Mit einer Hochzeit über die Ziellinie im NaNoWriMo

Es ist vollbracht – ich habe mich 30 Tage lang der Schreib-Challenge des NaNoWriMo unterworfen und dies ist meine Bilanz (Stand 30.11.2019, 22:30 Uhr – die Zeit bis Mitternacht habe ich mit einer Ehrenrunde um den Häuserblock verbracht):

42.242 Wordcount total

2053 mein höchster Wordcount an einem Tag

1408 mein durchschnittlicher Tages-Wordcount (für die 50k hätte ich 1667 schaffen müssen)

1001 x gedacht: „In einer halben Stunde fange ich wirklich an!“

252 mein niedrigster Wordcount an einem Tag

179 Normseiten mit Carolines Briefen gefüllt

91 Schokoladenstücke (mit 70 % Kakaoanteil) beim Schreiben genascht

59 Spaziergänge (27 davon nach Mitternacht)

51 x mich beim Namen „Klarius“ vertippt: Klarisu

32 x Lebensmittel und Leckereien eingebaut (inkl. Recherche norwegischer Rezepte)

27 Tage, an denen ich mindestens ein Wort für meinen Roman geschrieben habe

23,58 die Uhrzeit, an der ich meinen Tages-Wordcount in die NaNoWriMo-online Statistik eingetragen habe (da kein Rückdatieren möglich)

21 x das Wort „Kuss“ verwendet

11 Namen für die Geschwister von Caroline ausgesucht: Elin, Liv, Hanne, Smilla, Gunda, Femke, Jaspar, Tjark, Finn, Mads und Jan (4 fehlen mir noch)

3 Tage, an denen ich genullt habe (d.h. kein einziges Wort zustande gebracht)

0 x die NaNoWriMo-Challenge verflucht

Nachtrag 1

1 x fälschlicherweise behauptet, ich hätte niemals die NaNoWriMo-Challenge verflucht

Nachtrag 2

Nicht quantifizierbar:

x Freude über die Geschichte, die entstanden ist

x ermutigendes und belohnendes Feedback aus meinem Familienkreis und von meinen treuen Blogleserinnen (DANKE an euch alle!)

Luftballons, Feier, Farben, Gummi

Nun möchte ich euch eine letzte Leseprobe (in diesem Jahr – keine Sorge, im Januar schreibe ich weiter) mit Feierlaune schenken:

Leseprobe:

Frederikshavn, 5. April 1934

Meine liebe Elin,

heute schreibe ich dir zum ersten Mal als verheiratete Frau. Ich kann dir noch gar nicht sagen, ob ich mich wirklich anders fühle, als gestern und vorgestern. Ich bin immer noch traurig, dass du nicht bei unserer Hochzeit dabei sein konntest – ich hoffe sehr, dass dein Fieber bald abklingt und du schnell wieder auf die Beine kommst. (…)

Wie du ja weißt, hat sich Mutter mit großem Eifer in die Hochzeitsvorbereitungen gestürzt (sie war übrigens seit meiner Verlobung wie ausgewechselt und hat mich mit Nettigkeiten überschüttet – was sie aber nicht davon abgehalten hat, mich auf eine strenge Diät zu setzen, damit ich in das seidene Hochzeitskleid von Cousine Lily passen würde).

«Du musst bis zu Hochzeit zehn Pfund abnehmen», hatte Mutter verkündet (das war Anfang Januar).

Marzipankartoffeln, Marzipan, Süßware

«Auf deine Windbeutel und andere Naschereien musst jetzt erstmal verzichten». Das habe ich bis Ende Februar auch getan (obwohl ich gestehe, dass doch die eine oder andere Marzipankartoffel in meinen Mund gewandert ist – Gemüse hatte Mutter mir schließlich nicht verboten). Anfang März passte ich immer noch nicht ins Brautkleid. Ich hatte nur 700 Gramm abgenommen – wie die unbestechliche Waage in der Apotheke gezeigt hat – natürlich haben sämtliche Kundinnen in der Apotheke vom Drama meines Übergewichts mitbekommen – sogleich wurde ich von der Heerschar von Damen umringt und jede von ihnen hatte einen guten Ratschlag, wie ich innerhalb der nächsten fünf Wochen die hinderlichen Pfunde abnehmen könnte (von Sauerkrautsaft bis Körperwickel).

