K – Kusskultur

Der Kuss ist allgegenwärtig und wird in allen Kunstformen zelebriert – als Mythos und Sinnbild der Liebe. Höchste Zeit, mich in meinem Liebeslabor diesem Phänomen zuzuwenden.

Zur bildlichen Einstimmung – letzten Sommer war ich im Bröhan-Museum Berlin, wo eine ganze Ausstellung dem Kuss gewidmet war.
Eine Künstlerin hat ein ganzes Zimmer mit ihren Küssen bedeckt.

Der Kuss ist Indikator und Katalysator für die aufkeimende Liebe – besonders der erste Kuss spielt eine entscheidende Rolle. Für meine Analyse nehme ich mir das wohl berühmteste Liebespaar aus der Literatur vor: Romeo und Julia von William Shakespeare.

Ihre Liebesgeschichte begleitet mich schon lange: Als Jugendliche habe ich zusammen mit meinen Schwestern die wunderbare Filmversion von Franco Zeffirelli (1968) zig Mal angesehen. Als Studentin stand ich im Londoner Globe Theatre im „court yard“ wie zu Shakespeares Zeiten und war mitten drinnen im leidenschaftlichen und tragischen Abenteuer der jungen Liebenden. Im Laufe der Jahre bin ich auch in den Genuss einiger musikalischer Umsetzungen gekommen – als „comédie musicale“ von Gérard Presgurvic in Frankreich (um die 2000er als Studentin) und auf der Opernbühne.

Jetzt aber zum ersten Kuss von Romeo und Julia: Bei ihrer ersten Begegnung auf dem Ball im Hause Capulet kreuzt Romeo als Partycrasher auf und verliebt sich sofort in die Tochter seines Feindes. Nach dem ersten Tanz umkreisen ihre Lippen ziemlich schnell den Kuss – erst nur in Worten, dann in Taten (hier das Video). Den tollen Text dieses Dialogs möchte ich euch nicht vorenthalten (als pdf – nur 1 Seite: Romeo und Julia_Text Kuss ).

Es kommt mir fast wie ein Sakrileg vor, diese Komposition von Shakespeare in meinem Labor zu liquidieren – dabei fällt mir auf, dass das Wort „Heilige“ ziemlich oft vorkommt. Das bringt mich auf die Idee, die Essenz der Szene nach Worthäufigkeit zu filtern. Heraus kommt ein laborwürdiges Trichter-Gedicht.

HeiligeHeiligeHeiligeHeiligeHeiligeHeilige

HandHandHandHandHandHand

MundMundMund

SündSündSünd

LippenLippen

HoldeHolde

KussKuss

Gunst

Kunst

Auch im weiteren Verlauf des Liebesdramas zieht sich der Kuss als lippenroter Faden durch die Handlung – in der Balkonszene und in der Hochzeitsnacht schmecken die Küsse noch süß, in der Gruft hängt bitteres Gift an den Lippen der Liebenden.

Ihre Liebe kennt keine Kompromisse, die Feindschaft ihrer Familien trennt sie, für das unglückliche Paar gibt es nur einen Ausweg: den gemeinsamen Tod. Passend hierzu möchte ich ihre Geschichte nun als Monovokalise interpretieren – natürlich auf „u“ zu Kuss (d.h. ich verwende ausschließlich Wörter mit diesem einen Vokal). Gleichzeitig gibt es einen Echo-Effekt.

Ich hoffe, Shakespeare kann mir verzeihen, dass ich Nachtigall und Lerche in der Hochzeitsnacht durch einen Uhu ersetzen muss.

Bevor es losgeht – wer noch schnell ein Plotupdate haben möchte, der kann sich diese Playmobil-Version (Dauer: 2 min) anschauen .

