Halbzeit im NaNoWriMo – Kurzhaarschnitt und Korsett für die Dirigentin (Leseprobe)

Heute ist Halbzeit und ich habe die magische Marke von 25.000 Wörtern (111 Normseiten) gestern um kurz nach 1 Uhr nachts überschrieben. Ich habe im Schreiben meinen guten Rhythmus gefunden (eine Abendschicht und eine Nachtschicht von je 1 ½ Stunden) und schaffe meinen täglichen Wordcount.

Aber ach, die zweite Woche bringt so manche Sorgen, wie ich die Geschichte entwickeln soll. Die Figuren sind eingeführt, die Szenerie ist aufgebaut – und nun muss der Handlungsbogen nach oben gehen und auf einen dramatischen Höhepunkt zusteuern. Aber worin genau soll dieser bestehen? Es genügt nicht, dass meine Dirigentin immer wieder mit dem fiesen Kapellmeister Heger zusammenprallt und immer wieder knapp einer Entlarvung entkommt – das wiederholt sich zu sehr. Auch meine vielen Anekdoten und Details zu Angewohnheiten der Sänger, kleinen Bühnen-Pannen, Klatsch und Tratsch, die ich aus meinem tollen Opern-Buch habe, und Schwelgen in der Musik bilden zwar eine gute Würze, sind aber nicht handlungstragend.

Am Mittwoch habe ich ein langes Telefonat mit meiner Literaturagentin (meinen Antarktis-Roman hat sie einem Dutzend Verlage auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt, nun heißt es Geduld haben, es liegen noch keine Rückmeldungen vor, auch wenn die Lektoren vor Ort wohl positiv auf ihren Pitch reagiert haben). Sie fragt mich nach meinem neuen Romanprojekt und ich erzähle es ihr. Sie findet zwar das Thema „Frau in einer Männerdomäne“ gut und auch Wien als Sehnsuchtsort, fragt dann aber: „Wo ist der Höhepunkt? Warum und wie scheitert sie?“

Damit hat sie natürlich den Finger in die Wunde gelegt – ich weiß es noch nicht so richtig. Dann äußert sie eine grundsätzliche Skepsis: Aus Erfahrung weiß sie, dass Lektoren beim Thema Musik und Film in Romanen zurückhaltend seien, erst recht klassische Musik wäre nicht massentauglich und hat den Ruf, nur für ein intellektuelles Publikum zu sein. Es könnte also sein, dass ich mein Werk in hunderten Stunden harter Arbeit schreibe und die Verlage es dann nicht mal mit der Kneifzange anfassen. Ich halte dem entgegen, dass ich für meinen Stoff brenne und diesen Roman auf jeden Fall schreiben werde, auch wenn er vielleicht erst mal (oder für immer) in der Schublade landet. Meine Agentin betont, sie wolle mein Feuer auf keinen Fall löschen und ich solle weiterschreiben.

Am Mittwochabend und Donnerstag bin ich dann doch ziemlich deprimiert, raffe mich trotzdem zum Weiterschreiben auf. Ich hoffe einfach, dass sich doch eine Leserschaft für meinen Roman – auch für die von mir so geliebte Opernwelt – begeistern wird und meine geschriebene Stimme nicht vor leeren Rängen verhallt.

Gleichzeitig überlege ich intensiv, wo das Drama für meine Figur herkommen könnte und wie ihre Heldenreise genau aussehen könnte. Dann kommt mir eine Erleuchtung: „Madame Butterfly!“ Danke Puccini! Eine Liebesgeschichte wollte ich sowieso einflechten (inklusive erotischer Liebesszene – bin sehr gespannt, ob ich das hinbekomme, habe so etwas noch nie zu Papier gebracht), aber nun wird sie auch schwanger werden und dann steht sie vor der Entscheidung: Kind oder Karriere. Mehr verrate ich nicht.

Habe nun jedenfalls die dramatische Entwicklung der Geschichte besser vor Augen und habe wieder Freude am Fantasieren und Schreiben.

Hier nun die Leseprobe:

Johanna wurde an der Opernpforte telefonisch vom Kapellmeister Heger abgewiesen, weil er es für einen schlechten Witz hält, dass eine Frau dirigieren könne.

In ihrem Innern kochte der Zorn. Sie stürmte los ohne rechts und links zu schauen, ließ ihre langen Beine ausgreifen, stemmte ihre Stirn gegen den Wind als sei er eine Mauer, die sie einreißen wollte. Als sie irgendwann wieder aufblickte, fand sie sich vor der güldenen Statue von Johann Strauss wieder. Ihre Füße waren unwillkürlich den selben Weg vom Vortag gegangen und hatten sie in den Stadtpark getragen.

„Solche Problem hattest du nicht, Johann“, rief sie in das güldene Gesicht des Geigers, der selig lächelte.

„Wenn ich nicht dieses “a” am Ende meines Namens hätte, würden diese verknöcherten Kerle mich einlassen in die Welt der Musiker – dieser männlichen Überklasse“, sie spie die Worte nur so aus. Johann Strauss gab ihr keine Antwort. Sie marschierte weiter. Von Statue zu Statue – jedem Komponisten klagte sie ihr Leid. Aber was verstanden die schon davon – sie waren schließlich allesamt männlich – die Kronen der Schöpfung. Ha!! Warum gab es eigentlich keine weiblichen Komponisten? Die Welt war so ungerecht. In diesem Moment durfte einer der Dirigenten seinen Stab schwingen – vielleicht der blasse Brillenträger, der in der Schlange vor ihr gestanden hatte oder der Schnurrbarttyp. Sie verfügten über den wichtigsten Stab in diesem Wettbewerb – den Penis. Wenn Johanna doch ihr „a“ verlieren könnte und sich einen Schnurrbart wachsen lassen. (…)

Als sie dann in ihrer Kammer stand und in den Spiegel blickte, wurde sie ernst. Lange schaute sie in das Gesicht, das ihr fragend entgegen blickte. Sie traf einen Entschluss. Bedächtig holte sie eine Schere aus dem Kulturbeutel und umfasste mit der linken Hand ihren Zopf. Mit der rechen Hand führte sie die Schere. Mühsam, aber beharrlich bahnte sich die Schneide ihren Weg durch das dicke blonde Haar. Dann hielt Johanna ihren Zopf in der Hand wie eine Trophäe. Sie blickte wieder in den Spiegel. Kurze Haarsträhnen hingen ihr wirr über die Ohren und kitzelten sie im Nacken. Ihre grünen Augen leuchteten.

