Lernwelten 2030: Kapitel 5 – Wege entstehen im Gehen

Berlin: Am Campus der Ada Lovelace Universität – 22. Februar 2030, 14 Uhr – Fiona in der Studienberatung bei Birgit Lindenbaum, Professorin für Pädagogik

Fail, ich komme zu spät“, dachte Fiona als sie zum Büro von Professorin Lindenbaum hetzte. Auf ihrem Smartphone blinkte auf, dass ihr Termin zur Studienberatung vor zwei Minuten angefangen hatte. Auch die Lichtanzeige an Lindenbaums Tür leuchtete grün. Aber die Tür war noch geschlossen. „Glück gehabt!“ Fiona wusste, dass die Professorin die Wartenden immer selbst hereinbat, man musste warten, bis sie die schwere Holztür öffnete. Ihr Büro befand sich im ältesten Universitätsgebäude, das kürzlich modernisiert wurde. Fiona hatte gehört, dass Professorin Lindenbaum ihr bewährtes Refugium gegen jegliche Eingriffe verteidigt hatte. Die meisten der anderen Büros wurden gerade in Co-Working-Spaces und Multifunktionsräume umgebaut.

Fiona ließ sich in den Sitzsack fallen und ihr Blick fiel auf die Decke über ihr. Dort schwebte dank einer Animation ein blauer Himmel mit Schäfchenwolken, der gar nicht zum grauen Winterhimmel draußen passte. „Wie der Himmel wohl gerade in Afrika aussieht?“, fragte sich Fiona. Hoffentlich würde die Professorin sie dabei unterstützen, dass ihr Traum von Kenia Wirklichkeit werden würde. Sie wollte die Schulen dort mit eigenen Augen sehen, in die Gesichter der Menschen blicken, den Geruch der Luft, der Erde und des Essens in sich aufnehmen.

Jetzt vibrierte KIM und zeigte an, dass es schon zehn Minuten nach Terminbeginn waren. Fiona wippte ungeduldig mit dem Fuß und das Granulat im Sitzsack knirschte unter ihrer Bewegung. Um 14:12 Uhr öffnete sich die Tür und die Professorin erschien im Türrahmen. Mit ihrer schmalen hohen Gestalt und den langen, weiß schimmernden Haaren, die offen über die Schultern hinabfielen, erinnerte die Professorin sie an eine Elbenkönigin aus den Fantasyromanen, die Fiona so liebte.

Kommen Sie bitte herein, Fiona“, sagte Birgit Lindenbaum mit ihrer warmen Stimme und lächelte mit kirschrot geschminkten Lippen. Fiona folgte der Professorin in deren Büro. Sofort wurde sie umfangen von diesem Zauber aus Ruhe und Bodenständigkeit. Der Duft von würzigem Tee und das Plätschern eines kleinen Salzsteinbrunnens auf der Fensterbank neben den rankenden Zimmerpflanzen, deren Namen Fiona nicht kannte, ließen ein wohliges Gefühl in ihr aufkommen. Fiona nahm an dem altehrwürdigen Holztisch Platz.

Darf ich Ihnen einen Tee anbieten?“, fragte die Gastgeberin und Fiona nickte.

Es ist ein Matcha Tee aus Japan, ich habe ihn zwölf Minuten ziehen lassen“, sagte die Professorin und deutet auf eine kleine Sanduhr, „und dabei meine Teemeditation gemacht.“

Eine Teemeditation?“, fragte Fiona erstaunt.

Während der Tee zieht, schaue ich ihm dabei zu – und keine Terminbimmelei kann mich davon abhalten. Nur wer gute Pausen macht, kann danach produktiv arbeiten. Keine Sorge, ich habe eine ganze Stunde für Sie reserviert, damit wir uns in Ruhe unterhalten können.“ Die Professorin lächelte sanft und nippte an ihrem Tee. Fiona pustete in die grüne Flüssigkeit, deren Dampf sich warm auf ihre Wangen legte. Ihre Augen wanderten durch das Büro, das mit exotischen Dingen ausgestattet war. Am Boden lagen Wollteppiche mit geheimnisvollen Zeichen, vielleicht Kalligraphie? An den Wänden hingen bemalte Masken. Woher sie wohl stammten? Fionas Blick blieb an einem wunderschönen Foto von einem Baum mit rosafarbenen Blüten hängen.

Haben Sie das selbst fotografiert?“, wollte sie wissen.

Ja“, sagte die Professorin. „Ich war zum O-Hanami – dem Kirschblütenfest – in Japan. Mit einem Foto kann man die ganze Schönheit und den Duft leider nicht einfangen.“

Fiona hätte die Professorin gerne zu jedem dieser Einrichtungsstücke gefragt, wo es herkam und was es bedeutet. Fiona wurde klar, wie wenig sie von der Welt wusste. Ja, sie konnte sich Millionen von Kunstschätzen und Landschaften virtuell anschauen, aber das waren doch nur leblose Nullen und Einsen.

Waren Sie schon mal in Afrika?“, platzte es aus Fiona heraus. Die Professorin schaute sie aufmerksam aus ihren graublauen Augen an.

Nein, in Afrika nicht. Aber ich habe einige Jahre in Japan gelebt. Dort habe ich Bildungskonzepte entwickelt, die sich auf individuelle Lernwege zuschneiden lassen“, sagte Birgit Lindenbaum. „Interessieren Sie sich für Afrika?“

Ja, sehr, aber ich war noch nie dort. Meine Cousine Lena ist gerade als Lehrerin in Kenia. Sie hat mir erzählt, dass man vieles erst richtig versteht, wenn man dort ist. Zum Beispiel hat ein deutscher Sponsor für diese Grundschule iPads und XR-Brillen liefern lassen, aber einige Schulkinder haben noch nicht mal richtige Brillen fürs tägliche Leben! Außerdem können sich die wenigen Lehrerinnen gar nicht um alle Kinder kümmern“, sprudelte Fiona hervor.

Es fehlen auch gute Unterrichtsmaterialien“, fuhr sie fort. „Und der Stoff ist wirklich nur Basiswissen, damit können die jungen Leute im internationalen Wettbewerb nicht mithalten. Und wer kein Geld für ein gute, private High School hat, kann es nur mit besonderem Talent und Ehrgeiz auf eine Uni schaffen. Aber Kenia hat viele Seiten. Mein Lernpartner aus Kenia hat mir von seinem Studium an der Murang’a University erzählt. Ich war erstaunt, wie modern sie dort ausgestattet sind. Aber für sein Stipendium hier in Deutschland war viel Eigeninitiative nötig“, erzählte Fiona.

Ja, das gilt für alle jungen Menschen, egal, wo auf der Welt. In der heutigen Zeit müssen Sie fachlich fit sein, aber auch Ihre Bildungsbiografie aktiv selbst gestalten“, sagte Birgit Lindenbaum.

Ehrlich gesagt fällt mir das mit der Selbststeuerung manchmal schwer. Ich hätte gerne mehr Input von meinen Dozenten. Ich habe das Gefühl, ich gehe gerade in die falsche Richtung…“, gab Fiona zaghaft zu.

Birgit Lindenbaum schwieg. Sie schrieb mit ihrem Füller etwas auf ein dickes Stück Papier und reichte es Fiona.

‘Wanderer, es gibt keinen Weg, der Weg entsteht im Gehen.’ Von Antonio Machado, Gedicht XXIX im Zyklus Kastilianische Landschaften, 1912“, las sie.

Muss ich das kennen? Fiona kramte in ihrem Gedächtnis. Jetzt bloß nichts Falsches sagen.

Äh … schönes Briefpapier“, sagte Fiona.

Das ist von Hand geschöpftes Papier aus Japan“, sagte Lindenbaum lächelnd. Dann reichte sie Fiona aus dem Regal ein Buch, das sehr alt aussah, mit einem Einband aus Leder.

Das hier ist die Übersetzung der „Campos de Castilla“ Gedichte vom Spanischen ins Deutsche von Fritz Vogelsang. Ich habe ein Faible für Lyrik mit etwas Kitsch“, lächelte Lindenbaum. „Sie können ja mal hineinschauen. Wenn Ihnen die Gedichte gefallen, können Sie das Buch behalten … bis es eine neue Leserin findet. Auch Bücher wollen wandern.“

Fiona nahm das wundersame Buch. Beide schwiegen, der Zimmerbrunnen plätscherte.

Es gehört zum Leben, nicht alle Antworten zu kennen“, sagte Birgit Lindenbaum. „Oft lohnt es sich, einen erfahrenen Menschen zu fragen. Was genau ist heute Ihr Anliegen, Fiona?“

Also es geht um die Entscheidung, welche Seminare ich im kommenden Semester belegen soll“, sagte Fiona. Die Professorin rief auf ihrem Notebook das Studierendenprofil von Fiona auf, dort hatte Fiona aus ihrem My-Path-Portfolio ihre bisherigen Studienleistungen und Kompetenzprofile freigeschaltet.

Wie Sie sehen, habe ich in den letzten drei Semestern Module zu Lernpsychologie und Economy & Strategy im Projektmanagement belegt und auch Kompetenzen für K.I. Education Systems erworben“, erklärte Fiona.

Warum denken Sie denn, dass dieser Weg Sie in die falsche Richtung führt, Fiona?“

Ich möchte etwas mit Bildungsentwicklung in Kenia machen. Und mir wird immer klarer, dass es für gute Bildungskonzepte Planerinnen braucht, die Knowhow in Lerntechnologien haben, sich aber auch mit Pädagogik und Projektmanagement auskennen. Aber wenn ich mir die aktuellen Stellenausschreibungen anschaue, finde ich dieses Profil nicht wieder. Vielleicht stelle ich mir auch etwas Unrealistisches vor?“, sagte Fiona.

Das haben Sie gut erkannt. Die Berufsfelder und Technologien entwickeln sich rasant weiter. Sie müssen sich so qualifizieren, dass Sie gut gerüstet sind für die neuen Berufsprofile, die sich heute abzeichnen. Aus meiner Erfahrung mit Bildungsprojekten kann ich Ihnen sagen, dass Sie als medienpädagogische Bildungsmanagerin auf dem zukünftigen Arbeitsmarkt gefragt sein werden“, sagte Lindenbaum.

Ja? Giga!“ rief Fiona erleichtert. „Und in einem bin ich mir seit meinem Praktikum an einer Berliner Grundschule sicher: Mir liegt das Arbeiten mit Kindern. Ich denke, dass ich eine gute Lehrerin werden kann. Dafür fehlen mir aber bisher die pädagogischen Qualifikationen.“

Dann sind Sie bei mir doppelt an der richtigen Adresse“, sagte Birgit Lindenbaum, die nicht nur Studienberaterin, sondern auch Pädagogikprofessorin war. „Gibt es denn im Sommersemester ein pädagogisches Modul, das Sie gerne belegen würden?“

Ja, Ihr Kurs zur pädagogischen Anleitung von Peergroup-Learning interessiert mich sehr. Ich habe dazu Ihre Podcasts angehört.“

Da Sie das Einführungsmodul verpasst haben, kann ich Ihnen einen Quereinstieg mit einer Aufnahmeprüfung anbieten. Dafür schalten Sie mir bis zum 15. März eine Portfolio-Präsentation frei. Darin stellen Sie mir Ihre bisherigen Projekte innerhalb und außerhalb der Universität vor. Als Motivationsschreiben hätte ich gerne, dass Sie Ihren Traumberuf beschreiben und welche Kompetenzen Sie dafür weiterentwickeln möchten.“

Ja, das mache ich gerne, vielen Dank!“, strahlte Fiona.

Professorin Lindenbaum nickte und tippte das Besprochene mit flinken Fingern in ihr Notebook ein.

Als Fiona die Studienberatung leichten Schrittes verließ, sah sie ihren zukünftigen Weg in schillernden Farben vor sich liegen.

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Lernwelten 2030: Kapitel 4 – Virtuelle Wörterwelten: Wissenschaft und Magie

Berlin: Am Campus der Ada Lovelace Universität – 12. Februar 2030, 11 Uhr – Fiona und Kibe besuchen die Learning Library

Warum werden überhaupt Regale aufgestellt, wenn die Bücher fake sind?“, fragte Kibe. Er stand mit Fiona in der Learning Library und hielt eine Buchattrappe aus Pappe in der Hand. Der große Raum wurde von Holzregalen in Bereiche unterteilt, in denen Studierende an Arbeitstischen saßen und leise an ihren Pads arbeiteten. Viele Finger flogen über die Flüstertastaturen der Notebooks. Manche Studierende machten sich Notizen auf Papier.

Ich finde das gemütlich – in dieser Atmo komme ich in Lesestimmung. Und es ist leise“, sagte Fiona. „Pass auf, was gleich um 11 Uhr passiert.“

Ein leiser Gong durchbrach die Stille, die Lichtstimmung änderte sich und es kam Bewegung in den Raum. Einige Studierende verließen ihre Stillarbeitsplätze, andere kamen herein, suchten sich alleine oder in Tandems Plätze und ein leises Murmeln und Rascheln erfüllte den Raum.

Von 7 bis 11 Uhr ist nämlich Stille-Phase angesagt und zwischen 11 und 17 Uhr ist Dialog-Phase, dann ist leises Reden erlaubt. In den Abendstunden ist es dann wieder stiller. Hörst du jetzt dieses busy buzzing? Das klingt wie lauter Arbeiterinnen in einem Bienenstock, findest du nicht? Wenn ich höre, wie die anderen hier fleißig in allen Nischen arbeiten, krieg ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich hier nur herum sagge!“

Kibe lauschte und nickte. Sie machten einen Rundgang durch die Learning Library. Es gab keinen zentralen Lesesaal, wie Kibe es aus klassischen Bibliotheken kannte, sondern viele verschiedene Zonen, die um die Lichthöfe herum angeordnet waren. Während Kibe sich umschaute, lehnte es sich gegen eines der Bücherregale, das plötzlich nachgab, Kibe strauchelte und fand dann geschickt sein Gleichgewicht wieder.

„Was ist das denn für eine wackelige Fehlkonstruktion?“, fragte er.

„Das ist extra so gemacht. Man kann das Regal auf den Rollen verschieben und sich so eine Nische bauen. Siehst du?“, zeigte Fiona ihm den Kniff. „Das mache ich gerne, da drinnen hab ich meine Ruhe und keiner guckt mir über die Schulter. Außerdem kann ich mir eine mobile Leselampe mit reinnehmen.“

Zusätzlich gab es als Leseräume einige Kaminzimmer, wo ein künstlicher Kamin und weiche Ohrensessel für Gemütlichkeit sorgten. Dort waren die Still- und Dialogphasen genau andersherum geregelt als in den anderen Zonen. Gerade abends saßen die Studierenden hier gerne zum Plaudern beisammen.

