Am 7. Tag im National Novel Writing Month

Der November ist in den USA „National Novel Writing Month“ (NaNoWriMo) und alljährlich begeben sich dort und überall auf der Welt schreibbegeisterte Menschen auf einen Schreibmarathon.

Die Herausforderung: 50.000 Wörter in 30 Tagen schreiben. Das bedeutet ein tägliches Pensum von 1.667 Wörtern (rund 3 Seiten). Jeder, der die Ziellinie am 30. November um 23:59 Uhr mit mindestens fünfzigtausend Wörtern überschreitet, ist ein Sieger. Ein beinahe olympisches Motto.

In diesem Jahr bin ich zum ersten Mal mit dabei. Anfang des Jahres war mir in der Bibliothek der ASH im Regal für kreatives Schreiben das Buch „No plot, no problem“ von Chris Baty, der diese kreative „challenge“ im Jahr 1999 ins Leben gerufen hat, in die Hände gefallen. Das Buch ist witzig geschrieben und hat mir Lust auf das Schreibprojekt gemacht.

Der Amerikanische Traum glimmt noch irgendwo in den Sternen: Du kannst alles schaffen, wenn du es nur willst!

1. November:

Alles ist bereit, ich habe am Vorabend meinen Account auf der offiziellen Website angelegt, meinen Roman angekündigt und sogar ein Titelbild für mein Werk hochgeladen (das erhöht angeblich meine Erfolgschancen um 60 %).

Der Startschuss ist gefallen und verhallt. Ich schleiche den ganzen Tag um mein Notebook herum und mache es vorsichtshalber gar nicht erst an. Einkäufe erledigen und putzen schienen mir noch nie so wichtig. Zweifel überfallen mich. Gut, dass ich noch fast niemandem von meinem utopischen Plan erzählt habe. Eine Idee für meinen Roman hätte ich ja schon, aber…

Um 20 Uhr abends packt mich dann eine Art „alles egal“-Stimmung, ich setze mich vor den Computer und fange an zu tippen.

Ich erzähle (aus der auktorialen Perspektive) die Geburt meiner Protagonistin, die mit krebsroter Haut und Schwimmhäuten zwischen den Zehen zur Welt kommt und nicht weinen kann – was das Neugeborene ihren Eltern ziemlich unheimlich macht.

Um 23 Uhr habe ich stolze 2.153 Wörter geschrieben. Okay, das war gar nicht so schlimm und ist vielleicht an anderen Tagen wiederholbar, denke ich.

Also verkünde ich mein Projekt gleich noch auf meiner facebook-Seite, damit ich morgen nicht einfach einen Rückzieher mache.

Mein Roman-Konzept ist, dass ich die Geschichte meiner Hauptfigur durch Blitzlichter auf 30 Tage aus ihrem Leben vom Tag ihrer Geburt (1980) bis in die Gegenwart erzählen möchte.

Die Idee zu diesem Aufbau scheint durch die Wettbewerbsvorgaben begünstigt. Aber ich bin hierzu auch inspiriert von einer Erzählung von Émile Zola („Die vier Tage des Jean Gourdon“), die ich kürzlich als Audiobuch gehört habe. Hier wird sehr fesselnd die Lebensgeschichte eines Mannes durch die Schilderung von 4 Tagen aus seinem Leben gezeichnet (Jugend im Frühling: erster Kuss; Soldat im Sommer: Mut beweisen und zum Mann werden; Vater werden im Herbst: die Ernte eines erfüllten Lebens einfahren; Sturmflut im Winter: Verlust und Tod erfahren).

In meiner Geschichte möchte ich eines meiner Lieblingsgenres aufgreifen: Das Märchen.

Meine Heldin heißt Elise und wird als Menschenkind geboren, ist aber in Wirklichkeit ein Wesen aus einer anderen Welt (sie ist ein Wesen des Wassers und in mancher Hinsicht eine Nachfahrin der „Kleinen Mehrjungfrau“) mit besonderen Gaben. Ihre Aufgabe ist es, den Menschen auf bestimmte Weise zu dienen. Elise hat keine Seele und keine eigenen Wünsche. So wird es ihr jedenfalls gesagt. Aber das stimmt in ihrem Fall nicht. Und hier kommt dann die Liebe ins Spiel…

Nach jedem Gebrauch ihrer Fähigkeit färbt sich ihre Haut rot (was sie auch zu einer Außenseiterin unter den Menschen macht) und sie verliert Stück für Stück ihre Lebenszeit.

In der Geschichte tauchen noch andere Märchenwesen auf, zum Beispiel der Spielmann, der blinde Maler und die Weidenfrau.

Mir fehlen irgendwie noch starke Antagonisten, denn ohne Bösewichte keine Spannung. Allerdings hat die Protagonistin auch mit allerlei menschlichen Schwierigkeiten zu kämpfen und nicht zuletzt gegen die Auslöschung ihrer Existenz.

Für das Geschichtenerzählen ist Michael Ende ein großes Vorbild für mich. „Momo“ und „Die unendliche Geschichte“ gehören seit Jugendtagen zu meinen Lieblingsbüchern.

