Blogparade: „It was a dark and stormy night…“ – Schreiben mit Snoopy

Zufällig bin ich in der „Kulturzeit“ auf Snoopy von den Peanuts gestoßen – in diesem Porträt der kultigen amerikanischen Comic-Serie von Charles M. Schulz ist mir dieser liebenswert-entspannte Hund begegnet, der am liebsten auf dem Rücken auf seiner Hundehütte liegt. Und er hat eine große Leidenschaft: Er schreibt! Allerdings teilt er das Schicksal unzähliger Schriftsteller*innen – seine Texte sind unveröffentlicht und der große Durchbruch lässt auf sich warten. Trotzdem verfolgt er sein großes Ziel, einen Roman zu schreiben, unermüdlich über die Jahre. Sein (Misserfolgs-) Geheimnis: Er beginnt jeden seiner Texte mit dem Eingangssatz:

It was a dark and stormy night.“ – „Es war eine dunkle und stürmische Nacht.“

Snoopys Karriere als „world famous author“ beginnt am 12. Juli 1965, als er eine Schreibmaschine auf das Dach seiner Hundehütte stellt und eifrig lostippt. Seine Texte gibt er seinen Freunden Lucy und Linus zu lesen, die ihm gute Tipps geben, wie er seine Geschichten verbessern kann – allerdings ist Snoopy ein ziemlich unbelehrbarer Autor.

So kritisiert Linus (der Junge mit der Schmusedecke) einmal, dass alle Geschichten mit dessen Lieblingssatz: „It was a dark and stormy night“ beginnen.

Snoopy beweist daraufhin seine schriftstellerische Flexibilität und beginnt den nächsten Text so:

„It was a stormy and dark night.“

Als Lucy ihm vorschlägt, seinen Geschichten mit „Once upon a time“ (Es war einmal) einen märchenhafteren Einstieg zu geben, schreibt Snoopy:

„Once upon a time it was a dark and stormy night.“

Als Snoopy zum Muttertag einen Brief an seine Mutter schreibt, lautet er so:

„Dear Mom, I remember when I was born. It was a dark and stormy night.“

Weitere Variationen seines geliebten Eingangssatzes sind:

„It was a dark and stormy noon“ (Es war ein dunkler und stürmischer Mittag)

und „He was a dark and stormy knight“ (Er war ein dunkler und stürmischer Ritter).

Diese schriftstellerische Beharrlichkeit amüsiert mich sehr und ich habe mich inspiriert gefühlt, Snoopys Lieblingssatz auch einmal selbst auszuprobieren.

Ich würde mich sehr freuen, wenn auch ihr Lust bekommen habt, einen Text mit dem kultigen Eingangssatz von Snoopy zu schreiben. Ihr könnt natürlich auch die Variationen (Mittag oder Ritter) aufgreifen. Der Text darf ruhig kurz sein, Prosa und Lyrik, gerne auch Wörter-Collagen und alles, was euch sonst noch einfällt – jede Stilart und jedes Genre sind willkommen.

Ich bin gespannt auf eure Beiträge. Die Blogparade läuft bis zum 30. November 2020.

Wer keinen eigenen Blog hat, kann ihren/seinen Text auch in den Kommentar posten oder mir per Mail senden, ich füge ihn dann gerne in diesen Blogbeitrag ein.

Hier ist nun mein dunkler und stürmischer Text – den ich in einem spontanen Freewriting niedergeschrieben und danach noch sprachlich hier und da überarbeitet habe:

Es war eine dunkle und stürmische Nacht. Dunkel war die Nacht. Und stürmisch. Der Sturm peitschte tote Blätter über den glänzenden Asphalt. Ihre Schritte waren unhörbar. Schritte auf hohen Hacken über welkes Laub. Das welke Laub eines warmen Oktobertages, der sich in einem Regenguss ausschüttete, als die Dunkelheit kam. Eine unvollständige Dunkelheit. Lichtkugeln schwebten auf ihren Stelzen über dem Asphalt wie Leuchttürme, die der Suchenden den Weg wiesen. Aber sie suchte nicht nach Erleuchtung, denn sie kannte den Weg. Vom Bahnhof zu ihrer Wohnung waren es 631 Schritte, wenn sie um den Park herum ging. Der Sturm zerrte an ihrem Regenschirm, warme Regentropfen liefen ihre Wangen hinab wie Tränen. Wenn sie durch den Park hindurch ginge, wäre sie gleich vor ihrer Haustür. Nur 99 Schritte, vorbei an der Tischtennisplatte und den zwei Schaukeln. Die Tischtennisplatte war ein See. In seiner gekräuselten Oberfläche spiegelte sich der zuckende Mond. Eine der Schaukeln schwang auf und ab im Rhythmus des Windes. Die andere Schaukel hing unbeweglich nach unten. Eine schwarze Masse machte sie schwer gegen den Wind. Die schwarze Masse war eine Gestalt. Die Gestalt hatte ein Gesicht, das im Glimmen einer Zigarette kurz aufleuchtete. Sie sah das Glimmen in ihrem Augenwinkel. Sie beschleunigte ihre Schritte. Ihre hohen Hacken klangen dumpf auf den glitschigen Herbstblättern. Sie drehte den Kopf zur Schaukel. Ihre Augen suchten nach dem roten Glimmen der Zigarette. Ein Aufglimmen wie das Auge eines Drachens. Der Drache war aufgestanden – es kam in ihre Richtung, hinter ihr her. Sie sollte rennen. Zur Haustür rennen, in die Sicherheit des Lichtkegels über den Briefkästen. Sie lief. Ihre Finger fischten in der Handtasche nach dem Haustürschlüssel. Sie hörte das Schnaufen ihres Verfolgers hinter sich, dicht an ihrem rechten Ohr. Sie rutschte, sie stürzte, sie schlug auf. Ihre Knie und ihre Ellbogen prallten auf den modrigen Asphalt und ein greller Schmerz strahlte durch ihren Körper. Sie schrie. So leise. Sie spürte einen festen Griff unter ihren Achseln. Sie wurde hochgehoben wie eine Puppe. Ihr wurde schwindelig. Verschwommen war die Gestalt im schwarzen Regenmantel, die Kapuze tauchte das Gesicht in ihren Schatten. Ein rotes Glimmen markierte den Mund. Tabakrauch stieg ihr beißend in die Nase. Sie bekam keine Luft mehr. Sie riss ihren Mund auf für Atemluft und für einen Schrei. Kalte Luft im Hals und Stille. Der Schatten wendete sich ab – und verschwand. Sie schritt wie auf Gummibeinen zur Haustür, ein zittriger Schlüssel fand das Schloss. Die Tür öffnete und schloss sich. Draußen blieb die Nacht alleine. Dunkel und stürmisch.

Hier läuft die Parade weiter…

Im folgenden Text von Fabiennne treibt der Sturm einen erschöpften Stadtwanderer vom Weg ab in einen verwunschenen Garten:

Es war eine dunkle und stürmische Nacht. Der Wind heulte um die Häuser, zerrte mit aller Gewalt an den Blättern der Bäume und trieb Regen mit sich her. Ludwig kämpfte sich durch das raue Wetter. Er ging gerade an einem schon lange unbewohnten Grundstück entlang. Es war nicht mehr weit bis zum Haus. Den Mantelkragen hochgeschlagen, die Schultern angezogen, versuchte er dem eisigen Wind zu trotzen. Er befand sich auf dem Rückweg von der Arbeit und war dementsprechend müde. Die Brust und der Rücken schmerzten vom ausharrenden angespannten Sitzen. Die Serverprobleme zu lösen, hatten ihn viel Zeit gekostet, aber am Ende lief das System wieder reibungslos. Untertags verlor er endlose Zeit an diese künstliche Welt, die alle Bereiche des Lebens zu beherrschen begann und jetzt sah er sich dem lebendigen Wetter ausgesetzt. Er wäre doch lieber vorm PC sitzen geblieben, denn die Stürme dort konnte er bewältigen, den hier draußen nicht. Ihm wurde kalt und das Stechen in der Brust nahm zu.