Dann gingen Kibe und Fiona zu einem der großen Touchscreens, der ihnen die virtuelle Mediathek „ShowMe“ zeigte. Kibe loggte sich ein und schon stand er im dreidimensionalen Foyer eines futuristischen Wolkenkratzers. Schon oft hatte er diesen Raum über sein Smartphone betreten, hatte das Wegesystem durchschritten und Lernobjekte angeschaut. Wenn ihn etwas interessierte, berührte er das Sternicon, dann fand er das Lernobjekt in seinem persönlichen „My Collection Space“ wieder. Noch nie war er an die Grenzen dieses Raums gestoßen, hinter jeder Flurbiegung, hinter jeder Tür fand er neue Medien.

Immer zur Stelle war der virtuelle Suchhelfer Wizard. Der Avatar dieser Künstlichen Intelligenz sah nach Kibes Look-Anpassung wie Shuri aus, der hilfreichen und schönen Schwester vom Superhelden König T’Challa aus seinem Lieblingsfilm Black Panther. Der Wizard verarbeitete zu den gängigen Forschungsthemen alle wissenschaftlichen Textveröffentlichungen und Lernmedien in den meistgesprochenen Sprachen der Welt. Dabei konnte er mehr als eine althergebrachte Suche nach Schlagwörtern und Hashtags, denn schließlich war er ein „smarter Wissenschaftler“, wie er für sich warb. Der Wizard durchsuchte auch die Literaturverzeichnisse, Referenzen, Zitate, Querverweise, Verlinkungen, Peer-Reviews, User Bewertungen und auch wie oft ein Lernobjekt aufgerufen und von den Usern für ihre Collection „gesammelt“ wurde. Er tauschte außerdem Daten mit Online-Warenhäusern aus und wusste, wie oft welche Bücher und Medien heruntergeladen, gestreamed und gekauft wurden. So konnte er ermitteln, welche Texte und Medien aufeinander Bezug nahmen, welche besonders beliebt, unbeliebt oder heftig diskutiert wurden.

Kibe und Fiona fragten den Wizard nun nach Wissenschaftsliteratur zu Bildungsförderprojekten in Kenia. Sofort zeigte ihnen der Wizard eine Hashtag-Wolke und eine vernetzte Visualisierung von Publikationstiteln erschien wie von Zauberhand auf dem Bildschirm.

Fiona stutzte: „Häh? Diese drei Titel landen bei meiner Suche fast immer im Topptipp.“

Das liegt daran, dass der Wizard käuflich ist“, sagte Kibe. „Das ist genauso wie bei Amazon, da sind die guten Kundenbewertungen auch fake und gekauft.“

Echt? Solche Mechanismen kenne ich von Fantasyromanen im Online-Buchhandel. Gerade wird „Fifty shades of mist“ so zum Erfolg gehyped. Aber dass der Wizard der Unis auch so manipuliert wird? Das kann ich kaum glauben!“, wandte Fiona ein.

Ich habe letzten Sommer virtuell an einem MOOC [Massive Open Online Course] hier an der Ada Lovelace Universität teilgenommen“, erklärte Kibe. „Ich wollte mehr über wissenschaftliches Arbeiten lernen, weil das im Studiengang an meiner Heimatuni nicht vorkommt. Dabei habe ich gelernt, wie ich erkenne, welche Fachliteratur gute Qualität hat und ob sie seriös ist. Einige Autoren schreiben nämlich einfach das Forschungsergebnis rein, das ihre Auftraggeber haben wollen.“

Ah, du hast Recht! Das ist ja wie verstecktes Produktsponsoring!“, rief Fiona.

Und guck dir mal die Toppautoren zu Bildungsentwicklung in Kenia an“, sagte Kibe. „Das sind doch amerikanische Autoren, die das Leben in Kenia nur von außen kennen. Wenn du was Echtes über Bildungsprojekte lesen willst, dann lies Erfahrungsberichte von Einheimischen.“ Kibe zeigte Fiona zwei autobiografische Blogs auf seinem Smartphone. „Aber der Wizard kennt diese Art von Literatur gar nicht!“

Ja, mit all so künstlerischen Sachen wie Autobiografien, Romanen, Filmen und Serien hat der Wizard nichts am Hut, dieser alte Kulturmuffel“, sagte Fiona. „Und die Klatschpresse kennt er auch nicht, aber das spricht eigentlich für seinen guten Geschmack“, kicherte sie.

Fiona schaute auf die Uhr ihres Smartphones.

Jetzt müssen wir los zum Science Incubator in Berlin-Spandau. In einer halben Stunde fängt dort unser Workshop im Lernlabor von FUTURA an,“ sagte sie. „Die höheren Semester haben mir erzählt, dass man früher mit den U-Bahnen und Bussen von hier in Dahlem bis Spandau fast eine Stunde gebraucht hat. Jetzt nehmen wir einfach die Seilbahn, die ist super praktisch: umweltclean, leise und schnell! Bald soll es noch mehr davon in Berlin geben, denn der Smog und die verstopften Straßen nerven echt. Auch in den U-Bahnen ist es oft voll und stickig.“

Sie kamen bei der Seilbahnstation an. Dort wartete Nele auf sie, die Lernpsychologie studierte und zu ihrem interdisziplinären Workshopteam gehörte. Nele stürmte auf Fiona zu und sprudelte los:

Hast du schon das neuste Video von Estello gesehen?“ Sie zeigte Fiona auf InstaREAL wie der schöne Italiener auf dem roten Teppich in Cannes an der Seite der Pop Prinzessin Louane posierte.

Ob die Gerüchte stimmen, dass zwischen den beiden was läuft?“

Nee, guck dir mal ihr Styling an. Fail! Sie passt gar nicht zu ihm“, rettete Fiona den Traum von Estellos Singlestatus.

Guck, gerade hat Estello auf meinen Kommentar geantwortet“, jubilierte Nele. „Giga! Er erinnert sich sogar, dass ich ihn gefragt hatte, was seine neue RoleXX alles kann!“ Nele sprach in ihr Smartphone: „Ah, deine Watch ist fly! Wenn du sie mir schenkst, muss ich mir nicht das hässliche Fitnessarmband von meiner Omi leihen“, setzte sie den Flirt fort.

Kibe fiel auf, wie mühelos dieser Influencer die Mädels um seine Finger wickelte.

Jetzt erst bemerkte Nele ihn.

Ah, hi, bist du Fionas Mentee Kibe? Ich hab dich schon als Black-Panther-Avatar in unserem SimSeminar gesehen. In Reality siehst du ja aus wie wir! Ich dachte, dass du einen Kimono trägst“, sagte Nele und klang enttäuscht.

Nein, Kimonos trägt man nur in Japan. In Kenia heißt unsere traditionelle Kleidung Kanga. Dieses Stofftuch ist mit einem farbigen Muster bedruckt … und oft auch mit einem afrikanischen Sprichwort“, erklärte Kibe geduldig. „Frauen wickeln sich die Kanga um den Oberkörper als Kleid und auch als Tragetuch für ihre Kinder. Männer wickeln sich die Kanga um die Taille. Heutzutage tragen die meisten Leute die Kanga aber nur zu besonderen Festtagen.“

Kibe zeigte Nele und Fiona ein paar Fotos auf seinem Smartphone.

Diese Fotos sind vom letzten Sommer, da fand in meinem Heimatdorf eine große Hochzeitsfeier statt, dafür haben einige ihre Kanga angezogen. Sogar ich. Ihr könnt hier sehen, dass der Stoff bei uns Kikuyu viel braune Farbe hat. Bei den Massai hat die Kanga mehr rote Muster.“

Das sieht echt nice aus“, fand Fiona. „Ich würde auch gerne mal eine Kanga tragen!“ Auch Nele war begeistert und abonnierte sofort den Hashtag #kanga auf InstaREAL.

Dann stiegen sie in eine Seilbahnkabine und schwebten hoch über die Stadt hinweg, sogar die Sonne zeigte sich. „Wow, das ist ein ganz anderes Feeling als die google Earth Simulation von Berlin“, sagte Kibe.

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Lernwelten 2030: Kapitel 3 – Ein Learning Center mit vielen Gesichtern

Berlin: Am Campus der Ada Lovelace Universität – 8. Februar 2030, 10 Uhr – Kibe lernt Fiona und den Campus kennen

Hallo Fiona“, sagte Kibe und schüttelte höflich ihre Hand. Sie standen sich zum ersten Mal leibhaftig gegenüber. „Sie ist zierlicher als ihr Avatar und ihre Augen leuchten viel wärmer“, schoss es Kibe durch den Kopf.

Toll, dass du endlich hier bist“, strahlte Fiona und umarmte ihn. „Karibu“, versuchte sich Fiona an einem Willkommensgruß auf Swahili. „Wie war deine Reise? Fühlst du dich im Wohnheim wohl?“

Kibe erzählte ihr, dass er sich in den letzten Tagen gut eingelebt hatte.

Du sprichst so gut Englisch und Deutsch“, bemerkte Fiona. „Wie hast du das gelernt?“

Meine Muttersprache ist Kikuyu, sie wird in der Gegend um Nairobi gesprochen. In Kenia gibt es ganz viele Volksstämme mit eigenen Sprachen. Damit wir alle miteinander reden können, lernen wir schon in der Grundschule Swahili und Englisch. Diese beiden Sprachen hört man auch im Radio, Fernsehen und Web. Deutsch habe ich mit Online-Tutorials gelernt.“ Kibe zeigte Fiona auf seinem Smartphone seinen Sprachtrainer und wie er auch bei seinem Learning Content Untertitel in verschiedenen Sprachen einschalten konnte.

Look, ich habe eine smarte Translation App, die gerade unser Gespräch mithört und mir sofort eine Übersetzung in Swahili zeigt“, sagte Kibe.

Dann kann ich ja losplappern“, lachte Fiona. „Komm, jetzt zeige ich dir unseren Campus. Hier gibt es ein paar Sachen, die du noch nicht vom SimCampus kennst.“

Sie standen gerade in der Mitte des Meet and Greet Foyers im belebten Learning Center.

Guck, hier im Open Space kannst du dir aussuchen, was du gerade brauchst. Wenn du was essen und mit Freunden chillen willst, dann ist das Café das Richtige. Du kannst dein Essen auch in die Lounge nebenan mitnehmen“, erklärte Fiona Kibe. „Wenn du was Unimäßiges mit anderen besprechen willst, gehst du lieber in die ruhigeren Lernareale.“

Fiona führte Kibe ein Stück weiter, sie gelangten in einen riesigen Raum, der von einer Glaskuppel überspannt war. Dort oben schwebten farbige Stoffbahnen wie Drachen am Himmel, sie fingen den Schall ein. Der Boden und die Wände waren mit dunklem Filz verkleidet, von dem sich die Sitzlandschaft mit ihren fröhlichen Farben abhob. Viele der überkopfhohen Sitzmöbel waren so arrangiert, dass sie kleine Häuser bildeten. Aus ihnen drang gedämpftes Gemurmel, viele Lernteams waren gerade aktiv.

Dieser Bereich wird The Village genannt, weil es eine Art Lerndorf ist“, erklärte Fiona leise. „Guck, hier hinter diesen Polsterwänden verstecken sich gemütliche Sitzbänke rund um einen Tisch, da können sechs Leute zusammenarbeiten. Auf den Schildern steht „Soundroom“, weil sie schallgeschützt sind, aber wir nennen die Dinger einfach Sofahütten. Sie haben kein Dach und es kommen Licht und frische Luft von oben rein. Natürlich gibt es außerdem Leselampen und eine Klimaanlage. Am schönsten finde ich, wenn es draußen dunkel wird und in der Glaskuppel ein Sternenhimmel aufgeht. Okay, die Sterne sind fake, aber das Feeling ist fab“, schwärmte Fiona.

Was Kibe am besten gefiel, waren die „Green Walls“, die überall zu sehen waren. Auf diesen Wänden wuchs echtes Moos. Kibe wusste, wie wichtig solche Mooswände waren, um die Luft in den Städten zu filtern und zu kühlen.

Im Sommer werden die Betonfassaden zum reinsten Backofen“, erzählte Fiona. „Deshalb wurden hier am Campus und in der Innenstadt so viele Mooswände und hängende Garten gebaut. Bei Neubauten nimmt man direkt viel Holz für drinnen und draußen, das sorgt für ein gutes Klima und verbraucht wenig Energie.“

In Kenia benutzen wir Holz schon seit vielen Jahren zum Bauen“, sagte Kibe.

Kibe berührte das samtige Moos und sog das würzige Aroma ein. „Das erinnert mich an die Wiesen daheim in der Regenzeit.“

Fiona fragte Kibe mit Feuereifer nach all den Pflanzen und Tieren, die in seiner Heimat, der Hochebene beim Mount-Kenya-Massiv, lebten.

Wo wir gerade von Natur reden: Komm mit in unseren Learning Forest“, sagte Fiona und führte Kibe in eine Halle, die mit ihren vielen Pflanzen, Bäumen und Vogelstimmen einen Wald vortäuschte. Aus hygienischen Gründen waren nur die Pflanzen im Freilichtinnenhof lebendig. Die Holzverkleidung der Wände und die Möbel waren aus Echtholz, wie Kibe an den Astlöchern und Ritzen sah. Sie gingen mit lautlosen Schritten über den grünen Filzteppich. Es gab hier in verschiedenen Nischen Sitzgruppen für Lernende und auch auf den Hochplateaus konnte man abgeschirmt sitzen. Fiona nannte sie Baumhäuser.

In der Mitte lag das „Lagerfeuer“, ein digitaler SmartCube, um den rundum Holzsitzbänke treppenförmig angeordnet waren. Gerade saß dort eine Gruppe von Studierenden, die sich Artefakte virtuell am SmartCube ansah und besprach. Einige riefen virtuelle Objekte auf ihren Smartphones auf, platzierten sie im Raum und umkreisten sie mit Blick aufs Smartphone im Gehen. Andere trugen Mixed-Reality-Brillen zum Ansehen der virtuellen Objekte, die den physischen Raum überlagerten.

Hier wird nicht nur gelernt. Wenn das fake Lagerfeuer brennt, liegen die Leute hier auch gerne rum und quatschen. Ich nenne das ganze Ding Finnische Sauna … weil es halt so aussieht“, scherzte Fiona. In ihr Smartphone sagte sie zu ihrer K.I. Assistentin: „KIM, bestell mir einen Aufguss mit Aroma ‚Fichtenwald‘, in 10 Minuten“.

Es dauerte etwas länger als sonst bis KIM antwortete, erst musste sie Fionas Standort über GPS orten und einige Informationen im Netz suchen:

Du befindest dich im Lovelace Learning Center. Dieses Gebäude verfügt nicht über eine Sauna. Das nächste Saunacenter befindet sich in der Schützallee Nummer 6. Die Entfernung beträgt 3,2 Kilometer. Soll ich dir den Weg zeigen?“

KIM, das war ein Witz! Merk dir das“, versuchte Fiona, KIM zu erziehen.

Kibe hatte den Dialog amüsiert verfolgt. „Mein K.I. Assistent kapiert auch einige Sachen nicht, deshalb nenne ich ihn Kevin“, sagte Kibe und beide brachen in Gelächter aus.

Sie gingen ein Stück weiter. In einigen Zonen gab es verschließbare gläserne Räume.

