Halbzeit im NaNoWriMo – Kurzhaarschnitt und Korsett für die Dirigentin (Leseprobe)

Heute ist Halbzeit und ich habe die magische Marke von 25.000 Wörtern (111 Normseiten) gestern um kurz nach 1 Uhr nachts überschrieben. Ich habe im Schreiben meinen guten Rhythmus gefunden (eine Abendschicht und eine Nachtschicht von je 1 ½ Stunden) und schaffe meinen täglichen Wordcount.

Aber ach, die zweite Woche bringt so manche Sorgen, wie ich die Geschichte entwickeln soll. Die Figuren sind eingeführt, die Szenerie ist aufgebaut – und nun muss der Handlungsbogen nach oben gehen und auf einen dramatischen Höhepunkt zusteuern. Aber worin genau soll dieser bestehen? Es genügt nicht, dass meine Dirigentin immer wieder mit dem fiesen Kapellmeister Heger zusammenprallt und immer wieder knapp einer Entlarvung entkommt – das wiederholt sich zu sehr. Auch meine vielen Anekdoten und Details zu Angewohnheiten der Sänger, kleinen Bühnen-Pannen, Klatsch und Tratsch, die ich aus meinem tollen Opern-Buch habe, und Schwelgen in der Musik bilden zwar eine gute Würze, sind aber nicht handlungstragend.

Am Mittwoch habe ich ein langes Telefonat mit meiner Literaturagentin (meinen Antarktis-Roman hat sie einem Dutzend Verlage auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt, nun heißt es Geduld haben, es liegen noch keine Rückmeldungen vor, auch wenn die Lektoren vor Ort wohl positiv auf ihren Pitch reagiert haben). Sie fragt mich nach meinem neuen Romanprojekt und ich erzähle es ihr. Sie findet zwar das Thema „Frau in einer Männerdomäne“ gut und auch Wien als Sehnsuchtsort, fragt dann aber: „Wo ist der Höhepunkt? Warum und wie scheitert sie?“

Damit hat sie natürlich den Finger in die Wunde gelegt – ich weiß es noch nicht so richtig. Dann äußert sie eine grundsätzliche Skepsis: Aus Erfahrung weiß sie, dass Lektoren beim Thema Musik und Film in Romanen zurückhaltend seien, erst recht klassische Musik wäre nicht massentauglich und hat den Ruf, nur für ein intellektuelles Publikum zu sein. Es könnte also sein, dass ich mein Werk in hunderten Stunden harter Arbeit schreibe und die Verlage es dann nicht mal mit der Kneifzange anfassen. Ich halte dem entgegen, dass ich für meinen Stoff brenne und diesen Roman auf jeden Fall schreiben werde, auch wenn er vielleicht erst mal (oder für immer) in der Schublade landet. Meine Agentin betont, sie wolle mein Feuer auf keinen Fall löschen und ich solle weiterschreiben.

Am Mittwochabend und Donnerstag bin ich dann doch ziemlich deprimiert, raffe mich trotzdem zum Weiterschreiben auf. Ich hoffe einfach, dass sich doch eine Leserschaft für meinen Roman – auch für die von mir so geliebte Opernwelt – begeistern wird und meine geschriebene Stimme nicht vor leeren Rängen verhallt.

Gleichzeitig überlege ich intensiv, wo das Drama für meine Figur herkommen könnte und wie ihre Heldenreise genau aussehen könnte. Dann kommt mir eine Erleuchtung: „Madame Butterfly!“ Danke Puccini! Eine Liebesgeschichte wollte ich sowieso einflechten (inklusive erotischer Liebesszene – bin sehr gespannt, ob ich das hinbekomme, habe so etwas noch nie zu Papier gebracht), aber nun wird sie auch schwanger werden und dann steht sie vor der Entscheidung: Kind oder Karriere. Mehr verrate ich nicht.

Habe nun jedenfalls die dramatische Entwicklung der Geschichte besser vor Augen und habe wieder Freude am Fantasieren und Schreiben.

Hier nun die Leseprobe:

Johanna wurde an der Opernpforte telefonisch vom Kapellmeister Heger abgewiesen, weil er es für einen schlechten Witz hält, dass eine Frau dirigieren könne.

In ihrem Innern kochte der Zorn. Sie stürmte los ohne rechts und links zu schauen, ließ ihre langen Beine ausgreifen, stemmte ihre Stirn gegen den Wind als sei er eine Mauer, die sie einreißen wollte. Als sie irgendwann wieder aufblickte, fand sie sich vor der güldenen Statue von Johann Strauss wieder. Ihre Füße waren unwillkürlich den selben Weg vom Vortag gegangen und hatten sie in den Stadtpark getragen.

„Solche Problem hattest du nicht, Johann“, rief sie in das güldene Gesicht des Geigers, der selig lächelte.

„Wenn ich nicht dieses “a” am Ende meines Namens hätte, würden diese verknöcherten Kerle mich einlassen in die Welt der Musiker – dieser männlichen Überklasse“, sie spie die Worte nur so aus. Johann Strauss gab ihr keine Antwort. Sie marschierte weiter. Von Statue zu Statue – jedem Komponisten klagte sie ihr Leid. Aber was verstanden die schon davon – sie waren schließlich allesamt männlich – die Kronen der Schöpfung. Ha!! Warum gab es eigentlich keine weiblichen Komponisten? Die Welt war so ungerecht. In diesem Moment durfte einer der Dirigenten seinen Stab schwingen – vielleicht der blasse Brillenträger, der in der Schlange vor ihr gestanden hatte oder der Schnurrbarttyp. Sie verfügten über den wichtigsten Stab in diesem Wettbewerb – den Penis. Wenn Johanna doch ihr „a“ verlieren könnte und sich einen Schnurrbart wachsen lassen. (…)

Als sie dann in ihrer Kammer stand und in den Spiegel blickte, wurde sie ernst. Lange schaute sie in das Gesicht, das ihr fragend entgegen blickte. Sie traf einen Entschluss. Bedächtig holte sie eine Schere aus dem Kulturbeutel und umfasste mit der linken Hand ihren Zopf. Mit der rechen Hand führte sie die Schere. Mühsam, aber beharrlich bahnte sich die Schneide ihren Weg durch das dicke blonde Haar. Dann hielt Johanna ihren Zopf in der Hand wie eine Trophäe. Sie blickte wieder in den Spiegel. Kurze Haarsträhnen hingen ihr wirr über die Ohren und kitzelten sie im Nacken. Ihre grünen Augen leuchteten.

