Grünraums Blogadventkalender 2019 – Türchen 17

Schön, dass ihr auch heute wieder das Türchen vom Grünraums Blogadventkalender 2019  öffnet, um die Fortsetzung unserer Gemeinschaftsgeschichte zu entdecken.  Was gestern geschah (in kursiv):

Türchen 16: 

Sie blickte mutig nach vorn, als von oben der warme Klang einer Männerstimme zu hören war. Das hatte sie völlig vergessen! Irgendwer hatte ihr doch vorhin die Hand gereicht, als sie auf der letzten Stufe stand. Sie war gar nicht allein.

„Es ist nicht mehr weit.“

War das nicht die gleiche Stimme wie vorhin, einige Stufen unter ihr? Aber das war doch unmöglich. Sie hörte sich auch anders an, deutlich freundlicher. Weder soeben noch jetzt sah sie jemanden, aber ihre Intuition sagte ihr, dass sie richtig lag. „Sie sind das wirklich! Aber warum sind Sie plötzlich weiter als ich?“

„Es gibt Dinge, die verstehen weder Sie noch ich. Vertrauen Sie sich einfach. … übrigens wartet hier ein kleines Mädchen.“

Weihnachten, Dekoration, Urlaub, Feier

Türchen 17:

Henni horchte auf die seltsam vertraute Stimme und kramte in ihrem Kopf nach der Erinnerung an das Gesicht, das zu dieser Stimme gehörte. Aber es war ihr, als ob ihr Geist von Zuckerwatte eingehüllt war und sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Sie blinzelte, aber ihre Tränen und das Strahlen der Sterne ließen ihre Umgebung zu einem Nebel aus Helligkeit verschwimmen. Für einen Moment überkam sie ein Gefühl völliger Orientierungslosigkeit, sie hatte jeden Halt verloren und schwebte im Nichts – wo war die Hand, die sie gehalten hatte, wo die Stimme, die sie geleitet hatte?

Da umschmeichelte ein wunderbarer Duft ihre Nase – es duftete nach Vanille, Zimt und Orangen – ein Kinderlachen gluckste ihre Kehle hinauf und Henni öffnete wieder ihre Augen und nun sah sie alles klar vor sich: Sie war in der Küche ihrer Oma!

Da stand Oma und summte “Alle Jahre wieder…” während sie mit einem Nudelholz einen Batzen Teig im Mehlteppich auf dem großen Holztisch ausrollte. Der Ofen brummte die Bassstimme zum Gesang von Oma und warmer Plätzchendampf legte sich auf Hennis Haut.

Aber was war das? Eine kleine Hand rollte ihr eine Orange entgegen und hinter der Tischplatte sah sie zuerst einen Scheitel, dann eine Stirn und schließlich zwei wache Äuglein und eine Stupsnase auftauchen.

“Henni, du kommst gerade richtig”, sagte das Mädchen mit Glockenstimme.

Wie es weiter geht, erfahrt ihr morgen bei Renate.

Orangen, Apfelsinen, Zitrusfrüchte, Obst

Was bisher geschah (die vollständige Geschichte):

Türchen 1-10 findet ihr hier.

Türchen 11:

Als sie die Augen wieder öffnete, wirbelten die puscheligen Schirmchen wie Schneegestöber um sie herum. In ihrem Kopf wirbelten die Gedanken.

Aus dem Augenwinkel sah sie etwas Braunes flink an sich vorbeihuschen. Durch die Flocken blickte sie in zwei schwarze Äuglein. Von der Sprosse über ihr schaute ein Eichhörnchen sie mit geneigtem Kopf keck an. Zwischen den Pfötchen hielt es eine Orange.

„Na, was machst du denn hier? Wusste gar nicht, dass ihr auch Orangenfresser seid.“ Henni streckte die freie Hand aus, um das Tierchen zu streicheln, wobei sie ins Wanken geriet und sich eine Sprosse tiefer wiederfand. Die Leiter schwankte.

„Huch“, ihr Herz wummerte vor Schreck. Der buschige Schwanz des Eichkätzchens verschwand im Astwerk.

