Roter Faden wo bist du?

Heute ist Schreib-Stillstand. Das Finale meines Romans („Klangfarben“) schwingt auf der anderen Seite der Kluft und hält mir seinen roten Faden hin, aber ich sitze hier mit beiden Händen voller Handlungsstränge, die noch nicht fertig gestrickt sind für die Übergabe.

Bis zum Jahresende will ich fertig sein! Trommelwirbel: 31.12.2017, 23:59 Uhr. Feste Ziele haben mir jedenfalls im November im #NaNoWriMo2017 gut geholfen. Die Szenen meines bildrauschenden Finales stehen mir klar vor Augen – aber um das zu Papier zu bringen, brauche ich mindestens drei Tage – als müsste ich morgen endlich in den Zielstrang einfädeln. Ich bin ja gnädig und gestatte mir für den Epilog noch den 1.1.2018 (ein Tag ist kein Tag).

Im Dezember sind meine Figuren wie ein Hefeteig in die Höhe und die Breite aufgegangen. Jede Szene, deren Plot ich in wenigen Sätzen skizziert hatte, ist beim Schreiben aufgeblüht und hat neue Samen versprüht. Ich finde es erstaunlich, wie der Schreibprozess neue Ideen und Details zutage fördert, die mich selbst überraschen und sich wie Puzzleteile ins große Ganze einfügen.

Der Nachteil ist, dass mein Roman nun wirklich epische Ausmaße annimmt (statistisches Detail: bis dato habe ich 85.571 Wörter geschrieben). Ich habe mich schon entschieden, die Berufswelt wegzulassen und Elise und den Jungen mit der Gitarre nach der Kindheit (habe ich im November geschrieben) durch ihre Teenagerzeit zu führen und das Finale auf das Jahr 1997 zu legen (ursprünglich sollte die Geschichte im Jahr 2017 enden), wenn beide Hauptfiguren auf der Schwelle zum Erwachsensein stehen.

Am fernen Horizont sehe ich eine Fortsetzung flimmern. Genügend Anknüpfungspunkte habe ich jedenfalls dafür (Figuren-Fülle und 20 Jahre Erlebnis-Stoff, die meiner Schere zum Opfer gefallen sind).

Manche Figuren aus der Kinderwelt sind auf der Strecke geblieben (z.B. Ingo, Andreas, Rita), dafür sind neue hinzu gekommen – kürzlich ein schwarzgelockter Tangotänzer namens Fabio, der Elise umwirbt – ein Rivale für den Jüngling mit der Gitarre.

In den letzten 4 Schreib-Tagen bin ich immerhin schon ins Jahr 1995 vorgedrungen – und habe wunderbar an eigene Jugenderinnungen angeknüpft – z.B. Tanzschule und Abschlussball. Für Elise gab es romantische Verwicklungen und für Philipp einen roten Porsche ohne Führerschein.

Hier eine tintenfrische Leseprobe von gestern:

Warnung: Philipp (16 Jahre alt) drückt sich gerne sehr direkt, man könnte sagen „derb“,  aus.

Kapitel 42: Wiederholungen

Philipp schob das nasse Herbstlaub mit dem Besen auf einen Haufen und richtete sich auf. Scheiße, was für eine Arbeit! Seine Fingerspitzen in den Arbeitshandschuhen mit dicken Innennähten waren ganz taub vor Kälte. An diesem Donnerstagmorgen verirrte sich kein vernünftiger Mensch auf den Friedhof. Im Nebel leuchteten die roten Kerzen von Allerheiligen wie Teufelsaugen und machten sich über Philipp lustig. In diesem Teil vom Friedhof waren die neuen Gräber mit angeberischen Marmorsteinen, Engeln und Marienfiguren. Eigentlich fegte er lieber im alten Teil, wo die grauen Grabsteine schief standen und zerfielen, wie die Leichen, die unter ihnen lagen.

Der Jugendrichter hatte ihm 90 Sozialstunden aufgebrummt. Aber besser hier, als im Altenheim den Opas den Sabber vom Kinn zu wischen. Tot waren die Leute besser zu ertragen, als lebendig.

Drüben bei den Urnengräbern kratze sich der Pockennarbige am Arsch und steckte sich die siebte Fluppe an. Sein Laubhaufen war jämmerlich klein. Faulenzer! Immerhin trainierte Philipp hier seinen Oberkörper. Wenn er den nassen Dreckshaufen Schippe für Schippe in die Schubkarre hob, kamen ziemlich viele Kilos zusammen und Stunden auch. Mehr, als in der Muckibude. Das war ein Trost. Als er nach dem Unfall sechs Wochen sein Bein im Gips hatte, war sein Oberschenkel danach total schlapp gewesen. Das viele Rumliegen hatte ihn total angekotzt. Die Zwei-Kilo-Hanteln waren seine besten Kumpels geworden. Als der Gips abkam, hatte er Oberarme wie Popeye der Seemann nach einer Überdosis Spinat.

