Laeiszhalle Hamburg, 11. April 2026
An diesem Abend gibt Star-Tenor Jonas Kaufmann den Auftakt seiner „Magische Töne“-Tournee, die sein soeben erschienenes Album begleitet und mit berühmten Operetten- und Opern-Melodien aus der Ära der Österreich-Ungarischen Doppelmonarchie (1867–1918) von Komponisten wie Emmerich Kálmán, Franz Lehár, Karl Goldmark und Paul Abraham aufwartet.

In der fast ausverkauften Laeiszhalle herrscht erwartungsvolle Vorfreude. Zur Einstimmung spielt die Philharmonie Baden-Baden unter der Leitung von Jochen Rieder (seit Jahren ein treuer Begleiter von Kaufmann auf allen seinen Tourneen) die Ouvertüre aus Gräfin Mariza von Emmerich Kálmán (1882–1953), die schwungvoll auf den Abend einstimmt.
Dann betritt Jonas Kaufmann im festlichen Frack die Bühne. Wie immer ist er ganz präsent und Herr im Haus, hat alles im Blick, in diesem Fall einige Zuspätkommenden, die sich in den ersten Reihen im Parkett hereinschlängeln. Spontan ergreift er das Wort und bittet um einen Moment Geduld. Er wartet, bis alle sitzen und Ruhe eingekehrt ist, bis er seine erste Arie anstimmt. Auf ungarisch singt er „Mondd meg, hogy imádom a pesti nőket“ (ebenfalls aus Gräfin Mariza), was den Zuhörenden in der deutschen Fassung „Wenn es Abend wird (Grüß mir mein Wien)“ bestens bekannt ist (zumindest der Dame neben mir, die lautstark mitsummt). Kaufmann interpretiert das Stück weich und schwelgerisch, passend zur Lobpreisung der Donaustadt mit ihren schönen Frauen. In der letzten Strophe wechselt er ins Deutsche. Das Publikum applaudiert am Ende des Liedes begeistert und man spürt, dass der Funke übergesprungen ist.
Kaufmann gibt nun charmant eine Anekdote zum Besten, mit der er die Auswahl des ungarischen Repertoires erklärt: Vor einigen Jahren hat er einen Liederabend in Budapest gegeben und wollte dort als Zugabe das soeben dargebotene „Grüß mir mein Wien“ vortragen. Da hat ihn ein Kenner der ungarischen Sprache darauf hingewiesen, dass der Text im Original nicht die reizenden Frauen aus Wien preist, („Grüss mir die süßen, die reizenden Frauen im schönen Wien. Grüss mir die Augen, die lachenden blauen im schönen Wien…“), sondern die reizenden Frauen aus Budapest. Um diesen gerecht zu werden, hat der Tenor dann über Nacht zumindest den Refrain auf Ungarisch gelernt und im Konzert dargeboten, um seinem Budapester Publikum die Schönheit ihrer eigenen Frauen und ihrer eigenen Stadt vorzuhalten. Das sei der Anstoß für ihn gewesen, weitere musikalische Perlen aus dem ungarischen Operetten-Repertoire für sich zu entdecken und für die Bühne zu erarbeiten.
Als nächstens präsentiert sich Malin Byström, die Kaufmann auf dieser Tournee begleitet, mit „Hör’ ich Cymbalklänge“ aus Zigeunerliebe von Franz Lehár (1870–1948). Die schwedische Sopranistin hat eine kräftige Stimme, die eindeutig für das dramatische Repertoire geeignet ist, das sie auch auf den internationalen Opernbühnen singt (Tosca, Salome und Minnie gehören zu ihren Lieblings-Partien). Für die Operette fehlt ihr jedoch die Leichtigkeit und Flexibilität. Auf seinem Album singt Kaufmann die Duette zusammen mit Nikola Hillebrand, die mit ihrem leichten Sopran und mädchenhaftem Klang bestens zu diesem Repertoire passt. Schade, dass diese Sopranistin ihn nicht auch auf der Tournee begleitet, das hätte mir persönlich viel besser gefallen.