Wollte das Tier mir wohl etwas sagen? Einen Wunsch, ich habe einen Wunsch frei … aus ihrem rechten Auge quetschte sich eine Träne.

„Ho, ho, hoo, was ist da oben los? Geht’s denn bald mal weiter?“, unterbrach die grollende Stimme von unten ihre Gedanken.

„Tut mir leid, ich steck‘ hier irgendwie fest.“ Hennis Hände krampften sich um die Stege der Leiter, ihr schwirrten die Sinne, woher kam diese plötzliche Rührseligkeit?

Türchen 12:

Aber ja doch, ja, es fiel ihr wieder ein. Die Rührseligkeit wird vom Weihnachtsfest verursacht. Sie kam daher, dass nicht mehr all ihre Lieben mitfeiern konnten. Sie vermisste sie so sehr, dass ihr die Tränen nun ungehemmt über das Gesicht liefen. Das Eichhörnchen war im Baum verschwunden.

Sie erinnerte sich an ihre liebe Großmutter. Was konnte sie für leckere Plätzchen backen und was konnte sie Weihnachtslieder singen! Mit einer hohen und weichen Stimme hatte sie immer dafür gesorgt, die richtige Stimmung aufkommen zu lassen, wie ein Engel. Henni erinnerte sich daran, wie sie bei ihr auf dem Schoß gesessen hatte, sich wiegen ließ und den Weihnachtsgeschichten zuhörte, die sie ihr und nur ihr allein erzählte, während ihre großen Brüder durch das Wohnzimmer tollten.

Das wünschte sie sich sehnlichst von den Pusteblumenschirmchen. Nur noch einmal auf Omas Schoß sitzen, den Duft der Plätzchen riechen und ihre Stimme hören! Henni schaute in den wirbelnden, goldenen Strom hinein, der sie warm umstrahlte. Sie hielt sich an der Sprosse fest und schloss die Augen und genoss im leuchtenden Strom der Flocken die warmen Gefühle von Glück und Geborgenheit, vom ungetrübten Glanz ihrer Kindheit und Keksen, und sie lächelte zufrieden, als jemand an ihrem Fuß zog. Es war der Drängler von unten.

„Hey, wir wollen alle nach Hause!“, knurrte er, „Nun gehen Sie schon endlich weiter!“ Henni dachte gar nicht daran. Dann bekam sie einen ordentlichen Schreck.

Nach Hause?! Stimmt. Doch wohin führt denn nun diese Leiter?

Türchen 13

„Das werde ich wohl nur herausfinden, wenn ich ihr folge. Also, nur Mut!“, ermunterte Henni sich selbst, griff beherzt nach der nächsten Sprosse und kletterte weiter nach oben.

Mit jeder Sprosse fühlte sie sich kraftvoller, verwegener und frischer. Eine heitere Gelassenheit breitete sich in ihr aus und plötzlich hörte sie eine sonderbare, leicht dissonante, aber dennoch wunderschöne Folge von Tönen und Henni begriff, dass dies ihr eigenens Lachen war, doch auch nicht ganz. Vielmehr war es das Lachen des Kindes in ihr, das da frohlockend und wohlklingend aus ihr herausbrach. In Henni breitete sich neben einem Gefühl der Heiterkeit nun auch ein Gefühl der Rührung aus, als sie erkannte, wie sehr sie diesen Teil von sich in diesem Jahr vermisst hatte. Doch nun war er endlich wieder da und beschwingt stieg sie weiter. Sie fürchtete sich kein bisschen mehr, obwohl über ihr außer der nächsten Sprosse nichts als ein helles goldenes Licht zu sehen war.

Und dann hörte die Leiter einfach auf. Suchend sah Henni sich um. Unter ihr waren die Sterne, über ihr das Licht, sonst gab es da nichts. Nur ab und zu unter sich ein kindliches Jauchzen. Was sollte sie denn jetzt machen?

„Hey, Sie da unten!“, rief sie in Richtung des grummligen Mannes irgendwo unter sich. „Es gibt hier keine Sprossen mehr. Wissen Sie, wie’s ab hier weiter geht?“

Doch er gab keine Antwort. Hatte sie ihn am Ende doch abgehängt?

