Verlobung auf dänisch-norwegisch (NaNoWriMo)

In der dritten Woche  bin ich in einen guten Schreibschwung gekommen. Ich schaffe an den meisten Tagen zwischen 1.700 und 1.900 Wörtern – liege damit über dem Tagespensum von 1.667 Wörter – aber um meinen  schwachen Start  der ersten zwei Wochen aufzuholen, reicht es nicht aus – aber mein neues Ziel lautet ja sowieso 40.000. Zurzeit liege ich bei 33.000 Wörtern (144 Normseiten) – ich kann das also in den nächsten 6 Tagen gut schaffen.

Inhaltlich bin ich immer noch bei Caroline im Winter 1933 bis Frühling 1934 und ihrem Kennenlernen mit dem Kapitän. Am Freitag hatte ich einen echt guten Lauf mit dem Erzählen ihres Verlöbnisses.

Als nächstes steht natürlich die  Hochzeitsfeier an (dazu habe ich dänische Hochzeitsbräuche recherchiert – wirklich witzig, was es da alles gibt – zum Beispiel schneidet die Braut ihrem Bräutigam die Zehenspitze der Socken ab – früher musste sie diese dann wieder annähen und den Hochzeitsgästen damit ihre hausfraulichen Fähigkeiten  beweisen). Aber am Samstag war ich dann so blockiert vor der Aufgaben, die Hochzeit nun als kleinen dramaturgischen Höhepunkt besonders toll zu beschreiben, dass ich an diesem Tag kein einziges Wort zu Papier gebracht habe (was meiner Wörter-Statistik einen weiteren Tiefpunkt verschafft hat).

Am Sonntag ging es dann wieder (habe mich schreibend in Hochzeitskleid-Diät und andere Vorbereitungen gestürzt)  heute ist der Polterabend dran – ich zögere das große Ereignis ein bisschen heraus…

Seil, Knoten, Gebunden, Verdreht, Boot, Nautik, Meer

Leseprobe (aus Tag 22, Freitag):

Situation: Der Kapitän Klarius Mikkelsen hat um Carolines Hand angehalten. Sie hat zugestimmt, obwohl sie ihn nicht wirklich gut kennt, aber schon ein bisschen verliebt ist (sie hat ihn für 2 Tage in Sandefjord, Norwegen besucht, dort hat er ihr einen Kuss gegeben, ihr ein Parfüm geschenkt und ein Foto von ihr machen lassen, danach haben sie sich kurze Postkarten geschrieben). An diesem Tag ist der Kapitän in Frederikshavn (Dänemark) eingelaufen und will am Abend die Eltern von Caroline um ihre Zustimmung zur Heirat bitten.

Frederikshavn, 14. Dezember 1933

Meine liebe Elin,

jetzt muss ich dir doch noch einmal schreiben, bevor wir uns in 8 Tagen wieder sehen. Du kannst dich schon im Backen eines Kranzkuchens üben, denn im Frühling steht eine Hochzeit ins Haus! Ja, liebe Schwester, ich habe mich heute mit Klarius verlobt! Das ging nun doch schneller, als erwartet, aber ich bin glücklich. (…)

Als ich nach Feierabend nach Hause kam (gegen 18 Uhr), war das Haus in heller Aufregung – besser gesagt Mutter, die genauso viel Wirbel machte, wie eine ganze Mannschaft. Aus der Küche zog mir der Geruch von Kräuterbrot und Fischsuppe in die Nase, im Wohnzimmer saß Vater in seinem Ohrensessel wie eine Wachsfigur, während Mutter mit einem Staubwedel in der einen Hand und einem Möbelpoliturtuch in der anderen Hand um ihn herum schwirrte und die gesamte Wohnzimmereinrichtung abwechselnd mit beiden Händen auf Vordermann brachte – wobei es mich nicht gewundert hätte, wenn sie auch die Glatze von Vater poliert hätte.

“Hol den Weihnachtsstern aus der Küche und stelle ihn hier auf die Anrichte”, rief sie mir zu, als sie mich sah.

“Nein, geh zuerst auf dein Zimmer und zieh dir was Hübscheres an. Und deine Haare sind auch ganz zerzaust!”

Ich tat, wie mir geheißen. Zu diesem besonderen Anlass legte ich mir sogar die Perlenkette um, die ich beim ersten Abendessen mit dem Kapitän getragen hatte (wobei er das bestimmt inzwischen vergessen hat – Männer achten im Allgemeinen nicht auf solche Details).