Der Wind heulte auf, ein vielfaches Rauschen erfüllte um ihn herum die Luft und doch war da noch ein feines anderes Geräusch. Ludwig blieb stehen und lauschte. Nichts außer dem Heulen der zornig anmutenden Windböen, war zu hören. Er ging ein paar Schritte weiter und vernahm wieder dieses andere Geräusch. Es kam irgendwie von dem unbewohnten Grundstück her. Das Grundstück war von einer hohen Hecke aus Thujas umgeben, die schon lange nicht mehr geschnitten worden waren. Wie bedrohliche Wächter ragten sie in den stürmischen Himmel auf. Ludwig ging an der Hecke vor und zurück. Selbst das Gartentor schien von den Thujas eingenommen zu sein. Er drückte die Torklinke, das Tor gab nach und durch einen schmalen Spalt konnte er vorsichtig zwischen den Thujas hindurch spähen. Auf dem Bürgersteig hatten die Straßenlaternen ein mattes Licht gegeben, der Garten jedoch lag in völligem Dunkel vor ihm. Wieder hörte er das Geräusch. Es schien aus der Mitte des Grundstücks zu kommen, dort wo das verfallene Haus stehen musste.

Ludwig quetschte sich durch die Thujas hindurch, die ihn fernzuhalten trachteten. Dann stand er im Garten. Wo eben noch stürmische Nacht geherrscht hatte, umfing ihn jetzt Windstille. Er machte ein paar Schritte von der Hecke weg in das Grundstück hinein. Sanftes Mondlicht erfüllte den Garten auf dieser Seite der Thujahecke. Seine Augen gewöhnten sich schnell an die Situation.

Vorsichtig schritt er voran, verwundert über diesen Wandel in den Naturgewalten. Das Rauschen des Windes war von Ferne zu hören, aber hier im Garten fühlte es sich friedlich an. Ludwig blieb stehen, lauschte, ob er das Geräusch wieder vernahm.

Das alte verfallene Gebäude sah er nicht, das Grundstück war wohl doch größer wie angenommen, dachte er. Stattdessen blickte er auf die glitzernde Oberfläche eines kleinen Teiches. Der war ihm bei Tageslicht noch nie aufgefallen. Aber vielleicht hatten die hohen Thujas ihn auch nur verborgen, den Blicken entzogen. Er sah wie ein Waschbär ins Gebüsch davon schlich.

Ludwig setzte sich an das Wasser, einen Augenblick lang wollte er die unwirkliche Stimmung, die über dem Teich lag, genießen. Vielleicht war er auch einfach zu müde, um wach zu bleiben, aber er merkte, wie eine bleierne Müdigkeit ihm die Augen immer wieder zuzog. An einen Baumstamm gelehnt, gab er dem Einschlafen nach, ein paar Minuten nur, dachte er, dann würde er heimgehen und sich zu Hause in das gemütliche Bett legen. Das Stechen in der Brust wurde besser, von Ferne hörte er noch ein gewaltiges Krachen. Dann wurde es dunkel um ihn herum.

Zwei Tage später stand in der Stadtzeitung: Mann erlitt während des schweren Unwetters einen Herzinfarkt und wurde von umfallender Thuja erschlagen.

Im Text von Caroline aus Berlin, von der Schule des Schreibens, weht der Wind von ganz woanders her:

It was a dark an stormy night, fegt die dunkle Stimme einer bekannten Blues Sängerin durch das Studio.
Melanies lockig frisierten Haare wehen in der Luftströmung einer Windmaschine. Ihr Mund ist trocken, das laszive Lächeln eingetrocknet. Nur noch gehalten von Schichten Make up, die der Maskenbildner Bruno in immer kürzeren Abständen auf ihrem Gesicht verteilt.
In der überdimensionalen Parfümflasche in ihrem Rücken pulsiert im Takt des Werbeliedes Licht in den verschiedensten Farben.
„Und….Cut,” Ronald Frings erhebt sich aus seinem Regiestuhl und reckt sich.
„Leute, es hat sich ausgestürmt für heute. Mir langts erstmal.”
Melanie sackt in sich zusammen „Und mir erst. Nach diesem Set rühre ich nie wieder Parfüm an.”