Henni sah wieder nach oben in das Licht.
Schien sich da nicht etwas zu bewegen, ganz vage nur, oder bildete sie sich das ein?

Aus einem Gefühl heraus, reckte sie eine Hand noch oben und streckte sich, soweit sie nur konnte, doch nichts geschah. Also nahm sie allen Mut zusammen und kletterte noch zwei weitere Leitersprossen nach oben, so dass ihr nur noch die oberste Sprosse an den Schienbeinen etwas Halt gab und noch einmal reckte sie ihre Hand in Richtung Licht und siehe da, ihre Hand schien in das Licht einzutauchen. Henni wurde noch mutiger und trat mit dem rechten Fuß auf die letzte Sprosse. Langsam und vorsichtig drückte sie sich nach oben und zog dann auch den linken Fuß nach. Nun balancierte sie auf der obersten Sprosse, ganz ohne Halt. Und auch ohne Netz oder doppelten Boden?

Henni zuckte mit den Schultern. „Was soll’s!“, rief sie aus einer plötzlichen Zuversicht heraus aus und sprang mit all ihrer Kraft nach oben. Es verging ein winziger Moment, in dem nichts geschah, doch er war lang genug für erste Zweifel, für einen ersten Anflug von Angst, aber dann ergriff jemand Hennis Hand und zog sie weiter hinauf.

Türchen 14

Jetzt, wo sie gehalten war, bekam Henni noch Herzrasen ob ihres Mutes, der sie so ins Leere springen hatte lassen. Sie konnte sich gar nicht erklären, woher sie den Mut genommen hatte. Sie war nie die Mutigste gewesen, war immer etwas furchtsam. Oder ging es etwa gar nicht um Mut, sondern um Vertrauen?

Das verlorene Vertrauen

Woher kam auf einmal dieses Vertrauen, an dem es ihr im Leben seit langer Zeit mangelte. Damals hatte sie ihr Vertrauen verloren und es nie mehr gefunden. Mit heute schien sich das geändert zu haben. Sie vertraute wieder in das Leben und ein Gefühl von Hoffnung machte sich in ihr breit. Sie hatte dieses schwarze, zähe Damals mit diesem wagemutigen Schritt abgestreift. Endlich! Nach all den Jahren der Traurigkeit und Mutlosigkeit. Das Damals war ihr bis heute wie Kaugummi an der Schuhsohle geklebt. Aber jetzt, jetzt hatte sie es geschafft, es loszuwerden.

Struppis Tod – das Damals

Das Damals war der Tod ihres geliebten Hundes Struppi. Sie musste zusehen, wie dieser von einem Auto überfahren wurde. Das Gartentor war offen und Struppi jagte der Nachbarkatze hinterher über die Straße. Da hatte ihn das Auto erwischt. Sie war 11 gewesen und die Erwachsenen waren nur dagestanden und hatten nichts getan. Niemand rettete Struppi oder half ihm. Niemand tröstete sie. Ein alter Mann mit Vollbart und einem dicken Bauch meinte sogar, dass es ja nur ein Hund gewesen sei. Seitdem hatte sie kein Vertrauen mehr in die Menschen gehabt. Es hatte Spuren in Hennis Seele hinterlassen. Auch nach all diesen Jahren bekam sie noch Zustände, wenn sie alte Männer mit Vollbart und dickem Bauch sah.

Aber mit diesem Sprung ins Vertrauen würde sich das nun ändern. Da war sich Henni ganz, ganz sicher.

Türchen 15

Auf einmal hatte Henni das Gefühl mit ihrem Sprung die ganze Welt verändern zu können. Sie konnte es sich selbst nicht erklären, aber mit diesem Sprung hatte sie plötzlich ein unglaubliches Vertrauen, dass sie richtig entschieden hatte und ihr nichts passieren konnte.

Kurz kam ihr der Gedanke, dass sie immer wieder vor Situationen stand in denen sie dachte, JETZT würde sich alles verändern, JETZT hatte sie endgültig die Person gefunden der sie doch vertrauen konnte. Irgendwann stellte sich dann heraus, dass sie der Person doch nicht trauen konnte, oder sie stellte fest, dass sie doch wieder in alte Muster gefallen war. Ohne es zu merken und eigentlich auch ohne das sie es wollte. Es war einfach wieder passiert.

