Schlussakkord für meinen Wien-Roman

Was hat meine Romanheldin Johanna/Jo als Dirigent in Wien in den letzten 64 Tagen nicht alles gekämpft, gelitten, geliebt und gewonnen? Dienstagnacht habe ich ihr letztes Kapitel geschrieben und gestern noch meinen Merkzettel abgearbeitet und punktuell inhaltliche Ergänzungen gemacht. Heute ist Jos Geschichte zu Ende erzählt – mein Herzensprojekt aus der Opernwelt in der ersten Fassung abgeschlossen.

Meine Anspannung will aber partout nicht von mir abfallen. Zur Belohnung für meine täglichen Anstrengungen seit dem 1. November 2020 wollte ich mir am Mittwoch ein Stück Sachertorte gönnen – mein Lieblingskuchen, den auch Jo in Wien gerne verspeist hat – aber in keiner der 4 Bäckereien in Karlshorst war ein solches aufzutreiben. Also musste ich mit Käsekuchen vom Blech Vorlieb nehmen – eine klebrig-süße Enttäuschung. Entweder muss ich mir selbst eine Sachertorte backen oder schnellstmöglich wieder nach Wien reisen (aber erst, wenn in der Oper wieder der Vorhang aufgeht).

Traum
Wirklichkeit

In meinem Roman „Die Dirigentin im Herrenrock“ gibt es natürlich nicht nur Kaffeehausidylle im Dreivierteltakt, sondern im Mittelpunkt steht eine starke Frau, die für ihren Traum kämpft, Dirigentin in dieser Männerwelt der klassischen Musik zu werden, entgegen aller gesellschaftlichen Konventionen – dabei kommt ihr die Liebe in den Weg und es entwickelt sich ganz große Gefühlsoper.

Das Schicksal meiner Heldin hat im Laufe des Schreibens einen wahren Wellenritt vollführt – immer, wenn sie gerade einen kleinen Höhepunkt erklommen hat, habe ich ihr einen Stock in die Speichen geworfen, sie ist gestürzt und musste sich geschunden wieder aufrappeln und von neuem den Berg hinauf klettern.

Ouvertüre:

Eine begabte junge Frau aus Norddeutschland, so groß wie ein Leuchtturm, zieht an einem grauen Novembertag im Jahr 1925 in die alte Kaiserstadt ein, um als Dirigentin am berühmtesten Opernhaus Europas Fuß zu fassen. Dort wird sie jedoch als Frau rigoros abgewiesen. Entschlossen schnürt sie sich die Brust ein und versucht es am nächsten Tag erneut – als Mann verkleidet – und wird prompt als Dirigent (auf einer Assistentenstellen) engagiert.

Erster Akt:

Ihre Karriere nimmt Fahrt auf und sie begeistert die kritischen Musiker und das Wiener Publikum mit ihrem Können, aber gleichzeitig verliebt sie sich in ihren brasilianischen Dirigenten-Kollegen Martin Breuer, der verheiratet ist. Obwohl alles dagegen spricht, stürzt sie sich in eine leidenschaftliche Liebesnacht mit ihm. Am nächsten Tag lässt sie ihn abblitzten und will ihre weiblichen Neigungen zukünftig besser unterdrücken. Als sie wenige Wochen später erschrocken feststellt, dass sie schwanger ist, fangen ihre Probleme erst richtig an. Sie ist hin und her gerissen, ob sie das Kind bekommen soll. Sie bekommt den gesellschaftlichen Druck zu spüren, als ihre Vermieterin sie zu einer „Engelmacherin“ schickt und in Aussicht stellt, sie hinauszuwerfen, falls sie als ledige Frau ihr Kind zur Welt bringen sollte. Jo entscheidet sich trotzdem für ihr Baby und sucht händeringend nach einem Ausweg, der nur darin bestehen kann, passende Pflegeeltern für ihr Kind zu finden.

In dieser Phase wird sie von der Salonièren Eugenie Schwarzwald, der Schulleiterin einer Mädchen-Schule, eingeladen und lernt in deren Salon einige selbständige Frauen kennen, u.a. Anna Freud, die sich als Psychoanalytikerin mühsam aus dem großen Schatten ihres Vaters zu befreien versucht.

Dritter und Vierter Akt:

Es folgen viele dramatische Szenen, etwa, wenn Jo beim Dirigieren beinahe eine Fehlgeburt erleidet, wenn sie kurz darauf Martin endlich gesteht, dass sie sein Kind erwartet, die Niederkunft und ihr schmerzlicher Abschied von ihrer neugeborenen Tochter.

Fünfter Akt:

Zum Ende ihrer Reise muss Jo sich aus dem Korsett, in das sie sie selbst eingeschnürt hat, wieder befreien – sie muss sich ihre Weiblichkeit und Mutterschaft zurückerobern. Im Finale zieht sie aus, um ihr Kind und den Mann, den sie liebt, zurück zu gewinnen.

Ich muss gestehen, dass ich zu Beginn meiner Schreibreise ein anderes Ende vor Augen hatte – ein realistisches, in dem meiner Heldin vieles versagt bleibt, in der sie sich zwischen Karriere und privatem Glück entscheiden muss. Aber nachdem ich sie über 400 Seiten und fast 4 Handlungsjahre lang habe leiden lassen, habe ich ihr schließlich doch ein fast vollständiges Happy End gegönnt. Ich hoffe, meinen Leser*innen danken mir das.

Wiener Opernstars aus den 1920er Jahren und Zeitkolorit

Die Geschichte von Jo ist natürlich eingebettet in viele historische Details – insbesondere das Aufführungsgeschehen an der Wiener Oper habe ich gründlich recherchiert. Viele meiner Lieblingsopern lasse ich vorkommen und ihre Inhalte spiegeln oft das dramatische Geschehen auf der Erzählebene. Die schillernden Gesangsstars dieser Zeit wie Lotte Lehmann, Maria Jeritza, Jan Kiepura und Richard Tauber haben alle ihren Auftritt, natürlich auch Richard Strauss, der als Komponist und Operndirektor diese Zeit geprägt hat.

