Mein neues Romanprojekt führt mich von Australien über Norwegen bis zum Südpol – alles kreist um Caroline Mikkelsen – die erste Frau in der Antarktis (1935)

Gestern habe ich alle Unterlagen (Exposé und die ersten 22 Romanseiten) für das Arbeitsstipendium 2020 für Literatur des Berliner Kultursenats abgesendet – ich bewerbe mich mit meinen neusten Romanprojekt mit dem Arbeitstitel: „Das Lachen der Pinguine“.

Als kleiner Teaser hier Teil 1 meines Exposés:

Kurzinhalt

Die erste Frau, die 1935 den Südpol betritt, steht 60 Jahre lang im Schatten männlicher Heldengeschichten und ist der Welt unbekannt. Erst als 1995 eine australische Journalistin öffentlich nach ihr sucht, bricht die Norwegerin Caroline Mikkelsen ihr Schweigen und nimmt ihren rechtmäßigen Platz in der Geschichte ein. Die Spurensuche führt auf einem Walfänger durch das Eis der Antarktis bis hin zum hektischen Zeitungsbetrieb in Sydney. Wenn sich die bescheidene Südpol-Pionierin und die ehrgeizige Journalistin begegnen, prallen ihre unterschiedlichen Wertvorstellung aufeinander und beide Frauen stellen sich die Frage, ob eine Lebensleistung ohne Anerkennung einen Wert hat. Der gründlich recherchierte Roman gibt erstmalig Einblicke in die facettenreiche Biografie der Pionierin Caroline Mikkelsen und schlägt über die fiktive Figur der Journalistin eine Brücke in die Lebenswelt von Frauen in der heutigen Zeit, die sich gesellschaftlich immer noch gegenüber männlicher Dominanz behaupten müssen.

Falls ihr euch fragt, wie ich auf diesen Stoff gekommen bin:

Alles fing im April diesen Jahres an, als ich das Internet nach einem neuen Romanstoff durchforstet und „erste Frau“ in Google eingegeben habe auf der Suche nach einer historischen Persönlichkeit, die etwas Interessantes vollbracht hat, aber in der Literatur noch nicht (erschöpfend) behandelt worden ist. Meine zweite Suchidee war nach einer Hochstaplergeschichte, irgendwas mit Lebenslüge und Verheimlichen. Zuerst bin ich auf die erste Frau im Weltall (eine sowjetische Kosmonautin) gestoßen, habe einige Artikel über sie gelesen und Videos angeschaut, aber irgendwie hat es bei mir nicht „klick“ gemacht.

Als irgendwann in den Suchergebnissen die Schlagzeile auftauchte: „Lange geheim: Die erste Frau am Südpol. 1935 war Caroline Mikkelsen am Südpol – als Begleiterin ihres Mannes. Wegen ihres zweiten Mannes schwieg sie lang darüber“ war ich sofort Feuer und Flamme.

Zum einen interessiert mich der Südpol schon seit 2011, als ich eine Dokumentation zum 100. Jahrestag der Erstbetretung des Südpols gesehen habe. Das Wettrennen zwischen dem Norweger Roald Amundsen (der Sieger) und dem Engländer Robert Falcon Scott (der Zweitplatzierte, der mit seinem Leben bezahlte) ist echtes Heldendrama. Im Nachgang zur TV-Doku habe ich noch ein Sachbuch über das Wettrennen zum Südpol gelesen. Anlässlich des Jubiläums wurde sogar die Oper „Southpole“ komponiert und im Januar 2016 an der Bayerischen Staatsoper uraufgeführt (habe ich mit Faszination im TV angesehen). Außerdem mag ich Pinguine sehr gerne und habe vor Jahren den Film „Die Reise der Pinguine“ im Kino gesehen und war ganz ergriffen. Mein Bezug zur Antarktis liegt also auf der Hand.

Aber richtig hinein gezogen hat mich die Frage: Warum hat Caroline Mikkelsen 60 Jahre lang über ihr Erlebnis geschwiegen? Das berührt auch meinen zweiten Ansatz, nämlich die Sache mit der „Lebenslüge“ oder vielleicht eher ein Familiengeheimnis.