Johnny hatte ihn kein einziges Mal im Krankenhaus besucht. Malte drei Mal und Torsten jeden zweiten Tag. Silva war jeden Tag da gewesen. Mit geschmuggelten Süßigkeiten und seinen Schulaufgaben. Alles für die Tonne! Mit seiner Versetzung in die 10. Klasse hatte es nicht geklappt. Wie er die Schule hasste! Noch mehr hasste er Wiederholungen. Sinnlose Wiederholungen. Wieder dieselben Seiten der Schulbücher durchackern. Er kam einfach nicht von der Stelle im Leben. Vor und zurück, vor und zurück, vor und zurück.

Jetzt grinste der Pockennarbige zu ihm rüber und machte irgendwelche Zeichen. Er wollte ihm bestimmt wieder was zum Kiffen verkaufen. Der Minigangster war mit dem Jugendrichter bestens bekannt. Er war 19 Jahre alt, aber so verblödet, dass er immer noch als „Heranwachsender“ galt. Er dealte und klaute alten Omas ihre Geldbörsen.

„Du musst dem Richter immer sagen, dass es dir schrecklich leid tut. Dann hab ich noch ein Foto von der Frühgeburt von meiner Freundin gezeigt, da hat der Richter feuchte Augen gekriegt. Der Staatsanwalt war echt pissig, dass ich nicht in den Knast musste.“

Philipp hatte keinen Bock auf die Nachhilfe vom Minigangster. Der Kiesweg in seinem Gang war jetzt blätterfrei. Den dicken Haufen würde er später mit der Schubkarre abholen. Philipp klemmte sich den Besen unter den Arm und ging in den Grufti-Teil vom Friedhof. Hier standen ganz dicke, alte Bäume. Also auch viele Blätter am Boden. Aber hier hatte er wenigstens seine Ruhe. Keine roten Kerzen. Um die Skelette trauerte keiner mehr.

„Bin ich froh, dass du nicht gestorben bist“, hatte Silva ihm schniefend gesagt, als sie ihn am ersten Morgen im Krankenhaus besucht hatte.

„Das hast du ja toll hingekriegt“, bekam er von seiner Mutter zu hören.

„Jetzt haben wir für die nächsten zehn Jahre Schulden am Hals. Die Haftpflicht zahlt nicht bei einer Straftat. Der Porsche, den du verschrottet hast, kostet fast 30.000 Mark! Ich werde deinen Vater verklagen, dann muss er die Hälfte bezahlen. Das arbeitest du alles wieder ab, damit das gleich klar ist.“

Führerschein und Motorrad konnte er vergessen. Stattdessen kehr und schipp, schipp und kehr, kehr und schipp.

„Es wird Zeit, dass du realistische Berufspläne fasst“, hatte sein Vater am Telefon gesagt. Wenn er die Mittler Reife nicht schaffte, blieben aber nur Scheißjobs übrig. Er wollte nicht Müllmann werden. Tonne voll und Tonne leer. Tonne voll und Tonne leer. Tonne voll und Tonne leer.

Da hing er lieber noch ein Jahr in der Schule herum. Wieder eine neue Klasse. Er war zwei Jahre älter, als die meisten. Die gingen ihm alle am Arsch vorbei. Er brauchte keine neuen Freunde. Er würde Bobybuilder und Fitnesstrainer werden. Vielleicht in Hollywood. Letztens hatte er „Conan“ im Fernsehen gesehen. Wenn man nur genug Muskeln hatte, konnte man berühmt werden. Jede Menge Kohle schaufeln und die heißesten Weiber warfen sich einem an den Hals.

Philipp lächelte. Er schaufelte nasse Blätter und stellte sich vor, es wären Geldscheine. Geld ins Haus und aus dem Fenster raus. Geld ins Haus und aus dem Fenster raus. Geld ins Haus und aus dem Fenster raus.

Etwas raschelte hinter ihm und Philipp zuckte zusammen. Unter dem Laubbett bei dem schiefen Grabstein bewegte sich etwas. Er hielt ganz still und starrte auf das Wogen der Blätter. Seine Nackenhaare stellten sich auf. Gleich würde eine Skeletthand hervor kommen und ihn am Knöchel packen. Da löste sich ein dunkler Schatten aus dem Grab – und flitzte unter eine Hecke. Philipp stieß die Luft aus seinen Lungen. Gut, dass er nicht wie ein Mädchen gequiekt hatte. War das eine Ratte gewesen? Nee, mit so einem buschigen Schwanz wohl eher eine Katze oder irgend ein anderes Vieh.

Die Inschrift auf dem rissigen Grabstein war vor lauter Moos kaum zu erkennen:

„Franz…1879-1895“ – oder so ähnlich. Er rechnete. Der Junge war also mit 16 Jahren gestorben. Er guckte noch mal hin. Irgendwas war komisch. Er schüttelte den Kopf und begann wieder zu fegen. Halt! 1979 war sein Geburtsjahr. Und jetzt war 1995. Das könnte er selbst sein, der unter diesem Moderhaufen liegt. Nur 100 Jahr früher. Jetzt wurde es ihm aber wirklich unheimlich.

