Tag 22 in NaNoWriMo – mein erstes Mal – eine Sexszene schreiben

Am Sonntag ist es soweit – meine Dirigentin Jo und ihr brasilianischer Kollege haben ihren ersten Kuss gelandet und nun geht es ins Bett. Aber wie schreibe ich eine Sexszene. Das ist absolut neu für mich. Ich weiß, dass ich als Leserin solche Szenen eigentlich ganz gerne habe, aber unterschiedlich gut gelungen finde. Bei Stephen King zum Beispiel geht es immer ziemlich deftig zu, in Frauenromanen romantisch bis kitschig, die „Kamera“ hat meistens einen rosa-rot Filter drauf und faded aus, wenn es konkret wird.

Ich suche im Internet nach Artikel „wie schreibe ich eine gute Sexszene“ und stoße zunächst auf die Seite der britischen Zeitung „The Guardian“: Deren Literaturkritiker vergeben jedes Jahr „Britain’s most dreaded literary prize“ – nämlich einen Preis für die schlechteste Sexszene („outstandingly awful sexual scene“) in der Literatur. Unter Schriftstellern ist das Schreiben einer erotischen Szene nämlich nicht ohne Grund gefürchtet, denn das ist die Kür mit Dreifach-Axel auf sehr glattem Eis und man kann böse auf dem Hintern landen. In diesem Artikel sind auch wunderbare Zitate von preiswürdig peinlichen Beschreibungen zu finden – sehr lesenswert.

Damit wächst mein Respekt vor meiner Aufgabe umso mehr. Aber ich will es trotzdem wagen. Zum Glück finde ich noch einen hilfreichen Ratgeber-Artikel. Hier lerne ich, dass es bei einer gut geschriebenen Sexszene auf drei Dinge ankommt: 1. wechselseitiges Agieren, 2. die Balance physischer und psychischer Darstellung und 3. das Vokabular.

In meiner Bettszene beschreibe ich das Geschehen aus der weiblichen Sicht von Jo, aber ich werde nun darauf achten, auch den Mann im Wechsel vorkommen zu lassen. Wie bei einem Tanz: beide Partner vollführen ihre Bewegungen in Reaktion aufeinander, es gibt ein harmonisches Zusammenspiel der Körper. Nicht einer ist der Alleintänzer und der andere die passive Puppe.

Meinen besonderen Fokus werde ich auch auf die emotionale und psychologische Komponente legen und die Liebesnacht in den dramaturgischen Bogen der Handlung einbetten (ins Himmelbett natürlich). Als Leserin soll man nachempfinden können, warum Jo ihre eigenen Regeln bricht (Karriere statt Beziehung), warum sie sich hinreißen lässt, was es für sie bedeutet, ihre Männerverkleidung abzulegen und wieder Frau sein zu dürfen und schließlich warum sie im Nachklang wieder einen Riegel vorschiebt und das Liebespaar nicht ins Happy End einläuft, sondern die Komplikationen und die Gefühlsturbulenzen jetzt erst so richtig losgehen.

Dann stellt sich die Frage des Vokabulars. Es gibt ja eine erstaunliche Bandbreite von Ausdrücken für die weiblichen und männlichen Körperteile, von vulgär, derb über medizinisch, neutral, verniedlichend und metaphorisch. Entscheidend für mich ist, dass ich die Sprache von meiner Protagonistin finde, denn aus ihrer Sicht ist die Szene schließlich beschrieben – also müssen die Vokabeln zu ihrem sonstigen Sprachduktus passen. Ich kann also auf einige musikalische Vergleiche und Metaphern zurückgreifen, aber abgesehen davon hat sie eine nordische Klarheit in ihrer Sprache und nennt die Dinge eher sachlich beim Namen. Also wird es die „Paradiespforte“ in meinem Text nicht geben, auch will hier kein „purpur behelmten Krieger ins gelobte Land“ – wie Bodo Wartke in seinem genialen Lied „Mir fehlen die Worte“ zu diesem Thema vorschlägt.

Ich mache mich also mit Feuereifer ans Schreiben meiner Sexszene – und es macht mir unglaublich viel Spaß. Ich schreibe zwar etwas langsamer als sonst, weil ich öfters über die beste Wortwahl nachdenke – wie zum Beispiel soll sich das Brusthaar von Martin für Jo anfühlen? „flauschig“? Hm. Das klingt nach einem Küken. Ich hole mir Hilfe im Synonym-Wörterbuch und entscheide mich für „wollig“. Insgesamt geht es mir erstaunlich leicht von der Hand.

Nun ist das Werk vollbracht – die Szene dauert ganze 6 Seiten an – und ich bin zufrieden.

Ich bin sehr gespannt, ob und wie meinen zukünftigen Testleserinnen diese Sexszene gefällt – sicherlich kann man nicht jeden Geschmack treffen. Ihr könnt euch jetzt schon darauf freuen – ab Seite 163 geht es los.

Übrigens liege ich gut im Wordcount, schreibe jeden Abend und jede Nacht meine dreieinhalb Stunden und habe ein kleines Wörterpolster aufgebaut. Ich liege gut in der Zielkurve, nun kommt der lange Endspurt. Bin zuversichtlich.

Als Leseprobe gibt es (leider) nicht die pikante Szene – dafür aber das „Vorspiel“.