In Bettinas Text löst die “dunkle und stürmische Nacht” bei der schreibblockierten Schriftstellerin Lucy zunächst nur Widerwillen aus, aber die sonnige Natur um ihre Hütte lässt sie dann doch in einen Schreibfluss kommen, aber was heiter anfängt, kann ja noch stürmisch werden…

In Sabine B‘s Text navigiert die Protagonistin im schwarzen Regencape wie ein bretonischer Leuchtturm ohne Licht, dafür aber mit Brokkoli und Knoblauch in den Taschen, durch das nasse Verkehrsgedränge und würde viel lieber mit dem Hound of Baskerville Gassi gehen und sich von Watson ein Süppchen kochen lassen. Ob sie der dunklen und stürmischen Nacht entkommen kann?

In Heddas Text kommt die Heldin vier Mal an einem Filmplakat mit den Worten “It was a dark and stormy night” vorbei und jedes Mal schlägt das Unglück zu. Womit hat sie diesen Fluch wohl verdient?

Im lyrischen Text von Sabine H erhält die Protagonistin einen geheimnisvollen Brief, der sie vor die Entscheidung stellt, zu bleiben oder zu gehen. Wird die dunkle und stürmische Nacht ihr ein Zeichen geben?

Im Text von Anne ist Elsa in einer dunklen und stürmischen Nacht unterwegs zum Sterbebett ihres Vaters, als ein umgestürzter Baum ihre Fahrt abrupt zum Halt bringt und sie Brünhilde am Straßenrand antrifft – was diese beiden Frauen wohl verbindet?

Im Text von Sonja macht eine Italienerin im Sauerland Rast auf einem Autohof. Ihr kriminalistischer Instinkt wird geweckt, als sie einen heruntergekommenen Lastwagen sieht, mit dem etwas nicht stimmt. Was wird sie entdecken?

Der Text von Dorit nimmt euch mit in eine Fantasy-Welt: Ein dunkler Ritter galoppiert in stürmischer Nacht einer Verwandlung entgegen. Welches Geheimnis verbirgt er unter seiner Rüstung?

Emilia (11 Jahre) nimmt uns in ihrem Text “Die Königin” mit in ein Geisterschloss, in dem die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen. Ihre Erzählung könnt ihr euch im folgenden Audio anhören:

Susanne taucht in ihrem Text in eine Kindheitserinnerung an der Nordsee ein: Der Sturm treibt die Flut auf die Deiche, Menschen schleppen Sandsäcke, derweil sitzt das kleine Mädchen in der warmen Küche und isst mit ihrer Mutter gebratene Leber mit Apfelscheiben bei Kerzenschein.

Im Text von RobAug wird das niederländische Städchen Nijmegen von einer mysteriöse Bedrohung in Atem gehalten, die mit dem Verbot von Licht und Farben bekämpft werden soll. Nur der Lampenanzünder und Nachtwächter Henk Vaneerden darf Licht in die Dunkelheit bringen. Aber was passiert, wenn der Sturm kommt?

