VERMISST

Vermisst (kurz für: „so ein Mist“?)

Mein Notebook ist seit heute morgen ohne „ “. Verloren over night. Jetzt denkt ihr vielleicht: nicht so schlimm, mit „e,i,o,u“ ist immer noch genug Wörterfülle möglich. Dies ist keine Not. Vielleicht schon Tugend.

Ich ber ntworte euch: lle Buchstben des lphbets bruche ich, knn nicht lssen von Voklen!

Wohin bist du nur usgebüchst? uf der Tsttur finde ich nur noch deine Fssde, dhinter ghnt der bgrund. Prgmtiker könnten mir sgen: usweichen knn ich uf copy+pste. ber ich will keine Kopie us der Konserve. Mich verlngt es nch dem Originl!

Oder soll ich die Herusforderung nnehmen?

In der Bücherwelt gibt es Wortkünstler, die zum linguistisches und stilistisches Experiment ein komplettes Buch ohne ein einziges „e“ schrieben. So zum Beispiel Georges Perec in:

„nton Voyls Fortgng“ (frz. „L Disprtion“, ds Verschwinden, 1969).

Wieso sollte Perec nicht mein Vorbild werden? Ich ziehe zur Seine und werde Oulipo-tin!

In meiner Schriftstellerei könnte ich den Schluss meiner Geschichte ebenso ohne „ “ schreiben. Elise und Philipp kommen ohne diesen Letter hin. Nur der Junge müsste seine Gitrre hergeben.

In förmlicher Korrespondenz könnte ich die Gender-Diskussion befeuern:

„Sehr geehrte Herrinnen und Herren“

Ist dies Fortschritt oder Rückschritt in Dingen der Gleichberechtigung?

„Mit freundlichen Grüßen“ komme ich nicht in die Bredouille.

Wenn es um die Liebe geht, könnte ich noch ein „oh“ für ein „ h“ vorgeben.

Sgt mir doch und gebt mir Rt: Soll ich ein utoren-Leben ohne „ “ wgen oder kpitulieren und die Tsttur meines Notebooks reprieren lssen?

Heimlich erhoffe ich die wunderliche Wiederkehr meines kleinen Weltenbummlers.

Suche ebenso in der non-virtuellen Welt

Ich widme dem flüchtigen „ “ dieses Gedicht:

ufrichtiger ppell

Sh dich gestern bend noch

wrst d wie lle Tge

dnn km die Ncht

usgegngen ohne bschied

uf Wnderschft ohne Gepck

m Tge wrd mir bnge

hst gr eine uswrtige ffre

mit einem nderen Lptop

du bist donis und phrodite

unter den Voklen

dein Mngel ist gr rg

Truertg im Jnur

lusche uf mein nliegen

kmst du doch nch Huse

uf Hnden trg ich dich fortn

Treu besten Wissens und Gewissens von Erinnerung gezeichnet
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100.000 Wörter und ein episches Finale in Sichtweite

Gestern Nacht habe ich in meinem Roman das Hunderttausendste Wort geschrieben! Ein guter Grund für mich, kurz inne zu halten und stolz zu sein auf die reiche Welt und Figuren, die ich seit dem 1. November 2017 erschaffen habe. Klar ist mir auch, dass eine Zahl nichts über Qualität aussagt, aber den miesepetrigen Zweifler schicke ich mal vor die Tür.

Von meiner Krise in der ersten Januarwoche habe ich mich erholt. Darüber zu schreiben hat mir sehr geholfen, ebenso wie die einfühlsamen Rückmeldungen von vielen von euch.

Seit dem 9. Januar schreibe ich nun weiter – aber ohne Fristendruck und mit mehr innerer Ruhe und Gelassenheit. Zwischendurch erledige ich anstehende Schreibaufgabe für mein Studium (das beruhigt mein Pflichtgefühl und macht im Übrigen auch Spaß) und mache auch mal Ruhetage. Ein Kapitel, das ich im November an einem Tag geschrieben hätte, dauert heutzutage eben drei Tage.

Das unbeschwerte voran Preschen aus dem November kann ich nicht wieder zurück holen. Aber auch das ist eine wichtige Erkenntnis für mich: Die Anfangsphase eines Romans ist eben ganz anders, als die Schlussphase. Ich schreibe langsamer und denke mehr über die Handlungs- und Figurenentwickung nach, weil ich das schon Entstandene schlüssig zusammen fügen möchte. Jetzt bewerte ich meine Bedächtigkeit nicht mehr als Manko, sondern akzeptiere sie als neue Phase. Damit fühle ich mich jetzt entspannter.

In der letzten Woche bin ich in das dramatische Finale des Jungen mit der Gitarre auf seiner Bauminsel in der Welt des Immerwährenden Klanges eingestiegen. Dort führen Regelzwang und Uniformität zur Rebellion des Individuums. Die Antagonistin des Jungen ist Altmeisterin Legis, deren Prinzipientreue gnadenlos ist. Die Eskalation findet zunächst in Wortgefechten statt und mündet dann in eine actionreiche Flucht des Jungen auf einem Schneevogel von seiner Insel (das werde ich in den nächsten Tagen schreiben).