Er hörte ein Glöckchen klingeln. Philipp war erleichtert. Es war der Bucklige mit der Glocke an seinem Gürtel. Man hörte ihn immer schon von Weitem. Der Alte mit dem runzeligen Gesicht kam gebückt hinter einer Hecke hervor und kicherte.

„Hat dich der Marder erschreckt?“, fragte der Glockenmann und zeigte seine letzten vier Zähne, als er breit lächelte. Philipp zuckte mit den Achseln.

„Hier in den Wäldern gibt es noch einige Wildtiere. Auch Wölfe. Aber die kommen nur in den Teil vom Friedhof, wo noch Fleisch an den Knochen ist.“

Philipp merkte, wie sich sein Mund blöde öffnete. Jetzt lachte der Alte ganz laut und das Glöckchen an seinem Gürtel bimmelte mit. Aber irgendwie war Philipp nicht sauer darüber.

„Frühstückszeit“, sagte der Totengräber.

„Komm mit.“ (…)

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Tja, und heute hänge ich durch. Werde mir gleich eine große Kanne roten (= Leitmotiv) Yogi-Tee mit schwarzem Pfeffer kochen – der macht meinen Fingern und meiner Fantasie hoffentlich ein bisschen Feuer. Meine beste Schreibphase habe ich eh zwischen abends Acht und Mitternacht. Der heutige Tag ist also noch nicht verloren…

Würde mich sehr über euren Ansporn auf den letzten Metern freuen!

NACHTRAG (31.12.2017):

Schneckentempo statt Galopp – mein Körper hat schmerzhaften Protest gegen meinen Roman-Endspurt eingelegt, so dass ich seit gestern in eine langsame Gangart gewechselt bin. Vielleicht wollen meine Figuren sich auch nicht ins Finale peitschen lassen, wenn sie noch nicht bereit sind.

Heute dürfen sich meine Hauptfiguren am Silvesterabend 96 auf ihr anstehendes Schicksalsjahr einstimmen – bin echt gespannt, was Philipp beim Bleigießen so anstellen wird…

Mal sehen, vielleicht trägt mich die mythische Zeit der Rauhnächte ja bis zum 6. Januar 2018 über die Ziellinie.

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Mias Blog-Adventkalender 2017 – Türchen 8

Herzlich Willkommen bei der Fortsetzungsgeschichte von Mias Wortgeschenk-Adventskalender. Im Folgenden stammt alles kursiv Gedruckte von meinen Vorgängerinnen, der letzte Absatz von mir. Viel Spaß beim Lesen und eine schöne Adventszeit wünsche ich euch!

Sie lag auf dem Rücken im warmen Wasser des Außenbeckens im Solebad. Sie spürte das Wasser, das sie trug und blickte entspannt in den Nachthimmel. Der Mond erzählte ihr die Geschichte des Tages. Seine Sicht war eine völlig andere als ihre. Seine Geschichte gefiel ihr besser und als er geendet hatte, sah sie, wie etwas vom Mond herunter direkt neben ihr ins Wasser plumpste.

Es glitzerte wunderschön und ohne nachzudenken, streckte sie die Hand aus, um es zu erhaschen. Aber sie war zu langsam, hatte wohl doch einen Moment gezögert. Das Ding rutschte zwischen ihren Fingern hindurch und sank auf den Boden des gekachelten Schwimmbades. Da lag es nun. Ein schwaches Leuchten drang zu ihr herauf. Wie sollte sie an das Ding herankommen. Wenn sie eines hasste, dann war es das Untertauchen. Schon allein die Vorstellung, mit dem Gesicht unter Wasser zu müssen, jagte ihr trotz der Wärme des Solewassers eine Gänsehaut über den Rücken.

An Entspannung war nun nicht mehr zu denken. Wie sollte sie an das matt leuchtende Etwas herankommen, das zu packen sie um Haaresbreite verfehlt hatte? Sie schaute sich suchend um, als gäbe es irgendwo im Außen eine Lösung zu entdecken. Bei aller Anspannung zwang sie sich zur Ruhe und schloss noch einmal die Augen; da fiel ihr ein, wie es gehen könnte.

Sie dachte an Erik, den Bademeister, der ihr vor zehn Jahren in genau diesem Schwimmbad zum ersten Mal begegnet war – einen verträumten jungen Mann mit kurzen, glatt gekämmten dunklen Haaren, stets mit einem Buch vor der Nase, der sie erstaunt und an Paul Celan erinnert hatte. Damals saß er am Beckenrand auf einem dieser weißen Plastikstühle, die auch ein Solebad seinen Aufpassern zur Verfügung stellte und las in einem zerfledderten Taschenbuch, offensichtlich absorbiert von der Geschichte aus einer anderen Welt. Zunächst hatte sie sich nicht getraut, ihn anzusprechen, denn es schien ihr, als säße er inmitten einer Glocke aus flirrenden und tanzenden #Satzfragmenten, die sie nicht zu durchbrechen wagte. Doch ihr war der Lieblingsring ihrer Großtante beim Schwimmen abhanden gekommen, das kostbarste Etwas, das sie besaß und sie hatte Angst gehabt, danach zu tauchen. „Entschuldigen Sie, bitte, aber ich habe etwas sehr Wertvolles im Becken verloren, könnten Sie mir vielleicht bei der Suche behilflich sein?