Maria Jeritza
Lotte Lehmann und Jan Kiepura

Als beruflicher Gegenspieler fungiert Jos herrischer Kollege Robert Heger, ein historischer Dirigent aus dieser Zeit (der sich später den Nazis zugewendet hat). In Liebesdingen ist die Ehefrau von Martin ihre Antagonistin. Zusätzliche Hürden im Streben meiner Heldin nach Glück und Erfolg stellen die gesellschaftlichen Konventionen und Vorurteile gegenüber Frauen dar.

Meine Erzählung in die 1920er Jahre einzufügen, erschien mir nicht allzu schwer. Aber die Details haben sich hin und wieder als Stolpersteine bemerkbar gemacht: So habe ich im Schreibeifer moderne Dinge wie Kühlschränke und Türklingeln mit Gegensprechanlage eingebaut. Zum Glück habe ich mir dann selbst auf die Finger geklopft und schnell Wikipedia konsultiert. Hinsichtlich der historischen Korrektheit gibt es also einiges zu beachten. Ich hoffe, ich habe keine Klopper mehr drinnen.

Sehr genüsslich habe ich Wienerische Redensarten eingebaut. Dafür werde ich ein kleines Wörterbuch in den Anhang des Romans stellen. Jetzt werde ich mich mal ins Gwand haun und einen Mulatschak zur Fertigstellung meines Werks feiern. Baba.

Meine Schreibnächte

Was meinen Schreibprozess angeht, so bin ich bei meinem vierten Roman wirklich gut in Schwung gekommen und hatte keine Durchhänger, wie im letzten Jahr bei meinem Antarktis-Roman. Ich habe das Gefühl, mich in diesem Stoff richtig freigeschrieben zu haben – was zum einen daran liegt, dass ich für die Opernwelt total brenne und es mir beim Schreiben immense Freude bereitet hat, darin zu schwelgen. Aber auch die Freiheit bei der Figurenentwicklung hat mich beflügelt, denn bei Johanna und Martin habe ich mich nicht durch eine historische Vorlage einengen lassen.

Ich habe einen guten Arbeitsrhythmus gefunden: Eine Abendschicht von 1 ½ bis 2 Stunden im Zeitfenster von 19 bis 22 Uhr und eine Nachtschicht von nochmals 1 ½ bis 2 Stunden in der Zeit zwischen 23 und 2 Uhr nachts. Ich kann am besten arbeiten, wenn es draußen dunkel ist, die Welt in Schlaf versinkt und mich nichts mehr ablenken kann – am Tage muss ich Einkäufe erledigen, will das Tageslicht zum Spazierengehen nutzen usw.

Die späten Morgenstunden sind quasi mein Feierabend, in denen ich mich ausruhe. Ab Nachmittag fängt mein Motor dann so langsam zu laufen an – ich bereite das Geschriebene vom Vorabend gedanklich nach und überlege, wie es in der Nacht weitergehen soll. So komme ich auf ein reines Schreibpensum von 3 bis 4 Stunden pro Tag. Die Erholungsphasen am Tag und zwischen den beiden Schreibeinheiten sind notwendig, damit sich die Inspiration und Schaffenskraft wieder aufladen kann.

Da ich irgendwie ein Statistik-Typ bin, trage ich meine Uhrzeiten und den Worcount täglich in eine Tabelle ein.

 

Hier mein Roman-Werk in Zahlen:

114.200 Wörter

484 Normseiten

64 Schreibtage (vom 1. November 2020 bis 13. Januar 2021, mit einer Woche Weihnachtsferien)

1.800 Wörter pro Tag im Durchschnitt

3.006 Rekord-Wörteranzahl an einem Tag

Wie geht es nun weiter? Heute ist Ruhetag. Ab Freitag beginne ich mit dem Korrekturlesen des Manuskripts. Wenn ich damit durch bin (Ende Januar) entlasse ich mein Werk mit viel Spannung an meine Testleserinnen (zwei habe ich schon, wer sonst noch gerne möchte, bitte bei mir melden) und freue mich auf deren Feedback. Aufbauend darauf geht es dann in die nächste Überarbeitungsrunde. Im Frühling schwimme ich also glücklich weiter auf der Opern-Welle.

Hier kommt nun eine Leseprobe – ich hoffe, ihr habt Lust darauf.

Es handelt sich um die Salon-Szene (gekürzt). Jo ist schwanger, Martin weiß noch nichts davon. Er hat Liebeskummer, weil sie ihn hat abblitzen lassen.

Kapitel 18: Im Salon von Frau Doktor Schwarzwald

Wien, 14. Juli 1926

Am Mittwochabend stieg Jo kurz nach Sonnenuntergang aus dem Taxi und stand ratlos vor dem schmucklosen Bürgerhaus Nummer 28 mit der abgeblätterten Farbe und dunklen Fensterhöhlen in der Josefstraße. Sie hielt die Visitenkarte fest umklammert wie einen magischen Schlüssel in eine andere Welt. (…) Dann entdeckte sie inmitten der Ranken ein Gartentürchen aus Metall, das gerade quietschend ins Schloss zurück fiel.  Jo drückte das Türchen auf, dessen Angeln ihren Eintritt lautstark ankündigten. Vor ihr lag ein geschlängelter Weg, der von flackernden Windlichtern auf beiden Seiten eingefasst war und sie zwischen duftenden Blumen und Büschen, in denen die Grillen zirpten, auf ein prächtiges Gartenhaus zuführte. Mit seinen weißen Säulen und großen Fenstern sah es wie die Orangerie eines Palastes aus. Die Eingangtür aus grün lackiertem Holz war nur angelehnt.