Wenn du es noch leiser haben willst, kannst du in einen Gruppenarbeitsraum gehen, den musst du aber vorher übers Campusbuchungssystem reservieren“, erklärte Fiona. „Es gibt eine große Auswahl von solchen Räumen am Campus in verschiedenen Größen und Ausstattungen.“

Sie standen gerade vor einer Glaswand und blickten in einen Gruppenarbeitsraum, in dem vier Studierende an einem großen Smartboard standen.

Stört es euch nicht, wenn jeder reingucken kann?“, fragte Kibe.

Dafür gibt es einen Trick: Wenn du den Privatsphäre-Modus aktivierst, verwandelt sich die Scheibe in Milchglas, das ist irgendwie ein chemischer Prozess“, sagte Fiona. Sie zeigte ihm diese Funktion und Kibe staunte, als sich die Scheibe wie von Zauberhand verwandelte und der gläserne Raum aussah, wie mit Zuckerguss überzogen.

Wir nennen diesen Modus auch „Zuckerberg-Filter““, erklärte Fiona und zwinkerte Kibe zu.

Dann führte Fiona Kibe in die zweite Etage des Learning Centers, den Creative Floor.

Komm, ich zeig dir den Idea Market. Dort kann jeder seine Projekte und Ideen mit Postern, Exponaten und multimedialen Showcases vorstellen. Wenn man die Projektleute persönlich treffen will, geht man dort zur „Meet and Talk Time“, die fängt jetzt gleich um 12 Uhr an“, erzählte Fiona.

Sie gingen zum Stand von Fionas deutschtürkischen Freunden Nesrin und Serkan, sie studierte Kulturwissenschaften und er Pädagogik. Sie warben dort für ihre multimediale Märchenausstellung „Gretel trifft Aladin“. Sie handelte davon, wie die Grimm‘sche Märchenheldin einst mit Aladin die Wunderlampe in der Welt von 1001 Nacht suchte und ein Knusperhaus fand. Fiona hatte an der virtuellen Schnitzeljagd mitgearbeitet. Diese Erlebnisausstellung war im Exhibition and Performance Space am Campus zu erleben. In dieser Mehrzweckhalle mit Auditorium fanden alle Kunstprojekte statt. Das Märchenprojekt war eine Zusammenarbeit mit einer Berliner Schauspielschule, die dort einmal im Monat „Hänsel und Gretel“ als Theaterstück aufführte.

Morgen sehe ich mir die Ausstellung an, ich bin sehr gespannt!“, sagte Kibe.

Willst du wissen, wo solche Ideen entstehen?“, fragte Fiona.

Kibe ahnte die Antwort: „Dafür wäre das Creative Mashup Board gut!“

Er kannte dieses Board aus vom SimCampus. Sie gingen in den Nebenraum, wo ein wandfüllendes Whiteboard mit einer riesigen Bild-und-Wort-Collage hing. Dort am Mashup Board konnten alle Studierenden ihre Ideen anschreiben, anmalen und alles Mögliche wie Fotos, Poster, Zeitungsartikel oder Stoffe mit Magneten befestigen und mit Wollfäden Querverbindungen zeigen. Auch QR-Codes mit Links zu Online-Content waren zu sehen.

Im letzten Sommer hatten Kibe und Fiona an einer virtuellen „Utopiewerkstatt“ teilgenommen. Dort hatte die Dozentin die Collage zum Thema Zukunftsträume abfotografiert und in eine virtuelle Kreativleinwand eingebunden. Die Studierenden hatten dann digitale Artefakte und Texte ergänzt.

Das Mashup Board wurde von einer Studierendengruppe betrieben. Jeder konnte Diskussionsthemen aufschreiben und mitmachen. Am ersten Tag jeden Monats wurde das Whiteboard geleert. Fiona hatte vor ein paar Tagen diese Frage aufgeschrieben:

Dein Prof hat dich mit einer old school Powerpoint-Präsentation beauftragt. Nun stehst du im Seminarraum vor lauter Leuten mit zero Motivation. Was tun?“ Dazu gab es schon viele bildreiche Beiträge. Fiona machte ein Foto von dem aktuellen Stand und fügte es in ihr My-Path-Portfolio ein.

Ein Stück weiter befand sich ein großer Maker Space, dazwischen lag The Beach, ein Entspannungsareal mit sandfarbenem Boden und Strandkörben. Hier machten Fiona und Kibe nun eine Pause und aßen vegane Frühlingsrollen aus dem Snackautomaten. Dann saßen sie schweigend in ihren Strandkörben und beide war in ihr InstaREAL vertieft. Kibe stellte ein 360-Grad-Video mit immersion effect ein, das er im Learning Forest gemacht hatte und bekam sofort 77 Likes von ein paar Freunden und vielen Fremden. An seine Mutter sendete er ein happy Selfie von sich und Fiona. „Wir sehen aus wie alte Freunde. Dabei haben wir uns erst vor zwei Stunden in Real Facetime kennengelernt … seltsam“, dachte er.

Plötzlich fühlte er sich erschöpft von den vielen neuen Eindrücken und sehnte sich nach dem vertrauten Blick aus seinem Fenster daheim auf die glitzernden Gletscher des Mount-Kenya-Massivs. Hier beim künstlichen „Beach“ standen die Strandkörbe vor einem Panoramafenster und Kibe ließ nun seinen Blick über die Parklandschaft des Campus‘ wandern. Dunkle Stämme und Zweige ragten wie Geistergestalten aus Nebelschwaden hervor. „Wie lange wird es wohl dauern, bis ich in dieser neuen Umgebung den Durchblick haben werde?“, fragte er sich.

Als nächstes gingen sie in den Study Complex, der neben dem Learning Center lag. Dort gab es Seminarräume für Lehrveranstaltungen, Gruppenarbeitsräume, Project Labs, einige Büros für die Professorinnen und Professoren und einen großen Co-Working Space. Nur wenige der Lehrenden hatten hier ein eigenes Büro, die meisten arbeiteten im Home Office und kamen nur für Seminare, Besprechungen und gemeinsame Projektarbeiten auf den Campus.

Ihren Lieblingsort hatte Fiona als großes Finale des Rundgangs aufgehoben: den Rooftop Garden.

Wenn der Dachgarten nicht gerade Winterschlaf macht, blühen hier ganz viele Blumen und man kann sich sonnen oder im Schatten saggen“, erzählte Fiona. „Im Gewächshaus werden das ganze Jahr über Gemüse und Kräuter für unsere Cafeteria angebaut. Meine Öko-Gruppe hat erreicht, dass die Cafeteria an zwei Tagen ein rein vegetarisches Angebot hat. Wir Studis können an unserer Uni echt was bewirken. Und hier in der beheizten Orangerie gibt es diese Kokonsessel, ein Geheimtipp, wenn man in Ruhe was arbeiten will. Es gibt auch Leute, die dort gar keine Unisachen lernen, sondern in Fantasyromanen schmökern…“, sagte Fiona und ihre Augen funkelten schelmisch.

Foto von Dorit Günther: LEO Universität Kassel, 2019
Foto von geralt, frei nutzbar nach Pixabay License

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Begriffserläuterungen: Digitales und Kenia

Bezugspunkte: Fachliteratur und Populärkultur

Personen und Schauplätze

Die Autorinnen stellen sich vor

Titelbild: Foto von Dorit Günther: Bibliothek der FU Berlin, 2017

Lernwelten 2030: Kapitel 2 – Zukunftsträume in Berlin mit Bongos aus Afrika

Deutschland: Berlin Dahlem, Fionas Zuhause – 4. Februar 2030, 6:55 Uhr Fiona frühstückt mit ihrem Vater und geht zum Campus

Fiona träumte wieder von diesem Baum, der sich wie ein wütender Riese aus dem Betonboden der Universitätsbibliothek erhob. An seinen knorrigen Armen hingen anstelle von Laub die Seiten alter Bücher. Er fegte seine Äste durch die leeren Regale und Tischreihen und seine Buchblätter fielen zu Boden wie welkes Laub. Sie lief hilflos auf dem Blätterteppich aus bedruckten Seiten umher und versuchte, den Wüterich zu besänftigen. Sie war verantwortlich für die Rettung des Bücherbaums, er war der letzte seiner Art! Trommelnde Bongos rissen sie aus ihrem Traum und sie setzte sich ruckartig im Bett auf. Blinzelnd orientierte sie sich im Zimmer. Auf dem wandfüllenden Display neben ihrem Bett war die Sonne in der afrikanischen Savanne bereits aufgegangen und einige Giraffen näherten sich der Wasserstelle. Täuschend echt war auch die Wärme, die aus dieser Savanne ins Zimmer strahlte. Obwohl die ThermoSkin vor ihren Fenstern heruntergefahren war, wusste sie, dass Berlin noch im Dunkeln lag. Das Trommeln kam nun näher, wurde lauter.

Lass mich schlafen“, murmelte Fiona in Richtung von KIM, aber diese schien sie nicht zu hören, denn die Bongos hörten nicht auf. „Ruhe“, rief Fiona nun energisch, aber wirkungslos. Sie tastete nach ihrem Smartphone. Kein Wunder, dass ihre SmartAssistentin KIM sie nicht hörte, denn deren Sprachsensor war tief vergraben unter dem Quilt, an dem Fiona gestern Abend genäht hatte.

Schluss mit den Bongos, ich stehe jetzt auf“, sagte sie zu KIM. Augenblicklich befahl KIM dem Soundsurroundsystem des Zimmers, den Bongoweckruf auszuschalten. Seit Fiona vor zwei Jahren auf der Abiturfeier ihrer Waldorfschule bei der Bongo-Aufführung mitgespielt hatte, liebte sie den Klang der Bongos. Sie sind der Ruf Afrikas, fand Fiona.

Guten Morgen, Schlafmütze, mach dich fertig für die Uni“, sagte die Stimme von KIM im Strict Mummy-Klangmodus, den Fiona ausgewählt hatte. „Okay, KIM. Bereite mir mein Frühstück Fresh2 vor, fertig in 40 Minuten.“

Sie ging ins Bad, wo KIM vor einer Viertelstunde die Bodenheizung angeschaltet hatte. Die Lichtsensoren erkannten den Badezimmergast und die Lampen strahlten Weißlicht auf Fionas Netzhaut zur Anhebung ihres Serotoninspiegels für eine energiereiche Morgenstimmung. Während die warmen Ströme der Regenwalddusche Fiona auf Kopf und Schultern plätscherten, dachte sie an den Baum mit seinen Blättern aus Buchseiten in ihrem Traum. Der war echt seltsam. An ihrer Universität gab es gar keine klassische Bibliothek mehr, stattdessen sorgten Buchattrappen in der Learning Library für eine nostalgische Lernatmosphäre. Alle Bibliotheken dieser Welt standen ihr offen, sie musste nur die virtuellen Türen auf ihrem Smartphone oder auf einem der Displays am Campus öffnen und eintreten. KIM und der K.I. Wizard der Mediathek halfen ihr, alles Gesuchte schnell zu finden.

Während Fiona ihre widerspenstigen Locken stylte, las KIM ihr die Termine des Tages vor. Fiona sagte: „KIM, reserviere einen Gruppenarbeitsraum für 6 Personen im Study Complex C und lade meine Lerngruppe WaldiForever ein. Uhrzeit: zwischen 12 und 16 Uhr, Dauer: 75 Minuten. Automatischen Abgleich mit den Kalendern der Teilnehmenden aktivieren.“

Die Raumreservierung war erfolgreich. Zwei der vier Eingeladenen haben bereits zugesagt“, sagte KIM ihr kurz darauf im Stimmmodus Happy Helper. Seit dem neusten K.I.-Update konnte die smarte Assistentin auch auf Emotionen in Fionas Stimme reagieren. Gerade brachte Fiona ihr bei, auf gefühlsaufgeladene Ausdrücke und Stimmlagen zu reagieren. Wenn Fiona wütend klang, sagte KIM etwas Beschwichtigendes. Wenn Fiona niedergeschlagen klang, lieferte KIM etwas Aufmunterndes. Giga witzig, fand Fiona. Nur Ironie kapierte KIM nie.

Als Fiona in die Wohnküche kam, saß ihr Vater Steven schon am wabenförmigen Tisch, den Blick auf das Display seines All-in-One-Pads gerichtet, ausgestattet mit K.I. Features aus seiner Firma. Er las Nachrichten, ein Sensor erkannte die Bewegung seiner Pupillen und folgte seiner Lesegeschwindigkeit, ein Wischen auf dem Pad war so nicht mehr nötig. Das war sehr praktisch, wenn man während des Lesens essen wollte. Ihr Vater brauchte dafür aber ohnehin nur eine Hand, denn sein Frühstück nahm er in Form eines Healthy-Drinks zu sich, der alle nötigen Nährstoffe perfekt auf ihn zugeschnitten lieferte. Das war das Richtige nach seinem Fitnessprogramm am frühen Morgen.

Fiona nahm den bei KIM bestellten Fair Trade Kakao und den frisch gepressten Orangensaft aus der SmartKitchen-Maschine. Sie verschlabberte etwas vom Saft und ROB surrte herbei, um die kleine Lache vom Boden aufzuwischen. Der Reinigungsroboter sah wie ein kleines Ufo aus, hatte aber Allüren wie ein Kater, fand Fiona. Wenn er im Schlafmodus war, stupste sie ihn gerne mit der Fußspitze an, dann miaute er beleidigt.

Wie läuft es im Studium?“, fragte Steven seine Tochter und blickte von seinem Pad auf.

Alles im grünen Bereich.“ Was sollte diese Frage von ihrem Vater? Nachdem sie ihm die Zustimmung abgerungen hatte, in diesem Semester das kostenpflichtige Zusatzmodul „Nachhaltige Entwicklungsstrategien für Bildung in Schwellenländern“ belegen zu dürfen, hatte sie ihm widerwillig die Funktion PPP (Peek for proud parents) freigeschaltet. Nun bekam ihr Vater automatisch jeden Monat eine Zusammenfassung ihrer angesammelten Credit Points und Warnmeldungen, wenn sie den Level von 70 Prozent Lernbeteiligung unterschritt.

Ich habe dich für das Praktikum im Juli bei uns in der Big Data Abteilung eingelogged“, sagte er. Ihr Vater leitete die Softwareentwicklungsfirma FUTURA und wollte, dass sie in ein paar Jahren in seine Fußstapfen treten würde.

Danke, Papa“, murmelte Fiona und holte sich eine Maismilch im Softpack und Quinoaflocken aus dem Schrank.

Du könntest schon etwas begeisterter klingen“, sagte ihr Vater.

Sorry, ich hab meinen Enthusi-Modus noch nicht eingeschaltet“, gab sie mürrisch zurück.

Sie ließ ein paar Quinoaflocken auf den Boden fallen, damit ROB etwas zu tun hatte.

Das wird halt zeitlich eng, wenn ich im Sommer für drei Wochen zu Lena nach Kenia fliege“, warf Fiona ein.

