Verlobung auf dänisch-norwegisch (NaNoWriMo)

In der dritten Woche  bin ich in einen guten Schreibschwung gekommen. Ich schaffe an den meisten Tagen zwischen 1.700 und 1.900 Wörtern – liege damit über dem Tagespensum von 1.667 Wörter – aber um meinen  schwachen Start  der ersten zwei Wochen aufzuholen, reicht es nicht aus – aber mein neues Ziel lautet ja sowieso 40.000. Zurzeit liege ich bei 33.000 Wörtern (144 Normseiten) – ich kann das also in den nächsten 6 Tagen gut schaffen.

Inhaltlich bin ich immer noch bei Caroline im Winter 1933 bis Frühling 1934 und ihrem Kennenlernen mit dem Kapitän. Am Freitag hatte ich einen echt guten Lauf mit dem Erzählen ihres Verlöbnisses.

Als nächstes steht natürlich die  Hochzeitsfeier an (dazu habe ich dänische Hochzeitsbräuche recherchiert – wirklich witzig, was es da alles gibt – zum Beispiel schneidet die Braut ihrem Bräutigam die Zehenspitze der Socken ab – früher musste sie diese dann wieder annähen und den Hochzeitsgästen damit ihre hausfraulichen Fähigkeiten  beweisen). Aber am Samstag war ich dann so blockiert vor der Aufgaben, die Hochzeit nun als kleinen dramaturgischen Höhepunkt besonders toll zu beschreiben, dass ich an diesem Tag kein einziges Wort zu Papier gebracht habe (was meiner Wörter-Statistik einen weiteren Tiefpunkt verschafft hat).

Am Sonntag ging es dann wieder (habe mich schreibend in Hochzeitskleid-Diät und andere Vorbereitungen gestürzt)  heute ist der Polterabend dran – ich zögere das große Ereignis ein bisschen heraus…

Seil, Knoten, Gebunden, Verdreht, Boot, Nautik, Meer

Leseprobe (aus Tag 22, Freitag):

Situation: Der Kapitän Klarius Mikkelsen hat um Carolines Hand angehalten. Sie hat zugestimmt, obwohl sie ihn nicht wirklich gut kennt, aber schon ein bisschen verliebt ist (sie hat ihn für 2 Tage in Sandefjord, Norwegen besucht, dort hat er ihr einen Kuss gegeben, ihr ein Parfüm geschenkt und ein Foto von ihr machen lassen, danach haben sie sich kurze Postkarten geschrieben). An diesem Tag ist der Kapitän in Frederikshavn (Dänemark) eingelaufen und will am Abend die Eltern von Caroline um ihre Zustimmung zur Heirat bitten.

Frederikshavn, 14. Dezember 1933

Meine liebe Elin,

jetzt muss ich dir doch noch einmal schreiben, bevor wir uns in 8 Tagen wieder sehen. Du kannst dich schon im Backen eines Kranzkuchens üben, denn im Frühling steht eine Hochzeit ins Haus! Ja, liebe Schwester, ich habe mich heute mit Klarius verlobt! Das ging nun doch schneller, als erwartet, aber ich bin glücklich. (…)

Als ich nach Feierabend nach Hause kam (gegen 18 Uhr), war das Haus in heller Aufregung – besser gesagt Mutter, die genauso viel Wirbel machte, wie eine ganze Mannschaft. Aus der Küche zog mir der Geruch von Kräuterbrot und Fischsuppe in die Nase, im Wohnzimmer saß Vater in seinem Ohrensessel wie eine Wachsfigur, während Mutter mit einem Staubwedel in der einen Hand und einem Möbelpoliturtuch in der anderen Hand um ihn herum schwirrte und die gesamte Wohnzimmereinrichtung abwechselnd mit beiden Händen auf Vordermann brachte – wobei es mich nicht gewundert hätte, wenn sie auch die Glatze von Vater poliert hätte.

“Hol den Weihnachtsstern aus der Küche und stelle ihn hier auf die Anrichte”, rief sie mir zu, als sie mich sah.

“Nein, geh zuerst auf dein Zimmer und zieh dir was Hübscheres an. Und deine Haare sind auch ganz zerzaust!”

Ich tat, wie mir geheißen. Zu diesem besonderen Anlass legte ich mir sogar die Perlenkette um, die ich beim ersten Abendessen mit dem Kapitän getragen hatte (wobei er das bestimmt inzwischen vergessen hat – Männer achten im Allgemeinen nicht auf solche Details).

