Schon 7 Tage im NaNoWriMo mit meiner Dirigentin in Wien

Es ist eine dunkle und stürmische Nacht im November – und schon wieder sitze ich Nacht für Nacht vor dem blauen Licht meines Bildschirms bis die Glocken zwölf Mal schlagen – zur Geisterstunde werden meine Schreibgeister erst so richtig munter. Seit 7 Tagen stelle ich mich zum 4. Mal in Folge dem NaNoWriMo – der Challenge, jeden Tag mindestens 1.667 Wörter meines Romans zu schreiben, bis ich am 30. November die Ziellinie von 50.000 Wörter überschreibe – mit dieser Länge darf sich ein Text mit gutem Gewissen Roman nennen. Dass an diesem Rohentwurf noch einiges zu überarbeiten und zu schleifen sein wird, versteht sich. Aber das Textfundament ist damit gelegt.

Mein Romanprojekt in diesem Jahr heißt: „Die Dirigentin im Herrenrock“. Meine Protagonistin kommt am 1. November 1925 nach Wien und will sich an der Oper als Assistentin des Kapellmeisters bewerben – aber alleine der Umstand, dass sie eine Frau ist, verwehrt ihr jede Chance. Also verwandelt sie sich in einen Mann und siehe da – sie darf dirigieren. Aber kann und will sie diese Maskerade aufrecht erhalten?

Von meiner Recherche-Reise nach Wien Anfang Oktober habe ich euch schon erzählt. In der Zwischenzeit habe ich drei junge Dirigentinnen via Skype interviewed – die mir auf Anfrage der Dozent des Masterstudiengangs für Orchesterdirigieren an der Universität der Künste Berlin freundlicherweise vermittelt hat. Von diesen beeindruckenden jungen Frauen habe ich einiges über die individuellen und oft verschlungenen Wege einer Musikerin hin zur Dirigentin erfahren und welche Herausforderungen einer Frau in diesem Beruf begegnen und welche Eigenschaften sie mitbringen sollte, um zu reüssieren. Außerdem habe ich einige Dokumentationen angeschaut, z.B. über den Solti-Dirigentenwettbewerb 2015 in Frankfurt und über die großen Rivalen Furtwängler und Toscanini in den 1920er bis 40er Jahre. Zudem habe ich noch 2 hochinteressante Bücher über die Wiener Oper und Frauen in Salon und Kaffeehaus im Wien der 1920er Jahre entdeckt – die ich noch nicht ganz gelesen habe (hatte in den letzten Oktoberwochen eine faule Phase – aber Relaxen vor dem Schreib-Marathon ist wohl auch wichtig), aus denen ich noch viel Honig für meinen Roman saugen kann.

Als ich letzten Sonntagabend (1. November 2020) vor meinem Computer sitze, fühle ich mich trotz meiner Recherche ziemlich unvorbereitet, habe zwar eine Vision und eine Idee davon, was ich ausdrücken möchte, aber von einem Plot oder Storyboard bin ich weit entfernt. Ich weiß noch nicht einmal, wie meine Heldin Johanna (der Name ist mir zugeflogen, auch eine Homage an die junge Dirigentin Joana Mallwitz, die aktuell die Flagge der neuen Generation von Dirigentinnen hoch hält) mit Nachnamen heißen soll und wie ihre Vorgeschichte ist. Eigentlich gehört es zur Vorarbeit eines Romans, für jede Figur eine Biografie zu entwerfen. Aber ich bin keine große Planerin, sondern lasse mich beim Schreiben treiben und die Figuren und ihre Entwicklung unter meinen Händen während des Tippens entstehen. Mir gefällt diese Arbeitsweise, ich gehe auf Entdeckungsreise in meine Fantasie und überrasche mich selbst, anstatt einen vorgefertigten Plan abzuarbeiten.

