begegnung mit der zweiten Hauptfigur (dem Jungen mit der Gitarre) aus der Märchenwelt herausgezögert, weil ich immer noch nicht wusste, wie diese Welt überhaupt beschaffen sein soll.

Also habe ich mich zeitweise damit abgelenkt, mir Titel für die Groschenromane auszudenken, die die liebenswerten Großtanten von Elise immer lesen. Die eine liebt Schnulzen und die andere Schauerromane. Hier drei Beispiele (das Genre dürft ihr raten):

„Herzensbrecher haben auch mal Liebeskummer“,

„Vlado – Draculas Sohn im Moor“ und

„Schöne Windhunde beißen nicht“

Schließlich habe ich mich an Tag 16 gezwungen, die Szene mit dem Jungen aus der Märchenwelt zu schreiben (einen Dialog, da konnte ich mich auf den Charakter konzentrieren, Details aus seiner Welt waren nicht nötig) – und mit einigen Stunden Verspätung in der Nacht hat sich eine Schleuse in meinem Kopf geöffnet und ich konnte nicht schlafen vor lauter Ideen.

Die letzten drei Tage habe ich meinem Fanatsie-Rausch hastig hinterher geschrieben. Manchmal ist es ziemlich mühsam, etwas in Worte zu fassen, was ich bildlich vor mir sehe. Aber damit das Ganze nicht in eine epische Beschreibung ausartet, habe ich versucht, die Welt aus der Sicht des Jungen zu zeigen und auch ein paar Dialoge einzubauen. Ich habe noch längst nicht alles erzählt – um diese „Welt des Immerwährenden Klanges“ zum Leben zu erwecken. Es gibt so viele große und kleine Frage zu beantworten wie nach dem Sinn des Daseins der Wesen, wie ist ihre biologische Beschaffenheit (Geburt und Sterben), wie ist ihr soziales System (beim Holzspielervolk des Jungen mit der Gitarre hat jeder Meister einen Gesellen), haben sie einen Glauben, wie funktioniert ihr Ökosystem (für die Müllentsorgung habe ich auch schon eine Lösung…).

Heute Nachmittag und Abend brauche ich mal eine kleine Pause von der Weltenschaffung und wende mich wieder Elise in der Menschenwelt zu. Sie ist in der 4. Klasse und geht auf Klassenfahrt. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe meine Klassenfahrten aus dieser Zeit als ziemlichen Horror in Erinnerung – zu wenig Schlaf und zu viel Zucker, die verdeckten Konflikte und Aggressionen in der Klassengemeinschaft brechen hervor.

Mal sehen, wo die Szene mich hinführt (dramatisches Potenzial ist jedenfalls da), ich lasse meine Fantasie jetzt wieder gemächlich hinter meinen Fingern her trippeln.

Übrigens ist mir gestern Abend beim Spazierengehen eine Pappschachtel mit alten Audiokassetten vor die Füße geraten (von Leuten als „Spende“ vor ihre Haustür gestellt) – und die erste Kassette, die ich aus dem Stapel ziehe ist: Bibi Blocksberg.

Also werde ich heute in der Leseprobe zu Philipp und Silva zurück kehren – es handelt sich um die Szenen vor und nach der Fahrradsequenz, die ihr letzte Woche lesen konntet. Übrigens wird Philipp als Erwachsener noch  eine Chance bekommen, sich für eine gute Tat zu entscheiden.

Für einen etwas heiteren Ausklang gibt es noch den „Stuhlkreis“ mit Elise in der 4. Klasse (ohne Philipp – seine Familie ist nach dem Brand in eine andere Stadt gezogen). Die dortigen Witze habe ich nicht selbst erfunden, sondern aus dem weltweiten Netz gefischt.

Ich hoffe, ihr fühlt euch beim Lesen unterhalten.

Tag 10: Das Duell

(… Philipp macht in der Schule demütigende Erfahrungen, z.B. beim Mathe-Duell, und in der großen Pause fordert er seine Mitschülerin Elise zu einer Art Psychoduell heraus…)

Philipp und Silva stiegen aus dem Bus und bogen nebeneinander in den Finkenweg ein. (…) Silva plapperte vor sich hin und öffnete die Haustür mit dem Schlüssel, der an einem Lederband um ihren Hals hing. Philipp warf seinen Schulranzen auf den Boden im Flur unter die Mäntel.

„Machen wir uns Lasagne“, fragte Silva. Philipp nickte missmutig.

Silva holte mit geübten griffen die Fertiggerichte aus dem Tiefkühlfach und machte sie in der Mikrowelle heiß. Normalerweise würden sie jetzt vor dem Fernseher essen und ihre Lieblingsvideokassetten ansehen. (…)

„Es kommen zwar nur diese Talkshows, aber besser als nichts.“ Er packte seinen Teller und verbrannte sich seine Finger daran.

„Scheiße“, schrie er. Silva hatte ihren Teller mit einem Handtuch umfasst und ging ins Wohnzimmer.

„Igitt, das stinkt hier aber“, sagte sie und rümpfte ihre Stupsnase. Kater Moritz, der bisher auf der Küchenbank gelegen hatte, kam nun auch hinter ihnen her und schlich mit erhobenem Schwanz im Wohnzimmer umher und maunzte. Ihn schien der Geruch nicht zu stören, denn er legte sich gähnend auf seinen Lieblingssessel. Der grüne Stoff war von seinen Krallen schon ganz abgewetzt.

„Mama hat den Schrank gestern Abend lackiert“, stellte Silva fest. (…)

Obwohl die Fenster die ganze Nacht auf Kippe gestanden hatten und auch jetzt ein frischer Wind die gelblichen Gardinen aufblähte, roch es immer noch intensiv nach Lack im Zimmer. (…)

Silva und Philipp schlangen ihr Essen schnell herunter und Philipp verbrühte sich den Gaumen dabei. Bei dem Lack-Gestank im Zimmer machte das Fernsehen echt keinen Spaß.