Kapitel 5: Kostümwechsel

Johanna musste schnell handeln, wenn sie ihre Verwandlung bis morgen früh vollenden wollte. Sie brauchte einen richtigen Herrenhaarschnitt und die dazu passende Kleidung – unter der sie ihre verräterischen weiblichen Kurven verbergen konnte – und vielleicht andere männliche Merkmale hinzufügen? Als erstes müsste sie ihre Brust plätten. Zum Glück waren ihre Brüste nicht sehr groß – ein Umstand, den sich als Jugendliche bedauert hatte. Als die Oberweiten ihren Mitschülerinnen verführerisch anschwollen, zeigten sich auf ihrer Brust nur kleine Hügelchen, die man fast übersehen konnte. Besonders bei ihren breiten Schultern und ihrem langen Torso wirkten ihre Venusformen doch ein wenig verloren. Passend zu ihrem verhassten Spitznamen „Leuchtturm“ zogen ihre leuchtend grünen Augen alle Aufmerksamkeit auf sich, die, obwohl nicht sehr groß und katzenhaft schräg stehend, ihr markantes Gesicht mit den hohen Wangenknochen, der geraden Nase und den temperamentvoll geschwungen Lippen dominierten. Niemand hatte sie je als hübsch oder gar schön bezeichnet.

„Du siehst so gesund und kräftig aus“, war das größte Lob, zu dem sich ihre Mutter hinreißen ließ. Als burschikos war sie auch oft bezeichnet worden. (…)

Als verräterischstes Merkmal war aber zuerst ihre Brust dran. Sie streifte ihr schwarzes Dirigentenhemd ab und befreite sich aus dem Büstenhalter. Womit könnte sie ein Korsett improvisieren? Sie schnappte sich das Bettlaken und schnitt es kurzentschlossen in drei lange Stoffbahnen. Sie wickelte erst eine, dann eine zweite Stoffbahn um ihren Oberkörper und zurrte fest an den Enden, aber ihr Busen hoben sich immer noch trotzig hervor. Ganz so winzig waren ihre Brüste anscheinend doch nicht. Wenn sie darum herum aufpolsterte, dann müsste es gehen. Sie holte eines ihrer wollenen Unterhemden aus dem Schrank und faltete es einige Male, so dass es an einer Seite dicker war und zur andern dünner wurde. Mit der dickeren Seite platzierte sie den Stoff unter ihren Brüsten, um den Übergang zwischen Erhebung und flachem Bauch möglichst fließenden zu gestalten. Dann wickelten sie die Tuchstreifen wieder unter einigen Mühen um sich herum und befestigte die Enden mit Sicherheitsnadeln. Sie schlüpfte wieder in das Oberhemd und betrachtete das Ergebnis kritisch. Ihre Brust sah jetzt ein wenig wie bei einem Gockel aus: stolz geschwollen – wie man im Volksmund sagte – und das war eindeutig männlich. Mit einem Jackett darüber oder gar im Frack würde diese Rundung der Brust sicher noch unauffälliger sein.

Was sie oben herum flach gepresst hatte, musste sie unten herum ausbauen. Was konnte sie bloß in ihre Unterhose stopfen, das wie die Wölbungen von Hoden und Penis aussah? Sie durchsuchte ihren Kleiderschrank. Da, das Stoffsäckchen mit dem getrockneten Lavendel gegen die Motten. Das passte von Form und Größe ganz gut, war formbar und auch nicht so schwer. Ob sie unten in der Küche vielleicht ein Wiener Würstchen im Kühlschrank finden würde? Sie schmunzelte bei diesem Gedanken, zog ihren Morgenmantel über und wickelte sich ein Handtuch wie einen Turban um den Kopf, um ihre kurzen Haare zu verdecken, und schlich hinunter. Sie fand die Küche wieder verlassen vor und inspizierte den Kühlschrank. Enttäuscht musste sie feststellen, dass es hier kein einziges Würstchen gab. Die aufgereihten Eier im Türregel lachten sie an, aber für diese männliche Anatomie hatte sie ja schon eine Attrappe. Sie wollte schon aufgeben, als ihr Blick auf die unterste Gemüseschublade fiel, sie zog das Fach auf. Bingo. Ein Haufen loser Möhren und eine Gurke lagen dort unschuldig und bereit, für ihren pikanten Zweck verwendet zu werden. Sie entschied sich für eine dicke Möhre, etwas so lang wie ihr Handteller. Das müsste von der Größe ungefähr hinkommen. Es würde sicherlich keiner nachmessen. Gerade wollte sie sich mit ihrem Fundstück von dann machen, als sie Schritte hinter sich hörte. Sie ließ die Möhre in ihrer Manteltasche verschwinden und dreht sich um. In der Tür stand die Concierge mit einem Gesicht, als hätte sie eben in eine Zitrone gebissen.

„Grüß Gott Frau Dabjanszki“, sagte Johanna zuvorkommend.

„Haben Sie Feuerholz aus der Kiste vor dem Bad im vierten Stock genommen?“, fragte die Concierge unwirsch.

„Ja, ein kleines Bündel“, gab Johanna zu, „steht der Korb nicht dort, damit man sich daraus etwas für seinen Ofen holen kann?“

„Dieses Holz ist nur für das Bad bestimmt. Wenn Sie Brennholz oder Briketts für Ihren Zimmerofen brauchen, müssen Sie es bei mir kaufen. Ein Schilling kostet das Bündel.“

„Tut mir leid, das wusste ich nicht. Ich kaufe nachher einige Bündel bei Ihnen und lege wieder eines zurück in den Korb“, beeilte sich Johanna zu versichern. Frau Dabjanszki nickte und ließ ihren Kontrollblick durch die Küche schweifen, als suche sie nach weiteren Verstößen gegen die Hausordnung. Wenn sie wüsste, dass sich eine stibitzte Möhre in Johannas Tasche befand, gäbe es sicher ein Donnerwetter, vielleicht sogar einen Rausschmiss für die Doppeldiebin. Sie würde spätestens morgen Lebensmittel einkaufen gehen und die Möhre ersetzen. Der strenge Blick der Concierge kehrte zur neuen Mieterin zurück, ein zweites säuerliches Nicken und Johanna war aus dem Verhör entlassen.

