Woche 8: Die märchenhafte Grimm-Bibliothek – Von Kobolden und Yoga-Kühen

Warum hier:

Bücher, Bücher, Bücher – was könnte inspirierender sein? Ich mache mich auf eine Entdeckungsreise in das Grimm-Zentrum, die Bibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin. Schon oft bin ich an dem prägnanten Gebäude mit der S-Bahn vorbei gefahren, jetzt wird es Zeit, das Innere kennenzulernen.

Schon die Namensgeber führen mich in meine Kindheit zurück – in die Welt der Märchen und zum Ursprung des Geschichtenerzählens.

Jacob und Wilhelm Grimm haben nicht nur das deutschsprachige Volksmärchen aus der mündlichen Überlieferung in eine schriftliche Form gebracht, sie waren auch die Mitbegründer der Linguistik und Philologie in Deutschland und habe u.a. das Deutsche Wörterbuch erstellt – eine einmalige Sammlung des Wortschatzes mit Nachweisen zur Wortherkunft und -bedeutung.

Zur Einstimmung:

Es war einmal eine Prinzessin namens Rotbäckchen. Sie war wunderschön, aber auch hochmütig und selbstsüchtig. Als bösen Kobolde die Erde zum Stillstand brachten und es sieben Jahre lang keinen Wechsel mehr von Tag und Nacht und von Jahreszeiten gab, waren Erde und Menschen in großer Not. Da zog die Prinzessin aus, um die Welt zu retten…

Der Ort:

Im hellen Foyer des Grimm-Zentrums wuseln wissensdurstige Menschen geschäftig umher. Ich folge dem Strom hinunter zu den Schließfächern. Dort bringe ich meine Sachen unter und muss über den Automaten mit bunter Füllung schmunzeln, der statt Kaugummi Ohrstöpsel ausspuckt.

Auf 7 Etagen reihen sich Bücherregale in striktem Muster im langen Rechteck des Gebäudes aneinander.

Ich gehe auf die Suche nach dem Grimmschen Wörterbuch (den Standort habe ich in der Suchmaschine ermittelt). Auf dem Weg in die 5. Etage verirre ich mich ein wenig. Im siloartigen Betontreppenhaus ohne Fenster und mit einer Wandinschrift („Lost“) kommt bei mir gleich ein bisschen „Hänsel und Gretel“-Stimmung auf.

Hinter der schweren Metalltür des 5. Stockwerks liegt aber kein Lebkuchenhaus, sondern die Germanistikabteilung. Auch hier suche ich meinen Weg durch einen Wald von Regalen mit Ziffern und langen Nummern.

Schließlich werde ich fündig: Das „Deutsche Wörterbuch“ der Brüder Grimm hat 31 Bände und nimmt mehr als 1 Regallänge ein. Ich nehme mir den Band A und Z vor und schaue mir einige Worte vom Anfang („Aas“ – hier begegnet mir bei den Literaturbeispielen wieder Mephisto) und einige vom Ende an („Zizibe“ – juchu, ich habe ein neues Wort gelernt).

Aber wo finde ich einen Grimmschen Märchenband? Ich versuche mein Glück in der 7. Etage in der „Kinderstube“ (der Bereich ist reserviert für Schwangere und Eltern mit Kind – im Moment ist hier niemand, also gehe ich hinein, obwohl ich diese Kriterien nicht erfülle).

Hier finde ich zuerst neben einem knallig orangen Bällebad nur zeitgenössische Kinderbücher, z.B. ein Buch „Bleib gesund mit den Yoga Kühen“.

Aber dann, in der hintersten Ecke, stoße ich auf 3 alte Bände aus dem Jahr 1953 mit brüchigen und vergilbten Seiten: „Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm“. Ich schmökere in König Drosselbart und Frau Holle. Viele der Märchen kenne ich noch gar nicht, z.B. „Des Teufels rußiger Bruder“.

Nun ist der akademischen und nostalgischen Recherche Genüge getan und ich suche mir einen Platz zum Schreiben.

