Münchhausen feiert seinen 300. Geburtstag und mit ihm die Erfolgsgeschichte der Lüge

Der Ritt auf der Kanonenkugel hat Münchhausen weltberühmt gemacht. Nicht nur seine Zeitgenossen staunen über diesen wagemutigen Soldaten, der die Gesetze der Natur überlistet und auf einer Kanonenkugel über das Schlachtfeld in Richtung feindliche Festung fliegt. Auf halber Strecke bekommt er Zweifel und springt kurzerhand wie ein Voltigierreiter auf die entgegenkommende Kanonenkugel des Feindes über, um wohlbehalten wieder im eigenen Lager zu landen. Kann das wahr sein?

Die haarsträubenden Erlebnisse von Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen (1720-1797) als Soldat im Krieg gegen das Osmanische Reich wurden von verschiedenen Autoren ab 1761 niederschrieben. In Deutschland erschienen die Lügengeschichten des Münchhausen im Jahr 1785.

Seinem windigen Abenteuer auf der Kanonenkugel huldigen unzählige Zeichnungen und Verfilmungen (z.B. mit Hans Albers, D 1943). Niemanden stört es, dass die Geschichte komplett erfunden und erlogen ist. Die Lüge ist so herrlich unterhaltsam und befreit uns aus dem Alltagsgrau, dass wir sie gerne glauben. Und dem Lügner selbst vergeben wir allzu gerne seine Täuschung.

Don Quixote belügt sich selbst und wird so zum Ritter

Kein Wunder, dass Lügner sich zu Hauf in Büchern wiederfinden. Don Quixote, aus der Feder von Miguel des Cervantes (1605 veröffentlicht), könnte als großer Bruder vom Lügenbaron durchgehen. Auch dieser „Ritter von der traurigen Gestalt“ erfindet sich seine eigene Welt, in der er selbst der Held ist. Er ist süchtig nach Ritterromanen und bildet sich bald ein, selbst ein Ritter zu sein und zieht mit seinem gutmütigen Knappen Sancho Panza in die Welt aus, um Abenteuer zu suchen. Auf diesem Ritt kämpft Don Quixote für die Ehre edler Damen, die in Wirklichkeit Prostituierte sind, und gegen Riesen, die eigentlich Windmühlen sind. Die Welt muss sich der Wahrheit von Don Quixote anpassen – aus Wunschfantasie wird Realität. So verschwimmen die Grenzen zwischen Imagination, Selbsttäuschung und Lüge.

Die Erfolgsgeschichte der Lüge im Märchen

„Lügen haben kurze Beine!”, heißt es im Volksmund. Märchen beweisen das Gegenteil! Dort stecken die Lügenbeine in Stiefeln und bringen den Märchenhelden ganz nach oben. So in „Der gestiefelten Kater“. Dieser gut gekleidete Kater ist ein wahres Marketinggenie, von dem PR-Manager des 21. Jahrhunderts noch lernen können. Im Handumdrehen bzw. Zungeumdrehen schafft der pelzige Stiefelträger es, seinen Herrn vom armen Schlucker zum Großgrundbesitzer, Schlossherrn und Prinzgemahl zu erheben.

Zuerst bringt der Kater dem König Rebhühner als Geschenk seines Herrn, den er als “Graf” betitelt, obwohl dieser ein armer Müller ist. Zum Dank sendet der König dem falschen Grafen säckeweise Gold. Dann lässt der Miezemeister der Illusion den Müller nackt in einem See baden und versteckt dessen armselige Kleider. Als der König in seiner Kutsche vorbei gefahren kommt, erzählt der Kater ihm eine Räuberpistole und der König glaubt alles. Er kleidet den ausgeraubten Grafen in prächtige Gewänder und lässt ihn in sein Luxusgefährt einsteigen, wo auch die Prinzessin sitzt, die er alsbald heiraten wird. Zuletzt überlistet der Kater einen Zauberer und lässt den Müller in das ergaunerte Schloss einziehen. So wird der arme Müller schließlich König. Und alles dank Lüge und Täuschung – der PR-Kater würde es allerdings “List” und „Imagepflege” nennen.