Wieder oben in ihrer Kammer arrangierte sie den Lavendelbeutel und die Möhre in ihrer Unterhose in möglichst lebensechter Nachahmung der männlichen Anatomie. Verdammt, die Gegenstände verrutschten, sobald Johanna einige Schritte tat. Vor allem die Möhre war widerspenstig und zeigte wie ein Kompass in magnetischer Verwirrung in alle möglichen Richtungen und drückte sich vorwitzig durch den Stoff in den Vordergrund. Das ging gar nicht. Sie befand, dass das falschen Hodensäckchen zunächst genügen musste. Es sorgte dafür, dass sie beim Auf- und Abschreiten im Flur vor ihrer Kammer einen anderen Gang annahm: breitbeinig mit diesem Säcklein geballten Männlichkeit zwischen ihren Schenkeln.

In Hemd und Hose unter ihrem Mantel und in den flachen derben Stiefeln, die sie nicht als Frau verrieten, marschierte sie zu einem Herrenfrisör, den sie mit ihrem Leuchtturmblick in einer belebten Geschäftszeile am Graben entdeckte. Hier musste sie ihren ersten Test als brandneu geformter Adam – besser gesagt: Johann – bestehen. Nach kurzer Wartezeit wurde „er“ in einen der Stühle vor den Spiegeln gebeten.

„Waschen und Schneiden, mein Herr?“, fragte der Frisör, ein kleiner Mann mit Buckel und dichtem grauen Haar. Er war so diskret, nicht danach zu fragen, wer seinem Kunden zuletzt diese Zottelfrisur geschnitten hatte.

„Ja, bitte. Mit Seitenscheitel rechts und im Nacken bitte ausrasieren“, sagte Johann(a) mit Brustton. Ihre Stimme besaß von Natur aus einen vollen, eher tiefen klang.

Beim Haarewaschen legte sie ihren Kopf nach hinten überstreckt in das kleine Waschbecken. Ihr Hals fühlte sich exponiert an, sie mochte diese Haltung nicht.

„Gehen Sie auf einen Kostümball, meine Dame?“, fragte der Frisör beim Einschäumen. Johanna hob erschrocken ihren Kopf und das Haarshampoo lief ihr brennend in die Augen.

„Wie kommen Sie darauf, dass ich eine Frau bin?“, fragte sie ein wenig kleinlaut.

„Sie haben keinen Adamsapfel“, sagte der Frisör und tippte mit seinem dicken Zeigefinger auf den Gurgelknopf seines eigenen Halses. Noch keine halbe Stunde als Mann unterwegs und schon ertappt. Aber besser heute als morgen. An den Adamsapfel hatte sie überhaupt nicht gedacht. Da hatte sie so viel Mühe darauf verwandt, sich unter der Gürtellinie männlich auszustatten und dabei die wahre Achillesferse des Fraudātor glatt vergessen.

Der Frisör machte sich flink ans Werk, seine Schere tanzte durch ihre feuchten Haare, ein elektrischer Rasieren fuhr ihren Nacken hoch und schon schüttelte der Haarkünstler das Schutzcape aus und präsentierte ihr den Schnitt mit einem Spiegel von allen Seiten. Johanna staunte. Mit dem gewachsten Seitenscheitel, dem Bubikopf und dem ausrasieren Nacken sah sie wirklich wie ein junger Mann aus, fast schon militärisch. Sie könnte als träumerischer Offizier durchgehen – über ihren vollen Lippen fehlte eindeutig ein Schnurrbart für die perfekte Verwandlung. (Sie verwandelt sich von Johanna in “Jo“.)

Kapitel 7: Mit viel Hertz und Taktgefühl beim Vorspielen

Jo stand an eine Säule der Arkaden gelehnt, ihren Blick fixiert auf den Bühneneingang. Auf dem Weg zum Opernhaus hatte sie sich sehr männlich und kampfbereit gefühlt, war mit ausgreifenden Schritten und erhobenem – wenn auch streichelzartem – Kinn gegangen. Mit ihrer stolzen Hahnenbrust, dem bübischen Kurzhaarschnitt unter dem Hut und dem angeklebten Bärtchen über der Oberlippe war sie das Abbild eines Jünglings. Jetzt, wo der Moment der Entscheidung gekommen und die erste Hürde sich vor ihr auftürmte, klammerte sich sich an ihre Notentasche und hoffte, Joseph Haydn werde seine schützende Hand über sie halten. (…)

Nun erschien ein junger Mann in dunklem Mantel und einer Notenmappe unter dem Arm am anderen Ende der Arkaden. Mit jedem Schritt, den er näher kam, wurde sie sich sicherer, dass er ein Dirigenten-Anwärter war. Als er gerade die Pforte des Bühneneingangs aufzog, schoss Jo hervor und heftete sich wie ein Schatten an die Fersen ihres Kollegen. Er war fast einen Kopf kleiner als sie, so dass sie beim Betreten der Vorraums sofort sah, dass derselbe Pförtner vom Vortrag auf dem Wachposten saß. Allerdings war er gerade damit beschäftigt, ein Paket vom Postboten entgegenzunehmen. Eine Welle des Optimismus durchströmte sie. Jetzt müsste sie mit Schwung ihren Durchbruch machen, wie ein General mit fliegenden Fahnen einmarschieren und dabei eine selbstverständliche Berechtigung ausstrahlen, so dass der Torwächter nicht auf den Gedanken käme, sie aufzuhalten.

„Ich komme zum Vorspielen für Herrn Kapellmeister Heger“, sagte ihr Schutzschild mit heller Stimme. Der Pförtner warf ihm einen flüchtigen Blick zu und schob die ominöse Liste auf dem Empfangstresen herüber. Ihre Vorhut unterzeichnete im Feld bei seinem Namen.