Zwischen all dieser Dramatik brauchte ich (und die späteren Leser*innen sind vielleicht auch dankbar dafür) eine kleine Erholungspause und einen Kontrast. So bin ich vorgestern und gestern in die Menschenwelt zu Philipp (er ist gerade 18 geworden) zurück gekehrt. Sein Alltag ist zwar weniger spektakulär, dennoch muss er lebensentscheidende Weichen passieren. Vielleicht habe ich es mit den Referenzen zur Populärkultur und dem Zeitgeschehen von 1997 ein bisschen übertrieben. Aber zensieren will ich doch erst später.

Ich muss ganz schön schmunzeln, wie sich mein fieser Feuerteufel (der Philipp als Grundschüler noch war) über die Zeit gewandelt hat. Er ist mir beim Schreiben ans Herz gewachsen und hat seine Backform des Bösewichts gesprengt. Aber aus Saulus ist kein Paulus geworden. Ich hoffe, er bleibt ambivalent.

Die Ziellinie für den Jungen mit der Gitarre ist also für mich schon sichtbar. Allerdings ist meine Geschichte dann noch nicht vollständig erzählt, denn Elise verdient noch ihr eigenes Finale. Hier habe ich nach Silvester ein Handlungsloch (mit 3 Platzhalter-Kapiteln) zurück gelassen. Diese Fäden werde ich in meinem Schreib-Finish wieder aufgreifen. Elise muss eine unmoralische Abiturprüfung bestehen. Als Gegenspielerin werde ich die neidische Mitschülerin aus der Grundschule – Rita – (die ich eigentlich schon abgeschrieben hatte) wieder aus ihrem Wort-Vakuum erwecken und in den Zickenkrieg schicken.

Jetzt aber zur Leseprobe. Ich hoffe, ihr habt Spaß beim Lesen.

Kapitel 52: Philipp – Man in Black ohne Sonnenbrille

Philipp beugte sich über den dreibeinigen Küchentisch in der Ecke unter der Dachluke und schaufelte knisternde Cornflakes in seinen Mund. Scheiße, wie er das frühe Aufstehen hasste. Er hatte schon wieder verpennt. Torsten hatte ihm extra einen Spezialwecker mit Schlummer-Taste gegeben, die leider gleich neben der Aus-Taste lag – da konnte man schon mal daneben patschen. Das Ding war fast so nervig, wie früher sein quakender Donald-Duck-Wecker. Aber jetzt, wo seine Mutter nicht mehr in sein Zimmer trampelte und den Rollladen hoch riss, war es vorbei mit der Pünktlichkeit. Torsten musste meistens noch früher aus der Kiste, als er. Jetzt war er bestimmt schon auf Arbeit.

Philipp schob sich den letzten Löffel in den Mund und Milch rann sein stoppeliges Kinn hinunter. Er wischte es mit dem Küchenhandtuch ab und ließ seine Schüssel klappernd in die Metallspüle fallen, wo noch die Bratpfanne von gestern und in einer öligen Wasserlache stand. Los ins Bad zum Rasieren. Dort hing eine Wolke von Aftershave in der Luft. Torsten übertrieb es echt mit dem Zeug. Aber als Erfolgsverkäufer im Mediamarkt musste er auf ein gepflegtes Äußeres achten. Philipp stieß mit seiner Linken das winzige Liegendfenster auf und griff mit der Rechten nach seinem elektrischen Rasierer. Peng. Das Ding knallte ins Waschbecken. Da waren schon drei Risse drinnen. Die stammten aber nicht alle von Philipp.

Gut, dass Torsten als Azubi im Mediamarkt direkt an der Quelle zu jedem Elektronikgerät saß, was man sich nur wünschen konnte. Wenn der Rasierer wieder im Eimer war, besorgte Torsten ihm einen Neuen. Auf dem Boden im Wohnzimmer standen wie in einer Militärparade ganz viele Videorekorder. Torsten testete sie alle und machte sich Notizen dabei, als würde sein Leben davon abhängen. War vielleicht auch so. Keiner verkaufte so gut wie Torsten, weil er den Kunden jedes Gerät so gut erklären konnte. „Kompetenz und Charme – das sind die zwei Standbeine für einen Mega-Media-Markt-Verkäufer“, war der Wahlspruch vom Ausbilder von Torsten. Kompetenz hatte Torsten auf jeden Fall. Für den Charme war das Parfüm verantwortlich.

Zum Glück summte der Rasierer nach ein paar Mal Mucken los. Ein glatt rasiertes Gesicht war in Philipps Job ein Muss. Mit der Mittleren Reife hatte es nicht geklappt. Scheiß der Hund drauf! Am 2. September war er endlich 18 geworden und die Welt stand ihm offen. Volljährig sein heißt auch bessere Kohle, nicht mehr die Praktikanten-Verarsche. Den Nebenjob in der Mucki-Bude würde er aber nicht aufgeben. Da zeigte er zwei Mal die Woche den Neulingen die Geräte, dafür durfte er umsonst da trainieren. Aber sein echter Job war jetzt in der Shopping-Mall von Erlangen: Als Sicherheitsmann. Seit vier Wochen arbeitete er schon da. Sieben Mal war er bisher zu spät gekommen und hatte jedes Mal einen heftigen Anschiss vom Chef bekommen.

