BiU-topia nach Ende der großen Koalition?

Graue (oder besser gesagt: braune) Stimmung am Montag nach der Wahl. Jetzt ist es Nachmittag und ich gehe nach meinen Sonnenblumen schauen – denn immerhin werden sie bald vom Plakatschatten befreit. Ich denke daran, ein Schild zu ihrem Schutz mit der Bitte um Rücksichtnahme aufzustellen.

Beim Gießen am 18.09.2017

Ich biege um die Kurve und traue meinen Augen nicht: Gähnende Leere auf dem Rondell – das Riesenplakat ist schon weg!

Heute

Ich eile näher – und atme auf – die duldsamen Blumen stehen noch. Allerdings hat es schon wieder die 2 armen Randsteher mit größter Nähe zum Aufsteller getroffen – trotz unübersehbarer Stütze durch zwei Stöcke sind sie von den Plakatabbauern (ob externe Firma oder CDU-ler weiß ich nicht) rücksichtslos niedergetrampelt.

Aber das kennen sie ja schon. Und sie sind wahre Stehauf-Blumen. Ich bohre die Stützstöcke wieder in den sandigen Boden, richte die langen Zarthälse auf und befestige sie mit Grasband an ihren hölzernen Partnern.

Bei meiner 1. Hilfestellung am 10.09.2017
Zu Zeiten der „Großen Koalition“

Die eine Niedergetretene hat nach meiner Aufstehhilfe noch ein geneigtes Köpfchen, aber das wird schon wieder.

Trotz Schatten und kühler Witterung haben die Sonnenblumen in den letzten Wochen einige Knospen hervorgebracht. Selbst die Kleinsten unter ihnen streben ihrer Bestimmung zu.

Die Größte ist mir schon über den Kopf gewachsen.

Die Älteste zeigt schon fast ihr schönes gelbes Blütenkleid.

Jetzt, wo ihre unfreiwillige große Koalition mit dem CDU-Vertreter und mit den Cannabis-Aktivisten in der Opposition beendet ist, kommen sie wieder in den Genuss der Morgen- und Mittagssonne und weniger Fußverkehr.

Wenn ich mir das Rondell so anschaue, sieht es halb wie ein Kuchendiagramm aus. Die Machtverhältnisse und Sitzverteilung in diesem Parlament scheint sich zugunsten der Sonnenblumen verbessert zu haben. Nur wer wird den frei geräumten Raum des Plakats einnehmen? An dieser Stelle kann jetzt jedes („alternative“) Kraut wuchern…

Aber im tiefsten Herzen bin ich doch eine Träumerin und möchte das Rondell – jetzt wo es vom Polit-Schatten befreit ist – umwidmen in eine utopische Insel. Eine Insel der Fantasie.

Mir kommen die Textzeilen aus einer meiner Lieblingsopern – „Don Quichotte“ von Jules Massenet – in den Sinn: Im Sterben liegend macht Don Quijote seinem treuen Gefährten Sancho Panza ein besonderes Geschenk. Zu Beginn ihrer gemeinsamen Reise und ihrer Abenteuer hatte Don Quijote seinem Begleiter als Belohnung eine eigene Insel versprochen.

DON QUICHOTTE
richtet sich mit übermenschlicher Anstrengung auf
Ja! ich war der erste derer, die Gutes säten!
Ich habe für das Recht gekämpft,
ich habe einen guten Krieg geführt!
er fällt zurück… ringt nach Luft
Ach! Sancho…
Sancho, ich habe dir einst
grüne Hügel, Burgen versprochen,
sogar eine blühende Insel…

SANCHO
Es war nur ein Inselchen,
was ich haben wollte!

DON QUICHOTTE
Nimm deine Insel,
denn es liegt immer noch in meiner Macht,
sie dir zu schenken!
Tiefblaue Wellen brechen sich an ihren Ufern,
sie ist schön, freundlich…
und es ist die Insel der Träume!

DON QUICHOTTE
„Prends cette île qu’il est toujours en mon pouvoir
De te donner!
Un flot azuré bat ses grèves…
Elle est belle, plaisante? et c’est l’île des Rêves!

Und hier ein kleiner Eindruck mit Bild und Ton (Ferruccio Furlanetto als Don Quichotte).

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Folge 5: Prinzessinnengärten – Kartoffeln sind aus, Touristen sind in

STANDORT UND BODENVERHÄLTNISSE

Ich steige aus der U-Bahn die Stufen hoch zum Moritzplatz in Kreuzberg und freue mich schon auf ein lauschiges Gartenerlebnis zwischen Grünzeug und mit leckeren Kartoffel-Gerichten. In den Prinzessinnengärten soll es heute ein Kartoffelfest geben, über facebook haben sie dazu eingeladen.

