Am Tag 12 im National Novel Writing Month – Wörter wo seid ihr? Blackout im Zwang der Zahlen

Ein Drittel des Weges auf meinem NaNoWriMo-Schreibabenteuer habe ich bewältigt – mit Hängen und Würfen! Noch nie waren 1.667 Wörter (das durchschnittlich zu erringende Tagespensum, damit ich in 30 Tagen auf die Romanlänge von 50.000 Wörtern komme – so ist die Challenge dieses Wettbewerbes mit mir selbst) so schwer zu finden. Wo seid ihr Wörterwellen und Schreibrausch?

Ich frage mich, wie ich das im letzten Jahr so locker geschafft habe, mit Überschuss jeden Tag und leichtem Fluss (zumindest im November – meine Schreibreise ging ja dann noch drei Monate weiter, da wurde der Weg noch steinig).

In der ersten Woche musste ich mich oft mit Stoppuhr (10 Minuten schaffst du, dann Pause) von Etappe zu Etappe hecheln. Auch der Extras-Button (zum Wörter zählen) und mein Taschenrechner sind im Dauereinsatz: „Oh mein Gott, wie viel noch, habe ich es endlich geschafft???“

Liegt es am vielleicht Stoff?

Blackout“ nenne ich meinen Roman. Ich fürchte, dieser Titel ist in meinen Schreibprozess durchgesickert und zieht dort schwarze Fäden in meinen Gedanken.

Meine Geschichte baut auf den 15 Romanseiten auf, die ich im August in der Romanwerkstatt im Studium geschrieben habe. Die Handlung spielt an einem heißen Julitag – am Freitag, den 13. (den gab es wirklich dieses Jahr) in Frankfurt am Main – kurz nach 14 Uhr fällt in der ganzen Stadt der Strom aus (für mehrere Stunden). Der neue EZB-Wolkenkratzer ist einer der dramatischen Handlungsorte.

Inspiriert zu diesem Romansetting hat mich der große Stromausfall am 13. Juli 1977 in New York City – eine der dunkelsten Stunden der Stadt mit Plünderei und Gewaltausbrüchen. Ich finde es sehr reizvoll, Figuren unterschiedlicher Gesellschaftsschichten und Temperamente in dieser menschlichen und zivilisatorischen Extremsituation aufeinander prallen zu lassen. Wer handelt heldenhaft, wer schurkenhaft?

In meiner Geschichte wird zwar auch Blut fließen, aber im Zentrum steht die Romantik. Im Moment des Stromausfalls führt das Schicksal (ich) die schlagfertige Putzfrau Natasha und den zurückhaltenden Banker Robert im Fahrstuhl zusammen. Sie müssen sich aus der Falle befreien und kommen sich dabei näher.

Außerdem gibt es noch die Milionärsgattin Gabriele von Auerstedt, die im Moment des Stromausfalls in einer Umkleidekabine steht und spontan zur Dessous-Diebin wird. Dabei wird sie vom Fahrradkurier Yul beobachtet, ein 17-jähriger lebenshungriger Junge aus dem Rotlichtmilieu, der von einem besseren Leben träumt.

Dann gibt es noch den älteren Herrn aus Wien im weißen Anzug (bankrott und bigott), der die Asche seiner toten Frau in einer Lebkuchendose mit sich herum trägt und einen fatalen Plan verfolgt. Soweit, so gut.

Als ich am  1. November mit dem Schreiben begonnen habe, wollte ich nicht dort fortsetzen, wo meine Romanseiten endeten (im Moment des Stromausfalls), sondern noch eine wenig zurück gehen und mir mehr Zeit zur Einführung meiner Figuren geben. Die fertigen Seiten (die ich nicht in meinen NaNoWriMo-Wordcount mit einrechne – das ist Ehrensache) sind wie der Rohbau – dort habe ich sehr konzentriert auf wenig Raum die Charaktere aufgebaut – den ich in den letzten 11 Tagen von innen ausgestattet habe – zuweilen mit viel Detailliebe und überflüssigem Stuck.

Ich hatte das Gefühl, dass ich meine Figuren erst noch in ihrem Alltag zeigen möchte, bevor ich sie in die Ausnahmesituation des Stromausfalls stürze.