Tatsächlich habe ich es Tag für Tag geschafft, meine Figuren zu formen und für ihren Weg in der Geschichte in Stellung zu bringen. In den ersten 3 Kapiteln – die ihr zum Abschluss auszugsweise als Leseprobe findet – bin ich also auf Spurensuche nach meiner Hauptfigur gegangen.

Auch einen wichtigen Gegenspieler habe ich gefunden: den (hist.) Dirgenten Robert Heger, dessen Assistentin Johanna wird. Er ist ein ziemlicher Kotzbrocken (später auch ein Nazi), der von der natürlichen Überlegenheit von Männern gegenüber Frauen überzeugt ist und Johanna bei ihrer ersten Bewerbung abblitzen lässt.

Was meinen Schreibprozess angeht, so bin ich (leider) die totale Aufschieberin – den ganzen Tag über mache ich einen weiten Bogen um meine Schreibdokumente – gehe spazieren, schaue meine Lieblings-Opern-Videos an und esse Lebkuchen dazu. Erst wenn es dunkel ist und es keine Ausreden mehr gibt, setze ich mich gegen 19 Uhr an meinen Schreibtisch und lege meine erste Schreib-Session ein. Meistens schaffe ich in 1 – 1 ½ Stunden ca. 900 Wörter. Dann mache ich eine Pause. Gegen 22 oder 23 Uhr raffe ich mich dann zur zweiten Runde auf und komme meist gut in Schwung, so dass ich die fehlenden 800 Wörter bis zur magischen Zwischenlinie schaffe – gegen 1 Uhr nachts mache ich dann aufgekratzt den Computer aus und gehe noch ein Stündchen in den nebelig-verlassenen Straßen meiner Wohnsiedlung spazieren und sage den Füchsen gute Nacht.

Meine Bilanz der ersten 7 Tage: 12.551 Wörter (57 Normseiten). Meine Statistik sieht also zurzeit gut aus – bin voll im Soll. Ich hoffe, das geht so weiter.

Hier nun die Leseprobe:

Kapitel 1: Wien, Wien nur du allein sollst stets die Stadt meiner Träume sein

Wien, 01. November 1925

Als der Nachtzug aus Berlin kurz vor sechs Uhr in der Frühe in den Wiener Hauptbahnhof einrollte, saß Johanna bereits auf ihrem dickbäuchigen Lederkoffer im Stiegenbereich der Tür und reckte ihren langen Hals nach vorne, um den ersten Blick auf die Stadt ihrer Träume zu erhaschen. Die Sonne konnte sich noch nicht recht entschließen, aufzugehen und den grauen Dunst der Nacht zu vertreiben. Die Müdigkeit in Johannas Gliedern wurde von einer Welle von Adrenalin weggespült, als sie ihren Fuß in festen Schnürstiefeln aus Kalbsleder auf den Bahnsteig setzte und den Koffer mit beiden Händen und vor Anstrengung angezogenen Schultern über die Trittbretter des Wagons auf den Boden herunter zerrte. Eine blonde Haarsträhne löste sich aus ihrem nachlässig zusammengesteckten Haarknoten und fächerte sich über ihre Stirn aus. Sie pustete sich den Haarschleier von den Augen und richtet sich zu ganzer Größe auf, um über die Köpfe der Leute hinwegzublicken und einen Kofferträger zu erspähen. „Leuchtturm Johanna“ hatten ihre Schulkameraden sie halb neckend, halb neidisch ihre Jugendjahre hindurch gerufen. Als Kind der Nordsee waren die Leuchttürme allgegenwärtig – und auf Wangerooge gab es sogar zwei davon, den alten und den neuen. Im Alter von dreizehn Jahren hatte ihr Körper beschlossen, ungebremst in die Höhe zu schießen. Jedes Jahr wuchs sie über zehn Zentimeter, wie Vaters Bleistiftstriche im Türrahmen belegten. Zum Glück hatte sie mit Siebzehn ihren Höchststand von 1,78 Metern erreicht.