Jedenfalls habe ich dann fieberhaft das Internet nach weiteren Zeitungsartikeln abgesucht (und wenige gefunden), auch Wikipedia nach Personen und Fakten durchsucht. Eine Schlüsselfigur in der „Entdeckung“ von Caroline Mikkelsen anlässlich des 60. Jubiläums der Landung ist Diana Patterson, die Leiterin der Davis Station (eine Forschungsstation an der antarktischen Ostküste nahe der Landungsstelle der Norweger im Jahr 1935), die 1995 die Suche nach der ersten Frau in der Antarktis voran trieb. Schließlich meldete sich Caroline im November 1995 auf eine Suchanzeige in einer norwegischen Zeitung. Im Nachgang gab es einige Zeitungsinterviews mit ihr und sie wurde offizielle ins Guinness Buch der Rekorde eingetragen.

Im Mai war ich mit 4 Freundinnen und Kommilitoninnen zur Schreibwoche in Winterberg und habe mich dort ganz in die Imagination der Charaktere und des Plots auf zwei Zeitebenen vertieft und meine ersten 12 Seiten des Romans geschrieben. Ich stelle mir Caroline als bescheidene junge Frau vor, die von ihrem 20 Jahre älteren Kapitänsehemann auf die Expedition mitgenommen wurde und sich ihm (und dem männlich dominierten Heldenverständnis) unterordnete und nach der Rückkehr nicht darauf bestanden hat, die öffentliche Anerkennung für ihre Erstbetretung einzufordern. Der Kapitänsmann starb im zweiten Weltkrieg und 1944 heiratete Caroline erneut: einen Gärtner aus Tønsberg. Aus Rücksicht auf seine Gefühle schwieg sie während der Ehe über ihr Antarktiserlebenis (so vage stand es im Zeitungsartikel). Das gibt meiner Fantasie jedoch viel Stoff, um über die Charaktere der Eheleute und deren Beziehungsdynamik nachzudenken. Ich stelle mir den Gärtner Johan als schüchtern vor (das komplette Gegenteil zum ersten Ehemann), der sich im Vergleich zum Abenteurer-Kapitän minderwertig gefühlt hat, weil er seiner Frau keine exotischen Reisen ermöglichen konnte. Caroline zeigte viel Einfühlungsvermögen und Rücksichtnahme als Ehefrau, den zweiten Mann seine „Schwäche“ nicht spüren zu lassen.

Der historischen Figur stelle ich die fiktive Journalistin (die ich in Sydney ansiedele, wegen des Australien-Bezugs der Davis Station), die sich auf die Suche nach Caroline macht.

Ich habe jedoch gemerkt, dass es mich reizt, selbst auf Spurensuche nach Caroline (die 1998 im Alter von 91 Jahren gestorben ist) zu gehen, um dem Menschen näher zu kommen und an mehr biografische Informationen zu gelangen. Das Internet ist in dieser Hinsicht wirklich toll. Meine Freundin Hedda hat noch in Winterberg über ihr LinkedIn-Profil (was ich selbst nicht habe) mit Diana Patterson Kontakt aufgenommen. Die Australierin hat mir sehr freundlich und hilfsbereit zurück gemailt. Ich habe sie zur ihren Eindrücken zu Caroline aus ihrem Treffen im Jahr 1995 befragt und eine gute Beschreibung zurück bekommen.

Noch näher dran würde ich natürlich kommen, wenn ich Kontakt zu den Kindern (zumindest von einem Sohn weiß Diana) von Caroline bekommen könnte, um sie zu befragen (und auch den „Segen“ für mein Romanprojekt zu bekommen). Diana hat keine Kontaktdaten zur Familie Mandel, gibt mir jedoch den Tipp, es bei Susan Barr (vom Norwegischen Polarinstitut) zu versuchen, die seinerzeit beim Interview dabei war und schon damals den Kontakt hergestellt hatte. Im Internet finde ich sogar eine E-Mail-Adresse von Susan und schreibe sie an. Prompt bekomme ich eine sehr nette und hilfsbereite Antwort und die Adresse eines Johan Mandel (der Sohn heißt vielleicht wie der Vater) aus Tønsberg – in Norwegen findet man Personennamen, Adressen und Telefonnummern (sogar mit Satellitenbild vom Haus) online. Es handelt sich um eine Festnetznummer, so dass sms oder whatsapp ausscheiden. Also schreibe ich einen Brief an den mutmaßlichen Sohn (stelle mich vor, erkläre kurz mein Romanprojekt und frage, ob er der Sohn von Caroline sei, bitte um Rückmeldung, gebe meine Blog-Seite als Referenz und meine E-Mail-Adresse an) und schicke ihn per Post ab.