Sie hatte das Gefühl, dieser Flug endete nie. Das Gefühl der inneren Stärke, die plötzlich ihr inneres verletztes Kind an die Hand nahm wurde immer stärker. Sie nahm sich fest vor, dieses Gefühl für immer zu behalten…

 

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Grünraums Blogadventkalender 2019 – Türchen 3

Willkommen zu Grünraums Blogadventkalender 2019. Auch in diesem Advent gibt es wieder eine spannende Gemeinschaftsgeschichte. Was bisher geschah (in kursiv):

Scheiß Verspätung immer!“, schimpfte Henni und trat von einem Bein auf das andere. Es war bereits dunkel und dazu noch typisch nasskaltes Dezemberwetter. Zu allem Überfluss hatte sie auch noch keine Zigaretten mehr. Ihre ehemals wasserfeste Winterjacke, ein Geschenk von Uwe, dem alten Haudegen, hatte ihre besten Jahre auch hinter sich.
„Ach Henni!“, seufzte sie. Nur ihre Mutter rief sie mit ihrem vollem Namen Henriette. „Wir sind schon ganz schön alt geworden, wir beide.“ Sie merkte gar nicht mehr, dass sie mit sich selbst sprach.
Der Junge, der neben ihr im Buswartehäuschen stand, schaute sie irritiert an. Sie zuckte mit den Schultern und entdeckte in dem Moment auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine beleuchtete Leiter, die an einen Baum gelehnt war.

„Junge, sieht du das auch?“, fragte sie. Er drehte demonstrativ seinen Kopf zur Seite. Henni seufzte erneut. Wo war sie nur hingegangen, die Phantasie der Menschheit, ihre Traumbereitschaft, ihr Wunsch, leuchtenden Leitern in den Himmeln zu folgen und dort wem auch immer zu begegnen. Sollte sie vielleicht noch einen Vorstoß wagen?

„Hast du mal eine Zigarette für mich?“ fragte sie vorsichtig den von ihr abgekehrten schmalen Rücken in seiner viel zu großen Felljacke. Ob er wohl glaubte, dass er eines Tages in diese Jacke hineinwüchse? Vielleicht führte die Leuchtleiter direkt zu seinem Ziel, dabei fiel Henni das Monopoly Spiel ein und den Spruch, den sie tausendmal zu Hause gesagt hat: „Gehen Sie direkt ins Gefängnis, gehen Sie nicht über Los!“

Der junge Mann drehte sich verwundert um…

Türchen 3:

Er zog den Stöpsel des In-ear-wireless-Kopfhörers aus seinem linken Ohr – Henni sah, dass seine Ohrmuschel sehr groß und an den Rändern ganz rot vor Kälte war.

“Wie bitte?”, fragte der Junge mit den großen Ohren. Henni führte ihre zwei zigarettenlosen Finger in einer Rauchergeste zum Mund. Der Junge verstand und schüttelte bedauernd den Kopf. In diesem Moment kam der verspätete Bus um die Ecke und rollte in gemächlichem Tempo auf die Haltestelle mit den zwei Wartenden zu. Der Junge kramte in den tiefen Taschen seiner Felljacke nach dem Fahrschein.

“Jetzt bist du gleich im Warmen, Henni”, murmelte Henni. Sie hatte keine Zeit sich zu wundern, warum der Bus an diesem geschäftigen Adventsabend im Innern dunkel war und ohne Passagiere zu fahren schien – und was hatten die gelb leuchtenden Buchstaben “L-E-V” in der Zielanzeige über der Windschutzscheibe zu bedeuten? Der Bus kam direkt vor ihrer Nase zu einem Halt und die Türen öffneten sich  mit einem hydraulischen Seufzen. Eine Frau in einer gelben Weste mit Reflexionsstreifen stieg aus und verstellte ihr den Weg zum Einsteigen. Die Türen des Busses schlossen sich zischend und das Gefährt verschwand in der regennassen Nacht.