„Sonst guckt unser Meitje noch aus dem Schornstein in die Wulkje“, sagte Vater.

„Albert, unser Meitje braucht schon wieder neue Schoo“, rief ihre Mutter händeringend zu jeder Jahreszeit und nähte ständig neue Verlängerungen aus Stoffresten an die Sleves der Pullover und Hosenbeine ihrer Tochter.

„Deine Hosenbeine sehen aus wie eine Ziehharmonika“, sagte Greta aus der Parallelklasse, während sie sich über den weißen Spitzenkragen ihres Blumenkleidchens strich. Johanna hörte sie kaum, denn in ihrem Kopf spielte gerade Beethovens Siebte Symphonie.

Johanna war, soweit sie sich erinnern konnte, nie ein normales Mädchen gewesen. Im Alter von drei Jahren hatte sie das Meeresrauschen in den Muscheln entdeckt. Sie presste sich die große Muschel über ihr linkes Ohr, tänzelte barfuß auf dem Sand im rhythmischen auf- und abfließenden Meeresstrom und fuchtelte mit ihrem rechte Ärmchen in den windigen Himmel, um die Schreie der Möwen zu einem Konzert zu vereinen.

Im Alter von vier Jahren entdeckte sie die Orgel in der St. Nikolai-Kirche beim alten Leuchtturm. Wenn Mutter Freitagabend beim Gemeindetreffen war, schlich sie sich in das verlassene Kirchenschiff, stieg die knarrenden schwarzen Holzstufen der Wendeltreppe zur Empore hinauf und kletterte auf den Hocker des Organisten – Herr Lundt war ein steinalter Greis mit Buckel und krummen Fingern, der im Gottesdienst immer so langsam spielte, dass Johanna beim Singen unweigerlich gähnen musste. Wenn ihre langen schmalen Finger die weißen und schwarzen Tasten der Orgel anschlugen, bereitet der Klang der Pfeifen ihr ein wohliges Kribbeln im Nacken und sie konnte die Töne auf der Zunge schmecken. Das tiefe C schmeckte wie Lakritze und das hohe H wie Brombeeren. Wenn der Küster sie spielen hörte, kam er hinkend angerannt und schüttelte aus der Tiefe zornig seinen Zeigefinger gegen sie.

„Die Orgel ist kein Spielzeug, sondern ein Instrument Gottes!“

Wenn die Musik von Gott kam, dann hatte Johanna einen direkten Draht zu ihm. Aber das verstanden die Großen nicht.

Als sie in die Schule kam, war der Musikunterricht ihr liebstes Fach. Auch wenn Frau Buttfanger die Instrumente – eine Triangel, ein Xylophon und drei Blockflöten – viel zu selten aus der Vitrine holte. Johanna war meistens nicht schnell genug, um eines der begehrten Instrumente zu ergattern und musste sich damit begnügen, den Rhythmus mit zu klatschen – was sie inbrünstig tat.

„Nicht so laut, Fräulein Osterkamp“, ermahnte sie die Musiklehrerin. Meistens sangen sie deutsche Volkslieder wie „Hänschen klein“, „Das Wandern ist des Müllers Lust“, „Alle Vögel sind schon da“, „Hab den Wagen voll geladen“, „Grün, grün, grün sind alle meine Kleider“ – wobei Frau Buttfanger immer schrecklich schräg sang und Johanna jedes Mal Zahnschmerzen davon bekam.

„BORIS GODUNOW“, rief ein Halbwüchsiger Johanna gellend ins Ohr, „heute Abend im Operntheater am Ring. Mit Emil Schipper in der Titelpartie. Am Pult Maestro Robert Heger. Letzte Restkarten hier, letzte Restkarten hier!“

Der Rufer trug eine zu kleine rote Uniformjacke mit goldenen Schultertrosseln und glänzenden Knöpfen wie ein Lakai aus dem untergegangenen Habsburger Königs- und Kaiserreich. Er hielt eine handvoll Opernbillets aufgefächert in der rechten Hand in die Höhe und wedelte damit wie ein Pfau. Tatsächlich drängten sich zwei Damen in Pelzmänteln zu dem Kartenverkäufer und sicherten sich die begehrten Opernplätze.

