Froschputtel oder Aschenprinz – Mein Beitrag zum Poetry-Slam-Wettbewerb

Das StudierendenWERK Berlin hat den Wettbewerb “Mix it! Spoken Word & Slam” ausgeschrieben und ich habe die Herausforderungs angenommen. Die Slam Poeten präsentieren ihre Texte wegen Corona nicht in einer Live-Bühnenshow (die für den 23. April angesetzt war), sondern Online. Ein Publikum samt Abstimmung gibt es trotzdem und der oder die Sieger*in zieht ins Finale ein. Ihr dürft mir Hals-und-Reim-Bruch wünschen.

Hier könnt ihr euch das Video mit allen 8 Texten der Slam Poeten anschauen:

Wenn ihr nur meinen Beitrag ansehen möchtet, könnt ihr das auch auf meinem youtube-Kanal tun:

ABSTIMMEN (man kann 2 Stimmen für 2 Favorit*innen vergeben – ich hoffe, eine davon schenkt ihr mir, wenn euch mein Text gefallen hat) könnt ihr H I E R.

ENTSTEHUNGSGESCHICHTE

Irgendwann im März habe ich mir zu mitternächtlicher Stunde Gedanken zu einem möglichen Text gemacht und bin schnell auf eines meiner Lieblingsthemen gekommen: das Märchen. Was passt dazu? Die ewige Suche nach dem Traumprinzen. Aus eigener Online-Dating-Erfahrung kann ich so einigen Honig saugen. Also habe ich in einem Brainstorming (Sprich-) Wörter rund um diese Themen in meinem Inkubations-Journal gesammelt und dort einige Wochen reifen lassen.

Als der Abgabetermin näher rückte, habe ich die Textfragmente dann in ein Dokument eingetippt und einige Abende lang daran gewerkelt. Zunächst eine Struktur mit Strophen und Refrain (der sich 3 Mal wiederholt – wie es sich im Märchen gehört). Im Feinschliff habe ich mir den Text selbst vorgelesen und mit dem Diktiergerät zur Selbstkontrolle aufgenommen und an den Reimen gefeilt.

Schließlich war mein Text fertig. Voilà:

Froschputtel oder Aschenprinz

Bildschirm, Bildschirm in der Hand:

Wer ist der Schönste im ganzen Land?

Tinder hin und Tinder her

alles was ich begehr’

die Guten nach Rechts

die Schlechten nach Links

ob Froschputtel oder Aschenprinz

du bist mein Traumtyp stimmt’s?

Mit den Fingerchen tipp tipp tipp

mit dem Köpfchen nick nick nick

mal macht es BAM

mal heißt es SPAM

viele Kandidaten möglichst schnell

rundherum so geht das Dating Karussell

 

Ich bin nicht wählerisch und schon gar nicht grimmig

will nur in Frau Holles Wolken schweben

meine Träume ausschütteln und Schleier weben

für Mr. Perfect lasse ich mein Haar herunter und reiche ihm die Hand

und folge den Brotkrumen bis zu seinem Schloss aus Sand

 

BLING BLING – ein Match – und digitale Herzen schlagen höher

Nachricht von Strahlemann76:

„Knusper knusper süßes Mäuschen

bin bei deinem Foto ganz aus dem Häuschen“

In seinem Profil ist er nicht allzu bescheiden

kann mich an allerlei Informationen weiden:

„Bin ein toller Mann mit ganz viel drin und dran

völlig behaart wie König Drosselbart

nur ungepaart und sehr apart

im Café treffen wir uns zum Start

dann gerne schnickel-schnackel oder so was ist der Art“

 

Ach, das ist mir viel zu stoppelig und womöglich hoppelig

The search must go on!

 

Bildschirm, Bildschirm in der Hand:

Wer ist der Schönste im ganzen Land?

Tinder hin und Tinder her

alles was ich begehr’

die Guten nach Rechts

die Schlechten nach Links

ob Froschputtel oder Aschenprinz

du bist mein Traumtyp stimmt’s?