Dass deine Cousine mit ihren kenianischen Schülerinnen Mangobäume pflanzt in allen Ehren – aber du qualifizierst dich für anspruchsvollere Arbeiten mit Education SmartSystems. Steck deine Energie lieber da rein“, mahnte ihr Vater. „Mit Bildung hilfst du den strukturschwachen Ländern am effektivsten. Deshalb ist FUTURA genau das Richtige für dich.“

Trotzdem bringt das smarte Education Zeug nichts, wenn vielen Menschen immer noch die einfachsten Dinge fehlen!“, meldete sich Fionas Temperament.

Der digitale Markt in Afrika ist fest in den Händen der großen Player“, sagte Steven.

Diese scheiß Datenkapitalisten stürzen sich bestimmt nicht aus Menschenliebe auf Afrika!“, rief Fiona.

Ruhig Blut, Fiona“, schaltete sich KIM ein und begann, „Don’t worry, be happy“ aus Fionas Playlist abzuspielen. „Du nervst“, sagte Fiona in Richtung ihres Smartphones und KIM machte die Musik leiser. Dann musste Fiona doch grinsen, die gute Laune des Retrosongs sprang einfach über.

Ihr Vater nahm den Faden wieder auf: „Jedenfalls bietet unser neues FUTURA Projekt SmartEduTech in Peking die besten Perspektiven für junge Upstarter – auch für dich!“

Papa, jetzt fang nicht schon wieder mit Peking an!“, stöhnte Fiona.

Wir werden sehen“, lenkte ihr Vater ein. Während Fiona ihr Müsli aß und aus dem Fenster hinaus träumte, betrachtete Steven seine Tochter mit Vaterstolz. Mit ihren wilden, kastanienbraunen Locken und den schelmischen Grübchen sah Fiona kindlicher aus, als die Kajalumrahmung der Augen und der pinke Lipgloss glauben machen wollten. Es kam ihm vor, als sei es erst gestern gewesen, als die vierjährige Fiona auf seinen Schultern geritten war und jauchzend an seinen Haaren gezogen hatte, um das ungestüme Zebra zu lenken.

Auf Stevens Pad poppte eine Meldung auf: Das Elektroauto in der Garage war fertig aufgeladen. Seine Augen befahlen dem digitalen Assistenten, das Auto vorfahren zu lassen. Heute hatte er ein face-to-face Meeting im Co-Working-Lab der Universität.

Soll ich dich im Auto mitnehmen?“, fragte er.

Nein, ich gehe lieber zu Fuß. Ich muss unterwegs noch einen Projektbericht ins My-Path-Portfolio einsprechen.“

Fiona machte sich auf den Weg und diktierte im Gehen ein paar Sätze in das digitale Portfolio. Dann öffnete sie dort ihren smarten Zeit- und Lernplaner und verschob einen Task, den sie am Vortag nicht erledigt hatte, auf den übernächsten Tag.

Mist, das schiebe ich ständig vor mir her“, murmelte sie, was sie sofort bereute, denn KIMs Spracherkennung reagierte auf solche „Prokrastinationssätze“ und meldete sich nun in ihrer Rolle als Study Coach:

Fiona, was höre ich da?“, sagte KIM in ihrer strengen Stimme. „Dein Portfolio meldet mir, dass du den Task „EconomyTest“ zum dritten Mal nicht erledigt und verschoben hast. In deiner Activity Schedule hast du heute einen Free Slot zwischen 13:45 und 14:30 Uhr. Soll ich den Task „EconomyTest“ in diesem Slot einbuchen?“

Nein“, sagte Fiona laut und blockierte die Study-Coach-Funktion, bevor KIM widersprechen konnte.

Der Weg zum Campus führte Fiona nun durch ein kleines Waldstück. Hier steckte sie ihr Smartphone weg, lauschte in die winterliche Stille und sog den natürlichen Duft der Fichtennadeln ein. Der Kunstschnee auf den Tannenzweigen funkelte im Sonnenlicht und unter ihren Stiefeln knirschte das weiße Pulver – das war ein Klangeffekt, an dem die Hersteller vom „Winterzauber“ lange getüftelt hatten. In Fionas Kindheit gab es noch richtig kalte Winter und echten Schnee in Berlin. Jetzt musste sie die Winter-Illusion mit Erinnerungen ausfüllen.

Fotos von geralt, frei nutzbar nach Pixabay Licence

Schnee, Sun, Junge Fichte, Schneeverwehung

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Begriffserläuterungen: Digitales und Kenia

Bezugspunkte: Fachliteratur und Populärkultur

Personen und Schauplätze

Die Autorinnen stellen sich vor

CC: Titelbild: Foto von congerdesign auf Pixabay

Lernwelten 2030: Kapitel 1 – Zukunftsträume fliegen von einer afrikanischen Bastmatte nach Berlin

Liebe Leserinnen und Leser meines Blogs: Hiermit ist der Startschuss gefallen für die Fortsetzungsgeschichte “Lernwelten 2030 – Zusammenstoß ungleicher Lernkulturen” von Dorit Günther und Ulrike Günther.

In dieser Verquickung von fiktionaler Erzählfreude und einer wissenschaftsbasierten Zukunftsvision zu Lernräumen und -technologien möchten wir euch ins Jahr 2030 entführen: an der Seite des kenianischen Studenten Kibe und der deutschen Studentin Fiona geht es nach Kenia und an eine Hochschule in Berlin.

Ich wünsche euch einen unterhaltsamen Einstieg mit dem ersten Kapitel:

Kapitel 1 – Zukunftsträume fliegen von einer afrikanischen Bastmatte nach Berlin

Kenia: Ein Dorf bei Murang’a, Kibes Zuhause 4. Februar 2030, 6:45 Uhr Kibe frühstückt mit seiner Mutter und macht sich auf die Reise nach Berlin

Wach auf, Kibe. Ni tha cia gukira. Es ist Zeit, aufzustehen“, hörte Kibe die Stimme seiner Mutter und spürte ihre warme Hand sanft auf seiner Schulter. „Ich fange jetzt an, unser Frühstück zu kochen“, sagte sie und ging.

Kibe setzte sich auf und blickte benommen um sich. Eben war er noch im Traum mit schweren Beinen über den Berliner Campus gerannt, er wusste, dass er für seine Präsentation zu spät kam, aber immer, wenn er sich der Tür zum Workshopraum näherte, verwandelte das 3D-Morphing sie in etwas Seltsames und alles drehte sich. Jetzt tastete er nach Halt und spürte die Bastmatte unter seinen Füßen. Seine Orientierung kehrte zurück, er war im Zimmer seiner Kindheit. Die Morgensonne schien durch die Ritzen der Holzläden herein und an der Wand gegenüber sah er das vertraute Poster seines Lieblingsfilms Black Panther. Ja, das war sein Zuhause. Aber der Besuch bei seiner Mutter war nur kurz, denn heute reiste er nach Berlin, um sein Stipendium an der renommierten Ada Lovelace Universität anzutreten. Zwei Jahre würde er fort sein. Beim Gedanken daran, dass er diese ferne Stadt, die er bisher nur als virtuelles Abbild kannte, morgen in Echt erkunden würde, kribbelte es in seinem Magen.

Kibe ging ins Badezimmer, das im Garten lag, und duschte sich kurz. Aus alter Gewohnheit passte er auf, kein Wasser zu verschwenden. Er erinnerte sich gut an die schweren Wassereimer, die er als Kind jeden Tag vom Dorfbrunnen nach Hause getragen hatte. Was für ein Luxus, dass das frische Wasser nun aus der Leitung floss und von der Instant Shower sogar erwärmt wurde!

Als Kibe in die kleine Küche kam, stand sein Frühstück bereits auf dem Tisch. Er ließ sich den schwarzen Tee und sein Lieblingsgericht Githeri aus gekochtem Mais mit Bohnen, Kartoffeln und Grünkohl schmecken. Seine Mutter Mukami betrachtete ihn, wie er mit seinen breiten Schultern an dem kleinen Küchentisch saß. Er hatte die starken Hände eines Arbeiters, aber in seinem Kopf drehten sich feine Rädchen und bewegten große Träume von fernen Dingen, die Mukami nicht kannte.

Für die Reise packe ich dir Ugali mit Sukuma ein. Hoffentlich verträgst du das Essen in Deutschland“, sagte Mukami.

„Mach dir keine Sorgen, Mama, ich bin 26 Jahre alt und werde gut auf mich aufpassen“, sagte Kibe. „Ich bin gespannt auf all die neuen Sachen.“

Als du mit Vierzehn auf die gute High School in Nairobi gegangen bist, hast du wenigstens bei deinem großen Bruder gewohnt.“

In Berlin warten auch nette Menschen auf mich“, beruhigte Kibe sie.

Diese Leute kennst du doch nur aus SimCampus, wer weiß, wie die in Wirklichkeit sind!“

Kibe hatte seiner Mutter gestern die virtuelle Campuswelt, an der er seit zwei Semestern ein Fernstudium machte, auf seinem Notebook gezeigt. In dieser fotorealistischen 3D-Umgebung fühlte er sich mittlerweile heimisch, spazierte am Campus umher und besuchte die Projektseminare in den virtuellen Education Labs. Seine Mutter war allerdings erschrocken, als sie den täuschend ähnlichen Avatar ihres Sohnes sah. Auch die Avatare der anderen fand sie unheimlich in dieser Mischung aus lebensechtem Aussehen und Künstlichkeit.

Pass auf, dass die anderen dort keinen Voodoo Zauber mit dir machen!“, warnte sie ihren Sohn.

Ach was, Mama, egal, was mit meinem Avatar passiert, meinem echten Körper und Geist kann das nichts anhaben… und ich kann jederzeit raus aus der Simulation. Außerdem passt meine Mentorin Fiona auf mich auf“, sagte Kibe und schmunzelte.

Dieses junge Mädchen?“, wandte seine Mutter sein. „Sie kann höchstens was von dir lernen! Kann sie etwa einen Soft Robot bauen? Oder die Bewässerungsanlage auf unserem Maisfeld neu programmieren?“ Der Fundi, den sie zur Reparatur bestellt hatte, war daran verzweifelt.

Zum Abschied umarmte seine Mutter ihn fest und legte ihre Hand auf seinen Kopf. Dann machte sie mit ihrem Smartphone ein Selfie von beiden.

Vergiss nicht, mich hin und wieder auf SkypeMAX anzurufen. Ich bin so stolz auf dich! Wenn du in zwei Jahren wiederkommst, wirst du sicherlich schon Professor sein!“

Kibe verkniff sich eine Richtigstellung. Es würde schwer genug werden, den Masterabschluss zu erringen – an dieser internationalen Universität musste er sich mit den Besten messen.

Draußen empfing Kibe die kühle Morgenluft. Die Sonnenstrahlen tanzten bereits auf den Solarkollektoren der Dächer, ein warmer Sommertag kündigte sich an. Wie fühlte es sich wohl im winterlichen Berlin an?

Er ging mit federnden Schritten zur Bushaltestelle am Dorfplatz. Seit seinen Kindertagen standen der Brunnen und der Solarkiosk Seite an Seite, beide waren die Lebensader des Dorfes. Er grüßte die Alte Wangari, die gerade gekühlten Mangosaft an Kamau ausschenkte und mit ihm plauderte, während er den Akku seiner Flugdrohne am Solarstrom auflud. Mit der Drohne wachte er über seine Grünkohlfelder. Auf der Bank neben dem Solarkiosk saß seine Nachbarin und nutzte den guten WLAN-Empfang zum Skypen, während sie am Brunnen ihre Wasserkanister volllaufen ließ.

Kibe wechselte ein paar Worte mit den Kindern in ihren grünen Schuluniformen, die auf den Bus zur Grundschule in Murang’a warteten. Alle Kinder aus den Dörfern im Umkreis von 30 Kilometern gingen auf die Schule in dieser Kleinstadt. Wie oft hatte Kibe in seiner Kindheit vergeblich auf den alten Bus gewartet, besonders, wenn der Bus in der Regenzeit in der Sandpiste stecken geblieben war. An solchen Tagen war Kibe schon um 5 Uhr früh aufgestanden und die 6 Kilometer querfeldein zu Fuß gegangen. Jeden Tag erkundete er einen anderen Pfad, jeden Tag wollte er ein Entdecker sein! Früher konnten sich viele Eltern das Schulgeld für einen Internatsplatz nicht leisten. „Wie gut, dass die öffentlichen Internate jetzt kostenlos sind“, dachte Kibe.

Gemächlich näherte sich der Bus über die frisch asphaltierte Straße. Heute war er pünktlich.

Jambo“, grüßte der Busfahrer. Um den Fahrpreis zu zahlen, öffnete Kibe die M-Pesa App auf seinem Smartphone und tätigte die Transaktion. Nach einer halben Stunde Fahrt erreichten sie Murang’a, von dort aus ging es 90 Kilometer auf der gut ausgebauten Thika-Murang’s Road nach Nairobi. Ein letztes Mal schaute Kibe auf die majestätische Silhouette des schneebedeckten Batian. Er war noch nie dort oben gewesen, die Besteigung des Fünftausenders war ein Luxus, von dem er nur träumen konnte.

Aber jetzt bezwinge ich einen anderen Gipfel: Berlin!“, dachte Kibe und lächelte.

Fotos frei nach Creative Commons, Quelle: https://pixabay.com/de/ Titelbild von Jürgen Böhm

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Begriffserläuterungen: Digitales und Kenia

Bezugspunkte: Fachliteratur und Populärkultur

Personen und Schauplätze

Interview: Die Kenianerin Kate Ouma erzählt von ihrem Heimatland

Die Autorinnen stellen sich vor

Grünraums Blogadventkalender 2019 – Türchen 17

Schön, dass ihr auch heute wieder das Türchen vom Grünraums Blogadventkalender 2019  öffnet, um die Fortsetzung unserer Gemeinschaftsgeschichte zu entdecken.  Was gestern geschah (in kursiv):

Türchen 16: 

Sie blickte mutig nach vorn, als von oben der warme Klang einer Männerstimme zu hören war. Das hatte sie völlig vergessen! Irgendwer hatte ihr doch vorhin die Hand gereicht, als sie auf der letzten Stufe stand. Sie war gar nicht allein.

„Es ist nicht mehr weit.“

War das nicht die gleiche Stimme wie vorhin, einige Stufen unter ihr? Aber das war doch unmöglich. Sie hörte sich auch anders an, deutlich freundlicher. Weder soeben noch jetzt sah sie jemanden, aber ihre Intuition sagte ihr, dass sie richtig lag. „Sie sind das wirklich! Aber warum sind Sie plötzlich weiter als ich?“

„Es gibt Dinge, die verstehen weder Sie noch ich. Vertrauen Sie sich einfach. … übrigens wartet hier ein kleines Mädchen.“

Weihnachten, Dekoration, Urlaub, Feier

Türchen 17:

Henni horchte auf die seltsam vertraute Stimme und kramte in ihrem Kopf nach der Erinnerung an das Gesicht, das zu dieser Stimme gehörte. Aber es war ihr, als ob ihr Geist von Zuckerwatte eingehüllt war und sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Sie blinzelte, aber ihre Tränen und das Strahlen der Sterne ließen ihre Umgebung zu einem Nebel aus Helligkeit verschwimmen. Für einen Moment überkam sie ein Gefühl völliger Orientierungslosigkeit, sie hatte jeden Halt verloren und schwebte im Nichts – wo war die Hand, die sie gehalten hatte, wo die Stimme, die sie geleitet hatte?