Also habe ich mich ausschweifend jeder Figur zugewandt: Natasha beim abendlichen Putzen (u.a. tauscht sie versteckte romantische Zettelbotschaften mit dem Inhaber eines der Büros aus, beide wissen nicht, wer der geheimnisvolle Schreiber ist – Spoiler Alert: es ist Robert), Robert beim Frühstücken und mit dem Fahrrad zur Arbeit fahrend, dem Wiener anreisend und Gabriele im Schönheitssalon.

Das klingt so, als wäre mir das leicht von der Hand gegangen. Fehlanzeige. Ständig ermahne ich mich beim Schreiben „show, dont’t tell“. Diese goldene Regel habe ich tausendmal gebrochen. Ich bin eine echte Plaudertasche und erkläre ständig die Gedanken und Motivationen meiner Figuren, auch wenn ich versuche, sie wenigstens in Dialogen (wenn schon nicht mit Handlungen) zu zeigen.

Als Erzählperspektive habe ich den Personalen Erzähler gewählt und wechsele zwischen der Sicht von Natasha, Robert, Yul und Gabriele. Ich drifte gefährlich nahe an den Allwissenden Erzähler, was ich vermeiden möchte.

Für den Wiener im weißen Anzug (der in den Action-Szenen aus der Sicht Dritter gezeigt wird und eher unsympathisch rüber kommt) habe ich mir den Trick überlegt, dass ich seine Innenwelt in Briefform sichtbar mache. Wieder ganz und gar „telling“ – er sitzt im Zug und schreibt einen langen Brief an „Meine geliebte Claudette“ – das habe ich an Tag 3 geschrieben, als ich um jedes Wort gerungen habe, um meinen Wordcount zu schaffen (habe nach 557 Wörter kapituliert).

Ja, die Statistik sitzt mir im Nacken. Die Disziplin ist das oberste Gebot. Ich zwinge mich, an jedem Tag zu schreiben (meistens zwischen 21 Uhr und Mitternacht, wenn es kein „später“ mehr gibt). Ich lasse keine Ausreden gelten. „Heute lasse ich es sein, dann schreibe ich morgen eben das Doppelte“, gibt es nicht. Die Aufholjagt ist Stress pur – selbst, wenn mir nur ein paar hundert Wörter fehlen. An Tag 3 und Tag 7 habe ich mich zu 557 und 432 Wörtern gequält (immerhin), dafür an anderen Tagen 2.400 Wörter geschafft. Ich versuche jedoch, den Durchschnittslevel zu halten (1.700 pro Tag wären ideal, mit Mini-Polster).

Hier meine aktuelle Statistik. In der Zeile „At This Rate You Will Finish On“ steht nun endlich der 30. November. Bis vor 2 Tagen war es der 3. Dezember – too late! – Panikaufwallung.

Genug der Worte? Mein obiges Lamento hat 899 Wörter (das wäre schon über die Hälfte meines heutigen Tagespensums) – ach, ich glaube, ich leide an einer word-count-compulsion – einem Schriftstellerzwangsstörungszahlensyndrom…

Jetzt möchte ich euch noch eine Leseprobe gönnen. Ich hatte letzte Woche ein intensives Vorstellungsgespräch und habe daraus jede Menge Tintensaft gesogen. Die Fragen des Interviewers sind mir echt so gestellt worden – ihr werdet sehen, wie meine Romanheldin Natasha damit klar kommt.

Übrigens neben dem Briefschreiben eine weitere Selbstaustricksung: Wenn ich meiner Erzählerstimme schon das Schwafeln verbiete (show show show), dann lasse ich meine Figur im Job Interview einfach ihre Lebensgeschichte erzählen. Mein innerer Kritiker soll sich halt bei Natasha beschweren.

Viel Spaß mit:

(Tag 9 und 10: ) Ein Vorstellungsgespräch zerbröselt

Natasha saß in ihrem weißen T-Shirt im kleinen Gesprächszimmer wie in einer Gefriertruhe. An ihren Armen hatte sich eine Gänsehaut gebildet und sie war froh, dass sie einen gut ausgepolsterten BH-Trug. Ein Vorstellungsgespräch mit Nipple-Alarm hätte ihr gerade noch gefehlt. Ihren Putzkittel hatte sie im Umkleideraum im Keller gelassen. Die Tür ging auf und zwei Männer kamen herein. Der erste war groß, hielt seinen Kopf leicht vorgeschoben, als müsse er sich unter dem Türrahmen hindurch bücken, trug einen marineblauen Anzug, so wie es die Stars zurzeit auf dem Roten Teppich trugen, an diesem Mann wirkte das Kleidungsstück aber seltsam unmodisch, es spannte über dem Bauch und die Ärmel waren einen Hauch zu kurz. Die senffarbene Krawatte ließ seinen Teint gelblich-blass wirken. Er war glattrasiert und eine großflächige Brille dominierte sein Gesicht mit hoher Stirn, das von spärlichem braunen Haar eingerahmt wurde.