Zu launenhafter Nachmittagssonne dröhnt mir Techno-Musik entgegen, Polizeiautos, Absperrungen und ja, eine Demo mit Fußläufern und Wagen. Irgend eine politische Botschaft steht auf ihren Bannern, aber hauptsächlich scheint mir die Gruppe für hemmungslosen Lärm zu demonstrieren.

Zum Glück sind es vom U-Bahn-Ausstieg nur wenige Schritte auf der Prinzenstraße und ich kann mich durch die pinke Türöffnung eines umwucherten Rapunzel-Zauns in die Grünoase retten.

PROBIEREN GEHT ÜBER PIKIEREN

Ja, auch hier brummt das Leben. Jede Menge Neugierige spazieren auf den Schotterwegen zwischen den hölzernen Hochbeeten, bunten Bäckerkisten, Metallwannen und Erdsäcken der mobilen Gartenanlage entlang.

Der urbane Gemeinschaftsgarten steht jedem offen. Ein breiter Weg führt in den Garten hinein. Am Wegesrand sitzt eine ältere Dame und bietet antiquarische Gartenbücher an.

Überall wächst Grünzeug, alles ordentlich beschriftet. Schilder weisen zum „Shop“ und Tafeln informieren über zahlreiche Veranstaltungen – auf Deutsch und auf Englisch. Als nächstes gibt es bestimmt noch einen Audio-Guide.

Im Zentrum der Anlage stehen hölzerne Unterstände, die Infostand und Shop zugleich sind. Hier kann man Saatgut und Jungpflanzen kaufen, aber auch T-Shirts mit „Prinzessinnengärten“-Aufdruck. Zwei junge Leute sitzen dort und erklären gerade einem Touristen-Ehepaar kurz etwas zur Historie des Gartens (er besteht seit 2009).

Gegenüber vom Shop steht ein weiterer Unterstand, hier gibt es ein Tauschregal für Bücher. Ein Flohmarkt findet regelmäßig hier statt und Führungen durch den Garten gibt es auch.

Aber wo sind hier bitte die Kartoffeln? Ich schaue mich um und schnuppere in die Luft, finde aber keine Spur. Für das Kartoffelfest bin ich wohl zu spät dran.

Ich gehe weiter und stoße auf den Biergarten. In Containern werden Getränke und kleine Speisen gereicht, es gibt einen Toilettenwagen und daneben einen Zigarettenautomaten, der in einen Zukunftsautomaten umfunktioniert wurde  – man kann hier ein „revolutionäres Wachsgießset“ ziehen. Später stoße ich noch auf einen (defekten) Fotoautomaten.

Der Biergarten ist gut besucht, fast jeder Tisch besetzt. Hier kann man sicherlich nett sitzen, aber alleine macht mir das keinen Spaß. Also gehe ich weiter und schaue mir die Beete in den seitlichen Wegen genauer an.

Alles sieht schön bunt und alternativ aus. Gießkannen und Komposthaufen zeugen vom gärtnerischen Leben.

Das Gemüse wächst munter in den Hochbeeten. Nur Gärtner sehe ich keine. Auf den Täfelchen lese ich: „Do you want to harvest us? Please ask at the info-container“.

Also gehe ich zurück zum Shop im Zentrum. Dort lese ich wieder auf einer Tafel, welche Produkte zurzeit zum Verkauf stehen. Ich frage nach Mangold, aber bekomme die knappe Antwort, dass ich erst morgen bei der Führung etwas kaufen könne. Enttäuscht ziehe ich davon.

In einem anderen Teil des Gartens sehe ich die „Staudengärtnerei von Matthias“ und eine verlassene Spielanlage für Kinder.

Die bunte Beschaulichkeit kann ich jedoch nicht richtig genießen, da die Demo-Parade immer noch im Schneckentempo am Zaun vorbei marschiert und die Bässe meine Magenwände zum flattern bringen.

BLICKFANG

Eine große Anziehungskraft hat die Laube, ein Holzgerüst mit zwei Etagen. Neben einer still hängenden Schaukel finde ich ein Schild, das in Bild und Schrift über den Bau der Laube informiert (Eigenproduktion von Freiwilligen).

Zusammen mit emsigen Besuchern stampfe ich die Holzstufen hinauf. Hier hat man einen schönen Panoramablick – der ★★★★★ von mir bekommt.