Er war Meister im Blitzzähneputzen. Noch ein prüfender Blick in den Spiegel: Mit seinen dunkelblonden, kurzgeschorenen Haaren sah er nach no-bullshit aus. Er hatte ganz dichte Haare und würde bestimmt nicht so schnell eine Glatze bekommen. Sein Haaransatz lief als runder Bogen über seine Stirn. Sein ganzes Gesicht war rund, seine blauen Augen auch. Seine Nase war ein bisschen fleischig, so wie seine Lippen – aber die Weiber standen drauf. Selbst seine Ohren waren klein und völlig rund. Nur mit seinem Bauch musste er aufpassen, der sollte nicht auch noch rund werden. Bei seinen 1,70 Metern musste er mit breitem Nacken und Muskelarmen für Respekt sorgen. Er hätte gerne ein bisschen furchteinflößender ausgesehen. Andererseits hatte sein rundes Engelsgesicht (O-Ton Mama) ihm schon manches Mal aus der Patsche geholfen.

Jetzt schnell die schwarze Hose (mit Bügelfalte!) und das weiße Hemd (von gestern mit Knitterfalten an den Armen) anziehen und den schwarzen Schlips anlegen – der hatte hinten im Halsband einen Klettverschluss. Saupraktisch. Im Flur streifte er seine schwarze Bomberjacke über, klemmte sich eine große Colaflasche unter den Arm und knallte die Wohnungstür hinter sich ins Schloss.

Philipp rannte die fünf Stockwerke auf schwarz gelackten Schuhen runter, seine Sohlen schmatzten auf dem klebrigen PVC-Belag. Die polnische Putzfrau wischte mit einem einzigen löchrigen Lappen das ganze Treppenhaus. Es stank mal wieder nach Zwiebeln und Fahrradreifen.  (…)

Er drängelte sich auf dem Bürgersteig an den Leuten vor dem Bushäuschen vorbei und rempelte versehentlich einen Kerl an, der es ihm mit einen Stoß von hinten auf die Schulter heimzahlte. Er dreht sich nicht um. Keine Zeit für so was. Philipp sah auf seine Armbanduhr. Schon 8:13 Uhr. Seine Schicht hatte um 8 Uhr angefangen. Als er durch die Drehtür ins Einkaufszentrum kam, blies ihm das stickige Gebläse entgegen und ihm brach der Schweiß am Rücken aus. Links die Treppe runter, ins Untergeschoss, dann noch eine Treppe tiefer in den Keller. Mit seiner Chipkarte, die an einer Rollschnur an seinem Hosenbund hing, öffnete er die Personaltür.

Im Kämmerlein mit den Spinden wechselte Philipp schnell von seiner Bomberjacke in die schwarze Anzugjacke, die zu seiner Hose passte. Das Namensschild auf seiner linken Brust lautete:

„Hr. Krieger – Sicherheit“. Mit feuchten Händen drehte er die Colaflasche auf und nahm einen großen Schluck. Die Uhr über der Tür zeigte 8:31 Uhr.

„Hey, Krieger, beweg deinen Hintern in mein Büro“, hallte die Stimme vom Chef über den Flur. Philipp war mit acht quietschenden Schritten dort.

„Tut mir echt leid, Herr Habermann“, sagte er hastig „ich hatte einen Notfall in der Familie…“

„Bullshit“, schnitt ihm der Glatzkopf das Wort ab. Der Chef saß wie immer in seinem schwarzen Drehsessel, die Ärmel vom weißen Oberhemds hochgekrempelt. Seine fleischigen Hände griffen fest um die Armstützen wie ein Steuermann, der das Ruder gegen die tosenden Wellen auf Kurs hält. Auf seinen feisten, haarlosen Unterarmen klebten zwei Nikotin-Aufkleber. Er hatte schon vor zwei Jahren mit dem Rauchen aufgehört, aber dem Nikotin war er treu geblieben. Seine glänzende Kopfplatte ging in eine flache Stirn über, die rotblonden Augenbrauen und Wimpern über den winzigen wasserblauen Äuglein waren durchsichtig. Eine lange Nase bog sich bis zu einer riesigen Reihen von spitzen Oberzähnen, über die er seinen schmalen Lippen niemals schloss. Er hatte einen gewaltigen Überbiss. Sein Unterkiefer und das Kinn gingen eine Stufe tiefer in seinen dicken Hals über. Im Profil sah er aus wie ein Haifisch. Jetzt wendete der Hai-Mann seinen Kopf und Philipp konnte die roten Wutflecken aus dessen Wangen sehen. Dieses Kellerzimmer mit zwei Lichtschächten und einer großen Wand voll mit winzigen Schwarz-Weiß-Monitoren war sein Ozean.

