Willst du dienen oder herrschen? (Teil 2/2) – Ein Gastbeitrag von Dorit Günther

Nun möchte ich euch die Fortsetzung des Gastbeitrags von letzter Woche meiner Schwester Dorit präsentieren. Viel Spaß beim Lesen!

“Während wir in Teil 1 dieses Essays Beispiele für Ungehorsam der Dienenden erlebt haben, möchte ich nun mit dir Beispiele anschauen, in denen ein Diener sich (zunächst) der Hierarchie gehorsam unterordnet.

Los geht es mit Knechtschaft in Paris: Der französische Spielfilm „Monsieur Chocolat“ (2016) basiert auf der Biografie von Rafael Padilla (genannt Chocolat), der um 1880 als Sohn von afro-kubanischen Sklaven im Kindesalter nach Frankreich kommt. Zunächst arbeitet Padilla als Schauobjekt „Negerkönig“ mit einem Affen im Zirkus, gelangt dann in Paris um 1900 zu großem Ruhm – und zwar als Partner des französischen (weißhäutigen) Clowns George Footit. Das innovative Konzept des Clown-Duos ist, dass der schlaue „Weißclown“ mit dem farbigen Clown interagiert, der die Rolle des „dummen August“ übernimmt. In den Sketchen erhält der Dunkelhäutige Ohrfeigen und Tritte von seinem Chef, dem Weißclown, der ihn bei Ungehorsam „in seine Schranken weist“. Auf den Werbeplakaten wird der Afrikaner affenähnlich karikiert. Das alles gefällt dem Pariser Publikum, weil es zu seinem Bild der „unterlegenen“ Ureinwohner der kolonialisierten Länder passt.

Apropos: Wusstest du, dass in den Villen der Kolonialherren in Afrika die Türklinken absichtlich so tief (auf Kniehöhe) angebracht wurden, damit der farbige Diener sich beim Türöffnen automatisch tief vor den Herrschaften verbeugen muss?

Szene aus dem Spielfilm „Monsieur Chocolat“ (2016)

Und wie gestaltet sich das Kräfteverhältnis der beiden Clowndarsteller hinter den Kulissen? Anfangs ist die Zusammenarbeit eine Zweckgemeinschaft: Footit ist der künstlerische Leiter und Manager des Duos und streicht die doppelte Gage ein, obwohl Padilla/Chocolat der größere Star ist, was zu Konflikten führt. Im Privatleben haben die beiden wenig gemeinsam: Padilla/Chocolat verprasst sein Geld und sucht den Rausch im Glücksspiel und Alkohol. Er hält das asketische Leben von Footit für seltsam freudlos. Dennoch haben die beiden eine Verbundenheit, in der Freundschaft mitschwingt. Footit versucht, seinen Bühnenpartner vor Schicksalsschlägen und Selbstzerstörung zu schützen – teils aus Eigennutz, teils aus Verantwortungsgefühl. Nach Jahren des Niedergangs sucht Footit Padilla/Chocolat an dessen Sterbebett auf und zeigt seine Zuneigung. Padilla/Chocolat zerbricht daran, dass er aus seiner Rolle als geprügelter Diener ausbrechen will – ohne es zu schaffen.

Hier sehen wir, wie die Gesellschaft Menschen einer bestimmten „Rasse“ die Rolle des versklavten Dieners zuweist und sie darin fesselt. Der gleiche Mechanismus funktioniert noch heute bei Ethnien und auch bei einem sozialen Gefälle.

Reisen wir nun nach Japan: In der Puccini-OperMadama Butterfly“ – siehe auch den Beitrag von Ulrike dazu – (1904 uraufgeführt, Libretto von Luigi Illica) steht die japanische Geisha Cio-Cio-San (genannt Butterfly, 14 Jahre) im Mittelpunkt, eine Nebenfigur ist deren Dienerin Suzuki. Schauplatz ist Nagasaki um 1900. Dass das Leben einer Geisha in dieser Oper als Prostitution dargestellt wird, ist ein Irrtum des italienischen Librettisten. Vielmehr waren Geishas in der damaligen japanischen Gesellschaft als Künstlerinnen und Unterhalterinnen in Teehäusern hoch angesehen, das Dienen galt als ehrenvoll.

In dieser Oper ist Butterfly Opfer des amerikanischen Marineoffiziers Pinkerton, der eine Geliebte sucht und die 14-Jährige nach japanischer Sitte heiratet, was für ihn Spiel, für sie Ernst ist. Nach kurzer Zeit reist er ab und lässt Butterfly schwanger zurück, für Haus und Dienerin Suzuki zahlt er den Unterhalt. Nach drei Jahren kehrt Pinkerton mit einer amerikanischen Braut zurück und entreißt Butterfly ihren kleinen Sohn. Sie nimmt sich das Leben.