Kapitel 10: Winterstürme wichen dem Wonnemond

Wien, 05. Mai 1926

Das Nachspiel zur „Walküre” fand in der Bar des Hotels Bristol gegenüber des Opernhauses an der Ringstraße statt. Die Hotelbar Hoffmanns war der informelle Treffpunkt der Künstler nach der Vorstellung, wenn man nicht groß Essen gehen wollte, aber noch gesellig mit Kollegen den Abend ausklingen lassen wollte. Hier wurde der Klatsch gepflegt, wo man an den winzigen runden Tischen seine Köpfe zusammensteckte, die Worte gedämpft vom dicken Schafswollteppich und den mit rotem Samt bespannten Wänden, im Mantel des Dämmerlichts. Die einzige Lichtquelle kam von den Kerzen auf den Tischen und von den erleuchteten Spiegelvitrinen rundum und hinter der Bar, in der hunderte Glasflaschen in den verschiedensten Farben und Formen aufgereiht standen und deren alkoholischen Elixiere die Musengeister entließen, ganz so wie in „Hoffmanns Erzählungen”1.Gluck, Gluck, Gluck! Ich bin der Wein. Gluck, Gluck, Gluck! Ich bin das Bier”, sangen die Flaschengeister vielstimmig von den Wänden und Kleinzack höchstpersönlich hockte mit seinem Buckel und der Nase schwarz von Schnupftabak in irgendeiner schummrigen Ecke an einem Tisch und machte Crick, Crack. In dieser Gesellschaft erzählte man sich flüsternd von Liebeskummer und von Eifersucht, im nächsten Moment wurde exstatisch gelacht, denn im Nachhall der Kunst spürte man die Vergänglichkeit. Jede Nacht und jedes Lachen könnte das letzte sein.

Nach der Vorstellung hatte Jo vor der Garderobentür auf Breuer gewartet. Als Breuer in frischer Kleidung und aufgebürsteten Haaren aus seiner Garderobe kam, legte er schwungvoll seinen Arm und ihre Schultern und nahm ihr die Partitur weg, die sie halb aufgeschlagen bereit hielt, ihm sofort musikalischen Bericht zu erstatten.

Das heben wir uns für morgen auf. Jetzt gehen wir feiern”, sagte er und zog sie mit sich mit. Er schien in Hochstimmung zu sein.

Als sie ins Hoffmanns kamen, war der Tresen schon voll besetzt mit Musikern und die meisten der Tische. Breuer steuerte auf einen freien Zweiertisch in der Mitte des schummrigen Raumes zu und sie setzten sich einander gegenüber. Zwischen ihnen flackerte das Teelicht in einem grünen Glas. Breuer bestellte für jeden ein Krügerl Bier. Ihre Knie berührten sich unter dem Tisch und über dem Tisch hätte sie sich nur ein bisschen vorlehnen müssen, und dann wären ihre Nasen zusammengestoßen. Oder ihre Münder. Aber auch rückseitig rieb man sich beinahe an dem Rücken seines Hintermannes, so dass von Zweisamkeit keine Rede sein konnte – man saß eingekeilt in einer Gruppe – und auch die Gespräche wurden über die Tische hinweg geführt.

„Habt ihr’s gesehen, wie die Olczewska gespuckt hat? Hat sie die Mizzi getroffen? Konnte leider nicht sehen, wo die Spucke gelandet ist”, sagte der Souffleur in den Raum hinein.

„Da hat die Jeritza wohl eine Sprühdusche abgekommen. Das geschieht der Diva recht, wenn sie bei ihrer Kollegin dazwischen blökt”, meinte ein Cellist. Es wurde gelacht. (…) Das gibt mehr als eine Rewaunsch.”

Da waren sich alle einig. Dann wurden Anekedoten erzählt zu Streitigkeiten zwischen Sängern hier und auf anderen Bühnen. Sie saßen kaum zwanzig Minuten beisammen, da entschuldigte sich Breuer bei Jo, er wolle mal zum Rauchen nach draußen gehen. Er ging. Und blieb weg. Sie saß alleine an dem Tisch, vor sich die zwei halb vollen Bierkrüge. Sie hörte den anderen bei ihren Gesprächen zu.

Zu Händels Zeiten gab es noch handfeste Schlägereien auf der Bühne”, erzählte der Souffleur (…)

Breuer, wo war den Ihre Schlachtenmusik heute Abend?”, rief jemand quer durch den Raum.

Genau, wir hätten den Walkürenritt wiederholen sollen”, lachte ein anderer.

Wo ist unser Maestro eigentlich”, fragte ein dritter. Der Stuhl von Breuer war immer noch leer und Jo saß wie ein wachsames Hündchen davor. Wo blieb Breuer nur? Hatte er sie hier einfach sitzen gelassen?

Hat sich der Breuer über die häusa haun”3, fragte der Oboist, der Rücken an Rücken mit Jo saß.

Wollen Sie sich zu uns an den Tisch setzen, Herr Osterkamp?”, bot der Musiker an.

Sie schüttelte den Kopf. Gleich würde sie ohnehin nach Hause gehen. Ein paar Minuten würde sie noch warten, ob Breuer wiederkäme. Oder sollte sie nachschauen, was er draußen so lange machte oder ob er überhaupt noch da war?