„Ein Zwergfisch wird zum Hai, wenn das Becken nur klein genug ist“, hatte Torsten seine weise Oma zitiert.

In dieser Machtzentrale flimmerten Tag und Nacht die Bilder von den Überwachungskameras von den drei Ebenen der Shopping-Mall und den fünf Ebenen vom Parkhaus. Big Brother! Zuerst war Philipp mega beeindruckt gewesen. Aber schon am ersten Tag hatte Philipp gemerkt, dass stundenlanges Rumhocken in der Dunkelkammer auf dem Plastikstuhl, der machte, dass seine Polyesterhose ihm an den Beinen klebte, nichts für ihn war. Viel lieber ging er auf Patrouille. Weil der Hai-Mann sich nicht gerne bewegte, schickte er die neuen Jungs auf den Rundgang.

„Die Zeit hängst du heute hinten dran. Und wenn du nochmal zu spät kommst, kannst du deine Sachen packen. Bist in der Probezeit“, schnarrte der Möchtegerndiktator.

„Franzen und Poloczek sind schon los. Du übernimmst ASAP das Untergeschoss.“

Philipp nickte, steckte sich das Funkgerät an die linke Hüfte in die Gürtelhalterung und machte, dass er wegkam.

Das Untergeschoss war nicht seine Lieblingsebene. Aber er würde im Laufe des Tages schon noch auf die höheren Etagen kommen. Philipp schlenderte jetzt die rechte Ladenzeile entlang. Im Kopierladen war keiner drinnen. Das flackernde Oberlicht hatte immer noch niemand repariert. Dann kam das Reisebüro. Die Bilder von Kreuzfahrtschiffen, Stränden und Berglandschaften machten ihn irgendwie immer kribbelig. Dann kam der Kiosk mit dem gelben Lottoschild vor der Tür. Jackpot: 6,3 Millionen DM. Damit könnte er sich eine eigene Insel in der Karibik kaufen. Aber er spielte kein Lotto. Daneben der Aufsteller mit der aktuellen Bildzeitung. Endlich mal was anderes in den Schlagzeilen, als Lady Di. Wie auf’s Stichwort tönte aus den Lautsprechern mit der Dauermusik der wochenlange Charthit: „Candle in the wind“ von Elton John.

Den ganzen Sommer über hatte seine Mutter von Lady Di und ihren Badeanzügen geredet und in den Klatschblättern alle Fotos der Prinzessin mit ihrem neuen Lover angeschaut. Als Lady Di dann in den Brückenpfeiler in Paris gecrashed war, heulte sie tagelang und guckte rund um die Uhr alle Sendungen über das tragische Leben und Sterben dieser fremden Frau. Als Philipp nach seinem Unfall im Krankenhaus lag, hatte sie keine Tränen vergossen. Zur Beerdigung der „Prinzessin der Herzen“ zog seine Mutter sich schwarz an und saß schniefend vor dem Fernseher. Total übertrieben. Und jetzt auch noch dieses Schnulzenlied von Elton John, das von allen Radiosendern seit Wochen hoch und runter gespielt wurde.

Philipp kam nun am „Pfennigland“ vorbei. Aus der offenen Ladentür zogen ihm die Gerüche von Plastikschwimmflossen und den heftigen Gewürzen aus dem „1001 Nacht“-Regal in die Nase.

Jetzt kam ein neuer Beat aus den Boxen. Philipps Stimmung hob sich sofort. Es was der Titelsong von „Men in Black“. Der Film war so cool! Im Sommer hatte er ihn 15 Mal im Cineplex angeguckt. Das ging auch, weil ein Kumpel von Torsten dort Kartenabreißer war und sie über den Hintereingang rein ließ. Er konnte alle coolen Sprüche aus dem Film auswendig.

Und was noch besser war: In seinem schwarzen Anzug, mit dem weißen Hemd und dem schwarzen Jackett war er jetzt selbst ein Man in Black. Viel abgefahrener, als die stiernackigen Türsteher von der Disco, die nur schwarze Bomberjacken mit weißer „Security“-Schrift am Rücken hatten. Philipp war ein echter Sicherheitsmann! Er holte seine schwarze Sonnenbrille aus der Jacketttasche und setzte sie sich ins Haar. Über den Augen durfte er sie nicht tragen. Wegen schlechter Sicht und Image und so. Da hatte er am zweiten Tag einen üblen Anschiss vom Hai-Habermann bekommen, der ihn auf einem der winzigen schwarz-weiß Monitore in der Zentrale so entdeckt hatte. Seine Hand glitt über das Funkgerät an seinem Gürtel. Wäre das doch bloß ein Blitzgerät wie in „MIB“. Das würde er dem Hai-Mann jedes Mal vor die Augen halten, wenn er zu spät kam. Dann würde die Erinnerung daran aus dem Gedächtnis des Chefs gelöscht werden. Philipp freute sich schon auf den Tag, an dem er seinen ersten Ladendieb schnappte.

