B – Butterfly

Heute beleuchte ich in meinem Liebeslabor die leidenschaftliche Liebe – die keine Barrieren von Kulturen und Sprachen kennt, die betört und blendet, die begehrt statt begutachtet. Wo finde ich die besten Beispiele hierfür: Natürlich in der Oper.

Madama Butterfly von Giacomo Puccini (uraufgeführt 1904) ist die Oper, bei der ich als Studentin meine Begeisterung für diese Kunstform entdeckt habe – im Saarländischen Staatstheater 2001.

Mich zieht die rauschhafte Musik in ihren Bann, die einzigartigen Stimmen der Sängerinnen und Sänger, diese Weltentrückheit gepaart mit Wahrhaftigkeit. Auch auf intellektueller Ebene gibt es allerhand zu entdecken, insbesondere zu den oft haarsträubenden Inszenierungen von so manchen Regisseuren, die alles neu- und umdeuten wollen. Über meine Eindrücke kann ich mich stundenlang mit anderen Begeisterten austauschen und oft halte ich meine Impressionen auch schriftlich fest.

Letzte Woche habe ich an der Deutschen Oper Berlin mal wieder das Vergnügen mit Madama Butterfly gehabt – und nehme nun das Libretto (so heißt der Text in der Oper) in meinem Labor genauer unter die Lupe.

Ich betrachte die große Liebesszene (Hochzeitsnacht) zwischen Butterfly und Pinkerton. Welche Geheimnisse kann ich in der Sprache enthüllen? Doch zuvor gönnt euch doch einen musikalischen Eindruck – leider kann ein Video niemals an das Live-Erlebnis im Opernhaus heran reichen. Placido Domingo betört als leidenschaftlicher Liebhaber (achtet mal auf das „vieni, vieni“ – „komm, komm“ –  gegen Ende) und Mirella Freni ist mit zauberhafter Sopran-Süße ein idealer Schmetterling.

So beginnt es: Der Seemann Benjamin Franklin Pinkerton, Leutnant der Marine der USA, hat sich vom Heiratsvermittler die Geisha Cio-Cio-San (genannt Butterfly) für eine Ehe auf Zeit vermitteln lassen („Nun verheirat‘ ich mich auf japanisch, für neunhundert und neunundneunzig Jahre; freilich darf ich kündigen jeden Monat“). Das 15-jährige Mädchen verliebt sich in den schönen Fremden. Sie tauscht ihren japanischen Namen gegen „Butterfly“ ein und nimmt sogar seine Religion an.

Pinkerton benimmt sich während der Hochzeitszeremonie wie ein Elefant im Porzellanladen und trampelt über die japanische Kultur und Sitten hinweg (er: „Hip! Hip!“ – die japanischen Verwandten: „O Kame! O Kame!“). Man ahnt schon, dass er einen Scherbenhaufen hinterlassen wird.

Im linguistischen Laborversuch untersuche ich nun, was die beiden im Duett der Hochzeitsnacht an unterschiedlichen Wünsche und Vorstellungen äußern. Das Libretto in unbehandelter Form als Synopse italienisch/deutsch könnte ihr hier finden: Libretto Butterfly-Synopse

Nach Einsatz von Essenz-Filter und Interpretations-Zentrifuge und habe ich ein erstes Ergebnis mit instabiler Beziehungskonsistenz:

Nach Verdunstung der Bindemittel und Abzug des rosa-roten Nebels ergibt sich ein verfestigtes Beziehungsbild für Pinkerton und für Butterfly – hier werden ihre jeweiligen wahren Wünsche (und in ihrem Fall auch Befürchtungen) sichtbar.

Komm, komm – sei mein! (Vieni, vieni – sei mia!)

Zuletzt mache ich den Übereinstimmungstest. Hierzu drucke ich beide Testergebnisse übereinander. Für Pinkerton kommt dabei das rot-blau seiner amerikanischen Flagge zum Vorschein. Er drückt ihr mit männlicher und westlicher Dominanz seinen Stempel auf.