„Marcus Waidmann mein Name, Senior Recruiter“, sagt er aus schmalen Lippen, die ein Zigarettenaroma in ihre Richtung hauchten. Dabei streckte er ihr energisch seine Hand entgegen, dabei blitzte eine goldener Manschettenknopf kurz im Licht auf. Seine Hand fühlte sich wie eine Fischflosse an. Er wies auf den Mann hinter sich.

„Das ist Herr Mohamed Boulez, Senior Assistent to Head of Office Management“. Der Vorgestellte gab ihr lächelnd seine warme Hand. Ein schwarzer gepflegter Schnurrbart stand über seinen vollen Lippen und weißen Zähnen, seine Haare sahen ein bisschen verstrubbelt aus. Er trug ein weißes Hemd mit rosa Streifen und darüber ein graues Kordjackett, das er bestimmt nur zu diesen förmlichen Anlässen hervor kramte.

„Guten Tag Frau Tschur“, sagte Mohamed. Sie kannte ihn vom Namen her, denn er war die Kontaktperson für ihrer Putzfirma. Ihre Kolonnenchefin Amsah war per Du mit Herrn Boulez, nannte ihn Mo und tauschte sich gerne mit ihm über marokkanische Rezepte aus.

„Soll ich die Klimaanlage ein wenig herunter drehen, es ist ziemlich kalt hier drinnen“, sagte Mohamed, dem offenbar ihre kalten Finger beim Händeschütteln aufgefallen waren. Sie nickte dankbar.

„Nehmen Sie doch Platz, Frau Tschur,“ übernahm der Personaler wieder die Gesprächsführung und deutete auf den Platz an der langen Seite des Tisches mit der Tür im Rücken und dem Blick auf die blinden Fenster mit herunter gelassener Jalousie, er selbst setzte sich an den Kopf des Tischs rechts von ihr. Er wies auf die Auswahl von kalten Getränken und einen Teller mit Keksen links von ihr. Natasha schenkte sich ein Glas stilles Wasser ein. Nachdem Mohamed einige Knöpfe auf der Schaltfläche für die Klimaanlage bei der Tür bedient hatte, nahm er Natasha gegenüber Platz.

„Haben Sie gut hierher gefunden?“, fragte der Personaler in einem Singsang, der nach einer gut trainierten Telefonstimme klang. Er schien seine Standardplatte abzuspielen.

„Ich habe den Aufzug genommen, es waren 25 Stockwerke“, sagte Natasha. Der Personaler schlug die Pappmappe mit ihren Bewerbungsunterlagen auf.

„Sie arbeiten zurzeit bei Office Clean, unserem Subunternehmen, nicht wahr“, stellt er fest.

„Und jetzt wollen Sie in unser Office Management einsteigen. Wir wollen ja offen und ehrlich in unserem Gespräch sein. Obwohl Sie bereits in unseren Räumlichkeiten tätig sind, kann ich Ihre Bewerbung nicht als „Inhouse“ betrachten, da sie ja bei einem externen Arbeitgeber beschäftigt sind“, sagte er mit gespieltem Bedauern. Natasha nickte. Was wollte er damit sagen? Dass sie sich unbemerkt als „intern“ einschmuggeln wollte und er sie bei einem Täuschungsmanöver ertappt habe? Irgendwie fühlte sie sich in die Defensive gedrängt.

„Das ist mir klar“, antwortete sie.

„Aber es ist sicher von Vorteil, dass Frau Tschur mit den Büroräumlichkeiten und gewissen Abläufen schon vertraut ist“, warf Mohamed ein.

„Sie kommen also gerade vom Putzen hoch?“, fragte der Personaler und sein Kopf machte eine wippende Bewegung, die ihn mit seiner gebogenen scharfen Nase wie einen nach Körnern pickenden Vogel wirken ließ. Er deutet mit der Nase auf ihr schlichtes weißes T-Shirt, das scheinbar nicht seinen Vorstellungen des Dress Codes für ein Bewerbungsgespräch entsprach.