Das Herzstück der Bibliothek ist der lang gestreckte terrassenartige Arbeitssaal mit regelmäßiger Holztäfelungen und Fenstern. Hier sitzen unzählige Studierende vor ihren Notebooks und Büchern und lesen und schreiben – wie Arbeitsbienen in einen riesigen Bienenstock. Ich höre leises Rascheln und Tippen, manchmal prasselt ein Regenschauer auf das Glasdach, dann fallen wieder Sonnenstrahlen herein.

Hier sitze ich nun und lasse meine Gedanken in die Märchenwelt schweifen.

Was sind die wichtigsten Zutaten eines Märchens?

  • eine Hauptfigur, die eine charakterliche Reise macht – entweder ist sie schon „gut“ und wird in Versuchung geführt, oder sie hat noch schlechte Eigenschaften und muss zur Läuterung geführt werden
  • ein Gegenspieler (z.B. Stiefmutter), eine böse Kraft (z.B. Hexe), ein Fluch
  • Märchenzahlen wie 3, 7 und 12
  • Zauberkräfte, übernatürliche Ereignisse, Gegenstände mit magischen Eigenschaften
  • Menschen, die sich in Tiere verwandeln oder umgekehrt, sprechende Tiere
  • ein beschwerlicher Weg mit Prüfungen und Entbehrungen für die Hauptfigur
  • eine helfende Kraft (z.B. Königssohn küsst die Prinzessin wach) oder Besinnung auf die eigenen Tugenden
  • Belohnung für die Guten, Bestrafung für die Bösen, eine Moral der Geschichte
  • Märchen sind auch Spiegel der Gesellschaft und zeigen Missstände auf

Das gewisse Extra:

Schon auf meinem Hinweg fällt mir am Bahnsteig dieser Unhold auf – ich habe ihn mir gleich als Märchenbösewicht vorgemerkt.

Inspiriert von meinen Eindrücken aus der Grimm-Bibliothek und natürlich ihren Märchen habe ich aus den genannten Zutaten am Sonntag ein Märchen geschrieben.

Möchtet ihr wissen, wie es Prinzessin Rotbäckchen auf ihrer Reise ergeht?

Ich kann schon verraten, dass sie auf einen tanzenden Storch und eine Yoga-Kuh trifft und auch Aas, Bienen und Zizibe vorkommen. Auch hat sich heimlich eine Liebesgeschichte eingeschlichen, obwohl das gar nicht mein Plan war.

Ich hoffe, ihr findet Vergnügen an:

Prinzessin Rotbäckchen und der siebenjährige Tag

Meine Sterne-Wertung für den Schreibort:

Produktivität („wordcount“)

★★★★☆

Inspiration

★★★★★

Kindheit-trifft-Germanistik-Faktor

★★★★★

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20 Antworten auf „Woche 8: Die märchenhafte Grimm-Bibliothek – Von Kobolden und Yoga-Kühen“

  1. Erstaunlich, wie du jede Woche neue faszinierende Schreiborte findest. Das Grimm-Zentrum habe ich auch schon mal besucht (und habe beobachtet, wie die Studierenden dort lernen) – durch deinen Artikel habe ich aber noch neue Seiten und Blickwinkel kennengelernt. Du beschreibst die Location sehr schillernd und kurzweilig; witzig finde ich die Yoga-Kuh. 🙂 Die Bebilderung ist perfekt. Dass das Deutsche Wörterbuch so viele Regalmeter einnimmt, ist spannend – ein sehr ehrgeiziges Projekt der Brüder Grimm, den deutschen Sprachschatz so umfassend und detailliert zu erfassen. Damals wie heute kann man darin tolle Wörter entdecken. Bei Gelegenheit muss ich auch mal darin schmökern.
    Mir gefällt auch, wie du immer wieder Bezüge zu deinem Märchenthema schaffst. Der Unhold am Bahngleis war sicherlich kein Zufall, sondern ein Vorbote deiner Fantasiereise ins Märchenland! 🙂 Nun bin ich sehr gespannt, dein Märchen zu lesen!
    PS: Wer mal in Kassel ist, dem man ich einen Besuch des Museums „Grimmwelt“ sehr empfehlen ( http://www.grimmwelt.de/ ). Das ist museumsdidaktisch schön gemacht, man durchschreitet z. B. einen Buchglossar des Deutschen Wörterbuchs, findet alles Briefkontakte der Brüder Grimm auf einer Landkarte, schleicht durch einen unheimlichen Wald, sieht sich in einem sprechenden Zauberspiegel…