„Ich auch“, sagte Jo mit Bruststimme und griff sich den Stift wie ein Feldherr. In ihrem Kopf hörte sie eine Trompete zum Angriff blasen. Schwungvoll machte sie in der letzten Zeile bei dem Namen eines anderen ein unleserliches Handzeichen und schon glitt sie durch die Schwingtür in den Flur ins Innere der Festung. (…)

Um elf Uhr sollte das Vorspielen beginnen. Genau in dem Moment, als der große Zeiger der Uhr auf die volle Stunde sprang, öffnete sich die Tür und vier Herren marschierten ein – das Raunen und Rascheln im Raum verstummte augenblicklich und alle Blicke richteten sich auf die Eingetretenen. Jo erkannte an der Spitze des Komitees sofort den sehr filigran-eleganten Herrn von heute Morgen wieder, der einer der ersten an der Pforte war.

„Das ist Direktor Schalk“, raunte ihr Dominic zu.

Der Mann hinter ihm wirkte vergleichsweise massiv in seinem grauen Anzug mit den breiten Schultern und dem stampfenden Gang. Sein Gesicht war langgezogen und erinnerte Jo an eine Gurke. Eine saure Gurke, wenn man seine schmalen Lippen mit den herunter gezogenen Mundwinkeln miteinbezog. Er hatte braun-gräuliches Haar, das seinen Oberkopf nur spärlich bedeckte, aber über den Ohren noch dicht war. In der rechten Hand trug er einen Taktstock wie ein Zepter. Das musste Kapellmeister Robert Heger sein. Hinter ihm ging ein Mann, dessen blonde Wallemähne sofort ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Er hielt seinen Kopf mit der Eleganz eines Schwans und wäre als Sänger sicher die Idealbesetzung für Lohengrin gewesen. Ein kurzer Bart bedeckten sein Kinn und seine weich geformten Wangen. Seine dunkelblauen Augen streiften kurz über die Schar der aufgereihten Dirigenten und er nickte aufmunternd in ihre Richtung. Erst jetzt fiel ihr auf, dass der Schwanenritter mit dem linken Bein hinkte als hätte er ein steifes Knie. Vielleicht eine Kriegsverletzung? Nein, für einen Mann in seinen 40ern war er für den Wehrdienst wahrscheinlich schon zu alt gewesen. Ob er auch ein Dirigent war? (…)

„Der Herr mit den langen blonden Haaren ist Martin Breuer. Er ist fest engagierter Dirigent am Haus.“

Das grell bunte Stimmenwirrar verstummte und die erste Oboe gab dem Orchester das „a“ an und alle Instrumente stimmten sich darauf ein. (…) Umso erstaunter war sie, als sie nun den höheren Kammerton auf 443 Hertz hörte.

(… Mittagspause nach dem Vorspiel der ersten beiden Kandidaten…)

In der Kantine setzten sie sich an denselben Tisch mit den Kandidaten, die eben auf dem Pult gebrutzelt hatten. Der Engländer bestellte ein Bier und schüttete es in einem Zug hinunter. Sie sprachen sich gegenseitig Mut zu und echauffierten sich über den Kapellmeisters.

„Wie soll ick zeigen, was ick kann, wenn der Maestro mich alle paar Takte unterbricht?“, klagte der Engländer sein Leid.

Jo aß schweigend ihren Gulasch mit einer Semmel und trank ein Kracherl, beim Essen versuchte sie, ihren Mund so wenig wie möglich zu bewegen, damit der Kleber ihres Oberlippenbarts nicht zu sehr strapaziert wurde. Zu den Gesprächen nickte sie freundlich und musste sich ermahnen, nicht ständig an ihrem Halstuch herum zu nesteln, das ihren fehlenden Adamsapfel kaschieren sollte.

Bevor es weiter ging, musste sie noch zur Toilette. Auf der Suche nach dem Örtchen ging sie alleine durch die langen Gänge des Hauses, hier eine Treppe hoch und dort wieder herunter. Sie genoss die Stille und suchte in ihrem Kopf nach den wahren Klängen von Haydn, die durch die vielen Misstöne in der Probe störend überlagert worden waren. Schließlich fand sie das WC. Beim Händewaschen musterte sie sich kritisch im Spiegel. Der Seitenscheitel von Johann saß ordentlich und seine hohe Gestalt im Dreiteiler war fast schon Dandy-haft. Jetzt musste sie sich aber beeilen, zurück in den Probenraum zu kommen.

Als sie aus der Tür des Badezimmers stürmte, stieß sie mit einem Mann zusammen. Erschrocken blickte sie in ein tiefblaues Augenpaar.

„So aufgeregt?“, fragte Martin Breuer mit sanfter Stimme und ein Lächeln zog über sein Gesicht wie ein Sonnenstrahl.

„Die Damen werden es Ihnen verzeihen“, sagte er und zwinkerte Jo zu. Sie starrte ihn verwirrt an. Er zeigte auf das Schild an der Tür, aus der sie gerade gekommen war. Dort war in einem Messing-Relief die Figur einer Frau im Kleid abgebildet. Oh nein, Johann war auf die Damentoilette gegangen!

„Oh, ein Versehen“, stammelte Johann mit seiner tiefsten Stimme. Martin Breuer klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter und sagte:

„Dann zeigen Sie gleich mal, was Sie können, junger Mann“, und ging voran in Richtung Probenraum.

WIE JO SICH WOHL IM CASTING SCHLÄGT? FORTSETZUNG FOLGT.

Ahnt ihr schon, wer ihr “love interest” sein wird?

 

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Wien – eine Diva lässt ihre roten Samthüllen nicht fallen

Mein neues Romanprojekt schimmert schon verheißungsvoll am Horizont – meine Protagonistin soll die Wiener Staatsoper in den 1920er Jahren sein. In ihren prunkvollen Mauern, zwischen Sternenstaub und Bühnenstaub zum vielstimmigen Klang des Orchesters soll sich mein Figurenreigen auffächern. Ein Mikrokosmos der Gesellschaft – von kapriziösen Gesangsstars, über Highsociety in den Logen und Bravo- und Buh-Rufern auf den Stehplätzen bis zu den rauen Bühnenarbeitern auf dem Schnürboden trifft hier alles zusammen für das Gesamtkunstwerk und Erlebnis Oper. Als langjährige Opern-Enthusiastin habe ich richtig Lust auf dieses Thema und kenne mich auch ganz gut aus – aber hauptsächlich in der Gegenwart.