Kapitel 5: Kostümwechsel

Johanna musste schnell handeln, wenn sie ihre Verwandlung bis morgen früh vollenden wollte. Sie brauchte einen richtigen Herrenhaarschnitt und die dazu passende Kleidung – unter der sie ihre verräterischen weiblichen Kurven verbergen konnte – und vielleicht andere männliche Merkmale hinzufügen? Als erstes müsste sie ihre Brust plätten. Zum Glück waren ihre Brüste nicht sehr groß – ein Umstand, den sich als Jugendliche bedauert hatte. Als die Oberweiten ihren Mitschülerinnen verführerisch anschwollen, zeigten sich auf ihrer Brust nur kleine Hügelchen, die man fast übersehen konnte. Besonders bei ihren breiten Schultern und ihrem langen Torso wirkten ihre Venusformen doch ein wenig verloren. Passend zu ihrem verhassten Spitznamen „Leuchtturm“ zogen ihre leuchtend grünen Augen alle Aufmerksamkeit auf sich, die, obwohl nicht sehr groß und katzenhaft schräg stehend, ihr markantes Gesicht mit den hohen Wangenknochen, der geraden Nase und den temperamentvoll geschwungen Lippen dominierten. Niemand hatte sie je als hübsch oder gar schön bezeichnet.

„Du siehst so gesund und kräftig aus“, war das größte Lob, zu dem sich ihre Mutter hinreißen ließ. Als burschikos war sie auch oft bezeichnet worden. (…)

Als verräterischstes Merkmal war aber zuerst ihre Brust dran. Sie streifte ihr schwarzes Dirigentenhemd ab und befreite sich aus dem Büstenhalter. Womit könnte sie ein Korsett improvisieren? Sie schnappte sich das Bettlaken und schnitt es kurzentschlossen in drei lange Stoffbahnen. Sie wickelte erst eine, dann eine zweite Stoffbahn um ihren Oberkörper und zurrte fest an den Enden, aber ihr Busen hoben sich immer noch trotzig hervor. Ganz so winzig waren ihre Brüste anscheinend doch nicht. Wenn sie darum herum aufpolsterte, dann müsste es gehen. Sie holte eines ihrer wollenen Unterhemden aus dem Schrank und faltete es einige Male, so dass es an einer Seite dicker war und zur andern dünner wurde. Mit der dickeren Seite platzierte sie den Stoff unter ihren Brüsten, um den Übergang zwischen Erhebung und flachem Bauch möglichst fließenden zu gestalten. Dann wickelten sie die Tuchstreifen wieder unter einigen Mühen um sich herum und befestigte die Enden mit Sicherheitsnadeln. Sie schlüpfte wieder in das Oberhemd und betrachtete das Ergebnis kritisch. Ihre Brust sah jetzt ein wenig wie bei einem Gockel aus: stolz geschwollen – wie man im Volksmund sagte – und das war eindeutig männlich. Mit einem Jackett darüber oder gar im Frack würde diese Rundung der Brust sicher noch unauffälliger sein.

Was sie oben herum flach gepresst hatte, musste sie unten herum ausbauen. Was konnte sie bloß in ihre Unterhose stopfen, das wie die Wölbungen von Hoden und Penis aussah? Sie durchsuchte ihren Kleiderschrank. Da, das Stoffsäckchen mit dem getrockneten Lavendel gegen die Motten. Das passte von Form und Größe ganz gut, war formbar und auch nicht so schwer. Ob sie unten in der Küche vielleicht ein Wiener Würstchen im Kühlschrank finden würde? Sie schmunzelte bei diesem Gedanken, zog ihren Morgenmantel über und wickelte sich ein Handtuch wie einen Turban um den Kopf, um ihre kurzen Haare zu verdecken, und schlich hinunter. Sie fand die Küche wieder verlassen vor und inspizierte den Kühlschrank. Enttäuscht musste sie feststellen, dass es hier kein einziges Würstchen gab. Die aufgereihten Eier im Türregel lachten sie an, aber für diese männliche Anatomie hatte sie ja schon eine Attrappe. Sie wollte schon aufgeben, als ihr Blick auf die unterste Gemüseschublade fiel, sie zog das Fach auf. Bingo. Ein Haufen loser Möhren und eine Gurke lagen dort unschuldig und bereit, für ihren pikanten Zweck verwendet zu werden. Sie entschied sich für eine dicke Möhre, etwas so lang wie ihr Handteller. Das müsste von der Größe ungefähr hinkommen. Es würde sicherlich keiner nachmessen. Gerade wollte sie sich mit ihrem Fundstück von dann machen, als sie Schritte hinter sich hörte. Sie ließ die Möhre in ihrer Manteltasche verschwinden und dreht sich um. In der Tür stand die Concierge mit einem Gesicht, als hätte sie eben in eine Zitrone gebissen.

„Grüß Gott Frau Dabjanszki“, sagte Johanna zuvorkommend.

„Haben Sie Feuerholz aus der Kiste vor dem Bad im vierten Stock genommen?“, fragte die Concierge unwirsch.

„Ja, ein kleines Bündel“, gab Johanna zu, „steht der Korb nicht dort, damit man sich daraus etwas für seinen Ofen holen kann?“

„Dieses Holz ist nur für das Bad bestimmt. Wenn Sie Brennholz oder Briketts für Ihren Zimmerofen brauchen, müssen Sie es bei mir kaufen. Ein Schilling kostet das Bündel.“

„Tut mir leid, das wusste ich nicht. Ich kaufe nachher einige Bündel bei Ihnen und lege wieder eines zurück in den Korb“, beeilte sich Johanna zu versichern. Frau Dabjanszki nickte und ließ ihren Kontrollblick durch die Küche schweifen, als suche sie nach weiteren Verstößen gegen die Hausordnung. Wenn sie wüsste, dass sich eine stibitzte Möhre in Johannas Tasche befand, gäbe es sicher ein Donnerwetter, vielleicht sogar einen Rausschmiss für die Doppeldiebin. Sie würde spätestens morgen Lebensmittel einkaufen gehen und die Möhre ersetzen. Der strenge Blick der Concierge kehrte zur neuen Mieterin zurück, ein zweites säuerliches Nicken und Johanna war aus dem Verhör entlassen.

Wieder oben in ihrer Kammer arrangierte sie den Lavendelbeutel und die Möhre in ihrer Unterhose in möglichst lebensechter Nachahmung der männlichen Anatomie. Verdammt, die Gegenstände verrutschten, sobald Johanna einige Schritte tat. Vor allem die Möhre war widerspenstig und zeigte wie ein Kompass in magnetischer Verwirrung in alle möglichen Richtungen und drückte sich vorwitzig durch den Stoff in den Vordergrund. Das ging gar nicht. Sie befand, dass das falschen Hodensäckchen zunächst genügen musste. Es sorgte dafür, dass sie beim Auf- und Abschreiten im Flur vor ihrer Kammer einen anderen Gang annahm: breitbeinig mit diesem Säcklein geballten Männlichkeit zwischen ihren Schenkeln.