  2. Dein Märchen über Rotbäckchen gefällt mir sehr gut! Es sind alle wichtigen Märchenzutaten dabei … und dennoch war ich über so manchen Wendung in der Geschichte überrascht. Die Protagonistin ist ganz zauberhaft und ihre Entwicklung von der verzogenen Göre zur mitfühlenden und mutigen Heldin ist fesselnd und anrührend. Die Welt mit dem Zahnradgetriebe in der Mitte ist sehr lebendig und bildreich beschrieben (Peter Jackson will sich bestimmt gleich die Filmrechte sichern!). Die Bösen sind gruselig. Ganz goldig finde ich den Storch! An einigen Stellen sind meine Augen vor Rührung ganz wässrig geworden. Wunderbar!

  3. Liebe Märchenschreiberin, liebe Ulrike,

    Es war einmal eine Bitte, zuallererst. Wenn dich ein Besuch in diesen Grimmschen Bibliotheksgemäuern zu einem derartig kunstvollen Märchen inspiriert, dann solltest du BITTE ganz oft dort hingehen und noch mehr von diesem wunderschönen, besonderen und berührenden Märchen schreiben … 🙂
    Mein erster Lieblingssatz: „Ihr müsst wissen, dass im Mittelpunkt der Erde ein riesiges Zahnrad eingelassen ist, das in viele kleine Räder greift und dafür sorgt, dass die Erde sich um sich selber dreht. Dadurch ist jeder Fleck der Erde in ständiger Bewegung mal der Sonne und mal dem Mond zugewandt. Wenn sich die Erde nicht drehen würde, gäbe es keinen Wechsel mehr von Tag und Nacht.“
    Die Beschreibung von Tag und Nacht hat mir sehr gut gefallen, natürlich ist da im Zentrum der Erde ein Zahnrad, finde ich ganz logisch! Na ja, ich verstehe ja auch als Nachtschreiberin, dass die Nacht ihr Kontrast-Wesen nur im erlebten Gegensatz zum Tag ausleben kann …
    Meine Lieblingsfigur ist der Storch, der am Ende immer noch nicht tanzen kann, aber immer noch das Tuch ums Bein gebunden hat.
    Ein tolles Märchen mit allen Zutaten, die es braucht und dann noch meterlanger Deutscher Wortschatz in grün und Zizibe, nein, *Y* kommt vor *Z*, also erst noch die Yogakuh, davor noch der Storch und dann Prinzessin Rotbäckchen, die Langeweile und Arroganz gegen Mut und Courage *eintauscht*,
    danke dir für diesen besonderen Lesegenuss,
    die Gebrüder Grimm werden zu recht neidisch sein,
    Sabine

    1. Vielen Dank liebe Sabine! Als Nachtschreiberin kennst du dich ja bestens aus mit der Wechselwirkung von Tag und Nacht.

  4. Liebe Ulrike,
    danke für diesen wieder inspirierten und inspirierenden Text sowie für die hinreißenden Bilder — bin ganz hin und weg!
    Vergeblich suche ich den „Folgen“-Button ..?
    Herzlich, Fe.