Die Grande Dame unter den Opernhäusern

Ich mache mich also auf eine Recherche-Reise in die Vergangenheit auf der Suche nach einer historischen Künstlerin (zunächst schwebt mir eine Prima Donna vor) – die ich in den Mittelpunkt meiner Geschichte stellen kann. Ich surfe im world wide web, aber die richtig Großen dieser Zeit waren alles Männer.

Eine der Glanzgestalten dieser Zeit war Richard Tauber. Ich bestelle seine Biografie und lese eifrig darin: Er war der deutsche Caruso mit der goldenen Stimme, ein Pop-Star seiner Zeit mit unzähligen Schallplattenaufnahmen. Er pendelte zwischen Wien und Berlin, wurde in den 1930ern als Halbjude von den Nazis vertrieben und starb 1948 verarmt im Exil in London. Er war ein großzügiger Lebemann mit einer schrecklichen 1. Ehefrau (Sopran / Soubrette), die ihn erpresst und ausgenommen hat: Carlotta Vanconti – sie eignet sich definitiv nicht als Heldin für meinen Roman – höchstens als Gegenspielerin.

Mein Lesestoff zur Einstimmung: Tauber Biografie und Opern-Anekdoten

Irgendwie komme ich dann auf Dirigenten – und stelle fest, dass Frauen damals wie heute eine absolute Ausnahmeerscheinung in diesem Metier sind. Der Funke springt über und ich verfolge diese Fährte weiter, finde Anekdoten zu den wenigen Dirigentinnen, die in den 1920er Jahren an der Berliner Philharmonie den Taktstock geschwungen haben. Aber in Wien? Nulla! Die Australierin Simone Young war die erste Frau am Pult der Wiener Staatsoper – dieses Debüt fand im 21. Jahrhundert statt. Ich stoße auf Joana Mallwitz, die bei den Salzburger Festspielen dieses Jahr (2020!) die erste Frau ist, die mit “Così fan tutte” dort eine Oper dirigieren darf.

Welche Erkenntnis ziehe ich daraus: Eine Dirigentin hätte in den 1920er Jahren niemals das Pult des Staatsopernorchesters betreten dürfen. Ich habe eine Eingebung: Sie müsste sich als Mann verkleiden! Meine Protagonistin ist geboren. Ich knüpfe an die literarische Tradition von Shakespeare an und lasse eine Frau in Männerkleidung Furore machen. Amouröse Verwicklungen inklusive. Da denke ich sofort an einen Mentor (natürlich auch ein Dirigent), in den sie sich verliebt, aber sich nicht als Frau offenbaren darf. Und ein machtgieriger Konkurrent kommt ihrer Maskerade auf die Schliche und erpresst sie. Die Travestie bietet jede Menge Möglichkeiten für Verwicklungen und spannungsreiche Konflikte und sogar Komik.

Nun steht meine Reise nach Wien an – zum einen freue ich mich darauf, endlich wieder in Live-Operngenuss zu kommen – zum anderen bin ich begierig darauf, für meinen Roman zu recherchieren. Ich will das Wien der 1920er Jahre hautnah kennenlernen.

Im Vorfeld schreibe ich eine E-Mail an die Info-Seite der Wiener Staatsoper mit Bitte um Kontakt zum Archivar, da mir viele Fragen zu Frauen an diesem Arbeitsplatz auf den Lippen brennen. Ich erhalte keine Antwort. Auch an ein Wiener Musik-Archiv schreibe ich eine Anfrage, aber meine Mail kommt als unzustellbar zurück. Die digitalen Wege führen ins Leere. Bin gespannt, was ich vor Ort herausfinden kann.

Am Montagabend steige ich in den „Nightjet“ nach Wien (12 Stunden Fahrt). Ich teile das Abteil mit zwei jungen Frauen, mache es mir oben auf dem Bett so gut es geht gemütlich und lese in der Tauber-Biografie. Hier kommt gut zum Ausdruck, welch hohen Stellenwert und gesellschaftliche Anerkennung Opern- und Operettensängern in dieser Zeit hatten (es gab nicht so viele multimediale Alternativen wie heutzutage), auch das Publikum ging mit großer Leidenschaft in die Vorstellungen, jeder redete darüber. Auch zu den Gagen und anderen Details werde ich hier fündig.

Nach einer holprigen Fahrt durch Tschechien und wenig Schlaf auf meiner schmalen harten Liege, reißt der Zugbegleiter morgens um 6 Uhr die Abteiltür auf und serviert mir Pfefferminztee (die trockenen weißen Brötchen verschmähe ich). So gestärkt steige ich um 7 Uhr aus dem Zug. WIEN – hier bin ich.

Palmen vor der Karlskirche

Eine halbe Stunde später komme ich in die Wohnung (sehr zentral an der Karlskirche – nur ein U-Bahn-Tunnel entfernt von der Wiener Staatsoper) meines Airbnb-Gastgebers Christoph – ein Gamben-Spieler (das ist ein historisches Streichinstrument), wie mir das Plakat an der Zimmertür verrät – wie könnte es in dieser Klassik-Hochburg anders sein. In der gemütlichen Altbauwohnung lege ich mich erst mal ein Stündchen ins Bett und starte dann in den Besichtigungstag.

Ich spaziere zuerst zur Staatsoper – diese ausladende Diva, die sich halb versunken als „Erstes Haus am Ring“ seit 1869 breit macht (so dass sie nie komplett auf ein Foto passt), zeigt mir ihr altehrwürdiges Gesicht. Ich war in früheren Jahren schon einige Male hier und habe ein wohliges Wiedersehensgefühl. Im Opernshop unter den Arcaden stöbere ich nach Büchern über die Geschichte des Hause – blättere durch einige und mache Fotos.

Das Highlight des Tages ist der Liederabend von Jonas Kaufmann. Zweieinhalb Stunden vor Beginn stelle ich mich im kalten Wind in die Schlange für die Stehplätze. Dieses Ritual zieht seit 150 Jahren die echten Opernliebhaber an, die hier bei jedem Wetter stundenlang ausharren, um für wenig Geld (3 Euro, es gibt über 500 Stehplätze, in Corona-Zeiten nur noch 156 mit Stuhl für je 10 Euro und auf Abstand) auf den klangschönsten Plätzen ihren Lieblingssängern und Stücken zu lauschen.