Jo stand auf und schlängelte sich zwischen den Tischen und Stühlen zum Ausgang aus dem schummrigen Spiegelkabinett. Im Foyer des Hotels musste sie zunächst blinzeln unter dem Kristallleuchter, der sein elektrisches Licht auf die Schaubühne für die illustren Hotelgäste warf. Ein roter Teppich führte von der herrschaftlichen Treppe auf den Hautpeingang zu, wo eine goldene Drehtür für einen königlichen Entré sorgte. Durch das Glas sah sie draußen eine wohlbekannte blonde Haarpracht im Wind wehen. Sie ließ sich durch die Drehtür nach draußen tragen wie ein Würfel im Roulette. Brauer stand mit dem Rücken zum Eingang auf dem roten Teppich augenscheinlich in ein Gespräch versunken mit keiner geringeren als Maria Jeritza. Die Sopranistin trug ein fließendes Seidenkleid, durch das sich ihre prallen Brüste deutlich abzeichneten, offensichtlich trug sie kein Korsett. Der kühle Abendhauch des warmen Frühlingstages tat den Rest, um alle Details ihrer weiblichen Anatomie sichtbar zu machen. Um ihre runden Schultern hing lose ein Cape in derselben matt-weißen Farbe wie ihr Gewand. Ihr blondes Haar lag in weichen Locken um ihren Kopf bis auf Kinnhöhe. Sie sah aus wie eine Mond-Göttin. Breuer schaute sie wie gebannt an, als habe sie eben den Tanz der sieben Schleier für ihn getanzt. Gerade lachte sie glockenhell und legte dabei ihren Kopf in den Nacken und ihre Hand vertraulich auf den Arm des Dirigenten. Jo stellte sich brüsk neben das Turtelpärchen.

Guten Abend, Frau Baronin”, sagte Jo. Es konnte nicht schaden, die Dame daran zu erinnern, dass sie verheiratet war.  Die Primadonna warf Jo einen erstaunten Blick zu.

Nicht dass Sie sich an der Nachtluft verkühlen”, sagte Jo wie ein Kavalier und ließ ihren Blick für einen ausgibigen Moment auf die berühmten Aphrodite-Brüste der Sängerin gleiten – was sicherlich alles andere als wohlerzogen wirkte, „es wäre eine Schande, wenn Sie sich einen Schnupfen zuzögen und wir auf Ihre herrliche Stimme in der nächten Vorstellung verzichten müssten.”

Jo hob den Blick und starrte der Sängerin nun beinahe kampfeslustig in die blauen, stark geschminkten Puppenaugen. Jeritza zog sich ihr Cape dichter um die Schultern und verhüllte ihre prominenten Brüste notdürftig. Jo sah aus dem Augenwinkel, wie Breuer schmunzelte.

Das ist sehr aufmerksam von Ihnen, Herr Oberkampf”, säuselte die Primadonna. Dass sie Jos Namen nicht richtig kannte, ärgerte sie ein wenig.

Nun, dann werde ich Gute Nacht sagen”, sie reichte Breuer graziös ihre Hand, der sich für einen galanten Handkuss hinab beugte, dann drehte sie sich auf ihren hohen Hacken um, ohne „Oberkampf” eines weiteren Blickes zu würdigen, und stolzierte zu einer geparkten Limousine. Ein Fahrer in Uniform sprang heraus und hielt ihr die Tür auf. Offensichtlich ihr Privatchauffeur. Sie rauschte in die Nacht davon.

Ich gehe auch nach Hause”, sagte Jo, „ich habe lange genug alleine an diesem Tisch gesessen. Ihr Bier müssen Sie nun ohne mich austrinken – und meines meinetwegen auch.”

Jo wollte sich abwenden, da spürte sie eine warme Hand an ihrem Oberarm, die sie festhielt.

Sie sind ganz schön empfindlich, mein lieber Oberkampf”, sagte Breuer und grinste, „lassen Sie uns wieder reingehen und ich bestelle uns Cocktails.”

Nein, danke. Man muss einen klaren Kopf behalten.”

Nicht immer…”, sagte Breuer.

Was ich Ihnen noch sagen wollte,” hob Jo in strengem Ton an, „der Übergang im Ersten Aufzug von der Streicherpassage zu den Hörnern in der Arie Winterstürme wichen dem Wonnemond war von der Dynamik völlig misslungen.”

Sie erklärte ihm ganz präzise, was er alles falsch gemacht hatte, sang ihm die Instrumentenstimmen vor und formte mit ihrer linken Hand Ausdruck und Artikulation der Töne in die Luft. Breuer schaute sie währenddessen intensiv an, aber er schien ihr trotzdem nicht richtig zuzuhören. Sein Gesichtausdruck meanderte zwischen Aufmerksamkeit und Amüsement, seine meeerblauen Augen wanderten über ihr Gesicht, hingen besonders an ihren Lippen – was sie noch schneller sprechen ließ.

Haben Sie verstanden?”, fragte sie zornig.

Sie fallen wohl nie aus der Rolle, was Osterkamp? Immer der Dirigent. Nehmen Sie Ihren Taktstock auch mit ins Bett? Oder darf da sonst noch wer bei Ihnen liegen?“

Er lächelte sie herausfordernd an und Lachfalten fächerten sich um seine Augen herum auf. Seine vollen Lippen teilten sich und zeigten seine schönen Zähne. Ihr Kopf war plötzlich wie leergefegt und ihr fiel keine Erwiderung ein.

Jetzt ist Feierabend. Machen Sie sich mal locker.”