Auch die Jahrhunderte alten Kommunikationswege haben noch ihren Wert! Etwa 10 Tage später entdecke ich eine E-Mail in meinem Postfach: Johan Mandel hat mir geantwortet: In wackeligem Englisch bestätigt er, dass er der Sohn von Caroline ist und mir gerne weiter hilft. Ich bin begeistert! Ich formuliere 10 Fragen rund um Carolines Biografie – zunächst auf Englisch, dann jage ich den Text durch den Google-Translator und füge die norwegische Übersetzung bei und schreibe, Johan möge mir gerne in seiner Muttersprache antworten. Wenige Tage später bekomme ich eine freundliche und sehr interessante Antwort auf Norwegisch (tolle Sprache – langsam verstehe ich einige Wörter!) und erfahre viel Neues. Mein Bild von Caroline wird immer runder – sie war eine sehr vielseitige Frau, aus einer kinderreichen dänischen Familien stammend, mit Ausbildungszeit in Hollywood (zur Näherin), Designerin, Geschäftsfrau. Sie ist keinesfalls ein verhuschtes Mädel unter dem Kommando ihrer Ehemänner, sondern eine starke Frau, die trotzdem zeitlebens sehr bescheiden war und ihr Licht unter den Scheffel gestellt hat, um den (zweiten) Ehemann nicht in den Schatten zu stellen. Diese Widersprüche sind für meinen Roman äußerst reizvoll.

Ich habe noch eine zweite Mail an meinen norwegischen Brieffreund (der Sohn müsste in seinen 70ern sein) geschickt mit weiteren Nachfragen. Er will mir nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub darauf antworten.

Am letzten Freitag finde ich einen Umschlag mit norwegischen Briefmarken im Briefkasten und siehe da – Johan hat mir einige Zeitungsartikel und Originalfotos von der Antarktisreise geschickt! Das ist wie Weihnachten! Bin immer noch total begeistert und auch berührt über das Vertrauen.

Die norwegischen Zeitungsartikel aus 1995/96 enthalten noch viele weitere biografische Details (wie meine ersten Übersetzungen hervorgebracht haben), die ich in den nächsten Wochen auswerten werde.

Am Freitag (12. Juli) war ich von der Sendung aus Norwegen so euphorisiert, dass ich meine Schreibblockade überwinden konnte (seit Anfang Juli habe ich mich jeden Tag damit gequält, dass mir noch 5-10 Romanseiten für meine Stipendiumsbewerbung fehlen, aber ich konnte mich nicht zum Schreiben aufraffen). Zaghaft habe ich eine Szene in der Redaktion des Sydney Morning Herolds mit meiner fiktiven Journalistin Jesse entworfen, die ihren Kollegen die Antarktis-Story verkaufen will. Da ich beim Schreiben immer großen Wert auf gute Recherche lege, habe ich mich zunächst über New-Themen (Politik/Gesellschaft) aus Februar 1995 in Australien und über die Zeitungs- und Journalistenwelt in Australien informiert (welche Zeitungen gibt es, welche Journalisten und Themen haben 1994/95 den Walkley-Award – wie Pulitzer-Preis in Amerika – gewonnen?).

So konnte ich am Samstag und Sonntag doch in einen kleinen Schreibrausch kommen und habe 10 neue Seiten produziert. Neben der Redaktionssitzung (1995) auch eine Szene mit Caroline im Walfänger vor der Antarktisküste (1935).

Meine Schwester Dorit hat mir wertvolles Last-minute-Feedback gegeben (wie immer super hilfsbereit), so dass ich am Montagabend alle Texte einreichen konnte (immerhin 1 Tag vor Fristende – ich brauche scheinbar ein gewisses Maß an Termindruck, um in die Gänge zu kommen).

Drückt mir die Daumen für das Stipendium – die Chancen stehen allerdings 300 (Bewerbungen) : 17 (Stipendien) – so steht es jedenfalls im Antragsmerkblatt.

Unabhängig vom Stipendium werde ich im November im „National-Novel-Writing-Month“ (NaNoWriMo) auf jeden Fall wieder in den Roman einsteigen und (hoffentlich) eine erste Fassung schreiben. Freue mich schon darauf.

Nun möchte ich euch einen Eindruck aus meinem Romananfang geben.

Viele Spaß beim Lesen! Wie gefällt euch der Stoff und meine Umsetzung?