In Hemd und Hose unter ihrem Mantel und in den flachen derben Stiefeln, die sie nicht als Frau verrieten, marschierte sie zu einem Herrenfrisör, den sie mit ihrem Leuchtturmblick in einer belebten Geschäftszeile am Graben entdeckte. Hier musste sie ihren ersten Test als brandneu geformter Adam – besser gesagt: Johann – bestehen. Nach kurzer Wartezeit wurde „er“ in einen der Stühle vor den Spiegeln gebeten.

„Waschen und Schneiden, mein Herr?“, fragte der Frisör, ein kleiner Mann mit Buckel und dichtem grauen Haar. Er war so diskret, nicht danach zu fragen, wer seinem Kunden zuletzt diese Zottelfrisur geschnitten hatte.

„Ja, bitte. Mit Seitenscheitel rechts und im Nacken bitte ausrasieren“, sagte Johann(a) mit Brustton. Ihre Stimme besaß von Natur aus einen vollen, eher tiefen klang.

Beim Haarewaschen legte sie ihren Kopf nach hinten überstreckt in das kleine Waschbecken. Ihr Hals fühlte sich exponiert an, sie mochte diese Haltung nicht.

„Gehen Sie auf einen Kostümball, meine Dame?“, fragte der Frisör beim Einschäumen. Johanna hob erschrocken ihren Kopf und das Haarshampoo lief ihr brennend in die Augen.

„Wie kommen Sie darauf, dass ich eine Frau bin?“, fragte sie ein wenig kleinlaut.

„Sie haben keinen Adamsapfel“, sagte der Frisör und tippte mit seinem dicken Zeigefinger auf den Gurgelknopf seines eigenen Halses. Noch keine halbe Stunde als Mann unterwegs und schon ertappt. Aber besser heute als morgen. An den Adamsapfel hatte sie überhaupt nicht gedacht. Da hatte sie so viel Mühe darauf verwandt, sich unter der Gürtellinie männlich auszustatten und dabei die wahre Achillesferse des Fraudātor glatt vergessen.

Der Frisör machte sich flink ans Werk, seine Schere tanzte durch ihre feuchten Haare, ein elektrischer Rasieren fuhr ihren Nacken hoch und schon schüttelte der Haarkünstler das Schutzcape aus und präsentierte ihr den Schnitt mit einem Spiegel von allen Seiten. Johanna staunte. Mit dem gewachsten Seitenscheitel, dem Bubikopf und dem ausrasieren Nacken sah sie wirklich wie ein junger Mann aus, fast schon militärisch. Sie könnte als träumerischer Offizier durchgehen – über ihren vollen Lippen fehlte eindeutig ein Schnurrbart für die perfekte Verwandlung. (Sie verwandelt sich von Johanna in “Jo“.)

Kapitel 7: Mit viel Hertz und Taktgefühl beim Vorspielen

Jo stand an eine Säule der Arkaden gelehnt, ihren Blick fixiert auf den Bühneneingang. Auf dem Weg zum Opernhaus hatte sie sich sehr männlich und kampfbereit gefühlt, war mit ausgreifenden Schritten und erhobenem – wenn auch streichelzartem – Kinn gegangen. Mit ihrer stolzen Hahnenbrust, dem bübischen Kurzhaarschnitt unter dem Hut und dem angeklebten Bärtchen über der Oberlippe war sie das Abbild eines Jünglings. Jetzt, wo der Moment der Entscheidung gekommen und die erste Hürde sich vor ihr auftürmte, klammerte sich sich an ihre Notentasche und hoffte, Joseph Haydn werde seine schützende Hand über sie halten. (…)

Nun erschien ein junger Mann in dunklem Mantel und einer Notenmappe unter dem Arm am anderen Ende der Arkaden. Mit jedem Schritt, den er näher kam, wurde sie sich sicherer, dass er ein Dirigenten-Anwärter war. Als er gerade die Pforte des Bühneneingangs aufzog, schoss Jo hervor und heftete sich wie ein Schatten an die Fersen ihres Kollegen. Er war fast einen Kopf kleiner als sie, so dass sie beim Betreten der Vorraums sofort sah, dass derselbe Pförtner vom Vortrag auf dem Wachposten saß. Allerdings war er gerade damit beschäftigt, ein Paket vom Postboten entgegenzunehmen. Eine Welle des Optimismus durchströmte sie. Jetzt müsste sie mit Schwung ihren Durchbruch machen, wie ein General mit fliegenden Fahnen einmarschieren und dabei eine selbstverständliche Berechtigung ausstrahlen, so dass der Torwächter nicht auf den Gedanken käme, sie aufzuhalten.

„Ich komme zum Vorspielen für Herrn Kapellmeister Heger“, sagte ihr Schutzschild mit heller Stimme. Der Pförtner warf ihm einen flüchtigen Blick zu und schob die ominöse Liste auf dem Empfangstresen herüber. Ihre Vorhut unterzeichnete im Feld bei seinem Namen.

„Ich auch“, sagte Jo mit Bruststimme und griff sich den Stift wie ein Feldherr. In ihrem Kopf hörte sie eine Trompete zum Angriff blasen. Schwungvoll machte sie in der letzten Zeile bei dem Namen eines anderen ein unleserliches Handzeichen und schon glitt sie durch die Schwingtür in den Flur ins Innere der Festung. (…)

Um elf Uhr sollte das Vorspielen beginnen. Genau in dem Moment, als der große Zeiger der Uhr auf die volle Stunde sprang, öffnete sich die Tür und vier Herren marschierten ein – das Raunen und Rascheln im Raum verstummte augenblicklich und alle Blicke richteten sich auf die Eingetretenen. Jo erkannte an der Spitze des Komitees sofort den sehr filigran-eleganten Herrn von heute Morgen wieder, der einer der ersten an der Pforte war.

„Das ist Direktor Schalk“, raunte ihr Dominic zu.

Der Mann hinter ihm wirkte vergleichsweise massiv in seinem grauen Anzug mit den breiten Schultern und dem stampfenden Gang. Sein Gesicht war langgezogen und erinnerte Jo an eine Gurke. Eine saure Gurke, wenn man seine schmalen Lippen mit den herunter gezogenen Mundwinkeln miteinbezog. Er hatte braun-gräuliches Haar, das seinen Oberkopf nur spärlich bedeckte, aber über den Ohren noch dicht war. In der rechten Hand trug er einen Taktstock wie ein Zepter. Das musste Kapellmeister Robert Heger sein. Hinter ihm ging ein Mann, dessen blonde Wallemähne sofort ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Er hielt seinen Kopf mit der Eleganz eines Schwans und wäre als Sänger sicher die Idealbesetzung für Lohengrin gewesen. Ein kurzer Bart bedeckten sein Kinn und seine weich geformten Wangen. Seine dunkelblauen Augen streiften kurz über die Schar der aufgereihten Dirigenten und er nickte aufmunternd in ihre Richtung. Erst jetzt fiel ihr auf, dass der Schwanenritter mit dem linken Bein hinkte als hätte er ein steifes Knie. Vielleicht eine Kriegsverletzung? Nein, für einen Mann in seinen 40ern war er für den Wehrdienst wahrscheinlich schon zu alt gewesen. Ob er auch ein Dirigent war? (…)

„Der Herr mit den langen blonden Haaren ist Martin Breuer. Er ist fest engagierter Dirigent am Haus.“

Das grell bunte Stimmenwirrar verstummte und die erste Oboe gab dem Orchester das „a“ an und alle Instrumente stimmten sich darauf ein. (…) Umso erstaunter war sie, als sie nun den höheren Kammerton auf 443 Hertz hörte.