„Zeig mir die Ware oder du verlierst noch einen Kopf!“, würde er dann wie ein richtiger „Man in Black“ sagen.

Philipp bog mit beschwingtem Gang in die Kurve vor dem Supermarkt-Eingang ein. An einem der Stehtische vor der Bäckerei standen Franzen und Poloczek mit hohen Kaffeebechern aus Pappe und schoben sich zuckerstaubende Krapfen zwischen ihre Kauleisten. Von wegen auf dem Rundgang! Sie winkten ihm zu und er ging hin.

„Alles fit im Schritt?“, begrüßte ihn Poloczek.

„Ja, und selbst?“, sagte Philipp.

„Der Habermann ist vorhin zum HB-Männchen mutiert, weil du wieder zu spät warst“, sagte Franzen mit Zuckerbart und schlürfte an seinem Kaffee. Das Funkgerät an Philipps Gürtel knackte und der Hai-Mann röhrte:

„Krieger, Franzen, Poloczek – ich sehe euch alle beim Kaffeeklatsch. Rundgang ASAP!“

„Keine Macht den Drögen“, sagte Poloczek und machte das Sächsisch vom Chef nach.

„Erscheinen Sie, sonst weinen Sie!“, sagte Philipp. Das Zitat aus „MIB“ war gut für jede Lebenslage.

„Das ist der letzte Anzug, den Sie jemals tragen werden“, konterte Franzen, der „MIB“ auch ein Dutzend Mal gesehen hatten. Sie grinsten sich verschwörerisch an.

Philipp setzte seinen Rundgang fort und patrouillierte mit breitbeinigem Schritt die linke Ladenzeile entlang Richtung Hauptportal. Bis auf zwei Rentnerinnen kreuzte niemand seinen Weg. Er kam am „Fressnapf“ vorbei. Diese Woche waren 5-Kilo-Säcke Katzenstreu und gelbe Kanarienvögel (ohne Käfig) im Sonderangebot. Der Mann vom Schlüsseldienst klebte einen neuen Absatz auf einen alten Schuh, im Reformhaus summte eine Getreidemühle.

Nach der Mittagspause durfte Philipp endlich auf Ebene 1 seinen Rundgang machen. Da war die Parfümerie. Schon auf 10 Schritte Entfernung zogen ihm die süßen Düfte in die Nase. Dann kam sie in sein Sichtfeld: Ramona. Sie stand hinter der Theke, ihre langen schwarzen Haare fielen in Wellen wie in der Werbung um ihr Gesicht und ihre Schultern. Ihr dunkelroter Mund stand immer ein wenig offen. Philipp schob die schwarze Sonnenbrille auf seinem Kopf zurecht und marschierte mit MIB-Lässigkeit in die Parfümerie.

„Alles in Ordnung bei euch Ladys“, fragte er. Die zweite Verkäuferin nickte nur beiläufig in seine Richtung, aber Ramona wandte sich ihm zu und trommelte mit ihren knallrot lackierten Fingernägeln auf die Glastheke und die vielen Silberreifen um ihr Handgelenk klimperten dabei.

„Heute sind wir noch nicht überfallen worden“, sagte Ramona mit rauchiger Stimme und zwinkerte ihm mit ihren langen schwarzen Wimpern zu. Silva hätte bestimmt auf ihre typische Art gesagt: „Das sind falsche Wimpern und die hat auch zu viel braunes Make-up im Gesicht.“ Aber bei so einem südländischen Typ mit vielen Kurven passte das alles bombig zusammen. Philipp vergaß seine Coolness und lächelte mit allen seinen Zähnen zurück.

„Wie war das Wochenende?“, wagte er sich vor.

„Ich war feiern. In München auf dem Oktoberfest“, sagte Ramona.

„Wow!“, sagte Philipp.

„Meine kleine Schwester will da nächstes Wochenende auch hin.“ Das war das erste, was ihm einfiel. Jetzt dachte sie bestimmt, er wäre ein braver Stubenhocker. Dabei ging er doch auch oft feiern. Und wie!

„Fährst du mit, um sie zu beschützen?“, fragte Ramona, zog ihre schwarzen Augenbrauenbögen in die Höhe und schob neckisch ihre runde Hüfte vor. Okay, die Großer-Bruder-Masche kam bei den Weibern wohl doch gut an.

„Klar“, behauptete er.

„Hat sie schon ein Dirndl“, fragte Ramona.

„Heute will sie hier eins kaufen“, sagte Philipp.

„Bestimmt im „H&M“. Da habe ich meins auch her“, sagte Ramona.  In einem Dirndl sah sie bestimmt mega geil aus.

„Äh, ja“. Philipp merkte, wie ihm der Schweiß auf der Oberlippe ausbrach.