Erik schüttelte sich kurz, blickte sie mit verklärten Augen an, zögerte danach keine Sekunde und sprang.

Natürlich war kein Erik in der Nähe. Bestimmt war er längst seinen Träumen hinterhergereist. Als sie sich hilfesuchend umschaute, vermieden die anderen Gäste jeglichen Blickkontakt. Und die aufsichtführende Bademeisterin war gerade mit einigen Kindern beschäftigt, die albernd und viel zu schnell über die glatten Kacheln geflitzt waren. Ihre Super-Idee verflüchtigte sich im Nebel des salzigen Wasserdampfes.

Sie sah mit nachdenklichem Blick über die erneut von Sprudeldüsen in Bewegung gebrachte Wasserfläche, da kam ihr just das Ende eines Gedichtes in den Sinn. Verfasst von dem Lyriker Celan, an den sie damals Erik erinnert hatte.

… ein Wort zu dem du herabbrennst‘. Aus ‚Feuer und Wasser‘. Das konnte kein Zufall sein.

Oder doch? Es war jetzt keine Zeit, um lange nachzudenken, schon gar nicht über dieses Gedicht, das sie seit jenem Morgen begleitet, als es eine Mitschülerin vor dem Unterricht an die Tafel schrieb. Obwohl, dieses Gedicht…, konnte es ihr gerade jetzt nützlich sein? Sie blickte auf das leuchtende Ding unter Wasser und dann lächelnd hoch zu ihrem heimlichen Verbündeten, dem Mond. Plötzlich wusste sie, was zu tun war.

Natürlich war es riskant, ihren Posten zu verlassen. Aber sie musste etwas riskieren, wenn sie erfahren wollte, wenn sie überhaupt eine Chance haben wollte zu erfahren, was da auf dem Schwimmbadboden glitzerte. Betont lässig schwamm sie zum Glastunnel, der das Außen- mit dem Innenbecken verband, lächelte dem alten Herrn zu, der ihr entgegenkam. Mit fünf Stößen durchquerte sie den Tunnel und kletterte gleich am ersten Ausstieg aus dem Wasser. Sie lief zu ihrer Liege, streifte sich noch tropfnass ihren roten Bademantel über und kramte in ihrer Tasche.

Ihre Hand umfasste die Taucherbrille, die sie seit Jahren in ihrer Bademanteltasche trug, obwohl sie niemals tauchte. Sie schob die getönten Kunststofflinsen über ihre Augen und das Gummiband kniff in ihren Hinterkopf. Nun sah ihr die Welt in weichen Grüntönen entgegen, eine Welt, in der sie ihren Bademantel wieder abstreifen und zurück ins Außenbecken schwimmen konnte und ihr Gesicht wieder dem lockenden Leuchten vom Beckengrund zuneigte. Doch niemals würde sie es über sich bringen, ihren Kopf unter Wasser zu tauchen. Da sauste ein grün glühender Pfeil aus den Weiten des Sternenzelts herab und landete zischend im Wasser neben ihr und nun kam planschend das Köpfchen seines kleinen Passagiers an die Oberfläche.

สวัสดีตอนค่ำ“, sagte das Universalpferdchen mit heller Stimme,  „ich heiße Wunschwort – und wer bist du?“

>> Wie es weiter geht, erfahrt ihr morgen hinter Türchen 9 bei Urs.

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Am Tag 30 + 1 im National Novel Writing Month

Geschafft! Gestern Abend um 22:14 Uhr habe ich mich mit 57.336 Wörtern (laut der Zählung meines Schreibprogramms, 101 Seiten in Arial 11p, einzeilig) über die Ziellinie geschrieben. Okay, nach dem word count auf der NaNoWriMo-Website sind es seltsamerweise nur 56.634 Wörter – vielleicht habe ich einen ungünstigen Wechselkurs bekommen, import tax oder lost in translation? Egal, was sind schon 702 Wörter between friends?

Ein bisschen Statistik, wo wir noch bei Zahlen sind: Ich habe an 28 Tagen geschrieben (am 24. und 25. November nicht, weil ich Seminar an der Uni hatte) mit einem Durchschnitt von 1.911 Wörtern pro Tag. Die 50.000 Wörter-Nuss hatte ich schon am Montag, 27. November geknackt.

Hinter der Ziellinie wurde ich begrüßt von einem überschwänglichen Gratulationstext und einem ziemlich albernen Video:

You, wonderful author, spent this past November unleashing your creative powers, fighting back inner editors, and teaming up with thousands of writers around the world. We’re incredibly proud to welcome you to the NaNoWriMo winner’s hall.

Congratulations on your superheroic achievement!

Auch eine Siegerurkunde habe ich bekommen (ein bisschen wie bei den Bundesjugendspielen): NaNo-2017-Winner-Certificate_UA

Stand meiner Geschichte: Meine Protagonistin Elise und der Junge mit der Gitarre treffen auf dem Turm des Ulmer Münster zusammen (ist übrigens der höchste Kirchturm der Welt, ich bin selbst schon oben gewesen – schwindelerregend) und blicken auf einen unsichtbaren Horizont. Das ist weder der Höhepunkt, noch das Finale meiner Geschichte. Also: Weiterschreiben!