Dieses Beziehungsporträt ziert nun meine hauseigene Schmetterlingssammlung.

Hätte Butterfly über Finya nach einem Partner gesucht, wäre Pinkerton sicherlich vom Filter ausgesiebt worden – und mit ihm die Leidenschaft.

Übrigens hat Puccinis Oper den Schriftsteller David Henry Hwang zum Theaterstück „M. Butterfly“ inspiriert (Danke an meine Schwester Dorit, die das Stück als Studentin in den USA gesehen und mir davon erzählt hat). Das Stück beruht auf einer wahren Begebenheit und erzählt die Geschichte eines französischen Diplomaten (René Gallimard), der 1964 in Peking die Diva (Song Liling) der dortigen Oper und Madama Butterfly-Darsteller kennen lernt und eine Liebesaffäre beginnt, in deren Verlauf Butterfly den Mann des Westens im Auftrag des chinesischen Geheimdienstes ausspioniert. Überraschung: Butterfly ist in Wirklichkeit ein Mann.

In dieser Adaption des Butterfly-Stoffes spielen also die Geschlechterrollen und die Dominanz von (kolonialer) westlicher über östliche Kultur eine tragende Rolle – unabhängig vom biologischen Geschlecht der Protagonisten. Der französische Diplomat erliegt der Illusion – seiner Idealvorstellung der unterwürfigen asiatischen Frau, er schaut nicht hinter die Maske aus Schminke, Kleidung und Gebärden.

Wollt ihr Butterfly ungeschminkt sehen?

Butterfly – hinter der Maske

Das Theaterstück wurde 1993 mit Jeremy Irons und John Lone verfilmt. Ich habe mir den Film kürzlich mit großer Faszination angesehen und kann ihn euch empfehlen. Hier einige Schlüsselszenen: Illusion, Desillusion und Selbsterkenntnis.

Das lässt mich an die Oulipienne Anne F. Garréta denken, die in ihrem Roman Sphinx(erschienen 1986) der contrainte folgt, das jeweilige Geschlecht des erzählenden „Ich“ wie das seines Lebenspartners A*** unbestimmt zu lassen. Mit dieser „geschlechtsneutralen“ Erzählweise will sie Gender-Stereotypen in den Köpfen der Leser*innen ins Bewusstsein rücken.

Meine Eindrücke zum Film „M. Butterfly“ möchte ich in ein geschlechtsloses Gedicht fassen:

Butterfly blendet

mit weißem Gesicht

betörend das Gegenüber

im Flügelgewand

ohne Gewicht

ohne Land

fliegt selbst

ins weiße Licht

Das regt mich dazu an, das Libretto von Madama Butterfly auch in Bezug auf die sprachlichen Geschlechterformen einem Test zu unterziehen.

Hierzu kondensiere ich aus dem Wörterfundus ein Substrat aus Substantiven, die ich dann nach ihren Artikeln (weiblich, neutral, männlich) sortiere. Hieraus bilde ich – mit Interpretationsfaktor X hoch 10 – ein Gedicht, das die „Chemie“ des ungleichen Liebespaares charakterisiert (mit bewusst stereotypischer Farbgebung):

SIE

Ich bin die Göttin

Ich bin die leise Nacht

Ich bin die Brücke

Ich bin die Ferne

Ich bin die Worte

Ich bin die Schmerzen

Ich bin die Stille

Ich bin die Demut

Ich bin die Erde

Ich bin die hellen Äuglein

Ich bin die holde Nacht

Ich bin die Liebe

(Das „wir“)

Das Himmelsgefilde ist unser Gewand

Das Licht ist unser Leben

Das Lachen ist unser Herz

Das Auge ist unser Wörtlein

Das leise Kosen ist unser Lieben

Das Gewell‘ auf dem Meere ist unser Land

Das Ja ist unser Oh

(ER)