„Ich muss dann wieder“, sagte er mit all der Wichtigkeit seiner Stellung, tippte mit seinem rechten Zeigefinger grüßend an seine Schläfe, so wie es coole Cops in den Filmen machten, und ging breitbeinig raus. Seine Knie fühlten sich wie Wackelpudding an. Das nächste Mal müsste er es irgendwie schaffen, sich mit ihr zu verabreden. (…)

Der Nachmittag nahm kein Ende. Jetzt war er wieder im Untergeschoss eingesetzt. Vorbei am Karibikplakat, 1001-Gewürzen, Krapfen, Kanarienvögeln, Schuhsohlen, Haferschleim in braunen Gasflaschen. Sein Funkgerät knackte und rauschte, dann schepperte die Stimme vom Hai-Mann daraus:

„Krieger, da liegt wieder der Penner mit den vielen Tüten im Treppenhaus zum Parkdeck 1. Schmeiß den Kerl raus. ASAP!“

Philipp ging zum Treppenhaus und stieg die Stufen runter. Er hatte keine Lust, sich mit dem Penner abzugeben. Noch bevor er um die Ecke kam, drang ihm der Geruch von ungewaschenem Kerl und Bierfürzen in die Nase. Auf dem Treppenabsatz saß der Penner mit ausgestreckten Beinen strumpfsockig – der Dicke Zeh guckte schwarz aus einem Loch hervor – auf einem Pappkarton an die Wand gelehnt. Seine abgewetzten Plastiktüten hatte er um sich herum stehen wie die Befestigung eines Forts. Er blätterte in einem abgegriffenen Buch, vorne drauf war Donald Duck, wie er in einen Berg von Goldstücken sprang. Die Deckenkamera war genau auf das Lager gerichtet.

„Hey, Alter“, sagte Philipp.

„Der Chef sagt, du musst hier weg.“

Der Penner guckte kurz zu ihm hoch, brabbelte dann was in seinen zotteligen Bart und las weiter. Philipp sah kleine Insekten im Bart von dem Mann herum krabbeln und ihm wurde schlecht. Dann fiel sein Blick auf das Sweatshirt vom Penner: Auf verblasstem Schwarz prangte in rissigem Rot „KIT“ – das Traumauto seiner Kindheit. Philipp merkte, wie sich seine Mundwinkel in ein Lächeln hoben. Philipp zögerte. Sein Blick wanderte zwischen der Kamera und dem gescheiterten Knight Rider hin und her. Dann ging er eine Etage tiefer, durch die „Personal“-Tür in den Versorgungsgang und holte eine Trittleiter aus dem Wandschrank vom Hausmeister.

Zurück beim Penner stellte Philipp das Hilfsmittel im toten Winkel unter die Kamera, stieg auf und dreht die Kamera in eine andere Richtung. Der Alte klatschte in die Hände.

Philipp fühlte sich gut. Der Hai musste ja nicht alles sehen. Und Mitarbeiter des Monats wollte Philipp eh nicht werden.

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Die verkleidete Angst

Dies wird keine Erfolgsmeldung. Aller Anfang ist schwer? Nein! Alles Ende ist schwer! Seit mehr als einer Woche hat sich der Innere Kritiker in mir breit gemacht, unter dessen Gewand sich die nackte Angst verbirgt.

Mein Romanabenteuer, das ich am 1. November 2017 mit spielerischem Eifer begonnen habe, hat seine Leichtigkeit völlig verloren. Stattdessen hat sich ein Mantel von drückendem Ernst darüber ausbreitet. Wo ist bloß meine Unbeschwertheit im Schreiben geblieben?

Wenn ich meinen Blog-Eintrag von letzter Woche lese, überkommt mich eine Beklemmung – mit Leistungsdruck und Abgabefrist habe ich versucht, meine inneren Warnsysteme zu übertönen.

Ich wollte mein Traumprojekt so gerne bis zum Jahresende abschließen. Mein Pflichtgefühl und das schlechte Gewissen haben schon in Dezember mächtig an mir genagt, weil ich alle meine Energie für das Romanschreiben eingesetzt und meine Arbeiten für das Studium ziemlich vernachlässigt habe. Ab Januar – so mein Deal mit mir selbst – werde ich dann richtig Gas geben und alles nachholen.

Jetzt ist es Januar, mein Roman ist noch nicht fertig und Panik steigt in mir auf. Nachts liege ich wach und in meinem Kopf kreist die Liste von überwältigenden Aufgaben, die ich irgendwie in eine Reihenfolge bringen muss, um sie frist- und anforderungsgerecht abzuarbeiten. So wie vor nicht allzu langer Zeit in meinem letzten Job, wo meine ersten Gedanken morgens beim Aufwachen und die letzten Abends vor dem (Nicht-) Einschlafen (und fast alle Gedanken zwischendurch) der schier erdrückenden Last von Arbeitsaufträgen galten. Aus diesem Teufelskreis hatte ich mich doch eigentlich befreit.