„Ja, ich hatte heute schon Frühschicht. Im Moment, also von Zwölf bis Vier, habe ich Mittagspause“, sagte Natasha. Schon wieder hatte sie das Gefühl, sie müsse sich verteidigen.

„Wir werden das Gespräch in drei Abschnitten durchführen“, sagte der Personaler, „zuerst werde ich Ihnen meine Fragen stellen – sie sehen, ich habe noch viele freie Felder in meinem Fragebogen – dann wird Herr Boulez Ihnen die Aufgaben der ausgeschriebenen Stelle näher erläutern und im dritten Teil können Sie Ihre Fragen stellen, die Sie bestimmt vorbereitet haben“. Natasha hatte keineswegs Fragen vorbereitet. Wollte der Personaler sie einschüchtern mit seinem strengen Ablaufplan und seiner Erwartungshaltung? Sie nickte und schielte zum Gebäckteller. Sie hatte plötzlich großen Appetit auf einen Schokoladenkeks.

„Dann fangen wir mal an“, sagte der Personaler. Es hätte sie nicht gewundert, wenn er mit einer Trillerpfeife den Start des Fragenparcours eingeläutet hätte.

„Erzählen Sie bitte kurz und knapp ihre biografischen Eckpunkte und die Stationen ihrer Ausbildung seit ihrem Schulabschluss“, forderte er sie auf.

„Ich bin am 25. Januar 1982 in Bratislava geboren und habe vier jüngere Geschwister. Meine Großmutter ist Deutsche, deshalb wollte meine Familie, dass ich gut Deutsch lerne.“

Natasha merkte, wie sich ausgerechnet ich diesem Satz ein starker Akzent hörbar machte. Sie straffte ihren Rücken und sprach mit sorgfältiger Artikulation weiter.

„Ich bin auf die Deutschen Schule in Bratislava gegangen und habe dort mein Abitur gemacht, das war im Jahr 2000. Dann habe ich an der Comenius Universität von Bratislava vier Semester lang Medizin studiert. Ich wollte Zahnärztin werden. Aber ich habe meine Meinung geändert. Ich habe danach eine Ausbildung zur Dolmetscherin und Übersetzerin für Deutsch, Slowakisch und Russisch abgeschlossen. Danach habe ich in einem Übersetzungsbüro gearbeitet. Als ich 26 Jahre alt war, bin ich nach Deutschland gezogen, zuerst nach Berlin, wo ich als Dolmetscherin beim Sprachendienst des Auswärtigen Amts gearbeitet habe. Vor einem Jahr bin ich nach Frankfurt gezogen. Seitdem arbeite ich bei Office Clean und zusätzlich freiberuflich als Übersetzerin.“

Während sie sprach hing der Personaler mit seiner Nase über ihrem Lebenslauf und machte mit seinem Kugelschreiber kleine Häkchen und Fragezeichen an den Rand.

„Das ist schon ein ungewöhnlicher Werdegang“, hakte er ein, „Sie haben mit einem Stipendium Medizin studiert und arbeiten jetzt als Reinigungskraft.“

Er schaute sie durch seine Brille starr an. Natasha blickte zurück, hielt dem Augenduell stand und schwieg.

„Ich meine ja nur, aufgrund Ihrer Fähigkeiten hätten Sie Zugang zu einem akademischen Grad und damit zu einem ganz anderen Segment auf dem Arbeitsmarkt haben können“, stellte er in den Raum. Natasha zuckte mit den Schultern und griff nach einem rechteckigen Butterkesks mit dunklem Schokoladenbezug und biss hinein. Krümel rieselten auf die Tischplatte, hastig steckte sie auch die zweite Hälfte in den Mund. Sie würde ihm keinesfalls verraten, dass sie im zweiten Semester im Praktikum bei einer Zahnärztin plötzlich eine schwindelerregende Angst vor spitzen Instrumenten entwickelt hatte (dafür gab es sogar eine medizinischen Namen: Aichmophobie), von Schweißausbrüchen und Schlafstörungen geplagt gewesen war. Nach dem vierten Semester hatte sie das Handtuch geworfen. Sie musste sich eingestehen, dass der Beruf der Zahnärztin einfach nicht der Richtige für sie war.

„Aus Ihrer Bewerbung schließe ich, dass Sie nicht für immer in der Reinigungsbranche bleiben wollen“, insistierte der Personaler. Natasha kaute angestrengt, nickte und schluckte.