Und in einer zielgenauen Bewegung, bevor sie begriff, was er tat und einschreiten konnte, zog er an einem Ende ihres Halstuchs und die Schleife löste sich. Er zog ihr das Tuch vom Hals, das eine heiße Schleifspur auf ihrer Haut zurückließ. Sie schnappt nach Luft und reckte ihr Kinn reflexartig vor, um zu protestieren und fasste nach dem Tuch, um es ihm aus der Hand zu reißen. Breuer nahm mit seiner anderen Hand ihr Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger und sie erstarrte unter dieser Berührung wie ein hypnothisiertes Beutetier. Der leichte Druck seines Daumens löste sich von ihrem Kinn und sein Finger glitt ihren entblößten Hals hinab, über ihre Gurgel – sie wagte nicht zu schlucken, nicht zu atmen – bis zu ihrem Schlüsselbein. Seine warme Berührung jagte einen Schauder durch ihren ganzen Körper. Sie warf einen blitzschnellen Blick in sein Gesicht. Er hatte seine Augen fast geschlossen und schien sich ganz auf das Spüren zu konzentrieren.

Ein Lufstrom und ein Stimmengewirr weckte sie aus ihrer Erstarrung. Breuer trat einen Schritt zurück und ließ das Halstuch los, das nun schlaff in ihrer Hand hing. Ihre magische Verbindung war unterbrochen. Einige Gestalten kamen aus der Drehtür und zogen an ihr vorbei wie Schattten.

Wir haun uns in die hapfn”4, sagte einer der Musiker.

Gute Nacht”, hörte sie Breuer sagen. Ob zu den Musikern oder zu ihr, wusste sie nicht. Er wendete sich ab und ging durch die goldene Drehtür zurück in die Hotellobby.

Jo ging wie eine Traumwandlerin nach Hause. Ihre Beine kannten den Weg. Gedankenfetzen jagten durch ihren Kopf. Sie fühlte sich, als ginge sie unter Wasser. Ihre Ohren waren taub gegen die Geräusche der Straße. Das einzige, was sie in ihren Ohrmuscheln hörte, war das Rauschen des Blutes im Rhythmus ihres Herzschlages – Staccatissimo – Prestissimo5.

Fußnoten

1„Hoffmanns Erzählungen“ (frz. Originaltitel: „Les contes d’Hoffmann“) ist eine Phantastische Oper von Jacques Offenbach. Uraufgeführt am 10. Februar 1881 in Paris.

3Wienerisch für einen Abgang machen, verschwinden

4Wienerisch für ins Bett gehen, schlafen gehen

5Äußerst abgehackt und schnell

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Halbzeit im NaNoWriMo – Kurzhaarschnitt und Korsett für die Dirigentin (Leseprobe)

Heute ist Halbzeit und ich habe die magische Marke von 25.000 Wörtern (111 Normseiten) gestern um kurz nach 1 Uhr nachts überschrieben. Ich habe im Schreiben meinen guten Rhythmus gefunden (eine Abendschicht und eine Nachtschicht von je 1 ½ Stunden) und schaffe meinen täglichen Wordcount.

Aber ach, die zweite Woche bringt so manche Sorgen, wie ich die Geschichte entwickeln soll. Die Figuren sind eingeführt, die Szenerie ist aufgebaut – und nun muss der Handlungsbogen nach oben gehen und auf einen dramatischen Höhepunkt zusteuern. Aber worin genau soll dieser bestehen? Es genügt nicht, dass meine Dirigentin immer wieder mit dem fiesen Kapellmeister Heger zusammenprallt und immer wieder knapp einer Entlarvung entkommt – das wiederholt sich zu sehr. Auch meine vielen Anekdoten und Details zu Angewohnheiten der Sänger, kleinen Bühnen-Pannen, Klatsch und Tratsch, die ich aus meinem tollen Opern-Buch habe, und Schwelgen in der Musik bilden zwar eine gute Würze, sind aber nicht handlungstragend.

Am Mittwoch habe ich ein langes Telefonat mit meiner Literaturagentin (meinen Antarktis-Roman hat sie einem Dutzend Verlage auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt, nun heißt es Geduld haben, es liegen noch keine Rückmeldungen vor, auch wenn die Lektoren vor Ort wohl positiv auf ihren Pitch reagiert haben). Sie fragt mich nach meinem neuen Romanprojekt und ich erzähle es ihr. Sie findet zwar das Thema „Frau in einer Männerdomäne“ gut und auch Wien als Sehnsuchtsort, fragt dann aber: „Wo ist der Höhepunkt? Warum und wie scheitert sie?“

Damit hat sie natürlich den Finger in die Wunde gelegt – ich weiß es noch nicht so richtig. Dann äußert sie eine grundsätzliche Skepsis: Aus Erfahrung weiß sie, dass Lektoren beim Thema Musik und Film in Romanen zurückhaltend seien, erst recht klassische Musik wäre nicht massentauglich und hat den Ruf, nur für ein intellektuelles Publikum zu sein. Es könnte also sein, dass ich mein Werk in hunderten Stunden harter Arbeit schreibe und die Verlage es dann nicht mal mit der Kneifzange anfassen. Ich halte dem entgegen, dass ich für meinen Stoff brenne und diesen Roman auf jeden Fall schreiben werde, auch wenn er vielleicht erst mal (oder für immer) in der Schublade landet. Meine Agentin betont, sie wolle mein Feuer auf keinen Fall löschen und ich solle weiterschreiben.