(… Mittagspause nach dem Vorspiel der ersten beiden Kandidaten…)

In der Kantine setzten sie sich an denselben Tisch mit den Kandidaten, die eben auf dem Pult gebrutzelt hatten. Der Engländer bestellte ein Bier und schüttete es in einem Zug hinunter. Sie sprachen sich gegenseitig Mut zu und echauffierten sich über den Kapellmeisters.

„Wie soll ick zeigen, was ick kann, wenn der Maestro mich alle paar Takte unterbricht?“, klagte der Engländer sein Leid.

Jo aß schweigend ihren Gulasch mit einer Semmel und trank ein Kracherl, beim Essen versuchte sie, ihren Mund so wenig wie möglich zu bewegen, damit der Kleber ihres Oberlippenbarts nicht zu sehr strapaziert wurde. Zu den Gesprächen nickte sie freundlich und musste sich ermahnen, nicht ständig an ihrem Halstuch herum zu nesteln, das ihren fehlenden Adamsapfel kaschieren sollte.

Bevor es weiter ging, musste sie noch zur Toilette. Auf der Suche nach dem Örtchen ging sie alleine durch die langen Gänge des Hauses, hier eine Treppe hoch und dort wieder herunter. Sie genoss die Stille und suchte in ihrem Kopf nach den wahren Klängen von Haydn, die durch die vielen Misstöne in der Probe störend überlagert worden waren. Schließlich fand sie das WC. Beim Händewaschen musterte sie sich kritisch im Spiegel. Der Seitenscheitel von Johann saß ordentlich und seine hohe Gestalt im Dreiteiler war fast schon Dandy-haft. Jetzt musste sie sich aber beeilen, zurück in den Probenraum zu kommen.

Als sie aus der Tür des Badezimmers stürmte, stieß sie mit einem Mann zusammen. Erschrocken blickte sie in ein tiefblaues Augenpaar.

„So aufgeregt?“, fragte Martin Breuer mit sanfter Stimme und ein Lächeln zog über sein Gesicht wie ein Sonnenstrahl.

„Die Damen werden es Ihnen verzeihen“, sagte er und zwinkerte Jo zu. Sie starrte ihn verwirrt an. Er zeigte auf das Schild an der Tür, aus der sie gerade gekommen war. Dort war in einem Messing-Relief die Figur einer Frau im Kleid abgebildet. Oh nein, Johann war auf die Damentoilette gegangen!

„Oh, ein Versehen“, stammelte Johann mit seiner tiefsten Stimme. Martin Breuer klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter und sagte:

„Dann zeigen Sie gleich mal, was Sie können, junger Mann“, und ging voran in Richtung Probenraum.

WIE JO SICH WOHL IM CASTING SCHLÄGT? FORTSETZUNG FOLGT.

Ahnt ihr schon, wer ihr “love interest” sein wird?

 

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Schon 7 Tage im NaNoWriMo mit meiner Dirigentin in Wien

Es ist eine dunkle und stürmische Nacht im November – und schon wieder sitze ich Nacht für Nacht vor dem blauen Licht meines Bildschirms bis die Glocken zwölf Mal schlagen – zur Geisterstunde werden meine Schreibgeister erst so richtig munter. Seit 7 Tagen stelle ich mich zum 4. Mal in Folge dem NaNoWriMo – der Challenge, jeden Tag mindestens 1.667 Wörter meines Romans zu schreiben, bis ich am 30. November die Ziellinie von 50.000 Wörter überschreibe – mit dieser Länge darf sich ein Text mit gutem Gewissen Roman nennen. Dass an diesem Rohentwurf noch einiges zu überarbeiten und zu schleifen sein wird, versteht sich. Aber das Textfundament ist damit gelegt.

Mein Romanprojekt in diesem Jahr heißt: „Die Dirigentin im Herrenrock“. Meine Protagonistin kommt am 1. November 1925 nach Wien und will sich an der Oper als Assistentin des Kapellmeisters bewerben – aber alleine der Umstand, dass sie eine Frau ist, verwehrt ihr jede Chance. Also verwandelt sie sich in einen Mann und siehe da – sie darf dirigieren. Aber kann und will sie diese Maskerade aufrecht erhalten?

Von meiner Recherche-Reise nach Wien Anfang Oktober habe ich euch schon erzählt. In der Zwischenzeit habe ich drei junge Dirigentinnen via Skype interviewed – die mir auf Anfrage der Dozent des Masterstudiengangs für Orchesterdirigieren an der Universität der Künste Berlin freundlicherweise vermittelt hat. Von diesen beeindruckenden jungen Frauen habe ich einiges über die individuellen und oft verschlungenen Wege einer Musikerin hin zur Dirigentin erfahren und welche Herausforderungen einer Frau in diesem Beruf begegnen und welche Eigenschaften sie mitbringen sollte, um zu reüssieren. Außerdem habe ich einige Dokumentationen angeschaut, z.B. über den Solti-Dirigentenwettbewerb 2015 in Frankfurt und über die großen Rivalen Furtwängler und Toscanini in den 1920er bis 40er Jahre. Zudem habe ich noch 2 hochinteressante Bücher über die Wiener Oper und Frauen in Salon und Kaffeehaus im Wien der 1920er Jahre entdeckt – die ich noch nicht ganz gelesen habe (hatte in den letzten Oktoberwochen eine faule Phase – aber Relaxen vor dem Schreib-Marathon ist wohl auch wichtig), aus denen ich noch viel Honig für meinen Roman saugen kann.

Als ich letzten Sonntagabend (1. November 2020) vor meinem Computer sitze, fühle ich mich trotz meiner Recherche ziemlich unvorbereitet, habe zwar eine Vision und eine Idee davon, was ich ausdrücken möchte, aber von einem Plot oder Storyboard bin ich weit entfernt. Ich weiß noch nicht einmal, wie meine Heldin Johanna (der Name ist mir zugeflogen, auch eine Homage an die junge Dirigentin Joana Mallwitz, die aktuell die Flagge der neuen Generation von Dirigentinnen hoch hält) mit Nachnamen heißen soll und wie ihre Vorgeschichte ist. Eigentlich gehört es zur Vorarbeit eines Romans, für jede Figur eine Biografie zu entwerfen. Aber ich bin keine große Planerin, sondern lasse mich beim Schreiben treiben und die Figuren und ihre Entwicklung unter meinen Händen während des Tippens entstehen. Mir gefällt diese Arbeitsweise, ich gehe auf Entdeckungsreise in meine Fantasie und überrasche mich selbst, anstatt einen vorgefertigten Plan abzuarbeiten.