Jo trat in einen breiten Flur. An der linken Wand hingen Hirschgeweihe, an denen einige der Besucher ihre Hüte aufgespießt hatten. Darunter standen zwei Polstersessel, die über und über mit Sommermänteln und Capes bedeckt waren, die dort lässig darüber geworfen worden waren. Am Ende des Flures öffnete sich ein Türbogen eingerahmt von zwei roten Samtvorhängen wie zu einer Theaterbühne.

„Johann Osterkamp, was für eine schöne Überraschung“, klang eine wohltönende Stimme an ihr Ohr. Durch den Bogen mit den Samtvorhängen kam Lotte Lehmann auf sie zu. Die Sopranistin hatte ihre dunklen Haare mit einem bunten Turban umwickelt und ihre blassblauen Augen mit Kajalstift dramatisch ummalt. Sie sah aus wie eine persische Prinzessin aus Tausendundeiner Nacht.

„Kommen Sie doch an unseren Tisch“, sagte die Lehmann und zeigte ihre kleinen weißen Zähne. Jo folgte ihr in den Salon. Dieser Raum war hoch und fünfeckig wie ein Turmzimmer, ein Lüster mit buntem Muranoglas hing im Zentrum und warf einen Lichtkegel auf die Mitte des Raums, wo das Parkett frei war wie eine Tanzfläche. Rundherum standen an den Wänden fünf kleine Tische mit vielen Stühlen darum herum – alle Tische waren besetzt mit Gästen, die angeregt miteinander sprachen. Im Raum schwirrten die Stimmen wie Nachtfalter um das Licht, es summte und brummte vor Lebendigkeit. Ein Ruhepol war der mächtige Marmorkamin, der im Juli natürlich nicht brannte. Darüber hing ein großer Spiegel, ebenso wie an weiteren Stellen im Raum zwischen den Fenstern – so bekam man den Eindruck, der kleine Raum sei doppelt so groß.

Lotte Lehmann ging auf ein Tischchen bei den bodentiefen Fenstern zu und zog einen freien Stuhl vom Nebentisch für Jo heran. So saß sie nun dicht an dicht um das runde Tischchen zwischen zwei jungen Frauen.

„Darf ich vorstellen: Herr Johann Osterkamp, seines Zeichens Dirigent am Wiener Operntheater“, stellte Lotte sie der Tischrunde vor, „das ist Dorothy Thompson, sie ist Auslandskorrespondentin für den Philadelphia Public Ledger.“

Die Amerikanerin mit schwarzem Bubikopf rechts von ihr sagte:

„How do you do“, und musterte Jo mit unverhohlener Neugier,

„may I call you Jo?“

Sie nickte. Es war hier wohl üblich, sich beim Vornamen zu nennen, aber zu Siezen, solange man sich noch nicht besser kannte.

„Das ist Karen Michaelis, sie ist eine Schriftstellerin aus Dänemark. Und gegenüber sitzt Lajos Hatvany, er stammt aus Budapest und ist Schriftsteller und Literaturkritiker.“

„Ich war letzte Woche im Lohengrin, als Sie dirigiert haben. Das war sehr beeindruckend“, sagte die Dänin und lächelte Jo aus ihrem runden Gesicht mit grauen Augen freundlich an.

„Ein Jammer nur, dass die Reimkünste von Richard Wagner so unterirdisch sind. Eine Wagner-Oper genießt man am besten, wenn man kein Deutsch versteht“, meldete sich der Literaturkritiker zu Wort.

„You are so bad – Sie haben eine böse Zunge, Lajos“, lachte Dorothy und klopfte dem Kritiker mit ihrem Fächer ermahnend auf das Knie.

„Aber die Musik ist einfach überirdisch. Und erst die Stimme von unserer Lotte“, schwärmte Karen. Sie hatte einen dänischen Akzent und Jo musste sofort an Muscheln und Dünen denken. Am Hafen von Wangerooge hörte man öfters Seeleute aus Dänemark und Skandinavien.

„Darf ich Ihnen Tee einschenken?“, fragte Lotte und griff nach dem runden Metalltopf mit Ausgussschnabel, der in der Mitte des Tischs stand.

„Das ist indischer Tee mit Gewürzen. Sehr belebend. Dazu ein bisschen Mich und Honig. Von den Häppchen bedienen sie sich einfach selbst.“

Jo nickte. Neben dem schlichten Teepott stand eine filigrane Etagere aus Metall mit drei Porzellantellern, die mit belegten Schnitten und Küchlein bestückt war. Sie nahm sich ein Gurkenschnittchen mit Radieschen in Blütenform.

„Milk first“, sagte Dorothy und goss einen Schuss Milch in die zarte Porzellantasse. Dann füllte ein leuchtend roter Teestrahl die Tasse, der rosé schimmerte und nach Zimt und Nelken duftete. Die Dänin zog einen Apothekerkasten aus Holz unter dem Tisch hervor, in dem eine Sammlung kleiner Fläschchen aufgereiht waren und abenteuerlich klirrten.

„Noch einen Schuss Likör oder Schnaps dazu?“, fragte Karen und zwinkerte ihr zu.

„Unsere Gastgeberin Genia verwöhnt uns in jeder Hinsicht, nur Alkohol ist für sie tabu. Auch das Rauchen haben wir ihr nicht angewöhnen können.“

Jo hob ablehnend ihr Handfläche.

„Sind Sie auch abstinent?“, wollte Lotte wissen.

“Sie wirken immer so durch und durch tugendhaft und konzentriert.“

„Man darf sich beim Dirigieren nicht ablenken lassen“, sagte Jo ein wenig defensiv. Wenn die Damen wüsste, wie es mit ihrer Tugendhaftigkeit in Wahrheit bestellt war.