Lud zur Rund

Rund und Ulk

Ulk und Gruß

Gruß und Gunst

Gunst tut kund

Kund und Mund

Mund und Bund

Bund trug Schwur

Schwur und Stund

Stund schlug Wund

Wund lud Wut

Wut und Mut

Mut trug Blut

Blut schlug Bund

Bund und Kuss

Kuss und uh

uh uh Uhu

Uhu zum Umzug

Umzug und Verdruss

Verdruss und Muss

Muss zu Lug

Lug und Trug

trug zum Trunk

Trunk und Ruh

Ruh Trug schluss

Schluss und Gruft

Gruft und Kuss

Kuss und Schluss

Schluss trug Kuss

Übrigens ist die Monovolkalise (im Englischen: Univocalism) eine beliebte „contrainte“ im Katalog der Oulipoten. Hier ein Beispiel von Ian Monk auf „a“.

„And, Armand d’Artagnan, a man that plans all, a crack à la Batman, darts past that pampa, wafts an arm and grabs Andras. As, last March at an Arkansas bar …“

Wenn ich an Romeo und Julia als jugendliches Liebespaar denke, klingt mir noch ein anderes Echo aus meinen Jugendtagen in den Ohren: Als 15-jährige habe ich 3 Monate in Cornwall bei einer Gastfamilie gelebt und bin dort zur Schule gegangen. In dieser Zeit habe ich einige Briefe nach Hause geschrieben und auch von meinem Opa Heinz Post bekommen – in großväterlicher Fürsorge und aus der Erfahrung seiner über 50-jährigen glücklichen Ehe hat er einige Weisheiten zur Liebe und zum Kuss mit mir geteilt – eine Formulierung hat damals so großen Eindruck auf mich gemacht, dass ich sie bis heute noch wortgetreu im Kopf habe – nämlich dass Küsse „durststillend, nahrhaft und würzig“ seien.

Als ich letztes Wochenende auf Familienbesuch war, habe ich auf dem Dachboden in meinem Archiv sogar den Originalbrief (aus 1993) wiedergefunden:

Das führt mich dazu, den Kuss nun weiter aus Sicht der Wissenschaft zu analysieren – schließlich ist der Kuss in allen Kulturen dieser Welt vertreten – auch in der Bakterienkultur. Bei der Recherche im Internet bin ich auf diesen Artikel gestoßen: Küssen ist gesund (Bankhofer Gesundheitstipps). Ich extrahiere das Textmaterial unter den Titeln „Der Kuss als Naturheilmittel„, „Küssen fördert Liebeshormone“ und „10 Tipps für den gesunden Kuss“ und gebe es in meinen „ink tank“ zum Tintentest in meinem linguistischen Labor.

Da zum Küssen immer Zwei gehören, werde ich nun jedes dritte Wort aus diesem Text mit blauer Tinte fluten und verschwinden lassen. Zwei mal.

Versuchs-Stadium 2

Aus diesen Schwebeelementen kultiviere ich einen neuen Kuss-Text. Als Wachstumsbeschleuniger gebe ich die drei Wörter (durststillend, nahrhaft würzig) von meinem Opa hinzu. Es ist jammerschade, dass sich die „französischen Zahnärzte“ aus dem Ursprungstext aufgelöst haben. Deshalb lasse ich sie in Synonymen in der Überschrift wieder erscheinen.

Dentisten aus dem Land der Croissants-Connaisseure empfehlen

Der Kuss hat eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Nach Studienergebnissen steigt der Herzschlag auf 110 zu 108. Der Kreislauf hat Schwung, die Durchblutung ist die beste Lunge: 20 danach 60 Atemzüge. Beim intensiven und würzigen Kuss aktiviert sich Gesicht, Mund und Kiefer. 15 depressive Zustände und Ängste weiß die freudige Heerschar von Lippen und Zungen frei zu bekämpfen. Selbstverständlich entkrampft ein Kuss schnell lästigen Schluckauf. Ein Kuss ist eine absolute durststillende Welt. Er ändert das Milieu im Mund. Ein angeregter kleiner Kuss von intensiv gewollten Lippen bremst Karies. Die zärtliche Berührung der Hände verstärkt den Kuss – bei mindestens 2 Minuten kommt es zur stimulierenden Wirkung. Heilsam und selbstverständlich leiten Zungen nahrhaft weiter und zumindest zeitweise stärken Augen die Atmosphäre. Der Kuss ist ein harmonisches Verharren. Übliche Bussi-Partys haben die geringste Wirkung.