“Was soll das?”, wollte der Junge wissen und stapfte ungeduldig von einem Fuß auf den anderen.

“Heute haben wir Leiter-Ersatz-Verkehr”, verkündete die Frau und deutete auf den Baum, an dem die leuchtende Leiter lehnte.

Bus, Bushaltestelle, Straße, Anschlag

Morgen öffnet sich Törchen 4 bei  Michaela und dort geht die Geschichte weiter.

(Das Titelfoto stammt von Anne Winckler)

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Mit einer Hochzeit über die Ziellinie im NaNoWriMo

Es ist vollbracht – ich habe mich 30 Tage lang der Schreib-Challenge des NaNoWriMo unterworfen und dies ist meine Bilanz (Stand 30.11.2019, 22:30 Uhr – die Zeit bis Mitternacht habe ich mit einer Ehrenrunde um den Häuserblock verbracht):

42.242 Wordcount total

2053 mein höchster Wordcount an einem Tag

1408 mein durchschnittlicher Tages-Wordcount (für die 50k hätte ich 1667 schaffen müssen)

1001 x gedacht: „In einer halben Stunde fange ich wirklich an!“

252 mein niedrigster Wordcount an einem Tag

179 Normseiten mit Carolines Briefen gefüllt

91 Schokoladenstücke (mit 70 % Kakaoanteil) beim Schreiben genascht

59 Spaziergänge (27 davon nach Mitternacht)

51 x mich beim Namen „Klarius“ vertippt: Klarisu

32 x Lebensmittel und Leckereien eingebaut (inkl. Recherche norwegischer Rezepte)

27 Tage, an denen ich mindestens ein Wort für meinen Roman geschrieben habe

23,58 die Uhrzeit, an der ich meinen Tages-Wordcount in die NaNoWriMo-online Statistik eingetragen habe (da kein Rückdatieren möglich)

21 x das Wort „Kuss“ verwendet

11 Namen für die Geschwister von Caroline ausgesucht: Elin, Liv, Hanne, Smilla, Gunda, Femke, Jaspar, Tjark, Finn, Mads und Jan (4 fehlen mir noch)

3 Tage, an denen ich genullt habe (d.h. kein einziges Wort zustande gebracht)

0 x die NaNoWriMo-Challenge verflucht

Nachtrag 1

1 x fälschlicherweise behauptet, ich hätte niemals die NaNoWriMo-Challenge verflucht

Nachtrag 2

Nicht quantifizierbar:

x Freude über die Geschichte, die entstanden ist

x ermutigendes und belohnendes Feedback aus meinem Familienkreis und von meinen treuen Blogleserinnen (DANKE an euch alle!)

Luftballons, Feier, Farben, Gummi

Nun möchte ich euch eine letzte Leseprobe (in diesem Jahr – keine Sorge, im Januar schreibe ich weiter) mit Feierlaune schenken:

Leseprobe:

Frederikshavn, 5. April 1934

Meine liebe Elin,

heute schreibe ich dir zum ersten Mal als verheiratete Frau. Ich kann dir noch gar nicht sagen, ob ich mich wirklich anders fühle, als gestern und vorgestern. Ich bin immer noch traurig, dass du nicht bei unserer Hochzeit dabei sein konntest – ich hoffe sehr, dass dein Fieber bald abklingt und du schnell wieder auf die Beine kommst. (…)

Wie du ja weißt, hat sich Mutter mit großem Eifer in die Hochzeitsvorbereitungen gestürzt (sie war übrigens seit meiner Verlobung wie ausgewechselt und hat mich mit Nettigkeiten überschüttet – was sie aber nicht davon abgehalten hat, mich auf eine strenge Diät zu setzen, damit ich in das seidene Hochzeitskleid von Cousine Lily passen würde).

«Du musst bis zu Hochzeit zehn Pfund abnehmen», hatte Mutter verkündet (das war Anfang Januar).