Mit den Fingerchen tipp tipp tipp

mit dem Köpfchen nick nick nick

mal macht es BAM

mal heißt es SPAM

viele Kandidaten möglichst schnell

rundherum so geht das Dating Karussell

 

Ich bin nicht wählerisch und schon gar nicht grimmig

ob Banker oder Denker

Bürohengst oder Nachtgespenst

Autofreak oder Fahrraddieb

Traumtänzer oder Schulschwänzer

will frei wählen ohne rasten und rosten

im Abo vom Apfel der Versuchung kosten

 

BLING BLING – ein Match – und digitale Herzen schlagen höher

Nachricht von Do-it-your-self-Nick:

„Hi Prinzessin, wo drückt dir der Schuh

lass uns verschwinden im Nu

hinter den sieben Bergen

in Federbetten statt in gläsernen Särgen

ich komme hoch zu Ross und mit Kondom

befreie dich vom Schneewittchen-Syndrom“

 

Ach, das ist mir viel zu viel zu offensiv und womöglich invasiv

The search must go on!

 

Bildschirm, Bildschirm in der Hand:

Wer ist der Schönste im ganzen Land?

Tinder hin und Tinder her

alles was ich begehr’

die Guten nach Rechts

die Schlechten nach Links

ob Froschputtel oder Aschenprinz

du bist mein Traumtyp stimmt’s?

Mit den Fingerchen tipp tipp tipp

mit dem Köpfchen nick nick nick

mal macht es BAM

mal heißt es SPAM

viele Kandidaten möglichst schnell

rundherum so geht das Dating Karussell

 

Ich bin nicht wählerisch und schon gar nicht grimmig

will Goldmarie heißen und das Pech vergessen

will mit dem bösen Wolf Kreide essen

mich mit Siebenmeilenstiefeln im Wettlauf messen

und wenn sich Dornen in Rosen verwandeln

kann ich mit Bock oder Gärtner anbandeln

 

BLING BLING – ein Match – und digitale Herzen schlagen höher

Nachricht von André Ass:

„Hi Kuschelmaus, traust du dich zu mir hinaus?

Ich bin ein toller Hecht, frag nur Meister Specht

Sollst kein armes Schneiderlein kriegen

kann Finanzriesen besiegen

Steine auspressen und Sterntaler aufwiegen

schenke mir deinen Kuss – das ist leider ein Muss

dann werde ich fröhlich unter den Fröschen dein König“

 

Ach, das ist mir viel zu viel zu historisch und allzu metaphorisch

The search must go on!

 

Mit den Fingerchen tipp tipp tipp

mit dem Köpfchen nick nick nick

mal macht es BAM

mal heißt es SPAM

viele Kandidaten möglichst schnell

rundherum so geht das Dating Karussell

 

BLING BLING – sieben auf einen Streich

ein Hallo von Mr. Lück

ein Ciao von Hans-im-Unglück

ein Hi von StatusX und liebe Grüße von Perhaps

Taufrisch (51) sendet sieben Bilder

Partylöwe (33) mag es offensichtlich wilder

Do-it-your-self-Nick hat Datenstau

und André Ass sucht keine Frau

Alles gibt es auf dem Single-Markt der

Online-Prinzen und der Tinder-Troubadoure:

tätowiert, manikürt, kultiviert, rasiert

manieriert, maskiert, blasiert, triebregiert

epiliert, motiviert, motorisiert, aphrodisiert

mal reserviert, mal erotisiert und selten gut frisiert

Ich bin nicht wählerisch und schon gar nicht grimmig

bin die Prinzessin, die jede Erbse im Rücken spürt

schlafe auf dutzend Matratzen so wie es mir gebührt

aber ist dein Apfel der Versuchung giftig

ist mir jede Ausrede recht und triftig

hilft auch kein Tischlein-Deck-Dich-Zauber

werden aus Topf und Deckel keine Turteltauber

und wenn der Brautschuh mir nicht gefällt

dann gebe ich schleunigst Fersengeld

Flirte inkognito und noch lange nicht in Weiß

Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Aschenputtel heiß

 

The search must go on!

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann daten sie noch heute!

 

Dann kam die nächste Herausforderung: Meine Performance auf Video aufzunehmen. Ich musste als Regisseurin, Kamerafrau und Stylistin in Personalunion in Aktion treten.