Wir sehen uns in Nijmegen

Henk Vaneerden war der Lampenanzünder und Nachtwächter in vierter Generation. Und das in nur einhundert Jahren. Mit diesem Beruf wurde man nicht alt. Seine Aufgaben waren aber andere als bei dem Urgroßvater. Es waren viel mehr geworden. Denn in den Katakomben der Gefängnisse von Amsterdam war überall das Graffiti eingeritzt worden: „‚Wij zien ons in Nijmegen.“ Der Magistraat von Nijmegen hatte reagiert. Die Schlagläden vor allen Fenstern der Stadt mussten entfernt werden. Türen durften nicht mehr verschlossen werden. Vom Eintreten der Dunkelheit bis Sonnenaufgang war Licht in den Wohnungen verboten. Die Prediger in den Kirchen riefen von den Kanzeln: “Gott straft die Heimlichen. Die ewige Seligkeit erwartet den, der nichts zu verbergen hat.”
Henk ging von Lampe zu Lampe durch die stillen Straßen und hielt den Anzünder an die Gaslaternen. Mit seinem Knüppel schlug er die Kinder, die noch auf der Straße spielten, und gegen die Fenster, hinter denen er Licht schimmern sah. Der Magistraat hatte die rote Farbe aus den Nächten der Stadt verbannt. Nur Schwarz und Weiß waren erlaubt. Alle Farben waren verdächtig. Henk schrieb in der Zeit zwischen seinen Rundgängen die Namen von denen auf, die sich durch Farben, durch Reden im Dunklen, durch Herumtreiben in den Gassen verdächtig gemacht hatten.
Es war seine letzte Nacht. Nur noch wenige Straßen waren mit Gas beleuchtet. Sonst überall verbreiteten die elektrischen Lampen ihr kaltes Licht. Henk hatte davor gewarnt. So helles Licht erzeugt dunklen Schatten. In den Häusern machten die Menschen die Nacht zum Tag.
Henk hatte keine Geldsorgen. Seine Vorväter konnten ihr Geld nie ausgeben in den Nächten und an den Tagen, an denen sie schliefen.
Ein gewaltiger Sturm, ein Orkan, raste über die Nordsee auf das Land zu. Niemand wagte sich aus den Häusern. Eine schwarze Gestalt lag auf dem Boden unter dem Strommasten zwischen dem E-Werk und der Stadt. Das Geräusch des Sägens wurde von dem Heulen des Sturms verzehrt. Dann riss der Sturm den Masten um. Nijmegen verschwand in der Schwärze der Nacht. Henk tastete mit sicherem Fuß – gegen den Sturm taumelnd – zu seinem Haus.

Frank Radziwill – Pinakothek der Moderne (München)
Print Friendly, PDF & Email
Please follow and like us:
error

23 Antworten auf „Blogparade: „It was a dark and stormy night…“ – Schreiben mit Snoopy“

  1. Liebe Ulrike,
    was für eine tolle Idee, mal mit Snoopy zu schreiben … Ich freue mich auf die kommenden Texte und finde du hast einen verdammt würdigen Anfangstext geschrieben …
    Liebe Grüße aus einer *dark and stormy night*,
    Sabine

  2. Hi Ulrike,
    ich muss gestehen, dass ich die Welt von Snoopy und Charlie Brown nur schemenhaft kenne – umso interessanter, dass ich Snoopy nun als eigensinnigen Schriftsteller kennenlerne. 🙂 Ich finde den ewigen ersten Satz seiner Story eigentlich ganz vielversprechend. Du hast dich damit jedenfalls nicht “in eine Sackgasse hineingeschrieben” (wie es Snoopy immer geht: “I may have written myself into a corner” :-)).
    Ich finde deine Kurzgeschichte mit Gothic-Touch sehr spannend und dicht, du hast die Atmosphäre der dark and stormy night kreativ aufgegriffen.
    Für deine Blogparade ist das ein toller Schreibimpuls. Bin gespannt auf die Beiträge! Vielleicht küsst die Muse ja sogar mich…
    LG Dorit

    1. Vielen Dank liebe Dorit! Genau wie bei dir hat Lucky Luke meine Comic-Welt geprägt und die Peanuts sind fast vollständig an mir vorbeigegangen. Umso schöner diese späte Entdeckung. Ich freue mich, dass dir meine Gothic-Interpretation der “dark and stormy night” gefällt. Lass doch den Wind deine Finger über die Tastatur treiben – bin gespannt auf einen Text von dir! 🙂

  3. In einer dunklen, stürmischen Nacht…

    “In einer dunklen, stürmischen Nacht…”, gähnend legte sie das Buch gleich nach diesen einführenden Worten beiseite. Das kann doch nicht ihr Ernst sein, solch eine Lektüre zu empfehlen für ein Retreat in der abgelegenen Hütte des Großvaters, wo sie zu sich kommen, sich sammeln und inspirieren lassen wollte. Sie hatte wohl Sallys Literaturgeschmack überschätzt.