„Komm, wir bringen jetzt die Fahrräder weg. Dann haben wir es hinter uns“, sagte Silva. (Der Kater bleibt bei geschlossener Tür im Wohnzimmer)

Sie gingen durch die Garage in den Garten und hievten die rostigen Kinderfahrräder, für die sie schon längst zu groß geworden waren, aus der hinteren Ecke des Gartens zur Garage. Auf dem Weg fiel Philipp der Komposthaufen von Frau Schuster in den Blick, der direkt am Jägerzaun neben ihrer Terrasse aufgebaut war. Heute morgen hatte Frau Schuster eine frische Ladung von Orangen und Bananenschalen dort ausgeleert – jetzt saßen riesige Krähen auf dem Haufen und pickten in den Resten.

Philipp spürte sofort ein Ziehen in seinem Magen und musste an den schwarzen Vogel denken, den er heute Morgen in den Augen von Elise gesehen hatte. Wie ein Schwindel überkam ihn wieder dieses Gefühl, wie er sich in den Wurm verwandelte und machtlos am Boden kroch.

Am liebsten hätte er laut geschrien: „Nein, das bin ich nicht! Ich werde es euch allen zeigen!“, aber seine Kehle war wie zugeschnürt und er brachte keinen Laut über die Lippen. Er biss seine Zähne fest aufeinander, so dass sein Kiefer knirschte.

Grimmig schob er das lächerlich holpernde Fahrrädchen durch die Garage vor die Haustür, wo Silva schon mit ihrem rosa Rad stand und sich ihre Wollfäustlinge anzog.

„Warte, ich muss noch was erledigen“, sagte er und ging zurück in die Garage.

Tag 11: Ein Katzenleben

Philipp griff entschlossen nach dem grauen Plastikkanister in der Ecke der Garage. Auf dem Regal über dem Gartengrill lag das Gasfeuerzeug mit dem langen Stift. Er steckte es in seine Jackentasche. Auf seinem Weg zum Komposthaufen schwappte die schwere Flüssigkeit im Kanistern und ließ diesen bei jedem Schritt gegen seine rechtes Bein stoßen. Das dumpfe Gluckern aus dem Kanister hörte sich wie ein kehliges Kichern an.

Die Krähen hoben ihre Köpfe. Philipp schritt näher. Sie flatterten krächzend auf. Philipp zog seinen Kopf ein wenig ein, der Flügel eines Tieres streifte sein Ohr. Nun stand er vor dem Komposthaufen. Er stellte den Kanister auf den Boden und schraubte den Deckel auf. Er schaute prüfend in alle Richtungen, aber in keinem der angrenzenden Gärten war ein Mensch zu sehen. Die Schusters waren tagsüber immer arbeiten.

Mit Schwung hievte er den Kanister mit beiden Händen hoch und schüttete die Flüssigkeit mitten auf die braun-gelben Bananenschalen, die Orangenschalen, die Kartoffelschalen, die zerbrochenen Eierschalen und allerlei sonstiges angefaultes Zeug. Der scharfe Benzingeruch drang in seine Nase und ließ ihn Lächeln. Sein Herz schlug schneller.

Langsam, den Moment auskostend, schraubte er den Deckel wieder auf den leeren Kanister. Dann zog er das Feuerzeug aus seiner Jackentasche. Er trat einen Schritt zurück und streckte seinen rechte Arm lang aus. Dann drückte er mit seinem Daumen den Zünder nieder. Nichts passierte. Er drückte noch mal kräftiger. Eine jämmerliche blaue Flammenzunge trat hervor und verschwand. Philipp schüttelte den Stift. Er drückt noch einmal. Langsam. Eine längliche Flamme trat aus der Mündung. Er hielt die Flamme an die feuchten Obstschalen obenauf. Mit einem „wusch“ schlug eine heiße helle Flamme in die Höhe und Philipp sprang unwillkürlich zurück.

Aber der Effekt schien schnell verpufft. Die Flamme trank das Benzin gierig auf und nagte nur zögerlich an den feuchten Fruchtresten. Ein vorsichtiges Glimmen breitete sich auf dem Haufen aus, der nun müde knisterte und wie ein schnaufendes Tier einen dunklen Hauch ausatmete.

„Philipp“, hörte er Elise von vorne rufen. Er warf noch einen letzten, etwas unzufriedenen Blick auf den röchelnden Haufen und rannte zurück in die Garage, stellte den Kanister an seinen alten Platz zurück und zog das Garagentor hinter sich zu.

Was seinem Blick jedoch entgangen war, war der kleine Stapel von Kartons und Zeitungen, der mal wieder nicht in die Mülltonne gepasst hatte, und der in der Terrassenecke unter ihrem Wohnzimmerfenster lag.

(…Szene an den Bahngleisen…)

Als sie nur noch drei Straßen entfernt waren, brauste ein Feuerwehrauto mit Blaulicht und Sirenen an ihnen vorbei. Silva hielt sich ihre Ohren zu. Die Feuerwehr fuhr in die Richtung, in die sie gingen. Ein Kribbeln begann in Philipps Fingerspitzen, das sich schnell in ihm ausbreitete. Eine Vorahnung. Er beschleunigte seine Schritte.

Sie bogen in den Finkenweg ein und sahen es: Schwarzer Rauch hing in einer dicken Wolke über ihrem Haus und zwei Feuerwehrautos standen davor, jede Menge Feuerwehrmänner in blauen Schutzanzügen und gelben Helmen rannte herum, ein Schlauch wurde ausgerollt. Einige Nachbarn standen auf der Straße, schauten neugierig und sprachen aufgeregt miteinander. Philipp und Silva rannten näher.