Als ich wieder hinunter kam, sah ich Frau Jakobsen durch den Flur in die Küche stürmen (das zeitweilige Zerwürfnis zwischen Mutter und unserer Nachbarin war seit kurzem gekittet – du erinnerst dich, es ging um die Pflaumen, die vom Baum der Jakobsens immer in unseren Garten fielen und angeblich die vielen Schnecken angelockt hatten). Ich folgte der Besucherin und fand in der Küche zu meinem Erstaunen noch drei weitere Nachbarinnen vor (Frau Solberg, Frau Norup und die Alte Bendtsen), denen Mutter offensichtlich vom kurzfristigen Besuch des Brautwerbers erzählt und die jede eine Gabe für das Verlobungsessen beigesteuert hatte – auf dem Küchentisch standen dicht gedrängt einige Vorspeisenplatte (u.a. Kräcker mit Räucherlachs, Schwarzbrot in quadratische Stücke geschnitten und mit einem Käsewürfel und einem Radieschen zusammen mit einem Zahnstocher zu Reitern aufgerichet), ein Blechkuchen mit Äpfeln, Rosinen, Nüssen und Sträuseln eingedeckt und diverse Kännchen und Terrinen, deren Inhalt ich auf die Schnelle nicht erkennen konnte. Das Kräuterbrot aus dem Ofen sah gefährlich dunkelbraun aus und die Fischsuppe blubberte.

“Raus aus der Küche”, rief Mutter und fuchtelte mit der Hand als würde sie nach Mücken schlagen, “deine Haare sollen nicht nach Fisch riechen”.

Also verzog ich mich schleunigst. Dann fiel mir das Parfüm ein und ich lief noch mal nach oben auf mein Zimmer und tupfte mir das Pariser Liebesparfüm (mit Walfischsubstanzen), das Klarius mir geschenkt hatte, hinter die Ohren.

In diesem Moment läutete es an der Haustür. Ich hörte ein aufgeregtes Gegacker aus der Küche, dann ging die Hintertür auf und ich sah die Schar der Nachbarinnen durch unseren dunklen Garten tippeln und durch das Hintertörchen in die Garagengasse verschwinden.

Vom Absatz im ersten Stock aus spinkste ich durch das Treppengeländer in unseren Flur hinunter und sah Mutter zur Haustür rauschen wie eine Walküre auf Siegeszug (ihre Schürze hatte sie abgelegt, dafür ihre Theater-Stola aus Fuchspelz um ihre runden Schultern gelegt). Ich hörte die tiefe Stimme von Klarius, der meiner Mutter einen guten Abend wünschte und ihre einen Strauß Tulpen (die zu dieser Jahreszeit sicherlich ein halbes Vermögen gekostet hatten – auch wenn sie aus dem Gewächshaus in Holland kamen). Mutter überschüttete ihn mit einem Schwall von Willkommensworten und führte ihn ins Wohnzimmer zu Vater, der den Gast dann gelassen übernahm (bei sieben verheirateten Töchtern war er in dieser Art von Gespräch ja bestens geübt). Jetzt würde Vater mit dem Kapitän das Finanzielle besprechen (dass ich keine Mitgift hatte, nur eine kleine Aussteuer, würde den Kapitän hoffentlich nicht vom Kurs abbringen – aber ich wusste ja andererseits, dass er selbst gut situiert war, was er meinem Vater seinerseits auch darlegen würde).

Mutter winkte mich hinunter und wir trugen die Vorspeisen ins Esszimmer (hier hingen einige Bilder schief, die vorhin bestimmt mit Mutters Stauchwedel in Berührung gekommen waren). Mutter hatte den Tisch schon eingedeckt mit dem Tafelsilber von Erbtante Isolde – was teilweise schon ein wenig angelaufen war.

“Guck nicht so”, zischte sie, als sie sah, wie ich eine Gabel mit fast schwarzen Zinken ins Licht hielt, “das Silberputzen ist doch deine Aufgabe.”

Die Servietten waren jedenfalls tadellos gebügelt (was wohlgemerkt meine Aufgabe ist). Mutter stellte den Tulpenstrauß auf den Tisch und zusammen mit den zwei großen Kerzen in den silbernen Haltern sah alles ganz festlich aus.