Auf der obersten Terrasse sitzt eine Gruppe junger Leute auf Plastikstühlen in ein Gespräch vertieft, eine Schar von Bierflaschen zu ihren Füßen. Das ist doch mal Berlin, denke ich. Dachterrassen waren gestern.

Ein Mann mit rötlichem Vollbart und einer Blockflöte erzählt von seiner musikalischen Reise. Er hat sich das Flötenspiel selbst beigebracht. Auf eine Hörprobe warte ich jedoch vergebens.

Ich stehe daneben und komme mir ein bisschen wie eine Soziologin vor, es fehlen nur noch Klemmbrett und Fragebogen. Auch hier finde ich keinen menschlichen Anschluss oder Gesprächspartner. Ich mache verstohlen ein Foto und steige wieder hinab.

So öffentlich und belebt wie sich mir die Gartenanlage darbietet – mit seiner Gastronomie und Vermarktung – scheint er mir gleichermaßen seelenlos und anonym. Die Beete kommen mir fast wie eine Kulisse vor, die nur dem Ambiente dient. Ich wäre gerne mit einer Gärtnerin oder einem Gärtner ins Gespräch gekommen – aber dafür hätte ich wohl eine Führung besuchen müssen.

Zur falschen Zeit am richtigen Ort?

LITERARISCHE ERNTE

„Doch wie der Garten mit dem Plan, wächst der Plan mit dem Garten.“

Berthold Brecht

AM WEGESRAND

Selbst die Mülltonnen sind originell gestaltet – ich lerne etwas über Lebensmittelverschwendung.

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Duell ohne TV: Cannabis vs. Sonnenblumen

Kaum lasse ich meine Schützlinge ein paar Tage alleine, werden sie mit Füßen getreten.

Heute sehe ich das Schlachtfeld vor mir – ein Dutzend der kräftigen Sonnenblumen liegt am Boden, ihre Stiele sind gebrochen – gut die Hälfte der Familie ist zerstört. Ihre überlebenden Schwestern schwanken mit hängenden Blättern im Wind.

Zwei liegende Blumen richte ich vorsichtig auf – ihre Stiele sind noch intakt – und lehne sie an ihre Gefährtinnen an. Ich hoffen, sie erholen sich wieder.

Was hat sich hier am Wochenende abgespielt? Während am Sonntag Merkel und Schulz im TV-Duell in Berlin-Adlershof Plattitüden austauschen, geht es in direkter Nachbarschaft in Karlshorst hand- bzw. fußfest zur Sache – was für ein Duell hat sich hier abgespielt?

No fake fact ist: Mittwochnacht sehe ich einige CDU-Wahlhelfer mit Leitern und Karren an den Laternen beim S-Bahnhof Karlshorst ihre Plakate aufhängen. Ich überlege noch, ob ich sie wegen meiner Sonnenblumen ansprechen und um Vorsicht bitten soll. Leider tue ich es nicht. Auch auf dem Rondell tauschen sie jedenfalls das Plakat ihres Kandidaten aus.

Ob das Fußvolk der Partei hierbei schon den Schaden angerichtet hat, kann meine forensische Analyse nicht beantworten.

Aber die jetzt blinden Augen des Kandidaten geben mir einen Hinweis – die weißen Flecken im Plakat deuten auf Vandalismus hin.

Im Gras direkt unter dem Plakat entdecke ich zerknüllte rote Aufkleber, zwei davon noch ganz gut intakt: Um ein Cannabis-Blatt kreist ein Schriftzug mit der Parole „GET UP & STAND UP * FOR YOUR RIGHTS“.

Gleiche Rechte für Sonnenblumen für aufrechten Stand und natürliches Wachstum scheinen die Pro-Cannabis-Aktivisten jedenfalls nicht zu gewähren!

Im Duell zwischen den Cannabis-Jüngern und den CDU-Anhängern um die Plakathoheit sind die Planzen vor dem Aufsteller jedenfalls rücksichtslos zertrampelt worden.

Wo bleibt der Sinn für Schönheit und der Respekt vor der Natur?

Die Niedergestreckten gebe ich der Erde zurück.

Eine werdende Blüte habe ich mit nach Hause genommen und in ein Intensiv-Wasserbett gelegt. Vielleicht überlebt sie…

Die verbleibenden Sonnenblumen im Plakatschatten brauchen eine schützende Kraft. Eine von ihnen – nicht die größte, aber die älteste – hat schon eine Knospe hervorgebracht. Ich hoffe, ich werde sie noch erblühen sehen!

Geknickte Grüße aus dem sonnenlosen Sonnenblumenrefugium

Meine Schützlinge und ich – zu besseren Zeiten (29.08.2017)
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