Was in den nächsten Stunden geschah, zog an Philipp wie ein hektisch geschnittener Film vorbei. Grelle, überbelichtete Schnappschüsse. Aber es war ein Bild, das sich ihm unauslöschlich einprägte: Der Gesichtsausdruck seines Vaters, nachdem der Chef-Feuerwehrmann ihm den leeren Benzinkanister aus der Garage gezeigt hatte. Der Vater hatte seine Augen zusammen gekniffen, als würde die Sonne ihn blenden und seine Mundwinkel heruntergezogen wie an dem Tag, als sie zusammen die Blätter aus dem verstopften Regenrohr gezogen hatten und der Vater auf einmal mit dem glitschigen Moderhaufen die tote Maus in der Hand hatte.

Für Silva gab es auch ein Bild, das sie niemals vergessen würde: Der dunkel schimmernde Fettfleck auf dem rußigen grünen Sessel, wo der Kater Moritz gelegen hatte.

(Szenenwechsel: Im Haus von Elise. Elise ist ziemlich mitgenommen von ihrem Psychoduell mit Philipp, sie hat wieder roten Hautaussschlag und sie ahnt, dass sie in Philipp etwas Böses entfesselt hat. Elise ist ein Wesen aus einer anderen Welt – ein Geschöpf des Wassers, das mit Schwimmhäuten geboren wurde – und hat übernatürliche Fähigkeiten und so erscheint ihr der Kater im Traum, obwohl sie von dem Vorfall gar nichts weiß)

In dieser Nacht konnte Elise nur schwer Schlaf finden. Ihre Haut glühte, aber noch mehr quälten sie die Worte, die sie auf dem Schulhof von Philipp gehört hatte. Schließlich fiel sie in einen unruhigen Schlaf. Bis etwas sie weckte. Sie setzte sich in ihrem Bett auf und sofort fiel ihr Blick in die Zimmerecke gegenüber. Zwei funkelnde Augen starrten sie aus der Finsternis an. Allmählich gewöhnte sie sich an die Dunkelheit und konnte mehr erkennen. Die schattenhaften Umrisse einer Katze wurden deutlich. Das Tier stand auf allen vier Pfoten, unbeweglich, nur der erhobene Schwanz wippte langsam hin und her, wie das Pendel einer Standuhr. Die Spitze des Schwanzes zog eine kleine Rauchspur hinter sich her, wie bei einer Kerze, die man gerade ausgepustet hat. Die Katzenaugen fixierten Elise. Irgend etwas war seltsam an diesen Augen. Die Pupillen waren schmal und länglich, wie bei allen Katzen. Aber die Farbe war hellblau. So wie die Augen von Philipp.

Elises Herz hämmerte nun hart in ihrer Brust und sie hörte die Schläge als Echo in ihren Ohren. Nun riss die Katze ihr Maul auf, wie zu einem Gähnen. Das Gähnen wurde immer größer, als müsste es den Kiefer des Tieres sprengen. Dann senkte die Katze ihren Kopf in rhythmischen Bewegungen, das Maul immer noch geöffnet. Sie würgte etwas hervor. Etwas kam zum Vorschein, der Kopf der Katze senkte sich über den Boden, Elise konnte nicht sehen, was es war. Dann hob die Katze wieder ihren Kopf. Auf dem Boden vor der Katze lag ein rot-goldener Fisch, der mit Kopf und Flossen abwechseln auf den Boden schlug, als wolle er vor der Katze fliehen.

Mit einem Schrei sprang Elise aus ihrem Bett. Jemand machte Licht im Zimmer. Nana Christa nahm sie in die Arme. Das Nachthemd klebte feucht an Elises rücken.

Voller Entsetzen starrte sie in die Zimmerecke, aber da war nichts mehr.

Tag 15: Stuhlkreis

Elise war nun in der 4. Klasse. An diesem Montagmorgen in November rückten sie ihr Stühle in einen Kreis wie an jedem Montag. Frau Steinbeck stellte die Frage, die von manchen Kindern geliebt und von anderen gefürchtet wurde:

„Wie war denn euer Wochenende?“. Reihum musste jeder erzählen, was er oder sie erlebt hatte.

Katrin legte gleich los und war nicht mehr zu stoppen.

„… und dann habe ich mit der Rückhand den Ball trotzdem noch gekriegt, und dann war wieder gleichstand, und dann hat der Trainer gesagt, ich muss mehr Fußarbeit machen…und dann war Siegerehrung, … und dann hat meine Mutter einen Kuchen gebacken…. und dann hat meine Bruder gesagt, null Problemo…“

Elise saß neben Ingo, der mal wieder auf seinem Stuhl hin und her rutschte und an seinen Fingernägeln kaute. Sie hätte ihm gerne geholfen, aber sie selbst durchstöberte ihren Kopf nach einer brauchbaren Geschichte.

Ingo kam vor ihr dran. Im Sommer vor einem Jahr hatte er mit seinen Eltern einen Ausflug an die Mosel gemacht. Seitdem erzählte er an jedem Montag dieselbe Geschichte:

„Wir sind alle ins Auto gestiegen und zur Mosel gefahren. Da haben wir ein Picknick gemacht. Ich habe ein Würstchen gegessen. Dann bin ich von einem hohen Felsen ins Wasser gesprungen. Als ich im Wasser war, habe ich oben auf dem Felsen den Andreas laufen sehen. Ich habe ihm zugewunken. Dann sind wir wieder nach Hause gefahren“.

Sein Klassenkamerad Andreas war nicht an der Mosel gewesen. Aber das sagte er natürlich keinem.

