Folge 6: Infarm am Görli – Salat aus der Vitrine und (keine) Äpfel ohne Sündenfall

STANDORT UND BODENVERHÄLTNISSE

Sturm und Regen haben das Regiment übernommen und die Natur verliert ihr grünes Kleid. Die Ernte ist eingefahren und die Gärten werden winterfest gemacht. Wo finde ich jetzt noch grünes Sprießen?

PROBIEREN GEHT ÜBER PIKIEREN

In Kreuzberg ticken die Uhren anders. Hier wachsen ganzjährig Salatköpfe in Vitrinen. Vertikales Indoor-Farming. Ein Projekt von zwei Brüdern aus Israel: Hier wächst seit 2014 Gemüse ohne Sonne und Erde, dafür mit LED-Licht, Kokosfasernährboden und ein wenig Wasser. Eine alternative und umweltfreundliche Nahrungsmittelproduktion mitten in der Großstadt mit kurzen Transportwegen zum Verbraucher. Das muss ich mir ansehen!

BLICKFANG

Aber wo versteckt sich das einfallsreiche Start-Up-Unternehmen? Es ist nicht infam zu behaupten, dass INFARM ein Geheimtipp ist. Ich streife die Glogauer Straße am Görlitzer Park entlang und suche nach ihrem Firmenschild.

Im Internet war von einem Hinterhof die Rede, auch von einem Café, in dem man an den Inkubations-Salatblättern knabbern kann. Ich schaue in jede Toreinfahrt – und davon gibt es hier echt viele. Hausnummern – Fehlanzeige.

Also frage ich zwei rauchende junge Männer vor einem Lokal. Infarm haben sie noch nie gehört. Aber Hausnummer 6 müsste dort entlang sein. Also gehe ich hinein, komme durch 2 Hinterhöfe, roter Backstein und schwarze Metallfenster stehen mir abweisend vor Augen. Ich biege um eine Kurve und – tatsächlich, dort sehe ich wie eine Fata Morgana rosa Licht über Grünzeug hinter Glas hervor schimmern. Und dann entdecke ich neben der kleinen Eingangspforte auch ein dezentes Firmenschild.

Ich trete ein und bin in einen großen Raum. An einem lang gestreckten Holztisch mit Bänken davor sitzen eifrige Leute über winzige Notebooks gebeugt, ganz vertieft in ihre Arbeit. Einer macht gerade (Nach-) Mittagspause und isst vom selben Tisch, ein anderen sitzt mit seinem Notebook auf dem Schoß in einer Fensternische. Hier bestellen Pflanzenforscher,  IT-Spezialisten und Zukunftsdesigner ihren Hightech-Acker.

Wie zur Inspiration wuchern unter Rosalicht an der Wand in gewählter Ordnung allerlei Pflanzen (die ich leider auf die Schnelle nicht botanisch einordnen kann).

Ein junger Mann kommt auf mich zu (nach dem Foto aus dem Internet vermute ich, dass es Guy Galonska ist, einer der Gründer), ich erkläre ihm mein Interesse für Gärten und Grünanbau in Berlin. Das Café gibt es leider nicht mehr, hier ist nur der Arbeitsort, sagt er mir freundlich auf Englisch. Ja, ein paar Fotos dürfe ich machen, müsse aber später die Erlaubnis für die Veröffentlichung einholen. Offizielle Fotos könnt ihr hier ansehen.

Damit hat sich das Gespräch für seinen Geschmack erschöpft und er geht. Ich schaue mich noch kurz um, aber zu den Brutkästen im anderen Raum kann ich wohl nicht einfach so gehen. Dann muss eben ein Foto von außen durch die Scheibe reichen.

Die Erzeugnisse von Infarm kann man im Restaurant Good Bank probieren. Das mache ich demnächst auf jeden Fall.