Tatsächlich habe ich es Tag für Tag geschafft, meine Figuren zu formen und für ihren Weg in der Geschichte in Stellung zu bringen. In den ersten 3 Kapiteln – die ihr zum Abschluss auszugsweise als Leseprobe findet – bin ich also auf Spurensuche nach meiner Hauptfigur gegangen.

Auch einen wichtigen Gegenspieler habe ich gefunden: den (hist.) Dirgenten Robert Heger, dessen Assistentin Johanna wird. Er ist ein ziemlicher Kotzbrocken (später auch ein Nazi), der von der natürlichen Überlegenheit von Männern gegenüber Frauen überzeugt ist und Johanna bei ihrer ersten Bewerbung abblitzen lässt.

Was meinen Schreibprozess angeht, so bin ich (leider) die totale Aufschieberin – den ganzen Tag über mache ich einen weiten Bogen um meine Schreibdokumente – gehe spazieren, schaue meine Lieblings-Opern-Videos an und esse Lebkuchen dazu. Erst wenn es dunkel ist und es keine Ausreden mehr gibt, setze ich mich gegen 19 Uhr an meinen Schreibtisch und lege meine erste Schreib-Session ein. Meistens schaffe ich in 1 – 1 ½ Stunden ca. 900 Wörter. Dann mache ich eine Pause. Gegen 22 oder 23 Uhr raffe ich mich dann zur zweiten Runde auf und komme meist gut in Schwung, so dass ich die fehlenden 800 Wörter bis zur magischen Zwischenlinie schaffe – gegen 1 Uhr nachts mache ich dann aufgekratzt den Computer aus und gehe noch ein Stündchen in den nebelig-verlassenen Straßen meiner Wohnsiedlung spazieren und sage den Füchsen gute Nacht.

Meine Bilanz der ersten 7 Tage: 12.551 Wörter (57 Normseiten). Meine Statistik sieht also zurzeit gut aus – bin voll im Soll. Ich hoffe, das geht so weiter.

Hier nun die Leseprobe:

Kapitel 1: Wien, Wien nur du allein sollst stets die Stadt meiner Träume sein

Wien, 01. November 1925

Als der Nachtzug aus Berlin kurz vor sechs Uhr in der Frühe in den Wiener Hauptbahnhof einrollte, saß Johanna bereits auf ihrem dickbäuchigen Lederkoffer im Stiegenbereich der Tür und reckte ihren langen Hals nach vorne, um den ersten Blick auf die Stadt ihrer Träume zu erhaschen. Die Sonne konnte sich noch nicht recht entschließen, aufzugehen und den grauen Dunst der Nacht zu vertreiben. Die Müdigkeit in Johannas Gliedern wurde von einer Welle von Adrenalin weggespült, als sie ihren Fuß in festen Schnürstiefeln aus Kalbsleder auf den Bahnsteig setzte und den Koffer mit beiden Händen und vor Anstrengung angezogenen Schultern über die Trittbretter des Wagons auf den Boden herunter zerrte. Eine blonde Haarsträhne löste sich aus ihrem nachlässig zusammengesteckten Haarknoten und fächerte sich über ihre Stirn aus. Sie pustete sich den Haarschleier von den Augen und richtet sich zu ganzer Größe auf, um über die Köpfe der Leute hinwegzublicken und einen Kofferträger zu erspähen. „Leuchtturm Johanna“ hatten ihre Schulkameraden sie halb neckend, halb neidisch ihre Jugendjahre hindurch gerufen. Als Kind der Nordsee waren die Leuchttürme allgegenwärtig – und auf Wangerooge gab es sogar zwei davon, den alten und den neuen. Im Alter von dreizehn Jahren hatte ihr Körper beschlossen, ungebremst in die Höhe zu schießen. Jedes Jahr wuchs sie über zehn Zentimeter, wie Vaters Bleistiftstriche im Türrahmen belegten. Zum Glück hatte sie mit Siebzehn ihren Höchststand von 1,78 Metern erreicht.

„Sonst guckt unser Meitje noch aus dem Schornstein in die Wulkje“, sagte Vater.

„Albert, unser Meitje braucht schon wieder neue Schoo“, rief ihre Mutter händeringend zu jeder Jahreszeit und nähte ständig neue Verlängerungen aus Stoffresten an die Sleves der Pullover und Hosenbeine ihrer Tochter.

„Deine Hosenbeine sehen aus wie eine Ziehharmonika“, sagte Greta aus der Parallelklasse, während sie sich über den weißen Spitzenkragen ihres Blumenkleidchens strich. Johanna hörte sie kaum, denn in ihrem Kopf spielte gerade Beethovens Siebte Symphonie.

Johanna war, soweit sie sich erinnern konnte, nie ein normales Mädchen gewesen. Im Alter von drei Jahren hatte sie das Meeresrauschen in den Muscheln entdeckt. Sie presste sich die große Muschel über ihr linkes Ohr, tänzelte barfuß auf dem Sand im rhythmischen auf- und abfließenden Meeresstrom und fuchtelte mit ihrem rechte Ärmchen in den windigen Himmel, um die Schreie der Möwen zu einem Konzert zu vereinen.

Im Alter von vier Jahren entdeckte sie die Orgel in der St. Nikolai-Kirche beim alten Leuchtturm. Wenn Mutter Freitagabend beim Gemeindetreffen war, schlich sie sich in das verlassene Kirchenschiff, stieg die knarrenden schwarzen Holzstufen der Wendeltreppe zur Empore hinauf und kletterte auf den Hocker des Organisten – Herr Lundt war ein steinalter Greis mit Buckel und krummen Fingern, der im Gottesdienst immer so langsam spielte, dass Johanna beim Singen unweigerlich gähnen musste. Wenn ihre langen schmalen Finger die weißen und schwarzen Tasten der Orgel anschlugen, bereitet der Klang der Pfeifen ihr ein wohliges Kribbeln im Nacken und sie konnte die Töne auf der Zunge schmecken. Das tiefe C schmeckte wie Lakritze und das hohe H wie Brombeeren. Wenn der Küster sie spielen hörte, kam er hinkend angerannt und schüttelte aus der Tiefe zornig seinen Zeigefinger gegen sie.

„Die Orgel ist kein Spielzeug, sondern ein Instrument Gottes!“

Wenn die Musik von Gott kam, dann hatte Johanna einen direkten Draht zu ihm. Aber das verstanden die Großen nicht.