Elise wurde immer heißer in ihrem Strickpullover, aber ihre Hände fühlten sich klamm an. Sie hätte erzählen können, dass sie mal wieder „Der Kleine Prinz“ auf Französisch gelesen und Tränen vergossen hatte, als der Prinz sich von der Schlange beißen ließ, um zu seiner Rose zurück zu kehren. Oder sie hätte erzählen können, dass sie sich mit ihrem Vater über die Schrecken der Sklaverei unterhalten hatte – Elise war gerade mitten in „Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher Stowe. Oder sie hätte erzählen können, dass sie eine kleine Schwellung in ihrer rechten Brust entdeckt und sich ziemlich sonderbar gefühlt hatte, bis Nana Christa ihr erklärt hatte, dass dies völlig normal sei und sie nun langsam einen Busen bekommen würde – ach nein, das würde sie vor der Klasse natürlich niemals erzählen, schon bei dem Gedanken daran wurden ihre Wangen ganz heiß. Oder sie hätte erzählen können, wie sie mit ihren Holzpuppen gespielt hatte, es käme eine Sturmflut und ihr Bett sei das einzige Boot auf der Welt und wie sie sich alle darin zusammen gekauert hatten – aber das war bestimmt zu kindisch. Oder sie hätte erzählen können, dass sie letzte Nacht diese wunderbare Melodie aus dem Nebel der Heide hinter ihrem Garten gehört hatte. Nein, all das konnte sie auf keinen Fall erzählen.

Elise holte tief Luft. Sie wünschte, sie hätte auch eine Geschichte für jeden Montag, so wie Ingo. Aber das würde zu sehr auffallen. Deshalb musste sie sich jeden Montag etwas Neues ausdenken.

„Ich war am Samstag mit meinen Großtanten einkaufen. Danach habe ich beim Kuchenbacken geholfen (Mist, das hatte doch gerade Katrin schon erzählt, oder?). Dann haben wir abends alle zusammen „Verstehen sie Spaß“ geguckt (gut, dass ich das Fernsehprogramm studiert habe). Am Sonntag habe ich Hausaufgaben gemacht (Streberin).“

Elise sah, wie Rita und Linda miteinander tuschelten und dabei auffällig unauffällig zu Elise herüber guckten. Zum Glück war jetzt Andreas an der Reihe. Andreas hatte auch eine Strategie. Er las am liebsten Comics und auch die Pumuckl-Hefte und konnte sich sehr gut Witze und Rätsel merken.

„Ich habe einen lustigen Witz gelesen“, begann er wie üblich.

„Was schrie der Luftballon als letztes, bevor er zerplatzte?“, fragte Andreas unbekümmert in die Runde.

„Achtung, Kaktus!“, rief Dennis triumphierend. Auch er hatte die Pumuckl-Hefte abonniert. Andreas lächelte großzügig und nickte.

„Sag noch einen“, forderte ihn jetzt Michael auf.

„Aber nicht vorsagen, Dennis. Wir wollen auch mitraten“, mischte sich nun auch André ein.

Andreas strahlte über beide Backen.

„Okay. Was hat keine Füße und läuft trotzdem?“, gab Andreas auf.

„Die Nase“, rief Rita und rümpfte dabei ihre eigene.

„Richtig“, verkündet Andreas im besten Showmaster-Stil. Aber Elise wusste schon, dass er sich das beste Rätsel immer bis zum Schluss aufhob.

„Noch eins“, rief wieder Dennis.

„Okay. Das ist dann aber das Letzte“, sagte Andreas. Frau Steinbeck nickte milde. Sie kannte das Ritual genauso gut.

„Wo macht ein Skelett Urlaub?“, fragte Andreas in die Runde. Ein Tuscheln und Raunen setzte ein. Dieses Rätsel stammte nicht aus dem Pumuckl.

„Sag“, forderten seine Mitschüler Andreas nun gespannt auf. Andreas kostete den Moment aus. Dann sagte er mit perfektem Timing:

„Im Toten Meer“. Die ganze Klasse lachte. Selbst Elise und Ingo.

René Magritte – „Les Mémoires d’un saint“ von 1960
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Am 13. Tag im National Novel Writing Month

Zwölf Kapitel meiner Geschichte habe ich nun geschrieben und die 25.000-Wörter-Marke geknackt. Ich muss sagen, dass das Schreiben mich in jeder Hinsicht sehr in Anspruch nimmt. Ein echter Marathon und ich bin schon ziemlich außer Puste – dabei habe ich erst die Hälfte geschafft (falls ich meinen Wörterdurchschnitt halten kann; in Tagen stehen mir noch 17 bevor).

Heute ist Tag 13 und wenn es in meinem Märchen verhext zugeht, müsste heute etwas Unheilvolles geschehen. Allerdings habe ich schon in den Tagen 9 bis 11 genüsslich das Bösen herauf beschworen. Nachdem ich an den ersten 8 Tagen meine Protagonistin Elise und ihr Umfeld etabliert habe, hatte ich Lust auf einen Szenen- und Perspektivwechsel (wobei ich unwillkürlich in die Personale Erzählperspektive abgerutscht bin, obwohl ich doch eigentlich die Allwissende Erzählerin bin – aber darum werde ich mich bei späterer Überarbeitung kümmern) und bin in die Welt von Philipp eingetaucht.

Philipp ist ein Drittklässler und der kindliche Antagonist von Elise. Seine Schwester Silva hatte ich eigentlich nur als Statistin vorgesehen, das Mädchen hat sich aber beim Schreiben so interessant gemacht, dass ich sie später in der Geschichte (wenn Elise erwachsen ist) wieder vorkommen lassen werde.

Nach meinem Ausflug ins Herz des Bösen (der im grausigen Tod eines alten Katers gipfelt), will ich mich in den nächsten Tagen der Einführung einer weiteren Schlüsselfigur aus der Märchenwelt widmen: Dem Spielmann. Er ist mit einem Tamburin und einer Gitarre ausgestattet und spricht durch seine Musik zu den Menschen. Elise lernt den gleichaltriger Jungen als Kind kennen und er nimmt eine brüderliche Rolle ein. Später wird er dann durchaus ein Anwärter für romantische Verwicklungen.