Knäckebrot, Brot, Knusprig, Lebensmittel

Seitdem gab es für mich nur noch Knäckebrot mit Hering zum Frühstück und Gemüsesuppe zum Abendessen, Mittags einen Apfel. Ich habe noch nie so viel Magenknurren gehabt! Nachts habe ich von Torten und Schololadenbrunnen geträumt – aber ich bin standhaft geblieben (was mir sicher nicht geglückt wäre, wenn Mutter nicht sämtliche Süßigkeiten aus dem Haus verbannt hätte, angefangen beim Depot in meinem Nachtschränkchen). (…)

Übrigens verriet mir Vater, dass der Kapitän eine stattliche Summe zur Hochzeit beigesteuert hatte. Ich wusste gar nicht, wie teuer so eine Hochzeit ist (…). Das Menü (alleine die Hochzeistorte beim Konditor kostete so viel, wie ich in zwei Wochen verdiene), dann der Alkohol (hier hat Onkel Rasmus sich als großzügiger Sponsor hervorgetan – alle Getränke gehen auf ihn), die Kleider der Brautjungfern (immerhin bekam ich mein Brautkleid umsonst) – das alles verschlingt Unsummen. Bei vielen meiner Freundinnen gab es im Festsaal auch eine kleine Musikkapelle, damit man tanzen konnte (ein Hochzeit ohne Tanz kann ich mir nicht vorstellen), aber nachdem wir die Abendgagen von drei dieser Kapellen gehört hatte, sagte Mutter:

«Es ist ja nicht so, als würdest du Prinz Frederik heiraten» (das wurde einer ihrer Lieblingssätze, immer wenn etwas zu teuer war).

Eine große Hilfe bei der Hochzeitsplanung war Tante Gunda – so zum Beispiel auch bei der Suche nach einer bezahlbaren Kapelle. Nachdem ich mich strikt geweigert hatte, dass die Marschkapelle der freiwilligen Feuerwehr engagiert wird (wobei das Wort «Kapelle» zu hoch gegriffen ist für drei Trompeter, einen Posaunisten und einen Paukenspieler – die maximal fünf Trinklieder spielen können), schlug Tante Gunda vor, bei der Musikhochschule nachzufragen. Dort fanden wir ein Streich-Quartett, das eigentlich auf Beerdigungen spezialisiert ist, aber die Musiker versicherten uns, dass nirgendwo so gut getanzt werden würde, wie nach einem Leichenschmaus. Nach einer Hörprobe von Tanzliedern waren wir überzeugt (übrigens spielt in diesem Quartett eine Studentin die Erste Geige, was mir gut gefällt, die anderen drei sind junge Männer, die wie Brüder aussehen – vielleicht weil sie alle so dünn sind – ob die Musik wirklich eine brotlose Kunst ist?). Auf jeden Fall vereinbarten wir, dass sie zusätzlich zur Gage auch freie Getränkwahl bei der Feier haben würden («kein Freiessen», rief Mutter, «sonst bleibt nichts für unsere Gäste übrig»).

(…)

Eine Woche vor dem großen Tag war dann die finale Anprobe vom Hochzeitskleid – und siehe da, die Knöpfe auf meinem Rücken ließen sich schließen (was ich sofort mit einer Marzipankartoffel feierte). Meine Brautjungfern (Cousine Nora, Fräulein Olsen und Helga) kamen auch zur Anprobe – ihre Kleider waren einheitlich aus zart violettem Chiffon, schlicht geschnitten mit hübschen gestickten Verzierungen in rosé mit floralen Mustern.

«Ich komme mir vor, wie eine Blumenelfe», rief Helga.