Prolog: Die Stimme der Antarktis

Ich liege außerhalb deiner Reichweite, in unermesslicher Entfernung – und doch streckst du deine Hand nach mir aus, willst mich berühren, deinen Fuß auf meine weiße Haut setzen, deine Fahne in meine eisigen Tiefen rammen. Mich in Besitz nehmen – für deine Nation, für deinen Ruhm, für deine Unsterblichkeit. Ich liege vor deinem Auge, so weiß, dass du blind davon wirst. So weit, dass die Distanz ihre Bedeutung verliert. Du hörst meine Stimme. Sie führt dich über das Meer. Dein Schiff bahnt sich einen Weg zwischen den Eisspalten mit ihren scharfen Kanten, die wie Säbel in deinen Bug schneiden. Du gibst nicht auf. Deine Schritte führen dich über meine Oberfläche aus Fels und Eis. Meine weiße Haut trinkt das Öl aus deinen Schlittenmotoren und das Blut deiner Hunde. Ich bewahre deine schmutzigen Spuren auf in meinen gefrorenen Kammern der Jahrhunderte, abgedeckt durch neue Schichten meiner Reinheit. Ich bleibe unberührt. Ich erneuere mich und du verlierst dich in mir. Dein Atem geht schnell, meine Atem geht im Rhythmus der Jahreszeiten, steigt auf und ab mit Licht und Dunkelheit. Die Kälte lässt meine Stimme in deinen Ohren klirren. Weiter, immer weiter zieht sie dich zu meinem Mittelpunkt, der im unsichtbaren Irgendwo liegt. Vielleicht findest du diesen Punkt, der dich zum Eroberer macht. Du willst belohnt werden für deine Entbehrungen, deine Opfer, deinen Mut. Du wirst ein Kreuz auf deiner Landkarte machen und all meinen Wölbungen einen Namen geben. Rufst du mich mit diesen Namen, bleibe ich stumm. Ich bleibe Niemandsland. Der Niemand, der bist du.

Kapitel 3: Picknick mit Pinguinen

20. Februar 1935 – Im Indischen Ozean vor der Ostküste der Antarktis

Caroline saß unter Deck in der Messe des Walfängers MS Thorshavn an einem langen Holztisch und bereitete das Picknick vor. Heute war der große Tag gekommen, an dem sie an Land gehen würden. Nun waren sie schon seit drei Wochen auf See und Caroline hatte sich an das ständige Schwanken gewöhnt. Die Qualen der ersten Tage waren fast vergessen – da hatte sie im Bett der Kapitänskammer gelegen und sich die Seele aus dem Leib gespuckt.

„Seebeine wachsen aus dem Bauch“, hatte ihr Mann Kapitän Klarius gesagt und den Matrosen Otso angewiesen, alle zwei Stunden den Metalleimer mit ihrem Mageninhalt in die See auszuleeren. Als Schwindel und Übelkeit endlich vergangen waren, machte sie vorsichtige Gehversuche auf den Schiffsplanken. An die Enge der Kajüten hatte sie sich schnell gewöhnt und auch an die vom Wind gegerbten Gesichter der Besatzung, die sie unter ihren Bärten schüchtern anlächelten. Besonders der junge Finne Otso mit den vielen Narben im Gesicht kümmerte sich rührend um sie. Mehrmals am Tag brachte er ihr einen Becher gezuckerten schwarzen Tee, klopfte ihr mit seiner Bärenpranke sanft auf die Schulter und murmelte melodisch „hölleken kölleken“ dazu – was wohl eine Art guter Wunsch auf Finnisch war.

Kapitän Klarius zeigte ihr jeden Morgen auf der Seekarte, wo sie sich befanden. Sie steuerten die Ostküste der Antarktis an, wo sich an der Nordseite des Sørsdal-Gletschers ein Gebiet von felsigen Küstenhügeln befinden solle – so hatten es jedenfalls die früheren Schiffsexpeditionen ihres Auftraggebers Christensen berichtet. Im Sommer würde dort kein Schnee liegen und das Gelände flach ansteigen, so dass man dort gut an Land gehen könne.