Marzipankartoffeln, Marzipan, Süßware

«Auf deine Windbeutel und andere Naschereien musst jetzt erstmal verzichten». Das habe ich bis Ende Februar auch getan (obwohl ich gestehe, dass doch die eine oder andere Marzipankartoffel in meinen Mund gewandert ist – Gemüse hatte Mutter mir schließlich nicht verboten). Anfang März passte ich immer noch nicht ins Brautkleid. Ich hatte nur 700 Gramm abgenommen – wie die unbestechliche Waage in der Apotheke gezeigt hat – natürlich haben sämtliche Kundinnen in der Apotheke vom Drama meines Übergewichts mitbekommen – sogleich wurde ich von der Heerschar von Damen umringt und jede von ihnen hatte einen guten Ratschlag, wie ich innerhalb der nächsten fünf Wochen die hinderlichen Pfunde abnehmen könnte (von Sauerkrautsaft bis Körperwickel).

Knäckebrot, Brot, Knusprig, Lebensmittel

Seitdem gab es für mich nur noch Knäckebrot mit Hering zum Frühstück und Gemüsesuppe zum Abendessen, Mittags einen Apfel. Ich habe noch nie so viel Magenknurren gehabt! Nachts habe ich von Torten und Schololadenbrunnen geträumt – aber ich bin standhaft geblieben (was mir sicher nicht geglückt wäre, wenn Mutter nicht sämtliche Süßigkeiten aus dem Haus verbannt hätte, angefangen beim Depot in meinem Nachtschränkchen). (…)

Übrigens verriet mir Vater, dass der Kapitän eine stattliche Summe zur Hochzeit beigesteuert hatte. Ich wusste gar nicht, wie teuer so eine Hochzeit ist (…). Das Menü (alleine die Hochzeistorte beim Konditor kostete so viel, wie ich in zwei Wochen verdiene), dann der Alkohol (hier hat Onkel Rasmus sich als großzügiger Sponsor hervorgetan – alle Getränke gehen auf ihn), die Kleider der Brautjungfern (immerhin bekam ich mein Brautkleid umsonst) – das alles verschlingt Unsummen. Bei vielen meiner Freundinnen gab es im Festsaal auch eine kleine Musikkapelle, damit man tanzen konnte (ein Hochzeit ohne Tanz kann ich mir nicht vorstellen), aber nachdem wir die Abendgagen von drei dieser Kapellen gehört hatte, sagte Mutter:

«Es ist ja nicht so, als würdest du Prinz Frederik heiraten» (das wurde einer ihrer Lieblingssätze, immer wenn etwas zu teuer war).

Eine große Hilfe bei der Hochzeitsplanung war Tante Gunda – so zum Beispiel auch bei der Suche nach einer bezahlbaren Kapelle. Nachdem ich mich strikt geweigert hatte, dass die Marschkapelle der freiwilligen Feuerwehr engagiert wird (wobei das Wort «Kapelle» zu hoch gegriffen ist für drei Trompeter, einen Posaunisten und einen Paukenspieler – die maximal fünf Trinklieder spielen können), schlug Tante Gunda vor, bei der Musikhochschule nachzufragen. Dort fanden wir ein Streich-Quartett, das eigentlich auf Beerdigungen spezialisiert ist, aber die Musiker versicherten uns, dass nirgendwo so gut getanzt werden würde, wie nach einem Leichenschmaus. Nach einer Hörprobe von Tanzliedern waren wir überzeugt (übrigens spielt in diesem Quartett eine Studentin die Erste Geige, was mir gut gefällt, die anderen drei sind junge Männer, die wie Brüder aussehen – vielleicht weil sie alle so dünn sind – ob die Musik wirklich eine brotlose Kunst ist?). Auf jeden Fall vereinbarten wir, dass sie zusätzlich zur Gage auch freie Getränkwahl bei der Feier haben würden («kein Freiessen», rief Mutter, «sonst bleibt nichts für unsere Gäste übrig»).

(…)

Eine Woche vor dem großen Tag war dann die finale Anprobe vom Hochzeitskleid – und siehe da, die Knöpfe auf meinem Rücken ließen sich schließen (was ich sofort mit einer Marzipankartoffel feierte). Meine Brautjungfern (Cousine Nora, Fräulein Olsen und Helga) kamen auch zur Anprobe – ihre Kleider waren einheitlich aus zart violettem Chiffon, schlicht geschnitten mit hübschen gestickten Verzierungen in rosé mit floralen Mustern.