Aus meinem November-Marathon ist ein Dezember-Duathlon geworden. Heute mache ich Ruhepause und werde ab morgen jeden zweiten Tag (also an den „geraden“ Tagen) schreiben. Mein Ziel ist es, an Weihnachten fertig zu sein (spätestens an Silvester). Die ungeraden Tage widme ich der Philosophie (ein Essay für mein Studium wartet darauf, geschrieben zu werden, stöhn!).

Bin heute nicht wirklich in Feierlaune – na gut, ich stoße nachher mit einem Kräutertee an – weil mein Roman noch nicht fertig ist. Bin aber trotzdem stolz auf meinen bisherigen Weg, weil ich es in den ersten Tagen nicht für möglich gehalten habe, dieses Schreibpensum und die Kreativität aufrecht erhalten zu können. Disziplin war an jedem Tag nötig, aber ich habe mich im Laufe der Zeit an die Anstrengung gewöhnt – das nennt man wohl Trainingseffekt.

Schon erstaunlich, welche Wirkung eine zahlenmäßige Zielvorgabe und ein gewisser sportlicher Ehrgeiz haben. In den zwei Tagen, nachdem ich das Soll von 50.000 Wörtern erfüllt hatte, hat sich mein word count fast halbiert und ich bin nur über knapp 1.000 Wörter pro Tag gekommen.

Das lag aber nicht an mangelnder Motivation, sondern daran, dass ich ohne den falschen Renn-Hasen vor der Nase nicht mehr nach vorne geprescht bin, sondern mich umgeschaut und rückwärts geschrieben habe. Von der Pflicht in die Kür gewechselt, habe ich angefangen, in früheren Kapitel stilistisch herum zu doktern, Namen von Charakteren zu ändern usw.

Aber diese kleine Ruhepause war auch nötig, um den Überblick in meiner zunehmend komplexen Geschichte zu bewahren. Ein paar „goofs“ habe ich nämlich schon eingebaut (aber diese Anschlussfehler und Inkonsistenzen werde ich erst in der späteren Überarbeitung ausbügeln).

In meinem Dokument „Schlüsselmomente“ (zu Beginn war es 1 Seite lang mit 14 Stichpunkten zu Szenen – jetzt hat es 11 Seiten) habe ich ein Personenregister eingefügt (es hatte mich genervt, während des Schreibens in früheren Kapiteln nach den Namen von Nebenfiguren zu suchen, die ich nicht mehr wusste) und eine zeitliche Chronologie der Geschehnisse erstellt (in welchem Jahr ist Elise wie alt, in welche Klasse geht sie, welche Jahreszeit haben wir). Dieses Planungs-Dokument war auch eine willkommene Schleife auf einen Rastplatz, wenn ich gerade in meiner Geschichte im Stau stand – dann habe ich z.B. eine Tabelle mit meinen erfundenen Groschenromantiteln erstellt, die Elises Großtanten lesen – linke Spalte Liebeskitsch, rechte Spalte Gruselspuk (da fällt mir kaum was ein). Mein Favorit ist übrigens: „Prinz Eisenherz und die Waffelmagd“.

Auch für weitere Figuren aus der „Welt des Immerwährenden Klanges“ habe ich mir sprechende Namen ausgedacht (und mehrfach geändert). Es gibt z.B. Meister Pino (Hommage an Pinocchio), Altmeisterin Legis (sie hält an Gesetzen und Traditionen fest) und Meister Dion (er ist in musikalischer Mission mit seinem Gesellen oft in Las Vegas unterwegs und wird vom menschlichen Rausch angesteckt, hat Visionen von einem Feuervogel, was für die Bauminsel infernalische Folgen haben wird).

Diese andere Welt hat in der letzten Woche eine Verwandlung in meinem Kopf durchgemacht. Zu Beginn hatte ich sie als eine utopische Welt vor Augen, in der das Volk der Holzspieler auf ihrer Insel der Bäume in einem Universum schwebt und im Einklang mit der Musik und der Natur lebt. Aber je mehr ich aus der Sicht des Jungen mit der Gitarre diese Welt erkundet habe, ist er mit seinen Neugier und seinem Wissensdurst an Begrenzungen gestoßen und begehrt gegen den kulturellen Separatismus seines Volkes auf. Diese Insel ist keine heile Welt mehr.

In einem der nächsten Kapitel werde ich eine Szene schreiben, in der der Junge mit der Gitarre Samen roter Blumen von der Erde auf seine Insel bringt (weil es dort nur grüne und braune Farben/Pflanzen gibt) und damit eine Eskalation innerhalb seiner restriktiven Gemeinschaft auslöst.

Übrigens habe ich mir an meinen „lahmen“ Tagen Montag und Dienstag Zeit für Recherche genommen und ein tolles Video zum Gitarrenbau ansehen (Hannabach Meistergitarren – ich bewundere solche Handwerkskunst!), damit ich besser beschreiben kann, wenn mein Junge seine Gitarre baut (bisher hat er immer nur vage gehobelt und gefeilt, aber nun kann ich detaillierter werden).

