Madame Viola und die vergessene Stunde

Wer kennt sie nicht, die blaue Stunde zwischen 2 und 3 Uhr nachts, wenn die Welt sich ein wenig langsamer zu drehen scheint, es stiller wird und der Mond seine silbernen Fäden durch die Nacht spinnt.

Aber kennst du auch die lila Stunde? Sie gibt es nur 1 Mal im Jahr – wenn die Menschen die Zeiger der Uhr mit der Macht der Willkür um eine Stunde vorstellen und damit den Sommermodus einschalten, auch wenn die Natur noch lange nicht so weit ist. Falls du denkst, diese übersprungene Stunde gäbe es nicht, dann hast du dich getäuscht. Es ist die Stunde von Madame Viola.

Madame Viola ist hellwach in dieser lila Stunde, einer Stunde die außerhalb der Zeit liegt. Einer Stunde, die sich ewig dehnt, um dann in einem Moment zusammen geschoben zu werden wie eine Ziehharmonika zu einer Millisekunde. Wenn du genau hinhörst, kannst du diesen Ton und den Luftzug spüren, der beim Zusammenschieben der lila Stunde entsteht. Das Seufzen von Madame Viola duftet nach Lavendel. Das Besondere an der lila Stunde ist, dass in ihr alles passieren kann. In der lila Stunde sind alle Handlungen bedingungslos, bedenkenlos, sorgenlos – aber nicht bedeutungslos.

In dieser li-la-lo’sen Stunde treibt Madame Viola mit Vorliebe ihre Spiele im Gegenstrom der Zeit. Sie lässt die Regentropfen aufwärts fallen und dreht alle N E B A T S H C U B auf Links. Wenn Madame Viola übermütig wird, holt sie die Sonne hinter dem Horizont hervor und weckt die Vögel für ein Morgenständchen auf. Sie lässt die Katze bellen und den Hund miauen. Der Maulwurf wird zum Hellseher und der Wolf zum Veganer.

Sie kommt in dein Schlafzimmer, sammelt deine vergessenen Träume ein und hängt sie zum Trocknen auf die Leine. Sie hat eine bunte Sammlung dieser Traumfetzen, die sie kichernd in neuen Kombinationen zusammen näht und den arglosen Schläfern in der lila Stunde überzieht. Wenn du also einen Traum aus Kettenhemd, Schafspelz, Filzflicken und Silberfäden träumst, dann weißt du, wer dich darin eingehüllt hat.

Dann kommt der unausweichliche Moment, in dem der kurze Zeiger der Uhr den Stundensprung macht und die lila Stunde zusammendrückt auf dem schwarzen Balken der Vergessenheit. Aber glaube mir, es hat diese Stunde gegeben! Vielleicht kannst du noch den Duft von Lavendel riechen. Vielleicht entdeckst du eine sonnengoldene Strähne in deinem Haar. Vielleicht findest du Moos zwischen deinen Zehen vom Tanz auf der Waldlichtung. Madame Viola bewahrt alles auf, was in der lila Stunde geschehen ist.

Creative Commons. René Magritte: „L’empire des lumières“
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Geburtstagstorte auf der Lesebühne – „SoNochNie“

Gestern war ich auf einer besonderen Geburtstagsfeier: Die offene Lesebühne „SoNochNie hat ihr 10-jähriges Jubiläum gefeiert. Die Gratulanten durften sich mit einem 3-MinutenText in eine Stoppuhr-Staffel zum Thema „Mensch, ist die groß geworden“ einreihen. Den Spaß habe ich mir nicht entgehen lassen und meinen Torten-Text im grellen Scheinwerferlicht vorgelesen (ihr dürft ihn unten nachlesen) – zusammen mit über 10 anderen Schreibfreudigen, darunter meine Kommilitonin Sabine.

Die offene Lesebühne im „Zimmer 16“ in Pankow habe ich schon im Januar kennengelernt. Die Bühne besteht aus einigen Holzbrettern (die die Welt bedeuten), einem Tisch und einer Sanduhr, die 15 Minuten lang rieselt. Jeder darf in diesem Rahmen seinen selbst geschriebenen Text vorlesen – wenn das Los auf einen fällt, denn es gibt immer mehr Anwärter, als Leseplätze. Der kleine Zuschauerraum ist gut gefüllt, an der Bar sitzen die Stammgäste. Einer der Stammautoren (Angela, Leo, Frank, Ulrike) eröffnen den Lesereigen, Leo moderiert, nach jedem Text gibt es aufschlussreiches Feedback aus dem Publikum (an diesem Abend ist sogar das Radio da). Der Moderator zieht sechs mal ein Los aus der Trommel – ich sitze mit meinem Text in der Hand auf heißen Kohlen und warte darauf, dass mein Name vom Zufall ausgewählt wird – habe aber kein Glück (Chance: 16:6). Es ist ein spannender und sehr unterhaltsamer Abend.