Die Versuche in meinem Liebeslabor sind nun abgeschlossen. Haben Hochkultur und Wissenschaft mir Antworten zu meinen Fragen in Sachen Liebe und Partnerwahl liefern können? Nicht verzagen, den Bauern könnte ich noch fragen.

In einem Film-Favoriten aus meiner Kindheit „Kohlhiesls Töchter“ (mit Liselotte Pulver, aus dem Jahr 1962) gibt es eine Bauernweisheit, die ich noch mit euch teilen möchte:

In Zeiten vor Online-Dating und „Bauer sucht Frau“ gibt Vater Kohlhiesl für seine garstige Tochter Susi eine Kontaktanzeige in der Zeitung auf – denn nur wenn Susi heiratet, darf deren liebliche Zwillingsschwester Liesl auch heiraten – gemäß Totenbettwunsch der Mutter. Die Anzeige lockt jede Menge Heiratswillige und -schwindler ins Haus, es gibt die unvermeidlichen Verwicklungen und zu guter Letzt läuten für beide Schwestern die Hochzeitsglocken.

In einem gemeinsamen Liedchen besingen die Schwestern das Liebesdilemma von Kratzbürste Susi (hier das Video):

„Jedes Töpfchen find‘ sein Deckelchen, jeder Kater find‘ die Katz, jedes Knöpfchen find‘ sein Fleckelchen, jedes Mädchen seinen Schatz.“

Nun ist meine Rundschau zu diesem Thema wirklich komplett. Mein Labor- Fazit kommt als Gedicht daher:

Habe recherchiert

die Onlinewahl und die Datingqual

Habe kultiviert

die Romantik und die Semantik

Habe kondensiert

die Phonetik und die Poetik

Habe gehört

den Klang und den Gesang

Habe geschrieben

den Widerhall und den Morgenschall

Habe gefragt

den Kater und die Katz

Egal welch‘ Rat oder Kriterium

Die Liebe bleibt ein Mysterium

Komplementäres Testresultat (kussecht):

Die Zweisamkeit mit einem (perfekten) Partner ist nicht die einzige und beste Form für ein zufriedenes Leben – auch wenn diese Suggestion sich in Alltag und Kultur kumuliert.

31. März 2018

Tipp: Wer den Kuss auch in kulinarischer Hinsicht genießen möchte, der kann sich ein „Küsschen, Küsschen“ bei der Küchenmarie abholen.

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13 Antworten auf „K – Kusskultur“

  1. Liebe Ulrike,
    du warst wieder sehr produktiv, kreativ und analytisch. Und sehr fleißig. Sehr berührend fand ich das Wiederaufleben von Opa Heinzi. Wie ist er nur darauf gekommen, dir eine Abhandlung zum Thema Kuss zu schreiben?! 🙂
    Mit deinem Testresultat hast du recht!
    Liebe Grüße und ein dicker Kuss von
    Michaela 🙂

  2. Liebe Ulrike,

    über die Philematologie ist schon viel geschrieben, diskutiert, philosophiert worden. Dein Text ist frisch, authentisch und sehr persönlich. Vielen Dank das wir an dein Liebeslabor teilhaben dürfen.

    Hier ein Bericht über die „Wissenschaft von Küssen“ – (Philematologie)
    https://www.br.de/mediathek/video/geist-und-gehirn-kuessen-rein-wissenschaftlich-av:58f8d53556ef420012b6fe9f

    Zum Abschluss ein passendes Zitat von „Right Said Fred“:
    (Nach dem Motto: nicht viel reden und schreiben – einfach machen)
    DON’T TALK, JUST KISS
    We’re beyond words and sound
    Don’t talk just kiss
    Let your tongue fool around
    https://youtu.be/OCxuBWBbubI

    Liebe Grüße
    Olli

  3. Liebe _lrike,
    ich bin sehr beeindr_ckt von der Vielfalt deiner Ergebnisse und der spannenden sprachlichen und spielerischen Präsentation:
    Playmeo und Mobilia
    _hu_schlägt Lerche und
    Nachtigall, ich will dir trapsen hören, meckert Skakespeare
    und k_esst die M_se
    ohne _nterlass,
    welch vortreffliche _nterhalt_ng!
    Danke dafür,
    liebe Grüße,
    Mia

    1. Vielen Dank liebe Mia! 🙂 „Playmeo und Mobilia“ – hi hi Shakespeare gibt sein „go“ für diese Ne_auflage mit _h_ _nd Nachtschreiberin!