Johanna fühlte eine anregende Wärme durch ihre Adern rauschen. Würde irgendwann ein solcher Junge auch ihren Namen über die Wiener Straßen und Plätze rufen?

“Am Pult des Wiener Operntheaters: Johanna Osterkamp“ – und würden sich die Leute um die Karten zu ihren Vorstellungen reißen? Das waren alles Träume, Illusionen…

(…) Schon dreht die Straßenbahn nach rechts ab und sie war am Opernplatz. Ihr Herz hämmerte, als sie sich an den Passagieren mit den Regenmänteln vorbei presste und ausstieg. Sie war endlich hier.

Das Wiener Operntheater saß als dicke Diva auf ihrem ersten Platz an der Ringstraße – dabei trug sie die Hausnummer 2, aber das würde ihr niemand vorhalten – jenem Boulevard den Kaiser Franz Josef ab 1860 auf den Spuren der alten Stadtmauer erbauen und von Prachtbauten säumen ließ, die der Donaumonarchie ein repräsentatives neues Gesicht gaben. Eines dieser Vorzeigebauten war das Neues Haus, bald K. k. Hof-Operntheater genannt, das im Jahr 1869 im Beisein des Kaiserpaares mit der Oper „Don Juan“ von Mozart feierlich eröffnet wurde. Johanna kannte die historischen Bilder und Beschreibungen aus ihrem Bildband und Wien-Reiseführer. Aber nun, da sie selbst vor dieser „versunkenen Kiste“ stand, wie die Zeitgenossen den Neubau damals schmähten, verschlug ihr die Erhabenheit des Baus den Atem. Die steinerne Diva saß tatsächlich tief im Fundament, schien sich nur behäbig aus den Steinplatten der umgebenden Plätze zu erheben, dafür aber umso mächtiger, breiter, unverrückbarer, als ein graziler Bau es vermocht hätte. So raumgreifend und imposant war die massive Hülle dieser Diva, die trotz ihrer vielen Fenster etwas von einer Festung hatte, in die es kein Eindringen gab, dass Johanna sie mit einem Blick gar nicht vollständig erfassen konnte.  (…)

Kapitel 2: Eine Dachkammer am Franziskanerplatz – ein Künstlerleben wie bei Puccini

(…) Die Weihburggasse war eng und von dreistöckigen schmalen Wohnhäusern gesäumt, das Tageslicht kam kaum bis zum Trottoir hinunter. Hausfrauen schüttelten Bettdecken aus, irgendwo klang ein Radio durch ein geöffnetes Fenster, zwei Hunde kläfften zweistimmig im Konzert (in F-Dur) und an den Straßenlaternen roch es nach Urin.

Endlich trat sie auf den Franziskanerplatz hinaus, der immer noch im Schatten lag, beinahe viereckig und mit einem Brunnen in der Mitte. Ihre Augen suchten die Fassaden ab, konnte aber weder Hausnummern noch Namensschilder entdecken. Ein Mütterchen in Schürze fegte tief gebeugt vor ihrer Haustür.

„Grüß Gott“, sprach Johanna die Alte an, „ich suche die Pension Anna.“

„Im Orellischen Haus“, krächzte die Alte und deutete mit einem krummen Finger auf das stattliche Haus an der Einmündung der Weihburggasse. Sie bedankte sich bei der Frau und ging auf die grüne Flügeltür des Hauses zu, das mit seinen vier Stockwerken und sechs grün gerahmten Doppelfenstern auf jeder Etage wie ein Weihnachtskalender mit 24 Türchen wirkte.