Ein Raunen ging durch den Raum und Jo suchte den Auslöser der freudigen Erregung. Die Gastgeberin Genia Schwarzwald war im Türbogen erschienen. Zusammen mit einem zierlichen Hausmädchen in Schürze trug sie einen Wäschekorb, der mit bunt eingepackten Päckchen beladen war. Sie gingen zu einer Nische neben dem Kamin, wo der Korb vor ein Marmorbänkchen auf einem persischen Teppich gestellt wurde. Genia machte eine Runde an allen Tischen vorbei und begrüßte die Neuankömmlinge, die meisten bekamen Küsse auf die Wangen.

„Oh, welche Freude, Sie hier zu sehen, Maestro Johann“, sagte die Gastgeberin und tätschelte Jo mit ihrer fleischigen Hand die Schulter.

„Ich sehe, Sie sind gut versorgt. Nachher komme ich an Ihren Tisch, dann können wir in Ruhe plaudern.“

Genia Schwarzwald nahm in ihrer Nische Platz und die Stühle kratzten auf dem Boden, als ihre Gäste ihr Stühle rückten, um sich ihr zuzuwenden.

„Meine lieben Freunde und Gäste, ich habe mir erlaubt, einige Kleinigkeiten für Sie und euch zusammenzustellen. Wie eine gute Freundin kürzlich zu mir gesagt hat: Schenken heißt, einem anderen etwas geben, was man am liebsten selbst behalten möchte. In diesem Sinne habe ich hübsche und nützliche Gaben für jeden ganz nach meinem eigenen Geschmack ausgesucht – in der Hoffnung, dass sie beim Empfänger auch auf Gefallen stoßen. Mal schauen“, sie beugte sich vor und hob das erste Geschenk aus dem Korb. (…)

Plötzlich nahm Jo aus dem Augenwinkel eine Bewegung im Türbogen wahr – eine Gestalt mit bärtigem Gesicht, blauen Augen und blonden Haarwellen. Verdammt! Was machte er bloß hier?

Lotte schwenkte ihren Arm und winkte zu ihm herüber.

„Hier ist noch Platz“, formte ihr Mund. Jo rührte in ihrem rosa Tee und drehte dem Neuankömmling den Rücken zu.

„Guten Abend zusammen“, sagte Martin Breuer und seine Stimme klang wie Honig, dabei hatte sie sich solche Süßigkeiten doch strengstens verboten. Er legte seine Hand auf die Rückenlehne ihres Stuhls – und dann strich der unverschämte Kerl mit seinem Daumen über ihr Schulterblatt, viel zu lange, als dass es ein Versehen hätte sein können. Ein Schauder jagte ihre Wirbelsäule hinab. Sie schüttelte sich wie ein Hund, der aus dem Wasser kam. Martin holte sich einen Stuhl und quetschte sich zu ihnen an den Tisch – Karin und Dorothy rückten ein Stück zurück und erweiterten ihren Zirkel für ihn. Martin nahm sich Tee und die Dänin gab ihm einen Schuss Rum aus ihrem Apothekenköfferchen dazu. Jo wollte sich gerade von diesem Tisch verabschieden, als plötzlich ihr Name fiel und ihr ein Geschenk überreicht wurde. Sie nickte der Gastgeberin dankend zu. Es schien üblich zu sein, die Präsente sofort zu öffnen. In ihrem fand sie ein wunderschönes seidenes Einstecktuch mit japanischen Motiven – Kirschblüten und Schriftzeichen – und musste an Madame Butterfly denken.

„Das kann man sicher auch als Halstuch verwenden,“ sagte Martin und gab ihr unter dem Tisch einen Stups mit seinem Fuß. Sie warf ihm einen grollenden Blick zu. Er grinste. Weitere Geschenke wurden verteilt. (…)

„Auf Genias Schwarzwaldschule geht es ganz anders zu“, sagte Karin, „dort werden die Mädchen dazu erzogen, dass sie dieselben Fähigkeiten und Talente haben wie Jungs und dieselben Chancen und Rechte einfordern sollen.“

„Das finde ich richtig“, sagte Jo, „auf meinem Gymnasium in Wilhelmshaven war man weit von solch einer fortschrittlichen Sichtweise entfernt. In meiner Klasse hat nur ein einziges Mädchen das Abitur gemacht hat.“

Sie verschwieg natürlich, dass sie selbst dieses Mädchen gewesen war.

„Die anderen Mädchen sind nach der neunten oder zehnten Klasse abgegangen, haben noch einen Kochkurs gemacht und sich dann einen Ehemann gesucht.“

„Ich finde es toll, wenn eine Frau gut kochen kann“, sagte Martin und nahm sich ein Gebäckstück, „backen auch. Das sind echte weibliche Tugenden.“

Jo ballte ihre rechte Hand unter dem Tisch zu einer Faust.

„Jetzt wollen Sie uns aber necken, was Martin?,“ sagte Lotte lachend und zwinkerte dem Störenfried zu.

„Oh, er meint das sicher ernst. Wie steht es denn um die Kochkünste Ihrer Ehefrau?“, frage Jo und schaute ihn herausfordernd an.

„Na ja, zum Glück gibt es Frauen, die mehr als ein Talent besitzen“, sagte er und lächelte süffisant.

„Das will ich meinen, wir Sängerinnen müssen doch zusammen halten“, sagte Lotte fröhlich, „ich übe beim Kochen immer meine Tonleitern und studiere meine Partien ein. Mein Mann sagt immer, meine Gerichte schmecken nach Puccini. Letztens hat er mir einen Hirsch von der Jagd mitgebracht – ich habe das Fleisch à la verismo zubereitet – blutig.“

„Ah, wenn im Dezember ihre Turandot wie Rehragout klingt, dann weiß ich warum“, sagte Martin und die beiden grinsten sich an und auch Jo musste schmunzeln. (…)

„Werden manche von den Schwarzwald-Schülerinnen auch Musikerinnen?“, wollte Jo wissen.