Mein standhafter Einsatz wird belohnt und nach einer Stunde halte ich glücklich meine Karte in der Hand (sogar im Parkett).

Das Konzert beginnt um 20 Uhr und ist wunderbar gefühlvoll und nuanciert. Jonas Kaufmann präsentiert mit seinem langjährigen Klavierbegleiter Helmut Deutsch eine Highlights-Zusammenstellung des Liedrepertoires mit teilweise volksliedhaften Stücken (Ännchen von Tharau, Der Mai ist gekommen) und Klassikern des Kunstlieds von Schubert, Schumann, Mozart, Mahler, Strauss und vielen mehr. Eines meiner Favoriten: Die Forelle von Schubert.

Bild von instagram von Jonas Kaufmann

Am Mittwoch besuche ich das Ernst-Fuchs-Museum in der Otto-Wagner-Villa (um 1900 im Jugendstil erbaut) – dort trafen sich die Künstler und gesellschaftliche Elite zum Fin de siècle.

Original Arbeitszimmer von Otto Wagner

In den 1970er Jahren kaufte und sanierte der Maler Ernst Fuchs die Villa. Hier hängen nun seine farbenprächtigen Gemälde im Stil des phantastischen Realismus und jede Menge weiblicher Formen wie im Barock – ganz schön kunstvoller Kitsch. Für meine Roman-Recherche passt diese Epoche zwar nicht, aber vielleicht kann ich mal eine Party-Szene in solch einer Villa spielen lassen.

Sphinx
Opulentes Schlaflager in Muschelform
Farbenprächtige Mosaike am Brunnen

Nach einer Pause in meiner Wohnung – mit Lachsbrötchen und Kuchen – zieht es mich in den nahen Stadtpark. Mein Weg führt mich vorbei am Konzerthaus und am Musikverein (mit seinem berühmten Goldenen Saal) – keine andere Stadt der Welt hat so viele Konzertsäle und bietet täglich ein solch hochkarätiges Defilee an klassischer Musik.

Im Park wandele ich auf idyllischen Wegen zwischen Wiesen und Schwanenteich, an jeder Ecke ragt eine Statue eines Komponisten auf: Johann Strauss in Gold mit Geige, Franz Lehár und Franz Schubert sind nur einige davon. Die Meister der Klassik und ihr musikalisches Vermächtnis sind allgegenwärtig.

Am Abend mache ich einen Spaziergang in den Prunkstraßen (heutzutage Fußgängerzone) zwischen Hofburg, Staatsoper und Stephansdom und lasse den Wiener Flair auf mich wirken. Am Kohlmarkt und am Graben haben sich alle namenhaften Designer der Welt niedergelassen, hier kann man sein Geld verprassen – wie schon zu Sisis Zeiten. Damit die Touristen auch auf ihre Kosten kommen, stehen die Fiaker im Pferdeduft am Steffl bereit und bei Manner kann man sich mit Haselnussschnitten und Mozartkugeln eindecken.

Meine Recherche will nicht so recht in Fahrt kommen. Eigentlich möchte ich die Lehár-Villa besichtigen – Franz Lehár war der Operettenkönig dieser Zeit und hat Richard Tauber die schönsten Melodien in den Mund komponiert, zum Beispiel: „Gern hab ich die Frau’n geküsst“ aus Paganini, „Hab ein blaues Himmelbett” und natürlich den Welterfolg (in zig Sprachen übersetzt) „Dein ist mein ganzes Herz“ aus Das Land des Lächelns. Aber eine alte Dame am Telefon sagt mir, dass es wegen Corona zurzeit keine Führungen gibt.

Anlieferung von Kulissen – mit Grüßen von Hamlet

Persönlicher Einsatz ist angesagt, also überwinde ich meine Bittsteller-Scheu und frage zunächst an der Opernkassa und dann beim Pförtner im Bühneneingang der Wiener Staatsoper nach einer Kontaktmöglichkeit zu deren Archiv. Dass ich mich persönlich im Archiv umschaue, komme leider nicht infrage. Die Oper sei zurzeit eine Festung und wegen Corona komme niemand rein, außer man arbeitet dort. Aber der Pförtner schreibt mir Namen und Telefonnummer der Leiterin des Musikarchivs auf. Am Donnerstagmorgen rufe ich dort an. Nein, sie habe nur Noten, aber Herr Dr. Lang sei wohl der richtige Ansprechpartner. Mit ihm spreche ich, er ist freundlich und gibt mir seine E-Mail-Adresse, ich solle mein Anliegen schriftlich an ihn richten. Das mache ich zu Hause sofort. Bin gespannt, ob ich von dort Informationen erhalte – ich hätte gerne eine Übersicht, in welchen Bereichen Frauen an der Staatsoper in den 1920ern gearbeitet haben und ob z.B. die Gage für eine Sopranistin deutlich niedriger war, als für einen Tenor etc.

Aber es muss in Wien doch irgendeine Ausstellung, ein Museum geben, das mir Eindrücke über die Lebensart der gesuchten Epoche gibt. Ich versuche es im Theatermuseum (auf der Webseite brüsten sie sich mit Künstler-Memorabilia). Nein, zurzeit haben sie nur eine Puppenausstellung.

Ich versuche es beim Wiener Stadtmuseum – dort rühmen sie sich mit einer großen biografischen Theater-Sammlung. Nein, diese sei leider zurzeit geschlossen. Das Wien-Museum hat auch über die Stadt verteilt Komponisten-Wohnungen im Angebot (u.a. Mozart, Beethoven, Schubert), aber die lebten und wirkten alle vor der Epoche meines Interesses.

Es ist wie verhext. Wien zeigt mir seine prunkvollen Fassaden und Schmuckstücke aus der k.u.k. Monarchie, man kann Musiker in historischen Kostümen Mozart musizieren hören, im Fiaker ins Kaiserreich zurück traben, weiße Pferde spanische Hofreitschule vortänzeln sehen und im Kaffeehaus Sachertorte mit Melange genießen. Das Kaiserreich lebt ewig – die 1920er Jahre scheinen im Nebel des Vergessens verschwunden zu sein.