LITERARISCHE ERNTE

Fünf Köpfe bringen einen guten Salat zustande:
Ein Geizhals, der den Essig träufelt,
ein Verschwender, der das Öl gibt,
ein Weiser, der die Kräuter sammelt,
ein Narr, der sie durcheinander rüttelt,
ein Künstler, der den Salat serviert.

Jean Anthelme Brillat-Savarin (1755 – 1826), französischer Schriftsteller, Jurist und Gastronom, Lehrbuch der Gastronomie und Tafelfreuden

AM WEGESRAND

Auf dem Weg zur U-Bahn durchwandere ich den „Görli“ – aber so nett, wie dieser Kosename klingt, ist der Park nicht. Entlang des Zauns auf dem Außengehweg lungern überall Gestalten herum. Auf dem tunnelartigen Zuweg in den Park muss ich an einer Gruppe junger Männer vorbei, die hier Spalier stehen. Alle paar Meter werde ich angesprochen („Wie geht’s“ und „schöne Haare“), ich bin mir nicht sicher, was außer Drogen hier sonst noch angeboten wird. Ich fühle mich sehr unwohl.

Endlich komme ich vom baumbeschatteten „Randgebiet“ des Parks weg. Eine große, sonnenbeschienene Wiese liegt als Mittelstreifen wie eine harmlose Insel zwischen den umgebenden Schattenwelten. Hier sind Spaziergänger, Sportler und viele Kinder mit Begleitpersonen unterwegs. Ich komme an einigen Spielanlagen und sogar einem kleinen Zoo mit Ziegen vorbei.

Der Grund für meinen Besuch sind jedoch die Apfelbäume eines engagierten Bürgerprojekts. Ihr Ziel ist es, den Görlitzer Park vom Drogen-Dorado in einen Gemeinschaftsgarten für die ganze Nachbarschaft zu verwandeln.

Schließlich finde ich auch die Obstbäume, leider sind die Früchte schon geerntet. Das Schild der Baumpflanzer ist mit Graffiti beschmiert, aber die jungen Bäume sind scheinbar unversehrt.

Ein Paradies nach dem Sündenfall?

Der Park mit seinen finsteren Ecken und Lichtblicken hinterlässt einen sehr zwiespältigen Eindruck bei mir.

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10 Antworten auf „Folge 6: Infarm am Görli – Salat aus der Vitrine und (keine) Äpfel ohne Sündenfall“

  1. Liebe Ulrike,
    es ist immer wieder spannend, dich auf deiner Suche nach und auf “grünen Pfaden in Berlin” zu begleiten …
    Vielleicht ist es die Hoffnung auf und die Gewissheite von Grün nach dem Herbst und Winter, das uns hilft die Schatten- und Lichtseiten eines Platzes, einer Stadt, eines Menschen, einer Welt besser verstehen zu können …
    Beides gehört dazu, doch das Grün ist etwas Existentielles, das zu allem gehört,
    nachdenkliche Grüße aus dem sonnigen (!) Norden,
    Mia

    1. Vielen Dank liebe Mia! Die Hoffnung ist nicht umsonst mit der Farbe Grün verbunden. Mögen die Sonnenstrahlen dich aus dem Norden bis nach Berlin begleiten. 🙂

  2. Liebe Ulrike,
    auch dieses Mal hatte ich wieder viel Spaß, dich auf deiner Erkundung zu begleiten: Die “Infarm” ist wirklich ein interessantes (wenn auch sehr verstecktes) Projekt. Dass Pflanzen, Salate, Kräuter etc. lediglich mit “LED-Licht, Kokosfasernährboden und ein wenig Wasser” gedeien, ist erstaunlich! Vielleicht kannst du auf die Art im Winter ein paar Sonnenblumen in deinem Wohnzimmer großziehen??? 🙂 Auf den Innenraumfotos sah ich einen Couchtisch mit Grasbewuchs, ein tolles Möbelstück!
    Im Restaurant Good Bank will ich auch mal die Erzeugnisse kosten.