Auch in „Das tapfere Schneiderlein“ werden unehrliches Verhalten und Angeberei belohnt. Der Schneider erschlägt sieben Fliegen mit einem handelsüblichen Tuchlappen. Diese Alltagstat bauscht er zur Heldentat auf, indem er sich einen Gürtel anlegt, den er mit der Aufschrift “Sieben auf einen Streich” bestickt. Diese Übertreibung im Dienste der Selbstvermarktung wird fortan sein Wahlspruch. Im Verlauf der Geschichte erliegt so mancher Gegner dieser vorgetäuschten Heldentat und prüft sie nicht auf ihren Wahrheitsgehalt.

Pinocchios lange Nase macht die Lüge sichtbar

In der italienischen Kindererzählung „Pinocchio“ (1883 von Carlo Collodi) ist der Bube aus Holz (dessen Name „Dummköpfchen“ bedeutet) zunächst ein sorgloser Schulschwänzer und Faulenzer. Immer wenn er lügt, wächst seine Nase. So kann er seine Ausreden nicht länger verbergen und muss sich schämen. Diese Sichtbarmachung der Lüge hat eine erzieherische Wirkung auf den Jungen, der sich im Laufe der Geschichte durch viele Prüfungen von einer Marionette in einen Menschen aus Fleisch und Blut verwandelt.

Warum wir auf die Lüge nicht verzichten können

Was passiert, wenn wir nicht mehr lügen dürften, muss Jim Carrey im Film „Der Dummschwätzer“ (Originaltitel: „Liar Liar“, USA 1997) leidvoll erleben. Von seinem enttäuschten Sohn dazu verflucht, 24 Stunden lang nicht lügen zu dürfen, stolpert Carrey von einem Fettnäpfchen ins nächste: Als Anwalt verliert er durch die erzwungene Ehrlichkeit einen Prozess und landet wegen Beleidigung des Richters selbst im Gefängnis. Auch im sozialen Umgang stößt er mit schonungsloser Ehrlichkeit seine Mitmenschen vor den Kopf – er nennt sie fett und hässlich – und muss sich unfreiwillig zu jeder Peinlichkeit bekennen (ja, er war der Furzer im Aufzug) und kann sich auf keine Ausrede mehr berufen, um lästige Verpflichtungen abzuschütteln.

Die ungeschönte Wahrheit quillt über seine Lippen wie ein Gift und selbst das größte Grimassieren kann ihm den Mund nicht verschließen. Die Qualen des Mannes zeigen uns: Die Lüge hat gute Seiten, denn sie ist eine Maske der Höflichkeit, die den Menschen einen freundlichen Umgang miteinander erlaubt. Die Lüge ist auch ein Schutzschild, das uns vor Scham und Strafe schützt.

Aber Läuterung muss sein, also lernt der notorische Lügner während seines Wahrheitsfluchs auch, worauf es im Leben ankommt, nämlich ehrliche Liebe und Fürsorge für Frau und Sohn.

Der Film führt uns vor Augen, wie grotesk und schwer erträglich das soziale Miteinander wäre, wenn wir immer ehrlich sein müssten. Die Lüge ist sozial akzeptiert und für den gesellschaftlichen Frieden erforderlich – wenn sie als Form von Höflichkeit, Diskretion und Diplomatie daher kommt.

Lügen erfüllen Sehnsüchte

Was aber fasziniert uns an Lügengeschichten wie die von Baron Münchhausen so sehr? Warum möchten die Menschen an dreiste Erfindungen glauben und lassen sich sehenden Auges einen Bären aufbinden? Die wirklich gute Lügengeschichte lebt davon, dass sie die Normalität aushebelt und die Illusion wie einen schönen Schleier über die öde Alltagswelt legt. Die Lüge als fantastisches Trugbild erfüllt die menschliche Sehnsucht nach Staunen und Wundern.

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