Das Gespräch im Wohnzimmer schien ewig zu dauern, Mutter verschwand immer wieder, um an der Tür zu horchen, ich nutzte diese Gelegenheiten, um mir erst eines und dann noch ein zweites Glas Kirschlikör einzuflößen, was mich immer heiterer werden ließ.

Nach einer Dreiviertelstunde öffnete sich die Tür und Vater winkte uns herein. Im Zimmer war es diesig vom Pfeiffen- und Zigarrenrauch (die Zigarre musste zum Kapitän gehören) und auf dem Beistelltisch stand eine halb leere Flasche Brandy, beide Herren waren glänzender Laune. Vater nahm meine linke Hand und legte sie in die rechte Hand von Klarius (die sich warm und weich anfühlte und mir ein Gefühl von Vertrauheit gab).

“Auf eine gute Verbindung”, sagte er dröhnend und klopfte dem Kapitän kräftig auf die Schulter. Dieser grinste wie ein Schulbub und gab mir einen Kuss auf die Wange. Mutter drängte sich nun dazu und gratulierte dem Kapitän zu seiner guten Wahl.

“Sie werden merken, unsere Caroline ist eine wahre Perle (das hörte ich zum ersten Mal aus ihrem Mund), “und einen Kapitän als Schwiegersohn wollten wir schon immer haben (in Wirklichkeit hatten sie ja auch schon drei von dieser Sorte), selbst einen Norweger”, rief sie.

Vater klatschte in die Hände und sagte, jetzt wollten wir mit gutem Essen feiern. Beim Abendessen saß ich meinem Verlobten gegenüber und achtete darauf, dass sein Teller und sein Glas nie leer wurden. Wir schmausten zusammen – dank der Zugaben der Nachbarinnen waren die Speisen wirklich ein Genuss – das Kräuterbrot mit der schwarzen Kruste ließ ich unauffällig verschwinden (das bekamen morgen die Vögel).

Mein Verlobter und Vater sagten uns, dass sie besprochen hätten, dass unsere Trauung im nächsten April stattfinden soll. Klarius würde von Januar bis März auf einer längeren Expedition im Atlantik unterwegs sein (was mir neu war).

Als es um die Planung der Feierlichkeiten ging, war Mutter ganz in ihrem Element. Natürlich müsse die Braut aus dem Hause ihres Vaters ins neue Leben aufbrechen, das heißt die Heirat solle auch in Fredikshavn stattfinden (wo alle meine Verwandten und insbesondere Brautjunfern wohnten), nach dänischer Sitte. Ich hatte mir ehrlich gesagt um die Zeremonie selbst noch gar keine Gedanken gemacht (auch wenn es üblich ist, dass die Familie der Braut die Feierlichkeiten ausrichtet). Klarius war ohne Widerrede mit der Hochzeit in Frederikshavn einverstanden – er habe nur wenige Verwandte in Sandfjord, da sei es praktischer, wenn nicht so viele Gäste anreisen müssten, als im umgekehrten Fall (Mutter erweckte den Eindruck, als wäre ich mit halb Frederikshavn verwandt oder zumindest befreundet, was irgendwie auch stimmte). Und was die Hochzeitsbräuche anging werde er sich gerne von den dänischen Sitten überraschen lassen. Auf jeden Fall werden wir gleich morgen gemeinsam zum Standesamt und zu unserem Pfarrer gehen und unser Aufgebot bestellen. Mutter wollte unbedingt auch eine kleine Verlobungsanzeige in die Kirchenzeitung bringen, aber Vater sagte: “Das spricht sich auch so herum.”

Liebe Elin, nun habe ich dir von diesen aufregenden Tag so gut wie möglich erzählt. Mein Kopf schwirrt vor Glück und vor Kirschlikör. Ich werde nun zu Bett gehen. Du musst mir nicht antworten (obwohl ich mich – wie du weißt – riesig über jeden Brief von dir freue), denn wir sehen uns ja in wenigen Tagen zu Weihnachten wieder, dann können wir über alles von Angesicht zu Angesicht sprechen.

Sei umarmt und geküsst liebe Schwester,

Deine Caroline «Mikkelsen» (meinen zukünftigen Familiennamen werde ich nun bei jeder Gelegenheit ausschreiben, um mich so schnell wie möglich an ihn zu gewöhnen)

PS: Ich werde morgen in den Buchladen gehen und mir eine Sprachfiebel in Norwegisch beschaffen. Bis April will ich fleißig meine neue Heimatsprache lernen.