Johanna drückte die schwere Messingklinke herunter und trat in einen dunklen Flur mit Steinboden, der nach Rauch und Gallseife roch. Links lag die Wohnung der Concierge, die an ihrem zum Flur offenen Fenster mit einer Zeitschrift saß und gemächlich heraus schlurfte, als sie den Neuankömmling sah. Johanna reichte der Concierge den Zettel des Pförtners und fragte nach einem Zimmer für einige Nächte.

„Wir vermieten nur wochenweise“, sagte die Concierge, die sich ihr nicht vorstellte und die Fremde misstrauisch von oben bis unten beäugte. Ihr Blick blieb an Johannas robusten knöchelhohen Männerstiefeln aus schwarzem Leder mit roten Schnürsenkeln hängen – bei einer Schuhgröße von 41 passten die meisten Damenschühchen ihr nicht und selbst im modisch extravaganten Berlin wurde Johanna meistens nur in den Regalen für Herren fündig, vor allem, weil sie hohe Absätze verabscheute und lieber robustes Schuhwerk trug, so wie sie es als Kind gewohnt war – im Watt war man ohne kniehohe Stiefel verloren.

„Wo kommen Sie her, Fräulein…?“, fragte die Concierge.

„Osterkamp. Ich komme aus Berlin.“

„Ah. Die Preußen sind Papageien“, sagte die Hauswächterin und rieb ihren von Druckerschwärze eingefärbten Zeigefinger an ihrer fleischigen Nase, die von einer imposanten Warze geziert wurde. Johanna wusste nicht, was sie von dieser Aussage halten sollte. Sprach die Frau von den Preußen im Allgemeinen oder von ihrem Gegenüber im Besonderen? Sie ließ ihre Glupschaugen wieder an Johannas Figur hoch und runter streifen. Was war denn bloß auszusetzen an ihrer farbenfrohen Kleidung? Johannas grau-rot karierter Rock endete kurz über dem Stiefelbund und ließ schwarze Strümpfe sehen. Mit ihrem tannengrünen Wollmantel, dem senfgelben Schal und der roten Baskenmütze trug sie die Farben des Herbstlaubs.

„Und was machen Sie in Wien?“, wollte die Concierge wissen.

„Ich spreche morgen im Operntheater für eine Anstellung vor“, sagte Johanna.

„Ah, Sie wollen in die Kostümabteilung?“, sagte die Frau und ihre trägen Augenlider hoben sich in einer Welle der Erkenntnis. Johanna nickte. Sie sah keinen Grund, das Weltbild dieser Frau ins Wanken zu bringen. Wahrscheinlich dachte sie, die Papageienfrau aus Berlin können allenfalls eine Nadel schwingen, aber einen Taktstock? Niemals!

„Die Pension ist fast vollständig besetzt. Alles anständige Frauen, die in Lohn und Brot stehen.“

Wie aufs Stichwort hörte man Schritte die Stiege hinab trappeln und eine junge Frau mit Pausbacken, langen Zöpfen und einem schlichten grauen Mantel, der sie wie eine Klosterschülerin aussehen ließ, kam in den Flur.

„Guten Morgen Frau Dabjanszki“, grüßte sie die Concierge gutgelaunt und nickte Johanna zu.

„Denken Sie daran, Fräulein Babadov, keine Essensreste in den Papierkorb und kein Radio nach 10 Uhr abends“, ermahnte die Concierge die Mieterin.

„Jawohl“, sagte die junge Frau ungerührt und schlüpfte durch die Tür nach draußen.

„Diese Bulgaren haben eine dicke Haut wie Elefanten. Alles muss man drei Mal sagen, bis was ankommt“, schimpfte die Concierge mit gedehnten Vokalen und scharfen S-Lauten, was verriet, dass Wiener-Deutsch auch nicht ihre Muttersprache war.