    Irritiert schaute sie aus dem niedrigen Fenster des Blockhäuschens. Alles Fiktion. Die Sonne zwinkerte geradezu herausfordernd durch Buchen- und Weidenblätter auf sie herab. Der See lag still, ein Teppich aus moosgrünem Samt. Von wegen “stürmische Nacht”.

    Schließlich war sie ja auch der Stadt entflohen, um diesen nächtlichen Windhunden aus den Diskos und Clubs zu entkommen. Viel zu sehr lenkten die sie ab von dem Eigentlichen. Von dem Wesentlichen. Von ihrem Projekt. Durch diesen Roman kommst du vielleicht auf andere Gedanken, hatte Sally, die Pragmatische, angeregt und ihr viel Erfolg gewünscht beim Abschied.

    Der Band war dick. 1200 Seiten schwer. Deshalb hatte sie nur ihn eingesteckt und auf eine Ausweichlektüre verzichtet. Schöne Scheiße. Nun saß sie da in dieser – zugegebenermaßen idyllischen – Anglerhütte weitab von jeder Zivilisation und hatte nichts anderes zu lesen als “In einer dunklen, stürmischen Nacht…” Sowas Abgegriffenes. Sie schnürte ihre Stiefel und ging ärgerlich murrend vor die Tür. Eine Zumutung.

    Unter den Buchen, sollst du es suchen, brummelte sie und stapfte los – irgendwie wütend, aber entschlossen, es hier anzupacken, und setzte gleich noch eins drauf: Wo wir uns fi-hin-den, wohl unter Li-hi-nden… Immer noch besser als” In einer dunklen, stürmischen Nacht…”, kommentierte sie in Gedanken.

    Ging es nicht überhaupt in diesen Tagen genau darum? Ums Suchen und ums Finden. Langsam verflog ihr Ärger und wich einer unbestimmten Neugier. Sie begab sich auf die Suche. Je intensiver sie wahrnahm, umso ruhiger wurde sie und freier. Ihre Gedanken kreisten nicht mehr, sondern flossen gefällig dahin. Wie von selbst baute sich ein Plot auf. Sie sammelte Eindrücke, spitzte die Ohren, nahm kleinste Details auf, ließ sich volllaufen und sprühte vor Ideen.

    Als sie am Spätnachmittag zurück in die Hütte kam, zündete sie mit einem Kaminholz die Lampe an, setzte sich auf das durchgesessene, bordeauxrote Sofa und öffnete ihre bisher unbeschriebene Kladde, die sie schon an so viele Orte begleitet hatte. Die Schreibblockade hatte sich endlich gelöst, war weggeweht von diesem fast schmerzhaft banalem Romananfang von “einer dunklen, stürmischen Nacht…” Lucie setze die Feder aufs Papier und schrieb: An einem sonnigen, windstillen Morgen im Mai …, schrieb bis spät in die Nacht hinein, tief versunken in ihre Romanwelt.
    Plötzlich drückte eine heftige Sturmbö das Fenster auf, hielt auf die Flamme der Petroleumlampe zu und löschte sie aus. Es war sehr, sehr dunkel und der Sturm zauste an Lucies Haar.

    ********
    Hi, hi. Vielen Dank für den Impuls. Hat viel Spaß gemacht 🙂
    LG Bettina

    1. Liebe Bettina, vielen Dank für deinen spannenden und humorvollen Text, der wunderbar auf der Metaebene mit dem Schreibimpuls spielt und die Fiktion der dunklen und stürmischen Nacht auf mystische Weise in die Wirklichkeit einbrechen lässt. Der Romananfang: “An einem sonnigen, windstillen Morgen im Mai” ist auch super – das solltest du Snoopy unbedingt einmal vorschlagen. 🙂

    1. Vielen Dank liebe Sabine für diesen stimmungsvollen Text. Mir gefällt deine poetische Interpretation sehr! Die Nacht verbirgt auch ein Geheimnis vor mir – nämlich, was in dem Brief steht. Aber die Düsternis im Innern der Heldin löst sich auf und sie kann sich zu einem Aufbruch entscheiden, der mir wie eine Befreiung vorkommt.