«Ich komme mir vor, wie eine Blumenelfe», rief Helga.

«Und ich wie alte Zuckerwatte. Und dieser Schnitt… Da ist ja selbst mein Nachthemd eleganter», sagte Fräulein Olsen säuerlich (das Lila des Kleides biss sich leider auch ziemlich mit der Rotfärbung ihres Haares – sie würde vor der Hochzeit noch zum Frisör gehen). Der Schneider stach ihr beim Abstecken des Ärmels aus Rache in die Handgelenke (der Saum musste umgenäht werden).

Zwei Tage vor der Hochzeit kamen also Klarius und seine Mutter nach Frederikshavn (sie waren bei Onkel Rasmus und Tante Gunda zu Gast – nur für unsere Hochzeitsnacht war ein Hotelzimmer reserviert). Es war ein seltsames Gefühl, mich mit Klarius nach über drei Monaten vor dem Pfarrer wieder zu sehen – einerseits sah er unverändert aus (nur seine Haare waren über den Ohren und an den Schläfen militärisch kurz geschnitten, er was offenbar frisch vom Frisör) – ob er meine hart erkämpfte Gewichtsabnahme von neun Pfund bemerkte, weiß ich nicht – aber ein wenig fremd war er mir zunächst trotzdem. Wir lächelten uns an, tauschten höfliche Worte aus, aber waren beide ziemlich angespannt.

Dann gingen wir heim – inzwischen hatte Mutter mit den Nachbarinnen den Ehrenbogen aus Kiefernzweigen vor der Haustür unseres Elternhauses errichtet – mich überkam ein fast lächerliches Gefühl von Stolz, dass dieser Ehrenbogen mir galt (und nicht wie sieben Mal zuvor einer meiner Schwestern).

Wir aßen gemeinsam zu Mittag. Unsere Mutter redete ohne Pause und weihte meinen Verlobten in die wichtigsten Punkte der Feierlichkeiten ein (wobei sie es sich nicht verkneifen konnte, immer wieder auf die halsabschneiderischen Geschäftsleute zu schimpfen, die den Brauteltern die letzten Kronen aus der Tasche zogen – was ich ziemlich peinlich fand, da Klarius ja einen Großteil der Hochzeitskosten aus seiner Tasche bezahlte). Vater brummte ein paar Mal und gab Mutter unter dem Tisch einige Stubser mit dem Fuß, die ihren Redeschwall aber nicht stoppen konnten.

Am Tag vor der Hochzeit haben mein Bräutigam und ich uns nicht gesehen (so wie es Tradition ist), stattdessen kam seine Mutter zu uns nach Hause, um die norwegische Erbensuppe für die Nach-Mitternachts-Stunde zu kochen. Frau Mikkelsen hielt sich nicht lange mit Plauderei auf, sondern marschierte beladen mit zwei Körben und drei Taschen voller Zutaten in unsere Küche und verlangte, den größten Kochtopf zu sehen, den wir im Hause hatten. Mutter zeigte ihr unseren Suppentopf, aber Frau Mikkelsen schüttelte den Kopf (immerhin sollte die Suppe für über 70 Gäste reichen) und zeichnete mit Händen und Armen einen Topf von der Größe eines Waschzubers in die Luft. Mutter überlegte kurz und lief dann durch den Garten zu Frau Jakobsen und kam kurze Zeit mit dieser zusammen wieder, beide schleppten eine riesigen Metalltopf (der früher mal beim Roten Kreuz im Einsatz war und aus dem schon so manche Kompanie satt worden war). Der Topf war so riesig, dass er die gesamte Kochstelle (vier Gasflammen, die wir später auch allesamt anließen) überdeckte. Frau Jakobsen blieb gleich da, um mitzuhelfen. Unter dem Kommando von Frau Mikkelsen schälten und schnitten wir kiloweise Kartoffeln, Zwiebeln und Suppengrün, was wir in viel Öl andünsten und mit schwarzem Pfeffer würzten. Dann gaben wir tütenweise getrocknete gelbe Schälerbsen in den Topf, gossen alles mit viel Wasser auf, Petersilie und einige Loorbeerblätter sowie Salz und (noch mehr) Pfeffer kamen hinzu.