Dieses Brautkleid aus dem Jahr 1930 habe ich für Caroline ausgesucht.

Ich bin gespannt, wie euch diese Szene gefällt und freue mich sehr über Feedback.

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Halbzeit im NaNoWriMo – Eiszeit für Wörter – 40 ist die neue 50

Zum dritten Mal stelle ich mich im November wieder der Herausforderung des National Novel Writing Month (NaNoWriMo) – einen Roman mit mindestens 50.000 Wörter in 30 Tagen zu schreiben – und heute ist Halbzeit (Tag 15). Meine Bilanz: Ich trage hechelnd die rote Laterne und habe den Anschluss ans Feld verloren. Mein täglicher Wordcount kommt an vielen Tagen kaum über 500 Wörter hinaus, an zwei Tagen habe ich genullt. Manchmal schaffe ich die 1.667 Wörter des Tagespensums – lege mich zufrieden ins Bett (nach Mitternacht – denn ich schaffe den Kraftakt des Schreibens meistens erst nach 20 Uhr) – nur damit der Wörterkampf am nächsten Morgen wieder von vorne anfängt. Hinzu kommt, dass ich ständig mit meinen körperlichen Beschwerden (starke Kopfschmerzen) zu kämpfen habe, was die Schreiblust nicht gerade erhöht.

Für das Soll-Pensum brauche ich 2 ½ bis 3 Stunden reines Schreiben. Meistens versuche ich, vor dem Mitagessen eine 45 Minuten-Session zu machen – wenigsten 600-800 Wörter, damit ich am Abend innerhalb von 2 Stunden die fehlenden 1000 Wörter hinbekomme. In der Zwischenzeit gehe ich viel spazieren und denke ein bisschen über meine Geschichte nach (aber meistens entwickelt sich die Handlung beim Schreiben selbst).

Und worüber schreibe ich: Meinen Antarktis-Frauenroman habe ich schon im Mai diesen Jahres entworfen und eine Exposé plus 20 Romanseiten für das Berliner Autorenarbeitsstipendum eingereicht (bisher noch nichts gehört, ich rechne mit einer Absage). Vielleicht ist es ja dieser Umstand, dass ich das Konzept schon recht gut ausgearbeitet habe, was mich jetzt so hemmt – ich habe jedenfalls keine Lust, meinen „Fahrplan“ abzuarbeiten.

Also habe ich am ersten Tag einfach mit einem Brief der jungen Caroline Mikkelsen an ihre Lieblingsschwester begonnen (diese habe ich Elin genannt – übrigens ist die Webseite für dänische Vornamen die am häufigsten von mir aufgerufene – ich brauche ständig neue Namen – am zweit häufigsten suche ich nach Rezepten, denn meine Heldin nascht gerne süße Sachen und muss auch für ihre Schwiegermutter ein nordisches Fischgericht zubereiten). So beginnt der Brief: Sandefjord (Norwegen) im Sommer 1934, die 27-jährige Dänin Caroline ist frisch mit Kapitän Mikkelsen verheiratet (den sie kaum kennt und der 19 Jahre älter ist als sie) und muss sich in ihrer neuen Heimat zurecht finden.

In der Briefform ist es mir recht leicht gefallen, die Stimme dieser jungen Frau zu finden, die vertrauensvoll ihrer Schwester von ihren Gefühlen und Eindrücken erzählt (ich habe mich im Briefschreiben auch davon befreit gefühlt, „literarisch“ zu schreiben, Caroline schreibt von der Seele weg, sprunghaft, mit Zwischeneinschüben in Klammern und vielen Gedankenstrichen).

Dieses Konzept habe ich beibehalten und ich bin immer noch briefeschreibend bei Caroline, auch wenn ich mich immer wieder ermahnen muss, nicht von meinem Stil der ersten Tage abzuweichen (je länger ich schreibe, umso reflektierter drückt sich Caroline aus, ich streiche zwischendurch immer wieder zu „gehobene“ Vokabeln und Formulierungen).