  4. Liebe Ulrike,

    hier kommt nun noch ein Text meiner Freundin Sabine B. zur Blogparade. Viel Spaß beim Lesen !!

    It was a dark and stormy night…
    Klingt wie „der Zug ist abgefahren“. Für eine Sekunde taucht eine zerknautschte Miss Marple auf, mit spitzen Fingern ein Teetässchen haltend…na, etwas Arsen gefällig?
    Ich komm dann mit Spitzenhäubchen vorbei und führe den Hound of Baskerville Gassi. Watson wird mir zuhause ein Süppchen kochen, wenn der Köter endlich alle Gaslaternen der schummrigen Straße angepinkelt hat.
    Es dauernieselt und mein Atem sendet Dampfwolken im trüben Laternenlicht. Ich habe mein langes schwarzes Regencape übergeworfen, das mit den Quietschgeräuschen und dem riesigen Pelerinekragen. Als glänzende Triefsäule wanke ich durch die Nacht.
    Ein bretonischer Leuchtturm ohne Licht, taps, taps. Sturm wo bist du?
    It was dark and stormy, erinnerst du dich?
    Irgendwie klappt das mit der Szenerie nicht so ganz.
    Jetzt mal ehrlich …so ein richtig fieser Herbsttag, es regnet unaufhörlich,
    der ganze Tag schon in Grau gehüllt und jetzt einfach nur noch dunkel und nass.
    Nette Autofahrer nehmen die Pfützen im Eiltempo, Splash, sowas hält keine Papiertüte aus.
    Ich habe die Henkel in der Hand, das gute Obst und Gemüse auf dem Asphalt.
    Gelb, Weiß und Grün auf schwarzglänzender Nässe.
    Schnell, rüber, der Bus! Ich hatte noch nie einen Brokkoli in meiner Jackentasche, jetzt ja. Links Zitronen und Knoblauch, die Äpfel verteilt zwischen Buch, Taschentüchern, Handcreme, Fahrkarte, Portemonnaie und et cetera…was Frau so alles mitschleppt, ohne es zu bemerken.
    Der Bus ist voll, alle gut durchnässt da Drinnen. Aus der linken Jackentasche müffelt der feuchte Knoblauch.
    Ich stehe mitten im Sardinenschwarm. Wären wir alle in Olivenöl getaucht, würde sich die Fahrt wohl geschmeidiger gestalten. So fliegen wir im abendlichen Verkehr nur ständig durcheinander, Halt suchend aber keinen findend, abruptes Bremsen oder hartes Anfahren, endlos.
    Jetzt aber…“Hallo, Entschuldigung, ich muss hier raus.“ Ohne Öl komm ich nur schwerlich durch die plötzlich starre Masse. Der Brokkoli eckt an, hängt irgendwo fest…schnell, bevor die Türen wieder schließen!
    Platsch! Wunderbar, direkt in eine tiefe Wasserlache. Ein Ausstieg der Extraklasse. Es regnet immer noch. Ich kämpfe mich durch Schirmgeschütze und Pfützen. Ich finde Schirme sollten nur in Regenbogenfarben existieren, dieses Dauergrau ist kaum zu ertragen.
    Splish splash I am having a bath…gleich, gleich bin ich zuhause!
    Wind kommt auf, kalt ist er und der Regen ist nun überall ….brrr
    Wer schreitet so spät durch Regen und Wind? Ich bin es, ohne Kind – aber mit Zitronen und Knoblauch. Mit letzter Kraft erreiche ich Haus und Hof, der Brokkoli ist verloren. Watson ist nicht da. Kein Süppchen, kein Tässchen, kein Feuer im Kamin….
    Eine Zentralheizung, es ist sofort wunderbar warm, eine heiße Zitrone, geröstetes Brot mit frischer Knoblauchbutter, ein duftender Apfel, dicke Socken, ein gutes Buch.
    Der Hound ist ein kleiner schnurrender eingerollter Kater in der Sofaecke…
    Gegen die Scheiben peitscht der Regen…
    It will be a dark and stormy night
    And I will be inside.