Da umschmeichelte ein wunderbarer Duft ihre Nase – es duftete nach Vanille, Zimt und Orangen – ein Kinderlachen gluckste ihre Kehle hinauf und Henni öffnete wieder ihre Augen und nun sah sie alles klar vor sich: Sie war in der Küche ihrer Oma!

Da stand Oma und summte “Alle Jahre wieder…” während sie mit einem Nudelholz einen Batzen Teig im Mehlteppich auf dem großen Holztisch ausrollte. Der Ofen brummte die Bassstimme zum Gesang von Oma und warmer Plätzchendampf legte sich auf Hennis Haut.

Aber was war das? Eine kleine Hand rollte ihr eine Orange entgegen und hinter der Tischplatte sah sie zuerst einen Scheitel, dann eine Stirn und schließlich zwei wache Äuglein und eine Stupsnase auftauchen.

“Henni, du kommst gerade richtig”, sagte das Mädchen mit Glockenstimme.

Wie es weiter geht, erfahrt ihr morgen bei Renate.

Orangen, Apfelsinen, Zitrusfrüchte, Obst

Was bisher geschah (die vollständige Geschichte):

Türchen 1-10 findet ihr hier.

Türchen 11:

Als sie die Augen wieder öffnete, wirbelten die puscheligen Schirmchen wie Schneegestöber um sie herum. In ihrem Kopf wirbelten die Gedanken.

Aus dem Augenwinkel sah sie etwas Braunes flink an sich vorbeihuschen. Durch die Flocken blickte sie in zwei schwarze Äuglein. Von der Sprosse über ihr schaute ein Eichhörnchen sie mit geneigtem Kopf keck an. Zwischen den Pfötchen hielt es eine Orange.

„Na, was machst du denn hier? Wusste gar nicht, dass ihr auch Orangenfresser seid.“ Henni streckte die freie Hand aus, um das Tierchen zu streicheln, wobei sie ins Wanken geriet und sich eine Sprosse tiefer wiederfand. Die Leiter schwankte.

„Huch“, ihr Herz wummerte vor Schreck. Der buschige Schwanz des Eichkätzchens verschwand im Astwerk.

Wollte das Tier mir wohl etwas sagen? Einen Wunsch, ich habe einen Wunsch frei … aus ihrem rechten Auge quetschte sich eine Träne.

„Ho, ho, hoo, was ist da oben los? Geht’s denn bald mal weiter?“, unterbrach die grollende Stimme von unten ihre Gedanken.

„Tut mir leid, ich steck‘ hier irgendwie fest.“ Hennis Hände krampften sich um die Stege der Leiter, ihr schwirrten die Sinne, woher kam diese plötzliche Rührseligkeit?

Türchen 12:

Aber ja doch, ja, es fiel ihr wieder ein. Die Rührseligkeit wird vom Weihnachtsfest verursacht. Sie kam daher, dass nicht mehr all ihre Lieben mitfeiern konnten. Sie vermisste sie so sehr, dass ihr die Tränen nun ungehemmt über das Gesicht liefen. Das Eichhörnchen war im Baum verschwunden.

Sie erinnerte sich an ihre liebe Großmutter. Was konnte sie für leckere Plätzchen backen und was konnte sie Weihnachtslieder singen! Mit einer hohen und weichen Stimme hatte sie immer dafür gesorgt, die richtige Stimmung aufkommen zu lassen, wie ein Engel. Henni erinnerte sich daran, wie sie bei ihr auf dem Schoß gesessen hatte, sich wiegen ließ und den Weihnachtsgeschichten zuhörte, die sie ihr und nur ihr allein erzählte, während ihre großen Brüder durch das Wohnzimmer tollten.

Das wünschte sie sich sehnlichst von den Pusteblumenschirmchen. Nur noch einmal auf Omas Schoß sitzen, den Duft der Plätzchen riechen und ihre Stimme hören! Henni schaute in den wirbelnden, goldenen Strom hinein, der sie warm umstrahlte. Sie hielt sich an der Sprosse fest und schloss die Augen und genoss im leuchtenden Strom der Flocken die warmen Gefühle von Glück und Geborgenheit, vom ungetrübten Glanz ihrer Kindheit und Keksen, und sie lächelte zufrieden, als jemand an ihrem Fuß zog. Es war der Drängler von unten.

„Hey, wir wollen alle nach Hause!“, knurrte er, „Nun gehen Sie schon endlich weiter!“ Henni dachte gar nicht daran. Dann bekam sie einen ordentlichen Schreck.

Nach Hause?! Stimmt. Doch wohin führt denn nun diese Leiter?

Türchen 13

„Das werde ich wohl nur herausfinden, wenn ich ihr folge. Also, nur Mut!“, ermunterte Henni sich selbst, griff beherzt nach der nächsten Sprosse und kletterte weiter nach oben.

Mit jeder Sprosse fühlte sie sich kraftvoller, verwegener und frischer. Eine heitere Gelassenheit breitete sich in ihr aus und plötzlich hörte sie eine sonderbare, leicht dissonante, aber dennoch wunderschöne Folge von Tönen und Henni begriff, dass dies ihr eigenens Lachen war, doch auch nicht ganz. Vielmehr war es das Lachen des Kindes in ihr, das da frohlockend und wohlklingend aus ihr herausbrach. In Henni breitete sich neben einem Gefühl der Heiterkeit nun auch ein Gefühl der Rührung aus, als sie erkannte, wie sehr sie diesen Teil von sich in diesem Jahr vermisst hatte. Doch nun war er endlich wieder da und beschwingt stieg sie weiter. Sie fürchtete sich kein bisschen mehr, obwohl über ihr außer der nächsten Sprosse nichts als ein helles goldenes Licht zu sehen war.

Und dann hörte die Leiter einfach auf. Suchend sah Henni sich um. Unter ihr waren die Sterne, über ihr das Licht, sonst gab es da nichts. Nur ab und zu unter sich ein kindliches Jauchzen. Was sollte sie denn jetzt machen?

„Hey, Sie da unten!“, rief sie in Richtung des grummligen Mannes irgendwo unter sich. „Es gibt hier keine Sprossen mehr. Wissen Sie, wie’s ab hier weiter geht?“

Doch er gab keine Antwort. Hatte sie ihn am Ende doch abgehängt?

Henni sah wieder nach oben in das Licht.
Schien sich da nicht etwas zu bewegen, ganz vage nur, oder bildete sie sich das ein?

Aus einem Gefühl heraus, reckte sie eine Hand noch oben und streckte sich, soweit sie nur konnte, doch nichts geschah. Also nahm sie allen Mut zusammen und kletterte noch zwei weitere Leitersprossen nach oben, so dass ihr nur noch die oberste Sprosse an den Schienbeinen etwas Halt gab und noch einmal reckte sie ihre Hand in Richtung Licht und siehe da, ihre Hand schien in das Licht einzutauchen. Henni wurde noch mutiger und trat mit dem rechten Fuß auf die letzte Sprosse. Langsam und vorsichtig drückte sie sich nach oben und zog dann auch den linken Fuß nach. Nun balancierte sie auf der obersten Sprosse, ganz ohne Halt. Und auch ohne Netz oder doppelten Boden?

Henni zuckte mit den Schultern. „Was soll’s!“, rief sie aus einer plötzlichen Zuversicht heraus aus und sprang mit all ihrer Kraft nach oben. Es verging ein winziger Moment, in dem nichts geschah, doch er war lang genug für erste Zweifel, für einen ersten Anflug von Angst, aber dann ergriff jemand Hennis Hand und zog sie weiter hinauf.

Türchen 14

Jetzt, wo sie gehalten war, bekam Henni noch Herzrasen ob ihres Mutes, der sie so ins Leere springen hatte lassen. Sie konnte sich gar nicht erklären, woher sie den Mut genommen hatte. Sie war nie die Mutigste gewesen, war immer etwas furchtsam. Oder ging es etwa gar nicht um Mut, sondern um Vertrauen?

Das verlorene Vertrauen

Woher kam auf einmal dieses Vertrauen, an dem es ihr im Leben seit langer Zeit mangelte. Damals hatte sie ihr Vertrauen verloren und es nie mehr gefunden. Mit heute schien sich das geändert zu haben. Sie vertraute wieder in das Leben und ein Gefühl von Hoffnung machte sich in ihr breit. Sie hatte dieses schwarze, zähe Damals mit diesem wagemutigen Schritt abgestreift. Endlich! Nach all den Jahren der Traurigkeit und Mutlosigkeit. Das Damals war ihr bis heute wie Kaugummi an der Schuhsohle geklebt. Aber jetzt, jetzt hatte sie es geschafft, es loszuwerden.

Struppis Tod – das Damals

Das Damals war der Tod ihres geliebten Hundes Struppi. Sie musste zusehen, wie dieser von einem Auto überfahren wurde. Das Gartentor war offen und Struppi jagte der Nachbarkatze hinterher über die Straße. Da hatte ihn das Auto erwischt. Sie war 11 gewesen und die Erwachsenen waren nur dagestanden und hatten nichts getan. Niemand rettete Struppi oder half ihm. Niemand tröstete sie. Ein alter Mann mit Vollbart und einem dicken Bauch meinte sogar, dass es ja nur ein Hund gewesen sei. Seitdem hatte sie kein Vertrauen mehr in die Menschen gehabt. Es hatte Spuren in Hennis Seele hinterlassen. Auch nach all diesen Jahren bekam sie noch Zustände, wenn sie alte Männer mit Vollbart und dickem Bauch sah.

Aber mit diesem Sprung ins Vertrauen würde sich das nun ändern. Da war sich Henni ganz, ganz sicher.

Türchen 15

Auf einmal hatte Henni das Gefühl mit ihrem Sprung die ganze Welt verändern zu können. Sie konnte es sich selbst nicht erklären, aber mit diesem Sprung hatte sie plötzlich ein unglaubliches Vertrauen, dass sie richtig entschieden hatte und ihr nichts passieren konnte.

Kurz kam ihr der Gedanke, dass sie immer wieder vor Situationen stand in denen sie dachte, JETZT würde sich alles verändern, JETZT hatte sie endgültig die Person gefunden der sie doch vertrauen konnte. Irgendwann stellte sich dann heraus, dass sie der Person doch nicht trauen konnte, oder sie stellte fest, dass sie doch wieder in alte Muster gefallen war. Ohne es zu merken und eigentlich auch ohne das sie es wollte. Es war einfach wieder passiert.

Sie hatte das Gefühl, dieser Flug endete nie. Das Gefühl der inneren Stärke, die plötzlich ihr inneres verletztes Kind an die Hand nahm wurde immer stärker. Sie nahm sich fest vor, dieses Gefühl für immer zu behalten…

 

Grünraums Blogadventkalender 2019 – Türchen 3

Willkommen zu Grünraums Blogadventkalender 2019. Auch in diesem Advent gibt es wieder eine spannende Gemeinschaftsgeschichte. Was bisher geschah (in kursiv):

Scheiß Verspätung immer!“, schimpfte Henni und trat von einem Bein auf das andere. Es war bereits dunkel und dazu noch typisch nasskaltes Dezemberwetter. Zu allem Überfluss hatte sie auch noch keine Zigaretten mehr. Ihre ehemals wasserfeste Winterjacke, ein Geschenk von Uwe, dem alten Haudegen, hatte ihre besten Jahre auch hinter sich.
„Ach Henni!“, seufzte sie. Nur ihre Mutter rief sie mit ihrem vollem Namen Henriette. „Wir sind schon ganz schön alt geworden, wir beide.“ Sie merkte gar nicht mehr, dass sie mit sich selbst sprach.
Der Junge, der neben ihr im Buswartehäuschen stand, schaute sie irritiert an. Sie zuckte mit den Schultern und entdeckte in dem Moment auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine beleuchtete Leiter, die an einen Baum gelehnt war.

„Junge, sieht du das auch?“, fragte sie. Er drehte demonstrativ seinen Kopf zur Seite. Henni seufzte erneut. Wo war sie nur hingegangen, die Phantasie der Menschheit, ihre Traumbereitschaft, ihr Wunsch, leuchtenden Leitern in den Himmeln zu folgen und dort wem auch immer zu begegnen. Sollte sie vielleicht noch einen Vorstoß wagen?

„Hast du mal eine Zigarette für mich?“ fragte sie vorsichtig den von ihr abgekehrten schmalen Rücken in seiner viel zu großen Felljacke. Ob er wohl glaubte, dass er eines Tages in diese Jacke hineinwüchse? Vielleicht führte die Leuchtleiter direkt zu seinem Ziel, dabei fiel Henni das Monopoly Spiel ein und den Spruch, den sie tausendmal zu Hause gesagt hat: „Gehen Sie direkt ins Gefängnis, gehen Sie nicht über Los!“

Der junge Mann drehte sich verwundert um…

Türchen 3:

Er zog den Stöpsel des In-ear-wireless-Kopfhörers aus seinem linken Ohr – Henni sah, dass seine Ohrmuschel sehr groß und an den Rändern ganz rot vor Kälte war.

“Wie bitte?”, fragte der Junge mit den großen Ohren. Henni führte ihre zwei zigarettenlosen Finger in einer Rauchergeste zum Mund. Der Junge verstand und schüttelte bedauernd den Kopf. In diesem Moment kam der verspätete Bus um die Ecke und rollte in gemächlichem Tempo auf die Haltestelle mit den zwei Wartenden zu. Der Junge kramte in den tiefen Taschen seiner Felljacke nach dem Fahrschein.

“Jetzt bist du gleich im Warmen, Henni”, murmelte Henni. Sie hatte keine Zeit sich zu wundern, warum der Bus an diesem geschäftigen Adventsabend im Innern dunkel war und ohne Passagiere zu fahren schien – und was hatten die gelb leuchtenden Buchstaben “L-E-V” in der Zielanzeige über der Windschutzscheibe zu bedeuten? Der Bus kam direkt vor ihrer Nase zu einem Halt und die Türen öffneten sich  mit einem hydraulischen Seufzen. Eine Frau in einer gelben Weste mit Reflexionsstreifen stieg aus und verstellte ihr den Weg zum Einsteigen. Die Türen des Busses schlossen sich zischend und das Gefährt verschwand in der regennassen Nacht.

“Was soll das?”, wollte der Junge wissen und stapfte ungeduldig von einem Fuß auf den anderen.

“Heute haben wir Leiter-Ersatz-Verkehr”, verkündete die Frau und deutete auf den Baum, an dem die leuchtende Leiter lehnte.

Bus, Bushaltestelle, Straße, Anschlag

Morgen öffnet sich Törchen 4 bei  Michaela und dort geht die Geschichte weiter.