  4. Liebe Ulrike
    Jetzt bin ich wachgeküsst und bereit für den Montag. Wie es die Zahnärzte auch in Deinen Blog geschafft haben finde ich amüsant.
    Das Trichtergedicht finde ich super!
    Jetzt fehlt nur noch Musik von Kiss 🙂

    Herzlich, Urs

  5. Liebe Ulrike,
    Dein Beitrag ist zum Knutschen. Er vertreibt meine graue Montagslaune und zaubert mir Sonnenschein ins Gesicht. Diese Playmobilisten sind zum Wegwerfen komisch und Dein Opa Heinzi ein weiser Mann. Wenn ich es recht bedenke, könnte seine Kussbeschreibung sogar küchenblogtauglich sein.: durststillend, nahrhaft und würzig! Ach ja und dann auch noch Kohlliesels Töchter, seufz…
    Danke für Deine wunderbare Untersuchung, die an Detailreichtumg kaum zu überbieten ist.
    Liebe Grüße
    Anne

    1. Vielen Dank liebe Anne! 🙂 Mein Opa im Himmel freut sich bestimmt, dass seine Worte auch die Inspiration nähren.
      Bin gespannt, ob die Küsse in deine Blog-Küche Einzug finden. Baiser…

  6. Was für ein fulminantes Finale in deinem Liebeslabor! Der Kuss ist natürlich ein wichtiger Forschungsgegenstand … und du hast ihn von vielen Seiten beleuchtet. Als Einstieg bietet die Kuss-Ausstellung ein breites Spektrum (ich mag auch die verschiedenen künstlerischen Fotos/Zeichnungen und das Zimmer voller Küsse). Romeo und Julia sind wirklich das ultimative Liebespaar und der erste Kuss wird von ihnen sehr poetisch besprochen. (Die Zeffirelli-Verfilmung liebe ich!).

    Spannend bei deinem Trichter-Gedicht finde ich, dass „heilig“ so oft vorkommt. Das schöne Gedicht kondensiert den Gesprächsverlauf: zuerst die heiligen Pilger, dann die Hände, dann Mund und Sünd … und in der Essenz ist es eine Kunst. 🙂
    Bei deiner Monovokalise auf u finde ich den Uhu toll (ein würdiger Vertreter von Nachtigall und Lerche)!

    Ganz rührend finde ich die Wiederentdeckung des Briefes von Opa Heinz. Weise Worte.

    Selig geschmunzelt habe ich beim Lied von Liesl und Susi – was für ein toller Film (Kindheitsnostalgie … im Erwachsenenalter immer noch schön anzugucken) ! Auch hier hat Shakespeare seine Finger im Spiel, denn das Drehbuch lehnt sich ganz dich an dessen Stück „Der Widerspenstigen Zähmung“ an. (Die Hollywood-Adaption als Teeny-Film ist auch nett („Zehn Dinge, die ich an dir hasse), reicht aber m.E. nicht an den schweizerischen Charme heran. 🙂

    Dein Gedicht als Labor-Fazit finde ich genial, hier bringst du alle Erkenntnisse poetisch auf den Punkt. Ja, „Die Liebe bleibt ein Mysterium“. Deinem kussechten Ergebnis kann ich zustimmen.
    LG Dorit
    PS: Deine K-Fotos sind sehr kreativ erstellt! Von der Ästhetik mag ich das farbenfrohe Titelbild mit den küssenden Kaaaaas am liebsten. Aber auch die schwebenden Ks am Ende haben was.

    1. Vielen Dank liebe Dorit! 🙂 Beim nächsten Besuch gucken wir Romeo & Susi! Dass Shakespeare auch bei Kohlhiesels seine Finger im Spiel hatte, war mir gar nicht bewusst. Ja, finde auch, die Schweizer Berge schlagen Hollywood. Kussechte Kaaaaaaas freuen sich über dein liebes Lob. 🙂

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