Am Mittwochabend und Donnerstag bin ich dann doch ziemlich deprimiert, raffe mich trotzdem zum Weiterschreiben auf. Ich hoffe einfach, dass sich doch eine Leserschaft für meinen Roman – auch für die von mir so geliebte Opernwelt – begeistern wird und meine geschriebene Stimme nicht vor leeren Rängen verhallt.

Gleichzeitig überlege ich intensiv, wo das Drama für meine Figur herkommen könnte und wie ihre Heldenreise genau aussehen könnte. Dann kommt mir eine Erleuchtung: „Madame Butterfly!“ Danke Puccini! Eine Liebesgeschichte wollte ich sowieso einflechten (inklusive erotischer Liebesszene – bin sehr gespannt, ob ich das hinbekomme, habe so etwas noch nie zu Papier gebracht), aber nun wird sie auch schwanger werden und dann steht sie vor der Entscheidung: Kind oder Karriere. Mehr verrate ich nicht.

Habe nun jedenfalls die dramatische Entwicklung der Geschichte besser vor Augen und habe wieder Freude am Fantasieren und Schreiben.

Hier nun die Leseprobe:

Johanna wurde an der Opernpforte telefonisch vom Kapellmeister Heger abgewiesen, weil er es für einen schlechten Witz hält, dass eine Frau dirigieren könne.

In ihrem Innern kochte der Zorn. Sie stürmte los ohne rechts und links zu schauen, ließ ihre langen Beine ausgreifen, stemmte ihre Stirn gegen den Wind als sei er eine Mauer, die sie einreißen wollte. Als sie irgendwann wieder aufblickte, fand sie sich vor der güldenen Statue von Johann Strauss wieder. Ihre Füße waren unwillkürlich den selben Weg vom Vortag gegangen und hatten sie in den Stadtpark getragen.

„Solche Problem hattest du nicht, Johann“, rief sie in das güldene Gesicht des Geigers, der selig lächelte.

„Wenn ich nicht dieses “a” am Ende meines Namens hätte, würden diese verknöcherten Kerle mich einlassen in die Welt der Musiker – dieser männlichen Überklasse“, sie spie die Worte nur so aus. Johann Strauss gab ihr keine Antwort. Sie marschierte weiter. Von Statue zu Statue – jedem Komponisten klagte sie ihr Leid. Aber was verstanden die schon davon – sie waren schließlich allesamt männlich – die Kronen der Schöpfung. Ha!! Warum gab es eigentlich keine weiblichen Komponisten? Die Welt war so ungerecht. In diesem Moment durfte einer der Dirigenten seinen Stab schwingen – vielleicht der blasse Brillenträger, der in der Schlange vor ihr gestanden hatte oder der Schnurrbarttyp. Sie verfügten über den wichtigsten Stab in diesem Wettbewerb – den Penis. Wenn Johanna doch ihr „a“ verlieren könnte und sich einen Schnurrbart wachsen lassen. (…)

Als sie dann in ihrer Kammer stand und in den Spiegel blickte, wurde sie ernst. Lange schaute sie in das Gesicht, das ihr fragend entgegen blickte. Sie traf einen Entschluss. Bedächtig holte sie eine Schere aus dem Kulturbeutel und umfasste mit der linken Hand ihren Zopf. Mit der rechen Hand führte sie die Schere. Mühsam, aber beharrlich bahnte sich die Schneide ihren Weg durch das dicke blonde Haar. Dann hielt Johanna ihren Zopf in der Hand wie eine Trophäe. Sie blickte wieder in den Spiegel. Kurze Haarsträhnen hingen ihr wirr über die Ohren und kitzelten sie im Nacken. Ihre grünen Augen leuchteten.

Kapitel 5: Kostümwechsel

Johanna musste schnell handeln, wenn sie ihre Verwandlung bis morgen früh vollenden wollte. Sie brauchte einen richtigen Herrenhaarschnitt und die dazu passende Kleidung – unter der sie ihre verräterischen weiblichen Kurven verbergen konnte – und vielleicht andere männliche Merkmale hinzufügen? Als erstes müsste sie ihre Brust plätten. Zum Glück waren ihre Brüste nicht sehr groß – ein Umstand, den sich als Jugendliche bedauert hatte. Als die Oberweiten ihren Mitschülerinnen verführerisch anschwollen, zeigten sich auf ihrer Brust nur kleine Hügelchen, die man fast übersehen konnte. Besonders bei ihren breiten Schultern und ihrem langen Torso wirkten ihre Venusformen doch ein wenig verloren. Passend zu ihrem verhassten Spitznamen „Leuchtturm“ zogen ihre leuchtend grünen Augen alle Aufmerksamkeit auf sich, die, obwohl nicht sehr groß und katzenhaft schräg stehend, ihr markantes Gesicht mit den hohen Wangenknochen, der geraden Nase und den temperamentvoll geschwungen Lippen dominierten. Niemand hatte sie je als hübsch oder gar schön bezeichnet.