Als sie in die Schule kam, war der Musikunterricht ihr liebstes Fach. Auch wenn Frau Buttfanger die Instrumente – eine Triangel, ein Xylophon und drei Blockflöten – viel zu selten aus der Vitrine holte. Johanna war meistens nicht schnell genug, um eines der begehrten Instrumente zu ergattern und musste sich damit begnügen, den Rhythmus mit zu klatschen – was sie inbrünstig tat.

„Nicht so laut, Fräulein Osterkamp“, ermahnte sie die Musiklehrerin. Meistens sangen sie deutsche Volkslieder wie „Hänschen klein“, „Das Wandern ist des Müllers Lust“, „Alle Vögel sind schon da“, „Hab den Wagen voll geladen“, „Grün, grün, grün sind alle meine Kleider“ – wobei Frau Buttfanger immer schrecklich schräg sang und Johanna jedes Mal Zahnschmerzen davon bekam.

„BORIS GODUNOW“, rief ein Halbwüchsiger Johanna gellend ins Ohr, „heute Abend im Operntheater am Ring. Mit Emil Schipper in der Titelpartie. Am Pult Maestro Robert Heger. Letzte Restkarten hier, letzte Restkarten hier!“

Der Rufer trug eine zu kleine rote Uniformjacke mit goldenen Schultertrosseln und glänzenden Knöpfen wie ein Lakai aus dem untergegangenen Habsburger Königs- und Kaiserreich. Er hielt eine handvoll Opernbillets aufgefächert in der rechten Hand in die Höhe und wedelte damit wie ein Pfau. Tatsächlich drängten sich zwei Damen in Pelzmänteln zu dem Kartenverkäufer und sicherten sich die begehrten Opernplätze.

Johanna fühlte eine anregende Wärme durch ihre Adern rauschen. Würde irgendwann ein solcher Junge auch ihren Namen über die Wiener Straßen und Plätze rufen?

“Am Pult des Wiener Operntheaters: Johanna Osterkamp“ – und würden sich die Leute um die Karten zu ihren Vorstellungen reißen? Das waren alles Träume, Illusionen…

(…) Schon dreht die Straßenbahn nach rechts ab und sie war am Opernplatz. Ihr Herz hämmerte, als sie sich an den Passagieren mit den Regenmänteln vorbei presste und ausstieg. Sie war endlich hier.

Das Wiener Operntheater saß als dicke Diva auf ihrem ersten Platz an der Ringstraße – dabei trug sie die Hausnummer 2, aber das würde ihr niemand vorhalten – jenem Boulevard den Kaiser Franz Josef ab 1860 auf den Spuren der alten Stadtmauer erbauen und von Prachtbauten säumen ließ, die der Donaumonarchie ein repräsentatives neues Gesicht gaben. Eines dieser Vorzeigebauten war das Neues Haus, bald K. k. Hof-Operntheater genannt, das im Jahr 1869 im Beisein des Kaiserpaares mit der Oper „Don Juan“ von Mozart feierlich eröffnet wurde. Johanna kannte die historischen Bilder und Beschreibungen aus ihrem Bildband und Wien-Reiseführer. Aber nun, da sie selbst vor dieser „versunkenen Kiste“ stand, wie die Zeitgenossen den Neubau damals schmähten, verschlug ihr die Erhabenheit des Baus den Atem. Die steinerne Diva saß tatsächlich tief im Fundament, schien sich nur behäbig aus den Steinplatten der umgebenden Plätze zu erheben, dafür aber umso mächtiger, breiter, unverrückbarer, als ein graziler Bau es vermocht hätte. So raumgreifend und imposant war die massive Hülle dieser Diva, die trotz ihrer vielen Fenster etwas von einer Festung hatte, in die es kein Eindringen gab, dass Johanna sie mit einem Blick gar nicht vollständig erfassen konnte.  (…)

Kapitel 2: Eine Dachkammer am Franziskanerplatz – ein Künstlerleben wie bei Puccini

(…) Die Weihburggasse war eng und von dreistöckigen schmalen Wohnhäusern gesäumt, das Tageslicht kam kaum bis zum Trottoir hinunter. Hausfrauen schüttelten Bettdecken aus, irgendwo klang ein Radio durch ein geöffnetes Fenster, zwei Hunde kläfften zweistimmig im Konzert (in F-Dur) und an den Straßenlaternen roch es nach Urin.

Endlich trat sie auf den Franziskanerplatz hinaus, der immer noch im Schatten lag, beinahe viereckig und mit einem Brunnen in der Mitte. Ihre Augen suchten die Fassaden ab, konnte aber weder Hausnummern noch Namensschilder entdecken. Ein Mütterchen in Schürze fegte tief gebeugt vor ihrer Haustür.

„Grüß Gott“, sprach Johanna die Alte an, „ich suche die Pension Anna.“

„Im Orellischen Haus“, krächzte die Alte und deutete mit einem krummen Finger auf das stattliche Haus an der Einmündung der Weihburggasse. Sie bedankte sich bei der Frau und ging auf die grüne Flügeltür des Hauses zu, das mit seinen vier Stockwerken und sechs grün gerahmten Doppelfenstern auf jeder Etage wie ein Weihnachtskalender mit 24 Türchen wirkte.

Johanna drückte die schwere Messingklinke herunter und trat in einen dunklen Flur mit Steinboden, der nach Rauch und Gallseife roch. Links lag die Wohnung der Concierge, die an ihrem zum Flur offenen Fenster mit einer Zeitschrift saß und gemächlich heraus schlurfte, als sie den Neuankömmling sah. Johanna reichte der Concierge den Zettel des Pförtners und fragte nach einem Zimmer für einige Nächte.

„Wir vermieten nur wochenweise“, sagte die Concierge, die sich ihr nicht vorstellte und die Fremde misstrauisch von oben bis unten beäugte. Ihr Blick blieb an Johannas robusten knöchelhohen Männerstiefeln aus schwarzem Leder mit roten Schnürsenkeln hängen – bei einer Schuhgröße von 41 passten die meisten Damenschühchen ihr nicht und selbst im modisch extravaganten Berlin wurde Johanna meistens nur in den Regalen für Herren fündig, vor allem, weil sie hohe Absätze verabscheute und lieber robustes Schuhwerk trug, so wie sie es als Kind gewohnt war – im Watt war man ohne kniehohe Stiefel verloren.

„Wo kommen Sie her, Fräulein…?“, fragte die Concierge.