„Die meisten Bewohnerinnen in unserer Pension arbeiten am Operntheater. Das Fräulein Babadov von eben ist da Perückenmacherin.“

„Haben Sie noch ein Zimmer frei für mich?“, wollte Johanna wissen. Frau Dabjanszki guckte sie wieder mit ihrem abschätzenden Blick an.

„Wie lange wollen Sie denn bleiben?“

„Einen Monat“, behauptete Johanna. Sie müsste in einigen Tagen wieder abreisen, wenn sie die Assistentenstelle nicht bekam. Wenn sie aber Erfolg hatte, würde sie mindestens eine Spielzeit lang bleiben.

„Bezahlt wird wöchentlich im Voraus“, sagte die Concierge streng und nannte den Preis in Schilling. Die österreichischen Papierkronen waren wegen der rapiden Inflation der letzte Jahre im März ersetzt worden mit zehntausend Papierkronen zu einem Schilling. Johanna rechnete im Kopf zur deutschen Mark um. Die Miete war ganz schön happig. Aber in Berlin teilte sich Johanna die Miete mit drei anderen Musikerinnen, was günstiger war, als ein Einzelzimmer.

„Darf ich das Zimmer besichtigen?“, fragte sie. Die Concierge nickte unwirsch und schlurfte in ihre Wohnung, um den Schlüssel zu holen. In ihren Filzpantoffeln stieg sie die enge Holzstiege Windung für Windung nach oben und schnaufte dabei wie eine Dampflok. Auf der dritten Etage machte sie Halt und stütze sich auf das Geländer.

„Einen Aufzug haben wir nicht“, schnauzte die Concierge, wohl eher im Bedauern für ihre eigenen Mühen, als für den Komfort der Pensionsgäste.

„Körperliche Bewegung ist doch ganz gesund“, sagte Johanna begütigend. Frau Dabjanszki warf ihr einen giftigen Blick zu.

„Wenn man jung ist…“, murrte sie. Es ging höher und immer höher. Im Flur der vierten Etage steuerte die Concierge auf eine weiß angestrichene Holztür zu, die aussah, als gehöre sie zu einem Wandschrank.

„Putzen müssen Sie das Zimmer selbst“, schnaufte die Frau.

Sie öffnete die kleine Schranktür, zweifelsohne, um der neuen Mieterin die Besenkammer zu zeigen. Sie knipste ein spärliches Licht einer nackten Glühbirne an und nun sah Johanna, dass hier eine schiefe hölzerne Wendeltreppe hinauf ging.

„Die Dachkammern sind oben. Ihr Zimmer ist das letzte im Gang“, sagte Frau Dabjanszki und hielt Johanna den Schlüssel mit dem Holzklotz mit der Nummer 5 unter die Nase. Offensichtlich wollte sie sich den letzten Aufstieg ersparen. Johanna griff beherzt zu und kletterte die Wendeltreppe hinauf und fühlte sich zurück versetzt zur Stiege hinauf zur Orgel in St. Nikolai. Diese hier ächzte unter jedem ihrer Schritte und schien dem Zusammenbruch nahe zu sein. Oben angekommen streckte sich ein schmaler Gang vor ihr aus, der sich an der Dachschräge entlang schmiegte. Die drei Liegendfenster spendeten ein fades Licht, das die Staubspuren auf den groben Dielen nicht verbergen konnte. Ein kalter Wind pfiff durch die Ritzen der Dachziegel. Mit eingezogenem Kopf ging sie zur letzten Tür auf dem Gang und sperrte auf. Ein Kämmerlein nicht viel größer, als das Zugabteil zeigte sich ihr. Links unter der Dachschräge stand ein schmales Bett mit einer zerschlissenen Wolldecke und eine Kommode. Neben dem Bett ein Holztisch und ein Stuhl vor einem winzigen Fenster. Daneben ein rußschwarzer Standofen mit Abzugsrohr nach draußen. Feuerholz: Fehlanzeige.