„Vielleicht spielt eine von ihnen eines Tages bei unseren Wiener Philharmonikern mit.“

„Da fließen eher die Flüsse aufwärts“, sagte Lotte.

„Johann hätte wohl gerne ein paar Frauen im Orchester, was?“, sagte Martin, „Gleich und gleich gesellt sich gern.“

Jo gab ihm unter dem Tisch einen Tritt ins Schienbein. Martin biss sich auf die Lippe, grinste aber immer noch.

„Warum sollte eine Frau nicht genauso gut ein Instrument beherrschten, wie ein Mann“, sagte Jo und schaute herausfordernd in die Runde und blieb auf Lotte liegen.

„Wahrscheinlich schon“, sagte diese unsicher.

„Sie sind doch als Sängerin ihrem Bühnenpartnern ebenbürtig. Ein Tenor singt nicht besser, als ein Sopran“, beharrte Jo.

„Aber der Tenor bekommt mehr Geld und mehr Applaus“, sagte Lotte zog ihren Mund in ein schiefes Lächeln, „so ist die Welt nun einmal.“

„Außerdem steht es in der Partitur, dass eine Oper Sängerinnen braucht“, fuhr sie fort, „beim Orchester steht es nicht dabei. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die Herren Philharmoniker eine Frau in ihren Reihen dulden würden.“

„Ich habe in meinem Studium in Berlin einige sehr gute Musikerinnen kennengelernt“, platzte es aus Jo heraus, „eine davon könnte problemlos die Erste Geige bei den Wiener Philharmonikern spielen.“

„Nie und nimmer“, sagte Lotte leichthin und Lachgrübchen zeichneten sich in ihre runden Wangen ein, „die Geiger würden der Dame niemals folgen. Die Herren Musiker lassen sich nicht von einer Frau anführen. Und wahrscheinlich haben sie Recht damit.“

Jo krampfte ihre Hände ineinander. Der Zorn brannte heiß in ihren Venen. Wenn diese Leute wüssten, dass die Herren Philharmoniker seit Monaten einer Frau am Pult gefolgt sind – und das mit großem musikalischen Erfolg – dann würden sie ihre Vorurteile wohl über Bord werfen müssen? Oder nicht? Und dass selbst Lotte Lehmann ihren Geschlechtsgenossinnen so wenig zutraute, ärgerte sie am meisten.

„Trinken Sie noch einen Tee, bevor Sie die Revolution ausrufen“, sagte Martin und schob ihr die Tasse hin wie einem Kleinkind, das man mit einer Süßigkeit ablenken konnte. Jo stand abrupt auf. (…)

An der Haustür regte sich etwas, ein Neuankömmling wurde begrüßt. Jo folgte ihr mit etwas Abstand und war plötzlich in der Küche gelandet. Hier stand eine dicke Köchin am Herd und rührte in einem riesigen Topf. Eintopf, eindeutig.

„Ich habe einen Bärenhunger“, sagte die gerade eingetroffene Frau mit dem schmalen und energischen Gesicht. Sie trug gestreifte Matrosenhosen und eine kurzärmelige Bluse und setzte sich rittlings auf einen der Holzstühle, die Arme lässig auf die Lehne gestützt. Sie ließ sich von der Köchin einen Teller füllen und schnitt sich selbst eine dicke Scheibe Brot ab. Sie schien in dieser Küche wie daheim zu sein.

„Möchten Sie auch“, fragte die Köchin und Jo nickte.

„Eine kleine Kelle, bitte.“

Mit ihrem Teller setzte sie sich an den Küchentisch, dessen hölzerne Tischplatte voller Rillen und Kerben war, als habe er schon hundert Jahren in einer Schenke gedient.

„Anna Freud – und bevor Sie fragen: Ja, bin verwandt mit dem Meister der Psychoanalyse“, sagte ihre Tischnachbarin und streckte ihr die Hand hin. Ein fester Griff für so eine schmale Person. Auch Jo stellte sich vor.

„Sie sind zum ersten Mal hier“, stellte Anna fest, „und sie suchen Hilfe.“

„Sind Sie hellseherisch begabt?“, fragte Jo.

„Nein, nur Analytikerin. Entschuldigen Sie, Berufskrankheit. Ich sehe in jedem Menschen einen potentiellen Patienten.“

„Ist Sigmund Freud ihr – Vater?“, wollte Jo wissen.

„Ja, ich bin seine Tochter, Assistentin, Sekretärin, Krankenschwester, Lektorin, Patientin – suchen Sie sich was aus.“

Die Küchentür ging auf und Dorothy kam herein gesegelt.

„My darling“, sagte sie und gab Anna einen schmatzenden Kuss, „hast du dich endlich aus der Psycho-Bibliothek loseisen können.“

„Jeden Mittwochabend hält mein Vater eine Gesprächsrunde mit Kollegen in unserer Bibliothek ab“, erklärte Anna.

„Sind Sie auch Psychoanalytikerin“, wollte Jo wissen.

„Ja.“

„Ich finde das alles unheimlich spannend. Manchmal denke ich, ich würde mich auch gerne analysieren lassen“, sagte Jo beinahe schüchtern.

„Das sollten Sie. Es gibt keine größeren Geheimnisse auf der Welt, als unsere verborgenen Ängste, Wünsche, Sehnsüchte und Träume.“

„Vielleicht könnte ich mal zu ihnen kommen“, sagte Jo. Die unverblümte Art der jungen Frau weckte ihr Vertrauen.