3. November

Ich gebe meine „Planung-blockiert-mich-nur-Haltung“ auf und lege einen Notizzettel für Schlüsselmoment an (bis jetzt habe ich aber nur 14 davon) und außerdem eine kleine Familienchronik, wo ich Geburtsjahre z.B. für die Großtanten von Elise festlege, damit ich auch weiß, wie alt die Damen im Jahr 1983 sind (dazu brauche ich einen Taschenrechner).

Ansonsten geht mein Konzept, an jedem Tag über ein Schlüsselereignis zu schreiben, ganz gut auf und ich liege gut im Wörterschnitt (ca. 2.000 / Tag).

7. November

Langsam werde ich nervös, weil ich befürchte, die Geschichte plätschert zu sehr vor sich hin. Vorgestern habe ich eine halbe Seite lang beschrieben, wie Elise mit den Großtanten ihren Schulranzen aussucht. Aber ich habe bisher nur Kurzgeschichten geschrieben und muss mich erst an ein gemächlicheres Erzähltempo gewöhnen.

In diesen Momenten denke ich an Tolkien, der im Prolog von „Der Herr der Ringe – die Gefährten“ ein ganzes Kapitel dem Pfeifenkraut der Hobbits widmet. Zwar wird mein Roman nicht solch ein Epos, aber ein bisschen Ausschweifung darf ruhig sein – auch ohne Drogen. Da fällt mir doch gleich dieser Pilz ein, der mir auf meinen Inspirationsspaziergängen ins Auge gefallen ist und der mir total märchenhaft vorkommt. Vielleicht kann er giftig sprechen, ist vielleicht ein lügendes Orakel…

Außerdem ist alles, was ich schreibe, eh nur ein erster Entwurf.

Leider muss ich feststellen, dass mein Schreibfluss jeden Tag langsamer wird, weil ich mehr über dem Text grübele und an Formulierungen herumdoktere. Den inneren Kritiker muss ich unbedingt wieder in den Urlaub schicken.

Am Ende einer jeden Schreibeinheit gebe ich meinen neuen totalen „wordcount“ auf der Website in meine Statistik ein und bekomme ein sehr aufmunterndes Pfeildiagramm präsentiert.

Die 10.000 Wörter-Badge habe ich schon erworben.

Hier als kleiner Teaser meine bisherigen Kapitelüberschriften:

Tag 1: Eintritt in die Welt

Tag 2: Weinen lernen

Tag 3: Puppenspiele

Tag 4: Im Schrank einer Königin

Tag 5: Der erste Schultag

Tag 6: Ein gebrochenes Herz

So, jetzt muss ich einen neuen Tag für meine Märchenheldin erschaffen, denn nur ein gewisser anderer Schöpfer darf am 7. Tage ruhen.

Ich werde euch auf dem Laufenden halten.

Übrigens freut es mich sehr, dass zwei meiner Wortschwestern aus BKS11  Mia und Miss Novice auch unter den NaNoWriMo-Schreibenden sind. Schreibleine los und Ahoi!

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8 Antworten auf „Am 7. Tag im National Novel Writing Month“

  1. Liebe Ulrike,
    herzlichen Dank für die Einblicke in deinen NaNoWriMo-Alltag! Ich kämpfe auch gerade schwer und sehne mich nach meinem „seichten“ Krimi zurück, den ich eigentlich schreiben wollte. Da hätte ich schon eine ausgedachte Geschichte gehabt, beim biografischen Schreiben muss ich die Geschichte erst finden, so scheint es mir jedenfalls.
    Dein Märchen macht mich sehr neugierig, wenn ich von deinen Inspirationen lese, kann ich mir nichts anderes vorstellen, als dass es ein tolles Buch wird. Ich drück dir fest die Daumen. Du liegst super im Schnitt!
    Einen Abend voller Schreiblust wünscht: Amy

  2. Liebe Ulrike,
    dein Teaser und die Beschreibung dorthin macht mich sehr neugierig …. Vielleicht (?) können wir ja bald mal einen kleinen längeren Ausschnitt lesen oder ein Ausschnitt zum Sonntag, sozusagen als Appetithäppchen für uns drei, die wir ja noch ein wenig Wortwegstrecke vor der Nase bzw. dem Laptop haben …
    Ich kann auch erst jetzt mit meinem Wort-Tagespensum anfangen, mal sehen, wie das wird. freue mich auf jeden Fall auf Max,
    liebe Grüße,
    Sabine

  3. Hi Ulrike,
    das Genre „Märchen“ macht dir hoffentlich nach wie vor Spaß, hier setzt dir der Realismus keine Grenzen. 🙂 Die Kapitelüberschriften klingen jedenfalls sehr vielversprechend. Lass dich ruhig von Tolkien inspirieren und schwelge in blumigen Details!
    LG Dorit
    PS: Dein Foto von der alten Schreibmaschine gefällt mir, das alte Gerät hat Symbolkraft.

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