In den ersten drei Tagen habe ich die Begegnung von Caroline mit der Familie Christensen beschrieben, die ihre Antarktisexpediton von 1935 beauftragen. In dieser Brieferzählung kam der Kapitän nur am Rande vor und obwohl ich Caroline mit (naiver) Bewunderung über ihn schreiben lasse, klingt doch sein herrisches Temperament durch und ich habe einen Geizkragen aus ihm gemacht (so kontrolliert er zum Beispiel Carolines Haushaltskasse).

Am Tag 4 habe ich mir überlegt, dass man so nicht nachvollziehen kann, warum Caroline diesen Mann geheiratet hat. Also bin ich zeitlich in das Jahr 1933 zurück gesprungen, nach Frederikshavn (Dänemark) und habe mich ausführlich in die Begegnung des Paares vertieft: Sie arbeitet im Büro ihres Onkels, der einen Fischgroßhandel betreibt, der Kapitän ist Zulieferer und kommt als Geschäftsparter ins Büro und so kreuzen sich ihre Wege. Dann gibt es ein erstes „Date“, außerdem taucht eine Konkurrentin in Person der Bürovorsteherin Fräulein Olsen auf.

In den letzten Tagen habe ich beschrieben, wie Caroline (mit zwiespältigen Gefühlen) die Einladung des Kapitäns auf einen Besuch in seine Heimatstadt annimmt (der seine Heiratspläne klar zu verstehen gibt, die Mutter von Caroline drängt ihre Tochter, auf das Werben des Norwegers einzugehen). Heute habe ich eine Szene begonnen, in der Caroline ihrer skeptischen Schwiegermutter in spe etwas vorkochen soll (was gründlich schief geht).

Bei alledem habe ich mich alleine von meiner Fantasie leiten lassen – die biografischen Informationen über Caroline Mikkelsen (später Mandel), die ich von ihrem Sohn und aus diversen Zeitungsartikeln gewonnen habe, sparen diese frühe Phase ihres Lebens aus.

In vielen Details fehlt es mir an historischem Wissen (z.B. wie waren die Häuser in Norwegen in den 1930er ausgestattet, wie war die Infrastruktur von Sandefjord, wie fuhren die Autos, welche Musik wurde gehört, welche kitschigen Frauenbücher wurden gelesen – meine Suche hierzu bei Google hat keine Treffer ergeben) und von der Ausstattung eines Walfängers ganz zu schweigen. Aber im Moment will ich mich davon nicht aufhalten lassen (ich schreibe einfach auf Geratewohl), die historisch korrekten Details muss ich dann in der Überarbeitungsphase einfügen bzw. berichtigen.

Ich werde nun erstmal so weiter machen und nicht versuchen, meinen Plot-Plan abzuarbeiten. Im Moment habe ich keine Lust (und keine Inspiration), zu meiner zweiten Protagonistin Jesse zu wechseln, der Journalistin in Australien, die sich im Jahr 1995 auf die Suche nach der ersten Antarktis-Betreterin macht.

Völlig klar ist, dass ich bis Ende November die Romanhandlung nicht (annähernd) zuende schreiben kann. Und den 50.000 Wörtern will ich auch nicht mehr hinterher hecheln (ich könnte es bei einem Tagespensum von ca. 2.100 Wörtern noch schaffen). Ich sage mir: 40 ist die neue 50.

Mein neues Ziel sind 40.000 Wörter (das kann ich mit dem regulären Tagespensum von 1.667 Wörtern schaffen – das ist schwer genug).

Meine ernüchternde Statistik

PS: Die 925 Wörter dieses Blog-Artikels füge ich als Autorinnenreflexion in mein Romandokument ein – diese werden gnädig für heute mitgezählt.

Hier nun zu meiner (und eurer) Aufmunterung eine kleine Leseprobe (das nächste Mal lernt ihr dann Kapitän Mikkelsen und die Schwiegermutter kennen):

Sandefjord, 10. Juni 1934

Meine liebe Elin,

du möchtest bestimmt wissen, wie es deiner Schwester in der neuen Heimat geht. Klarius hat ein solides Haus direkt am Hafen von Sandefjord für uns gekauft, es ist aus Holz und hat einen roten Anstrich und weiße Fensterrahmen. Jetzt im Sommer haben wir nur in der Küche den Ofen an, aber Klarius sagt, auch im Winter werden wir es warm haben. Wir haben uns schon gut aneinander gewöhnt.