„Gut, gehen wir zur nächsten Frage über…“

Natasha räusperte sich und fiel ihm ins Wort.

„Meinen Kopf benutze ich im Moment bei den Übersetzungen. Das macht mir Spaß und fordert mich heraus, aber ich arbeite freiberuflich, also sind die Aufträge unregelmäßig. Als festes Einkommen habe ich den Lohn für das Putzen. Da kann ich mich körperlich einsetzten. So ergänzen sich beide Jobs. Aber ein bisschen eintönig ist das Putzen schon, deshalb habe ich mich auf die interessante Stelle im Office Management beworben.“ Der Personaler hob seine flache Hand wie ein Verkehrspolizist.

„Lassen Sie mich die Fragen stellen. Wir kommen noch zu Ihrer Motivation“, sagte er. Natasha spürte Ärger über diese Zurechtweisung in sich aufsteigen. Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust und lehnt sich hart gegen die Stuhllehne. Ihr Blick streifte über das Gesicht von Mohamed, der ihr gegenüber saß. Er schaute sie aus dunklen Augen scheinbar beschwichtigend an und deutet ein Lächeln an.

„Also“, hob der Personaler streng an und verlas die zweite Frage aus seinem Fragebogen:

„Was war Ihr größtes Erfolgserlebnis im Jahr 2017?“

Natasha durchkämmte ihr Gedächtnis. Ihr eindrucksvollstes Erlebnis war ihr dreiwöchiger Arbeitsaufenthalt auf einer familiären Kakaoplantage auf Hawaii, wo sie alle Prozesse vom Abschlagen der Schoten vom Stamm, dem Ausnehmen der Schote, dem Fermentieren und Rösten der Bohnen bis zur Herstellung der Schokolade mitgemacht hatte. Abends war sie hundemüde auf ihre Strohmatratze gefallen, mit herum wirbelnden Gedanken und dem Geschmack ihrer Zukunft auf der Zunge.

Doch die Frage des Personalers zielte bestimmt auf einen konkreten beruflichen Erfolg ab.

„Als ich eine E-Mail vom Chef des Übersetzungsbüros vom Slowakischen Konsulats bekommen habe, in der er mir für meine gute und zuverlässige Arbeit gedankt hat.“

Der Personaler blätterte in den Unterlagen.

„Haben Sie diese E-Mail beigefügt?“, fragte er.

„Nein, es ist ja kein Zeugnis. Glauben Sie mir etwa nicht“, fragte Natasha. Sie spürte wie das Blut in ihren Fingerkuppen und Lippen pulsierte. Jetzt war ihr nicht mehr kalt. Der Personaler runzelte die Stirn und machte sich eine Notiz. Bestimmt war es ein Negativeintrag.

„Was war Ihr schlechtestes Erlebnis in 2017“, fuhr er stur fort.

Schade, dass er nicht nach diesem Jahr fragte. Da hätte dieses Gespräch gute Chancen auf das Siegertreppchen. Negative Erfahrungen am Arbeitsplatz gab es mehr als genug. Urheber waren immer machtgeile Kerle, die ihre Finger nicht bei sich behalten konnten. Pograpscher und feuchtzüngige Bemerkungen pflasterten ihren Weg. Erst heute morgen wieder im Konferenzraum. „Auf meinem Schoß ist noch ein Plätzchen frei“, hatte der Anzugtäter zu ihr gesagt. Ihr Magen brannte und sie biss ihre Backenzähne aufeinander. Aber davon würde sie hier nicht sprechen. Sie nahm einen Schluck aus dem Wasserglas und zwang sich, ihre Hände in scheinbar entspannter Pose in den Schoß zu legen.

„Da fällt mir spontan nichts zu ein“, sagte sie und fixierte die Kekskrümel, die vor ihr auf der weißen Tischplatte lagen.

„Dann wollen wir mal in die Zukunft gehen“, fuhr der Personaler routiniert fort.

„Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“

Jetzt wäre der geeignete Zeitpunkt, sich anzubiedern. Sie könnte sagen:

„Ich arbeite bei Ihnen im Office Management und bin gerade zur Teamleiterin befördert worden.“

Stattdessen hört sie sich sagen:

„Ich lebe auf Hawaii und bewirtschafte meine eigene Kakaoplantage.“

Hatte er nicht zu Beginn des Gesprächs was von „offen und ehrlich“ gesagt? Das konnte er haben. Sie schaute dem Fragebogentypen trotzig ins Gesicht.