Welche Rolle spielt die Dienerin Suzuki? Sie ist eine mütterliche Freundin, fast auf Augenhöhe: Sie möchte Butterfly vor Leid bewahren, aber sie kann in ihrer Machtlosigkeit keinen Einfluss auf das Geschehen nehmen. Anders als bei Opern des 18. und 19. Jahrhunderts üblich, in denen die Dienerinnen nur Stichwortgeberinnen sind, verkörpert Suzuki in dieser Oper die japanische Tradition und den buddhistischen Glauben. Während Butterfly sich christlich taufen ließ, um Pinkertons Braut zu werden und dafür von ihrer Familie verstoßen wurde, bleibt Suzuki dem Buddhismus treu, trägt die traditionellen Gewänder und betet oft. Darüber führen Suzuki und Butterfly ein Streitgespräch, Letztere sagt: „Der christliche Gott ist stärker als Buddha. Er weiß nur nicht, dass wir hier sind.“ Erst in ihrem Freitod („Seppuku“) kehrt Butterfly zur japanischen Sitte zurück und sagt: „Ehrenvoll sterbe, wer nicht länger mehr leben kann in Ehren.“ Das Schicksal von Suzuki bleibt offen.

Pressefoto des Nationaltheaters Mannheim: Szene aus „Madama Butterfly“ (Ludmila Slepneva als Cio-Cio San) mit Dienerschaft. Fotograf: Hans Jörg Michel.

In dieser Geschichte werden die japanischen Frauen unterjocht vom westlichen „Yankee“. Es besteht ein Machtgefälle nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern auch zwischen den Kulturen.

Blicken wir nun auf ein Beispiel, in dem der gesellschaftliche Stand in England eine Rolle spielt. Im Roman „The remains of the day“ (1989, Trailer der Verfilmung 1993) von Kazuo Ishiguro steht das Leben des Butlers Stevens im Mittelpunkt, das Geschehen wird in einem Rückblick durch seine Augen erzählt. Viele Jahre (1920er bis 40er Jahre) dient er auf dem Landsitz Darlington Hall (Oxfordshire). Sein Beruf als Butler ist sein Leben, er ordnet seine persönlichen Bedürfnisse dem Dienst unter. Dieser Ehrenkodex (er nennt es „die Würde des Dienstmannes“) bezieht sich auf sein Agieren als Diener und als Vorsteher des Haushalts, der streng hierarchisch ist. Dies gibt ihm Zufriedenheit und Selbstwertgefühl. Stevens verehrt(e) seinen Dienstherrn Lord Darlington, widerspricht nie und führt die Anordnungen (z. B. das Entlassen jüdischer Dienstmädchen, wozu es aus Sicht des Butlers keine Veranlassung gibt) ohne Widerrede aus, weil er auf die moralische Ehrbarkeit des Lords vertraut. Damit gibt er die Verantwortung für ethische Entscheidungen ab.

Es gibt eine interessante Szene mit Rollentausch: Als Butler Stevens beim Besuch einer dörflichen Herberge von den Gästen wegen seines würdevollen Auftretens für einen „Gentleman“ gehalten wird, klärt er dieses Missverständnis nicht auf. Vielmehr erzählt er in der Rolle des Adligen von den prominenten Gästen auf dem Landgut.

Butler (Foto von pixabay, freie Nutzung)

Stevens strebt formvollendete Manieren und Konversation an. Er serviert diskret bei Tisch, wenn der Lord deutsche Nazis zu Gast hat und mit ihnen kollaboriert. Sein Ideal als Butler ist höchste Diskretion, deshalb hört er den privaten Gesprächen nicht zu bzw. blendet diese aus. Einige Jahre später ist er geschockt und desillusioniert, wenn ihm die verwerflichen Machenschaften seines Dienstherrn vor Augen geführt werden. So kommt er zu der Einsicht, dass er einem Menschen dienen möchte, der auch wirklich einen ethisch fundierten Lebenswandel hat. Er überdenkt sein Bild von sich als Diener: Blinder Gehorsam ist nicht der richtige Weg!

Liebe Leserin, lieber Leser, was denkst du über die Rolle der Dienerin bzw. des Dieners? Fallen dir asymmetrische Beziehungen in der heutigen Zeit ein? Ich bin gespannt auf Kommentare.

PS: Danke, Ulrike, für dein schönes Märchen „Der geföhnte Pudel oder Mit Siebenmeilenstiefeln zur wahren Größe“. Hierin lenkt der Pudel als gewitzter Diener das Geschick seines Herrn – was eine Inspirationsquelle für meine Gedanken zu diesem Thema war.”

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