Die Leichtfüßigkeit hat mich auch im Studium verlassen. In die spielerische Entdeckungsfreude vom Anfang hat sich nun im 3. Semester etwas Schweres eingeschlichen: Der Zweifel. Der Zweifel, ob ich den vielfältigen Anforderungen gewachsen bin. Bald schon sollen wir uns ein Thema für unsere Masterarbeit aussuchen und ich habe noch nicht den Hauch eines Ansatzes von einer Ahnung, was das für mich sein soll. Auch mein Praxisvorhaben bereitet mir Sorge, denn für mein theoretisches Konzept der Schreibspaziergänge habe ich noch keine Umsetzungsmöglichkeit gefunden – bei den Volkshochschulen bin ich an verschlossenen Türen abgeprallt und wie ich sonst eine Gruppe schreibwilliger Menschen in Berlin finden soll, steht wie eine Steilwand vor mir und mir fehlt die Kletterausrüstung. Vielleicht muss ich auf die schreibpädagogische Betreuung einer Einzelperson zurückgreifen – das erscheint mir eher möglich.

Aber zurück zu meinem Roman – meinem Traumprojekt und meiner Zukunftsperspektive. Was ist in den letzten Wochen passiert? Warum hat sich der Innere Kritiker lautstark zu Wort gemeldet?

Passenderweise ist es eine Studiumsaufgabe für den Januar, einen schriftlichen Dialog mit meinem „Inneren Zensor“ zu führen (oder „Erlauber“, wie ich gerade beim Blick in den Modulübungsplan sehe, aber diese Variante habe ich offenbar ausgeblendet). Ich hätte nicht gedacht, dass mich dieser Dialog nicht nur akademisch, sondern mit akuter Dringlichkeit erfassen wird. Es ist höchste Zeit, dass ich meinen Dämon zum Gespräch bitte. Ich hoffe, bei näherem Kennenlernen verliere ich meine Furcht vor ihm.

Warum hat erst das Roman-Finale meinen Peiniger auf den Plan gerufen? Zu Beginn meines Schreibprojekts im Rahmen des „NaNoWriMo2017“ ging es darum, jeden Tag eine bestimmte Wörteranzahl zu Papier zu bringen. Das hat mich große Disziplin und auch einige Anstrengung gekostet – und trotzdem habe ich beim Schreiben eine rauschhafte Erfüllung erlebt. Denn die Quantitatsvorgabe war für mich gleichzeitig eine Freistellung von Qualitätsansprüchen. Eine Erlaubnis, einfach drauflos zu schreiben – nach Lust und Laune ohne festes Inhaltsziel. Die innere kritische Stimme („sei perfekt“ ist ihr Credo) hatte Urlaub. So konnte ich mich genüsslich frei schreiben, gerne auch mal ausschweifend über alle Früchtesorten im Marmeladenvorrat meiner Protagonistin Elise. Auf diese Art habe ich jeden Tag ein Kapitel geschrieben, mit dem ich rundum zufrieden war, und habe meine Figuren und Handlungsstränge leichthändig entwickelt. Daraus ist eine lebendige und farbenfrohe Fülle entstanden.

Dann kam der Dezember. Meinen Vorsatz, nur jeden zweiten Tag zu schreiben, habe ich nach Erledigung meiner Pflichtaufgabe (Entwurf von Philosophie-Essay) schnell aufgegeben und wieder täglich geschrieben – wenn auch mit weniger Worten, dafür mit Korrekturschleifen. Das war die Zeit für das große und verfrühte Comeback meines Inneren Kritikers. Nun sitzt er auf meiner Schulter und raunt mir unaufhörlich ins Ohr. Die Handlung ist komplex, die Figuren buhlen in großer Zahl um meine Aufmerksamkeit. Mein Plot-Planungsdokument wird täglich detaillierter. Der Countdown zum Jahresende tickte mit jedem Tag lauter.

Nach meinem ersten Strauchler am letzten Donnerstag habe ich mich am Freitag mit großer Kraftanstrengung noch zu 2.500 Worten gezwungen – wobei jetzt jedes Wort vom Kritikermeister abgewogen und mit einem Qualitätsurteil versehen wird. Dann hat mich am Samstag eine Schmerzwelle überspült und untergetaucht – was mich jedoch nicht davon abgehalten hat, an diesem Tag und am Silvesterabend noch jeweils über 1.000 Wörter zu Papier zu bringen. Die Silvesternacht mit der Böller-Hölle in Berlin bis 5 Uhr in die Früh hat mir dann den Rest gegeben und am 1. Januar habe ich endlich den Widerstand gegen meine mentale und körperliche Erschöpfung aufgegeben. Ich habe mir einen außerplanmäßigen Ruhetag zugebilligt.

Welcher peitscheschwingende Sklaventreiber bringt mich soweit? Wo früher im Berufsleben ein Vorgesetzter und Kollegen Leistungsdruck auf mich ausgeübt haben, habe ich diese Rolle nun freiwillig dem Inneren Kritiker übergeben.

Ganz planmäßig habe ich mir dann am 2. und 3. Januar 2018 einen Belohnungsausflug nach Dresden gegönnt. Zum Glück schon fest gebucht, denn eine penible Stimme in meinem Kopf hat mir vorgehalten, dass ich mir ohne Romanfinale die Belohnung eigentlich gar nicht verdient hätte. Auf den Schwingen der berauschenden Musik von Korngolds „Die Tote Stadt“ konnte ich für kurze Zeit in andere Sphären entschweben.