Rechts ein Bauernschrank mit verzogenen Türen, die nicht richtig schlossen. Darin hingen sieben Drahtbügel und einige Mottenkugeln kullerten herum. Daneben ein Frisiertisch mit Spiegel, über den sich ein Riss zog. Auf dem Tisch stand eine halb heruntergebrannte Kerze in einem Teller mit Haltegriff. Unwillkürlich musste Johanna lächeln. Sie war unversehens im Dachkämmerlein von Mimi gelandet – wenn sie in der Kammer nebenan klopfen würde, stände ihr der Dichter Rodolfo gegenüber, er würde ihr Feuer für ihre erloschene Kerze geben und ihr eiskaltes Händchen zärtlich in seinen Händen wärmen. „Che gelida manina“ summte sie und in ihrem Kopf schwoll das Orchester zu Puccinis leidenschaftlichen Liebesklängen an. Ja, als echte „Bohème“ musste man Lebenskünstler sein und sich nicht von solch profanen Dingen wie fehlender Ofenwärme oder schäbigem Mobiliar stören lassen.

Beim Hinausgehen sah sie neben der Tür ein weiteres Kleinod dieser Dachkammer: Dort hing ein gerahmtes Bildnis in Öl, das Kaiser Franz Josef mit imposantem grauen Backenbart und in blauer Garde-Uniform zeigte – vermutlich vom Trödelmarkt oder es hing hier schon seit der Kaiserzeit.

Johanna seufzte. Es war schließlich nur für einige Nächte, dann würde sie sich eine behaglichere Wohnstatt suchen.

Als sie wieder eine Etage tiefer vor der Concierge stand und sich die Spinnweben aus dem Gesicht strich, fragte sie nach dem Badezimmer.

„Dort ist das Gemeinschaftsbad. Klosett ist nebenan.“

Johanna inspizierte diese Räume, die sehr abgenutzt, aber funktional und einigermaßen sauber zu sein schienen.

„Ein Bettlaken und zwei Handtücher pro Woche sind inbegriffen“, erklärte die Concierge. „Im Keller ist eine Waschmaschine, die Sie gegen Gebühr benutzen können. Leinen zum Aufhängen sind auch da. Bügeleisen und -brett auch. Im Parterre gibt es eine Gemeinschaftsküche. Dort finden Sie einen Gasherd, einen Kühlschrank und alles, was man so braucht. Für Ihre Vorräte haben Sie ein eigenes Regal im Schrank. Schreiben Sie Ihren Namen auf die Lebensmittel drauf, damit sich die hungrigen Mäuse nicht des Nachts drüber hermachen“, leierte die Concierge lustlos herunter. Mit den Mäusen meinte sie wohl hungrige Mitbewohner. Johanna lächelte höflich über diesen Witz, aber die Frau guckte an ihr vorbei.

„Nehmen Sie nun das Zimmer oder haben Sie meine Zeit verschwendet?“, wollte Frau Dabjanszki wissen.

„Ich nehme es“, sagte Johanna kleinlaut.

Wieder im Erdgeschoss ließ die Concierge ihre neue Mieterin wie eine unartige Schülerin vor der Tür warten, bis sie mit einem mehrseitigen Vertrag und der Hausordnung heraus kam, sich beides unterschreiben ließ und schließlich mit einem zufriedenen Grunzen ihre dicke Hand zum Empfang des Geldes ausstreckte.