(…)

Ich greife den Stift wieder auf und muss dir unbedingt erzählen, was ich gestern erlebt habe. Klarius und ich waren bei Familie Christensen zum Abendessen eingeladen. Wie du vielleicht weißt, ist Herrn Lars Christensen der bedeutenste Reeder in Norwegen und hier in Sandefjord die bedeuteste Person der Stadt, nicht nur für die Walfänger und Seeleute. Viele der wichtigsten Expeditonen in die Polarregionen wurden von Herrn Christensen finanziert und angeleitet. Er selbst ist erst in diesem Frühling von einer Antarktis-Expedition zurück gekehrt.

(…)

Also habe ich für den Besuch mein bestes Kleid angezogen (ein dunkelblaues Kleid mit hohem Gürtel und einem selbst gestickten weißen Kragen), auch Klarius hat sich fein gemacht und sein Sonntagsjackett angelegt. Die Christensens wohnen in einen herrschaftlichen Haus (doppelt so groß, wie unseres) oberhalb des Stadtzentrums mit einem Panoramablick auf den Hafen. Ein Hausmädchen hat uns die Tür geöffnet und in einen behaglichen Salon geführt. Ingrid Christensen kam herein, um uns Willkommen zu heißen und hat mit ihrer Persönlichkeit den ganzen Raum ausgefüllt. Sie ist eine kleine, rundliche Dame (knapp über 40 Jahre alt) mit sehr wachen hellen Augen und einem starken Kinn. Ihr Mund dominiert ihr Gesicht, denn er ist ständig in Bewegung. Ihre Lippen kräuseln sich wie die Wellen des Meeres, mal amüsiert, dann ironisch, manchmal abfällig (oder besser gesagt: ärgerlich – man sieht ihr direkt an, wenn ihr etwas nicht behagt – sie mag es zum Beispiel nicht, wenn jemand eine Bemerkung macht wie: “Das ist doch nichts für Frauen” – sie ist nämlich eine Frau, die alles kann und tut, was auch ein Mann vermag), aber am häufigsten öffnen sich ihre Lippen zu einem runden Lachen (das ihre nicht ganz geraden Zähne zeigt) und die Worte sprudeln über ihre Lippen. Sie hat eine Stimme wie eine Glocke – wenn sie spricht, hören alle zu und wer neben ihr spricht, wird übertönt. Sie kam auf mich zu wie ein Dampfschiff in voller Fahrt und hat ihre runde Wange an meine gelegt und mich in einer kräftigen Umarmung an ihren Busen gedrückt.

“Endlich lerne ich die hübsche stille Dänin besser kennen!Warum verstecken Sie Ihre Frau denn so vor uns?”, rief sie und kuffte meinem Mann in die Seite. Dass ich als still gelte – wie schon früher in der Schule – ist bestimmt keine Überraschung für dich, liebe Schwester, aber hier in meiner neuen Heimat bin ich noch fleißig dabei, Norwegisch zu lernen.

(…)

Nach dem Essen haben Herr Christensen und mein Mann sich in die Bibliothek zurück gezogen, um weitere Details der anstehenden Expedition zu planen.

Frau Christensen hat mich ins Damenzimmer gebeten – wieder ein eindruckvoller Raum, vollständig ausgelegt mit exotischen Teppichen (aus Persien und Indien) und ausgestattet mit tiefen weichen Sofas und Sesseln mit Blumenmuster und unzähligen Tischchen verschiedener Größe aus Holz mit Glasplatten, überall Blumenschmuck in verzierten Vasen. Aber neben den typisch weiblichen Elementen gab es auch viele Stücke, die auf die Reiseleidenschaft der Bewohnerin schließen lassen: Holzski und Schneestöcke hängen an der einen Wand, das weiße Fell eines Eisbären liegt vor dem Kamin und in den Glasvitrinen sind Haifischzähne und einige ausgestopfte Vögel zu sehen (zumindest die Möwe habe ich erkannt). Ein Blickfang war die wandfüllende Weltkarte – ich blieb neugierig davor stehen und Ingrid – ja meine Gastgeberin hat mir sobald wir alleine waren das “Du” angeboten und ich bin glücklich, dass wir uns nun vertrauensvoll beim Vornamen anreden – also Ingrid hat mir anhand der vielen Pinnnadeln mit farbigen Holzköpfen (für jede Reise gibt es eine andere Farbe), die in der Weltkarte steckten, die Reiserouten und Orte gezeigt, die sie schon zusammen mit ihrem Mann bereist hat.