„Osterkamp. Ich komme aus Berlin.“

„Ah. Die Preußen sind Papageien“, sagte die Hauswächterin und rieb ihren von Druckerschwärze eingefärbten Zeigefinger an ihrer fleischigen Nase, die von einer imposanten Warze geziert wurde. Johanna wusste nicht, was sie von dieser Aussage halten sollte. Sprach die Frau von den Preußen im Allgemeinen oder von ihrem Gegenüber im Besonderen? Sie ließ ihre Glupschaugen wieder an Johannas Figur hoch und runter streifen. Was war denn bloß auszusetzen an ihrer farbenfrohen Kleidung? Johannas grau-rot karierter Rock endete kurz über dem Stiefelbund und ließ schwarze Strümpfe sehen. Mit ihrem tannengrünen Wollmantel, dem senfgelben Schal und der roten Baskenmütze trug sie die Farben des Herbstlaubs.

„Und was machen Sie in Wien?“, wollte die Concierge wissen.

„Ich spreche morgen im Operntheater für eine Anstellung vor“, sagte Johanna.

„Ah, Sie wollen in die Kostümabteilung?“, sagte die Frau und ihre trägen Augenlider hoben sich in einer Welle der Erkenntnis. Johanna nickte. Sie sah keinen Grund, das Weltbild dieser Frau ins Wanken zu bringen. Wahrscheinlich dachte sie, die Papageienfrau aus Berlin können allenfalls eine Nadel schwingen, aber einen Taktstock? Niemals!

„Die Pension ist fast vollständig besetzt. Alles anständige Frauen, die in Lohn und Brot stehen.“

Wie aufs Stichwort hörte man Schritte die Stiege hinab trappeln und eine junge Frau mit Pausbacken, langen Zöpfen und einem schlichten grauen Mantel, der sie wie eine Klosterschülerin aussehen ließ, kam in den Flur.

„Guten Morgen Frau Dabjanszki“, grüßte sie die Concierge gutgelaunt und nickte Johanna zu.

„Denken Sie daran, Fräulein Babadov, keine Essensreste in den Papierkorb und kein Radio nach 10 Uhr abends“, ermahnte die Concierge die Mieterin.

„Jawohl“, sagte die junge Frau ungerührt und schlüpfte durch die Tür nach draußen.

„Diese Bulgaren haben eine dicke Haut wie Elefanten. Alles muss man drei Mal sagen, bis was ankommt“, schimpfte die Concierge mit gedehnten Vokalen und scharfen S-Lauten, was verriet, dass Wiener-Deutsch auch nicht ihre Muttersprache war.

„Die meisten Bewohnerinnen in unserer Pension arbeiten am Operntheater. Das Fräulein Babadov von eben ist da Perückenmacherin.“

„Haben Sie noch ein Zimmer frei für mich?“, wollte Johanna wissen. Frau Dabjanszki guckte sie wieder mit ihrem abschätzenden Blick an.

„Wie lange wollen Sie denn bleiben?“

„Einen Monat“, behauptete Johanna. Sie müsste in einigen Tagen wieder abreisen, wenn sie die Assistentenstelle nicht bekam. Wenn sie aber Erfolg hatte, würde sie mindestens eine Spielzeit lang bleiben.

„Bezahlt wird wöchentlich im Voraus“, sagte die Concierge streng und nannte den Preis in Schilling. Die österreichischen Papierkronen waren wegen der rapiden Inflation der letzte Jahre im März ersetzt worden mit zehntausend Papierkronen zu einem Schilling. Johanna rechnete im Kopf zur deutschen Mark um. Die Miete war ganz schön happig. Aber in Berlin teilte sich Johanna die Miete mit drei anderen Musikerinnen, was günstiger war, als ein Einzelzimmer.

„Darf ich das Zimmer besichtigen?“, fragte sie. Die Concierge nickte unwirsch und schlurfte in ihre Wohnung, um den Schlüssel zu holen. In ihren Filzpantoffeln stieg sie die enge Holzstiege Windung für Windung nach oben und schnaufte dabei wie eine Dampflok. Auf der dritten Etage machte sie Halt und stütze sich auf das Geländer.

„Einen Aufzug haben wir nicht“, schnauzte die Concierge, wohl eher im Bedauern für ihre eigenen Mühen, als für den Komfort der Pensionsgäste.

„Körperliche Bewegung ist doch ganz gesund“, sagte Johanna begütigend. Frau Dabjanszki warf ihr einen giftigen Blick zu.

„Wenn man jung ist…“, murrte sie. Es ging höher und immer höher. Im Flur der vierten Etage steuerte die Concierge auf eine weiß angestrichene Holztür zu, die aussah, als gehöre sie zu einem Wandschrank.

„Putzen müssen Sie das Zimmer selbst“, schnaufte die Frau.

Sie öffnete die kleine Schranktür, zweifelsohne, um der neuen Mieterin die Besenkammer zu zeigen. Sie knipste ein spärliches Licht einer nackten Glühbirne an und nun sah Johanna, dass hier eine schiefe hölzerne Wendeltreppe hinauf ging.

„Die Dachkammern sind oben. Ihr Zimmer ist das letzte im Gang“, sagte Frau Dabjanszki und hielt Johanna den Schlüssel mit dem Holzklotz mit der Nummer 5 unter die Nase. Offensichtlich wollte sie sich den letzten Aufstieg ersparen. Johanna griff beherzt zu und kletterte die Wendeltreppe hinauf und fühlte sich zurück versetzt zur Stiege hinauf zur Orgel in St. Nikolai. Diese hier ächzte unter jedem ihrer Schritte und schien dem Zusammenbruch nahe zu sein. Oben angekommen streckte sich ein schmaler Gang vor ihr aus, der sich an der Dachschräge entlang schmiegte. Die drei Liegendfenster spendeten ein fades Licht, das die Staubspuren auf den groben Dielen nicht verbergen konnte. Ein kalter Wind pfiff durch die Ritzen der Dachziegel. Mit eingezogenem Kopf ging sie zur letzten Tür auf dem Gang und sperrte auf. Ein Kämmerlein nicht viel größer, als das Zugabteil zeigte sich ihr. Links unter der Dachschräge stand ein schmales Bett mit einer zerschlissenen Wolldecke und eine Kommode. Neben dem Bett ein Holztisch und ein Stuhl vor einem winzigen Fenster. Daneben ein rußschwarzer Standofen mit Abzugsrohr nach draußen. Feuerholz: Fehlanzeige.

Rechts ein Bauernschrank mit verzogenen Türen, die nicht richtig schlossen. Darin hingen sieben Drahtbügel und einige Mottenkugeln kullerten herum. Daneben ein Frisiertisch mit Spiegel, über den sich ein Riss zog. Auf dem Tisch stand eine halb heruntergebrannte Kerze in einem Teller mit Haltegriff. Unwillkürlich musste Johanna lächeln. Sie war unversehens im Dachkämmerlein von Mimi gelandet – wenn sie in der Kammer nebenan klopfen würde, stände ihr der Dichter Rodolfo gegenüber, er würde ihr Feuer für ihre erloschene Kerze geben und ihr eiskaltes Händchen zärtlich in seinen Händen wärmen. „Che gelida manina“ summte sie und in ihrem Kopf schwoll das Orchester zu Puccinis leidenschaftlichen Liebesklängen an. Ja, als echte „Bohème“ musste man Lebenskünstler sein und sich nicht von solch profanen Dingen wie fehlender Ofenwärme oder schäbigem Mobiliar stören lassen.