„Ich habe mich auf die Analyse von Kindern spezialisiert“, sagte Anna, „aber ich kann Ihnen eine gute Kollegin empfehlen, Eva Rosenfeld, wir machen bald eine Praxis zusammen auf.“

Anne betrachtet Jo eingehend. Sie hatte das Gefühl, diese Frau könne mühelos hinter ihre Maskerade blicken. Sie verschränke die Arme vor der Brust.

„Die meisten Leute wollen nicht zur Schülerin, wenn sie stattdessen zum Meister gehen können. Und eine Frau als Analytiker ist ihnen sowieso suspekt. Aber Sie – haben eine Schwäche für Frauen, oder?“

Jo wusste nicht, wie das gemeint war. Sie zuckte mit den Schultern.

„Ich denke, eine Frau kann in jedem Beruf genauso gut sein, wie ein Mann“, sagte Jo. „vielleicht sogar besser, weil sie mehr kämpfen und härter dafür arbeiten musste, an der gleichen Stelle anzukommen.“

„Well said!“, rief Dorothy und klopfte auf den Tisch, so wie es an der Universität üblich ist, um seinem Professor Respekt zu zollen. Sie löffelten eine Weile schweigend ihren Eintopf.

Die Küchentür schwang auf und einer der Herren aus der Bibliothek kamen herein.

„Der Teufel ist ein Optimist, wenn er glaubt, dass er die Menschen schlechter machen kann“, verkündete der Mann mit der napoleonischen Gedächtnisfrisur und dem gramerfüllten Zug um den Mund.

„Oh, Karl, wenn du Hunger hast, scheint dir die Welt immer von Grunde auf böse“, sagte Anna lachend und die Köchin füllte ihm einen Teller mit Eintopf. Karl setzte sich zu ihnen an den Tisch und versenkte seinen Löffel in die dicke Suppe. Zu seinem Schmatzen gesellten sich auf einmal lieblichere Klänge. Ein Piano und eine Sopranstimme klangen gedämpft durch die Wände.

„Ah, Lotte gibt einige Lieder zum Besten“, sagte Anna.

Jo zog es nun in das Musikzimmer, das gut gefüllt war. Der Schläfer auf dem Sofa saß nun aufrecht, um ihn herum tummelten sich Zuhörer auf den Kissen.

Lottes Stimme schwebte durch den Raum:

„Am Brunnen vor dem Tore
Da steht ein Lindenbaum:
Ich träumt’ in seinem Schatten
So manchen süßen Traum.“

Ihr Körper wiegte sich wie ein Schlitten in sanfter Hügelfahrt, ihre Ketten und Armringe klirrten leise dazu wie gefrorener Schnee – passend zur Winterreise von Schubert. Aber wer griff da so schrecklich falsch in die Tasten? Jo bewegte sich einen Schritt zur Seite, um den Pianisten zu sehen, der von der Sängerin verdeckt war.

Martin! Er schien ganz versunken in sein Spiel, warf ab und zu einen Blick in die Noten und auf die Sängerin. Nach dem Lied gab es Applaus und Martin griff nach einem Glas, das neben den Noten stand, und nahm einen tiefen Zug von der goldigen Flüssigkeit – Kräutertee? Er schwankte bedenklich, als er seinen Kopf in den Nacken legte. Entweder war er ein lausiger Pianist – oder betrunken. Lotte raunte ihm etwas zu, er hantierte umständlich in den Noten, dann spielte er atonal an.

„Ich träumte von bunten Blumen“, stimmte Lotte den Frühlingstraum an, ein weiteres Lied aus der Winterreise.

„Unsere Lotte ist solch ein Schatz, sie lässt sich nicht lange bitten“, sagte eine Dame mit Doppelkinn neben Jo, „als vor einigen Wochen Maria Jeritza hier war, hat sie es trotz eindringlicher Bitten abgelehnt, für uns zu singen.“

„Ja, genau“, flüsterte eine andere Frau, „die Jeritza hat sich damit entschuldigt, dass sie nur singen könne, wenn sie zuvor fünf Stunden lang nichts gegessen habe, sonst bekomme sie Sodbrennen beim Singen.“

„Dabei hatte die Jeritza hier keinen einzigen Happen gegessen“, sagte die dicke Dame geradezu empört, „sondern sich den ganzen Abend über an ihrem Glas Ananassaft festgehalten – eine Diät für ihre schlanke Bühnenfigur.“

„Lotte Lehmann ist eine Frau, mit der man Pferde stehlen kann“, sagte Karl. „mit Maria Jeritza geht man Pferde kaufen. Aber nur solche, die einen Stammbaum haben.“

Die umstehenden nickten und applaudierten umso stürmischer für die bodenständige Lotte.

Lotte sang Zueignung und Morgen mit viel Wärme und Gefühl in der Stimme. Das Spiel von Martin allerdings wurde immer unsicherer. Selbst für ein ungeübtes Ohr musste hörbar sein, dass er sich in den Tönen vergriff und ständig Tempo und Dynamik wechselte – mal aufbrausend, dann wieder abschwellend bis schleppend – was beim Liedgesang gar nicht passte. Lotte ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Jo wurde es immer heißer und sie spürte, wie ein Rinnsal von Schweiß zwischen ihren flach gedrückten schmerzenden Brüsten hinab rann. Sie zupfte an ihrem Halstuch und sah sich im Raum nach einem Ausweg um. Dann fiel ihr ein, was sie tun konnte.

Sie ging in der nächsten Gesangspause entschlossen zum Piano und setzte sich einfach neben Martin auf den Schemel und drängte ihn beiseite.