Schon drei (!) Mal (1930, 1933 und 1934) war Ingrid mit an Bord der Thorshavn und hat als erste Frau (zusammen mit ihrer Begleiterin Mathilde Wegger, die ich auch bald kennenzulernen hoffe) die Landschaft der Antarktis mit eigenen Augen gesehen. Als wir auf dem Sofa saßen hat Ingrid mir ein Fotoalbum mit erstaunlichen Bilder dieser eisigen Landschaft gezeigt (sie selbst hat diese Fotos gemacht – auch die Kamera hat sie mir später vorgeführt). Wie niedlich diese Pinguine ausschauen! Wie kleine Oberkellner im Frack. Sie hat erzählt, diese Vögel watscheln aufrecht und sehen allzu drollig dabei aus (sie hat mir ihren Gang sogar vorgemacht und ich musste herzhaft lachen), aber sobald die Pinguine im Wasser sind, schwimmen sie mit der Eleganz von Balletttänzern.

Ich habe vor Staunen meinen Mund kaum wieder zu bekommen.

„Hattest du keine Angst vor den Gefahren des Eismeeres, so weit entfernt von der Zivilisation und jeder Hilfe?“, wollte ich wissen.

„Nein!“, hat Ingrid gerufen und ihre Lippen formten wieder das große Rund, „auf dem Schiff meines Mannes bin ich sicher. Mit einem guten Kapitän und einer ordentlichen Mannschaft muss man sich nicht fürchten. Das Schiff ist bestens erprobt und die Seeleute haben große Erfahrung im Beschiffen der Antarktis. Natürlich muss man als Frau auf an Bord auf einigen Komfort verzichten. Aber Mathilde und ich hatten warme Kajüten, auch an das Schwanken des Schiffes gewöhnt man sich nach einigen Tagen – na gut, die Seekrankheit macht einem schon zu Beginn ein wenig zu schaffen, aber das ist auszuhalten. Die Mannschaft war sehr rücksichtsvoll zu uns Damen (Herr Christensen hat ihnen das Fluchen in unserer Gegenwart verboten). Der Koch hat für uns ein extra gutes Essen bereitet. Am Abend haben wir mit den Offizieren Karten gespielt.“

Ich war besonders von einem Foto fasziniert, das Ingrid und Mathilde an Deck des Schiffes zeigt, sie tragen elegante Pelzmäntel und modische Hüte, Ingrid blickt fast kokett in die Kamera – sie sehen aus, als wären sie bereit, auf einen Ball zu gehen.

„Wir haben jeden Nachmittag einen Spaziergang an Deck gemacht und dazu unsere schönsten Pelze angezogen und Schmuck und Lippenstift aufgetragen – auch wenn die Runden entlang der Reling sehr klein waren. Die Mannschaft hat uns bestaunt. Nur weil man am untersten Ende der Welt schippert, muss man sich ja nicht gehen lassen.“ Ingrid lachte wieder aus voller Kehle, was so ansteckend und heiter klingt, dass ich mir wünschte, auch mit ihr auf Reisen gehen zu können.

„Mein Mann hat zu uns gesagt: Für die Erforschung der Antarktis braucht es Tatkraft und Kultiviertheit, wir Männer bringen das Eine und ihr Damen das Andere mit.“

„Ist es dort nicht schrecklich kalt?“, wollte ich wissen.

„Wir sind ja im arktischen Sommer gefahren, dann ist es dort sogar wärmer, als in einem harten norwegischen Winter. Außerdem kommt es auch auf die richtige Kleidung an. Das Wichtigste sind warme Handschuhe“. Ingrid sprang auf und holte ein paar Fäustlinge aus einer Truhe beim Fenster. Ich befühlte sie neugierig – die Fäustlinge waren fast so schwer wie die Boxhandschuhe von Bruder Finn, ein glattes braunes Leder umhüllt das Innere, das mit weicher Lammwolle gefüttert ist. Mir stieg ein herber Geruch in die Nase – der kommt vom Polaröl d.h. Fischtran (wie mir Ingrid verriet), mit dem das Leder regelmäßig eingerieben werden muss, damit es nicht spröde wird. Ich steckte meine rechte Hand hinein und fühlte mich gerüstet für jedes Abenteuer. Ein herrliches Gefühl!

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