«Und ich wie alte Zuckerwatte. Und dieser Schnitt… Da ist ja selbst mein Nachthemd eleganter», sagte Fräulein Olsen säuerlich (das Lila des Kleides biss sich leider auch ziemlich mit der Rotfärbung ihres Haares – sie würde vor der Hochzeit noch zum Frisör gehen). Der Schneider stach ihr beim Abstecken des Ärmels aus Rache in die Handgelenke (der Saum musste umgenäht werden).

Zwei Tage vor der Hochzeit kamen also Klarius und seine Mutter nach Frederikshavn (sie waren bei Onkel Rasmus und Tante Gunda zu Gast – nur für unsere Hochzeitsnacht war ein Hotelzimmer reserviert). Es war ein seltsames Gefühl, mich mit Klarius nach über drei Monaten vor dem Pfarrer wieder zu sehen – einerseits sah er unverändert aus (nur seine Haare waren über den Ohren und an den Schläfen militärisch kurz geschnitten, er was offenbar frisch vom Frisör) – ob er meine hart erkämpfte Gewichtsabnahme von neun Pfund bemerkte, weiß ich nicht – aber ein wenig fremd war er mir zunächst trotzdem. Wir lächelten uns an, tauschten höfliche Worte aus, aber waren beide ziemlich angespannt.

Dann gingen wir heim – inzwischen hatte Mutter mit den Nachbarinnen den Ehrenbogen aus Kiefernzweigen vor der Haustür unseres Elternhauses errichtet – mich überkam ein fast lächerliches Gefühl von Stolz, dass dieser Ehrenbogen mir galt (und nicht wie sieben Mal zuvor einer meiner Schwestern).

Wir aßen gemeinsam zu Mittag. Unsere Mutter redete ohne Pause und weihte meinen Verlobten in die wichtigsten Punkte der Feierlichkeiten ein (wobei sie es sich nicht verkneifen konnte, immer wieder auf die halsabschneiderischen Geschäftsleute zu schimpfen, die den Brauteltern die letzten Kronen aus der Tasche zogen – was ich ziemlich peinlich fand, da Klarius ja einen Großteil der Hochzeitskosten aus seiner Tasche bezahlte). Vater brummte ein paar Mal und gab Mutter unter dem Tisch einige Stubser mit dem Fuß, die ihren Redeschwall aber nicht stoppen konnten.

Am Tag vor der Hochzeit haben mein Bräutigam und ich uns nicht gesehen (so wie es Tradition ist), stattdessen kam seine Mutter zu uns nach Hause, um die norwegische Erbensuppe für die Nach-Mitternachts-Stunde zu kochen. Frau Mikkelsen hielt sich nicht lange mit Plauderei auf, sondern marschierte beladen mit zwei Körben und drei Taschen voller Zutaten in unsere Küche und verlangte, den größten Kochtopf zu sehen, den wir im Hause hatten. Mutter zeigte ihr unseren Suppentopf, aber Frau Mikkelsen schüttelte den Kopf (immerhin sollte die Suppe für über 70 Gäste reichen) und zeichnete mit Händen und Armen einen Topf von der Größe eines Waschzubers in die Luft. Mutter überlegte kurz und lief dann durch den Garten zu Frau Jakobsen und kam kurze Zeit mit dieser zusammen wieder, beide schleppten eine riesigen Metalltopf (der früher mal beim Roten Kreuz im Einsatz war und aus dem schon so manche Kompanie satt worden war). Der Topf war so riesig, dass er die gesamte Kochstelle (vier Gasflammen, die wir später auch allesamt anließen) überdeckte. Frau Jakobsen blieb gleich da, um mitzuhelfen. Unter dem Kommando von Frau Mikkelsen schälten und schnitten wir kiloweise Kartoffeln, Zwiebeln und Suppengrün, was wir in viel Öl andünsten und mit schwarzem Pfeffer würzten. Dann gaben wir tütenweise getrocknete gelbe Schälerbsen in den Topf, gossen alles mit viel Wasser auf, Petersilie und einige Loorbeerblätter sowie Salz und (noch mehr) Pfeffer kamen hinzu.