Liedhaft sanft interpretiert Kaufmann sodann „Allein, wieder allein (Wolgalied)“ aus Der Zarewitsch von Franz Lehár. Hierbei kommt bei den leisen Tönen das dunkle Timbre des Tenors bestens zur Geltung. Seine Stimme ist zartschmelzend wie Schokolade und hüllt einen weich und wohlig in einen Mantel aus Melancholie ein.
Im nächsten Stück zeigt Kaufmann ganz andere Farben seiner Stimme. Kraftvoll und kernig bietet er „So verliebt kann ein Ungar nur sein (Tief wie der Bergsee)“ aus Der Teufelsreiter von Emmerich Kálmán dar. Draufgängerisch beschwört er einen Flirt zu einer flotten Tanzmusik.
Übrigens frage ich mich spätestens jetzt, warum das Konzert durch zwei Mikrofone verstärkt wird. Der Gesang wird durch zwei Boxen seitlich auf der Bühne verstärkt und hat dadurch nicht mehr den unmittelbaren Klang der menschlichen Stimme, die sich in einem Saal entfaltet. Tenor und Sopran haben beide starke Stimmen, die keine Mikros brauchen, um zu tragen. Das Repertoire des Abends fordert oft die dramatische Opernstimme und selbst in den zarten und liedhaften Tönen ist insbesondere Kaufmann bestens in der Lage, genügend Volumen zu erzeugen. Zuletzt hat er in der Laeiszhalle einen Liederabend mit Diana Damrau gegeben (2022), ohne Verstärkung und mit bester Akustik. Es bleibt mir ein Rätsel, warum und wer hier meint, Mikros einsetzen zu müssen.

Als weiteres Hilfsmittel hat Kaufmann Notenständer mit zwei elektronischen Readern vor sich (wie er es in den letzten Jahren bei Konzerten angewöhnt hat). Er scheint sich nicht mehr allein auf sein Gedächtnis zu verlassen, sondern blickt immer wieder in die Noten und tippt dezent mit dem Finger auf die Touchscreens, um die Seiten zu wechseln. Die Sopranistin Malin Byström hingegen singt ihre Stücke auswendig.
Als nächstes steht Johann Strauß (Sohn) (1825–1899) auf dem Programm. Das Orchester spielt den Einzugsmarsch aus Der Zigeunerbaron. Jochen Rieder dirigiert das Stück schmissig.
Im nächsten Duett „Komm mit nach Varasdin“ aus Gräfin Mariza von Emmerich Kálmán versprühen Tenor und Sopran viel Lebensfreude und geben sogar eine kleine Tanzeinlage zum Besten. Bei allem Esprit fällt jedoch negativ auf, dass die Sopranistin nicht wirklich textverständlich singt und ihr opernhaft kraftvoller Ton zu schwer für das spritzige Lied wirkt.
Aus derselben Operette bietet Kaufmann sodann „Komm, Zigány“ mit charmantem Wienerischem Klang und mit bestens verständlichem Text dar.
In der ungarischen Mundart singt der Tenor dann „Mint száműzött, ki vándorol … Hazám, hazám, te mindenem“ aus Bánk bán von Ferenc Erkel (1810–1893). Hierbei zeigt er sich wieder als gefühlvoller Interpret, der zuerst bittend und flehend und zum Ende hin dramatisch das Leiden eines Mannes im Exil, der sich verzweifelt nach seiner Heimat sehnt, spürbar macht. Dabei zeigt Kaufmann die vielen Schattierungen seiner Stimme, die in der Mittellage balsamisch weich und warm klingt und dann feurig aufflammt zu kraftvollen Höhen.