Dann blubberte unser Werk in dem gigantischen Topf über eine Stunde vor sich hin und verbreitete einen Appetit anregenden Duft (mein Magen meldete sich knurrend, war ich froh, dass meine Brautkleid-Diät ab übermorgen vorbei sein würde). Mutter schenkte uns allen Kirschlikör aus und allmählich löste sich die Zunge von Frau Mikkelsen und sie verriet mir, dass die Erbsensuppe für das Brautpaar ein Symbol sei für Fruchtbarkeit (als sie sich den Bauch rieb, dachte ich zuerst, sie meine nur den Genuss beim Essen) und Reichtum (die Geste des Fingerreibens erkannte ich sofort). Als die Suppe fertig gekocht war, kam noch ein riesiger Schinkenknochen für zusätzliches Aroma hinein (der bis zum Servieren morgen Nacht dort drinnen ziehen würde). Zu Dritt hievten wir den Topf (der nun mit einem Deckel luftdicht verschraubt und so schwer war wie ein ausgewachsener Seeteufel) auf den Küchentisch und ich fragte mich, wer dieses Monstrum morgen zum Festsaal transportieren würde und wie.

«Den Topf ziehen Lars und Jan mit dem Leiterwagen», betimmte Mutter. Frau Mikkelsen nickte zufrieden.

(…)

Dann war der große Tag gekommen. Obwohl ich hätte ausschlafen können, war ich mit dem ersten Licht des Tages wach und konnte vor Aufregung nicht mehr still liegen. Also habe ich ein ausführliches Bad genommen und bin dann in die Küche hinunter, die nach dem Polterabend wie ein Schlachtfeld aussah, es stapelte sich ungewaschenes Geschirr und überall standen Gläser und leere Bierflaschen herum, nur der riesige Topf mit der Erbsensuppe thronte unberührt vom Chaos auf dem Küchentisch. Ich machte mir eine heiße Schokolade und aß dazu zwei Knäckebrote (ohne Hering, den konnte ich nicht mehr ertragen).

Gegen 9 Uhr hörte ich ein Getöse von oben – ein sicheres Zeichen, dass Mutter wach war und ihr Hochzeitsmotor auf vollen Touren lief. Bald trampelte sie die Treppe hinunter, noch im Morgenmantel und mit Nachthaube. (…)

Um 13 Uhr fuhren die Wagen vor, um die Familie zur Kirche zu bringen – Mutter sah in ihrem grünen Samtkleid mit den roten Schleifen den Ketten wie ein Weihnachtbaum aus, Vater trug seinen bewährten Brautvateranzug (der nach jahrelangem Einsatz einen leicht abgewetzten Anblick bot, aber die glänzenden Lackschuhe und die frische Tulpe im Knopfloch machten einiges wieder gut).

Die Braut («das bin wirklich ich», ging es mir immer wieder durch den Kopf – ich konnte es kaum glauben) wurde eine halbe Stunde später abgeholt, damit die Festgemeinde genügend Zeit hatte, sich zu begrüßen und Platz zu nehmen. Meine Brautjungfern Fräulein Olsen und Helga (du liebe Elin wärst ja meine Nummer Eins gewesen, wie sehr habe ich dich in diesem Moment vermisst!) waren inzwischen eingetroffen und warteten mit mir.

«Du siehst aus wie ein Prinzessin», schwärmte Helga.

«Wie Greta Garbo», bekräftigte nochmals Fräulein Giese, die unaufhörlich an meinen Haaren und an meinem Kleid zupfte. In meinem weißen Kleid fühlte ich mich wirklich wie eine Göttin (die allerdings ein wenig den Bauch einziehen musste, damit die Knöpfe nicht zu sehr unter Spannung gerieten).

Blumenstrauß, Hochzeit

FORTSETZUNG FOLGT…

Wie gefallen euch die Hochzeitsvorbereitungen?

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