Ich bin dein Zauber

Ich bin dein Schmuck

Ich bin dein Wahn

Ich bin dein Jubel

Ich bin dein rechter Name

Ich bin dein Zweifel

Ich bin dein Schlummer

Ich bin dein Kummer

Bleiben wir in Asien und bei Puccini: In der (Märchen-) Oper Turandot finden wir (zunächst) ein umgekehrtes Machtverhältnis vor. Die chinesische Prinzessin Turandot soll verheiratet werden. Immerhin darf sie ihren Bräutigam selbst auswählen. Die Anwärter müssen ein Date der besonderen Art durchstehen: Turandot stellt dem potentiellen Partner 3 Rätselfragen. Wenn er nicht die richtigen Antworten gibt, wird ihm der Kopf abgeschlagen.

Calaf (Tenor), ein unerkannter Prinz, verliebt sich auf den ersten Blick in die grausame Eisprinzessin und riskiert sein Leben im Rätselringen. Er ist siegreich und Turandot muss sich ihm unterwerfen. Auch die Sklavin Liu (die heimlich in Calaf verliebt ist), opfert sich für den Mann. Puccini selbst starb (1924), bevor er das Ende der Oper komponieren konnte. Das kitschige Finale, in dem Turandot psychologisch unmotiviert plötzlich auch Gefühle für ihren Bezwinger entwickelt, stammt aus der Feder eines anderen Komponisten Franco Alfano.

Obwohl Turandot definitiv nicht zu meinen Lieblingsopern gehört, habe ich gestern Abend im Nationaltheater Mannheim (meiner alten Opern-Heimat) eine Aufführung erlebt – der ekstatische Gesang und die bombastische Musik haben mich letztlich doch im Gefühlsstrudel mitgerissen. Der Kreis zu Madama Butterfly schließt sich, denn die Sopranistin Galina Shesterneva (bzw. Gleber – sie hat nach Heirat den Namen ihres Mannes angenommen) habe ich schon vor 10 Jahren als Butterfly an diesem Haus gehört und schätze diese Sängerin sehr.

Die Rätsel der Turandot sind nicht nur unterhaltsam, sondern regen mich auch dazu an, sie sprachlich umzugestalten – was würde sich hierfür mehr anbieten, als das HAIKU – eine traditionelle japanische Gedichtform. In der europäischen Umsetzung ist das Gedicht ein Dreizeiler bestehend aus drei Wortgruppen von 5 – 7 – 5 Lauteinheiten (Moren). Wesensmerkmals des Haiku sind Konkretheit, der Bezug zur Gegenwart und Natur (Jahreszeit), Gefühle werden selten benannt, sondern sollen sich aus dem Zusammenhang erschließen.

Rätsel Nr. 2

„Lodernd gleich einer Flamme,
und doch selbst keine Flamme,
manchmal rasend im Fieber,
und ungestüm verlangend!
In Ruhe sich verzehrend wie die Sehnsucht!
Wenn du zugrunde gehest, wird es kalt!
Wenn du den Sieg erträumst, glüht es auf!
Eine Stimme hat es, der du bebend lauschest,
und gleich der Son’ am Abend ist sein Glanz!“

Als Haiku:

Roter Lebenssaft

strömst ohne Quelle im Rund

herrschst so heiß und kalt

Rätsel Nr. 3:

„Eis, das sich entzündet
und durch dein Feuer noch mehr erstarret!
Klar ist’s und doch dunkel!
Wenn’s frei dich will,
so mehrt es deine Knechtschaft!
Wenn es zum Knecht dich nimmt,
so wirst du König!“

Als Haiku:

Fleisch wird Element

zerstört oder erhebt dich

Liebeswahl tut Not

Wer weiß die Lösungen?

Bindung und Befreiung – Butterfly fliegt?

Wie ihr merkt, ist es um die Überlebenschancen für Frauen in der (ital. und frz.) Oper des 19. Jahrhundert bis in die 1920er Jahre nicht gerade rosig bestellt. Die Oper war niemals nur pure Unterhaltung, sondern immer auch ein Gesellschaftsporträt, durchaus sozialkritisch und zuweilen politisch.