PAUSE
In der Ouvertüre aus „Das Land des Lächelns“ von Franz Lehár klingen bekannte Melodien auf. Im anschließenden Solo singt Kaufmann mit traurigem Ernst „Immer nur lächeln“, was besonders bei der Passage „Lächeln trotz Weh und tausend Schmerzen, Doch wie’s da drin aussieht, geht niemand etwas an“ mit viel echter Lebenserfahrung eines Mannes in reiferen Jahren, dessen „Seele schon einige Narben gesammelt hat“ (wie Kaufmann kürzlich in einem Interview sagte) herüberkommt.
Es folgt ein Duett aus derselben Operette: „Wer hat die Liebe uns ins Herz gesenkt“. Hierbei wirken Tenor und Sopran trotz einigem Bemühen steif, es mag keine echte Chemie zwischen dem Bühnenliebespaar entstehen, auch wenn Kaufmann seine Gesangspartnerin nach jedem Stück mit kollegialer Herzlichkeit anstrahlt und sie umarmt. Auch gesanglich sind sie nicht immer synchron. Vielleicht spielen sie sich im Laufe der Tournee noch mehr aufeinander ein.
Ein gefühlvolles Aufwogen bietet Kaufmann mit der schwärmerischen Arie „O Mädchen, mein Mädchen“ aus Friederike von Franz Lehár, in der er den jungen Goethe darstellt, der frisch verliebt ist.
Für mich ein Highlight des Abends ist die Arie „Magische Töne, berauschender Duft“ aus Die Königin von Saba von Karl Goldmark (1830–1915), die Kaufmann zart und betörend mit Kopfstimme singt und dabei in eine sphärische Welt aus Goldstaub entführt, in der es nach blumiger Liebe duftet. Begleitet wird der Tenor von den zauberhaften Klängen der Harfe.

Im Kontrast dazu kommt das Solo der Sopranistin „Heia, heia, in den Bergen ist mein Heimatland“ aus Die Csárdásfürstin von Emmerich Kálmán sehr bodenständig herüber. Für das schwungvolle Lied fehlt der Schwedin nach meinem Eindruck das Temperament.
Den fulminanten Abschluss des offiziellen Programms bietet das Duett „Tanzen möcht ich … Tausend kleine Engel singen“ aus derselben Oper. Hier springt vor allem von Seiten von Kaufmann die Freude an dieser Musik herüber und er schwenkt seine Partnerin in einem schwungvollen Walzer über die Bühne.

Das Publikum ist mitgerissen und spendet begeisterten Applaus mit Standing Ovations. Dies wird mit vier Zugaben belohnt:
Kaufmann singt bestens aufgelegt „Frag nur dein Herz was Liebe ist“ aus Die ungarische Hochzeit von Nico Dostal und „Will dir die Welt zu Füßen legen“ aus Die Blume von Hawaii von Paul Abraham.
Malin Byström kann das Publikum mit „Meine Lippen, sie küssen so heiß“ aus Giuditta von Franz Lehár erfreuen, wobei es ihr zugute kommt, dass die mitreißende Arie ein Selbstläufer ist. Für mein Empfinden kann die Sängerin mit ihrer unterkühlten Darbietung das im Text beschworene „heiße“ Gefühl mit dem Versprechen von Leidenschaft nicht glaubwürdig erzeugen.
Zum Schluss lässt Kaufmann „Die Juliska aus Budapest“ aus Maske in Blau von Fred Raymond geradezu übermütig und mit einem Lachen in der Stimme und auf dem Gesicht erklingen. Beim tosenden Applaus hüpft er sogar freudig auf und ab wie ein Bub vor dem Weihnachtsbaum und wirkt mit seinem jugendlichen Enthusiasmus sehr sympathisch.
Es war ein wundervoller Abend, der die Zuhörenden aus den Sorgen des Alltags in die musikalische Welt der Operette entführt hat, eine gelungene Mischung aus Wiener Melancholie und ungarischem Temperament, ein Wellenritt aus sanfter Schwermut und mitreißender Leichtigkeit.
Jonas Kaufmann hat seine stimmliche Wandelbarkeit gezeigt und mit seiner unvergleichlich warmen und farbenreichen Stimme auf der Klaviatur der Gefühle gespielt und mitten ins Herz getroffen.
Ich gehe mit einem Lächeln auf den Lippen und einigen Melodien im Ohr heim.
Nach dem Konzert hat Jonas Kaufmann seinen treuen Fans am Bühnenausgang freundlich Autogramme gegeben und bereitwillig für Fotos posiert.




Die „Magische Töne“-Tournee geht in den nächsten Wochen weiter und führt das Ensemble nach München, Nürnberg, Paris, Wien, Budapest, Hannover, Essen, Freiburg, Stuttgart, Luzern, Mannheim und Frankfurt am Main. Die genauen Termine kann man dem Kalender auf der Homepage von Jonas Kaufmann entnehmen.
































