Für den Jubiläumsabend habe ich am Sonntag zum Thema („Mensch, ist die groß geworden“) einen spontanen Text über (eine wunderländische) Alice geschrieben und darin mit Körpergröße und Umgebungsgröße gespielt (eigentlich geht es um das Erwachsenwerden), aber irgendwie ist der Text sehr melancholisch geraten. Für die Lesebühne wollte ich etwas mit mehr Feierlaune, also habe ich mich am Montagmorgen hingesetzt und einen zweiten Text geschrieben, der von einer surrealistischen Torte handelt – witzigerweise gab es am Abend tatsächlich eine Geburtstagstorte, die mit ihrer „10“ wie frisch aus meinem Text gesprungen schien.

Der gestrige Abend wurde mit einem eigens für die Lesebühne verfassten Geburtstagslied am Klavier eröffnet, dann haben die 4 Stammautor*innen sehr originelle 10-minütige Texte vorgetragen, in denen sie sich ein „Spin-off“ zu historischen Texten ihrer Mitautor*innen ausgedacht haben – da ging es um Begehren und Mordlust in der Nachbarschaft (Urs und die schwarze Orchidee), um den Weltuntergang mit geharkten Gärten und gewaschenen Haaren (und die Erdbeerstimme der Kassiererin namens Wolfgang Petri), um Kieselsteintürme und um einen Mann, der in Worte zerfällt. In der Pause wurde das Schnittchenbuffet eröffnet und die Torte angeschnitten.

Dann kam mein Highlight: Die Staffel der 3-Minuten-Texte. Wir Gastleser*innen haben uns aufgereiht und los ging es. Eine fulminante Parade unterschiedlichster Geschichten zum Jubiläumsthema. Ich komme an die Reihe, stelle mich vor das Mikro, das Scheinwerferlicht blendet alles andere aus, ich lese meinen Tortentext vor und höre sogar einige Lacher – das macht Spaß!

Eigentlich ist das Agieren vor Publikum ja überhaupt nicht mein Ding, in der Schulzeit habe ich mich vor Bühnenauftritten immer schüchtern gedrückt. Obwohl man sich mit dem Vorlesen eines selbst geschriebenen Textes stark exponiert, fällt mir das erstaunlicherweise heutzutage gar nicht so schwer.

Beschwingt von diesem positiven Erlebnis habe ich mich am Ende des Abends als „Themenbeauftragte“ gemeldet und darf im Mai einen Text zum Thema „Sieben Streiche Leben“ schreiben und vorlesen – hierfür hat das Publikum die Themen auf Zettel geschrieben und mir wurde ein Zettel zugelost. Freue mich schon auf weitere Leseabende SoNochNie.

Hier nun meine versprochenen Texte zu „Mensch, ist die groß geworden“:

Text 1: Alice

Alice stieß mit ihrem Fuß an das Ende ihres Betts. Entweder war das Bett geschrumpft, oder sie war gewachsen.

„Steh auf mein Schatz, das Frühstück wartet auf dich“, hörte sie die Stimme ihrer Mutter durch den Flur die Treppe hinauf schallen. Alice zog sich das Daunenkissen über den Kopf. Sie wurde eingehüllt von Dunkelheit und dem Duft nach Lavendel. Zehn Jahre lang hatte das Kissen in der Truhe mit dem Bettzeug gelegen. Mama hatte es eingemottet, überzeugt davon, dass es nur eine Frage der Zeit wäre, bis Alice wieder im Bett ihrer Kindheit liegen würde.

Ihr großer Zeh tastete über das weiß lackierte Holzbord am Fußende. Ja, da waren sie noch, die zwei Buchstaben eingerahmt von einem ungelenken Herzen, die sie mit ihrem Taschenmesser dort eingeritzte hatte. D + A. David und Alice. Was war aus dem schönen David geworden, der ihre Schulzeit hindurch jede große Pause in ein Abenteuerland verwandelt hatte? Eine Landschaft, in der Alice wie eine Sonnenblume nur eine Richtung suchte: die seiner blauen Augen.