Also, der Fahrplan für den Dezember steht und in meinem Kopf ist das Finale schon farbenprächtig aufgereiht – jetzt muss ich es nur noch zu Papier bringen. Ich freue mich darauf!

Leseprobe:

Auch auf der Erde und in der Kinderwelt kann es durchaus höllisch werden: Elise ist in letzter Minute zur Geburtstagsfeier einer Mitschülerin eingeladen (Dez. 88, Elise ist in der 4. Klasse). Danach geht es auf Klassenfahrt nach Ulm.

Ich hoffe, ihr habt Spaß beim Lesen!

Tag 26: Lügen, Party und Magie

(…) Am Sonntag stand Elise pünktlich um 15 Uhr vor der Tür von Lauras Haus und klingelte. Lauras Familie wohnte in einem kleinen Einfamilienhaus mit Garten in der „Vogelsiedlung“, genauer gesagt im Lerchenweg. Elise hielt das Geschenk mit dem Pferderoman über Fanny und ihr siegreiches Pony in der Hand. Hedda hatte es in Geschenkpapier eingepackt – eine bange Viertelstunde lang hatten sie zahllose Schubladen und Schranktüren auf der Suche nach Nicht-Weihnachtspapier durchsucht, bis sie ein neutrales weiß-goldenes Papier gefunden hatten. Christa hatte das Paket noch mit einer eleganten weißen Schleife versehen. Die Tür wurde von Lauras Mutter geöffnet.

„Oh, komm doch herein“, rief Lauras Mutter und verharrte einen Moment lang in einer Maske des Staunens, in der ihre pink bemalten Lippen ein rundes „O“ formten und ihre schmal gezupften Augenbrauen einen hohen Bogen über blau getuschte Augen spannten.

„Du bist Elise, niet waar“, sagte Lauras Mutter nun triumphierend und schüttelte ihre platinblonden Korkenzieherlocken. Elise musste dankbar sein, dass diese Frau überhaupt ihren Namen kannte. Schließlich war sie noch nie bei Laura eingeladen gewesen und auch heute nur Geburtstagsgast von der Ersatzbank.

Elise wurde durch den mit Luftschlagen und Luftballons dekorierten Flur geführt, die Mutter hängte Elises Jacke an einen der Garderobenhaken, wo nur zwei andere Kinderjacken hingen – die von Rita erkannte sie sofort. Im Wohnzimmer saß Laura auf dem Sofa mit Rita und sie blätterten in einer Bravo Girl und kicherten.

„Hallo“, sagte Laura abwesend in Elises Richtung. Lauras Mutter nahm das Geschenkpaket aus Elises Hand und legte es auf den Wohnzimmertisch, wo schon drei andere, viel größere Pakete lagen.

„Ach, das ist aber schön eingepackt“, flötete die Mutter. Dann verschwand sie durch einen rauschenden Lamettavorhang in die angrenzende Küche. Dort hörte Elise das abgehackte Klackern ihrer Stöckelschuhe auf dem Linoleumboden. Wieder säuselte das Lametta und die Gastgeberin kam mit einem sprudelnden Glas Limonade in der Hand zurück, das sie vor Elise auf den Wohnzimmertisch stellte. Elise setzte sich auf den Teppichboden vor das Glas.

Dann klingelte es in rascher Folge noch drei Mal. Katrin und Nicole aus ihrer Klasse kamen dazu. Zuletzt kam Lauras Mutter mit einem Geschenk, aber ohne Gastkind herein.

„Nina hat heute morgen Fieber bekommen. Sie muss leider zuhause bleiben. Ihre Mutter hat aber das Geschenk vorbei gebracht.“

„Oh, wie schade“, rief Laura aus. Man hätte meinen können, Nina sei ihre allerbeste Freundin.

„Oh, wie schade, dass Nina nicht kommen konnte“, wiederholte sie auch bestimmt ein Dutzend Mal im Laufe des Nachmittags. Elise hatte jedes Mal das Gefühl, das sei ein Vorwurf gegen sie. Elise war eben ein schlechter Ersatz für die eigentlichen Wunschgäste. Und als Freundin von Nina war sie vielleicht auch irgendwie verantwortlich für die herbe Enttäuschung ihres Fehlens.

Sie aßen Kuchen. Laura Mutter hatte einen großen Zitronenkuchen mit Himbeerfüllung in der Form vom „Pink Panther“ gebacken, der von rosa und weißem Zuckerguss überzogen war und die Comic-Katze perfekt nachbildete, einschließlich zweier gelber Augen aus Wackelpudding und einer schwarzen Pralinennase und Schnurrbarthaaren aus Lakritzstangen.

Elise sprach kein Wort und aß zum Ausgleich drei große Kuchenstücke, die sich mit dem süßen Sprudelgetränk in ihrem Magen aufrührerisch verbanden.

Dann packte Laura ihre Geschenke aus und freute sich überschwänglich über alle Gaben. Über alle bis auf eine.