Dann blubberte unser Werk in dem gigantischen Topf über eine Stunde vor sich hin und verbreitete einen Appetit anregenden Duft (mein Magen meldete sich knurrend, war ich froh, dass meine Brautkleid-Diät ab übermorgen vorbei sein würde). Mutter schenkte uns allen Kirschlikör aus und allmählich löste sich die Zunge von Frau Mikkelsen und sie verriet mir, dass die Erbsensuppe für das Brautpaar ein Symbol sei für Fruchtbarkeit (als sie sich den Bauch rieb, dachte ich zuerst, sie meine nur den Genuss beim Essen) und Reichtum (die Geste des Fingerreibens erkannte ich sofort). Als die Suppe fertig gekocht war, kam noch ein riesiger Schinkenknochen für zusätzliches Aroma hinein (der bis zum Servieren morgen Nacht dort drinnen ziehen würde). Zu Dritt hievten wir den Topf (der nun mit einem Deckel luftdicht verschraubt und so schwer war wie ein ausgewachsener Seeteufel) auf den Küchentisch und ich fragte mich, wer dieses Monstrum morgen zum Festsaal transportieren würde und wie.

«Den Topf ziehen Lars und Jan mit dem Leiterwagen», betimmte Mutter. Frau Mikkelsen nickte zufrieden.

(…)

Dann war der große Tag gekommen. Obwohl ich hätte ausschlafen können, war ich mit dem ersten Licht des Tages wach und konnte vor Aufregung nicht mehr still liegen. Also habe ich ein ausführliches Bad genommen und bin dann in die Küche hinunter, die nach dem Polterabend wie ein Schlachtfeld aussah, es stapelte sich ungewaschenes Geschirr und überall standen Gläser und leere Bierflaschen herum, nur der riesige Topf mit der Erbsensuppe thronte unberührt vom Chaos auf dem Küchentisch. Ich machte mir eine heiße Schokolade und aß dazu zwei Knäckebrote (ohne Hering, den konnte ich nicht mehr ertragen).

Gegen 9 Uhr hörte ich ein Getöse von oben – ein sicheres Zeichen, dass Mutter wach war und ihr Hochzeitsmotor auf vollen Touren lief. Bald trampelte sie die Treppe hinunter, noch im Morgenmantel und mit Nachthaube. (…)

Um 13 Uhr fuhren die Wagen vor, um die Familie zur Kirche zu bringen – Mutter sah in ihrem grünen Samtkleid mit den roten Schleifen den Ketten wie ein Weihnachtbaum aus, Vater trug seinen bewährten Brautvateranzug (der nach jahrelangem Einsatz einen leicht abgewetzten Anblick bot, aber die glänzenden Lackschuhe und die frische Tulpe im Knopfloch machten einiges wieder gut).

Die Braut («das bin wirklich ich», ging es mir immer wieder durch den Kopf – ich konnte es kaum glauben) wurde eine halbe Stunde später abgeholt, damit die Festgemeinde genügend Zeit hatte, sich zu begrüßen und Platz zu nehmen. Meine Brautjungfern Fräulein Olsen und Helga (du liebe Elin wärst ja meine Nummer Eins gewesen, wie sehr habe ich dich in diesem Moment vermisst!) waren inzwischen eingetroffen und warteten mit mir.

«Du siehst aus wie ein Prinzessin», schwärmte Helga.

«Wie Greta Garbo», bekräftigte nochmals Fräulein Giese, die unaufhörlich an meinen Haaren und an meinem Kleid zupfte. In meinem weißen Kleid fühlte ich mich wirklich wie eine Göttin (die allerdings ein wenig den Bauch einziehen musste, damit die Knöpfe nicht zu sehr unter Spannung gerieten).

Blumenstrauß, Hochzeit

FORTSETZUNG FOLGT…

Wie gefallen euch die Hochzeitsvorbereitungen?

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