Caroline lenkte ihre Gedanken wieder auf ihre Aufgabe. Der Duft des frisch gebackenen Graubrots stieg ihr wohlig in die Nase. Der Koch Peer hatte zur Feier des Tages einen festen runden Brotlaib gebacken – eine willkommene Abwechslung zum Schiffszwieback. Aber über das Essen wollte sie sich nicht beschweren. Die Eintöpfe von Peer waren sehr nahrhaft und das gepökelte Robbbenfleisch gegen die Mangelerkrankung Skorbut musste man halt gut kauen. Umso mehr würden die Matrosen heute Nachmittag die Sandwiches genießen. Caroline schnitt dicke Scheiben vom Brotlaib ab und belegte sie sorgfältig mit Käse und Gewürzgurkenscheiben und strich ein wenig Senf darüber. Auf Salatblätter müssten sie verzichten, aber dafür würde sie die einzigartige Landschaft entschädigen. Die Antarktis – diese schneeweiße Königin – war unwirtlich, sie ließ kein Grün entstehen. Aber war sie nicht doch die Urmutter des Lebens, die das Geheimnis von Jahrtausenden in ihrem Eis einschloss?

Caroline griff zum weißen Butterbrotpapier und wickelten jedes der sieben Sandwiches sorgsam darin ein, als wären es Weihnachtsgeschenke. Dann faltete sie die hellblauen Servietten und strich mit ihren Fingern versonnen über die Stickerei an den Rändern. Die Servietten gehörten zu ihrer Aussteuer. Mit geröteten Wange und flinken Fingern hatte sie in den Monaten vor ihrer Hochzeit unzählige Tischtücher, Taschentücher, Servietten und Bettzeug bestickt. Das Design hatte sie selbst entworfen. Es waren gelb-weiße Margeriten, die Nationalblumen ihres Geburtslandes Dänemark, deren Konturen sie mit silbrigen Fäden eingefasst hatte.

Nun stand Caroline in ihrem dicken Mantel an der Reling. Sie hatte den Pelzkragen hochgeschlagen und ihre schwarze Wollmütze tief in die Stirn gezogen, die mit der silbernen Stecknadel mit den Engelsflügeln aus ihrer Zeit an der Nähschule in Los Angeles geschmückt war. Wenn man der majestätischen Antarktis einen Besuch abstattete, war es angebracht, sich schön zu machen. Der kräftige Wind schnitt ihr ins Gesicht. Weiße Gischtkronen tanzten auf den Wellen der aufgewühlten See. Vereinzelt ragten kleine Eisspitzen aus dem Wasser und hier und dort schwamm eine Eisscholle. Im Februar war die Haube aus Eis, die das Meer in dieser Region unschiffbar machte, aufgebrochen.

Kapitän Klarius stand neben ihr. Er trug seine weiße Kapitänsmütze und blickte entschlossen auf den dunklen Küstenstrich, der vor ihnen lag. Caroline hatte sich die Antarktis als eine unberührte weiße Landschaft vorgestellt, so wie der vereiste Kanal zwischen Frederikshavn und Göteborg in den Wintern ihrer Kindheit. Das Eis ließ die Umtriebigkeit der Welt erstarren und der Schnee hüllte die Landschaft in Stille ein. Aber die Küste, die vor ihr lag, war weder weiß, noch still. Die Wellen des Ozeans schlugen heftig an den Bug des Schiffes. In dieses Klatschen mischte sich ein Geräusch, das sie noch nie zuvor vernommen hatte und das von der Küste herüber wehte. Es war ein schnatterndes Stimmengewirr, das sie an die Bahnhofshalle von Oslo erinnerte. Ihre Augen glitten über das schroffe Felsengestein der Küste, das von einer gelblichen Schicht überzogen war. Davon hob sich eine Heerschar schwarz-weißer Körper in watschelnden Bewegungen ab. Pinguine! Hunderte von Pinguinen! Es war ihre Sprache, die unverständlich in ihre Ohren drang. War ihr Ruf ein Willkommen oder eine Warnung?

„Wir werden die Ersten sein, die diese jungfräuliche Küste betreten und für Norwegen einnehmen werden“, hatte Kapitän Klarius ihr mit Brustton erklärt.

Aber die Antarktis war kein unberührtes Land. Es gab schon Bewohner. Lebewesen, die der Kälte und dem Meer einen Lebensraum abtrotzten. In ihrem Gefieder sahen sie aus wie Frackträger. Aber waren sie die Diener der Menschen? Oder sind sie die Herrscher über dieses Land?

„Lasst das Beiboot zu Wasser“, wies Kapitän Klarius seine Mannschaft an. Als Caroline die Strickleiter ins Boot hinab kletterte, war sie sich nicht sicher, ob die Aufregung oder die schwankende Leiter ihre Knie zum Zittern brachte.


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