Kapitel 3: Im Stadtpark mit den Komponisten und Mokka mit vielen Namen

(…)

Sie verstaute ihre wenigen Kleidungsstücke im Schrank und stapelte ihre kostbaren Partituren darin zu einem Turm – Monteverdi und Mozart bildeten das Fundament und ihr geliebter Gustav Mahler die Spitze. Die restlichen Habseligkeiten reihte sie ordentlich auf dem Frisiertischchen auf – einige Toilettenartikel. Aber anstelle von Wimperntusche und Kajalstiften gab es bei ihr nur Bleistifte und Buntstifte für die Notizen in den Noten. Aber ein Gegenstand brauchte einen besonderen Platz. So wie manche Menschen ein Kreuz oder einen siebenarmigen Leuchter aufstellten, baute sie einen kleinen, aufklappbaren Notenständer aus dunklem Metall auf, den ein Straßenkünstler am Berliner Gendarmenmarkt ihr verkauft hatte. Darauf breitete sie eine Miniatur-Partitur aus – es war ein Notizheftchen mit Notenlinien, das sie als sechsjähriges Mädchen zwei Wochen lang in ihrem Krankenbett geführt hatte, als sie das Fieber der Spanischen Grippe schüttelte. Dort hatte sie die Melodien aus ihren wirren Träumen eingefangen und niedergeschrieben. Ihre erste Komposition. Sie nannte sie „Lied der Gezeiten“. Dieses Lied hatte sie in der 4. Klasse sogar einmal mit ihren Schulkameraden aufgeführt – mit Glockenspiel, Blockflöten, Xylophon und Trommel – sie hatte dirigiert. Das Publikum bestand aus den Möwen am Strand und dem stinkenden alten Beppo, der zum Schluss jaulte – was entweder Bravo oder Buh bedeuten mochte. Ihr „Lied der Gezeiten“ war die Geburt ihres Traumes gewesen, Musik zum erklingen zu bringen. Behutsam strich sie mit ihrem Zeigefinger über die gewellten Seiten des Papiers und die ausgeblichenen Noten, die trotzig den letzten 22 Jahren standgehalten hatten.

Zuletzt holte sie die längliche schwarze Lederschatulle hervor. Auf dem Deckel befand sich mit Silberfäden eingenäht das Wappen einer Adelsfamilie, die sich wohl irgendwo in den Ritzen der Geschichte verloren hatte. Mit einem dumpfen Plopp gab der Deckel dem Druck ihrer Finger nach und sprang auf. Das Innere der Schatulle war mit rotem Samt ausgeschlagen und duftete nach Edelholz und Orangenschalen. Früher war darin ein funkelndes Collier aufbewahrt worden – das stellte Johanna sich jedenfalls vor. Sie hatte diese Schatulle auf einem Flohmarkt auf der Museumsinsel in Berlin entdeckt. Nun enthielt sie den größten Schatz, den es für sie gab, kostbarer als Schmuck und Geschmeide: ihren Dirigentenstab. Für sie war es kein bloßer Taktstock – sie lehnte diese Bezeichnung ab – denn es ging um viel mehr, als dem Chor oder Orchester ein menschliches Metronom zu sein. Der Dirigentenstab war ein Zauberstab, der aus dem Klangkörper jene Musik herausholte, die in den unbeschreiblichen Sphären zwischen den Noten und ihrer Vision schwebte. Sie nahm den Stab in die Hand, ließ ihre Fingerkuppen über das glatt polierte Weißbuchenholz streichen, von der hellen Spitze bis zum Schaft, der in einem birnenförmigen Filzkopf endete, der sich in ihre hohle Hand schmiegte wie eine Nuss in ihre Schale. Der Dirigentenstab war eine Verlängerung ihrer Hand, so natürlich zu ihr gehörend wie jeder ihrer Finger. Sie hob ihre Arme, schloss die Augen und ließ die ersten Takte der Haydn Sinfonie No. 49 erklingen, der Stab tanzte geschmeidig durch die Luft und gab dem Schrank, dem Spiegel und Kaiser Franz Josef ihr Einsätze. Nach dem Adagio legte sie den Stab mit einem zufriedenen Lächeln wieder auf sein samtiges Lager.

WIE ES WEITER GEHT, erfahrt ihr nächste Woche hier.

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