    Der “Görli“-Park mutet wegen der düsteren Gestalten etwas unheimlich an (schade, dass die Drogentypen das Areal dominieren…), umso wichtiger ist das Gartenprojekt. Mit “Ein Paradies nach dem Sündenfall?” bringst du es auf den Punkt!
    LG Dorit

    1. Vielen Dank liebe Dorit! Ha, das ist eine gute Idee mit der Indoor-Aufzucht einer Wintergeneration von Sonnenblumen. 🙂 In die Good Bank können wir ja mal schauen, wenn du demnächst bei mir zu Besuch bist.

  3. Liebe Ulrike,
    ich bin auch sehr erstaunt, wie wenig Pflanzen brauchen, um zu gedeihen und eigentlich auch in einem nicht natürlichen Lebensraum zu überleben. Eine verrückte Idee auf diese Weise Gemüse zu ziehen. Aber wenn es denn klappt, dann ist es sicher eine Möglichkeit Engpässe zu überbrücken.
    “Das Paradies nach dem Sündenfall” gefällt mir als Formulierung richtig gut. Da waren dann aber eine Menge Adams und Evas unterwegs.
    Danke für diesen interessanten und unterhaltsamen Beitrag
    Liebe Grüße
    Anne

    1. Vielen Dank liebe Anne! Die Labor-Zucht von Pflanzen/Nahrungsmitteln wirkt schon irgendwie ein bisschen absurd – Erde und Sonne scheinen mir die natürlichen und besten Hervorbringer. Aber im Labor gibt es keine Schädlinge, also muss auch kein Gift eingesetzt werden – Vorteile gibt es schon.
      Und spätenstens, wenn gewisse verrückte “Weltenlenker” den Atomkrieg anzetteln und wir alle in Bunkern unter der Erde hausen müssen, wird diese Technologie die Rettung sein.
      Aber bevor die Welt untergeht, lohnt es sich bestimmt, noch den einen oder anderen Apfel der Versuchung zu probieren – nur nicht im Görlitzer Park, da muss ich echt nicht nochmal hin.

  4. Liebe Ulrike,
    deine Erlebnisse rund um den Görli klingen für mich so trüb wie der Herbst der letzten Tage (zumindest hier am Rhein). Hoffentlich hast du anschließend dein Herz an einem gastlichen Ort gewärmt!
    Das Ablästern über die Berliner Urban Farming-Szene spar ich mir und wende mich gleich dem Park zu: Als ich im Juli in Berlin war, bin ich an einem Sonntagmorgen durch den Görlitzer Park spaziert. Ganz schnell wieder rausspaziert. Mich hat es da nämlich auch gegruselt ob all der Gestalten – hab ich aus den Neunzigern ganz anders in Erinnerung. You can’t put your arms around a memory, don’t try.
    Für deine nächsten Gartenbesuche wünsche ich dir die Begegnung mit dem Paradies! Bis ganz bald, Amy

    1. Vielen Dank liebe Amy! Ja, es ist wirklich schade, dass der Görli so von den Kriminellen dominiert wird. Eigentlich könnte die Grünfläche ein positives Gefühl erzeugen (auch wenn es sicher nicht der schönste Park in Berlin ist), aber mir ging es wie dir – selbst bei Sonnenschein mittten am Tag legt dieses mulmige Gefühl von Bedrohung einen dunklen Schatten über alles. In meinem nächsten Garten finde ich hoffentlich das Paradies. 🙂 Bis bald.

  5. Die LED-Pflanzen, da habe ich was Neues gelernt. Öko ohne Natur. Aber bei den bald 11 Milliarden Menschen braucht es Industrie und Ideen.
    Der Görli-Park ist so eine eigenartige Anlage, nur ein Spazierpark würde nicht gehen. Es müssen Aktivitäten da rein, aber zivile. Deine Führung ist sehr mitteilsam als wäre man selbst unterwegs gewesen.

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