Beim Hinausgehen sah sie neben der Tür ein weiteres Kleinod dieser Dachkammer: Dort hing ein gerahmtes Bildnis in Öl, das Kaiser Franz Josef mit imposantem grauen Backenbart und in blauer Garde-Uniform zeigte – vermutlich vom Trödelmarkt oder es hing hier schon seit der Kaiserzeit.

Johanna seufzte. Es war schließlich nur für einige Nächte, dann würde sie sich eine behaglichere Wohnstatt suchen.

Als sie wieder eine Etage tiefer vor der Concierge stand und sich die Spinnweben aus dem Gesicht strich, fragte sie nach dem Badezimmer.

„Dort ist das Gemeinschaftsbad. Klosett ist nebenan.“

Johanna inspizierte diese Räume, die sehr abgenutzt, aber funktional und einigermaßen sauber zu sein schienen.

„Ein Bettlaken und zwei Handtücher pro Woche sind inbegriffen“, erklärte die Concierge. „Im Keller ist eine Waschmaschine, die Sie gegen Gebühr benutzen können. Leinen zum Aufhängen sind auch da. Bügeleisen und -brett auch. Im Parterre gibt es eine Gemeinschaftsküche. Dort finden Sie einen Gasherd, einen Kühlschrank und alles, was man so braucht. Für Ihre Vorräte haben Sie ein eigenes Regal im Schrank. Schreiben Sie Ihren Namen auf die Lebensmittel drauf, damit sich die hungrigen Mäuse nicht des Nachts drüber hermachen“, leierte die Concierge lustlos herunter. Mit den Mäusen meinte sie wohl hungrige Mitbewohner. Johanna lächelte höflich über diesen Witz, aber die Frau guckte an ihr vorbei.

„Nehmen Sie nun das Zimmer oder haben Sie meine Zeit verschwendet?“, wollte Frau Dabjanszki wissen.

„Ich nehme es“, sagte Johanna kleinlaut.

Wieder im Erdgeschoss ließ die Concierge ihre neue Mieterin wie eine unartige Schülerin vor der Tür warten, bis sie mit einem mehrseitigen Vertrag und der Hausordnung heraus kam, sich beides unterschreiben ließ und schließlich mit einem zufriedenen Grunzen ihre dicke Hand zum Empfang des Geldes ausstreckte.

Kapitel 3: Im Stadtpark mit den Komponisten und Mokka mit vielen Namen

(…)

Sie verstaute ihre wenigen Kleidungsstücke im Schrank und stapelte ihre kostbaren Partituren darin zu einem Turm – Monteverdi und Mozart bildeten das Fundament und ihr geliebter Gustav Mahler die Spitze. Die restlichen Habseligkeiten reihte sie ordentlich auf dem Frisiertischchen auf – einige Toilettenartikel. Aber anstelle von Wimperntusche und Kajalstiften gab es bei ihr nur Bleistifte und Buntstifte für die Notizen in den Noten. Aber ein Gegenstand brauchte einen besonderen Platz. So wie manche Menschen ein Kreuz oder einen siebenarmigen Leuchter aufstellten, baute sie einen kleinen, aufklappbaren Notenständer aus dunklem Metall auf, den ein Straßenkünstler am Berliner Gendarmenmarkt ihr verkauft hatte. Darauf breitete sie eine Miniatur-Partitur aus – es war ein Notizheftchen mit Notenlinien, das sie als sechsjähriges Mädchen zwei Wochen lang in ihrem Krankenbett geführt hatte, als sie das Fieber der Spanischen Grippe schüttelte. Dort hatte sie die Melodien aus ihren wirren Träumen eingefangen und niedergeschrieben. Ihre erste Komposition. Sie nannte sie „Lied der Gezeiten“. Dieses Lied hatte sie in der 4. Klasse sogar einmal mit ihren Schulkameraden aufgeführt – mit Glockenspiel, Blockflöten, Xylophon und Trommel – sie hatte dirigiert. Das Publikum bestand aus den Möwen am Strand und dem stinkenden alten Beppo, der zum Schluss jaulte – was entweder Bravo oder Buh bedeuten mochte. Ihr „Lied der Gezeiten“ war die Geburt ihres Traumes gewesen, Musik zum erklingen zu bringen. Behutsam strich sie mit ihrem Zeigefinger über die gewellten Seiten des Papiers und die ausgeblichenen Noten, die trotzig den letzten 22 Jahren standgehalten hatten.

Zuletzt holte sie die längliche schwarze Lederschatulle hervor. Auf dem Deckel befand sich mit Silberfäden eingenäht das Wappen einer Adelsfamilie, die sich wohl irgendwo in den Ritzen der Geschichte verloren hatte. Mit einem dumpfen Plopp gab der Deckel dem Druck ihrer Finger nach und sprang auf. Das Innere der Schatulle war mit rotem Samt ausgeschlagen und duftete nach Edelholz und Orangenschalen. Früher war darin ein funkelndes Collier aufbewahrt worden – das stellte Johanna sich jedenfalls vor. Sie hatte diese Schatulle auf einem Flohmarkt auf der Museumsinsel in Berlin entdeckt. Nun enthielt sie den größten Schatz, den es für sie gab, kostbarer als Schmuck und Geschmeide: ihren Dirigentenstab. Für sie war es kein bloßer Taktstock – sie lehnte diese Bezeichnung ab – denn es ging um viel mehr, als dem Chor oder Orchester ein menschliches Metronom zu sein. Der Dirigentenstab war ein Zauberstab, der aus dem Klangkörper jene Musik herausholte, die in den unbeschreiblichen Sphären zwischen den Noten und ihrer Vision schwebte. Sie nahm den Stab in die Hand, ließ ihre Fingerkuppen über das glatt polierte Weißbuchenholz streichen, von der hellen Spitze bis zum Schaft, der in einem birnenförmigen Filzkopf endete, der sich in ihre hohle Hand schmiegte wie eine Nuss in ihre Schale. Der Dirigentenstab war eine Verlängerung ihrer Hand, so natürlich zu ihr gehörend wie jeder ihrer Finger. Sie hob ihre Arme, schloss die Augen und ließ die ersten Takte der Haydn Sinfonie No. 49 erklingen, der Stab tanzte geschmeidig durch die Luft und gab dem Schrank, dem Spiegel und Kaiser Franz Josef ihr Einsätze. Nach dem Adagio legte sie den Stab mit einem zufriedenen Lächeln wieder auf sein samtiges Lager.

WIE ES WEITER GEHT, erfahrt ihr nächste Woche hier.

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