Mein Problem ist, dass ich mir im Moment noch gar nicht klar darüber bin, wie diese „andere Welt“, aus der Elise und der Spielmann stammen, genau funktioniert. Wie sind die Regeln? Wer oder was ist die lenkende Kraft? Das liegt für mich noch alles ziemlich im Nebel.

Da muss ich in den nächsten Tagen noch einige lange Spaziergänge machen und intensiv darüber nachdenken.

Insgesamt bin ich doch erstaunt, wie düster meine Geschichte bisher ist. Über allem scheint eine Wolke der Bedrohung zu hängen. Wenn man an Märchen denkt, kommen einem zunächst schöne Disney-Prinzessinnen und ein rührseliges Happy End in den Sinn.

Aber die Märchenliteratur ist bei näherem Hinsehen sehr düster. Besonders die Ausgangssituation ist für die Protagonisten von Not und Ungerechtigkeit geprägt. Dann müssen die Figuren leidvolle und oft grausame Prüfungen bestehen und erst zum Schluss lichtet sich das Dunkel.

Aber auch meine Geschichte wird sich zum Finale hin aufhellen – versprochen! Und ich werde tief in die Kitsch-Töpfe greifen.

In der folgenden Leseprobe lernt ihr Philipp („blöd“ ist anscheinend eines seiner Lieblingswörter, wie ich vorhin beim Lesen gemerkt habe… 😉 und Silva kennen (wir sind im Januar 1988). Ihre Eltern haben keine Namen, ihr dürft euch aber gerne an die Eltern von Hänsel und Gretel erinnert fühlen.

Viel Spaß beim Lesen (heiß gekocht und heiß serviert)!

Tag 9: Ritter der Nacht

Philipp zog die Bettdecke über seinen Kopf, als der Wecker neben seinem Ohr quakte. Aber der Wecker hörte nicht auf, also versetzte er dem Ding einen festen Schlag mit der flachen Hand auf die Birne. Was hatte sich seine Mutter bloß dabei gedacht, ihm diesen kindischen Donald-Duck-Wecker zu schenken. Wahrscheinlich war er im Sonderangebot gewesen. Philipp hatte sich zu Weihnachten einen Wecker in der Form von „KIT“ gewünscht, aber stattdessen hatte er eine Taucherbrille für den blöden Schwimmunterricht bekommen.

Philipp liebte „Knight Rider“. An den Wänden seines Zimmers hingen vier große Poster mit David Hasselhoff und seinem geilen schwarzen Flitzer. Wenn er groß war, wollte Philipp auch mal so ein Auto haben und so stark aussehen wie „The Hoff“.

Donald Duck hielt seinen Schnabel und Philipp dreht sich zur Wand. Aber schon kam seine Mutter in sein Zimmer gestürmt, zog energisch die Rolladen nach oben, dass es knallte, als sie aufgerollt oben anstießen und riss das Fenster auf. So als stinke es ganz fürchterlich in seinem Zimmer. Die feuchte kalte Luft des grauen Januarmorgens drang hinein.

„Aufstehen! Na los“, rief seine Mutter und zog ihm die Decke weg.

„Ab ins Bad mit dir. Ich muss heute pünktlich los.“

Philipp wusste, dass seine Mutter keine Ruhe geben würde, bis er nicht aufgestanden war. Im Bad hörte er seine jüngere Schwester Silva, die mal wieder ihre blöde Bibi Blocksberg Kassette auf voller Lautstärke laufen ließ, während sie sich ihre langen hellbraunen Haare frisierte. Er hasste diese neunmalkluge Hexe auf der Kassette fast genauso sehr, wie die echte kleine Rothaarhexe in seiner Klasse.

(…)

Auf dem Küchentisch standen nur die Packung Cornflakes seiner Schwester und eine Tüte Milch. Silva saß schon am Tisch und schaufelte sich ihre Lieblingssorte – die kleinen Ringe mit dem rosa Zuckerguss – in den Mund. Neben ihrer Schüssel saß eine der vielen Barbiepuppen wie zur Gesellschaft. Neben der schrill blonden Figur mit den lila geschminkten Augen sah seine Schwester irgendwie ausgewaschen aus mit ihren mausbraunen Haaren und genau solchen Augen. Silva hatte ein paar Sommersprossen um die Nase herum und abstehende Ohren. Eine Schönheitskönigin würde sie nie sein.

(…)

„Wo sind denn meine Cornflakes“, fragte Philipp.

Seine Mutter stand mit dem Rücken an die Spüle gelehnt am Fenster und rauchte.

„Was“, fragte sie laut, um das Radio zu übertönen.

„Wo sind denn MEINE Cornflakes“, schrie Philipp zurück.

„Schrei gefälligst nicht so rum“, sagte Philipps Vater, der gerade durch die Tür kam und dem Sohn zur Bekräftigung einen Klaps auf den Hinterkopf versetzte.

„Heute Abend wird es wieder später“, sagte er in Richtung seiner Frau.

„Ich habe Klienten für das Anwesen in Rheine. Hoffentlich werde ich das Objekt bald mal los. Der Chef sitzt mir schon im Nacken deswegen.“ Die Mutter nickte und der Vater ging hinaus und stieg in seinem silbrig glänzenden Anzug in seinen silbrig glänzenden BMW.

(…)

„Jetzt hol dir eine Schüssel aus der Spülmaschine und iss dein Frühstück. Musst halt essen, was da ist. Einkaufen ist erst wieder am Samstag. In 10 Minuten fahren wir“, hörte Philipp seine Mutter sagen. Er spürte, wie seine Wangen heiß vor Ärger wurden. Er riss die Lade der Spülmaschine auf, dass alle Teller klirrten und holte seine Schüssel mit dem Batman-Bild heraus. Sie hatte schon einen Sprung.