„Es wäre mir eine Ehre, wenn ich Sie auch einmal begleiten dürfte“, sagte sie. Lotte schaute sie erstaunt an, dann glitt ein dankbares Lächeln über ihr Gesicht und sie zwinkerte Jo zu. Martin blieb neben ihr sitzen – der Mann verstand wirklich keinen Wink mit dem Zaunpfahl – und schmiegte sich auch noch an ihre Seite, sein Kopf lag fast auf ihrer Schulter. Sie presste ihm ihren spitzen Ellbogen in die Rippen, was aber nur ein Schnauben seinerseits hervorrief. Also begleitete sie Lotte bei zwei weiteren Strauss-Liedern. Ihre geübten Pianistinnenfinger flogen mühelos über die Tasten. Währenddessen zog die Hitze von Martins Körper in sie hinein und der unverkennbare Geruch von Alkohol. Ihre Handinnenflächen würden feucht und sogar ihre Fingerspitzen, die einige Male von den schmalen schwarzen Tasten abrutschten und die Halbtöne atemlos klingen ließen. An diesem Abend würde sie für ihr Spiel sicher keinen Preis gewinnen – aber für eine solide Liedbegleitung reichte es. Endlich beendete Lotte ihr Salon-Konzert. Der Raum leerte sich.

„Ich rufe Ihnen ein Taxi“, sagte Jo und stand brüsk auf, Martin kippte fast zur Seite, erwischte sie aber mit seiner Hand an der Hüfte und versuchte, sie wieder zu sich heran zu ziehen.

„Aber nur, wenn du mit mir nach Hause kommst“, murmelte er mit schwerer Zunge.

„Ja, das mache ich“, sagte sie und ging ein Telefon suchen. Natürlich würde sie ihn vor seiner Haustür abliefern und keinesfalls in sein Bett begleiten. Dorothy kam ihr zur Hilfe und tätigte den Anruf.

„That’s not the first time – das ist nicht das erste Mal“, lachte sie. Jo fragte sich, ob sie damit betrunkene Gäste im Allgemeinen oder Martin Breuer im Besonderen meinte.

Als sie wieder ins Musikzimmer kam, war Martin deutlich belebter. Er hatte eine Kaffeetasse in der Hand und scherzte mit den beiden Tänzerinnen, die ihm die Mappe mit ihren freizügigen Fotos zeigten. Eine von ihnen lag vertraulich an seine Schulter gelehnt und fuhr mit ihrem Zeigefinger über sein lockiges Brusthaar, das zwischen seinem halb aufgeknöpften Hemd hervorschaute. Er grinste deppert und seine Zähne blitzten auf. Dann flüsterte er der Tänzerin etwas ins Ohr und sie kicherte aufreizend.

„Das Taxi ist gleich vor der Tür. Die Nachtluft wird Ihren Kopf hoffentlich abkühlen“, sagte Jo und kam sich wie eine Gouvernante vor. Einfach albern. Warum kümmerte sie sich überhaupt um diesen Mistkerl? Sollte er sich doch vor allen Leuten lächerlich machen, das war doch nicht ihr Problem!

Martin stand mit Mühe auf und schenkte auch ihr sein Don- Juan-Lächeln.

„Meine süße Sittenwächterin“, murmelte er. Sie legte ihm den Finger auf den Mund und zog ihn wütend hinter sich her. Im Flur blieb er vor den Hirschgeweihen stehen und tat so, als würde er eine Flinte anlegen.

„Pchhhowww“, machte er, „Weidmannsheil – Weidmansdank“, und er tippte sich mit der Hand an den Kopf zum Jägergruß.

„Volltreffer“, sagte Jo, „hier geht es hinaus“, und sie zog die Haustür auf.

„Mein Hut“, er zog einige Hüte von den Geweihen und hätte beinahe eines mit von der Wand gerissen. Jo kam ihm zur Hilfe und reckte sich nach dem Hut, auf den er zeigte. Plötzlich umarmte er sie von hinten und küsste ihren Hals und seine Hände öffneten erstaunlich geschickt ihren obersten Blusenknopf und fuhren von ihrem Schlüsselbein herunter auf ihre Brust, wobei seine Finger sich von oben in ihr Korsett drängten.

„Mein schö-scheunes Reh“, hauchte er heiser in ihr Ohr.

Sie boxte ihm mit ihrem Ellbogen in den weichen Bauch, wand sich aus seiner Umarmung und gab ihm eine schallende Ohrfeige. Hektisch flogen ihre Blicke durch den Flur – hatte jemand sie gesehen? Karl und noch jemand steckten ihre Köpfe aus der Bibliothek, offenbar durch das klatschende Geräusch aufmerksam geworden. Jo machte am Absatz kehrt und rannte zur Tür hinaus. Auf dem Gartenweg knöpfte sie mit zitternden Händen ihre Bluse wieder zu. Im Tunnel blieb sie stehen und holte tief Luft, ließ die kühle Nachtluft über ihre heißen Wangen streichen. Sie lehnte sich an die Wand, als eine Welle von Schwindel über sie hinweg rollte. Dann hob sich ihr Magen und sie kotzte in den Rinnstein. Der Eintopf hatte sich optisch nicht sehr verändert.

Sie hörte Rufe „macht’s gut“ und „bis bald“ und Lachen an der Haustür und knirschende Schritte auf dem Gartenweg und das Quietschen vom Mauertörchen. Hastig trippelte sie über das Kopfsteinpflaster aus dem Tunnel zur Straße, die menschenleer vor ihr lag. Sie wollte niemandem mehr begegnen, also ging sie im dunklen Hauseingang in Deckung.

Da leuchteten zwei Scheinwerfer in der Dunkelheit auf und um die Ecke bog das für Martin bestellte Taxi und näherte sich. Sie wollte gerade hervortreten, als zwei Gestalten aus dem Tunnel auftauchten – Martin mit seinem Arm um die Tänzerin gelegt, halb auf sie gestützt, hutlos, lachend. Die Tänzerin winkte dem Taxi, das am Bordstein stehen blieb. Zwei schöne Beine stöckelten neben einem Hinkebein, stiegen ins Auto und verschwanden in der Nacht.