(Das Titelfoto stammt von Anne Winckler)

Mit einer Hochzeit über die Ziellinie im NaNoWriMo

Es ist vollbracht – ich habe mich 30 Tage lang der Schreib-Challenge des NaNoWriMo unterworfen und dies ist meine Bilanz (Stand 30.11.2019, 22:30 Uhr – die Zeit bis Mitternacht habe ich mit einer Ehrenrunde um den Häuserblock verbracht):

42.242 Wordcount total

2053 mein höchster Wordcount an einem Tag

1408 mein durchschnittlicher Tages-Wordcount (für die 50k hätte ich 1667 schaffen müssen)

1001 x gedacht: „In einer halben Stunde fange ich wirklich an!“

252 mein niedrigster Wordcount an einem Tag

179 Normseiten mit Carolines Briefen gefüllt

91 Schokoladenstücke (mit 70 % Kakaoanteil) beim Schreiben genascht

59 Spaziergänge (27 davon nach Mitternacht)

51 x mich beim Namen „Klarius“ vertippt: Klarisu

32 x Lebensmittel und Leckereien eingebaut (inkl. Recherche norwegischer Rezepte)

27 Tage, an denen ich mindestens ein Wort für meinen Roman geschrieben habe

23,58 die Uhrzeit, an der ich meinen Tages-Wordcount in die NaNoWriMo-online Statistik eingetragen habe (da kein Rückdatieren möglich)

21 x das Wort „Kuss“ verwendet

11 Namen für die Geschwister von Caroline ausgesucht: Elin, Liv, Hanne, Smilla, Gunda, Femke, Jaspar, Tjark, Finn, Mads und Jan (4 fehlen mir noch)

3 Tage, an denen ich genullt habe (d.h. kein einziges Wort zustande gebracht)

0 x die NaNoWriMo-Challenge verflucht

Nachtrag 1

1 x fälschlicherweise behauptet, ich hätte niemals die NaNoWriMo-Challenge verflucht

Nachtrag 2

Nicht quantifizierbar:

x Freude über die Geschichte, die entstanden ist

x ermutigendes und belohnendes Feedback aus meinem Familienkreis und von meinen treuen Blogleserinnen (DANKE an euch alle!)

Luftballons, Feier, Farben, Gummi

Nun möchte ich euch eine letzte Leseprobe (in diesem Jahr – keine Sorge, im Januar schreibe ich weiter) mit Feierlaune schenken:

Leseprobe:

Frederikshavn, 5. April 1934

Meine liebe Elin,

heute schreibe ich dir zum ersten Mal als verheiratete Frau. Ich kann dir noch gar nicht sagen, ob ich mich wirklich anders fühle, als gestern und vorgestern. Ich bin immer noch traurig, dass du nicht bei unserer Hochzeit dabei sein konntest – ich hoffe sehr, dass dein Fieber bald abklingt und du schnell wieder auf die Beine kommst. (…)

Wie du ja weißt, hat sich Mutter mit großem Eifer in die Hochzeitsvorbereitungen gestürzt (sie war übrigens seit meiner Verlobung wie ausgewechselt und hat mich mit Nettigkeiten überschüttet – was sie aber nicht davon abgehalten hat, mich auf eine strenge Diät zu setzen, damit ich in das seidene Hochzeitskleid von Cousine Lily passen würde).

«Du musst bis zu Hochzeit zehn Pfund abnehmen», hatte Mutter verkündet (das war Anfang Januar).

Marzipankartoffeln, Marzipan, Süßware

«Auf deine Windbeutel und andere Naschereien musst jetzt erstmal verzichten». Das habe ich bis Ende Februar auch getan (obwohl ich gestehe, dass doch die eine oder andere Marzipankartoffel in meinen Mund gewandert ist – Gemüse hatte Mutter mir schließlich nicht verboten). Anfang März passte ich immer noch nicht ins Brautkleid. Ich hatte nur 700 Gramm abgenommen – wie die unbestechliche Waage in der Apotheke gezeigt hat – natürlich haben sämtliche Kundinnen in der Apotheke vom Drama meines Übergewichts mitbekommen – sogleich wurde ich von der Heerschar von Damen umringt und jede von ihnen hatte einen guten Ratschlag, wie ich innerhalb der nächsten fünf Wochen die hinderlichen Pfunde abnehmen könnte (von Sauerkrautsaft bis Körperwickel).

Knäckebrot, Brot, Knusprig, Lebensmittel

Seitdem gab es für mich nur noch Knäckebrot mit Hering zum Frühstück und Gemüsesuppe zum Abendessen, Mittags einen Apfel. Ich habe noch nie so viel Magenknurren gehabt! Nachts habe ich von Torten und Schololadenbrunnen geträumt – aber ich bin standhaft geblieben (was mir sicher nicht geglückt wäre, wenn Mutter nicht sämtliche Süßigkeiten aus dem Haus verbannt hätte, angefangen beim Depot in meinem Nachtschränkchen). (…)

Übrigens verriet mir Vater, dass der Kapitän eine stattliche Summe zur Hochzeit beigesteuert hatte. Ich wusste gar nicht, wie teuer so eine Hochzeit ist (…). Das Menü (alleine die Hochzeistorte beim Konditor kostete so viel, wie ich in zwei Wochen verdiene), dann der Alkohol (hier hat Onkel Rasmus sich als großzügiger Sponsor hervorgetan – alle Getränke gehen auf ihn), die Kleider der Brautjungfern (immerhin bekam ich mein Brautkleid umsonst) – das alles verschlingt Unsummen. Bei vielen meiner Freundinnen gab es im Festsaal auch eine kleine Musikkapelle, damit man tanzen konnte (ein Hochzeit ohne Tanz kann ich mir nicht vorstellen), aber nachdem wir die Abendgagen von drei dieser Kapellen gehört hatte, sagte Mutter:

«Es ist ja nicht so, als würdest du Prinz Frederik heiraten» (das wurde einer ihrer Lieblingssätze, immer wenn etwas zu teuer war).

Eine große Hilfe bei der Hochzeitsplanung war Tante Gunda – so zum Beispiel auch bei der Suche nach einer bezahlbaren Kapelle. Nachdem ich mich strikt geweigert hatte, dass die Marschkapelle der freiwilligen Feuerwehr engagiert wird (wobei das Wort «Kapelle» zu hoch gegriffen ist für drei Trompeter, einen Posaunisten und einen Paukenspieler – die maximal fünf Trinklieder spielen können), schlug Tante Gunda vor, bei der Musikhochschule nachzufragen. Dort fanden wir ein Streich-Quartett, das eigentlich auf Beerdigungen spezialisiert ist, aber die Musiker versicherten uns, dass nirgendwo so gut getanzt werden würde, wie nach einem Leichenschmaus. Nach einer Hörprobe von Tanzliedern waren wir überzeugt (übrigens spielt in diesem Quartett eine Studentin die Erste Geige, was mir gut gefällt, die anderen drei sind junge Männer, die wie Brüder aussehen – vielleicht weil sie alle so dünn sind – ob die Musik wirklich eine brotlose Kunst ist?). Auf jeden Fall vereinbarten wir, dass sie zusätzlich zur Gage auch freie Getränkwahl bei der Feier haben würden («kein Freiessen», rief Mutter, «sonst bleibt nichts für unsere Gäste übrig»).

(…)

Eine Woche vor dem großen Tag war dann die finale Anprobe vom Hochzeitskleid – und siehe da, die Knöpfe auf meinem Rücken ließen sich schließen (was ich sofort mit einer Marzipankartoffel feierte). Meine Brautjungfern (Cousine Nora, Fräulein Olsen und Helga) kamen auch zur Anprobe – ihre Kleider waren einheitlich aus zart violettem Chiffon, schlicht geschnitten mit hübschen gestickten Verzierungen in rosé mit floralen Mustern.

«Ich komme mir vor, wie eine Blumenelfe», rief Helga.

«Und ich wie alte Zuckerwatte. Und dieser Schnitt… Da ist ja selbst mein Nachthemd eleganter», sagte Fräulein Olsen säuerlich (das Lila des Kleides biss sich leider auch ziemlich mit der Rotfärbung ihres Haares – sie würde vor der Hochzeit noch zum Frisör gehen). Der Schneider stach ihr beim Abstecken des Ärmels aus Rache in die Handgelenke (der Saum musste umgenäht werden).

Zwei Tage vor der Hochzeit kamen also Klarius und seine Mutter nach Frederikshavn (sie waren bei Onkel Rasmus und Tante Gunda zu Gast – nur für unsere Hochzeitsnacht war ein Hotelzimmer reserviert). Es war ein seltsames Gefühl, mich mit Klarius nach über drei Monaten vor dem Pfarrer wieder zu sehen – einerseits sah er unverändert aus (nur seine Haare waren über den Ohren und an den Schläfen militärisch kurz geschnitten, er was offenbar frisch vom Frisör) – ob er meine hart erkämpfte Gewichtsabnahme von neun Pfund bemerkte, weiß ich nicht – aber ein wenig fremd war er mir zunächst trotzdem. Wir lächelten uns an, tauschten höfliche Worte aus, aber waren beide ziemlich angespannt.

Dann gingen wir heim – inzwischen hatte Mutter mit den Nachbarinnen den Ehrenbogen aus Kiefernzweigen vor der Haustür unseres Elternhauses errichtet – mich überkam ein fast lächerliches Gefühl von Stolz, dass dieser Ehrenbogen mir galt (und nicht wie sieben Mal zuvor einer meiner Schwestern).

Wir aßen gemeinsam zu Mittag. Unsere Mutter redete ohne Pause und weihte meinen Verlobten in die wichtigsten Punkte der Feierlichkeiten ein (wobei sie es sich nicht verkneifen konnte, immer wieder auf die halsabschneiderischen Geschäftsleute zu schimpfen, die den Brauteltern die letzten Kronen aus der Tasche zogen – was ich ziemlich peinlich fand, da Klarius ja einen Großteil der Hochzeitskosten aus seiner Tasche bezahlte). Vater brummte ein paar Mal und gab Mutter unter dem Tisch einige Stubser mit dem Fuß, die ihren Redeschwall aber nicht stoppen konnten.

Am Tag vor der Hochzeit haben mein Bräutigam und ich uns nicht gesehen (so wie es Tradition ist), stattdessen kam seine Mutter zu uns nach Hause, um die norwegische Erbensuppe für die Nach-Mitternachts-Stunde zu kochen. Frau Mikkelsen hielt sich nicht lange mit Plauderei auf, sondern marschierte beladen mit zwei Körben und drei Taschen voller Zutaten in unsere Küche und verlangte, den größten Kochtopf zu sehen, den wir im Hause hatten. Mutter zeigte ihr unseren Suppentopf, aber Frau Mikkelsen schüttelte den Kopf (immerhin sollte die Suppe für über 70 Gäste reichen) und zeichnete mit Händen und Armen einen Topf von der Größe eines Waschzubers in die Luft. Mutter überlegte kurz und lief dann durch den Garten zu Frau Jakobsen und kam kurze Zeit mit dieser zusammen wieder, beide schleppten eine riesigen Metalltopf (der früher mal beim Roten Kreuz im Einsatz war und aus dem schon so manche Kompanie satt worden war). Der Topf war so riesig, dass er die gesamte Kochstelle (vier Gasflammen, die wir später auch allesamt anließen) überdeckte. Frau Jakobsen blieb gleich da, um mitzuhelfen. Unter dem Kommando von Frau Mikkelsen schälten und schnitten wir kiloweise Kartoffeln, Zwiebeln und Suppengrün, was wir in viel Öl andünsten und mit schwarzem Pfeffer würzten. Dann gaben wir tütenweise getrocknete gelbe Schälerbsen in den Topf, gossen alles mit viel Wasser auf, Petersilie und einige Loorbeerblätter sowie Salz und (noch mehr) Pfeffer kamen hinzu.

Dann blubberte unser Werk in dem gigantischen Topf über eine Stunde vor sich hin und verbreitete einen Appetit anregenden Duft (mein Magen meldete sich knurrend, war ich froh, dass meine Brautkleid-Diät ab übermorgen vorbei sein würde). Mutter schenkte uns allen Kirschlikör aus und allmählich löste sich die Zunge von Frau Mikkelsen und sie verriet mir, dass die Erbsensuppe für das Brautpaar ein Symbol sei für Fruchtbarkeit (als sie sich den Bauch rieb, dachte ich zuerst, sie meine nur den Genuss beim Essen) und Reichtum (die Geste des Fingerreibens erkannte ich sofort). Als die Suppe fertig gekocht war, kam noch ein riesiger Schinkenknochen für zusätzliches Aroma hinein (der bis zum Servieren morgen Nacht dort drinnen ziehen würde). Zu Dritt hievten wir den Topf (der nun mit einem Deckel luftdicht verschraubt und so schwer war wie ein ausgewachsener Seeteufel) auf den Küchentisch und ich fragte mich, wer dieses Monstrum morgen zum Festsaal transportieren würde und wie.

«Den Topf ziehen Lars und Jan mit dem Leiterwagen», betimmte Mutter. Frau Mikkelsen nickte zufrieden.

(…)

Dann war der große Tag gekommen. Obwohl ich hätte ausschlafen können, war ich mit dem ersten Licht des Tages wach und konnte vor Aufregung nicht mehr still liegen. Also habe ich ein ausführliches Bad genommen und bin dann in die Küche hinunter, die nach dem Polterabend wie ein Schlachtfeld aussah, es stapelte sich ungewaschenes Geschirr und überall standen Gläser und leere Bierflaschen herum, nur der riesige Topf mit der Erbsensuppe thronte unberührt vom Chaos auf dem Küchentisch. Ich machte mir eine heiße Schokolade und aß dazu zwei Knäckebrote (ohne Hering, den konnte ich nicht mehr ertragen).

Gegen 9 Uhr hörte ich ein Getöse von oben – ein sicheres Zeichen, dass Mutter wach war und ihr Hochzeitsmotor auf vollen Touren lief. Bald trampelte sie die Treppe hinunter, noch im Morgenmantel und mit Nachthaube. (…)

Um 13 Uhr fuhren die Wagen vor, um die Familie zur Kirche zu bringen – Mutter sah in ihrem grünen Samtkleid mit den roten Schleifen den Ketten wie ein Weihnachtbaum aus, Vater trug seinen bewährten Brautvateranzug (der nach jahrelangem Einsatz einen leicht abgewetzten Anblick bot, aber die glänzenden Lackschuhe und die frische Tulpe im Knopfloch machten einiges wieder gut).

Die Braut («das bin wirklich ich», ging es mir immer wieder durch den Kopf – ich konnte es kaum glauben) wurde eine halbe Stunde später abgeholt, damit die Festgemeinde genügend Zeit hatte, sich zu begrüßen und Platz zu nehmen. Meine Brautjungfern Fräulein Olsen und Helga (du liebe Elin wärst ja meine Nummer Eins gewesen, wie sehr habe ich dich in diesem Moment vermisst!) waren inzwischen eingetroffen und warteten mit mir.

«Du siehst aus wie ein Prinzessin», schwärmte Helga.