Ich will meine bittere Enttäuschung mit einem Griesstrudel im Griensteidl (im 19. Jahrhundert ein Künstlertreffpunkt) an der Hofburg versüßen – aber ein Blick hinter die Fassade offenbart: Das Traditionshaus ist seit meinem letzten Besuch von einem Damenmodeladen verdrängt worden.

Was ist nur los? Wo finde ich Zeugnisse dieser Ära nach dem Zusammenbruch der Monarchie, die bewegten Jahre der ersten österreichischen Republik, der Inflation und Armut, dem Mut zum Neuanfang, dem Nachhängen der Monarchie? Welche Rolle haben die Künstler in dieser Zeit gespielt? Ich komme ihnen einfach nicht auf die Spur. Wien ist eine keusche Kurtisane, die sich hinter dem schönen Schleier der Vergangenheit verbirgt. Wien ist eine kapriziöse Künstlerin, die ihr Maske niemals absetzt.

Am Donnerstag unternehme ich einen weiteren Versuch: Das Haus der Geschichte Österreichs ab 1918 in der Hofburg scheint eine gute Anlaufstelle zu sein. Diese gigantische Anlage mit Heldenplatz hat schon Hitler 1938 mit winkenden Massen willkommen geheißen.

Heute steht dort immer noch ein mächtiges Reiterstandbild von Prinz Eugen (Feldherr für die Habsburger in den großen Türkenkriegen um 1700) – völlig unreflektiert und in heroischer Verklärung. Ich bin gespannt, wie Österreich in dem Museum mit seiner eigenen Geschichte umgeht. Die Ausstellung setzt sich durchaus selbstkritisch mit der Verstrickung in den Nationalsozialismus auseinander. Es gibt einen Zeitstrahl nach Dekaden von 1918 bis in die Gegenwart mit Werbeplaketen und viel Text zum Lesen. Ich fühle mich ziemlich überfordert angesichts dieser Informationsflut.

Im Bereich der 1920er Jahre schaue ich mich genauer um. Geldscheine und „Betteln und Hausieren Verboten“-Schilder weisen auf die Inflation und Armut hin. Über Künstler entdecke ich fast nichts. Für Frauen war die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg schwierig, denn sie wurden aus ihren Berufen von den heimkehrenden Soldaten oft wieder hinausgedrängt und endeten vielfach in der Prostitution. Der Körperkult mit Turnvereinen kam auf – auch Frauen machten Sport und sollten ihre Körper fit halten – hier kündigte sich schon nationalsozialistische Ideologie an.

Die Ausstellung endet mit Conchita Wurst als Barbiepuppe – sie ist offenbar die Symbolfigur Österreichs für Toleranz und Überwindung von Geschlechterklischees. Wie diese glamouröse Bartträgerin wohl in den 1920er Jahren von den Wiener aufgenommen worden wäre?

Resigniert sehe ich ein, dass ich dem Künstler-Wien der 1920er vor Ort nicht auf die Spur kommen kann. Damit ich diese Epoche wiederauferstehen lassen kann, muss ich wohl doch in Büchern suchen.

Am diesem Donnerstag tröstet mich aber ein anderes Highlight: Heute wird „Don Carlos“ an der Wiener Staatsoper gegeben. Pünktlich um 15 Uhr stehe ich wieder in der Stehplatzschlange (und sehe einige bekannte Gesichter vom Dienstag wieder), dieses Mal sind 30 Leute vor mir, nach eineinhalb Stunden habe ich meine Karte ergattert – dieses Mal in der Galerie.

Um 17:30 Uhr geht es los – über fünf Stunden Verdi in der französischen Urfassung – die Verdi nach der misslungenen Premiere in Paris 1867 gründlich überarbeitete. 1884 feierte Don Carlo dann seinen Durchbruch – auf vier Akte gekürzt und mit italienischem Libretto – das gesungen viel emotionaler klingt. Hier ein schönes Beispiel des berühmten Freundschafts- und Freiheitsschwurs zwischen Carlos und Rodrigue – wie auch in Schillers literarischen Vorlage.

Bild der Wiener Staatsoper (fb)

Es könnte so schön sein, wenn der Regisseur sich nicht nach Kräften bemüht hätte, die Figuren ins Lächerliche zu ziehen. Immerhin begeistert mich wieder Jonas Kaufmann in der Titelpartie.

In den zwei langen Pausen flaniere ich in den Prunkräumen (an jeder Tür stehen Desinfektionsspender und es herrscht natürlich Maskenpflicht und Abstandsgebot).

Während der Aufführung bekomme ich wieder einen Eindruck vom heiligen Ernst, mit dem die Zuschauerinnen und Zuschauer dem Opernereignis beiwohnen – es ist wie ein kirchliches Ritual, das Publikum kennt die Regeln und muss sie einhalten – unter dem wachsamen Blick der Platzpolizei (wehe jemand verlässt seinen zugewiesenen Sitzplatz, dann wird man sofort verhaftet und abgeführt – auch schon vor Corona) und der gegenseitigen Erziehung zu bester Manier – da gehört das „SSSSCHT“-Zischen noch zu den dezenten Methoden. Meine Sitznachbarin (immer mit einem freien Stuhl dazwischen) fängt einen Kleinkrieg mit dem alten Ehepaar hinter sich an, die Greisin hinten will auf den tiefen Untertitelmonitor an der Armstütze der Despotin schauen, die es ihr verbietet („Ihr Monitor ist da oben!“) und extra ihren Schal darüber hängt. Im Dunkeln kommt es zu Handgreiflichkeiten zwischen den älteren Damen.