    1. Vielen Dank liebe Sabine für deinen humorvollen Wörterschmaus! Auf dieser Regen-Odysse im schwarzen Cape mit Brokkoli und Knoblauch in der Tasche und Krimi im Kopf war ich gerne mit dabei.
      Danke liebe Hedda, dass du deine Freundin zur Blogparade animiert und ihren Text mit uns geteilt hast. 🙂

  5. Liebe Ulrike,
    danke für diese inspirierende Idee. Ich musste an unseren Dozenten im Modul “Romanwerkstatt” denken, der sich über die Autoren mokierte, die ihre Protagonisten zu Beginn eines Romans gern an eine Fensterscheibe stellen und sinnend hinausblicken lassen. Genauso haben Birte und ich unsere kulinarische Familienkrimigeschichte in der Normandie gestartet. Geschadet hat es unserem Buch nicht, Wenn mir da Snoopys Schreibleidenschaft mit dem Hang zu dem immer gleichen Eingangssatz präsent gewesen wäre, hätte ich Herrn Kaminski den Satz gern entgegengehalten. So ist er nun eine Steilvorlage für eine Geschichte, die sich beim Schreiben ergab und die mir viel Spaß gemacht und manches Grinsen ins Gesicht gezaubert hat. Danke Dir dafür, danke auch für Deine Geschichte und alle anderen Geschichten rund um diesen Satz.
    Hier findet ihr meine Geschichte https://wordpress.com/view/frankfurterschreiblust.wordpress.com
    Viel Spaß und herzliche Grüße
    Anne

    1. Vielen Dank liebe Anne für diesen tollen Beitrag zu meiner Blogparade! 🙂
      Ich tauche völlig ein in diese regnerische und stürmische Nacht im Auto mit Elsa, dem Tod entgegen, dann der Baum quer über der Straße und die unheimlich verhüllte Gestalt mit Hund – die sich dann so überraschend nicht als Walküre, aber immerhin als Brünhilde entpuppt. Schön, dass auch Snoopy einen Rolle bekommen hat. Ich möchte zu gerne wissen, wie es mit den Töchtern des ewig sterbenden Wagnerianers weiter geht.

  6. Hallo Ulrike, mit deiner coolen Idee hast du in einer dunklen und stürmischen Nacht bei mir zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Ich hatte echt viel Spaß und habe einen Anfang für das diesjährige NaNoWriMo …
    Jetzt warte ich aber echt auf den 01. November, um endlich weiterschreiben zu können.
    Gruß, Sonja

    1. Vielen Dank liebe Sonja für diese stimmungsvolle und unheimliche Geschichte! 🙂 Wer verbirgt sich wohl im Innern des maroden Lastwagens? Eine Leiche womöglich? Das ist jedenfalls ein toller Einstieg in deinen Krimi.
      Ich wünsche dir viel Erfolg beim NaNoWriMo – ich mache auch wieder mit und habe schon ziemlichen Bammel vor diesem Kraftakt – aber wenn man es schafft, sich jeden Tag zum Schreiben zu bringen, gibt es ja auch ein schönes Belohnungsgefühl.

  7. Liebe Ulrike, liebe Mitschreibende und Mitlesende,
    ich habe mich von Snoopys Romananfang in der Ritter-Variante “He was a dark and stormy knight” inspirieren lassen und ein kurze Fantasy-Geschichte über einen Ritter in stürmischer Nacht geschrieben. Welchem Schicksal er wohl entgegen reitet?
    Danke, Ulrike, fürs Einstellen des Textes als Gastbeitrag auf deinem Blog: http://www.ulrikearabella.de/gastbeitrag-dorit-ritter/
    Ich hoffe, das Lesen ist unterhaltsam. 🙂
    Viele Grüße
    Dorit
    PS: Ich finde es toll, was für unterschiedliche, faszinierende Texte hier in der Blogparade zu lesen sind.

    1. Vielen Dank liebe Dorit für deine gefühlvolle Rittergeschichte! 🙂 Die Verwandlung des jungen Mannes, der seine Rüstung abstreift, um seine wahre Gestalt und Identität zu finden, erinnert mich an die Metamorphose von der Raupe zum Schmetterling.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.