Er setzte sich an den Tisch und ließ die eklig süßen Flakes seiner Schwester in die Schüssel rieseln und stellte sich vor, wie Batman mit den Reifen seines Batmobils darüber fuhr und sie zu rosa Krümeln zermalmte.

(…)

„Nimm noch Milch dazu“, forderte ihn nun seine Mutter auf und goss einen Strahl von dem weißen Zeug in seine Schüssel.

„Hey, das mag ich nicht“, protestierte er. Jetzt würde die Milch rosa werden. Dann war es ein Essen für Mädchen. Seine Schwester grinste ihn mit ihren Zahnlücken an. Heute Nachmittag würden ihre Bibi-Kassette zu Bandsalat werden.

„Heute Nachmittag räumt ihr zwei den Garten auf“, befahl die Mutter.

Philipp und seine Schwester schauten sich an und verdrehten ihre Augen.

„Frau Schuster hat sich schon wieder bei mir beschwert, wegen dem Schrotthaufen in der Ecke“.

Damit meinte sie das umgefallene Schaukelgerüst und die zwei verrosteten Kinderfahrräder. Im Keller hatten sie keinen Platz dafür. Da stand alles voll mit Kisten.

„Eure Fährräder bringt ihr endlich zur Mülldeponie. Das sage ich euch schon seit Monaten. Sonst jagt uns Frau Schuster wieder das Ordnungsamt auf den Hals und das wird teuer“.

„Aber das sind zwei Kilometer bis zur Deponie“, jammerte Silva. „Und mit den verbogenen Reifen können wir sie nicht gut schieben“. Philipp war seiner Schwester ausnahmsweise mal dankbar. Wenn er so jammern würde, könnte er was erleben. Er gab ihr unter dem Tisch einen Stups mit seinem Fuß und formte lautlos „Auto“ mit seinen Lippen.

„Kann Papa die Räder nicht mit dem Auto zum Müll fahren“, fragte Silva mit kläglicher Stimme.

„Der BMW von eurem Vater darf nicht schmutzig werden. Und in meinen Fiat passen die Dinger nicht rein. Also Schluss mit der Diskussion“.

(…)

Tag 11: Ein Katzenleben

(…) Philipp zündet den Komposthaufen der Nachbarin an (…)

Philipp und Silva schoben ihre Fahrräder schon seit einer halben Stunde und waren immer noch auf dem langen, asphaltierten Damm durch die Felder und oberhalb der Eisenbahntrasse. Das Hochgefühl über die auflodernde Flamme war in Philipp bereits wieder in sich zusammen gesackt. Ein beißender Wind wehte ihnen ins Gesicht und sie kamen nur langsam voran. Das verbogene Hinterrad ließ sein Gefährt hinken. Jeden dieser Hopser spürte Philipp als leichten Stoß in seinen Händen, die mit eisigen Fingern das Lenkrad umgriffen hielten.

Silva mit ihren rosa Fäustlingen hatte es da besser. Auch wenn sie ziemlich kindisch damit aussah. Vom Gepäckträger von Silvas Rädchen hob sich eine lange Stange in die Luft, wie eine Antenne, mit einem kleinen Wimpel, die stetig im Wind hin und her schwankte und Philipp mächtig auf die Nerven ging.

„Geh gefälligst hinter mir“, schnauzte er Silva an.

„Sonst krieg ich die blöde Fahne gleich noch ins Gesicht“. Silva gehorchte ihm.

Nun kamen sie an die Stelle, wo der Maschendrahtzaun eingerissen war und ein Trampelpfad hinunter zu den Gleisen führte. Auf der anderen Seite der Gleise ging der Pfad die Böschung wieder hinauf und führte in das dahinter liegende Industriegebiet. Der Pfad war eine beliebte Abkürzung. Die nächst gelegene Fußgängerbrücke über die Gleise war fast einen Kilometer weit entfernt.

Philipp blieb vor der Zaunöffnung stehen und schaute hinunter. Die schmächtigen Bäume und Sträucher standen blattlos auf dem kleinen Abhang, altes Herbstlaub mischte sich am Boden mit weggeworfenen Dosen, Bierflaschen und anderen Müllresten. Ein umgekippter Einkaufswagen lag einige Meter entfernt am Fuße der Böschung.

Philipp gab seinem Fahrrad einen kräftigen Stoß und es hopste und sprang den Trampelpfad hinunter, überschlug sich zwei Mal und blieb unten verdreht liegen, das Hinterrad ragte auf das Gleis.

„Was machst du da?“, rief Silva überrascht und kam heran.

Philipp packte auch ihr Rädchen an Lenker und Sattel und schubste es mit Schwung seinem Vorgänger hinterher, bevor Silva Einspruch einlegen konnte. Das leichtere Rad fuhr artig bergab, bis sich die Fahnenstange im Geäst verfing und das Geschoss auf halber Strecke zu Fall brachte. Philipp lachte laut.

„So, die Räder sind entsorgt. Jetzt können wir wieder zurück gehen“.

„Nein. Wir können die nicht einfach da liegen lassen“, protestierte Silva. Sie war fürchterlich gewissenhaft.

„Du kannst dein Rad ja hoch holen und bis zur Müllkippe schieben. Aber ohne mich!“, brauste Philipp auf. Silva trat von einem Fuß auf den anderen.

„Aber so können wir dein Rad nicht liegen lassen. Wenn ein Zug kommt, dann passiert nachher noch ein Unfall“.

Auf dieser Trasse fuhr einmal pro Stunde der Regionalzug und ein paar Mal am Tag donnerten schier endlose Güterzüge hier entlang.

„Quatsch, der Zug fährt einfach drüber“, sagte Philipp und wandte sich zum Gehen.

Silva fing an, die Böschung herunter zu trippeln.

„Du blöde Kuh“, rief Philipp ihr nach, blieb aber oben stehen und schaute ihr zu.