In den letzten zehn Jahren hatte eine andere Sonne auf Alice niedergebrannt. Die UV-lastigen Strahlen Australiens hatten ihre Schultern mit unzähligen Sommersprossen besprenkelt und ihre roten Haare unter einen Hut gezwungen. David war aus ihrem Kopf hinaus gedrängt worden von Aufnahmeprüfungen, Erstsemesterparties, fliegenden Collegehüten, ihrem Platz vor dem PC in einem klimatisierten Großraumbüro auf der 28. Etage in Melbourne.

Als sie das Herz und die Buchstaben in ihr Bett geritzt hatte, schien alles möglich. Der Himmel war weit, ihre Träume kannten keine Grenzen.

Alice lugte unter dem Kopfkissen hervor und sah aus dem Fenster. Über ihr hing ein graues Stück Himmel im Quadrat. Ihr Leben passte in diesen Rahmen, wie ein Bild, das an den Rändern abgeschnitten war.

Mit Anstrengung schlug Alice die Bettdecke zurück und setzte sich auf. Ihr stieg der Duft von Zimtpfannkuchen in die Nase. Als sie klein war, war das ihre Lieblingsspeise gewesen. Jetzt hatte sie keine Vorlieben mehr. Alles schmeckte gleich grau. Sie saß auf der Bettkante und wollte nicht aufstehen. Ihr Kopf würde an die Decke stoßen. Nein, sie war nicht groß geworden, nur die Welt war so klein geworden.

Text 2: Die Geburtstagstorte

Heute ist dein Geburtstag und ich bin deine Tortenbäckerin. Ich backe nicht oft, aber was mir an Routine fehlt, gleiche ich mit Elan aus. Schon stehen die Zutaten aufgereiht vor mir. Ich greife zum Weizenmehl Typ 550. Die Packung ist noch halb voll. Ich habe sie letztes Jahr zu deinem 9. Geburtstag gekauft. Der Kuchen im letzten Jahr war ziemlich mickrig geraten. Ich hatte das Backpulver vergessen. Ich suche nach dem Verfallsdatum für das Weizenmehl. Es ist gerade abgelaufen. Aber seien wir doch mal großzügig. Ich lasse das pudrige Mehl in die Schüssel gleiten. Dazu gebe ich Zucker, Eier, Butter, Sojamilch, Vanille- und Rum-Aroma. Abgetropfte Kirschen geben dem Teig dunkelrote Farbtupfer. Eine handvoll Rosinen und Nüsse gesellen sich dazu. Halt, fast hätte ich schon wieder das Backpulver vergessen. Nur rein damit. Ein Schuss Eierlikör kann auch nicht schaden. Unter den Tortenbäckerinnen bin ich die Jazzspielerin. Die Improvisation ist meine Spezialität.

Nun steht mein Teig im Ofen und wächst in die Höhe. Zunächst bildet sich ein kleiner Hügel. Dann bläht sich ein Buckel auf, klettert über den Rand der Springform. Bevor die Backzeit um ist, ziehe ich das Mehlmonument aus dem Ofen. Die Form springt ab und das Backwerk von der Größe eines Autoreifens lässt meinen Küchentisch ächzen. Mit einer Schaufel verteile ich Sahnecreme auf der Torte und streiche sie mit einem Spachtel zu glatten Bahnen auf diesem Berg. Ich klettere auf meine Küchenleiter und richte zehn Kerzen auf deinem Gipfelplateau auf. Beim Verankern im Sandteigboden muss ich einige faustgroße Rosinen entfernen.

Jetzt ist die Geburtstagsgesellschaft da und wir sitzen gemütlich in den Ausläufern der Tortentäler. Du, mein liebes Geburtstagskind hast schon deine Stiefel geschnürt und wirst gleich mit Spitzmesser und Steiggabel die Torte erklimmen. Das Gipfelkreuz in Form einer Zehn liegt im Nebel, aber die Leuchtkerzen werden dir den Weg zeigen. Wir singen zum Abschied „Happy Birthday“ und hoffen, dich spätestens zu deinem 11. Geburtstag wieder zu sehen, wenn du von deiner 10-Tausender-Torten-Tour zurück bist.

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