Zurück in Berlin. Der Innere Kritiker entdeckt eine Staubschicht auf meinem Laptop und dem Stapel der Uni-Lehrbriefe.

Eine schlimme Nacht wartet auf mich. Der Sturm rüttelt an meinen Rollläden (nicht nur metaphorisch) und noch heftiger stürmen die Gedanken in meinem Kopf. Endlos und auswegslos sortiere ich meine Arbeitsaufträge wie Bauklötze, versuche die wackligen Türme vor dem Einsturz zu bewahren, indem ich sie umsortiere, in eine andere Form oder Konstruktion zu bringen versuche. Es werden nicht weniger. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als Schlaf. Ein Bewusstseins-Vakuum. Wenn es doch nur eine Aus-Taste für meinen Kopf gäbe!

Ich fahre das volle Geschütz gegen meinen Gedankenwirbel auf: Japanisches Heilöl brennt kalt auf meiner Stirn, ich lausche auf die Stimmen aus dem CD-Spieler vom Kleinen Prinzen, vom anarchistischen Kling-Känguru, auf die großmütterliche Stimme von Luise Reddemann, die Achtsamkeitsübungen mit mir machen will, mich zum Gepäck ablegen und zu meinem Wohlfühlort einlädt – sie alle können mich nicht retten. Vor dieser Gedanken-Kobra, die mich würgt und zu verschlingen droht!

Was sind das für Gedanken? Sie handeln von Pflicht, Disziplin, Leistung, Ordnung. Sie umklammern mich. Oder umklammere ich sie? Jene Gestalt, die ich oben den „Inneren Kritiker“ genannt habe. Diese Gestalt steckt in einem Korsett, eingeschnürt von den eigenen hohen Ansprüchen. Aber was steckt eigentlich darunter? Was würde passieren, wenn all diese Schnüre und Stricke abfallen würden? Dann würde die nackte Angst vor mir stehen! Aber diese Angst bibbert nicht davor, zu versagen oder nicht gut genug zu sein. Nein, sie schlottert vor dem Verlust des Korsetts, das sie zusammen hält – vor dem Verlust von Halt, von Kontrolle – vor dem Sturz ins Bodenlose. Die Angst ist paradox. Sie ist unlogisch. Sie ist ein Gefühl. Sie ist ein Bild.

Ich versuche, ein Bild zu finden, um meinen Sturzflug irgendwie aufzuhalten. Und dann finde ich es (um 4 Uhr nachts): Das Bild vom Himmel über den Wattewolken. Ich könnte Schweben, anstatt zu stürzen! Ich bin so erleichtert über dieses Bild, dass mir die Tränen kommen. Und mit den Tränen fließt auch ein Teil meiner Anspannung ab und ich kann endlich einschlafen.

Am Morgen beschließe ich, erst mal inne zu halten, anstatt den Düsentrieb für mein Romanfinale anzulassen.

Ich besinne mich darauf, was mein Schreiben für mich bedeutet – nämlich Freiheit. Schweben, statt stürzen. Deshalb hatte ich auch vor Monaten dieses wunderbare Himmel-Wolken-Bild für meinen Blog-Header ausgewählt. Ich hatte es ständig vor Augen und war zuletzt doch blind dafür.

Ich werde meinen Roman zu Ende schreiben. Ob ich das Finale in vier Tagen oder in vier Wochen (oh je, der Innere Kritiker steigt mit rotem Kopf an die Decke) schreibe, darauf soll es mir nicht ankommen. Ich freue mich darauf, meine Fantasie in die Lüfte zu schicken. Um die Handlungskluft kümmere ich mich erst mal nicht, sondern schreibe als nächstes die Szene, auf die ich mich schon seit Wochen freue: Mein Protagonist, der Junge mit der Gitarre, entkommt auf einem weiß-glitzernden Schneevogel von seiner Insel der Restriktionen und fliegt seiner (inneren) Freiheit entgegen.

Sobald ich das letzte Wort vom letzten Kapitel geschrieben habe, werde ich – ohne Korrekturschleife – diese 1. Fassung „ roh“ und ungeschliffen ausdrucken. Damit ich mein Werk physisch in Händen halten und umarmen kann – mit all seinen Imperfektionen, dem Überfluss an Adjektiven, den Tippfehlern.

Jetzt, wo ich das alles aufgeschrieben habe, kommen mir kurz Zweifel, ob ich diese sehr persönlichen Einblicke wirklich auf meinem Blog veröffentlichen soll. In der Welt der sozialen/digitalen Medien zeigen die meisten Menschen nur eine selektierte und retuschierte Seite ihrer Lebenswelt. Auch in meinem bisherigen Berufsleben gehörte es zum Leitbild, keine Schwäche oder Zweifel zu zeigen. Davon habe ich mich jedoch abgekehrt. Auch für die Schattenseiten darf und muss es Raum geben. So erlebe ich es schließlich auch in positiver Weise in meinem jetzigen Studium und im Austausch mit meinen Mitstudierenden.

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