Beim Versuch, dem im Gebüsch verkeilten Rad auszuweichen, rutsche ihr Fuß im feuchten Lehm ab und sie setzte sich unsanft auf ihren Po. Philipp grinste. Als sie wieder aufstand, war ihre Hose hinten ganz feucht und schlammig braun. Sie hatte sich mit ihren Fäustlingen beim Hinfallen abgestützt und die rosa Wolle war jetzt voller Dreck. Sie streifte die Handschuhe von ihren Händen und Tränen traten in ihre Augen. Trotzdem kraxelte sie weiter nach unten und erreichte die Gleise. Gerade packte sie das Lenkrad von Philipps Rad, als aus der Ferne das Horn eines Güterzuges tönte und ein rhythmisches Rattern näher kam.

„Komm da weg. Ein Zug kommt“, rief Philipp nun alarmiert.

Silva schreckte hoch und stakste mit unsicheren Schritten wieder die Böschung hoch. Philipp kam ihr ein Stück entgegen, packte sie am Handgelenk und zerrte sie nach oben. Silvas Bein verfing sich in der wippenden Drahtstange des quer liegenden Rädchens und sie stürzte der Länge nach hin, Philipp ging in die Hocke und konnte sich am Hang oben abstützen.

In diesem Moment donnerte der Güterzug an ihnen vorbei. Die metallenen Räder des Zugs erfassten den Fahrradreifen, schleiften das Drahtgestell ein Stück mit, schienen es unter sich einzusaugen und von einem erbarmungslosen Rad zum nächsten weiterzureichen, bis das letzte den verkrümmten Drahthaufen wieder ausspie und in einem hohen Bogen durch die Luft wirbelte. Die Überreste des Fahrrads landeten auf der gegenüber liegenden Seite in der Böschung.

Mit angehaltenem Atem und offenem Mund hatte Philipp das Manöver beobachtet. Er war sprachlos. Ein neues Hochgefühl ergriff Besitz von ihm. Das Staunen über diese unerbittliche Macht des Zugs breitete sich glühend heiß in seinem Innern aus. Und er selbst hatte seinen Teil dazu beigetragen. Er selbst war Teil diese Macht gewesen.

Silva krabbelte an ihm vorbei, schlüpfte durch die Zaunöffnung und verschwand aus seinem Blickfeld. Ärgerlich rappelte Philipp sich auch auf und eilte ihr nach.

„Kein Wort darüber, sonst bist du dran“, zischte er ihr ins Ohr. Sie heulte.

Auf dem Rückweg sprachen sie nicht mehr. Silva marschierte zuerst vor ihm her, aber ihre kurzen Beine wurden bald müder und schließlich trappelte sie mit gesenktem Kopf neben ihm. Ihre matschigen rosa Fäustlinge hingen an den Wollbändern aus den Ärmeln und baumelten wie zweite schlaffe Hände neben ihren eigenen. Sie hatte sich mal wieder ihre Kette in den Mund gesteckt und nuckelte wie ein Baby daran. Es war die Kreuzkette, die sie vor ein paar Monaten zu ihrer Kommunion geschenkt bekommen hatte.

„Kau nicht auf dem Herrn Jesus Christus herum“, schimpfte die Mutter dann, obwohl der Anhänger nur ein Kreuz war und gar kein Christus darauf festhing.

„Wenn sie den Anhänger kaputt kaut“, hatte der Vater gesagt, „dann schmelzen wir das Gold ein und sie bekommt davon eine Zahnfüllung. So viel Zuckerzeug, wie sie isst, braucht sie das bestimmt bald.“

(…)

Ich hoffe, die Inspiration wird auch weiterhin fließen – oder zumindest tröpfeln.
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Am 7. Tag im National Novel Writing Month

Der November ist in den USA „National Novel Writing Month“ (NaNoWriMo) und alljährlich begeben sich dort und überall auf der Welt schreibbegeisterte Menschen auf einen Schreibmarathon.

Die Herausforderung: 50.000 Wörter in 30 Tagen schreiben. Das bedeutet ein tägliches Pensum von 1.667 Wörtern (rund 3 Seiten). Jeder, der die Ziellinie am 30. November um 23:59 Uhr mit mindestens fünfzigtausend Wörtern überschreitet, ist ein Sieger. Ein beinahe olympisches Motto.

In diesem Jahr bin ich zum ersten Mal mit dabei. Anfang des Jahres war mir in der Bibliothek der ASH im Regal für kreatives Schreiben das Buch „No plot, no problem“ von Chris Baty, der diese kreative „challenge“ im Jahr 1999 ins Leben gerufen hat, in die Hände gefallen. Das Buch ist witzig geschrieben und hat mir Lust auf das Schreibprojekt gemacht.

Der Amerikanische Traum glimmt noch irgendwo in den Sternen: Du kannst alles schaffen, wenn du es nur willst!

1. November:

Alles ist bereit, ich habe am Vorabend meinen Account auf der offiziellen Website angelegt, meinen Roman angekündigt und sogar ein Titelbild für mein Werk hochgeladen (das erhöht angeblich meine Erfolgschancen um 60 %).

Der Startschuss ist gefallen und verhallt. Ich schleiche den ganzen Tag um mein Notebook herum und mache es vorsichtshalber gar nicht erst an. Einkäufe erledigen und putzen schienen mir noch nie so wichtig. Zweifel überfallen mich. Gut, dass ich noch fast niemandem von meinem utopischen Plan erzählt habe. Eine Idee für meinen Roman hätte ich ja schon, aber…

Um 20 Uhr abends packt mich dann eine Art „alles egal“-Stimmung, ich setze mich vor den Computer und fange an zu tippen.

Ich erzähle (aus der auktorialen Perspektive) die Geburt meiner Protagonistin, die mit krebsroter Haut und Schwimmhäuten zwischen den Zehen zur Welt kommt und nicht weinen kann – was das Neugeborene ihren Eltern ziemlich unheimlich macht.