«Wie Greta Garbo», bekräftigte nochmals Fräulein Giese, die unaufhörlich an meinen Haaren und an meinem Kleid zupfte. In meinem weißen Kleid fühlte ich mich wirklich wie eine Göttin (die allerdings ein wenig den Bauch einziehen musste, damit die Knöpfe nicht zu sehr unter Spannung gerieten).

Blumenstrauß, Hochzeit

FORTSETZUNG FOLGT…

Wie gefallen euch die Hochzeitsvorbereitungen?

Verlobung auf dänisch-norwegisch (NaNoWriMo)

In der dritten Woche  bin ich in einen guten Schreibschwung gekommen. Ich schaffe an den meisten Tagen zwischen 1.700 und 1.900 Wörtern – liege damit über dem Tagespensum von 1.667 Wörter – aber um meinen  schwachen Start  der ersten zwei Wochen aufzuholen, reicht es nicht aus – aber mein neues Ziel lautet ja sowieso 40.000. Zurzeit liege ich bei 33.000 Wörtern (144 Normseiten) – ich kann das also in den nächsten 6 Tagen gut schaffen.

Inhaltlich bin ich immer noch bei Caroline im Winter 1933 bis Frühling 1934 und ihrem Kennenlernen mit dem Kapitän. Am Freitag hatte ich einen echt guten Lauf mit dem Erzählen ihres Verlöbnisses.

Als nächstes steht natürlich die  Hochzeitsfeier an (dazu habe ich dänische Hochzeitsbräuche recherchiert – wirklich witzig, was es da alles gibt – zum Beispiel schneidet die Braut ihrem Bräutigam die Zehenspitze der Socken ab – früher musste sie diese dann wieder annähen und den Hochzeitsgästen damit ihre hausfraulichen Fähigkeiten  beweisen). Aber am Samstag war ich dann so blockiert vor der Aufgaben, die Hochzeit nun als kleinen dramaturgischen Höhepunkt besonders toll zu beschreiben, dass ich an diesem Tag kein einziges Wort zu Papier gebracht habe (was meiner Wörter-Statistik einen weiteren Tiefpunkt verschafft hat).

Am Sonntag ging es dann wieder (habe mich schreibend in Hochzeitskleid-Diät und andere Vorbereitungen gestürzt)  heute ist der Polterabend dran – ich zögere das große Ereignis ein bisschen heraus…

Seil, Knoten, Gebunden, Verdreht, Boot, Nautik, Meer

Leseprobe (aus Tag 22, Freitag):

Situation: Der Kapitän Klarius Mikkelsen hat um Carolines Hand angehalten. Sie hat zugestimmt, obwohl sie ihn nicht wirklich gut kennt, aber schon ein bisschen verliebt ist (sie hat ihn für 2 Tage in Sandefjord, Norwegen besucht, dort hat er ihr einen Kuss gegeben, ihr ein Parfüm geschenkt und ein Foto von ihr machen lassen, danach haben sie sich kurze Postkarten geschrieben). An diesem Tag ist der Kapitän in Frederikshavn (Dänemark) eingelaufen und will am Abend die Eltern von Caroline um ihre Zustimmung zur Heirat bitten.

Frederikshavn, 14. Dezember 1933

Meine liebe Elin,

jetzt muss ich dir doch noch einmal schreiben, bevor wir uns in 8 Tagen wieder sehen. Du kannst dich schon im Backen eines Kranzkuchens üben, denn im Frühling steht eine Hochzeit ins Haus! Ja, liebe Schwester, ich habe mich heute mit Klarius verlobt! Das ging nun doch schneller, als erwartet, aber ich bin glücklich. (…)

Als ich nach Feierabend nach Hause kam (gegen 18 Uhr), war das Haus in heller Aufregung – besser gesagt Mutter, die genauso viel Wirbel machte, wie eine ganze Mannschaft. Aus der Küche zog mir der Geruch von Kräuterbrot und Fischsuppe in die Nase, im Wohnzimmer saß Vater in seinem Ohrensessel wie eine Wachsfigur, während Mutter mit einem Staubwedel in der einen Hand und einem Möbelpoliturtuch in der anderen Hand um ihn herum schwirrte und die gesamte Wohnzimmereinrichtung abwechselnd mit beiden Händen auf Vordermann brachte – wobei es mich nicht gewundert hätte, wenn sie auch die Glatze von Vater poliert hätte.

“Hol den Weihnachtsstern aus der Küche und stelle ihn hier auf die Anrichte”, rief sie mir zu, als sie mich sah.

“Nein, geh zuerst auf dein Zimmer und zieh dir was Hübscheres an. Und deine Haare sind auch ganz zerzaust!”

Ich tat, wie mir geheißen. Zu diesem besonderen Anlass legte ich mir sogar die Perlenkette um, die ich beim ersten Abendessen mit dem Kapitän getragen hatte (wobei er das bestimmt inzwischen vergessen hat – Männer achten im Allgemeinen nicht auf solche Details).

Als ich wieder hinunter kam, sah ich Frau Jakobsen durch den Flur in die Küche stürmen (das zeitweilige Zerwürfnis zwischen Mutter und unserer Nachbarin war seit kurzem gekittet – du erinnerst dich, es ging um die Pflaumen, die vom Baum der Jakobsens immer in unseren Garten fielen und angeblich die vielen Schnecken angelockt hatten). Ich folgte der Besucherin und fand in der Küche zu meinem Erstaunen noch drei weitere Nachbarinnen vor (Frau Solberg, Frau Norup und die Alte Bendtsen), denen Mutter offensichtlich vom kurzfristigen Besuch des Brautwerbers erzählt und die jede eine Gabe für das Verlobungsessen beigesteuert hatte – auf dem Küchentisch standen dicht gedrängt einige Vorspeisenplatte (u.a. Kräcker mit Räucherlachs, Schwarzbrot in quadratische Stücke geschnitten und mit einem Käsewürfel und einem Radieschen zusammen mit einem Zahnstocher zu Reitern aufgerichet), ein Blechkuchen mit Äpfeln, Rosinen, Nüssen und Sträuseln eingedeckt und diverse Kännchen und Terrinen, deren Inhalt ich auf die Schnelle nicht erkennen konnte. Das Kräuterbrot aus dem Ofen sah gefährlich dunkelbraun aus und die Fischsuppe blubberte.

“Raus aus der Küche”, rief Mutter und fuchtelte mit der Hand als würde sie nach Mücken schlagen, “deine Haare sollen nicht nach Fisch riechen”.

Also verzog ich mich schleunigst. Dann fiel mir das Parfüm ein und ich lief noch mal nach oben auf mein Zimmer und tupfte mir das Pariser Liebesparfüm (mit Walfischsubstanzen), das Klarius mir geschenkt hatte, hinter die Ohren.

In diesem Moment läutete es an der Haustür. Ich hörte ein aufgeregtes Gegacker aus der Küche, dann ging die Hintertür auf und ich sah die Schar der Nachbarinnen durch unseren dunklen Garten tippeln und durch das Hintertörchen in die Garagengasse verschwinden.

Vom Absatz im ersten Stock aus spinkste ich durch das Treppengeländer in unseren Flur hinunter und sah Mutter zur Haustür rauschen wie eine Walküre auf Siegeszug (ihre Schürze hatte sie abgelegt, dafür ihre Theater-Stola aus Fuchspelz um ihre runden Schultern gelegt). Ich hörte die tiefe Stimme von Klarius, der meiner Mutter einen guten Abend wünschte und ihre einen Strauß Tulpen (die zu dieser Jahreszeit sicherlich ein halbes Vermögen gekostet hatten – auch wenn sie aus dem Gewächshaus in Holland kamen). Mutter überschüttete ihn mit einem Schwall von Willkommensworten und führte ihn ins Wohnzimmer zu Vater, der den Gast dann gelassen übernahm (bei sieben verheirateten Töchtern war er in dieser Art von Gespräch ja bestens geübt). Jetzt würde Vater mit dem Kapitän das Finanzielle besprechen (dass ich keine Mitgift hatte, nur eine kleine Aussteuer, würde den Kapitän hoffentlich nicht vom Kurs abbringen – aber ich wusste ja andererseits, dass er selbst gut situiert war, was er meinem Vater seinerseits auch darlegen würde).

Mutter winkte mich hinunter und wir trugen die Vorspeisen ins Esszimmer (hier hingen einige Bilder schief, die vorhin bestimmt mit Mutters Stauchwedel in Berührung gekommen waren). Mutter hatte den Tisch schon eingedeckt mit dem Tafelsilber von Erbtante Isolde – was teilweise schon ein wenig angelaufen war.

“Guck nicht so”, zischte sie, als sie sah, wie ich eine Gabel mit fast schwarzen Zinken ins Licht hielt, “das Silberputzen ist doch deine Aufgabe.”

Die Servietten waren jedenfalls tadellos gebügelt (was wohlgemerkt meine Aufgabe ist). Mutter stellte den Tulpenstrauß auf den Tisch und zusammen mit den zwei großen Kerzen in den silbernen Haltern sah alles ganz festlich aus.

Das Gespräch im Wohnzimmer schien ewig zu dauern, Mutter verschwand immer wieder, um an der Tür zu horchen, ich nutzte diese Gelegenheiten, um mir erst eines und dann noch ein zweites Glas Kirschlikör einzuflößen, was mich immer heiterer werden ließ.

Nach einer Dreiviertelstunde öffnete sich die Tür und Vater winkte uns herein. Im Zimmer war es diesig vom Pfeiffen- und Zigarrenrauch (die Zigarre musste zum Kapitän gehören) und auf dem Beistelltisch stand eine halb leere Flasche Brandy, beide Herren waren glänzender Laune. Vater nahm meine linke Hand und legte sie in die rechte Hand von Klarius (die sich warm und weich anfühlte und mir ein Gefühl von Vertrauheit gab).

“Auf eine gute Verbindung”, sagte er dröhnend und klopfte dem Kapitän kräftig auf die Schulter. Dieser grinste wie ein Schulbub und gab mir einen Kuss auf die Wange. Mutter drängte sich nun dazu und gratulierte dem Kapitän zu seiner guten Wahl.

“Sie werden merken, unsere Caroline ist eine wahre Perle (das hörte ich zum ersten Mal aus ihrem Mund), “und einen Kapitän als Schwiegersohn wollten wir schon immer haben (in Wirklichkeit hatten sie ja auch schon drei von dieser Sorte), selbst einen Norweger”, rief sie.

Vater klatschte in die Hände und sagte, jetzt wollten wir mit gutem Essen feiern. Beim Abendessen saß ich meinem Verlobten gegenüber und achtete darauf, dass sein Teller und sein Glas nie leer wurden. Wir schmausten zusammen – dank der Zugaben der Nachbarinnen waren die Speisen wirklich ein Genuss – das Kräuterbrot mit der schwarzen Kruste ließ ich unauffällig verschwinden (das bekamen morgen die Vögel).

Mein Verlobter und Vater sagten uns, dass sie besprochen hätten, dass unsere Trauung im nächsten April stattfinden soll. Klarius würde von Januar bis März auf einer längeren Expedition im Atlantik unterwegs sein (was mir neu war).

Als es um die Planung der Feierlichkeiten ging, war Mutter ganz in ihrem Element. Natürlich müsse die Braut aus dem Hause ihres Vaters ins neue Leben aufbrechen, das heißt die Heirat solle auch in Fredikshavn stattfinden (wo alle meine Verwandten und insbesondere Brautjunfern wohnten), nach dänischer Sitte. Ich hatte mir ehrlich gesagt um die Zeremonie selbst noch gar keine Gedanken gemacht (auch wenn es üblich ist, dass die Familie der Braut die Feierlichkeiten ausrichtet). Klarius war ohne Widerrede mit der Hochzeit in Frederikshavn einverstanden – er habe nur wenige Verwandte in Sandfjord, da sei es praktischer, wenn nicht so viele Gäste anreisen müssten, als im umgekehrten Fall (Mutter erweckte den Eindruck, als wäre ich mit halb Frederikshavn verwandt oder zumindest befreundet, was irgendwie auch stimmte). Und was die Hochzeitsbräuche anging werde er sich gerne von den dänischen Sitten überraschen lassen. Auf jeden Fall werden wir gleich morgen gemeinsam zum Standesamt und zu unserem Pfarrer gehen und unser Aufgebot bestellen. Mutter wollte unbedingt auch eine kleine Verlobungsanzeige in die Kirchenzeitung bringen, aber Vater sagte: “Das spricht sich auch so herum.”

Liebe Elin, nun habe ich dir von diesen aufregenden Tag so gut wie möglich erzählt. Mein Kopf schwirrt vor Glück und vor Kirschlikör. Ich werde nun zu Bett gehen. Du musst mir nicht antworten (obwohl ich mich – wie du weißt – riesig über jeden Brief von dir freue), denn wir sehen uns ja in wenigen Tagen zu Weihnachten wieder, dann können wir über alles von Angesicht zu Angesicht sprechen.

Sei umarmt und geküsst liebe Schwester,

Deine Caroline «Mikkelsen» (meinen zukünftigen Familiennamen werde ich nun bei jeder Gelegenheit ausschreiben, um mich so schnell wie möglich an ihn zu gewöhnen)

PS: Ich werde morgen in den Buchladen gehen und mir eine Sprachfiebel in Norwegisch beschaffen. Bis April will ich fleißig meine neue Heimatsprache lernen.

Dieses Brautkleid aus dem Jahr 1930 habe ich für Caroline ausgesucht.

Ich bin gespannt, wie euch diese Szene gefällt und freue mich sehr über Feedback.

Halbzeit im NaNoWriMo – Eiszeit für Wörter – 40 ist die neue 50

Zum dritten Mal stelle ich mich im November wieder der Herausforderung des National Novel Writing Month (NaNoWriMo) – einen Roman mit mindestens 50.000 Wörter in 30 Tagen zu schreiben – und heute ist Halbzeit (Tag 15). Meine Bilanz: Ich trage hechelnd die rote Laterne und habe den Anschluss ans Feld verloren. Mein täglicher Wordcount kommt an vielen Tagen kaum über 500 Wörter hinaus, an zwei Tagen habe ich genullt. Manchmal schaffe ich die 1.667 Wörter des Tagespensums – lege mich zufrieden ins Bett (nach Mitternacht – denn ich schaffe den Kraftakt des Schreibens meistens erst nach 20 Uhr) – nur damit der Wörterkampf am nächsten Morgen wieder von vorne anfängt. Hinzu kommt, dass ich ständig mit meinen körperlichen Beschwerden (starke Kopfschmerzen) zu kämpfen habe, was die Schreiblust nicht gerade erhöht.

Für das Soll-Pensum brauche ich 2 ½ bis 3 Stunden reines Schreiben. Meistens versuche ich, vor dem Mitagessen eine 45 Minuten-Session zu machen – wenigsten 600-800 Wörter, damit ich am Abend innerhalb von 2 Stunden die fehlenden 1000 Wörter hinbekomme. In der Zwischenzeit gehe ich viel spazieren und denke ein bisschen über meine Geschichte nach (aber meistens entwickelt sich die Handlung beim Schreiben selbst).