„Aha. Das scheint mir angesichts Ihres bisherigen Werdegangs eine ziemliche Richtungsänderung zu sein“, stellte der Personaler pedantisch fest. Natasha hatte keine Lust, ihm ihre Pläne genauer auseinander zu legen.

„Man wird ja wohl noch träumen dürfen“, gab sie ein wenig schnippisch zurück. Ja, träumen konnte sie gut. Aber ihr Traum war kein bloßes Luftschloss. Sie war vor zwei Jahren auf Hawaii gewesen und hatte sich dort Plantagen angesehen. Sie wusste, dass man mit einem Startkapital und einem Kredit eine kleine Farm kaufen konnte. Sie hatte viele Bücher über die Bewirtschaftung des Landes und die Herstellung von Kakao gelesen. Auf der Bank lagen 10.000 Euro, die sie von ihrer Großtante geerbt hatte, dieselbe Summe hatte sie in den letzten Jahren mit viel Disziplin zusammen gespart. Aktuell schaffte sie es, mit ihrem miesen Putzjob und dem Übersetzungslohn, jeden Monat 300 Euro beiseite zu legen. Ja, in fünf Jahren würde sie ihren Traum in die Tat umsetzen. Kein engstirniger Besserwisser würde sie davon abhalten.

„Was ist dieses Gespräch nach ihrem Eindruck bisher verlaufen?“, ging der Personaler zum Punkt auf seinem Fragebogen über. Diese Frage solle sie wohl aus dem Konzept bringen. Gab es darauf überhaupt eine gute Antwort. Wenn sie die Schwachstellen ansprach, zeigte sie zwar Selbstreflexion und Kritikfähigkeit, aber sie machte sie selbst unnötig schlecht. Wenn sie sich selbst lobte, könnte das eingebildet und ignorant wirken – besonders, wenn es so geholpert hatte, wie in ihrem Gespräch – aber auch selbstbewusst und optimistisch.

„Gut“, sagte Natasha knapp und zwang sich zu einem Lächeln.

„Und was denken Sie ist mein Eindruck von unserem bisherigen Gespräch?“, fragte er weiter. Das was eindeutig eine Fangfrage. Mit dem Perspektivwechsel sollte sie wohl dazu gebracht werden, doch etwas Negatives zu sagen und sich selbst abzuwerten.

„Gut“ sagte Natasha erneut. Sie würde ihm nicht den Gefallen tun, sich in langen Sätzen zu verheddern und Anknüpfungspunkte für Rückfragen zu geben. Der Personaler schrieb mehr als ein Wort in das Antwortfeld. Wahrscheinlich erstellte er gerade ein Psychogramm von ihr.

„Wie sieht ihr idealer Vorgesetzte bzw. ihre ideale Vorgesetzte aus?“, fragte er weiter.

„Er behandelt mich mit Respekt“, sagte Natasha ein bisschen lauter, als beabsichtigt.

„Er oder sie…“, fügte sie noch hinzu. Sie nahm einen Schluck aus dem Wasserglas.

„War das in der Vergangenheit schon ein Thema für Sie?“, fragte der Spürhund.

„So wie für jede Frau in der Arbeitswelt, denke ich“, sagte Natasha ausweichend.

„Na gut, dann kann Herr Boulez Ihnen jetzt die Aufgaben der Servicekraft im Office Managemant vorstellen“, sagte der Personaler. Dieser richtete sich in seinem Stuhl auf.

„Die Aufgaben der Servicekraft beinhalten, alle Büros bedarfsgemäß mit Büromaterialien auszustatten, ebenso die Küchen und Kopierräume. Außerdem ist die Bewirtung bei Meetings ein wichtiger Bestandteil, d.h. das Eindecken der Tische und das Bereitstellen der Getränke und Speise.“

Herr Boulez machte eine Pause in seiner Erklärung und blickte sie aufmunternd an.

„Der Wäscheservice gehört bestimmt auch dazu, oder?“, fragte sie, um ihre Einblicke und ihr Engagement zu zeigen.

„Ja, das stimmt. Wie Sie ja wissen, bietet die EBZ ihren Beschäftigten diesen Wäscheservice an. Die Reinigung der Anzüge und Hemden wird zwar extern vorgenommen, aber das Einsammeln, Übergeben und Rückführen der Kleidungsstücke erfolgt in Koordination mit den jeweiligen Persönlichen Assistenten der Manager und der Reinigungsfirma.“

Natasha nickte eifrig.