„Du siehst so gesund und kräftig aus“, war das größte Lob, zu dem sich ihre Mutter hinreißen ließ. Als burschikos war sie auch oft bezeichnet worden. (…)

Als verräterischstes Merkmal war aber zuerst ihre Brust dran. Sie streifte ihr schwarzes Dirigentenhemd ab und befreite sich aus dem Büstenhalter. Womit könnte sie ein Korsett improvisieren? Sie schnappte sich das Bettlaken und schnitt es kurzentschlossen in drei lange Stoffbahnen. Sie wickelte erst eine, dann eine zweite Stoffbahn um ihren Oberkörper und zurrte fest an den Enden, aber ihr Busen hoben sich immer noch trotzig hervor. Ganz so winzig waren ihre Brüste anscheinend doch nicht. Wenn sie darum herum aufpolsterte, dann müsste es gehen. Sie holte eines ihrer wollenen Unterhemden aus dem Schrank und faltete es einige Male, so dass es an einer Seite dicker war und zur andern dünner wurde. Mit der dickeren Seite platzierte sie den Stoff unter ihren Brüsten, um den Übergang zwischen Erhebung und flachem Bauch möglichst fließenden zu gestalten. Dann wickelten sie die Tuchstreifen wieder unter einigen Mühen um sich herum und befestigte die Enden mit Sicherheitsnadeln. Sie schlüpfte wieder in das Oberhemd und betrachtete das Ergebnis kritisch. Ihre Brust sah jetzt ein wenig wie bei einem Gockel aus: stolz geschwollen – wie man im Volksmund sagte – und das war eindeutig männlich. Mit einem Jackett darüber oder gar im Frack würde diese Rundung der Brust sicher noch unauffälliger sein.

Was sie oben herum flach gepresst hatte, musste sie unten herum ausbauen. Was konnte sie bloß in ihre Unterhose stopfen, das wie die Wölbungen von Hoden und Penis aussah? Sie durchsuchte ihren Kleiderschrank. Da, das Stoffsäckchen mit dem getrockneten Lavendel gegen die Motten. Das passte von Form und Größe ganz gut, war formbar und auch nicht so schwer. Ob sie unten in der Küche vielleicht ein Wiener Würstchen im Kühlschrank finden würde? Sie schmunzelte bei diesem Gedanken, zog ihren Morgenmantel über und wickelte sich ein Handtuch wie einen Turban um den Kopf, um ihre kurzen Haare zu verdecken, und schlich hinunter. Sie fand die Küche wieder verlassen vor und inspizierte den Kühlschrank. Enttäuscht musste sie feststellen, dass es hier kein einziges Würstchen gab. Die aufgereihten Eier im Türregel lachten sie an, aber für diese männliche Anatomie hatte sie ja schon eine Attrappe. Sie wollte schon aufgeben, als ihr Blick auf die unterste Gemüseschublade fiel, sie zog das Fach auf. Bingo. Ein Haufen loser Möhren und eine Gurke lagen dort unschuldig und bereit, für ihren pikanten Zweck verwendet zu werden. Sie entschied sich für eine dicke Möhre, etwas so lang wie ihr Handteller. Das müsste von der Größe ungefähr hinkommen. Es würde sicherlich keiner nachmessen. Gerade wollte sie sich mit ihrem Fundstück von dann machen, als sie Schritte hinter sich hörte. Sie ließ die Möhre in ihrer Manteltasche verschwinden und dreht sich um. In der Tür stand die Concierge mit einem Gesicht, als hätte sie eben in eine Zitrone gebissen.

„Grüß Gott Frau Dabjanszki“, sagte Johanna zuvorkommend.

„Haben Sie Feuerholz aus der Kiste vor dem Bad im vierten Stock genommen?“, fragte die Concierge unwirsch.

„Ja, ein kleines Bündel“, gab Johanna zu, „steht der Korb nicht dort, damit man sich daraus etwas für seinen Ofen holen kann?“

„Dieses Holz ist nur für das Bad bestimmt. Wenn Sie Brennholz oder Briketts für Ihren Zimmerofen brauchen, müssen Sie es bei mir kaufen. Ein Schilling kostet das Bündel.“

„Tut mir leid, das wusste ich nicht. Ich kaufe nachher einige Bündel bei Ihnen und lege wieder eines zurück in den Korb“, beeilte sich Johanna zu versichern. Frau Dabjanszki nickte und ließ ihren Kontrollblick durch die Küche schweifen, als suche sie nach weiteren Verstößen gegen die Hausordnung. Wenn sie wüsste, dass sich eine stibitzte Möhre in Johannas Tasche befand, gäbe es sicher ein Donnerwetter, vielleicht sogar einen Rausschmiss für die Doppeldiebin. Sie würde spätestens morgen Lebensmittel einkaufen gehen und die Möhre ersetzen. Der strenge Blick der Concierge kehrte zur neuen Mieterin zurück, ein zweites säuerliches Nicken und Johanna war aus dem Verhör entlassen.

Wieder oben in ihrer Kammer arrangierte sie den Lavendelbeutel und die Möhre in ihrer Unterhose in möglichst lebensechter Nachahmung der männlichen Anatomie. Verdammt, die Gegenstände verrutschten, sobald Johanna einige Schritte tat. Vor allem die Möhre war widerspenstig und zeigte wie ein Kompass in magnetischer Verwirrung in alle möglichen Richtungen und drückte sich vorwitzig durch den Stoff in den Vordergrund. Das ging gar nicht. Sie befand, dass das falschen Hodensäckchen zunächst genügen musste. Es sorgte dafür, dass sie beim Auf- und Abschreiten im Flur vor ihrer Kammer einen anderen Gang annahm: breitbeinig mit diesem Säcklein geballten Männlichkeit zwischen ihren Schenkeln.