Als ich wieder hinunter kam, sah ich Frau Jakobsen durch den Flur in die Küche stürmen (das zeitweilige Zerwürfnis zwischen Mutter und unserer Nachbarin war seit kurzem gekittet – du erinnerst dich, es ging um die Pflaumen, die vom Baum der Jakobsens immer in unseren Garten fielen und angeblich die vielen Schnecken angelockt hatten). Ich folgte der Besucherin und fand in der Küche zu meinem Erstaunen noch drei weitere Nachbarinnen vor (Frau Solberg, Frau Norup und die Alte Bendtsen), denen Mutter offensichtlich vom kurzfristigen Besuch des Brautwerbers erzählt und die jede eine Gabe für das Verlobungsessen beigesteuert hatte – auf dem Küchentisch standen dicht gedrängt einige Vorspeisenplatte (u.a. Kräcker mit Räucherlachs, Schwarzbrot in quadratische Stücke geschnitten und mit einem Käsewürfel und einem Radieschen zusammen mit einem Zahnstocher zu Reitern aufgerichet), ein Blechkuchen mit Äpfeln, Rosinen, Nüssen und Sträuseln eingedeckt und diverse Kännchen und Terrinen, deren Inhalt ich auf die Schnelle nicht erkennen konnte. Das Kräuterbrot aus dem Ofen sah gefährlich dunkelbraun aus und die Fischsuppe blubberte.

“Raus aus der Küche”, rief Mutter und fuchtelte mit der Hand als würde sie nach Mücken schlagen, “deine Haare sollen nicht nach Fisch riechen”.

Also verzog ich mich schleunigst. Dann fiel mir das Parfüm ein und ich lief noch mal nach oben auf mein Zimmer und tupfte mir das Pariser Liebesparfüm (mit Walfischsubstanzen), das Klarius mir geschenkt hatte, hinter die Ohren.

In diesem Moment läutete es an der Haustür. Ich hörte ein aufgeregtes Gegacker aus der Küche, dann ging die Hintertür auf und ich sah die Schar der Nachbarinnen durch unseren dunklen Garten tippeln und durch das Hintertörchen in die Garagengasse verschwinden.

Vom Absatz im ersten Stock aus spinkste ich durch das Treppengeländer in unseren Flur hinunter und sah Mutter zur Haustür rauschen wie eine Walküre auf Siegeszug (ihre Schürze hatte sie abgelegt, dafür ihre Theater-Stola aus Fuchspelz um ihre runden Schultern gelegt). Ich hörte die tiefe Stimme von Klarius, der meiner Mutter einen guten Abend wünschte und ihre einen Strauß Tulpen (die zu dieser Jahreszeit sicherlich ein halbes Vermögen gekostet hatten – auch wenn sie aus dem Gewächshaus in Holland kamen). Mutter überschüttete ihn mit einem Schwall von Willkommensworten und führte ihn ins Wohnzimmer zu Vater, der den Gast dann gelassen übernahm (bei sieben verheirateten Töchtern war er in dieser Art von Gespräch ja bestens geübt). Jetzt würde Vater mit dem Kapitän das Finanzielle besprechen (dass ich keine Mitgift hatte, nur eine kleine Aussteuer, würde den Kapitän hoffentlich nicht vom Kurs abbringen – aber ich wusste ja andererseits, dass er selbst gut situiert war, was er meinem Vater seinerseits auch darlegen würde).

Mutter winkte mich hinunter und wir trugen die Vorspeisen ins Esszimmer (hier hingen einige Bilder schief, die vorhin bestimmt mit Mutters Stauchwedel in Berührung gekommen waren). Mutter hatte den Tisch schon eingedeckt mit dem Tafelsilber von Erbtante Isolde – was teilweise schon ein wenig angelaufen war.

“Guck nicht so”, zischte sie, als sie sah, wie ich eine Gabel mit fast schwarzen Zinken ins Licht hielt, “das Silberputzen ist doch deine Aufgabe.”

Die Servietten waren jedenfalls tadellos gebügelt (was wohlgemerkt meine Aufgabe ist). Mutter stellte den Tulpenstrauß auf den Tisch und zusammen mit den zwei großen Kerzen in den silbernen Haltern sah alles ganz festlich aus.

Das Gespräch im Wohnzimmer schien ewig zu dauern, Mutter verschwand immer wieder, um an der Tür zu horchen, ich nutzte diese Gelegenheiten, um mir erst eines und dann noch ein zweites Glas Kirschlikör einzuflößen, was mich immer heiterer werden ließ.