MITTWOCH, 22 April

Dazu habe ich am Vorabend der Einsende-Deadline mein Wohnzimmer in ein Filmset verwandelt, oder besser gesagt: händeringend nach einem geeigneten Hintergrund gesucht und mit verschiedenen Lichtquellen experimentiert. Schließlich habe ich mich für die bunten Holztüren meiner Kommode entschieden (vor die ich mich im Schneidersitz auf ein Kissen platzieren musste). Schwierig war es auch, für meine Spiegelreflexkamera (mit Videofunktion) mangels Stativ einen festen Standort in der richtigen Höhe zu finden – dazu musste mein Couchtisch herhalten. Nachdem ich drei Mal mein Outfit gewechselt hatte, saß ich also auf meinem Kissen (nachdem ich vorher auf den “Record”-Knopf gedrückt und eiligst vor die Kamera gehechtet bin) und habe meinen Text vom Smartphone abgelesen  (passt ja zu “Bildschirm Bildschirm in der Hand” in meinem Vortrag) – der mein Gesicht von unten in ein zartes Blaulicht tauchte. Dabei habe ich Blickkontakt mit der Linse gesucht und meinem stummen Beobachter möglichst animiert die Geschichte erzählt. Ich habe drei Durchgänge gemacht – beim Ersten brummte der Kühlschrank geltungssüchtig dazwischen – wobei ich beim Sprechen jedes Mal lebendiger wurde, so dass ich schließlich den dritten “Take” ausgewählt habe.

DONNERSTAG, 23. April

Am nächsten Tag erwartete mich eine wahre Daten-Odysee: Meine Kamera hat die Videos im MOV-Format aufgenommen, in sehr hoher Auflösung, d.h. es galt ein mega schweres Datenpaket von 2,55 GB  zu versenden. “We Transfer” und meine Dropbox traten in Streik – Datenvolumen zu hoch. Versuche, ein kostenloses Programm zum Konvertieren und Verkleinern zu finden, scheiterten. Schließlich gab mir die nette Ansprechpartnerin vom StudierendenWerk (die ich verzweifelt anmailte) den Tipp, es mit dem Schweizer Anbieter “we send it” zu versuchen. Ja, bis 5 GB möglich. Also Video hochladen und los… S E C H S Stunden später und unzählige ruppige Wiedererweckungen meines Laptops, der ständig in seinen Dornröschen-Sleepmodus verfiel, wenn ich ihn mal alleine ließ: “Das Video steht dem Empfänger zum Download zur Verfügung.” Seufz.

Aber der nächste Rückschlag nahte schon. Ich habe dann zum Test das Video selbst auf meinem eigenen (neu eingerichteten) YOUTUBE-Kanal hochgeladen (hat “nur” 3 Stunden gedauert). Das Ergenis: Das Video ist nicht lippensynchron: Je länger es läuft (8 min), desto mehr hängen Lippen und Mimik hinterher. Das kann man sich nicht anschauen! Wenn es beim Upload von den Leuten des StudierendenWERKS auch zu diesem Effekt kommt, dann kann ich mir meinen Slam an den Hut stecken.

Außerdem gibt es beim Abspielen einige Tonausfälle /Kratzer – auch wenn ich das Video von meinem PC abspiele, je nachdem mit welchem Player. UUUUUURRRRRRRGGGGGHHHHHH!!!! Die Technik hat sich gegen mich verschworen. Ich überlege ernsthaft, ein komplett neues Video aufzunehmen, vielleicht mit dem Handy und bei Tageslicht. Aber habe ich dazu die Energie?

OOOOOOHHHHHHMMMMMMMM.

FREITAG, 24. April

Ich finde nun doch ein Konvertierungssprogramm und starte ungezählte (okay, es waren 5) Durchläufe der Umwandlung in mp4, mit unterschiedlichem Erfolg (mal ist die Tonspur verhunzt, mal geht beim Schneiden der letzte Satz verloren). Endlich bekomme ich eine perfekte Version hin – sie wiegt nur noch schlanke 418 MB und alles läuft rund. Sogar das Hochladen auf youtube gelingt ohne Reibungsverluste. Dann nochmal über Wesendit senden (geht innerhalb von 30 Minuten durch). HAAAAALLLLEEEELUUUUUJJJAAAAAA!

Ich freue mich auf die Zeiten eines Live-Auftritts! 8 Minuten, statt 8 Stunden Technik-Qualen.

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