In Hemd und Hose unter ihrem Mantel und in den flachen derben Stiefeln, die sie nicht als Frau verrieten, marschierte sie zu einem Herrenfrisör, den sie mit ihrem Leuchtturmblick in einer belebten Geschäftszeile am Graben entdeckte. Hier musste sie ihren ersten Test als brandneu geformter Adam – besser gesagt: Johann – bestehen. Nach kurzer Wartezeit wurde „er“ in einen der Stühle vor den Spiegeln gebeten.

„Waschen und Schneiden, mein Herr?“, fragte der Frisör, ein kleiner Mann mit Buckel und dichtem grauen Haar. Er war so diskret, nicht danach zu fragen, wer seinem Kunden zuletzt diese Zottelfrisur geschnitten hatte.

„Ja, bitte. Mit Seitenscheitel rechts und im Nacken bitte ausrasieren“, sagte Johann(a) mit Brustton. Ihre Stimme besaß von Natur aus einen vollen, eher tiefen klang.

Beim Haarewaschen legte sie ihren Kopf nach hinten überstreckt in das kleine Waschbecken. Ihr Hals fühlte sich exponiert an, sie mochte diese Haltung nicht.

„Gehen Sie auf einen Kostümball, meine Dame?“, fragte der Frisör beim Einschäumen. Johanna hob erschrocken ihren Kopf und das Haarshampoo lief ihr brennend in die Augen.

„Wie kommen Sie darauf, dass ich eine Frau bin?“, fragte sie ein wenig kleinlaut.

„Sie haben keinen Adamsapfel“, sagte der Frisör und tippte mit seinem dicken Zeigefinger auf den Gurgelknopf seines eigenen Halses. Noch keine halbe Stunde als Mann unterwegs und schon ertappt. Aber besser heute als morgen. An den Adamsapfel hatte sie überhaupt nicht gedacht. Da hatte sie so viel Mühe darauf verwandt, sich unter der Gürtellinie männlich auszustatten und dabei die wahre Achillesferse des Fraudātor glatt vergessen.

Der Frisör machte sich flink ans Werk, seine Schere tanzte durch ihre feuchten Haare, ein elektrischer Rasieren fuhr ihren Nacken hoch und schon schüttelte der Haarkünstler das Schutzcape aus und präsentierte ihr den Schnitt mit einem Spiegel von allen Seiten. Johanna staunte. Mit dem gewachsten Seitenscheitel, dem Bubikopf und dem ausrasieren Nacken sah sie wirklich wie ein junger Mann aus, fast schon militärisch. Sie könnte als träumerischer Offizier durchgehen – über ihren vollen Lippen fehlte eindeutig ein Schnurrbart für die perfekte Verwandlung. (Sie verwandelt sich von Johanna in “Jo“.)

Kapitel 7: Mit viel Hertz und Taktgefühl beim Vorspielen

Jo stand an eine Säule der Arkaden gelehnt, ihren Blick fixiert auf den Bühneneingang. Auf dem Weg zum Opernhaus hatte sie sich sehr männlich und kampfbereit gefühlt, war mit ausgreifenden Schritten und erhobenem – wenn auch streichelzartem – Kinn gegangen. Mit ihrer stolzen Hahnenbrust, dem bübischen Kurzhaarschnitt unter dem Hut und dem angeklebten Bärtchen über der Oberlippe war sie das Abbild eines Jünglings. Jetzt, wo der Moment der Entscheidung gekommen und die erste Hürde sich vor ihr auftürmte, klammerte sich sich an ihre Notentasche und hoffte, Joseph Haydn werde seine schützende Hand über sie halten. (…)

Nun erschien ein junger Mann in dunklem Mantel und einer Notenmappe unter dem Arm am anderen Ende der Arkaden. Mit jedem Schritt, den er näher kam, wurde sie sich sicherer, dass er ein Dirigenten-Anwärter war. Als er gerade die Pforte des Bühneneingangs aufzog, schoss Jo hervor und heftete sich wie ein Schatten an die Fersen ihres Kollegen. Er war fast einen Kopf kleiner als sie, so dass sie beim Betreten der Vorraums sofort sah, dass derselbe Pförtner vom Vortrag auf dem Wachposten saß. Allerdings war er gerade damit beschäftigt, ein Paket vom Postboten entgegenzunehmen. Eine Welle des Optimismus durchströmte sie. Jetzt müsste sie mit Schwung ihren Durchbruch machen, wie ein General mit fliegenden Fahnen einmarschieren und dabei eine selbstverständliche Berechtigung ausstrahlen, so dass der Torwächter nicht auf den Gedanken käme, sie aufzuhalten.

„Ich komme zum Vorspielen für Herrn Kapellmeister Heger“, sagte ihr Schutzschild mit heller Stimme. Der Pförtner warf ihm einen flüchtigen Blick zu und schob die ominöse Liste auf dem Empfangstresen herüber. Ihre Vorhut unterzeichnete im Feld bei seinem Namen.