In der Pause holt die Bevormundete eine Platzanweiserin zur Hilfe, die hilflos über ihre Maske schaut und sagt, sie könne die Despotin nicht zur Raison bringen. Dann kommt ein durchsetzungsstärkerer Kollege hinzu und fordert die Regelpocherin auf, ihre Maske aufzusetzen (sie trägt nur einen Schal halb über dem Mund), sie weigert sich zickig, hinterfragt die Regel („Jetzt geht das Licht aus, da darf ich meine Maske absetzen“), der Platzanweiser will seine Macht ausspielen und fordert sie auf, ihre Karte vorzuzeigen (reine Schikane), die Frau weigert sich, jetzt kommt der Dirigent herein, gleich beginnt die Vorstellung. Um einen Tumult zu vermeiden, zieht sich der Platzanweiser zerknirscht zurück. Die dreiste Dame hat gewonnen und sich erfolgreich mit jedem in ihrer Umgebung angelegt. Sie ruft laut „Buh“ und „Bravo“ in die Stille des vollen Saals (mit 1.250 Plätzen ausverkauft) – was eigentlich gute Tradition und Vorrecht der Kenner auf den Stehplätzen ist, aber in Corona-Zeiten eigentlich unterlassen werden soll, wegen Spucke und Aerosol. „Die will immer auffallen“, flüstert das alte Ehepaar von hinten und wir tauschen vielsagende Blicke aus, es hat sich eine stumme Allianz aus den Beobachtern und Verlierern des Schlagabtauschs gebildet.

Am Freitag steht meine Abreise um 22 Uhr mit dem Nachzug an. Den Tag will ich mir eigentlich mit einem Museumsbesuch (Kunst aus dem 20. Jahrhundert) verschönern, aber schon morgens beim Haarewaschen überkommt mich ein Schwindelanfall – von den heftigen Schmerzen im rechten Arm, die mich seit gestern morgen plagen. Es scheint eine Muskelüberlastung vom Koffertragen auf der Hinreise zu sein. Jede Bewegung des Arms jagt mir Schmerzen wie Messerstiche durch den Körper. Wie soll ich so den Tag herum bringen geschweige denn meinen Koffer zum Bahnhof schleppen und die lange Nacht auf der harten Liege ausharren? Ich beschließe, in die Notaufnahme eines Krankenhauses zu gehen in der Hoffnung auf eine Schmerz stillende Spritze. Vorher bringe ich mühevoll (mit Links) meinen Koffer in ein Schließfach am Hauptbahnhof und schlängele mich gegen 13 Uhr zwischen Notarztwagen zum Aufnahmeraum vom Rudolfstift. Die diensthabende Ärztin bietet mir ein Schmerzmittel per Tropf an. Okay. Ich werde in ein Vorzimmer mit Liegestühlen geführt, eine armer Tropf mit Rückenschmerzen hängt schon am Tropf. Ich dann auch. Nach 10 Minuten bekomme ich einen Kreislaufkollaps – ich alarmiere meinen Sitznachbarn, der nach Hilfe ruft, bevor ich wegkippe. Viele Stimmen um mich herum, ich werden im Stuhl flach gelegt und unter Aufregung („Kollaps“-Rufe) in den Notfallraum gefahren, dort sprechen sie über mich und ich soll auch etwas sagen (ob ich heute schon gegessen und getrunken habe), schaffe das aber nicht. Man misst meinen Blutdruck (extrem niedrig) und nimmt eine Blutprobe. Ich bekomme einen zweiten Tropf mit Flüssigkeit. Nach einigen langen Minuten bin ich wieder ansprechbar.

Den Nachmittag verbringe ich im Ruheraum des Hospitals auf meinem Liegestuhl und zittere vor mich hin. Eine Krankenschwester sieht ab und zu freundlich nach mir – hier sprechen alle Ärzte und Pfleger mit osteuropäischem Akzent – das ist auch so eine Wiener Besonderheit und kommt noch aus der k.u.k.-Zeit – es gibt viele Zuwanderer aus Tschechien, Ungarn und Rumänien. Um 17 Uhr fühle ich mich einigermaßen stabil, obwohl ich mich vor der langen Rückfahrt und meinem unzuverlässigen Körper fürchte. Ich bekomme Entlassungspapiere und einige Paracetamol-Tabletten (das Mittel aus dem Tropf zeigt keine durchschlagende schmerzstillende Wirkung) und auf meinen Wunsch auch Beruhigungstabletten, damit ich die Bahnfahrt durchstehen. Noch 5 Stunden bis zur Zugabfahrt und ich bin heimatlos.

Mir ist nach Natur und frischer Luft, also fahre ich in den Prater – den ich noch nicht kenne. Vom Riesenrad aus spaziere ich im Park umher und entlang der Hauptallee, die mit über 4 Kilometern die längste Kastanienallee Europas ist. Ich sammle zwei Kastanien als Souvenirs auf.

Hier färbt sich das Laub der Bäume schon herbstlich bunt, aber mir summt “Im Prater blüh’n wieder die Bäume” im Ohr herum – eine Wiener Schnulze von Robert Stolz – der mir sogar als steinernes Monument begegnet.

Ich denke darüber nach, wie es wohl für eine Dirigentin sein muss, wenn sie ihren Arm nicht mehr bewegen kann. Dann kann sie ihren Beruf nicht mehr ausüben. Ich muss meine Schmerzen einfach als lebensnahe Recherche betrachten.

Als es dunkel wird, fahre ich zurück ins Zentrum und kehre in meinem Lieblingskaffeehaus Diglas ein (das es zum Glück noch gibt) und lasse mir dort eine warme Kürbissuppe schmecken. Der Kellner hat einen durchsichtigen Plastik-Mundschutz und fragt mich beim Bezahlen: „Brauchen Sie ein Lächeln?“ – was ich gerne annehme, aber eigentlich hat er „Rechnung“ gesagt.

Gegen 21 Uhr mache ich mich auf den Weg zum Hauptbahnhof, gehe zum Abschied noch an meiner alten Bekannten der Staatsoper vorbei, die monumental und divenhaft ihr Geheimnis hütet. Um 22 Uhr fährt der Zug aus. Ich habe ein Abteil für mich alleine und falle auf der schmalen Liege sogar für einige Stunden in einen tiefen Schlaf – dank der Medikamente.

Mein rechter Arm hat sich immer noch nicht erholt und ich tippe diese Zeilen unter Schmerzen – aber das gehört zum Autorinnen-Leben wohl dazu.

Das war also meine Recherchereise – mit vielen Eindrücken und auch einer Portion Drama.

Wien, Wien nur du allein, sollst stets die Stadt meiner Träume sein“, höre ich Richard Tauber mit seiner goldenen Stimme singen.

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