Wie gefällt euch diese Szene? Ich freue mich sehr über Feedback.

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6 Antworten auf „Schlussakkord für meinen Wien-Roman“

  1. Liebe Ulrike,
    ich bin ganz begeistert von der Salon Szene! Das stimmungsvolle Ambiente hatte ich beim Lesen lebhaft vor Augen. Viele originelle und humorvolle Details (z. B. die Apothekertasche mit dem Likör :-)). Die schillernden Charaktere führen gewitzte Gespräche, die Dinge aus der Opernwelt und die Diskussion über die Rolle der Frau sind ungezwungen eingeflochten. Und die Protagonistin Johanna wird als echter Mensch lebendig: vielschichtig, eigensinnig und höchst sympathisch. Ich habe diesen Abend intensiv durch ihre Augen miterlebt und war gefesselt von dem Geschehen. An einigen Stellen habe ich geschmunzelt. Und Martin Breuer mit seinem heißblütigen und unberechenbaren Temperament ist wirklich eine “süße Versuchung” und eine Gefahr für die Gefühlswelt so mancher Frau…

    Ich freue mich schon sehr darauf, als Testleserin den gesamten Roman zu entdecken!

    Deinen täglichen Schreibprozess kenne ich ja bereits (aus unseren Telefonaten etc.), Hut ab vor deiner Kreativität und Disziplin! Hier im Blog-Eintrag erzählst du dies sehr unterhaltsam. Über das ekelige Kuchenstück statt erträumter Sachertorte habe ich mich amüsiert.

    Ich finde auch deine pointierte Zusammenfassung der Romanhandlung in den Akten sehr gut geschrieben, das kannst du im Exposé für deine Agentin und Verlage so ähnlich machen.
    Ich finde nach wie vor, dass dies ein starker Stoff ist, der auch aktuell relevant ist, mit viel Zeit- und Lokalkolorit.
    Wenn du erstmal die Hürde hinüber zur Veröffentlichung geschafft hast, werden die Leserinnen und Leser – insbesondere die mit Operninteresse (für diese gebildete und lesefreudige Zielgruppe hast du ja viel Insider-Wissen und glamouröse Anekdoten eingearbeitet) sich riesig an dem Roman erfreuen (und auch am Happy End :-)). Auch für Leute ohne Klassik-Vorwissen bietet der Roman attraktive Unterhaltung und einen Einblick in eine neue Welt.

    Viele liebe Grüße
    Dorit

    1. Vielen Dank liebe Dorit! 🙂 Er freut mich sehr, dass du die Salon-Szene stimmungsvoll und die Figuren interessant findest. Ich habe versucht, diesen gesellschaftlichen Treffpunkt mit vielen Facetten zu zeigen – Austausch auf hohem intellektuellen Niveau (die Eliten haben sich dort getroffen), aber ohne dozierend zu wirken – und auch leicht exzentrische Künstler-Typen vorkommen zu lassen, insgesamt eine Atmosphäre von Toleranz, aber auch Klatsch und Tratsch finden ihren Raum. Besonders freut es mich, dass Jo und Martin lebendig rüber kommen und ihre amouröse Spannung spürbar wird.

  2. Liebe Ulrike,
    wow, wunderbar, ohnegleichen, Wien …
    Ich spüre deine Leideschaft für die Oper und wundere mich daher überhaupt nicht, dass du dich mit DIESER Geschichte mit deinen eigenen, gefundenen SchreibZeiten freigeschrieben hast. Deine Zeilen ziehen mich von Beginn an in die Geschichte und jede Leseprobe hat Lust auf mehr gemacht. Es freut mich, dass es wieder eine Frau als Hauptfigur ist, die sich ihren Weg auf ihre ganz eigene Weise erkämpft. Es ist die Geschichte einer mutigen Frau, die uns gleichzeitig die Zeit der 20er Jahre nahe bringt.
    Meinen Glückwunsch, der von Herzen kommt und diesem Buch gönne ich ebenso einen schönen Platz mit Aussicht im Regal einer Buchhandlung.
    Herzliche Grüße,
    Sabine

    1. Vielen Dank liebe Sabine! Ich hoffe, meine Begeisterungen für die Musik und die Figuren überträgt sich auch auf die Leserinnen (aber zuerst auf die Agentin und einen Verlag, die ja leider skeptisch bei Musik-Themen sind). Ich freue mich sehr über deine ermutigenden Worte. 🙂

  3. Liebe Ulrike,
    zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zur Fertigstellung Deines Romans. Auch die Salon-Szene nimmt mich sofort mit in diese Zeit und in die Welt von Jo. Es ist nicht nur die Geschichte um die Musik, die mich fasziniert, sondern auch die Geschichte um den Kampf, den Jo ausfechten muss, um die Liebe zu dieser Musik so ausleben zu können. Gegen ein Happy-End für Jo habe ich nichts, im Gegenteil. Ich hoffe, das Buch bald in einem Buchladen erwerben und dem Buchhändler stolz verkünden zu können: “Ich kenne die Autorin persönlich.” Ich drücke ganz fest die Daumen, dass das bald klappt!
    Liebe Grüße
    Anne

    1. Vielen Dank liebe Anne! Es freut mich, dass die Salonszene dich in die Wiener Welt der 1920er mitnimmt und du an Jos Kampf um ihren Musik-Traum Anteil nimmst. 🙂 Bis mein Roman (je) gedruckt im Regal einer Buchhandlung steht, fließt wohl noch viel Wasser die Donau hinab. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.

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