Nach einer Dreiviertelstunde öffnete sich die Tür und Vater winkte uns herein. Im Zimmer war es diesig vom Pfeiffen- und Zigarrenrauch (die Zigarre musste zum Kapitän gehören) und auf dem Beistelltisch stand eine halb leere Flasche Brandy, beide Herren waren glänzender Laune. Vater nahm meine linke Hand und legte sie in die rechte Hand von Klarius (die sich warm und weich anfühlte und mir ein Gefühl von Vertrauheit gab).

“Auf eine gute Verbindung”, sagte er dröhnend und klopfte dem Kapitän kräftig auf die Schulter. Dieser grinste wie ein Schulbub und gab mir einen Kuss auf die Wange. Mutter drängte sich nun dazu und gratulierte dem Kapitän zu seiner guten Wahl.

“Sie werden merken, unsere Caroline ist eine wahre Perle (das hörte ich zum ersten Mal aus ihrem Mund), “und einen Kapitän als Schwiegersohn wollten wir schon immer haben (in Wirklichkeit hatten sie ja auch schon drei von dieser Sorte), selbst einen Norweger”, rief sie.

Vater klatschte in die Hände und sagte, jetzt wollten wir mit gutem Essen feiern. Beim Abendessen saß ich meinem Verlobten gegenüber und achtete darauf, dass sein Teller und sein Glas nie leer wurden. Wir schmausten zusammen – dank der Zugaben der Nachbarinnen waren die Speisen wirklich ein Genuss – das Kräuterbrot mit der schwarzen Kruste ließ ich unauffällig verschwinden (das bekamen morgen die Vögel).

Mein Verlobter und Vater sagten uns, dass sie besprochen hätten, dass unsere Trauung im nächsten April stattfinden soll. Klarius würde von Januar bis März auf einer längeren Expedition im Atlantik unterwegs sein (was mir neu war).

Als es um die Planung der Feierlichkeiten ging, war Mutter ganz in ihrem Element. Natürlich müsse die Braut aus dem Hause ihres Vaters ins neue Leben aufbrechen, das heißt die Heirat solle auch in Fredikshavn stattfinden (wo alle meine Verwandten und insbesondere Brautjunfern wohnten), nach dänischer Sitte. Ich hatte mir ehrlich gesagt um die Zeremonie selbst noch gar keine Gedanken gemacht (auch wenn es üblich ist, dass die Familie der Braut die Feierlichkeiten ausrichtet). Klarius war ohne Widerrede mit der Hochzeit in Frederikshavn einverstanden – er habe nur wenige Verwandte in Sandfjord, da sei es praktischer, wenn nicht so viele Gäste anreisen müssten, als im umgekehrten Fall (Mutter erweckte den Eindruck, als wäre ich mit halb Frederikshavn verwandt oder zumindest befreundet, was irgendwie auch stimmte). Und was die Hochzeitsbräuche anging werde er sich gerne von den dänischen Sitten überraschen lassen. Auf jeden Fall werden wir gleich morgen gemeinsam zum Standesamt und zu unserem Pfarrer gehen und unser Aufgebot bestellen. Mutter wollte unbedingt auch eine kleine Verlobungsanzeige in die Kirchenzeitung bringen, aber Vater sagte: “Das spricht sich auch so herum.”

Liebe Elin, nun habe ich dir von diesen aufregenden Tag so gut wie möglich erzählt. Mein Kopf schwirrt vor Glück und vor Kirschlikör. Ich werde nun zu Bett gehen. Du musst mir nicht antworten (obwohl ich mich – wie du weißt – riesig über jeden Brief von dir freue), denn wir sehen uns ja in wenigen Tagen zu Weihnachten wieder, dann können wir über alles von Angesicht zu Angesicht sprechen.

Sei umarmt und geküsst liebe Schwester,

Deine Caroline «Mikkelsen» (meinen zukünftigen Familiennamen werde ich nun bei jeder Gelegenheit ausschreiben, um mich so schnell wie möglich an ihn zu gewöhnen)

PS: Ich werde morgen in den Buchladen gehen und mir eine Sprachfiebel in Norwegisch beschaffen. Bis April will ich fleißig meine neue Heimatsprache lernen.

Dieses Brautkleid aus dem Jahr 1930 habe ich für Caroline ausgesucht.

Ich bin gespannt, wie euch diese Szene gefällt und freue mich sehr über Feedback.

Please follow and like us:
error