Die stärkste Frauenfigur aus dieser Zeit ist George Bizets „Carmen“ – die sich und ihre Liebe als „rebellischen Vogel“ beschreibt. Aber auch sie lässt sich zum Schluss von ihrem Ex-Liebhaber erdolchen – in der Weigerung, sich ihm zu unterwerfen – das galt zur Entstehungszeit (1875) als außergewöhnlicher Akt weiblicher Selbstbestimmung und Freiheit.

Auch bei Puccini gibt es einen weiblichen Zugvogel, die Schwalbe („La Rondine“): Eine freiheitsliebende Frau lässt sich von ihrem jüngeren Liebhaber nicht an Heim und Herd binden.

Ein Jahrhundert später hat dieser Opernstoff nichts an seiner Aktualität verloren – oder wie sieht es heute wirklich mit der Gleichberechtigung der Frau in Partnerschaft und Berufsleben aus? Ich merke schon, die Opern-Ornithologie bietet mir noch einigen Stoff für weitere Beiträge.

Wer jetzt (hoffentlich) Lust auf Oper bekommen hat – ich biete mich als Begleiterin an. Große Gefühle & Gedanken und ( Berliner ) Bühnenblut garantiert!

Gestern bei Turandot im Nationaltheater Mannheim
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8 Antworten auf „B – Butterfly“

  1. Die Untersuchung desTextes vom Liebesduett Butterfly- Pinkerton in deinem Liebelabor fördert erstaunliche Klarkeiten zutage! Bei beiden offenbart sich im Wörter-Kondensat der wahre Charakter und die Vorstellung von Liebe. Das ist eine super Idee und Umsetzung von dir! Mir gefallen auch deine bildlichen Darstellungen sehr gut! Nun habe ich auch richtig Lust auf Oper.

  2. Liebe Ulrike,
    was für Erkenntnisse, so habe ich diese Oper noch nie gesehen, noch nie aus diesem besonderen Blickwinkel betrachtet.
    Überlege schon die ganze Zeit, welche Liebesgeschichte ich mir mal mit deinem. Liebeslabor anschauen sollte.
    Geniale Wortbilder, nicht nur aus Schmetterlingen…
    Liebe Grüße,
    Mia

  3. Liebe Ulrike,
    du hast richtiges Talent zum schreiben! Du formulierst toll deine Sätze aus und der Inhalt ist sehr überlegt. Man merkt, dass du dir bei deinen Texten viel Gedanken machst. Die Bilder geben dem ganzen einen schönen Schliff.
    Liebe Grüße
    Das K.

  4. Liebe Ulrike
    ich hätte vor Begeisterung beinah mit den Füßen getrampelt. Da bekomme ich so einfach mal eben zwei Opern serviert – nein, durchleuchtet, die mit zu meinen Lieblingsopern zählen. Turandot und Butterfly, die eine überlebt ( was in den italienischen Opern nicht selbstverständlich ist), die andere nicht (eine der unzähligen Opernheldinnen, die sterben müssen, jedesmal). Aber ich finde die tragischeren Figuren in diesen Opern beinahe noch Li in Turandot, die dem Vater von Kalaf zur Seite steht und das Kind der Butterfly. Ach, es ließe sich unendlich viel dazu sagen. Und es gibt noch so viele andere Opern, die Du in Deinem Liebeslabor durchleuchten könntest. Ein unerschöpfliches Feld. Ich bin gespannt auf die nächsten Forschungsergebnisse.
    Liebe Grüße
    Anne

    1. Vielen Dank liebe Anne! 🙂 Ja, Liu ist eindeutig die Sympathieträgerin in „Turandot“ – sie bekommt auch oft mehr Applaus, als die Titelheldin, weil man als Zuschauerin viel mehr mit ihr fühlt.

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