„Ich auch“, sagte Jo mit Bruststimme und griff sich den Stift wie ein Feldherr. In ihrem Kopf hörte sie eine Trompete zum Angriff blasen. Schwungvoll machte sie in der letzten Zeile bei dem Namen eines anderen ein unleserliches Handzeichen und schon glitt sie durch die Schwingtür in den Flur ins Innere der Festung. (…)

Um elf Uhr sollte das Vorspielen beginnen. Genau in dem Moment, als der große Zeiger der Uhr auf die volle Stunde sprang, öffnete sich die Tür und vier Herren marschierten ein – das Raunen und Rascheln im Raum verstummte augenblicklich und alle Blicke richteten sich auf die Eingetretenen. Jo erkannte an der Spitze des Komitees sofort den sehr filigran-eleganten Herrn von heute Morgen wieder, der einer der ersten an der Pforte war.

„Das ist Direktor Schalk“, raunte ihr Dominic zu.

Der Mann hinter ihm wirkte vergleichsweise massiv in seinem grauen Anzug mit den breiten Schultern und dem stampfenden Gang. Sein Gesicht war langgezogen und erinnerte Jo an eine Gurke. Eine saure Gurke, wenn man seine schmalen Lippen mit den herunter gezogenen Mundwinkeln miteinbezog. Er hatte braun-gräuliches Haar, das seinen Oberkopf nur spärlich bedeckte, aber über den Ohren noch dicht war. In der rechten Hand trug er einen Taktstock wie ein Zepter. Das musste Kapellmeister Robert Heger sein. Hinter ihm ging ein Mann, dessen blonde Wallemähne sofort ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Er hielt seinen Kopf mit der Eleganz eines Schwans und wäre als Sänger sicher die Idealbesetzung für Lohengrin gewesen. Ein kurzer Bart bedeckten sein Kinn und seine weich geformten Wangen. Seine dunkelblauen Augen streiften kurz über die Schar der aufgereihten Dirigenten und er nickte aufmunternd in ihre Richtung. Erst jetzt fiel ihr auf, dass der Schwanenritter mit dem linken Bein hinkte als hätte er ein steifes Knie. Vielleicht eine Kriegsverletzung? Nein, für einen Mann in seinen 40ern war er für den Wehrdienst wahrscheinlich schon zu alt gewesen. Ob er auch ein Dirigent war? (…)

„Der Herr mit den langen blonden Haaren ist Martin Breuer. Er ist fest engagierter Dirigent am Haus.“

Das grell bunte Stimmenwirrar verstummte und die erste Oboe gab dem Orchester das „a“ an und alle Instrumente stimmten sich darauf ein. (…) Umso erstaunter war sie, als sie nun den höheren Kammerton auf 443 Hertz hörte.

(… Mittagspause nach dem Vorspiel der ersten beiden Kandidaten…)

In der Kantine setzten sie sich an denselben Tisch mit den Kandidaten, die eben auf dem Pult gebrutzelt hatten. Der Engländer bestellte ein Bier und schüttete es in einem Zug hinunter. Sie sprachen sich gegenseitig Mut zu und echauffierten sich über den Kapellmeisters.

„Wie soll ick zeigen, was ick kann, wenn der Maestro mich alle paar Takte unterbricht?“, klagte der Engländer sein Leid.

Jo aß schweigend ihren Gulasch mit einer Semmel und trank ein Kracherl, beim Essen versuchte sie, ihren Mund so wenig wie möglich zu bewegen, damit der Kleber ihres Oberlippenbarts nicht zu sehr strapaziert wurde. Zu den Gesprächen nickte sie freundlich und musste sich ermahnen, nicht ständig an ihrem Halstuch herum zu nesteln, das ihren fehlenden Adamsapfel kaschieren sollte.

Bevor es weiter ging, musste sie noch zur Toilette. Auf der Suche nach dem Örtchen ging sie alleine durch die langen Gänge des Hauses, hier eine Treppe hoch und dort wieder herunter. Sie genoss die Stille und suchte in ihrem Kopf nach den wahren Klängen von Haydn, die durch die vielen Misstöne in der Probe störend überlagert worden waren. Schließlich fand sie das WC. Beim Händewaschen musterte sie sich kritisch im Spiegel. Der Seitenscheitel von Johann saß ordentlich und seine hohe Gestalt im Dreiteiler war fast schon Dandy-haft. Jetzt musste sie sich aber beeilen, zurück in den Probenraum zu kommen.

Als sie aus der Tür des Badezimmers stürmte, stieß sie mit einem Mann zusammen. Erschrocken blickte sie in ein tiefblaues Augenpaar.

„So aufgeregt?“, fragte Martin Breuer mit sanfter Stimme und ein Lächeln zog über sein Gesicht wie ein Sonnenstrahl.

„Die Damen werden es Ihnen verzeihen“, sagte er und zwinkerte Jo zu. Sie starrte ihn verwirrt an. Er zeigte auf das Schild an der Tür, aus der sie gerade gekommen war. Dort war in einem Messing-Relief die Figur einer Frau im Kleid abgebildet. Oh nein, Johann war auf die Damentoilette gegangen!

„Oh, ein Versehen“, stammelte Johann mit seiner tiefsten Stimme. Martin Breuer klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter und sagte:

„Dann zeigen Sie gleich mal, was Sie können, junger Mann“, und ging voran in Richtung Probenraum.

WIE JO SICH WOHL IM CASTING SCHLÄGT? FORTSETZUNG FOLGT.

Ahnt ihr schon, wer ihr “love interest” sein wird?

 

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