Um 23 Uhr habe ich stolze 2.153 Wörter geschrieben. Okay, das war gar nicht so schlimm und ist vielleicht an anderen Tagen wiederholbar, denke ich.

Also verkünde ich mein Projekt gleich noch auf meiner facebook-Seite, damit ich morgen nicht einfach einen Rückzieher mache.

Mein Roman-Konzept ist, dass ich die Geschichte meiner Hauptfigur durch Blitzlichter auf 30 Tage aus ihrem Leben vom Tag ihrer Geburt (1980) bis in die Gegenwart erzählen möchte.

Die Idee zu diesem Aufbau scheint durch die Wettbewerbsvorgaben begünstigt. Aber ich bin hierzu auch inspiriert von einer Erzählung von Émile Zola („Die vier Tage des Jean Gourdon“), die ich kürzlich als Audiobuch gehört habe. Hier wird sehr fesselnd die Lebensgeschichte eines Mannes durch die Schilderung von 4 Tagen aus seinem Leben gezeichnet (Jugend im Frühling: erster Kuss; Soldat im Sommer: Mut beweisen und zum Mann werden; Vater werden im Herbst: die Ernte eines erfüllten Lebens einfahren; Sturmflut im Winter: Verlust und Tod erfahren).

In meiner Geschichte möchte ich eines meiner Lieblingsgenres aufgreifen: Das Märchen.

Meine Heldin heißt Elise und wird als Menschenkind geboren, ist aber in Wirklichkeit ein Wesen aus einer anderen Welt (sie ist ein Wesen des Wassers und in mancher Hinsicht eine Nachfahrin der „Kleinen Mehrjungfrau“) mit besonderen Gaben. Ihre Aufgabe ist es, den Menschen auf bestimmte Weise zu dienen. Elise hat keine Seele und keine eigenen Wünsche. So wird es ihr jedenfalls gesagt. Aber das stimmt in ihrem Fall nicht. Und hier kommt dann die Liebe ins Spiel…

Nach jedem Gebrauch ihrer Fähigkeit färbt sich ihre Haut rot (was sie auch zu einer Außenseiterin unter den Menschen macht) und sie verliert Stück für Stück ihre Lebenszeit.

In der Geschichte tauchen noch andere Märchenwesen auf, zum Beispiel der Spielmann, der blinde Maler und die Weidenfrau.

Mir fehlen irgendwie noch starke Antagonisten, denn ohne Bösewichte keine Spannung. Allerdings hat die Protagonistin auch mit allerlei menschlichen Schwierigkeiten zu kämpfen und nicht zuletzt gegen die Auslöschung ihrer Existenz.

Für das Geschichtenerzählen ist Michael Ende ein großes Vorbild für mich. „Momo“ und „Die unendliche Geschichte“ gehören seit Jugendtagen zu meinen Lieblingsbüchern.

3. November

Ich gebe meine „Planung-blockiert-mich-nur-Haltung“ auf und lege einen Notizzettel für Schlüsselmoment an (bis jetzt habe ich aber nur 14 davon) und außerdem eine kleine Familienchronik, wo ich Geburtsjahre z.B. für die Großtanten von Elise festlege, damit ich auch weiß, wie alt die Damen im Jahr 1983 sind (dazu brauche ich einen Taschenrechner).

Ansonsten geht mein Konzept, an jedem Tag über ein Schlüsselereignis zu schreiben, ganz gut auf und ich liege gut im Wörterschnitt (ca. 2.000 / Tag).

7. November

Langsam werde ich nervös, weil ich befürchte, die Geschichte plätschert zu sehr vor sich hin. Vorgestern habe ich eine halbe Seite lang beschrieben, wie Elise mit den Großtanten ihren Schulranzen aussucht. Aber ich habe bisher nur Kurzgeschichten geschrieben und muss mich erst an ein gemächlicheres Erzähltempo gewöhnen.

In diesen Momenten denke ich an Tolkien, der im Prolog von „Der Herr der Ringe – die Gefährten“ ein ganzes Kapitel dem Pfeifenkraut der Hobbits widmet. Zwar wird mein Roman nicht solch ein Epos, aber ein bisschen Ausschweifung darf ruhig sein – auch ohne Drogen. Da fällt mir doch gleich dieser Pilz ein, der mir auf meinen Inspirationsspaziergängen ins Auge gefallen ist und der mir total märchenhaft vorkommt. Vielleicht kann er giftig sprechen, ist vielleicht ein lügendes Orakel…

Außerdem ist alles, was ich schreibe, eh nur ein erster Entwurf.

Leider muss ich feststellen, dass mein Schreibfluss jeden Tag langsamer wird, weil ich mehr über dem Text grübele und an Formulierungen herumdoktere. Den inneren Kritiker muss ich unbedingt wieder in den Urlaub schicken.

Am Ende einer jeden Schreibeinheit gebe ich meinen neuen totalen „wordcount“ auf der Website in meine Statistik ein und bekomme ein sehr aufmunterndes Pfeildiagramm präsentiert.

Die 10.000 Wörter-Badge habe ich schon erworben.

Hier als kleiner Teaser meine bisherigen Kapitelüberschriften:

Tag 1: Eintritt in die Welt

Tag 2: Weinen lernen

Tag 3: Puppenspiele

Tag 4: Im Schrank einer Königin

Tag 5: Der erste Schultag

Tag 6: Ein gebrochenes Herz

So, jetzt muss ich einen neuen Tag für meine Märchenheldin erschaffen, denn nur ein gewisser anderer Schöpfer darf am 7. Tage ruhen.

Ich werde euch auf dem Laufenden halten.

Übrigens freut es mich sehr, dass zwei meiner Wortschwestern aus BKS11  Mia und Miss Novice auch unter den NaNoWriMo-Schreibenden sind. Schreibleine los und Ahoi!

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