  5. Liebe Ulrike,
    obwohl Humboldt-Uni-Absolventin kam ich nie in den Genuss einer gescheiten Bibliothek, bin ich doch Abschlussjahrgang 1998 und zudem noch fernab des Hauptgebäudes ausgebildet. Klingt aber märchenhaft (wo Name, da Geld), und erinnert mich daran, dass ich später ein zweites Mal den Grimmchen Spuren folgte, als Doktorandin in Göttingen. Leider eine Bruchlandung, doch es ging ja auch nicht um Märchen sondern die brutale soziale Realität.
    Entsprechend brutale Märchen habe ich im ersten Semester geschrieben, jetzt weiß ich endlich, wie das geht.
    LG Amy

    1. Vielen Dank liebe Amy. Es stimmt schon, dass Märchen oft auch eine brutale Seite haben – die Bestrafung der Bösen ist nicht selten grausam und blutig.

  6. Liebe Ulrike,
    ich weiß gar nicht, wo ich vor lauter Begeisterung über Deinen neuesten Beitrag anfangen soll. Schon die Wahl des Ortes ließ mich frohlocken, denn auf der Fahrt nach Hellersdorf bin ich da auch schon mehrfach mit der S-Bahn vorbeigekommen und habe mich jedes mal gefragt, wie es da drin wohl aussieht. Auf die Idee, mal reinzugehen, war ich einfach nicht gekommen. Danke, dass Du das nun gemacht hast. Diese scheinbar freischwebende Lernempore mit ihren vielen Stufen hat etwas sehr unwirkliches. Deine Fotos sind wie immer sehr beeindruckend. Ich wusste nicht, dass es ein Grimmsches Wörterbuch gibt, wieder was gelernt. Und Deine Anleitung zum Märchen schreiben., wunderbar. Ja und dann das Märchen selbst – soooo schön und poetisch. Das Zahnrad, das die Welt antreibt und in der Hand der bösen Kobolde ist. Wie kommst Du auf solche Ideen? Für mich ist das ganz großes Kino und ich bedaure sehr, dass in meiner Umgebung derzeit kein Kind im Märchenerzählalter vorhanden ist. Das wäre eine wunderbare Geschichte, um sie abends vorm Schlafen gehen zu erzählen. Ich bin sehr gespannt auf den nächsten Ort.
    Liebe Grüße
    Anne

    1. Vielen Dank liebe Anne. Ja, der schwebende Arbeitssaal hat etwas märchenhaftes. Bin gespannt auf deine Eindrücke, wenn du dort auch mal vorbei schaust.

  7. Liebe Ulrike
    Danke für den unterhaltsamen Einblick!
    Vor allem für das wunderschöne Märchen. Toll, wie das hochnäsige Prinzesslein zur Königin wird. Ich dachte natürlich zuerst, hm, eigentlich hätte ich gerne nur Sonne. Aber Dein Märchen lehrt den sonnendurstigen Leser eines besseren und macht ihn auch nachdenklich, weil darin der Zustand unserer Erde doch eindringlich anklingt.
    Ich glaube, wenn ich fortan eine Kuh weiden sehe, schaue ich genau hin, ob sie nicht vielleicht die eine oder andere Yoga-Übung macht 🙂
    Herzlich, Urs

  8. Liebe Ulrike,

    und schon wieder ein Ort, zu dem ich dir nur zu gerne folge. In der Tat erinnern mich die Bilder an Bilder eines Bienenstockes und einen Ohrstöpselautomaten habe ich auch noch nie gesehen. Bitte höre nicht nach 12 Wochen hier auf, sondern lass uns weiter mit dir durch Berlins Schreiborte streifen. Das wäre mein Wunsch, wenn eine Fee um die nächste Ecke käme…

    alles Liebe
    Hedda

  9. Liebe Ulrike,
    jetzt komme ich in den Genuss Deiner Forschungsreisen und werde diese Bibliothek aufsuchen, die mich hoffentlich mit einer Inspiration für die Kurzgeschichte hilft.
    Vielen Dank!
    Susi

    1. Liebe Susi, ich hoffe, du verbringst eine schöne und produktive Zeit dort. Und wenn der Schreibfluss man stocken sollte, kannst du ja eine Schmökerpause mit Grimm-Märchen einlegen. 🙂

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