„Ein Buch“, rief sie aus. Sie konnte nicht so gut schauspielern wie ihre Mutter, deshalb klang ihre Überraschung nicht sehr überzeugend. Von Freude konnte jedenfalls keine Rede sein.

„Wenn man so schlau wie Elise werden will, muss man viel lesen. Niet waar, Laura“, sagte Lauras Mutter. Rita nahm das Buch in die Hand und las von der Rückseite vor:

„Für Kinder ab 6 Jahren“, dann kicherte sie. Das Buch blieb auf dem Boden liegen, begraben unter dem zerknüllten Geschenkpapier.

Der Hauptprogrammpunkt der Feier war ihre eigene „Mini Playback Show“. Das war nämlich Lauras Lieblingssendung. Ihre Mutter hatte viele selbstgenähte Kostüme für die kleinen Gäste bereit gelegt und sie schauten sich erst ein Video aus Holland an – die Mutter von Laura war nämlich Holländerin und deshalb schauten sie auch Fernsehen aus Holland. Danach spielten die Mädchen die Show nach. Alle wollten Madonna oder Cyndi Lauper sein. Elise kannte diese Sängerinnen nicht, weil bei ihr zu Hause fast nie fern geschaut oder Radio gehört wurde.

„Was hörst du den so für Musik“, fragte Lauras Mutter Elise.

„Was auf den Schallplatten von meinen Großtanten ist“, sagte Elise. Von den beiden Peters (Krause und Alexander) hatten die anderen Mädchen noch nie gehört.

Rita zog das Kostüm von „Like a Virgin“ an – sie hatte als Einzige schon den richtigen Busen dafür und schien auch eine vage Ahnung davon zu haben, worum es bei dem Lied ging.

Elise weigerte sich, bei dem Spiel mitzumachen. Rita versuchte hartnäckig, sie zu überreden:

„Du solltest wirklich mal versuchen, ein schönes Kleid anziehen. Das kann dir nur gut tun.“

Als die Mädchen fertig geprobt hatten, kam der Vater von Laura dazu und filmte sie. Lauras Mutter übernahm die Rolle der Moderatorin Marijke.

Wann war es endlich 18 Uhr? Elise schaute während des Nachmittags fast minütlich auf die Digitalanzeige des Videorecorders. Um zwei Minuten und 13 Sekunden nach 18 Uhr klingelte es an der Haustür. Elise sprang auf und stürmte in den Flur und zog ihre Daunenjacke an. Verwundert kam Lauras Mutter hinter ihr her und öffnete die Haustür. Christa sprach ein paar Worte mit der Mutter.

„Laura, sag Tschüss zu Elise“, rief diese ins Wohnzimmer. Es wurde plötzlich ganz still im Wohnzimmer, dann kam Laura dicht gefolgt von Rita heraus.

„Aber auf der Einladung steht doch bis 19 Uhr, wir essen gleich noch Würstchen und Pommes“, rief Laura mit theatralischer Enttäuschung.

Lauras Mutter reichte Christa noch den Mini-Playback-Show-Preis – sie hatte für jedes Kind eine Kaffeedose mit selbstgebackenen Keksen gefüllt und die Dose im Pink-Panther-Look mit einem rosafarbenen Fellstoff beklebt. Christa lobte die aufwendige Arbeit und bedankte sich.

„Wieso kriegt Elise jetzt auch einen Preis? Sie hat doch gar nicht mitgespielt“, sagte Katrin aus dem Hintergrund. Dann schloss sich die Haustür.

Elise saß auf dem Beifahrersitz und der Sicherheitsgurt drückte ihr schrecklich auf den Magen. Sie fuhren durch den Finkenweg und ihr Blick fiel auf das Haus, in dem Philipp mit seiner Familie gewohnt hatte. Alle Rollläden waren herunter gelassen. Das Haus war verlassen.

Kurz bevor sie zuhause ankamen, musste Christa am Seitenstreifen anhalten, damit Elise sich in den Straßengraben übergeben konnte. (…)

Tag 28: Klassenfahrt ins astronomische Ulm

Es war die erste Woche im Juni 1989. Elise hatte alle Tests mit Auszeichnung bestanden und ihre Gymnasiumsempfehlung bekommen. Aber die schwerste Prüfung stand ihr noch bevor: Die Klassenfahrt mit ihrer 4. Klasse zum Abschied und als Höhepunkt ihrer gemeinsamen Grundschulzeit.

Am Donnerstagmorgen saßen sie seit 7 Uhr früh im Bus des Reisebüros Sonnenschein, für das die Mutter von Ingo seit kurzem als Fahrerin arbeitete. (…) Der Bus war nicht so groß wie die Linienbusse, mit denen Elise und die anderen Kinder sonst in die Schule fuhren. Elise zählte 30 Sitze in ihrem Reisebus. In der 4c waren sie jetzt 19 Kinder. Zum Glück hatte sich Nina neben Elise gesetzt. Simone, das große Mädchen mit der dicken Brille, das im letzten Schuljahr sitzen geblieben war und neu in ihre Klasse gekommen war, saß alleine. Rita und Laura waren natürlich zusammen und tuschelten wie üblich.