Und worüber schreibe ich: Meinen Antarktis-Frauenroman habe ich schon im Mai diesen Jahres entworfen und eine Exposé plus 20 Romanseiten für das Berliner Autorenarbeitsstipendum eingereicht (bisher noch nichts gehört, ich rechne mit einer Absage). Vielleicht ist es ja dieser Umstand, dass ich das Konzept schon recht gut ausgearbeitet habe, was mich jetzt so hemmt – ich habe jedenfalls keine Lust, meinen „Fahrplan“ abzuarbeiten.

Also habe ich am ersten Tag einfach mit einem Brief der jungen Caroline Mikkelsen an ihre Lieblingsschwester begonnen (diese habe ich Elin genannt – übrigens ist die Webseite für dänische Vornamen die am häufigsten von mir aufgerufene – ich brauche ständig neue Namen – am zweit häufigsten suche ich nach Rezepten, denn meine Heldin nascht gerne süße Sachen und muss auch für ihre Schwiegermutter ein nordisches Fischgericht zubereiten). So beginnt der Brief: Sandefjord (Norwegen) im Sommer 1934, die 27-jährige Dänin Caroline ist frisch mit Kapitän Mikkelsen verheiratet (den sie kaum kennt und der 19 Jahre älter ist als sie) und muss sich in ihrer neuen Heimat zurecht finden.

In der Briefform ist es mir recht leicht gefallen, die Stimme dieser jungen Frau zu finden, die vertrauensvoll ihrer Schwester von ihren Gefühlen und Eindrücken erzählt (ich habe mich im Briefschreiben auch davon befreit gefühlt, „literarisch“ zu schreiben, Caroline schreibt von der Seele weg, sprunghaft, mit Zwischeneinschüben in Klammern und vielen Gedankenstrichen).

Dieses Konzept habe ich beibehalten und ich bin immer noch briefeschreibend bei Caroline, auch wenn ich mich immer wieder ermahnen muss, nicht von meinem Stil der ersten Tage abzuweichen (je länger ich schreibe, umso reflektierter drückt sich Caroline aus, ich streiche zwischendurch immer wieder zu „gehobene“ Vokabeln und Formulierungen).

In den ersten drei Tagen habe ich die Begegnung von Caroline mit der Familie Christensen beschrieben, die ihre Antarktisexpediton von 1935 beauftragen. In dieser Brieferzählung kam der Kapitän nur am Rande vor und obwohl ich Caroline mit (naiver) Bewunderung über ihn schreiben lasse, klingt doch sein herrisches Temperament durch und ich habe einen Geizkragen aus ihm gemacht (so kontrolliert er zum Beispiel Carolines Haushaltskasse).

Am Tag 4 habe ich mir überlegt, dass man so nicht nachvollziehen kann, warum Caroline diesen Mann geheiratet hat. Also bin ich zeitlich in das Jahr 1933 zurück gesprungen, nach Frederikshavn (Dänemark) und habe mich ausführlich in die Begegnung des Paares vertieft: Sie arbeitet im Büro ihres Onkels, der einen Fischgroßhandel betreibt, der Kapitän ist Zulieferer und kommt als Geschäftsparter ins Büro und so kreuzen sich ihre Wege. Dann gibt es ein erstes „Date“, außerdem taucht eine Konkurrentin in Person der Bürovorsteherin Fräulein Olsen auf.

In den letzten Tagen habe ich beschrieben, wie Caroline (mit zwiespältigen Gefühlen) die Einladung des Kapitäns auf einen Besuch in seine Heimatstadt annimmt (der seine Heiratspläne klar zu verstehen gibt, die Mutter von Caroline drängt ihre Tochter, auf das Werben des Norwegers einzugehen). Heute habe ich eine Szene begonnen, in der Caroline ihrer skeptischen Schwiegermutter in spe etwas vorkochen soll (was gründlich schief geht).

Bei alledem habe ich mich alleine von meiner Fantasie leiten lassen – die biografischen Informationen über Caroline Mikkelsen (später Mandel), die ich von ihrem Sohn und aus diversen Zeitungsartikeln gewonnen habe, sparen diese frühe Phase ihres Lebens aus.

In vielen Details fehlt es mir an historischem Wissen (z.B. wie waren die Häuser in Norwegen in den 1930er ausgestattet, wie war die Infrastruktur von Sandefjord, wie fuhren die Autos, welche Musik wurde gehört, welche kitschigen Frauenbücher wurden gelesen – meine Suche hierzu bei Google hat keine Treffer ergeben) und von der Ausstattung eines Walfängers ganz zu schweigen. Aber im Moment will ich mich davon nicht aufhalten lassen (ich schreibe einfach auf Geratewohl), die historisch korrekten Details muss ich dann in der Überarbeitungsphase einfügen bzw. berichtigen.

Ich werde nun erstmal so weiter machen und nicht versuchen, meinen Plot-Plan abzuarbeiten. Im Moment habe ich keine Lust (und keine Inspiration), zu meiner zweiten Protagonistin Jesse zu wechseln, der Journalistin in Australien, die sich im Jahr 1995 auf die Suche nach der ersten Antarktis-Betreterin macht.

Völlig klar ist, dass ich bis Ende November die Romanhandlung nicht (annähernd) zuende schreiben kann. Und den 50.000 Wörtern will ich auch nicht mehr hinterher hecheln (ich könnte es bei einem Tagespensum von ca. 2.100 Wörtern noch schaffen). Ich sage mir: 40 ist die neue 50.

Mein neues Ziel sind 40.000 Wörter (das kann ich mit dem regulären Tagespensum von 1.667 Wörtern schaffen – das ist schwer genug).

Meine ernüchternde Statistik

PS: Die 925 Wörter dieses Blog-Artikels füge ich als Autorinnenreflexion in mein Romandokument ein – diese werden gnädig für heute mitgezählt.

Hier nun zu meiner (und eurer) Aufmunterung eine kleine Leseprobe (das nächste Mal lernt ihr dann Kapitän Mikkelsen und die Schwiegermutter kennen):

Sandefjord, 10. Juni 1934

Meine liebe Elin,

du möchtest bestimmt wissen, wie es deiner Schwester in der neuen Heimat geht. Klarius hat ein solides Haus direkt am Hafen von Sandefjord für uns gekauft, es ist aus Holz und hat einen roten Anstrich und weiße Fensterrahmen. Jetzt im Sommer haben wir nur in der Küche den Ofen an, aber Klarius sagt, auch im Winter werden wir es warm haben. Wir haben uns schon gut aneinander gewöhnt.

(…)

Ich greife den Stift wieder auf und muss dir unbedingt erzählen, was ich gestern erlebt habe. Klarius und ich waren bei Familie Christensen zum Abendessen eingeladen. Wie du vielleicht weißt, ist Herrn Lars Christensen der bedeutenste Reeder in Norwegen und hier in Sandefjord die bedeuteste Person der Stadt, nicht nur für die Walfänger und Seeleute. Viele der wichtigsten Expeditonen in die Polarregionen wurden von Herrn Christensen finanziert und angeleitet. Er selbst ist erst in diesem Frühling von einer Antarktis-Expedition zurück gekehrt.

(…)

Also habe ich für den Besuch mein bestes Kleid angezogen (ein dunkelblaues Kleid mit hohem Gürtel und einem selbst gestickten weißen Kragen), auch Klarius hat sich fein gemacht und sein Sonntagsjackett angelegt. Die Christensens wohnen in einen herrschaftlichen Haus (doppelt so groß, wie unseres) oberhalb des Stadtzentrums mit einem Panoramablick auf den Hafen. Ein Hausmädchen hat uns die Tür geöffnet und in einen behaglichen Salon geführt. Ingrid Christensen kam herein, um uns Willkommen zu heißen und hat mit ihrer Persönlichkeit den ganzen Raum ausgefüllt. Sie ist eine kleine, rundliche Dame (knapp über 40 Jahre alt) mit sehr wachen hellen Augen und einem starken Kinn. Ihr Mund dominiert ihr Gesicht, denn er ist ständig in Bewegung. Ihre Lippen kräuseln sich wie die Wellen des Meeres, mal amüsiert, dann ironisch, manchmal abfällig (oder besser gesagt: ärgerlich – man sieht ihr direkt an, wenn ihr etwas nicht behagt – sie mag es zum Beispiel nicht, wenn jemand eine Bemerkung macht wie: “Das ist doch nichts für Frauen” – sie ist nämlich eine Frau, die alles kann und tut, was auch ein Mann vermag), aber am häufigsten öffnen sich ihre Lippen zu einem runden Lachen (das ihre nicht ganz geraden Zähne zeigt) und die Worte sprudeln über ihre Lippen. Sie hat eine Stimme wie eine Glocke – wenn sie spricht, hören alle zu und wer neben ihr spricht, wird übertönt. Sie kam auf mich zu wie ein Dampfschiff in voller Fahrt und hat ihre runde Wange an meine gelegt und mich in einer kräftigen Umarmung an ihren Busen gedrückt.

“Endlich lerne ich die hübsche stille Dänin besser kennen!Warum verstecken Sie Ihre Frau denn so vor uns?”, rief sie und kuffte meinem Mann in die Seite. Dass ich als still gelte – wie schon früher in der Schule – ist bestimmt keine Überraschung für dich, liebe Schwester, aber hier in meiner neuen Heimat bin ich noch fleißig dabei, Norwegisch zu lernen.

(…)

Nach dem Essen haben Herr Christensen und mein Mann sich in die Bibliothek zurück gezogen, um weitere Details der anstehenden Expedition zu planen.

Frau Christensen hat mich ins Damenzimmer gebeten – wieder ein eindruckvoller Raum, vollständig ausgelegt mit exotischen Teppichen (aus Persien und Indien) und ausgestattet mit tiefen weichen Sofas und Sesseln mit Blumenmuster und unzähligen Tischchen verschiedener Größe aus Holz mit Glasplatten, überall Blumenschmuck in verzierten Vasen. Aber neben den typisch weiblichen Elementen gab es auch viele Stücke, die auf die Reiseleidenschaft der Bewohnerin schließen lassen: Holzski und Schneestöcke hängen an der einen Wand, das weiße Fell eines Eisbären liegt vor dem Kamin und in den Glasvitrinen sind Haifischzähne und einige ausgestopfte Vögel zu sehen (zumindest die Möwe habe ich erkannt). Ein Blickfang war die wandfüllende Weltkarte – ich blieb neugierig davor stehen und Ingrid – ja meine Gastgeberin hat mir sobald wir alleine waren das “Du” angeboten und ich bin glücklich, dass wir uns nun vertrauensvoll beim Vornamen anreden – also Ingrid hat mir anhand der vielen Pinnnadeln mit farbigen Holzköpfen (für jede Reise gibt es eine andere Farbe), die in der Weltkarte steckten, die Reiserouten und Orte gezeigt, die sie schon zusammen mit ihrem Mann bereist hat.

Schon drei (!) Mal (1930, 1933 und 1934) war Ingrid mit an Bord der Thorshavn und hat als erste Frau (zusammen mit ihrer Begleiterin Mathilde Wegger, die ich auch bald kennenzulernen hoffe) die Landschaft der Antarktis mit eigenen Augen gesehen. Als wir auf dem Sofa saßen hat Ingrid mir ein Fotoalbum mit erstaunlichen Bilder dieser eisigen Landschaft gezeigt (sie selbst hat diese Fotos gemacht – auch die Kamera hat sie mir später vorgeführt). Wie niedlich diese Pinguine ausschauen! Wie kleine Oberkellner im Frack. Sie hat erzählt, diese Vögel watscheln aufrecht und sehen allzu drollig dabei aus (sie hat mir ihren Gang sogar vorgemacht und ich musste herzhaft lachen), aber sobald die Pinguine im Wasser sind, schwimmen sie mit der Eleganz von Balletttänzern.

Ich habe vor Staunen meinen Mund kaum wieder zu bekommen.

„Hattest du keine Angst vor den Gefahren des Eismeeres, so weit entfernt von der Zivilisation und jeder Hilfe?“, wollte ich wissen.

„Nein!“, hat Ingrid gerufen und ihre Lippen formten wieder das große Rund, „auf dem Schiff meines Mannes bin ich sicher. Mit einem guten Kapitän und einer ordentlichen Mannschaft muss man sich nicht fürchten. Das Schiff ist bestens erprobt und die Seeleute haben große Erfahrung im Beschiffen der Antarktis. Natürlich muss man als Frau auf an Bord auf einigen Komfort verzichten. Aber Mathilde und ich hatten warme Kajüten, auch an das Schwanken des Schiffes gewöhnt man sich nach einigen Tagen – na gut, die Seekrankheit macht einem schon zu Beginn ein wenig zu schaffen, aber das ist auszuhalten. Die Mannschaft war sehr rücksichtsvoll zu uns Damen (Herr Christensen hat ihnen das Fluchen in unserer Gegenwart verboten). Der Koch hat für uns ein extra gutes Essen bereitet. Am Abend haben wir mit den Offizieren Karten gespielt.“

Ich war besonders von einem Foto fasziniert, das Ingrid und Mathilde an Deck des Schiffes zeigt, sie tragen elegante Pelzmäntel und modische Hüte, Ingrid blickt fast kokett in die Kamera – sie sehen aus, als wären sie bereit, auf einen Ball zu gehen.

„Wir haben jeden Nachmittag einen Spaziergang an Deck gemacht und dazu unsere schönsten Pelze angezogen und Schmuck und Lippenstift aufgetragen – auch wenn die Runden entlang der Reling sehr klein waren. Die Mannschaft hat uns bestaunt. Nur weil man am untersten Ende der Welt schippert, muss man sich ja nicht gehen lassen.“ Ingrid lachte wieder aus voller Kehle, was so ansteckend und heiter klingt, dass ich mir wünschte, auch mit ihr auf Reisen gehen zu können.

„Mein Mann hat zu uns gesagt: Für die Erforschung der Antarktis braucht es Tatkraft und Kultiviertheit, wir Männer bringen das Eine und ihr Damen das Andere mit.“

„Ist es dort nicht schrecklich kalt?“, wollte ich wissen.

„Wir sind ja im arktischen Sommer gefahren, dann ist es dort sogar wärmer, als in einem harten norwegischen Winter. Außerdem kommt es auch auf die richtige Kleidung an. Das Wichtigste sind warme Handschuhe“. Ingrid sprang auf und holte ein paar Fäustlinge aus einer Truhe beim Fenster. Ich befühlte sie neugierig – die Fäustlinge waren fast so schwer wie die Boxhandschuhe von Bruder Finn, ein glattes braunes Leder umhüllt das Innere, das mit weicher Lammwolle gefüttert ist. Mir stieg ein herber Geruch in die Nase – der kommt vom Polaröl d.h. Fischtran (wie mir Ingrid verriet), mit dem das Leder regelmäßig eingerieben werden muss, damit es nicht spröde wird. Ich steckte meine rechte Hand hinein und fühlte mich gerüstet für jedes Abenteuer. Ein herrliches Gefühl!