„Und was ist mit der Pflege der Pflanzen und der Wartung der Kopiergeräte?“, hakte Natasha beflissen nach.

„Sie denken ja gut mit“, sagte Mohamed, „im Office Management sind wir außerdem noch zuständig für die Koordination der Subunternehmen, wie die zum Beispiel die Reinigungsfirma, die Pflanzenpflegefirma und die Leasingfirma für die Drucker. Das fällt jedoch nicht in den Aufgabenbereich der ausgeschriebenen Stelle.

„Können Sie sich vorstellen, diese Aufgaben zu übernehmen“, schaltet sich der Personaler wieder ein.

„Ja, das würde mich sehr reizen“, sagte Natasha formelhaft.

„Herr Boulez vergaß zu erwähnen, dass im Meeting-Catering auch ein direkter Kontakt zu den Konferenzteilnehmern besteht, da die Servicekraft auch vor Ort serviert. Deshalb sind ein diskretes und entgegenkommendes Auftreten von größter Wichtigkeit“, sagte der Personaler mit schmalen Augen. Natasha spürte, wie ihr rechtes Augenlid einmal zuckte. Sie schlug die Augen nieder. Der Spürhund hatte ihre Achillesverse entdeckt und zugebissen.

„Das ist eine willkommene Herausforderung“, sagte Natasha mit fadem Klang und erst als der Satz schon über ihre Lippen gewabert war, wünschte sie sich, sie hätte ihn mit scharfer Ironie gewürzt.

„Haben Sie noch weitere Fragen?“, wollte der Personaler wissen.

Natasha versuchte, einen Gedanken zu greifen, aber diese versteckten sich in einem Nebelmeer. Sie schüttelte den Kopf.

„Vielleicht kann ich Ihnen ein paar Worte zu den Arbeitsbedingungen sagen“, sprang Mohamed ein. Er erläuterte ihr kurz die Regelungen des Tarifvertrags. Natasha kannte diesen und wusste schon Bescheid über die Arbeitsstunden, Lohn und Urlaub. Sie nickte artig zu allem.

„Dann habe ich noch eine letzte Frage“, sagte der Personaler und klappte die Bewerbungsmappe zu, als habe er schon längst mit ihr abgeschlossen.

„Welche Vorteile sehen Sie in der Stelle der Servicekraft OM im Vergleich zu Ihrer jetzigen Stelle bei Office Clean?“

Natasha biss sich auf die Zunge, um nicht zu sagen, was offensichtlich war – man verdiente deutlich mehr Geld und wer wollte nicht lieber Kaffee kochen und Kekse platzieren anstatt Klos zu schrubben?

„Die Aufgaben sind abwechslungsreicher und ich sehe in dieser Tätigkeit mehr Potential, meine Fähigkeiten zu entfalten“, rezitierte Natasha einen Satz aus den Job Interview Tutorials, die sie auf Youtube angeschaut hatte. Sie zog ihre Mundwinkel in ein künstliches Lächeln und hielt dem Blick des Personalers stand, der sie hinter seinen Brillengläsern wie ein Fisch aus dem Aquarium anstarrte. Er schien einen Augenblick zu überlegen, ob er sein Opfer noch weiter traktieren wollte, gab sich dann einen Ruck und stand auf.

„Vielen Dank, dass Sie zu uns gekommen sind“, spulte er sein Verabschiedungsprogramm herunter.

„Wir melden uns bei Ihnen“. Herr Boulez gab ihr die Hand, der Personaler machte die Tür des Zimmerchens auf und ging voran.

„Ich bringe Sie noch zum Aufzug“, sagte der Gesprächsprofi. Natasha wusste, dass jetzt der ominöse Doorknob-Moment kommen würde, wenn der Bewerber denkt, das Interview sei schon vorbei und er im Weggehen zu einer spontanen Aussage und evtl. zu einem Fauxpas verleitet werden sollte. Die Fahrstuhltür öffnete sich.

„Geht es jetzt nach Hause?“, fragte der Personaler.

„Nein, ich werde mein Hawaiihemd anziehen und zwei Dutzend Klos putzen“, sagte Natasha und trat mit einer schwungvollen Drehung in den Aufzug, der sie zurück ins Untergeschoss trug.

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