Ingo und Andreas saßen nebeneinander in der Mitte vom Bus. Andreas hatte einen Stapel Pumuckl Hefte und Ottifanten Comics dabei und schon um 9 Uhr zwei Tüten Cola-Gummibärchen leer gefuttert. Er hatte Schluckauf. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, sich weiße Socken anzuziehen und wie Otto Waalkes – der sich über Michael Jackson lustig machte – im Gang des Busses zu tanzen und auf dem Boden herum zu rollen. Frau Steinbeck schnallte Andreas schließlich neben sich auf dem Sitz in der ersten Reihe an. (…)

Gegen 14 Uhr bog der Bus auf den Parkplatz der Jugendherberge ein. Es war ein dreistöckiges, rechteckiges Gebäude mit symmetrischen Fenstern, das wie eine Schule aussah. Im Eingangsbereich roch es verschwitzt wie in einer Turnhalle und der Herbergsvater mit preußischem Kaiserschnauzer und Glatze führte die Neuankömmlinge in den 2. Stock. Am hinteren Ende eines langen Flurs mit grauem Krankenhauslinoleum lagen ihre fünf 4-er-Zimmer mit metallenen Stockbetten. Es gab ein großes Bad mit Waschbecken und gemauerten Duschkabinen (nur eine einzige davon war durch einen Plastikvorhang geziert) und gegenüber ein ähnliches (jedoch mehr nach Urin riechendes) Bad für die Jungs. Die Zimmer für die Lehrpersonen war eine Etage höher. Frau Steinbeck würde sich mit Ingos Mutter ein Zimmer teilen.

Während Frau Steinbeck noch den ersten Eindruck verarbeitete, der um Einiges vom Prospekt abwich, stürmten die Schüler bereits in die Zimmer.

„Das ist mein Bett“, schrie André

„He, ich will oben liegen“, schrie Dennis noch lauter und stieß Ingo zur Seite.

Rita und Laura suchten sich zielstrebig das hübscheste Zimmer aus, Katrin und Nicole durften ihnen Gesellschaft leisten.

Elise landete mit Nina und der großen Simone im Zimmer ohne Gardinen mit Blick auf die Straße. Das 4. Bett in ihrem Zimmer blieb leer. Elise war das nur recht. Sie breitete ihren Schlafsack und ihr Kuschelkopfkissen auf der Matratze im unteren Stock aus, Nina schlief lieber oben. Ihre Reisetasche stellte sie in den schmalen Metallspind, der so verzogen war, dass die Tür nicht richtig zu ging.

Um 15 Uhr trafen sie sich alle im großen Speisesaal im Erdgeschoss. Hier waren lange Tische mit Holzbänken davor aufgereiht. Gegenüber der Fenster streckte sich eine lange Metalltheke mit herunter gelassenem Rollo, hinter dem die Küche lag. Die Fensterfront zeigte auf den Garten des Hauses. Hier wuchs gelbliches Gras in der Junisonne. Ein Schaukelgerüst ohne Schaukeln und ein kleines asphaltiertes Basketballfeld mit Körben ohne Netz boten Spielmöglichkeiten für phantasievolle Kinder.

Die Herbergsmutter begrüßte Frau Steinbeck mit festem Händedruck. Sie war eine stämmige Frau, die eine weiße Kochmütze und eine Plastikschürze trug. Auf ihrem üppigen, beschürzten Busen prangte das Bild eines rosa Schweinchens mit Ringelschwanz, das von einem Metzgermesser gejagt wurde. Sie öffnete nun den Deckel eines riesigen Topfes und tunkte eine Kelle hinein. Dann lüpfte sie ein kariertes Küchentuch von einem flachen Korb mit Weißmehlbrötchen, als präsentiere sie einen Zaubertrick.

„Hier steht der Schwäbische Eintopf. Jeder kann sich ein Weckle dazu nehmen. Aber nur eins, gell!“, sagte die Herbergsmutter mit befehlsgewohnter Stimme.

Die Kinder stellten sich in einer Reihe an, nahmen sich einen Suppenteller und die Herbergsmutter füllte ihnen auf. Zwei Kellen pro Teller. Elise musste an die Suppenszene aus Oliver Twist denken. Im Eintopf schwammen dicke Linsen und vereinzelt auch Spätzle. Einige Kinder entdeckten sogar Stücke unterschiedlicher Würstchen in ihrem Teller. Mit Salz hatte die Köchin jedenfalls nicht gespart.

„Die Spätzle sind bestimmt von gestern Mittag“, bemerkte Frau Steinbeck.

Aus einem Getränkeautomat konnten sich die Kinder ein Orangensaftkonzentrat ziehen, das man mit Wasser mischen musste. Andreas trank es pur und bekam schon wieder Schluckauf.

Zum Nachtisch ließ die Herbergsmutter einen kleinen Korb mit abgezählten Mini-Raider-Riegeln herum gehen.

„Jeder nur eine Packung, dann habt ihr trotzdem zwei “, sagte sie und war beleidigt, als keiner über ihren spitzfindigen Witz lachte.

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